Skip to main content

Full text of "Archiv Fuer Reformationsgeschichte Vol 9"

See other formats








Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



<467 


Difitized by 


Go <gle 


Original frorn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 





Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



t 


ARCHIV 

FÜR 




TEXTE UND UNTERSUCHUNGEN. 


In Verbindung 

mit dem Verein für Reformationsgeschichte 
herausgegeben Ton 

D. Walter Friedensburg. 


IX. Jahrgang. 1911/12. 


•oQo- 


Leipzig 

Verlag von M. Heinsius Nachfolger 
1912. 


bv Google 


Original frorn 

UNIVERSSTY OF MICHIGAN 




Digitized by Go ugle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




Inhaltsverzeichnis. 


Seite 


Fr. Roth, Dr., Professor in München, Sylvester Raid, der 
Brand-, Proviant- and spätere Rentmeister des Mark¬ 
grafen Albrecht Alcibiades von Brandenburg-Kolm¬ 
bach, and Georg Fröhlich, der Verfasser der „Historia 
belli Schmalcaldici“. 

O. Clemen, D. Dr., Professor in Zwickau, Briefe von 

Antonius Musa an Fürst Georg von Anhalt 1544—1547 
W. Köhler, D., Universitätsprofessor in Zürich, Brentiana 
and andere Reformator» I, II. . . . S. 79—84; 

P. Kalkoff, Dr., Professor in Breslau, Die von Cajetan 

verfaßte Ablaßdekretale und seine Verhandlungen 
mit dem Kurfürsten von Sachsen in Weimar, den 28. 

und 29. Mai 1519. 

Fr. Roth, Zur Lebensgeschichte des Augsburger Form¬ 
schneiders David Denecker and seines Freundes, des 
Dichters Martin Schrot.. 

G. Berbig, Dr., Pfarrer in Neastadt-Koburg (f), Ein Streit¬ 

fall zwischen einem Koburger Bürger and einem 

Kaplan 1550 ... 

B. Willkomm, Lic., Universitätsbibliothekar in Jena, Bei¬ 
träge zur Reformationsgeschichte aus Drucken und 
Handschriften der Universitätsbibliothek in Jena I, n 

S. 240—262; 

W. Friedensburg, D. Dr., Universitätsprofessor a. D., 
Archivdirektor in Stettin, Aas den Zeiten des Interim 

H. Böhmer, D., Universitätsprofessor in Marburg i. H., 

Karlstadt in Tirol?. 

0. Clemen, Georg Motschidler, ein neaentdeckter Flug¬ 
schriftenverfasser . 

J. Kva&ala, Dr., Universitätsprofessor in Dorpat, Wilhelm 

Postell. Seine Geistesart und seine Reformgedanken I 

K. Pallas, Pastor in Herzberg-Elster, Der Reformations¬ 

versuch des Gabriel Didymus in Eilenburg and seine 

Folgen 1522—1525 I . 

Mitteilungen: W. Friedensbarg, Zar ersten Festsetzung 
der Jesuiten in Bayern 1548 bis 1549 S. 85—89. — 
G. Bossert, D., Pfarrer a. D. in Stuttgart, Zur Vor¬ 
geschichte des Reichstags in Augsburg S. 280. 

Aus Zeitschriften S. 172—183; 363-377. — 
Neuerscheinungen S. 89—92; 183—188 ; 280—283; 
378—380. — Bibliographie S. 284. 


1—22 

23-78 

93—141 

142—171 

189—230 

231—239 

331-346 

263—273 

274—276 

277—279 

285—330 

347—362 


Digitized by 


Gck igle 


402705 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 












Digitized by 





Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




Digitized by Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



TEXTE UND UNTERSUCHUNGEN. 


ln Verbindung 

mit dem Verein für Reformationsgeschicbte 
herausgegeben von 

D. Walter Friedensburg. 


Nr. 33. 

9 . Jahrgang. Heft 1 . 




Leipzig 

Verlag von M. Heinsius Nachfolger 
1912 . 


bv Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Sylvester Raid, der Brand-, Proviant- 
und spätere Rentmeister des Markgrafen 
Albrecht Alcibiades von Brandenburg-Kulm- 
bach, und Georg Fröhlich, der Verfasser 
der „Historia belli Schmalcaldici“ 


Friedrich Roth. 


Briefe von Antonius Musa an Fürst Georg 
von Anhalt 1544—1547 


Otto Gemen. 


Brentiana und andere Reformatoria 

von 

Walther Köhler. 


Mitteilungen 

(W. F. f Zur ersten Festsetzung der Jesuiten in Bayern 1548—1549. 

— Neu-Erscheinungen). 


oQo - 


Leipzig 

Verlag von M. Heinsius Nachfolger 
1912 . 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSSTY OF MICHIGAN 



Difitized by 


Go igle 


Original fro-m 

UNI’ ERS1TY OF MICHIGAN 



Sylvester Raid, der Brand-, Proviant- und 
spätere Rentmeister des Markgrafen 
Albrecht Alcibiades von Brandenburg- 
Kulmbach, und Georg Frölich, der Ver¬ 
fasser der „Historia belli Sclimalcaldici“. 

Von Friedrich Roth. 

Unter den Geschichtswerken Uber den Scbmalkaldisehen 
Krieg, die uns von gleichzeitigen Schriftstellern überliefert 
sind, waren es von jeher zwei, die besondere Beachtnng 
fanden, nämlich das des kaiserlichen Kammerherrn Louis de 
Avila, der als des Kaisers „anderes Selbst“ die Ereignisse 
„aus dessen Sinn und Gedankenwelt heraus“ betrachtet und 
beschreibt, und das für uns hier in betracht kommende 
eines Anonymus, gedruckt im III. Bande der von Mencken 
herausgegebenen Scriptores rerum Germanicarum, das 
in der Auffassung des Ganzen wie in der Darstellung der 
Einzelheiten den entgegengesetzten Standpunkt einnimmt, 
heftig gegen Avila polemisiert und ursprünglich keinem 
Geringeren zugeschrieben wurde als Sebastian Schertlin 
von Burtenbach. Später jedoch kam man zu der Er¬ 
kenntnis, daß dies ein Irrtum sei, und gab sich viele Mühe, 
den Schleier, der Uber dem Anonymus lag, zu heben. 
Es wurde dargetan, daß der Verfasser dieser Historia kein 
Kriegmann sondern ein Jurist und politischer Geschäfts- 
mannn gewesen sein müsse, der Schertlin als Mensch 
und in seiner Berufsstellung sehr nahe gestanden, während 
des Krieges, wenigstens bei gewissen Episoden, in dessen 
Umgebung geweilt habe und wie dieser ein Opfer des 
kaiserlichen Sieges geworden sei. Es deutet ferner, wie 
man nachwies, alles darauf hin, daß er „mit der Stadt 

Archiv für Reformationageschichte. IX. 1. 1 


Digitizetf by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Digitized by 


2 £ 

Augsburg in engem Zusammenhang, mit den Zuständen 
derselben und allem, was dort geschah, besonders vertraut 
war“. Als sich Georg Voigt in seiner bekannten Ab¬ 
handlung Die Geschichtschreibung Uber den 
Schmalkaldischen Krieg 1 ) nach den Männern um¬ 
sah, bei denen diese Voraussetzungen zutreffen, kam er zu 
dem Ergebnis, daß das meiste auf den seit 1536 in 
Augsburg als Syndicus, dann als Stadtschreiber tätigen 
Georg Frölich passen wurde und alles in Ordnung 
wäre, wenn nicht ein einziges, freilich „höchst wichtige» 
Indicium“ im Wege stünde, nämlich der Umstand, daß der 
Stadtschreiber anscheinend während des ganzen Kriege» 
Augsburg nicht verlassen habe. Und nun kam Voigt 
bei der weiteren Suche nach dem Autor, an dem Stadtarzt 
Gereon Sailer 8 ) vorübergehend, auf Dr. Nikolaus 
Meier 8 ), der, seit Ende 1544 als Advokat in den Diensten 
der Augsburger stehend, in den nächsten Jahren eine 
ebenso eifrige als tiefgreifende Wirksamkeit für die Interessen 
seiner „Herren“ und des Schmalkaldischen Bundes entfaltete. 
Voigt stellte nun mit großer Umsicht und Geschicklichkeit 
alle Punkte zusammen, die diese Annahme begründen könnten, 
aber seine Ausführungen entbehrten trotzdem der über¬ 
zeugenden Beweiskraft und wurden später durch mehrere 
von andern Forschern beigebracbte Argumente erschüttert. 
Noch weniger vermochte Druffel durchzudringeu, der in 
der Einleitung zu seiner Ausgabe des V i g 1 i u s sehen 
Tagebuches 4 ) wahrscheinlich zu machen suchte, daß 
der Verfasser unserer Historia in dem bekannten Neu¬ 
burger Rentmeister Gabriel Arnold zu suchen sei. 
Bo kam es, daß Lenz in einem Excurs zum dritten Bande 

*) In den Abhdlg. der philol. hist. CI. der K. Sachs. Gesellschaft 
der W., Bd. VI (Leipzig 1874) S. 729ff. — Vgl. Lorenz „Beiträge 
zur Kritik der Geschichtschreibung über den Schmalkaldischen Krieg“ 
(Königsb. Dies., 1876) S. 22 ff. 

2 ) Auf ihn hat zuerzt aufmerksam gemacht Bommel, Philipp 
der Großmütige, Bd. II, S. 483. 

*) Voigt, S. 738ff. — S. über Meiers Tätigkeit in Augsburg Roth, 
Augsburgs Ref.-Gesch., Bd. III (München 1907) S. 224ff. und Reg. 

4 )Viglius von Zwichem, Tagebuch des Schmalkaldischen 
Donaukrieges (München, 1877). 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



3 


3 


des von ihm publicierten Briefwechsels Landgraf 
Philipps des Großmütigen von Hessen mit 
Bucer (Leipzig 1891 S. 527ff.) anf Frölich znrtlckgreift, 
aber doch za keinem sicheren Schlosse kommt, weil aach er 
annimmt, daß der Autor des Baches bei dem berühmten Ritte 
Schertlins von Lauingen nach Augsbürg 1 ) doch wohl 
an dessen Seite gewesen sein müßte, was aber nicht nar nicht 
nachgewiesen werden kann, sondern durch einen Blick in die 
von Frölich in dieser Zeit geschriebenen Briefe und 
Zettel (in der Literaliensammlung des Augs¬ 
burger Stadtarchivs) geradezu widerlegt wird. So 
blieb die Frage auch jetzt noch offen und wurde noch 
einmal gründlich erörtert von Radlkofer in seiner 1900 
erschienenen Biographie Frölichs 2 ). Er sucht zu er¬ 
weisen, daß sich die Schwierigkeiten, die von seinen Vor¬ 
gängern gegen die Autorschaft Frölichs erhoben wurden, 
ohne besonderen Zwang heben lassen, und bringt noch ver¬ 
schiedene neue Gründe bei, die die Annahme, daß die in 
Rede stehende Historia doch von Frölich herrühre, 
unterstützen sollen. Gewißheit vermochte aber auch Radl¬ 
kofer nicht zu schaffen. Bald darauf machte uns L e i d i n g e r 
in seiner Ausgabe der Werke des Andreas von 
Regensburg 8 ) mit einem bis dahin noch unbekannten 
Werk Frölichs bekannt, nämlich mit einer Übersetzung 
der von AndreasvonRegensburg verfaßten Historia 
de Principibus Bavarornm; daraus konnte man 
sehen, daß Frölich sich ernsthaft mit historischen 
Arbeiten beschäftigte, und es wuchs damit die Wahr¬ 
scheinlichkeit, daß er auch die Historia belli Schmal- 
caldici geschrieben habe. Trotzdem mußte der Verfasser 
dieser Zeilen, der im 111. Bande seiner Reformations- 
geschichte Augsburgs Veranlassung hatte, diese Frage 
flüchtig zu streifen, bekennen, daß er aus mehreren von 


l ) Am 12. Oktober 1546. 

0 „Leben und Schriften des Georg Frölich, Stadtschreibers in 
Augsburg von 1537—48“, in der Zeitschr. des hist Ver. für Schwaben 
u. Nbg., Jahrgang 1900, S. 93ff. 

*) Andreas von Regensburg, Sämtliche Werke (München 1903), 
Einleitung S. LXXXXVIII, CIH. 

1 * 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



4 


4 


Digitized by 


ihm aiigedeuteten Gründen nicht annehmen könne, daß 
Frölich wirklich der gesuchte Anonymus sei, und er 
sprach dabei die Ansicht aus, daß weitere Klärung der 
Sache nur von einem zufälligen Funde zu erhoffen sei. 

Ein solcher wurde nun von ihm gemacht, und zwar in 
den Urgichten des Sylvester Raid, die in der 
Urgichten-Sammlung des Augsburger Stadt- 
Archivs aufbewahrt sind. Wer ist Sylvester RaidV 
Den Kennern der oberdeutschen Reformationsgeschichte wird 
er nicht ganz unbekannt sein, da er sowohl bei der Refor¬ 
mation der Stadt Donauwörth als bei den kriegerischen 
Unternehmungen des Markgrafen Albrecht Alci- 
b i a d e s öfter genannt wird. Er entstammte einer an¬ 
gesehenen, in Augsburg ansässigen Familie und findet sich 
in den städtischen Büchern unter 1535 als Notar, dann als 
Spitalschreiber, aus welcher Stellung er am 26. Januar 1538 
entlassen wurde*). Eine von ihm damals an den Rat gestellte 
Bitte, ihn als Syndicus aufzunehmen, fand kein Gehör, und 
so mußte er froh sein, daß er als solcher bei den Fuggern 
ein Unterkommen fand 2 ). Nebenbei betätigte er sich als 
hervorragender Freund und Kenner der Musik. Als er im 
Jahre 1539 — wohl im Aufträge der Fugger — in Ge¬ 
schäftsangelegenheiten zu dem Herzog Albrecht von 
Preussen reisen mußte und dabei von dessen Vorliebe 
für kirchliche Musik hörte, nahm er die Gelegenheit wahr, 
ihm das eigene hohe Interesse an dieser „hehren Kunst“ zu 
erkennen zu geben, was freundlich aufgenommen wurde. 
Nach seiner Heimkehr sandte Raid dem Herzog einige 
geistliche Gesänge, worauf ihm dieser eine Anzahl von Ton¬ 
dichtungen seines aus Augsburg stammenden „Componisten“ 
Hans Kugelmann übermitteln und ihn ersuchen ließ, 
sie in den Druck zu geben. Natürlich beeilte sich Raid, 
diesem Wunsche nachzukommen 3 ), und zwar mit Hilfe des 


") „Dreizehner Protokolle“ des Jahres (im Augsb. Stadt-Archiv) S. 9. 

2 ) Voigt, Blicke in das kunst- und gewerbliche Leben der 
fieichsstadt Nürnberg (Berlin 1862) S. 43; Denkmäler der deutschen 
Tonkunst, Band V, 1. Lieferung (Leipzig 1904) von Sandberger S. LI. 

3 ) Vier Bändchen für Tenor, Discant, Altus et Vagans, Bassus. Der 
Haupttitel in dem Bändchen für Tenor: Tenor / Concentus novi/trium vo- 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



5 


i) 


in der Musikgeschichte Augsburgs wohl bekannten „Stadt- 


cam/ecclesiarum usui in Prussia precipue accomodati/Joanne Kugel- 
mano, tnbicinae Symphoniarnm authore. / News Gesanng, mit dreyen 
stymmen / den Kirchen vn Schalen za natz, newlich in Preassen / darch 
Joannem Kugelman Gesetzt. / Item etliche Stuck, mit Acht, Sechs, Fünf 
vnd Vier Stymmen hinzn gethan. / Getruckt zu Augspurg, durch Melcher 
Krießstein. Am Ende: Augustae Vindelicorum / Melchior Kriesstein Excu- 
debat. Die Vorrede ßaids und der Lobspruch Frölichs findet sich in 
dem Bändchen für Altus et Vagans. Titel und kurze Beschreibung des 
Werkes bei Tschackert, Urkundenbuch zur Reformationsgeschichte 
des Herzogtums Preassen (in den Publicationen aus den k. preuß. 
Staatsarchiven), Bd. II, (Leipzig 1890), S. 407 Num. 1278. Ausführlichere 
Beschreibungen bei Wackernagel, Bibliogr. des deutschen Kirchen¬ 
liedes im XVI. Jhdt. (1855) S. 167 und bei Döring, Zur Gesch. der 
Musik in Preußen (Elbing 1852) S. 20ff. — Raid sandte von dem 
Werke 820 Exemplare an den Herzog (Tschackert, II, S. 418, 
Num. 1298). Der Brief, in dem Raid von dem Herzog um die Druck¬ 
legung der Kugelmannschen Gesänge ersucht worden war (22. Jan. 
1540), ebenda S. 395, Num. 1234. — Eine kurze Inhaltsangabe der 
Vorrede Raids ebenda S. 404, Num 1279. Wir wollen diese Vorrede, 
da der Druck sehr selten und es von Interesse ist, Raid auch als 
Liebhaber der Musik genauer kennen zu lernen, hier vollständig mitteilen: 

Genediger Herr. Als ich des verganngen Neünvnddreissigisten 
Jars bey Ewm Fürstlichen gnaden Botschafftweiß vnnderthenigklich 
erschinen, Haben sich Ewr f. g. meinem Herrn vnd beuelchgeber zu 
besondern gnaden nit allain mit gnediger anhörung meiner vnder- 
thenigen Werbung vn fürbringen, Sonndern auch in der hauptsach an 
jr selbs so gnedig vnd willfärig erzaigt, das ich mich desselben bey 
menigklich von Ewr f. g. nit gnftg zu berümen weiß, zügeschweigen, 
was Christlichen Eifers zfi der Euangelischen warhait, was Fürstlichen, 
aufrechten gemfits, Recht, gerechtigkait vn billichhait züftirdern vnd zu 
handthaben gegen menigklich, ich bey Ewr f. g. gespürt, vnd bevorab 
gegen meiner (wiewol vnansehnlichen person) würklich vnd vnder 
anderm auch mit vnderthenigen frewdeu vernommen hab, das Ewr f. 
g. zü der lustbaren vnd hertzbiegenden wolgeordenten Music besondere 
naigung vnd begird tregt, in sonnderhait aber, wann dieselb zum lob 
vnd preiß des allmechtigen himlischen vaters gericht würdt. Dem¬ 
selben nach vnd dieweil Ewr f. g. genedigklich von mir begert, jr 
etwann mein Schreiben zükommen zülassen, ist ervolgt, das ich Ewr 
f. g. neben vndertheniger züsendung etlicher newen, meins erachtens 
in dem löblichen Ewr f. g. Fürstenthümb Preü9sen hieuor vnbekannten 
Ges&nngen vnderthenigklich meinem geringen verstandt nach geschriben: 
Darauf! auch Ewr f. g. mir widerumb genedigklich züschreiben lassen, 
das Sy mein Brief, zügeschickte Gesanng genedigklich empfangen, vnd 
Tbersendten mir dagegen etliche, durch meinen lieben Herrn vnnd Landts- 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



6 


6 


Digitized by 


pfeifers“ Sigmund Salminger 1 ), eines ehemaligen 
Wiedertäufers, und Georg Frölichs, mit dem er als 
politischer Gesinnungsgenosse schon seit längerer Zeit eng 
befreundet war. Er bewog Frölich, das Werk durch 
eine literarische Beigabe zu bereichern, und so entsand dessen 
herrlicher Sermon „Vom Preiß, Lob und Nutz- 
barkeitderMusic a“. 2 ), der rasch Verbreitung fand und 

mann, Ewr f. g. Musicü Hannsen Kugelman, gemachte Tria vnd 
Gesanng mit genedigem begeren, dieselben ordenlich, fleissig vnd souil 
müglich mit aigentlicher vnndersetzung der Text Trucken zulassen. 
Welchs ich uff gönstigklich zulassen der Erenuesten, fürsichtigen vnd 
weisen meiner gepietenden Herren vnnd Christlichen Obern, Bürger- 
maister vnd Bäte der löblichen Beichs Statt Augspurg, nit minder 
willig, begirig vnd gern als auß schuldigem gehorsam vnderthenigklich 
gethan: Dartzü mix* ander der edlen Musica liebhaber, beuor aber mein 
lieber herr vnd freünd Sigmund Salminger, diser fürtreffenlichen 
kunst Lermaister allhie, der, Ewr f. g. ynd gemainer Music begingen 
zu Eren vnd vnnderthenigem gefallen, etlich mer geistliche Gesanng 
hinzü gethan hat, hoch beholffen gewest: Gleicher gestalt vnd zu 
merer außbraitung derselben ist auch mein besondergönstiger, lieber 
Herr vn fründ Georg Frölich, Stattschreiber zu Augspurg, be¬ 
wegt worden, nachuolgenden Lobbrief vber die Musica in geraain 
zümachen. Sende also Ewr. f. g. solch Werk hiemit vnnderthenigklich 
zü, desselbigen nit allain ain herrlicher, statlicher verthädinger zu sein, 
Sonnder auch mit gnaden von mir vnd anndem dazüfürdernden güt- 
hertzigen Mannen mit gnaden an vnd für gut zünemen vnnd mich, 
auch dieselben in jr Fürstlich gnad befohlen zühaben. Der allmechtig 
Got gerüch Ewr f. g. lang leben, glückliche Begierung vn wolfart 
zü seiner götlichen Ere vnd des nächsten hail langwirig zufristen vn 
erhalten. Amen. 

Geben zü Augspurg am XXI. tag des Herbstmonats nach 
Christi gepurt M. D vnnd XL. 

E. F. G. 

vnndertheniger 

Syluester Raid, Burger zu Augspurg. 

Siehe über ihn: Denkmäler der Tonkunst (Sandberger) J. c. 
S. XLVI; Badlkofer, Jakob Dachser u. Sigmund Salminger in den 
Beitr. zur Bayr. Kirchen-Gesch., VI S. lff.; Roth, Augsb. Bef.-Gesch. I, 
II, III, Begister; Both, Zur Gesch. der Wiedertäufer in Oberschwaben 
in der Zeitschr. des hist. Ver. f. Schw. u. Nbg. (Augsburg 1901), Begister. 

2 ) Sandberger, 1. c. XLVII. — Frölichs Lobspruch erschien 
auch in mehreren Einzeldrucken. Im Auszug mitgeteilt von Winter¬ 
feld, Zur Gesch. heiliger Tonkunst, II, S. 278 und bei Tschackert, 
1. (*. S. 408, Nura. 1280. Neudruck von Friedr. Jac. Bevschlag. 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



7 


in unserer Zeit wieder „nach Würden hervorgezogen 
wurde“ *). 

Erwarb sich Raid au! diese Weise bei Herzog A1 b r e c h t 
hohe Gunst, so geriet er, wie die Ratsdekrete und Straf¬ 
bücher bezeugen, wegen einiger Streithändel, die er anfing, 
mit der einheimischen Obrigkeit mehrmals in Konflikt, und im 
Jahre 1543 wurde ihm auf Beschluß des Rates auch wegen uu- 
gebührlichen Auftretens vor Gericht „ein gutes Kapitel ge¬ 
lesen“ 2 ). Am 31. Juli 1548 erhielt er, nachdem er aus den 
Diensten der Fugger ausgeschieden, auf sein Ansuchen die 
später mehrmals erneuerte Erlaubnis, ein Jahr außerhalb 
der Stadt zu wohnen 8 ), und begab sich nach Donauwörth, 
wo er nach einiger Zeit Stadtschreiber wurde. Im nächsten 
Jahre lud ihn der Rat der Stadt Augsburg als seine recht- 
mäßige Obrigkeit vor Gericht 4 ), weil er dort Hildesheimer 
Kreuzer, die nur fünf Heller wert waren, in großer Menge 
als vollwertig in Umlauf gebracht hatte. Raid wurde während 
der Untersuchung gefangen gesetzt, nach Feststellung seines 
Vergehens um einhundertundzwanzig Gulden gestraft und 
nur gegen eine schimpfliche Urfehde ausgelassen. Ein von ihm 
im Jahre 1553 unternommener Versuch, vom Rate die Zurück¬ 
gabe dieses Schriftstückes zu erwirken 5 ), hatte keinen Erfolg 6 ). 

*) Lenz bezeichnet in seinem Briefwechsel Landgraf Philipps 
von Hessen mit Bucer, III S. 530 diesen Lobspruch „wohl als das 
Geistreichste und Poesievollste, was wir von seiner — Frölichs — 
Hand besitzen 41 . 

2 ) ßatödekret des Jahres (Augsb. St.-Arch.), 1. Februar. 

®) Steuerbuch 1548 (ebenda). Raid mußte, dem Brauche nach, 
drei Nachsteuern entrichten pro 1548, 49, 50 und bezahlte dreimal 
5 fl 10 er 1 d, war also nicht unvermöglich. 

4 ) Die Geheimen von Augsburg an Sylvester Raid, 8. Juli 1549 
(Urgichten-Sammlung des Augsb. St.-Archivs). 

6 ) Raid an Stadtpfleger, Bürgermeister und Rat von Augsburg, 
25. April 1553 (ebenda). Er sagt in diesem Schriftstück unter anderem 
zu seiner Entschuldigung: Möchte man mir Vorhalten, „daß ich züvil 
nutz und gewin an den kreutzern gesucht, so trueg ich sorg, daß die 
gefengknussen zu Augspurg. Ulm und Nuermberg vil zu eng wurden 
sein, die all gefangen zfi legen, die zwölf, fünfzehen guldin, ja vil 
ain mehrers an gold und silber von hundert guldin haben und ge¬ 
winnen, und wurde mit der geringen sum der barmhertzigen (= erbärm¬ 
lichen) kreutzer mein wol vergessen“. 

6 ) Stadtpfleger und Ratgeben an Raid, 29. April 1553 (ebenda). 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



8 


8 


Digitized by 


Schon im Jahr vorher (1552) hatte Raid sein Stadtschreiber¬ 
amt verloren, als in Donauwörth der Rat, der ihn an¬ 
gestellt, am 2. Febrnar einem anf Befehl des Kaisers von 
Heinrich Hase eingesetzten neuen Magistrat weichen 
mußte 1 ). 

Als sich Raid Gelegenheit bot, bei Beginn des Fttrsteu- 
krieges in die Dienste des Markgrafen Albrecht zu treten, 
griff er mit beiden Händen zu und wurde über Nacht aus 
dem mnsikalischen Schreiber ein Kriegsmann. Es gelang 
ihm, in kürzester Zeit das Vertrauen seines neuen Herrn in 
so hohem Maße zu gewinnen, daß er das verantwortungsvolle 
Amt eines Brand- und Proviantmeisters erhielt, mit ver¬ 
schiedenen wichtigen Missionen betraut wurde und im Lager 
zu Frankfurt im Namen Albrechts alle einlaufenden Briefe, 
die nicht an einen der verbündeten Fürsten gerichtet waren, 
zu öffnen hatte 2 ). Raid war ein eifriger Protestant und 
stellte sich nun an die Spitze der evangelischen Partei in 
Donauwörth, um dort (Ende März 1552) im Einverständnis 
mit den Fürsten und mit ihrer Unterstützung den alten Rat 
wieder herzustellen und die Zurückberufnng der veijagten 
Prädikanten zu betreiben 3 ); und das gleiche tat er im Auf¬ 
träge des Markgrafen auch in Dinkelsbühl 4 ) und wohl 
noch an anderen Orten. Als der Krieg beendet war, erschien 
er in den letzten Tagen des Jahres vor dem unterdessen 
wieder eingesetzten Hase sehen Rate, verlangte von 
diesem in trotzigen Worten unter Hinweis auf den Aus¬ 
söhnungsartikel des Passauer Vertrages die Freigabe 
seiner Habe, die der Kaiser mit Beschlag hatte belegen 
lassen 6 ), und gebärdete sich im Vertrauen auf den Rück¬ 
halt, den er bei dem Markgrafen hatte, in Donauwörth 

*) S. hierzu Stieve, „Die Einführung der Ref. in der Reichsstadt 
Donauwörth“ in den Sitzungs-Ber. (hist. CI.) der bayr. Akad. d. W., 
München 1884 S. 424ff. u. 427 mit Anm. 1. 

*) Chr. Tiefstetter an die Geh. von Augsburg, 28. Juli 1052 
(Literaliensammlung im Augsb. St.-Arch.). 

3 ) Stieve, 1. c. S. 429. 

4 ) Fürstenwerth, Die Verfassungsänderungen in den ober¬ 
deutschen Reichsstädten zur Zeit Karls V. (Göttinger Diss. 1893) S. 74 
und 75. 

5 ) Stieve, 1. c. S. 445. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



9 


9 


auch sonst so trotzig, daß sich der Bat vor ihm za fürchten 
begann. Man war hier, nach Ansicht Raids ohne jede Not, 
wieder zam Interim zurückgekehrt, and er drang nnn darauf, 
es abzntun. Schon am 2. Januar 1553 setzte er im Namen der 
von ihm in Erregung gebrachten evangelischen Mehrheit der 
Bevölkerung beim Rate durch, daß dem evangelischen Gottes¬ 
dienst wenigstens in einer Nebenkirche wieder Raum ge¬ 
geben wurde; am 27. Januar nötigte er seine „Herren“, 
einen vom Pfalzgrafen Ottheinrich gesandten Prädikanten 
aufzunehmen und ihm die Pfarrkirche der Stadt zu öffnen 1 .) 
So wurde Raid der Wiederhersteller des Protestantismus 
in Donauwörth. Etwas vorher war er — jetzt als mark¬ 
gräflicher Rentmeister bezeichnet — für den Markgrafen tätig 
gewesen, indem er neben Wilhelm von Stein als dessen 
Bevollmächtigter mit dem Herzog von Alba und dem 
Bischof von Arras (im Herbste 1552) die Verhandlungen 
geführt, die den bekannten zwischen dem Kaiser und Al brecht 
abgeschlossenen Vertrag vom 24. Oktober zur Folge hatten 2 ). 
„Der von Arras“, der Raid dabei näher kennen lernte, fand 
so großen Gefallen an ihm, daß er zu aller Verwunderung für ihn 
ein Patent fertigen ließ, auf das hin er für den Kaiser Geld 
aufbringen sollte 8 ). 

Im Jahre 1554 begab sich Raid als Gesandter des 
Markgrafen mehrmals an den Hof des Königs Heinrich H. 
von Frankreich, worüber er selbst berichten mag 4 ). 

Er sagt: „Er sei zum dritten mal aus und ein in 
Frankreich wegen seines herrn, des marggraven, postiert, 
das erste mal hab der könig von Frankreich den 
herrn von S. Lorentzen, ein abbt, so des kunigs am- 
bassador in Schweitz gewesen, zu dem marggrafen, wie 
derselb in Sachsen geschlagen, mit ainer capitulation ab¬ 
gefertigt, mit diesem bevelch: er solle dieselb capitulation 
dem marggrafen überantworten und alsdann von wegen des 


») Stieve, 1. c. S. 446, 449. 

2 ) S. hierzu Voigt, Markgraf Albrecht Alcibiades von Branden¬ 
burg-Calmbach, Bd. H, (Berlin 1852) S. 3. 

*) Zasius an König Ferdinand, Augsburg, 20. Febr. 1553 in 
Druffel, Briefe und Akten zur Gesch. d. XVI. Jhdts., Bd. IV 
Nr. 47 S. 44. 

4 ) In einer seiner Urgichten. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



10 


10 


Digitized by 


kunigs begern, daß der marggraf seine gesandten gen 
Schaffhansen welle abfertigen, daselbst wurden des 
kunigs verordnete auch sein, die sollten dieser capitulation 
halben schließlich handlen 1 ). die capitulationsarticel, so 
Friderich Spät anstatt des marggrafen mit dem kunig 
von Frankreich abgeredt, sind die gewesen, daß der 
marggraf den hertzogen vonAmal umb 100000 cronen 
soll ledig geben, und daß der marggraf sich in des kunigs 
von Frankreich dienst und puntnis geben soll; so welle 
ime der kunig auf 3000 pferdt und 40 vendl knecht monatlich 
30000 cronen geben, und mit solchem volck soll der marg¬ 
graf auf das Niderland ziehen, daselbs welle der kunig 
mit seinem häufen zu im stoßen, es welle auch der kunig 
mittl furnemen, damit der marggraf mit seinen widerwertigen 
vertragen werde 2 ).“ 

„Darauf hab marggraf dem Raiden ein instruction, mit 
Ziffern gescbriben, zägestellt, die niemands denn marggraf 
und Raid lesen können, ungeferlich des inhalts 8 ), daß der 
marggraf den hertzogen von Amali gegen erlegung 
von 100000 cronen welle ledig geben, er, der marggraf, kilndt 
sich aber umb ein so geringe suma gelts nit bestellen lassen; 
welle in aber der kunig halten, wie er hertzogen Moritzen 
im 52. jar gehalten hab, welcher ungeferlich auf 60 vendl 
knecht und 400 reuter monatlich 72 m cronen gehabt, so 
well sich der marggraf mit dem kunig einlassen, doch daß 
der kunig dem marggrafen vergun, solch kriegsvolk zuvor 
wider seine veindt zu gebrauchen, darauf ist Raid mit 
obgemelter instruction zü dem ersten mal in Frankreich 
geritten und sein Werbung vor dem kunig in teutscher sprach 
forbracht, in beisein seines und des kunigs von Frankreich 
dolmetsch 4 ), darauf ime der kunig persönlich geantwurt 
und durch des kunigs dolmetschen ime verdeutscht worden.“ 

„Zu dem andern mal, wie Raid in Frankreich postiert, 
hab er den Franzosen, den Amali, mit ime gefiert und dem 
kunig presentiert 5 ).“ 


') S. hierzu Ernst, Briefwechsel des Herzogs Christoph von 
Württemberg, Bd. II, (Stuttg. 1900) Nr. 493 S. 392ff. mit Anmerkungen. 
Druffel, 1. c. Nr. 371, 383, 385. 

2 ) Die Antwort des Königs auf Spats Werbung bei Ernst 
S. 393, Beil. A. 

*J Die Instruction Raids ebenda S- 396, Beil. C. 

4 ) Siehe das ,.erste Anbringen Raids“ beim König ebenda S. 395, 
Beil. B. 

5 ) Voigt, Albrecht, lf, S. 198 und die dort S. 199 Anm. 1 
aufgef. Literatur. S. hierzu auch Ernst, Nr. 619 S. 514, wonach der 
Markgraf seinen Gefangenen am 28. April selbst dem Leutnant des 
Obersten von Metz übergab. Vgl. auch ebenda Nr. 649 S. 537. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



11 


11 


„Zu dem 3. mal ist Raid ia Frankreich der Ursachen 
postiert, daß der kunig dem marggrafen, wie er von seinem 
land vertriben gewesen, ein herscbaft hat sollen eingeben, 
«o welle der marggraf selbst hinein kommen 1 ). welches alles 
im 54. beschehen.“ 

Was Raid hier erzählt, umfaßt durchaus nicht alle 
„Handlungen“, die er damals betrieb, auch verschweigt er, 
«laß man ihn im Herbste 1554 in Frankreich wegen 
eines „praktizierlichen“ Briefes, der bei ihm gefunden worden, 
auf kurze Zeit in Haft genommen hatte 2 ). 

In den nächsten Jahren kommt uns Raid aus dem 
Gesicht, und wir hören von ihm erst wieder in der Zeit nach 
dem Tode des Markgrafen Al brecht (8. Januar 1557). 
Er war wie so manche andere, die gehofft hatten, im 
Dienste des Markgrafen zu Gnt und Geld zu kommen, statt 
•dessen in missliche Vermögensverhältnisse geraten, und so 
verfiel er, obwohl er (im Herbst 1557) mit der „Annebmung“ 
von 500 Reitern fUr den Herzog von Florenz und 
mit anderem „Kriegsgewerb“ beschäftigt war und auch mehrere 
kleinere Bestallungen, z. B. bei David Baumgartner, 
hatte, auf den Gedanken, sich bis zum Eintritt besserer 
Zeiten durch Beteiligung an Raubritterunternehmungen auf¬ 
zuhelfen. In der Schule, die er bei dem Markgrafen durch¬ 
gemacht, hatte er ja das Räuberhandwerk gründlich erlernt 
und auch genügend Gelegenheit gefunden, persönliche Be¬ 
ziehungen mit Rittern und „Reutern“, die sich damit ab- 
gaben, anzuknüpfen; so mit dem bekannten Wilhelm von 
Grumbach, mit dessen Vetter Hesse Ivon Grumbach 
und dem diesen eng „verwandten“ Wilhem von Stein. 
Von kleineren Anschlägen, die er ausheckte, wollen wir hier 
absehen, um gleich auf das „stattliche“ Unternehmen ein¬ 
zugehen, das er. im Herbste des Jahres 1557 vorbereitete. 
Die beiden Grumbach, Wilhelm und Hessel, hatten 
Wind davon bekommen, daß um Weihnachten der wöchentlich 
nach Venedig abgehende Augsburger Bote eiue größere 
Sendung von Geld und Kaufmannswaren nach Italien 
führen werde, und sie machten sich nun an Raid heran, 

») V o i g t, Albrecht, II S. 219. 

2 ) Ernst Nr. 811 S. 672, 812 S. 673. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



12 


12 


Digitized by 


am durch diesen, der ja in Augsburg heimisch war, das 
Nötige auskundschaften zu lassen. Raid selbst fand in dem 
Augsburger Bürger Joachim Elsässer, seinem liebsten 
Bruder und Freund“, sowie in dem früheren markgräflichen 
Profosen Hans Baldauf willige „Verräter“, die ihm alle ge¬ 
wünschten Einzelheiten zutrugen. Schließlich bildete sich zur 
Durchführung der Sache durch gegenseitige „Verschreibung“ 
eine Gesellschaft von zehn Mitgliedern, welche, die Kundschafter 
eingeschlossen, alle gleichmäßig an der Beute Anteil haben 
sollten. Der Leiter des Überfalles selbst war Hessel von 
Grumbach, der den ihm genau bezeichneten Boten nicht 
weit kommen ließ, sondern schon auf dem Lechfeld in 
der Nähe von Landsberg niederwarf und ausraubte. 
Raid erhielt aus der Beute zweihundert Kronen, drei 
Beutelchen mit Perlen und drei Rubinringe. 

Dieser Überfall machte wegen der Höhe des den Räubern 
in die Hände gefallenen Wertes und verschiedener Neben¬ 
umstände weithin ungeheures Aufsehen, und S c h e r 11 i n 
von Burtenbach, der natürlich auch ein genauer Be¬ 
kannter Raids war 1 ), fand den Vorfall wichtig genug, um 
ihn in seiner Selbstbiographie zu erwähnen 2 ). Aber der 
Gewinn war für Raid wegen der großen Anzahl der Teil¬ 
haber nicht ergiebig genug, und er sah sich nach wie vor 
in Geldverlegenheiten. Im April 1558 ersuchte er seinen 
Freund Elsässer, für ihn ein Darlehen von zweihundert 
Gulden aufzubringen 8 ), und gleichzeitig suchte er einen neuen 
„Gesellen“ zu einem Raubhandel. Indem wir das, was sich 
in unseren Quellen darüber erhalten hat, aufgreifen, kommen 
wir wieder auf den Mann, dem diese Zeilen eigentlich gelten, 
denn der „Geselle“, mit dem Raid diesmal Gemeinschaft 
machte, war niemand anderer als GeorgFrölich. Dieser 
versah damals in den Diensten Ottheinrichs das Amt 
des Vorstandes der pfalzneuburgischen Kanzleiverwaltung 


*) Daß Schertlin mit Raid viel zu tun hatte, ergibt sich aus 
mehreren Stücken in den von Druffel herausgegebenen ..Briefen 
nnd Akten“ und in dem Briefwechsel Herzog Christophs. 

2 ) S. unten S. 17 Anm. 1. 

s ) Schreiben ßaids an Elsässer vom 21. April 1558 (Urgichteu- 
sammlung). 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



13 


13 

and hatte eben erst die Ehre gehabt, den von Frankfurt 
zurückkehrenden neu gewählten Kaiser Ferdinand im 
Aufträge seines Herrn zu Nördlingen zu begrüßen l ). 
Auch Frölich befand sich im Frühling 1558 in der Klemme. 
Seine Tochter Anna, die in zweiter Ehe mit dem Arzte 
und Alcbymisten Dr. Keller aus U1 m verheiratet gewesen, 
war damals gestorben, und nun forderten die Vormünder 
ihrer Kinder aus erster Ehe von Frölich das Muttergut. 
Einen Teil dieses Geldes abejr hatte Frölich nebst eigenem 
den Augsburger Kaufleuten Hans und David Weiher 
übergeben, die in Lyon Bankrott machten 2 ). Die Haupt¬ 
schuld daran maß er dem mit den Firmen B i m e 1 und L i n c k 
in engen Geschäftsverbindungen stehenden Kaufmann Hans 
Lagnauer 8 ) zn, der unmittelbar vor dem Zasammenbruch 
der Weiher sein bei ihnen eingelegtes Geld noch zu retten 
gewußt hatte. Frölich war Uber diesen Verlust — im 
ganzen etwa 4200 Gulden — wütend und suchte in un¬ 
gestümer Weise auf dem Rechtswege zu dem Seinigen zu 
kommen. Bald aber sah er ein, daß dies vergeblich sein 
würde, und da er, wie er sich rühmte, „Gott sei Dank 
genugsam mit Verstand begabt war“, um sich in einem 
solchen Falle selbst zu helfen, kam er mit Raid, der bei 
dem Bankrott ebenfalls Geld verloren haben wollte, überein, 
sich durch gewaltsame Wegnahmne von Lagnauer sehen 
und Biraelsehen Kaufmannsgütern „ihres Schadens zu 
ergötzen“ 4 ). Aber dieser Plan und andere Anschläge, die 

’) R a d 1 k o f e r, 1. c. S. 70 Anm. 7. — Ferdinand kannte Frölich 
schon von früher her, als dieser noch Stadtschreiber in Augsburg war. 
Im Jahre 1548 hatte Frölich dem Kaiser und dem König seine deutsche 
Übersetzung der an König Nikokles von Cypern gerichteten Rede des 
Isokrates „Vom Reiche“ gewidmet. Radlkofer S. 85ff. 

*) R a d 1 k o f e r S. 81. — Über Frölichs Handel mit den Weihern 
und Lagnauern haben sich mehrere Schriftstücke in der Autographen¬ 
sammlung des Augsb. St.-Arch., Faszikel Frölich, erhalten. 

3 ) S. über diese Firmen etwa Strieder, Zur Genesis des 
modernen Kapitalismus. Forschungen zur Entstehung der großen 
bürgerlichen Kapitalvermögen ... in Augsburg (Leipzig 1901) 
S. 146ff., 151 ff., 210ff. 

4 ) Am 11. April 1558 ersuchte Raid seinen Freund Elsässer in 
einem Briefe, ihm die Handelszeichen der Bimelschen Gesellschaft und 
des Hans Lagnauer, wenn er ein eigenes führe, zu übersenden. 


Digitized by 


Gck igle 


Original frorn 

UNIVERSfTY OF MICHIGAN 



14 


14 


Digitized by 


Raid noch hegen mochte, kamen nicht mehr znr Ausführung. 
Die Eigentümer der anf dem Lechfeld geraubten Güter 
hatten beim Kaiser, als er in Schwaben geweilt, Klage 
erhoben und einige der Täter, nnter ihnen Raid, angezeigt. 
Anfangs Mai erschien darauf hin ein kaiserlicher Kommissär 
vor dem Rate in Donauwörth und verlangte von diesem 
unter Vorlage eines schriftlichen Befehls die Auslieferung 
des „im ganzen Reiche verschreiten, bannisierten und auf¬ 
ruherischen“ Raid 1 ). Dieser wird herbeigeholt, erschrickt, 
wie er sieht, um was es sich handelt, erhebt zuerst heftigen 
Widerspruch gegen die Forderung des Kaisers, ergibt sich 
aber, nachdem er die Nutzlosigkeit des Widerstandes ein¬ 
gesehen, in sein Schicksal und läßt sich zur Donau führen, 
um die Fahrt nach Österreich hinab anzutreten. Die 
Untersuchung wurde unter reger Beteiligung des Kaisers 
selbst in Neustadt geführt, wo Raid wiederholt „gütlich 
und peinlich“ verhört wurde 2 ). Seine Ausrede, er habe ge¬ 
glaubt, die bei Landsberg aufgehobene Sendung sei ein 
für Rom bestimmtes Quatembergeld und dürfe, da damals 
der Papst des Kaisers Feind gewesen 8 ), straflos weg¬ 
genommen werden, half ihm nichts, denn er wurde überführt, 
genau gewußt zu haben, daß das geraubte Gut einer Menge 
ihm mit Namen bekannter Particularpersonen gehört habe; 

„Bin bedacht, neben dem herrn Frölich die ballen (dieser Firma) auf 
recht (!) zu attestieren an ortn und endn, da wir nit so ain langen 
proceß gewarten muessen“. 

*) Königsdorfer, Gesch. des Klosters zum Hl. Kreuz in 
Donauwörth, Bd. II (Donauwörth 1825) S. 214 nennt als Tag der 
Verhaftung, wie es scheint richtig, den 3. Mai, aber unter dem falschen 
Jahre 1553. 

2 ) Ein Auszug der ersten Verhöre Raids wurde vom Kaiser 
dd. Wien, 20. Juni 1558 an die Geheimen von Augsburg gesandt, 
worauf ihm diese unter dem 3. Juli die Urgichten des von ihnen unter¬ 
dessen eingezogenen und inquirierten Joachim Elsässer überschickten. 
Nachdem diese Raid vorgehalten worden, ließ Ferdinand den Augs¬ 
burgern, Wien, 18. Oktober, die späteren Aussagen Raids zugehen, die 
nun als Grundlagen für weitere Verhöre Elsässers dienten. Sämtliche 
Schriftstücke in der Urgichtensammlung des Jahres 1549. 

*) Krieg des Papstes Paul IV. gegen Kaiser Karl V. und dessen 
Sohn Philipp II. Paul verweigerte auch Ferdinand, Karls Nachfolger 
in der Kaiserwürde, die Anerkennung. 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



16 


15 


er sei doch, hielt man ihm spöttisch vor, „ein vermeinter 
Kriegsmann“; da müßte er wohl wissen, daß Perlen und 
Edelsteine „keine Bezahlung im Kriege wären“. 

Bei den Verhören, handelte es sich aber anch noch um 
andere Dinge als diese Raubhändel, nämlich um Raids 
politische Tätigkeit. Man erkannte immer deutlicher, daß 
er bei allen „Konspirationen“, die seit 1551 gegen den 
Kaiser angesponnen worden waren, seine Hand im Spiele gehabt 
und noch habe, daß er zu den „aufrührerischen“ Elementen 
zählte, die wie dieAugsburgerGeorgÖsterreicher, 
Jakob Herbrot, GeorgFrölich — und eine Zeitlang 
auch Schertlin — als geschworene Feinde des Kaisers 
die ihrem „Vaterland“ und ihnen selbst zugefügte Ver¬ 
gewaltigung nicht vergessen konnten nnd, wie man an nahm, 
nur auf eine günstige Konstellation lauerten, um das dnrch 
die Eingriffe des Kaisers Verlorene wieder zn gewinnen nnd 
im besonderen in den Reichsstädten das Zunftregiment wieder¬ 
herzustellen 1 ). Man meinte ferner, daß er enge Beziehungen 
unterhielt zn dem „Erzverschwörer“ Gabriel Arnold 
und zu dem gefährlichen Kreis der mit Wilhelm von 
Grambach in Verbindung stehenden Ritter und Fürsten, 
nnd hegte sogar den Verdacht, daß er an der Tötung des 
Bischofs Melchiorvon Würzburg unmittelbar beteiligt 
gewesen sei. Auch wiesen verschiedene Indicien darauf 
hin, daß er in die Umtriebe, die in den ersten Monaten 
des Jahres 1558 das Reich mit neuen kriegerischen Un¬ 
ruhen bedroht, verwickelt sei. „Er soll auch erklären“, 
heißt in den an ihn gestellten Fragen, „auf weß befelch, 
fürderung oder hilf ain unversehenlicher zug durch Franken 
nnd ains tails Bayren und die marggrafschoft Burgaw 
und furter, dem kunig von Franckreich zum pösten, 
mit raub und prandschatzung den jetz verschinen frueling 


l ) Eaid sollte nach den allerdings sehr schwankenden und un¬ 
zuverlässigen Aussagen Elsässers geäußert haben: „So die fürsten (1558) 

wider alher werden kommen und er dabei sei.. woll er 

darob und dran sein, daß man den jetzigen rath entsetze, die rättl- 
fürer zum tail zum fenster hinaushencke, zum tail denen, die bepstisch 
wern, die köpf hinder den hintern legte, die zünft wider aufrichte, einen 
andern rath setze und [andere] pollicei auf richte.“ 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




16 


16 


Digitized by 


furgeen sollen? — Was er im selbigen zug für bevelch haben 
sollen, und wer die rädlfuerer und bevelchsleut sein haben 
sollen? — Sonderlich, was er und ainer oder mer genach- 
baurten im Rieß wider mein gnedigen fürsten und 
herrn hertzogen zü Bairen darunder fnrzünehmen 
willens gewesen, und was sie sich für hilf im land Bayren , 
Schwaben und anderswo vertröst und von wem?“ 1 ) Be¬ 
sonders scharf aber inqoierierte man ihn wegen seines Ver¬ 
hältnisses zu Frölich, denn abgesehen von dem oben er¬ 
wähnten Kaubanschlag und anderem war dieser dem Kaiser 
bekannt geworden als der Verfasser eines „famosen Buches“ 
über den schmalkaldischeu Krieg — offenbar unsere Histori a 
belli Schmalcaldici—, das die Bestimmung habe, neuer¬ 
dings Aufruhr in den Städten zu erregen. Raid gab, trotz der 
schrecklichen Folterqualen, die er schließlich erleiden mußte, 
auf alle diese Dinge nur ausweichende, nichtssagende Ant¬ 
worten, denn er sah das einzige Mittel zu seiner Kettung 
im Leugnen. Aber bald mußte er erkennen, daß er vor 
diesem „parteiischen Gericht“, wie er es nannte, trotzdem ver¬ 
loren sei, und nahm in einem Schreiben, das er aus dem 
Kerker an seine Fran richtete, für immer von ihr Urlaub. 
Dennoch forderte er sie auf, alle ihm bekannten Fürsten und 
Herren zu seiner Rettung in Bewegung zu setzen und zu 
Filrschriften an den Kaiser zu veranlassen. Daß solche id£ 
größerer Zahl einliefen, ist nicht zu bezweifeln: 1aoflddB£fciicb' 
bezeugt ist eine von dem Kurfürsten Ottheinr'iöih'^Bie 
wahrscheinlich durch die Vermittlung Frölichs „äus- 
gebracht“ wurde. Der Bote, der sie überbrachte, hatte auch 
einen Brief von Raids Frau bei sieb, den er ihm auf eigen¬ 
artige Weise in die Hände spielte. Er gab ihn nämlich 
einem Schüler, der vor Raids Gefängnis ein Lied sang und 
ihm dann den Brief unter dem Schein, als ob er ihm den 
Text des Gesungenen überreichte, zum Gitter des Fensters 
hineinlangte. Aber alle Mühe, die sich Raids Frau und 
seine Freunde gaben, das bittere Ende, das vor Augen stand, 
von ihm abzuwenden, war vergeblich: am 14. November 1558 

*) Was über diese Pläne bekannt geworden, ist am genauesten 
festgestellt bei 0 r 11 o f f , Gesell, der Grnmbacher Händel, Bd. I 
(Jena 1868) S. 122. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



17 


17 


starb er durch die Hand des Henkers*). Mit ihm schied ein 
kluger, energischer Mann, ein frischer, kühner „Reuter*-, eiti 
geschickter „Händler“ bei Abmachungen aller Art, der Typus 1 
der jenem Zeitalter eigentümlichen Abenteurer, die, zum Teil 
unter dem Deckmantel des Evangeliums, in der Ausnützung 
kriegerischer und politischer Wirren ihr Glück suchten und 
überall da auftauchten, wo sie im Trüben zu fischen hoffen 
konnten. Einen Monat nach ihm, im Dezember, wurde sein 
Genosse Hessel von Grurabach, der als Ritter von der 
Landstraße eine sehr umfassende Tätigkeit entfaltet hatte, 
von den Nürnbergern gerichtet 2 ), am 16. März des nächsten 
Jahres Joachim Elsässer, dem außer seiner Teilnahme 
an Räubereien auch die Vergiftung seiner Frau zur Last ; 

gelegt wurde, von den Augsburgern 8 ). 

* * 

* 

Und nun wollen wir aus den Raid sehen Urgichten. 
die wichtigsten Stellen mitteilen, die sich auf Erblich' 
überhaupt und sein „famos Buch“ imbesondern beziehen: 

J ) Schertlin sagt in seiner Selbstbiographie (Leben nnd Taten 
des .. . Seb. Schertlin v. B., ed. S c h ö n h u t h (Münster 1858) S. 114: 
„Es ist vil raubens und reuterei dits jars fürgangen, derohalb Sylvester 
Raid, ain raum raisiger zu Thonawerde, in der statt von ainem ratt 
daselbst bei nacht dem rö. ke. gefencklich hinausgeben worden, dar¬ 
nach zü Wien enthaupt, und ainer, genant Hessle von Grampach, 
zü Francken in der. margrafschafft Brandenburg, von denen von Nuern- 
b.erg' aüß einem bad genomen und gen Nuernberg fäncklich geliert 
worden, umb daß die baid denen von Augspurg 26000 11 ufm Lech¬ 
feld geraubt und anderes mer von des margräfischen handeis wegen 
geiriben sollen haben; der ist im monat december’zii Nuernberg ent¬ 
haupt“. — Das genaue Datum der Hinrichtung Raids bei 0 r 11 o f f, 
I. c. S. 140 Anm. 1. 

*) Siehe die vorige Anmerkung. 

*) Seine Urgichten sind in der Urgichtensammlung, 1549 und 
1558 sämtlich erhalten. Die Augsbarger Annalen von Gasser (Deutsche 
Übersetzung, Frankf. a. M., 1595), III S. 98 berichten über sein Ende: 
„Den 16. Tag desselbigen monats (März) ist Joachim Elsässer, ein 
burger allhie, rücklings und auf bretter gebunden, wie man die mörder 
zu binden pflegt, vom rathaus mitten durch die statt für Unser Frawen 
Thumb über und dem Wertachbrucker thor bis zum hochgericht hinauß . 
geschleift und daselbsten aus bewiesener gnad enthauptet worden, umb 
daß er seiner haußfrawen mit gift vergeben und Heßlino Grumbachen, 
wie noch andern straßenraubern, nicht allain unsre burger sondern auch 
ire waren verraten hatte.“ 1 

Arohiy für Keformationsgesohiobte. IX. 1. 2 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



18 


18 


Digitized by 


Über - die vorige articl ist Sylvester Raid von neuen 
dingen auf die iiernach gescliribne articl befragt worden. 

1. „Der kai. mt. wer unverborgen, in was innerlichem, 
grossem vertrauen er mit Görgen Frelichen, gewestem 
stattschreiber zu Augspurg, lange zeit, insonderheit aber 
seit des aufrUrischen französischen kriegs anno etc. 52 bis auf 
die stuüd seiner einziebung, herkommen, und daß ir kainer 
one den andern nichts furnemlichs gebandlet oder ainiche 
gehaim dem andern verborgen gehalten, inmaßen sie dann 
auch kurzverruckter monaten gar enge und haimliche an- 
schleg mitainander vorgehabt und beschlossen hetten über 
Hansen Langnauer, burger zu Augspurg, und dem¬ 
selben von wegen aines gelts, so sie beed in Frankreich 
bei den verdorbenen Weyern gehabt, trotzlich und abclags- 
weise sammthaftig zuegeschriben, auch ainer auf den andern 
sich referiert, auf mainung, daß je ainer zu dem andern zu 
setzen gedächte, wie dann nit allain dasselb sonder auch 
gar vil anderer gehaimer hendl raer, so sie die ermelte zeit 
her mitainander gefuert, der kai. mt. zimlich woll bewißt 
weren.“ 

„Wiewol nun irer kai. rat. ernstlicher bevelcb, willen und 
mainung, daß er aller solicher practicen handlungen und ver- 
steudnussen, so sie beede obgemelt mitainander die bestimbte 
und sonderlich die zeit here seid raarggraf Albrechten 
abzug vor M ö t z *) gehabt, nichts verschweigen, sondern kleins 
und groß und dasselbe alles claar und in specie aussagen und 
erclären sollte, und, wo das nit geschehen, daß gegen ime 
die schärpf, davon andermals gnügsam meldung gethan, das 
mittel wurde sein miessen, solichs aus ime zu zwingen: so 
wollen doch ir kai. mt. jetzo uud dasselb on alles verziehen 
und gleich in continenti von ime beschaid und lautern bericht 
haben, weß ime bewußt wer umb das cöncept aines famos 
büechs, so gedachter Frölich noch in lebenzeiten raarggraf 
Albrechts ungevärlich vor vier jaren under den henden 
gehabt und aus seinem köpf gedichtet, verfaßt und begriffen, 
in welichem furnemlich die alte kai. mt. von wegen des 
Schmalkäldischen kriegs und sonderlich der verenderung 
halber der oberkeiten in den reichsstetten und dann auch 
die jfetzige kai. mt., damals kon. mt., uud sonst vil und ge¬ 
horsame churfürsten, fürsten und stend, bevorab die geist¬ 
lichen, und daneben insonderhait die statt Augspurg, 
zum tail auch Ulm und andere siett mer aufs allerhitzigist 
und verletzlichist angezogen und das thema solches puechs 

») Siehe Voigt, Albrecht,, II S. *6ff. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



19 


19 


dahin gestellt worden, damit dahere die nnrnesamen gemueter 
hin und wider im reich tentscher nation wider zü auf- 
rnerischen unthaten, fnrnemblich aber das pöfel in den reichs- 
stetten wider die darinnen [sitzenden] kai. regiment sich zft 
empören bewegt werden sollten, mit andern widerwertigen 
inhalt mer, alles zü Stiftung neuen unrats im Teutschland 
gemaint.“ 

„Nun were gründliche kundtschaft vorhanden, daß der an- 
fang solches puechs erstlich zu Laugingen, und ee dann 
vorbemelter Fre 1 ich geen Gundlfingen kommen, aufs 
pabier, aber volgendts daselbsten, zu Gundlfingen 1 ), 
zu völligem beschluß gebracht worden 2 ).“ 

„In gleicher erfahrung were auch ain unverneinliche ge- 
wißheit, daß beruerter Frölich ime, Sylvestern, in dem 
vertrauen, das zwischen inen nit woll grösser sein können, 
den inhalt solches seins verfaßten famos buechs vertraut, vom 
anfang bis zum end lesen lassen und dasselb, eemalen er 
es gar zum beschluß gefuert. und das mer, daß auch er, 
Sylvester, solche arbait nit allain in der materi, sondern 
auch der zierlichait des gedichts zum höchsten gebriesen und 
gelobt und sonder groß frolocken darüber gehabt.“ 

„Wann dann irer kai. mt. bericht, daß er ain mann wer 
aines gueteu gedechtnus, so sollt er sehen und sich alles des 
inhalts, in vil bemeltem buecb begriffen, nur wol erinnern 
und von articln zu articln aussagen, was derselbe inhalt 
durchaus gewest wer, und sollte nit fälen, für ains.“ 

2. „Fürs ander, so sollte er auch clärlich anzeigen, wer 
mer umb solich gedieht erstbenanten buechs gewußt, dasselb 
gar oder zum tail gelesen und gefallens darob gehabt hette.“ 

3. „Fürs 3. sollte er gleichfalls auch anzeigen und claar 
reden,weßbemelter Frölich undGörg Österreicher 8 ) 


*) Nach Lauingen kam Frölich im Sommer 1553, in Gundelfingen 
wurde er ansässig Ende 1554 oder anfangs 1555. 

2 ) Spätere Forscher kamen auf Grund des Inhalts des Buches auf 
eine andere zeitliche Begrenzung der Entstehung und der Beendigung. 
Siehe z. B. Voigt, Geschichtschreibung etc. S. 728, Radlkofer 
S. 94. 

3 ) Georg Oesterreicher, 1548 der letzte Bürgermeister Augs¬ 
burgs aus den Zünften, war während des Fürsten-Krieges neben 
Herbrot der Leiter der gegen die „Neuerungen“ des Kaisers vor¬ 
genommenen Reaktion und galt als heimlicher „Verbündeter“ des 
Kurfürsten Moritz. Der Kaiser verhängte deßhalb über ihn, trotz des 
Aussöhnungsartikels im Passauer Vertrag, die Strafe der Verbannung 
aus der Stadt. Oesterreicher wurde dann sächsischer Amtmann zu 
Chemnitz und Zell, später Pfleger in Lauingen und führte gegen den 
Augsburger Rat, dem er die Schuld an seiner Exilierung zuschrieb, 
einen jahrelang sich hinziehenden erbitterten Prozeß, der damals noch 
in der Schwebe war. S. über ihn Roth, Augsburgs Ref.-Gesch. IV. 
Register. 


Digitizetf by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Digitized by 


30 20 

vor diser und auch vor neulicher zeit für besonder rat- und 
anschläg miteinander gehabt, die mittl und weg ainraal zu 
finden und zü treffen, durch weliche in den reicbsstetten 
widerumb verenderungen der gesetzten kai. regiment zu er¬ 
langen und die Sachen in vorigen verstandt, wie die zur 
zeit der zunften gewest, zü bringen, und er sollte gedenken, 
den rechten grundt und kain nain darzü zu sagen, denn man 
hett sovil grundts, daher die vergwissung verhanden, daß 
er diser ding volkomner mitwllsser wäre; darumb dürft es 
kaines vernainens.“ 

„Man wollte aber nit allein die rat- und anschleg, sonderu 
auch die gemeinen reden, so er deßhalben von disen beeden 
und sonst auch allen andern hievor bestirnten personen diser 
Sachen halben jemalen gehört, von ime claar und völlig 
wissen, und insonderhait, warumb er und sein häuf die be- 
ruerten kai. regiment in ernst und schimpf des Hasen rat 
oder regiment genannt 1 ) und sonst von demselben jeder zeit 
zum widerwertigisten, schwirigisten und verächtlichisten ge- 
redt hetten. in dem er nun kains leugnens sich understeen 
sollte, dann man wlißt^ ine solicher durch in und sein 
eebemelte gesellschaft gethaner schwingen reden, zum tail 
auch anschlege zü besetzen.“ 

Auch auf diese Fragen hatte Raid nur die Antwort, 
daß er nichts wisse. Mit Frölich, sagte er, „hab er kein 
practic oder geheimnuß nie gehabt anderst, dann wie oben 
von im verstanden, uemlich mit niederwerfung der „P i m 1 i - 
sehen etc. gueter, ires Schadens damit einzukommen“ . . . 
„Des famos buechs halben wiß er nit, ob dasselbig Frölich 
gemacht, aber der buechfuerer zü Thonawerdt hab im 
dasselb in sein haus bracht, ist von dem Schmalkaldisc-hen 
krieg gewest, darinnen die vorig und jetzig kai. mt. zum 
heftigisten angegriffen, welches hernach Frölich in seim, 
Sylvesters, haus gesehen und gleichförmigs von dem 
buechfuerer zü Thonawerdt kauft hat“ 2 ). 

Das Ergebnis dieses Verhörs liegt klar zu Tage. Wenn 
auch wohl im Auge zu behalten ist, daß man in den Frage- 

*) Fürstenwerth macht anf Grand des ihm vorliegenden 
Materials S. 74 Anm, 2 die treffende Bemerkung: „Sylvester Raid 
bietet . . . ein Gegenstück zn Hasse in seinem eifrigen Streben nach 
Abschaffung der Hassenräte und Herstellung der Zünfte“ (im Jahre 1552). 

*) Er sagt letzteres offenbar nur, um Frölich zu entlasten, wenn 
bei diesem eine Handschrift des Buches gefunden würde. 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



21 


21 


Digitized by 


stücken, die an die Gefangenen gestellt wurden, häufig nur 
auf den Busch klopfte und ihnen Dinge, die nichts als 
Verdachtsmomente waren, als erwiesene Tatsachen vorhielt, 
so ist doch in dem vorliegenden Falle ersichtlich, daß die 
Frager durch die von ihnen eingezogenen Kundschaften und 
erhobenen Zeugenaussagen wirklich gut unterrichtet waren. 
Und auch die innere Wahrscheinlichkeit spricht ganz dafür, daß 
sich der heißblütige Frölich gegen Raid und andere Ge¬ 
sinnungsgenossen Ober den „Hasenrat“ und die ihn wenig 
befriedigende Lage der Dinge Oberhaupt des öfteren in 
Klagen und Verwünschungen ergangen und wohl auch den 
Wunsch ausgesprochen hat, daß es noch einmal anders 
werden möchte, wozu er das Seinige gern beitragen' wolle. 

Imbesonderen aber macht das, was in den Fragen über 
Frölich als Autor des „famosen Buchs“ und Raids Kenntnis 
desselben vorgebracht wird, durchaus den Eindruck, daß dem 
kaiserlichen Hofe genaue uud bestimmte Angaben Vorlagen, 
und der Eifer, mit dem man von dem Gefangenen noch 
weiteres darüber zu erfahren suchte, läßt erkennen, wie 
sehr man über den Inhalt desselben, den man doch nur vom 
Hörensagen kannte, erregt war. So lassen denn diese Fragen 
keinen ernstlichen Zweifel mehr obwalten, daß Georg 
Frölich, wie Voigt, Lenz und Radlkofer vermutet, 
wirklich der Verfasser des berühmten Geschichtswerkes ist. 
Das wird auch durch die ausweichende Antwort Raids 
indirekt bestätigt. Er, der es handschriftlich besaß und 
genau kannte, sagt, um seinen Freund zu schonen, er wisse 
nicht, „ob dasselbe der Frölich gemacht“; aber hätte er 
einen andern als Autor angeben können, so hätte er es gewiß 
getan. 

Daß Frölich von der Animosität, die der Kaiser 
gegen ihn und sein Buch hegte, erfuhr, ist sicher anzunehmen; 
doch ist uns unbekannt, ob wegen des letzteren oder wegen 
des Raubanschlages auch gegen ihn ein Proceß eingeleitet 
wurde. Wenn er keine andere Strafe erlitt, traf ihn 
wenigstens die, daß er sein Werk, das ja für die Öffentlichkeit 
bestimmt war 1 ), nicht in den Druck geben konnte, sei es, 

J ) Es geht dies, abgesehen von anderem, hervor aus den Worten 
(M e n c k e n , Halbseite 1J8J): „Weil hochgemelte stend des reichs wol 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



22 


22 


Digitized by 


daß ihn die Fercht vor dem Zorn des Kaisers davon abhielt, 
oder daß es ihm von diesem oder seinem Landesherrn direkt 
verboten wurde. So vergingen nahezu zweihundert Jahre, 
bis das Buch in die Presse kam, und Frölichs Autorschaft 
blieb bis zum heutigen Tage fraglich. Schade, daß wir bei 
dem Bemühen, diese festzustellen, an dem Charakterbilde 
Frölichs, das schon nach den bisherigen Forschungen nicht 
ganz fleckenlos dastand, noch einen neuen Makel bloßlegen 
mußten. 

mehr und anders vill, so sich in anschlegen, thatten, handlnngen etc. 
zfigetragen, wissen, ist an sie mein unterthenig, dienstlich anlangen 
und bitt, sie wollen diß mein schreiben erörtern, corrigieren, mindern, 
mehren, wo es die notturfft und warheit ereischet“. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Briefe yon Antonius Musa an Fürst 
Georg yon Anhalt 1544—1547. 

Mitgeteilt von Otto deines. 

ln meinen Beiträgen zur Reformationsgeschichte 1 (1900), 
S. 62 ff. habe ich ein kurzes Lebensbild von Antonius Musa 
vornehmlich auf Grund der von diesem an Stephan Roth ge¬ 
schriebenen Briefe gegeben. Über die letzten drei Lebens¬ 
jahre, in denen Musa als Domprediger, Superintendent und 
Mitglied des Konsistoriums in Merseburg Hand in Hand mit 
Fürst Georg von Anhalt die Reformation im Bistum durch¬ 
führen half, bin ich schnell hinweggegangen. Und doch 
hat Musa in diesen Jahren das meiste geleistet. Reichen 
Aufschluß über seine Merseburger Tätigkeit gewähren uns 
seine Briefe an Fürst Georg, die im Zerbster Archiv auf¬ 
bewahrt werden und die mir Herr Archivrat Professor Dr. 
W ä s c h k e frenndlichst zugänglich machte. Ich drucke die 
wichtigsten Stellen daraus im folgenden ab 1 ). 

Am 4. Januar 1544 war der Merseburger Bischof 
Sigismund v. Lindenau gestorben. Von seinem Regierungs¬ 
antritt (1535) ab hatte er dem Eindringen der Reformation 
in sein Gebiet ununterbrochen zähen Widerstand entgegen¬ 
gesetzt. Anfangs hatte er auch zu Gewaltmaßregeln gegriffen, 
um die lutherische Sekte fernzuhalten. Trotzdem erzwang 
sich die neue Lehre von den Grenzgemeinden aus, solchen 
besonders, die sich evangelischer Kirchenpatrone erfreuten, 

') Einiges hat schon Paul Flemming daraus verwertet in 
seiner ansgezeichneten Abhandlung „Die erste Visitation im Hocbstift 
Merseburg (1544— 1545)“, Zeitschrift des Vereins für Kirchengeschichte 
in der Provinz Sachsen III (1906), S. 145 ff. Derselbe hat in der 
liebenswürdigsten und uneigennützigsten Weise die vorliegende Edition 
gefördert. 


Digitizedl by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



24 


24 


Digitized by 


den Eintritt ins Bistum. Auf dem Stiftstag zu Pfingsten 
(13. Mai) 1543 mußte der Bischof auf Drängen seiner Stände 
die Zusage geben, „das Evangelium solle im Stift gepredigt 
werden wie in ganz Sachsen“. Dieses Versprechen löste er 
jedoch nicht ein. Er drückte sich nicht nur um die Be¬ 
rufung evangelischer Geistlicher herum, er erschwerte auch 
ihre Anstellung, wo er nur konnte. Doch halfen sich die 
Gemeinden in der Regel selbst. Als er die Augen schloß, 
war der Sieg der Reformation in seinem Bistum bereits 
entschieden. 

Herzog Moritz von Sachsen, der Schutzherr des Stifts, 
bestellte nun (am 14. Mai 1544) seinen Bruder, Herzog 
AugW, znm weltlichen Regenten des Bistums und gab ihm 
(grp 16. Mai) den Fürsten Georg von Anhalt zum Koadjutor 
in geistlichen Sachen bei. Diesem trat unser Musa zur 
Seite. Schon zu Lebzeiten Bischof Sigismunds spielte seine 
Berufung nach Merseburg, gesichert aber war seine An¬ 
stellung erst im März 1544. Am 29. Juni hielt er die erste 
evangelische Predigt im Merseburger Dom 1 ). Bei den 
Visitatipnen, die auf seine Anregung alsbald vorgenommeu 
wurden, — die des Küchenamtes Merseburg wurde in den 
Zeiträumen 23. bis 27. September, 30. September bis 4. Oktober. 
13. bis 18. Oktober 1544 bewerkstelligt, das Amt Lützen 
vyurde vom 28. Januar bis 3. März 1545, das Amt Lauchstädt 
vom 12. bis 20. März, das Amt Schkeuditz vom 15. bis 
21. Mai visitiert — wurden an seine Arbeitskraft die größten 
Anforderungen gestellt. Die rechte breite Basis erhielt seine 
Tätigkeit aber erst mit der Errichtung des Konsistoriums 
in Merseburg am 11. Februar 1545. Mit den Domherren in 
Merseburg, die vom katholischen Kultus möglichst viel za 
retten suchten, und anderen papistischen Geistlichen hatte 
er manchen Strauß zu bestehen. Auch machten ihm das 
weltliche Treiben und die kirchlich-religiöse Gleichgültigkeit 
und Unwissenheit der Bauern und Bürger viel zu schaffen. 
So wechselten für ihn Siegesjubel und Hoftnungsfreude mit 
Niedergeschlagenheit, Ärger und öfters explodierendem Zorn. 

*) Der Brief Fürst Georgs an Justus Jonas bei K a w e r a u . 
Der Briefwechsel des Justus Jonas II (1885), S. 126 Nr. 717 ist danach 
zu datieren: Vor dem 29. Juni 1544. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



25 


25 


Jedenfalls aber müssen wir staunend Stillstehen vor dem Eifer 
und der Leistungsfähigkeit des viel mit Krankheit und Leibes- 
schwacbheit beladenen, sich damals wohl schon den Sechzig 
nähernden Mannes *). Die Briefe sind nicht nur für die 
Merseburger, sondern auch für die allgemeine Reformations¬ 
geschichte von Wichtigkeit. Hier sei nur beispielsweise aus¬ 
drücklich hingewiesen auf die Nachrichten Uber die in Leipzig 
erfolgte Drucklegung von Luthers Ratschlag vom 6. März 
1530 (Nr. 34), über den Naumburger Bischofsstreit und die 
Belagerung Leipzigs 2 ). 


1. 24. Juli 1544. 

. . . a Celsitudine vestra binas accepi subinde litteras 
perniciosum illud dissidium inter Parochum et Diaconum 
Weyssensehensem 8 ) nunciantes, qua inquam simültate 
grauiter commoti sumus, tum lllustris Principis Angusti etci 
Strenui ac prudentissimi Consiliarij, tum ego quoque, lllis 
metuentibus, ne qua inde sedicio cooriretur in vulgo, quod 
vterque suas partes defensantes habeat asseclas, Me vero 
maximi faciente offendiculum illud, quod ex illo simplicium 
hominum conscienti§ hauriunt. Auf den 4. Aug. haben wir 
beide Parteien, vorgeladen. 

*) Wahrscheinlich ist er zwischen dem 15. und 28. Mai .1547 
gestorben. (Nach Opel, Naumburg im Schmalkaldischen Kriege, Neue 
Mitteilungen aus dem Gebiet historisch-antiquar. Forschungen 13 
[1896], 512, hielt Antonius Muha [Musa!] Sonntag Vocem Jocunditatis 
[15. Mai] 1547 im Feldlager Herzog Augusts vor Naumburg seine 
letzte Predigt; „nach wenig Tagen in Gott verschieden“. Im übrigen 
vgl. Flemming S. 154.) 

*) Vgl. Georg Voigt, Die Belagerung Leipzigs, Archiv f. d. 
Sächs. Gesch. XI (1873), S. 225ff. Der Abschnitt bei G. W u s t m a n u , 
Geschichte der Stadt Leipzig I (1905), S. 52311 beruht ganz auf jener 
Abhandlung. — Außer dem oben schon erwähnten Aufsatz von 
Flemming (unten immer einfach mit ,Flemming 1 zitiert) und 
K a w e r a.u, Jonas’ Briefw. (mit K a w e r a u zitiert) ist in den 
Anmerkungen besonders noch folgende Literatur benutzt: Frau- 
stadt, Die Einführung der Reformation im Hochstifte Merseburg, 
Leipzig 1843 ; 0. Clemen, Georg Helts Briefwechsel (Arch. f.Ref.G r 
Erg. Bd. II), Leipzig 1907; F. Westphal, Fürst Georg der Gottselige 
zu Anhalt, Dessau 1907; Derselbe, Zur Eiinnernng an Fürst Georg 
den Gottseligen zu Anhalt, Leipzig 1907. 

3 ) Pfarrer von Weißensee war damals Joh Hachenburg (Jöcher- 
Adelung II [1787], S. 1707), Diakonus wohl Joh. Heller (CR. V, 845) 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



26 


26 


Digitized by 


Mag. Yaleptin Paceus 1 ), Pfarrer in Querfurt, yrar 
bei mir ac pecijt se aliquo snffici parochum, caussatus 
sommam inopiam, quam Querfurdie sustineret, adeo vt ne 
liberos qnidem suos et vestire et alere pro necessitate saltem 
commode posset. Com vero oppidninm illnd, coi ab ouibus 
«chaffstet nomen, illi offerrem, respondit, si aliter non 
possit, cogi se necessitate accipere, qne illi cnmqne offerretor 
funccio. hic ego hominis prgclaram mecura expendens 
erudicionem deinde tnrpe duxi ineptos maltos opalentis 
pr^fici paroecijs, Doctis ac bonis neglectis. So vertröstete 
ich ihn anf Eure Hoheit 

Interim adnenit ad me Andreas Bohemns Quästor 
Lanchensis*), vir et ipse doctas ac bonns, ac nunciauit 
opas esse, vt alias quispiam pastor Schaffstadium sab- 
stitaeretar qaamprimam, et significaait de qaodam, quem 
itidem dicebat non valgariter doctum esse quiqae a populo 
Schaffstetensi antea quoqae sepe flagitatas, sed non impe- 
tratas esset, ac dicebat illum iam parochum esse in qaodam 
exiguo ac sua erudicione indigno Pago nomiue Möcker¬ 
lin gk 8 ) in Prgfectara Freiburgensi nec dubitabat illum 
funccionem Schaffstetensem sabitaram et vicissiro ab eadem 
illum Ecclesia auide postulandum. Si igitur tarn probe inter 
illos conuenit et bomo ille doctus est, putabam non incora- 
roodum fore, vt coniungerentur, nam ad aedificacionem non 
parum prodest amari ab Ecclesia Parochum . . . 

De Paceo, vt et illi se digna funccione prospiceretur, 
existimauit Questor Lanchensis posse illum Ecclesig Luczensi 
prefici. Nam Senatus zcu Lüezen antea apud me questus est 
de 8UO parocho 4 ) eum neque frigid um neque oalidum esse... 
Ich aber möchte den Pfarrer von Weißensee nach Lützen 
und den friedliebenden Paceus an seine Stelle setzen. 

Fuit apud me eciam Parochus quidam ex Pago qaodam 
Nawkyrcben 6 ), Nomine Petrus kyrcheuer, qui ante 
biennium monachum egit in Monasterio Petri viciDO Merse- 
burgio, Juuenis bona indole et tolerabiliter doctus ac vt 
audio facundus, commendatus mihi a D. Doctore Jona. Is 
flagitauit, vt se kegen Ran stet 6 ) sufficerem, ac significaait 
se ab Ecclesia sua ita diligi, vt nollent eum dimittere, atque, 
ne ab illis discedere posset, frumenta sua in agro a rusticis 

*) Ueber ihn vgl. Flemming S. 186ff. und dazu noch ZKG. 81,307. 

*) Laucha. 

8 ) Möckerling bei Mücheln. Dieser Pfarrer hieß Joh. Hejße 
(Flemming S. Ü03 unten). 

4 ) Friedrich Metz (Flemming S. 186 und 155 unten). 

5 ) Neukirchen. Der dortige Pfarrer heißt im Visitationsprotokoll 
Kaspar Kirchner (Flemming S. 205 unten). 

6 ) Markranstädt. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



27 


27 


sibi vadari ac retineri. cui respondi, expectaret, donec a Cel- 
situdine vestra institueretur visitacio, tum posse baic caass^ 
adhiberi remediara. Tandem dixit, si su§ Ecclesi§ adderetur 
alia vicina Ecclesia, cui Cor bete 1 ) nomen, veile se isthie per- 
durare, nam nisi hoc der et, suam paroeciam ad se aleodapi 
illi minime sufficere. Quia vero tarn belle conuenit plebi 
•cum rusticis, veilem non disiungi. reieci tarnen canssam 
hanc ad visitacionem. 

Accusauerunt apud me eciam agricolg zcu Wesemar 8 ) 
et Rasenicz 8 ) pagis illis pastorem suura 4 ), quod Euangelium 
non doceret nec encharistiam inxta Christi institutum por- 
rigeret. Ich habe ihn freundlich ermahnt, und er hat Besse¬ 
rung versprochen. 

Siguificatum mihi eciam est de qnodam Monacho, qui 
vestitum monasticum eciam adhno gestans parochum agit in 
pago, cui Franc kl eben 6 ) nomen, qoem dicunt horribiliter 
blasphemare Doctrinam Christi, de quo deniqne certis testi- 
monijs dicitur stuprasse eum et vxorero et filiam siraul 
«uiusdam honesti Consulis zcu Leutendorff 6 ) vnter Graff 
heynrichen von Sezwarqzburgk *), cui consuli nomen est hans 
Becke, qui illum pessimum monachum nihil tale de eo 
eciam snspicans Omnibus officijs et beneficijs adfecit. Et 
est hoc flagicium publice isthie confessum tum a matre tqm 
ft filia. quem monachum ego veilem quo debet relegatum . . . 

.. . Merseburgij in vigilia Jacobi 44 ... 

Beilage an Nr. 1. 

... hesterno die [23. Juli] cum ex Roma: c. vj de bap- 
tismo ac poenitencia pro mea virili concionarer,... dicebatur 
mihi Dominum Decanum illum a Lyndenaw 8 ) concioni 
interfuisse et diligenter auscultatura füisse, de quo tarnen 
fama est, qnod nullas antea solitus sit vnquam audire con- 
ciones neqne papisticas eciam. Si interfuit, quod pro veri- 
tate mihi qui illum viderunt dixerunt, Spero rediturum ac 
secum alios quoque adducturum . . . 

*) Klein-Korbetha an der Saale. 

*) Weßmar Fleinming S. 154 Anm. 1. 

*) Raßnitz. . 

4 ) Bartholomäus N. Flemining S. 207 unten. 

5 ) Franklebeu. Der dortige Pfarrer heißt im Visitationsprotokoll 
Baltzar weigkart, ein predigermöueh von Koberg (Fleinming 
S. 182 unten). 

•) Leutinberg scheint gemeint zu sein. Über das dortige 
Dominikanerkloster vgl Ei nicke. Zwanzig Jahre Schwarzbnrgische 
Reforuiatiousgeschicbte I (1004), 8. 77 f., 97. 

*) Graf Heiurich XXXII von Schwarzburg (1531—1538). 

8 ) Sigismund von Lindenau (Fraustadt S. 157). 


Digitized by 


Go^ 'gle 


Original ftom 

UNIVERS1TY OF MICHIGAN 



28 


28 


Digitized by 


L. Laureneins 1 ) eciam modeste agit, sed hoc soluut 
in eo reprehensione dignnm existimo: congregat senatom et 
pellicit eos in snam sentenciam adeo, vt iam minetur ipse 
ex Senatns consensn abicionem diacono sno 2 ), viro bono. 
Deinde aeditno 8 ) decerpunt de priori salario plus quam xx 
ac minantar illi, nisi velit tredecim florinis contentus esse. 
Vt a funccione sna discedat. id omne agit pro sno nutu. 
Lanrencias est ambiciosas vir, qui sibi mnlta arrogat a 
nemine sibi commendata. Ista fiunt me clam imo plane 
neglecto, cnm hec omnia constituenda ad vestram celsitudinei» 
pertinent. 

Senatus caraait illi domam tolerabüem, in qna se potest 
vnam snstinere hyemem . . . datum vt supra etc. 


2. 2. August 1544. 

Dank für Brief und Vollmacht, geeignete Pfarrer eiu- 
züsetzen. Sed celsitudo vestra primum sciat me in con- 
stituendis pastoribus valde esse sollicitum, propterea quod 
multi pseudoprophetg passim vestitir ouium sese venditent 
mihique suo fuco imponant, quamobrem in scrutandis singu- 
lörum moribus paulo curiosior esse soleo. Pace um ob 
erudicionem amo illiqne quam optime prospectum cupio. 
Sed aiunt hominem mire dvorgortov elvac , cuius rei gracia 
tum ab vrbe Eyselebensi tum a Querfordia dimissionem 
accepisse ferunt. ego vero ingenia placida et tractabilia 
amo, et nouit celsitudo vestra, quam plenam offendiculis 
tragediam Weyssensehenses mera ambicione et morositate 
excitarunt, adeo vt Illustris Principis Augusti etc. Pruden- 
tissirai Consiliarij metuant, nisi illi malo salubri consilio 
obuiam eatur, fore, vt altercanciura partes sibi mutuo, vt 
nihil acerbius dicam, insultent. iam si idem malum vel a 
Paceo aut a quouis alio expectandum esset, in promouendo 
vel illo vel alio calculum meum certe subducerem. Nihilo- 
tamen minus iterum ad me scripsit his diebus Paceus et 
flagitat, vt, si alio non queat, saltem Schaffstadium trans- 
feratur, vxorem eciam suam malle isthic quam alibi habitare 
dicit . . . 

Senatus zcu Hanstedt 4 ) iam multis diebus pastore 
carens docto ac bono quopiam parocho prospici sibi petit. 

’) Lie. Lorenz Eeynhart, Pfarrer an der Maximikirche 1543—1554. 
Fraustadt S. 191, Flemming S. 169. 1538 als Senior des Chor- 

herreustifts zu St. Thomä in Leipzig genannt (Seifert, Die Reformation, 
in Leipzig, Leipzig 1883, S. 199). 

2 ) Heinrich Witticb. Flemming a. a. 0. 

3 ) Augustinus Rosenberger. Flemming a. a. 0. 

*) Flemming S. 154 Anm. 1. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



29 


29 


idipsum passim a multis ruricolis petitur. Fruges qnidem 
albescunt ad messem, vtinam queamns a deo patre messores 
ista sancta messe dignos impetrare. Ehesachen. Zwei Hin¬ 
gerichteten haben Mnsa und Laurencius 1 ) beigestanden, so daß 
sie in Glaubensmnt verschieden sind. 

Ceterom de Controuersia Eyslebensi 2 ) antea nihil 
mihi constitit, sed ipse sencio cnm Sanctissimo viro Domino 
Doctore Martino, qnod post communionem reliqnnm est vini 
vel pani8, non debere vel effundi in terram vel alij vino 
ant pani non consecratis misceri, sed vel a ministro, qni 
simnl ipse communicat, vel ab vno communicancinm absumi. 
enm morem et ego in dicione Electoris Ihene semper 
sernaui et habni spectatores totam vninersitatem Wittern - 
bergensem, imo approbatores ... 

Concionator ille in Sacello dini Michaelis 8 ), quem cel- 
sitndo vestra naper obiargaait, is saperiore dominica [10. Ang.] 
mire debachatus est in doctrinam nostram, vt tota cinitas 
inde offensa sit. Celsitndo vestra cogitabit de remedio . . . 
Merseburgij II. Angnsti 44 . . . 


3. 8. Angast 1544. 

. . . Ego hodie Ciriaci in templo Sancti Maximi con- 
eionatns snm, hoc tantum celare Celsitadinem vestram hand 
queo Domin am Decanam illam aLindenaw proxime elapsa 
quarta feria [6. Ang.], cum in Snmmo concionarer, interfuisse 
concioni ac diligenter auscultasse, nam vidi ipse eam. Deinde 
aderat nonus eciam quidam aaditor, Dominos Licenciatas, 
quem vocant Er Jost 4 ): ego illoram hominam pr^sencia mire 
ganisns fui. ideo non potai temperare mihi, quin illius gaudij 
mei Celsitadinem qaoqae vestram participem redderem . . . 
De Paroecia Schaffstediana res in vestr§ celsitadinis ad- 
uentam reiecta est. Paceas annait accipere illam, modo 
Sacerdotiam qaoddam, qaod in eo est loco, adijceretar et 
ludas literarias isthic institaeretar, qaod, vt ego existimo, 
fieri commode potest vtrumqae 6 ). Exhibait mihi Paceas 
proposiciones qaasdam Wittemberge a Domino Philippo 


*) D. h.: Lic. Lorenz Reynhart. 
q Vgl. Köstlin-Kaweran, M. Luther II 580f. 
q Georg Trubenbach. Vgl. Fraustadt S. 173f., Westphal, 
Georg S. 140 ff. Ueber die zwischen Dom und Propstei gelegene 
Michaelskapelle vgl. 0. Rademacher, Neue Mitteilungen aus dem 
Gebiet histor.-antiquar. Forschungen 22 (1905), S 254 f. 

4 ) Wohl der Domherr und bischöfliche Sekretär Jodokus Maler 
(Flemming S. 156 oben). 

5 ) Vgl. Flemming S. 204. 


Digitized by 


Gck 'gle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Digitized by 


:io 30 

Melarlthone in disputacionem addnctas, quas vestr§ cel- 
situdini, si prins non vidit, legendas supplex mitto 1 ). 

Deinde venit ad me Hungarus quidam 8 ), qui fatebatur 
se apad Tnrcam captinum fuisse annos tredecim et, cum 
Turca aduersus regem Persarnm pngnaret, se cnm multis 
alijs ad Persas aufugisse, deinceps Persarnm opera per 
Armeniam euasisse, doneo in has terras rediret. Dono dedit 
libellum de moribns Tnrcarnm 8 ), quem itidem celsitndini 
vestr§ legendnm mitto . .. Merseburgij die ipsa Ciriaci 44... 


4. 11. August 1544. 

.. . binnnlnm integrum, quo celsitudo vestra dementer 
me douauit, cum qua debeo supplici ac reuerenti submissione 
accepi vna cum volncribus. Ago pro illo munere celsitndini 
vestr§ gracias summas .. . hesterno die mercatus hic fuit, 
confluxerat ingens turba vulgi, concionatus sum in templo 
Maximi magna popnli frequencia, tractaui Euangelium: Nisi 
granum frumenti etc. 4 ) Adfuit Consul quidam ballensis, cui 
Joanni Bauaro 6 ) nomen, qui a D. D. Jona iitteras ad me 
attulit officiosas. Dono dedi illi partem ferin§, partem Domino 
Theodorico 6 ), Ernesto Brotauff 7 ), foeci multos eius 
muneris participes, vt celsitudini vestr§ a multis gracie 
agerentur. hesterno die accepi a D. Phil: Mel: literas*). 
quibus commendat Consilium nostrum ac probat, quod nego- 
cium salutis cum moderacione agimus. misit eciam has 
proposiciones hic insertas. Deinde accepi a quodam diacono 
Zcu Zceicz hec noua, que qualia sint celsitudini vestre 
iudicanda supplex mitto. Hesterno die adfuit quidam Magister 
ex lypsia, cui cum D. Decano a lyndennaw negocium fuit. 

, J ) Welche Thesen sind hier gemeint? „In den Jahren 1544 und 
1545 ist in der philosophischen Fakultät nicht disputiert worden; ob 
in der theologischen (mit Ausnahme der durch die Doktorpromotioneu 
veraulaßten Disputationen), bleibt dahingestellt“ (Haußleiter, Me- 
lanchthon-Kompendium, Greifswald 1902, S 56). 

*) Barthoiomaens Georgiewitz, dem Luther und Melanchthon am 
11. August ein Zeugnis austeilten (CR. V 463). 

*) Wohl llacbumetis Saräcenorum principis, eiusque successonun 
vitae, ac doctrina, ipseque Alcoran, . . . Basel, Joh. Oporinus 1543 
(Weimarer Lutherausgabe 30*, 201 ff.). 

4 ) Joh. 12. 24. 

5 ) Jedenfalls identisch mit dem Jo. Beier, der Jonas’ Brief au 
Fürst Georg vom 3. Juni 1541 überbrachte (Kawerau, Briefwechsel 
des JustuS Jonas II 25). 

•) Der Merseburger Bürger Dietrich Redel, einer der Visitatoren 
(Flemming S. 156). 

') Ernst Brotauf nahm gleichfalls an der Visitation teil 
(Flemming S. 157f.). 

8 ) Vom 8. August (vgl. den nächsten Brief). Nach Flemming- 
S. 153 Anm. 1 im Zerbster Archiv vorhanden. 


Gck igle 


Original ftom 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



31 


31 


is me rogauit, vt secum ad D. Decanum accederem. accessi 
in aedes eins, excepit Vtrumque nostrnm valde humaniter, 
tractauit comiter, promisit sua officia quecunque posset. 
itidem et illi vicissim ego foeci. Spero benignitate et Jeni- 
tate nostra plns effecturos nos qnam daricie et acerbitate... 
Datum Merseburgij XI. Aagusti 44 . . . 


5. 25. August 1544. 

. . . Cam superioribus diebns celsitodini vestr$ sapplex 
indicassem vacare parocbiale officium in pago quodain, cui 
notnen Kenssbergk 1 ), eiusque collacionem ad Franciscnm 
a Schonbergk Canonicum pertinere, ac tres nobiles, qni 
istbic habitant, vna cum tota Ecclesia ad me accedente» 
pecijsse parocbum, verum cum ad Franciscum ins conferendi 
attineat, iussi sunt ab eo parochum sibi dari. At Franciscus 
per septimanas quattuor plus quam sexies a plebe Keuss- 
bergiana rogatns pertinaciter ac insolenter cum borribilibus 
conuicijs ac minis negauit parocbum Lutheranura se illis 
daturum. admonitus denique ac rogatus a Streuuis et prae- 
stantissimis dominis Consiliarijs Illustrls Principis Augusti etc. 
nihil itidem et illi quoque ab Francisco irapetrare potuerunt. 
Tandem cum nulla vspiam consequendi parochi spes illis 
affulgeat, ad vestram celsitudinem confugere coacti sunt ac 
proprio misso nnncio Supplicant humillime, celsitudo vestra 
Sacerdotem quendam, cni Bartolomeo Erbe 2 ) noraen, quem 
ipsi elegerunt, parochum illis constituere et confirmare sua 
antoritate dignetur. Est Bartolomeus ille vir honorifica persona, 
a me examinatus, tolerabiliter doctus ac iuuenis bone spei, 
satis facnndus. fuit eciam ante paucos annos ludimagister 
zen Luchaw 8 ) ac plane talis, quem ego satis aptum ad 
hoc muDUs in tali pago sustinendum censerem . . . 

Cetera que bic geruntur recta adbuc dei gracia sunt 
omnia. hoc tantum addere volebam adulteros et adnlteras 
in vincnlis teneri, qui supplicio adficientnr, sed quali aut 
qnanto, cognitum non habeo. ex choralibus vnus propter 
adulterinm dies aliquot in vincnlis detentus propter meam 
et aliorum intercessionem hodie ad quinquennium pro- 
seriptus est. 

Superiori bebdomade fui ballis cum D. D. Jona, hospicio 
aeceptüs apud D. D. Wie 4 ), conterraneum meum 6 ). postridie, 

*) Keuschberg. Flemming S. 154f. und 195 unten. 

*) Flemming S. 195. 

*) Laucha. 

*) Gemeint ist entweder der Leibarzt Kardinal Albrechts Dr. Job. 
NikolauB von Wyhe oder dessen zweiter Sohn, Dr. Melchior Nikolaus 
von Wyhe, seit 1526 Stadtphysikus in Halle, „dcrct. Wihe“ bei 


Digitized by 


Go^ 'gle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



32 


32 


Digitized by 


hoc est 19 Augusti, D. Jone et aliorum praeeibus coactas fai 
ad Beatam virginem frequentissimo auditorio concionarier. 
foeci, quod largiebatar Christus. 

Litteras D. Philipp! 8 Augusti ad me datas 1 ) Celsi- 
tudini vestrg legendas supplex mitto. Sed oro bumiliter, 
celsitudo vestra velit exemplar remittere. Nam amo Pbilippi 
litteras . . . Merseburgij XXV Augusti 44 . . . 

6, 17. Oktober 1544. 

. . . Illustris Princeps Augustus etc. hoc vesperi iussit 
nunciari Merseburgum suam celsitudinem venisse Friburgum 
hoc eodem vesperi. et iubere, vt equites quidam illius celsi- 
tudini ex Merseburgo Friburgum obuiam eant, ac veDturum 
vel cras vel perendie ad nos ... Quamobrera hunc nuncium 
euestigio ad Vestrara Celsitudinem ista significatum misimus. 
Obsecro Supplex, Celsitudo vestra ad nos quantocius redire 
velit Nam Franciscus a Schonnenbergk et Decanus 
prohibuerunt suis rusticis, ne biblia a nobis acciperent, et si 
quo modo possunt, obnituntur conatibus visitacionis etc. 8 )... 
tota religionis causa pendet ex hoc vno congressu. T<x%iotu 
Merseburgij postridie Galli 44 , . . 

7. 22. Oktober 1544. 

. . . Celsitudinis vestr^ litteras vt primum accepi ac 
pellegi, scripsi ad lllustrem Principem Augustum etc. ac 
significaui illius celsitudini mandatum a vestra celsitudine 
mihi esse, vt nonuullis de rebus ad illius clemenciam referrem. 

Dionisius acceptis litteris abijt Friburgum (nam isthic 
in hunc vsque diem venatur Princeps Augustus). post 
biduum retnlit hoc responsum, quod Celsitudo vestra leget 
ipsa. Fuerunt ante biduum apud eins sublimitatem Cancel- 
larius et Malticius 8 ). Sed promittit se breui Merseburgum 
rediturum. quum autem eadem ad celsitudinem vestram se 
scripsisse mihi significari iussisset, nolui celsitudinis vestrg 
litteras resignare, sed vna cum meis mitto. Reliqua nobilis 
ille adolescens narrabit verbo. De vino Jhene emendo 
renunciauerunt mihi Consules Jhenenses parum vini hoc anno 
prouenisse et magno nummo emi a ciuitatibus passim Alden- 

Kawerau, Jonas II 16 (vgl. die Berichtigung Enders 13, 824 1S ) ist 
sicher ersterer. Ueber beide vgl. Hertzberg, Gesch. der Stadt 
Halle a. d. S. II, Halle a. d. S. 1891, S. 370. 

6 ) Beide stammten aus Wiehe in Thüringen. 

*) Vgl. den Brief Nr. 4. 

*) Flemming S. 155 unten. Fraustadt S. 163. 

*) Hieronymus Kiesewetter und Christoph [oder Heinrich? Vgl. 
Brief Nr. 10] von Maltitz (Fraustadt S. 192). 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



33 


33 

burgo, Cygnea, Vinaria et alijs. Si celsitndo vestra emere 
isthic velit, necesse fore, vt mittat illo aliquem ex familia, 
qni que meliora sunt degustet et quam possit paruo emat. 
audio vendi ij fj, eciam ij taleris, vrnam, eynen eymer, vt 
vocant . . . Reliqua orania dei gracia salua adhuc sunt. 
Principi8 Augusti ad nos reditus vt gratus nobis ita incertus 
est. Vtinam adesset et vna celsitndo vestra cum illius sub- 
limitate colloqueretur. Hoc taudem signidcatum eciam 
volebam: Etsi nuper negabam me ad Commerstadium 1 ) 
scripturum esse, mutata tarnen sententia nihilominus scripsi 
per proprium nuncium de rebus communibus. quicquid respon- 
derit, idipsum celsitudini vestr§ quamprimum significabo . . . 
Merseburgij 4 a feria post Galli etc. 44 . . . 

8. 28. Oktober 1544. 

.. . Exarainati sunt nuper a me duo papistici parochi 2 ) 
aeque arrogantes et prefracti atque fuit monachus ille zcu 
Franckeleben 8 ). Quid dicam? hi duo papiste vna cum 
Monacho Franckelebensi accusauerunt me litteris apud Capi- 
tulum de stricto examine et nescio quibus alijs additis a se 
nugis. Capitulum scripsit Illustri Principi etc. Augusto duci 
Saxonie Friburgum et inseruit illas papistarum litteras. 
Illustris Princeps Augustus respondit valde, valde duriter 
Capitulo, ac inter cetera in hanc sententiam: se non credere 
Capitulum a suo affini ab Anhalt etc. vlla in re offensum 
esse, deberent igitur omnibus modis illius scilicet ab Anhalt 
ordinacioni, iussioni ac mandatis oranino parere, hoc se irre- 
fragabiliter veile et iubere ... ad has litteras sunt facti 
submissiores... Secundo adfuit proxima sexta feria [24. Okt.] 
Jonas adducens secum duas Alias natu maximas, quarum 
altera ex gingiuarum putredine laborabat. voluit chirurgicum 
quendam apud nos diuersantem consulere 4 ). hodie aduenit 
eciam Doctor Kilianus Hallensis Syndicus 6 ) nescio in quä 
caussa quorumlibet nobilium patrocinaturus. Nos visitatores 
quotidie varijs rebus distringimur, ita vt non liceat iustam 
operam rebus omnibus commissis impendere. Cras, hoc est 
postridie Simonis et Judg [29. Okt.], audiemus caussas matri- 

*) Über Georg Kommerstadt vgl. ADB. 16, 498. 

*) Vielleicht die zu Rössen und Leuna (Flemming S. 183 Amn.l). 

3 ) Vgl. oben den Brief vom 24. Juli 1544. 

4 ) Am 2. Nov. 1544 schickte Musa Jonas von dem Leipziger 
Arzte Sebastian Roth, den er für Jonas’ Tochter konsultiert hatte, 
Arzeneien, die dieser ihr verschrieben hatte (Kaweran, Jonas II 133, 
wo statt Fotum Roth zu lesen sein wird; über diesen vgl. Flemming, 
Zum Briefwechsel Philipp Melauchthons, Naumburg a. S. 1904, S. 41). 

8 ) Goldstein. Über ihn vgl. Nik. Müller, Die Kirchen- und 
Schulvisitationen im Kreise Belzig, Berlin 1904, S. 19—21. 

Archiv fOr Reformationsgeschichte IX. l. 3 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



34 


Digitized by 


34 

moniales von Luchaw illius, qui ob digamiam in vinculis 
tenetnr... valde veilem celsitudinem vestrara adesse. Fuerunt 
nnper Consiliarij zcu Friburgk apud Principem Augustum. 
sed quid egerint, perspectum non habeo . . . ego hodie 
Simonis et Jade mane concionatus sum, cras [29. Okt.| 
a prandio, deo volente, solita hora itidem. Sabato [1. Nov.|, 
quoniam agnnt omninm diuorum festum, itidem concionabor, 
qnoniam ita promisi et adest certe satis magna auditornm 
frequentia Sacerdotnm etc., sed a prandio perquam pauci 
adsunt. dicitur quendam vicariornm egrotare, sed quis sit. 
non teneo ... Merseburgij die ipso Simonis et Jude 44 . . . 

1. Beilage zu Nr. 8. 

Eciam hoc Celsitudini vestr^ significandnm duxi 
Dominum Doctorem Oommerstadium ad me de 
ordinacione conscribenda scripsisse. Qnod si principes id 
omnino flagitant, valde metuo oportere nos ad eam parandam 
accingi . . . Deinde sex ciues ex plebe zcu Hanstedt 
venerunt ad me hodie et petiuerunt sibi dari paroehum senem 
illnm virnm, de quo antea significaui, et grauissime con- 
queruntur se sine parocho dimidiatum iam annum vixisse et 
pene redigi in turcas, adeo sine predicacione verbi enadunt 
rüdes etc. Quamobrem concessimus nos reliqui visitatores. 
ut ille parochus, quem ipsi petunt, interim parochialibus 
fungatur officijs, donec celsitudo vestra redeat . . . ! ) 

2. Beilage zu Nr. 8. 

Quod pene oblitus eram, Abbas Petri 2 ) fuit paucis preteritis 
diebus bis H a 11 i s et multos dies isthic constitit, nomine, ac 
si apud medicum opem quereret. Sed certo scitur eum 
ascendisse ad arcem Mauricianam ad Coadiutorem 8 ) isthic et 
pecijsse ab eo consilium, Si Princeps Augustus vellet illi 
monasterium eripere, quid illi faciendum esset. Deinde 
pecijsse eciam, vt Halliro reciperetur ac alicubi ad vitam 
sustentaretur. Ista certa sunt. Hinc mire insolescit Abbas 
nugator ille, Sed si hoc Principes nostri optime rescirent. 
metuo, vt istud Abbati esset bene cessurum etc. 

9. 2. Dezember 1544. 

Schickt Brief von Kommerstadt, quibus significatur 
Superattendentum nonnullos ad diem Joannis Enangeliste in 

J ) F1 e m m i n g S. 154 unten. 

*) Wolfgang Gräfinger (Fraustadt S. 159 U: 250, Flemming 
8. 174 unten). 

s ) Markgraf Joh. Albrecht von Brandenburg-Ansbach (Hertz¬ 
berg II, 151. Enders 13, 309 7 . 324 1S ). 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



36 


35 


Cellam hand procul ab Dresda sitam euocatos esse 1 ), 
quemadmodum ex litteris celsitudo vestra vberius cognoscet, 
qne conuocacio valde me sollieitum habet vel hac potissimum 
caassa, quod ignorante nec vocata siinnl celsitudine vestra 
id hat et ecclesiastice gnbernacionis constitacio penes illos 
collocetar, qni non soiam snbditi esse debebant, verum nec 
intelligent eciara, quomodo administracio tarn sublimis constitni 
debet. equidem, quorsum ista tendant, nulla possum coniectura 
conseqni, varig mihi suspiciones suborinntnr . . . Schickt 
seine Antwort an Kommerstadt 2 ). Der Dresdener Bote, der 
Kommerstadts Brief brachte, dixit Illustres Principes veuatum 
abijsse ad sex miliaria a Dresden, Delectos vero, qui Dresdam 
euocati fnerant, discessisse rnrsum, ac addebat nuncius se 
pntare ante Natalem Christi vix hoc concessurnm Illustrem 
Principem Augnstum. ita res nostrg non diöeruntur tantnm, 
vernm qnotidie aliam atque aliam faciem eciam sorcinntur . . . 
Merseburgij 3 a feria post Andree 44 . . . 

Beilage: Mnsas Brief an Kommerstadt vom 2. Dexember 1544. 

Hat K.s Brief empfangen mit der Meldung, daß Herzog 
Moritz etliche Superattendenten „vff Joannis Euangeliste schirst 
kunfftigk kegen der Cellen“ erfordert habe. Wundert sich, 
„daß meine gnedige Fürsten zeu Sachsen etc. diese grosse 
wichtige Sachen deß geistlichen regiments vnd Consistorium 
halben auff die Superattendenten ym lande wollen stellen vnd 
wirt mein gnediger herre zeu Anhalt etc hyrynnen vbergangen, 
deß gnad dise Sache am höchsten betrifft, der sol anderer 
et se multo, mnlto indocciorum et inferiorum hominura iudicio 
et cognicioni gestehen, daß, sage ich, wirt nicht mich alleyn. 
sondern auch S. F. G. zeu Anhalt etc. gancz höchlich ver¬ 
wundern . . .“ Merseburg, Dienstag nach Andrea 44. 

10. 5. Dezember 1544. 

. .. hesterno vesperi hoc est postridie Barbare 8 ) redierunt 
ex Dresda Strenui ac preclari viri domini Consiliarij et 
attulerunt litteras bas, quas mihi commendarunt, vt celsitudini 
vestr§ reddi curarem. misi igitur extemplo atque illas accepi. 
D. Doctor Commer8tadius cum Ernesto a Miltitz 4 ) 


*) Ueber diese Konferenz vgl. Westphal, Zur Erinnerung 
S. 49f., Sehling, Die Kirchengesetzgebung unter Moritz von Sachsen 
und Georg von Anhalt. Leipzig 1899, S. 39 ff. 

*) S. Beilage zu Nr. 9. 

*) Das wäre Freitag der 5. Dez. 1544. An eben diesem • Tage 
ist aber der Brief geschrieben. Entweder steckt also in dem hesterno 
vesperi oder dem postridie Barbare oder dem Datum am Schluß ein 
Fehler. 

4 ) E. v. M. auf Watzdorf. 

3 * 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



36 


36 


Digitized by 


etD. D. Strambergero 1 ) lypczensi proxime elapsa quinta 
feria [4. Dez.] hic pernoctarunt, abituri legati nescio quo 
missi ab lllustri Principe Mauricio. vocarunt me ad coenam. 
D. D. Commerstadius a me de nonnullis articulis ad celsitudinis 
vestre et officium et dignitatem attinentibus admonitus respondit 
in his, qu§ iam allatg sunt, litteris ad singulos pro 
necessitate Celsitudini vestr§ responsum esse, cum autem 
de Cancellariatu amplius interrogarem, dixit post multam 
deliberacionem tandem constitutum esse, vt ex Cancellaria 
subornarentur vicecancellarij lypsie, Es solt bey der Cancelley 
bleyben. Hic ego addidi matrimoniales et alias difficiles et 
odiosas caussas in celsitudinem vestram reiectas iri, ill«^ 
vero, que paululum honoris, commodi vero nihil haberent, 
in aularetineri. tum respondit: si iypczensis vniversitas suppli- 
cauerit, forte reddetur Cancellariatus lllustri Principi An- 
haltensi. boc colloquio paucis verbis finito dixit se breui 
huc rediturum etc. Oruatissimus vir D. D. Cancellarius 
Merseburgensis 2 ) non temere profectus est in hac proxima 
legacione Dresdam. Nam volentibus ac petentibus vtrisque 
Principibus desponsa illi est filia D. Doctoris Commerstadij, id 
quod D. D. Commerstadius ipse mibi dixit et Cancellarius 
(dumsalutemillioptarem)affirmauit... Dominus Fra n ciseus 
aSchonnebergk proxima dominica aduentus [30. Nov.] 
concioni mane interfuit summaque diligencia vsque ad aliorum 
circum stancium admiracionem eciam auscultauit. lllius eciam 
caussa institutam concionem ad illins ingenium accom- 
modaui . . . sexta feria post Barbare 44 . . . 

10. 8. Februar 1545. 

Dankt Gott, daß er Georg trotz des schlechten Wetters 
heil und unversehrt nach Dessau geführt hat. Wir haben 
die Visitation am festgesetzten Tage angefangen, Strenuus 
a Waithhausen 8 ) non adfuit, qua causa, ignotum omnibus 
nobis est, pergemus deo aspirante cras [9. Febr.] et reliquis 
diebus. Ego proxime elapsa sexta feria [6. Febr.] non conci- 
onatus sum, hac vna causa, vt visitacionis causas proueherem. 
Dominus Ernestus 4 ), compater meus, et dominus Theo- 
dericus 6 ) diligenter suam operam ad visitacionis negocia 
adhibuerunt strenue. 


] ) Joh. Stramburger. Über diese Räte Moritz’ von Sachsen vgl. 
Brandenburg, Politische Korrespondenz des Herzogs und Kur¬ 
fürsten Moritz von Sachsen I und II, Heg. s. v. 

*) Hieronymus Kiesewetter, s. o. den Brief Nr. 7. 

*) Lorenz von Walthansen zu Teuditz sollte als Vertreter der 
„Landschaft“ an der Visitation teilnehmen. Flemming S. 155. 

4 ) Ernst Brotauff. Flemming S. 157f. 

8 ) Dietrich Redet. Flemming S. 156. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



37 


37 


Schickt einen von ihm auf Befehl Georgs erbrochenen 
Brief Herzog Moritz’ mit Randbemerkungen an Georg. Quis 
vero Theologus ille germanice lingu§ expers fuerit, cognoscet 
celsitudo vestra ex literis Danielis Parochi Dresdensis 1 ), 
quas simul mitto 2 ). Intelligo illum Theologum ab eodem 
parocho nobis obtrusum. adeo ducuntur affectibus quidam, 
quorum pocior cura esse debebat, vt sue funccioni recte 
preessent etc. odi Ttn'kvjrQayf.ioovvovg etc. Commendauit 
nobis idem Daniel ludimagistrum quendam Posniczensem a 
nescio quauta erudicione, verum examinatus fatebatur se 
neque in veteri neque in nouo testamento quicquam vnquam 
egisse, et nihilominus habebatur Danieli valde doctus ac 
liguus, qui ad locupletem aliquam paroeciam sufficeretur. 
dos autem cum tanta erudicione illum Danieli remisimus ac 
nomine consistorij rescripsimus non posse a nobis talem ad 
nllam paroeciam admitti, qui sponte fateretur se scripturam 
vunquam legisse. Schickt einen Brief Kommerstadts . . . 
ncripsi bas dominica vesperi ad lucernam, nam hodie per 
Sccupaciones non licuit . . . 

De rebus nouis nihil peculiariter habeo. Paceus 
superori quinta feria [5. Febr.] cum Questore Lucensi 8 ) 
hic fuit. is narrauit se pro certo audiuisse Imperatoriam 
maiestatem tribus periculosissimis morbis ad vite vsque metum 
decumbere 4 ). Contra hodie pransus sum a pomeridiana con- 

') Daniel Greser (Greiser). Vgl. über ihn Beiträge zur sächs. 
Kg. 15 (1901), S. 227ff.; 20 (1907) S. 2-18 ff 

*) Gresers Brief an Musa vom 22. Januar 1545 ist im Zerbster 
Archiv vorhanden Ueber jenen Theologus heißt es da: „Rogavi 
proinde [Objekt: Kommerstadt] pro illo doetore, qui ex Bobemia pulsus 
est a Ferdinando ob evangelion, qui etsi germanicam linguain perfecte 
sonare et respondere nequeat, tarnen eam intellegit et sic satis iuter- 
rogantibus reddit. Est homo mire modestus ct affabilis, doctus et 
pius: Nomen illi est Doctor Wentzeslaus Brodensis. Agit iam Witten- 
bergae et ex meris vivit eleemosinis ainicornm, multa aureornm millia 
evangelii ergo amisit.“ Wimer 1546/47 als „Wentzeslaus Brodensis 
Bohemus doctorandus theologiae“ in Frankfurt a. 0. immatrikuliert. 
Vgl. ferner CR. VI 501, 517. 742. VIII 118 ein Brief Melanchthons 
vom 1. Juli 1553, überschrieben: . . . Venceslao Brodensi Doctori 
Theologiae, fratri suo carissimo in Russia. Er ist gewiß auch der von 
Moritz empfohlene Theologe, der bei Franstadt S. 18-4f. erwähnt wird 
(„der deutschen Sprache uieht fast geübet“). — In demselben Briefe 
empfiehlt Greser deu ludimagister Polsuicensis (Pulsnitz; Musa schreibt 
irrig: Posniczensem). Er hieß Joh. Kift'ler von Hertzburgk und wurde 
am 7. Febr. 1545 geprüft (Merseburger Examenbuch Bl. 55) mit fol¬ 
gendem Resultat: „Tenet quidem verba decalogi et exposicionem eius 
iuxta iuterpretationem Lntheri in minore catecbismo. de Evangelio 
nihil tenet, ne verbum quidem, imo palam fatetur se non legisse aut 
perquam paruin legisse tum in veteri tum in novo testamento; missus 
fuit ad nos ab parocho Dresdeusi, illi remissus est, quia fuit valde tenuis.“ 

*) Lützen. 

*) Vgl. Briefwechsel der Brüder Ambrosius und Thomas Blaurer 
1509—1548, herausgeg. v. Tr. Schieß II, Freiburg i. Br. 1910, S. 350f. 


Digitizeit by 


Gck 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



38 


38 


Digitized by 


cione apad D. Doctorem Cancellarium, vbi assidens mihi 
Strenuus vir Henricus a Maltitz Magister curi§ dacalis 
Merseburgij 1 ). is dixit Imperatorem iucolnmem esse et hac- 
tenus in extinguenda crudeli et miranda quadam secta in 
inferiori germania nuper autore quodam nescio quo propheta 
orta hactenus impeditum fuisse, alias maiestatem eius ad 
conaentam Imperialem iampridem venturum fuisse et se 
existimarp, quod iam adsit. Sponsa D. Doctoris Cancellarij a ) 
nostri proxime pr^terita sexta feria [6. Febr.] yesperi sub 
□octem huc Merseburgum illi aduecta est comitata matre. 
heri hilarem diem transegerunt. bodie rogauit, vt ad se 
venirem. veni, prandebam, donabam munus nupciale et abij. 
parant abitum in diem crastinum. largiatur Christus, vt 
feliciter redeabt Dresdam . . . Dankt für ein Faß Zerbster 
Bier . . . Datum Merseburgij dominica Sexagesinxj 45 . . . 

11. 18. Februar 1545. 

. . . Strenuus ab Walth-hausen proxima 2 a feria 
[9. Febr.] venit ad nos et visitacioni hactenus Strenue inter- 
fuit. procedit eciam visitacio dei gracia. satis feliciter. Ex 
aula nondum quicquam acccpimus eorum, que Celle con- 
stituimus, et miror de procrastinacione. Doctor Knetlingk 8 ) 
et alius quidam Doctor hic fuerunt in aula versati dies ali¬ 
quot. Sed Knetlingk non compellauit quemquam nostrum, 
quia hospicio erat apud Decanum, neque quid hic egerit, 
cognoscere potui. Reliqua orania per dei graciam recte 
adhuc geruntur. Dominus laurencius 4 ) vult bis carnispriui- 
alibus diebus parat iter lypsiam ad aegrotantem vxorem [!], 
rediturus post nonnullos paucos . . . Merseburgij 6 ta feria 
post Scholastice 45 . . . 


Beilage za Nr. 11. 

Illad eciam celsitudini vestrg significatum volebam, quo- 
niam triduo illo carnispriuiali (vt vocant) [16.—18. Febr.J 
vulgus prgter solitura bibendo ac sese ingurgitando insanit. 
ne igitur prorsus essent äkoyoi, decreueram eo triduo 
mane octaua hora concionari vel ad s. Maximum vel in 
nostra ecclesia vel ubicunque videretur, id euira in alijs 
vrbibus, vbi ecclesijs prefui 5 ), solitus fui facere. volo tarnen 
celsitudinis vestre sentenciam audire etc. 


») Vgl. Brief Nr. 7. 

2 ) Vgl. den vorhergehenden Brief. 

:t ) Joachim vou Knethling. Vgl. Brandenburg s. v. 

4 ) Reynhurt. 

5 ) Erfurt, Jena, Roclilitz. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERS1TY OF MICHIGAN 



39 


39 


12. 5. Hftrz 1545. 

. . . Hat Georgs von großer Fürsorge für die Merseburger 
Kirche zeugenden Brief erhalten . . . Ceterum, vt Celsi- 
tudinem vestram a curis nonnihil liberem, ordine exponam 
cuncta, que hic interim gessimus, potissimum diebus illis 
furiosis, quos carnispriuium vocant. Dominica Esto mihi 
{lö. Februar] bis pro more coucionatus sum, Secunda [16.] et 
tercia [17.] ferijs sequentibus in templo Maximi de poenitencia 
dixi magna vulgi frequencia, Die Cinerum [18.] de poeni¬ 
tencia iterum ad clerum latine declamaui in summa ecclesia, 
Quinta [19.] et Sexta[20.] ferijs octaua antemeridiana hora liben- 
ter id concedente Decano solitas conciones de tercio pr^cepto 
babui, Eodem biduo A prandio circiter vespertinam horam coepi 
exercere catechismum cum puerili aetate in nouo foro 1 ), Sabbato 
121.) post completorium orsus sura de confessione dicere, finita 
eadem concione hymnura: „Christe, quilux“ germanice cantari 
iussi. ln hunc modum transegimus eam septimanam. Dominica 
Inuocauit [22.] iterum pro more concionatus sum, Tercia [24.] 
et Quarta [25.] ferijs post cepi catechismum in Ecclesia 
Maximi a prandio pueros docere, vt quattuor diebus tractetur 
catechismus, Tercia scilicet et Quarta feria Maximi, Quinta et 
Sexta in nouo foro, et eura laborera ego hactenus subij. Nara 
Sacerdotulus ille, qui lunam 2 ) destinatus erat et nunc in 
xenodochio alitur, valde ineptus ad eum laborem mihi videtur. 
pr^terea pr§ter Celsitudinis vestr§ iussionem arrogabat sibi 
munus pastorale in nouo foro, ministrauit aegrotis eucharistiam 
etreliqua munera Ecclesiastica tentare ausus fuit, prgterea cum 
Consule in nouo foro insolenter expostulauit, quod non 
agnosceret eum suura parochum. ego vero cum id illi 
prohiberem, passim ab eo accusor ac varijs conuicijs pro- 
scindor, in summa eß ist eyn baderknecht, veilem tales 
omnino amotos. Ea de caussa cogor catechismum in illa 
ecclesia ipse exercere. 

Visitaeionem lucellanam 8 ) hoc biduo absoluimus. 
pulchre processit, omnia recte mibi transacta videntur. vnum 
tantura vehementer me cruciauit, quod, cum ruricolas ex 
singulis pagis ad visitaeionem accersitos interrogaremus, an 
decalogum, Symbol um et dominicara pr^cacionem nossent, 
eomperimus ceutesimum quemque vix pauca verba tenere, 
nedum totum decalogum, Symbolum aut precaciouem 
pronunciare posse. o pastores, quid respondebitis seuero 
indici Christo pro tarn irrepar^biliter vastata vinea domini! 

') Vorstadtgemeinde Neumarkt hei Merseburg. F 1 e m m i n g 
8. 170 und 173. 

*) Leuna. Flemming S. 184. 

•’) D. h. im Amt Lützen. Flemming S. 185ff. 


Digitizeit by 


Gck 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



40 


40 


Digitized by 


Nos quam potuimns serio iniunximus illis, vt discerent, minati 
excommuqicacionem, p§nam pecuniarum et careeres, nisi 
discerent. hic boni rustici attoniti summa fide promiserunt 
sese omnibus viribus adnixuros, vt ista discerent et posthae 
doctiores ad visitacionera venirent. vehementer mouit me 
hoc malum 1 ). 

Que vero reliqua ad officium ecclesiasticum pertiueut, 
ea pro virili exequar. nulla negligentia dei misericordia 
hactenus admissa est, largiatur Christus, vt posthac quoque 
singula recte procedaut. Laurencius dominica Esto mihi 
[15. Feb.] abijt Lipsiam ad vxorem nonnihil aegrotantem, sed 
reuocatus a me redijt Mersburgum eadem septimana sexta feria 
[20.]. Erant quidam ministri quorundam nobilium, qui Merse- 
burgij tanquam obsides in diuersorio bey dem Schoten diuer- 
sabautur die noctuque sese ingurgitantes. illi dominica Esto 
mihi [15.] vesperi in discordiam excitati mutuis sese vulneribus 
confecerunt, ita vt vnus illorum postridie vita decederet. is vero, 
a quo vulneratus fuit, deprehensus Sabato post Cinerum [21.] 
eadem videlicet septimana pgnas capite dedit vicissim, quem 
nos, cum ad supplicium duceretur, comitati verbo dei con- 
solabamur, ita vt salubriter extremam horam subire mihi 
videretur. 

Celsitudinis vestrg absenciam, etsi optaremus presenciam, 
tarnen, quia isthic quoque habet Celsitudo vestra que agat 
necessaria negocia, aequo vt debemus animo perferimus. 
Rogo autem, vt primo quoque tempore ad nos festinet. 

Qu§ ad visitacionem attinent, sedulo curauimus. diligentes 
adfuerunt Streuuus a Waldhausen, Dominus Ernestus 
et Theodoricus. nulli pepercerunt labori. quanta 
potuimus cura et diligencia omnia transegimus. 

Gratum mihi id quoque est Dominum Doctorein 
Lutherum in prouehendis rebus ecclesiasticis operam et 
Consilium suum celsitudini vestr^ promisisse. de consultacione 
nostra Celle habita nihildum ad nos remissum est. fuit 
hesterno die [4. März] apud nos parochus et Superattendens 
zuWeyssenfelß 2 ). is significauit mihi nostram Celleusem 
consultacionem Lypsim ad Theologos missam esse et isthic 
a Tbeologis perceuseri. 

Illustris Princeps Augustus hesterno die hoc est quarta 
feria post Reminiscere [4. März] Merseburgum venit. quanto 
autem tempore hic mansurus sit, me et multis alijs clam 
est . . . 


*) F1 e m m i n g S. 163. 
2 ) Wolfg. Stein. 


Gck 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



41 


41 


Que de Theologo Gessensi 1 ) parocho indicata 
raibi saut, grata ipsa quoqne mihi sunt, boc tantnm celsi- 
tudinem vestram admonitam supplex veilem, vt sciscitari 
iuberet, quis esset ille Theologus, nam audio in eadem regione 
in quopiam pago, et haad scio au Gessen sit, parocbam esse 
qaendam coguomine Cordatum 2 ), qai alias Cygnee 
coucionator fuit. Si in enndem celsitndo vestra incideret, 
premonnisse veilem, vt ab eo abstineretur. nam est sediciosus 
et mire impndens declamator. 1s vero, qni Numburge est 8 ), 
cuins antea quoqne apud Celsitudinem vestram mencionem 
feci, iterum apud me sollicitauit, Et est satis probe doctus 
et supra quinquagesimum aut circiter annum> Ego eum noui 
et veilem ad nos accersitum, modo id commode fieri posset. 
Quare sic censeo, vt celsitudo vestra hoc negocium suspendat 
vsque ad reditum ad nos ... 

Postridie quam celsitudo vestra discederet hinc, 
Canonicus quidam Sixtinus 4 ) vita defunctus est, 
nomine Caspar Seydeman. illius prouentus possent 
interim adijci ad Salarium concionatoris, quemadmodum 
presens deo volente celsitudini vestr§ exponam. Est eciam 
interim quidam vicarius mortuusnomine Sebastianus, 
reliquit domum elegantissime exedificatam intra duos illos 
muros, eum per portam exitur in ciuitatem. valde oportunum 
esset illa de re colloqui cum principe Augusto. mea verba 
nou magni erunt ponderis, tarnen, si daretur copia, proponerem. 

Esocem prggrandem illum accepimus ... et quadri- 
fariam partitum vnicuique partem dedimus, Waldhausen, 
Ernesto, Theodorico singulis singulas partes . . . 

Merseburgij quinta feria post Reminiscere 45 . . . 


13. 10. März 1545. 

Die Kunde vom Tode optimi viri Forchemij 5 ) war mir 
um so schmerzlicher, als ich gehofft hatte me futura aestate 
iucundum aliquod exercicium Theologicum cum illo ini- 
turum fuisse . . . 

. . . sabbato proxjmo scilicet post Reminiscere [7. März] 
misit Illustris Princeps Augustus etc. in Consistorium Codi- 


J ) Jessen. Wohl Wolfgang Braun, den Luther am 20. März 1545 
dem Kurfürsten als Nachfolger Spalatins empfahl (Seidemann- 
de Wette 6, 372). 

2 ) Cordatus war damals vielmehr Superintendent in Stendal, wo 
er 1546 starb (Nik. Müller, Belzig S. 71). 

*) Georg Mohr, seit 24. Aug. 1544 Domprediger in Naumburg, 
vgl. Albrecht, Theolog. Sfud. n. Krit. 1904, S. 81 Anm. 1. 

*) D. h. vom Unterstift St. Sixti. 

5 ) Georg Heit j- 6. März 1545. 


Digitized by 


Gck 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Ai 


42 


Digitized by 


cillum, qao continetar totam negociuro Cousistorij x ), quo- 
modo in caussis matrimonij decernere, quid eciam ac quo- 
modo in rebns Ecclesiasticis agendum nobis Bit, deinde 
raisit eciam ingens diploma pergameno scriptum ac duobus 
ingentibus et elegantissimis signaculis vtriusque Principis et 
Mauricij et Augusti consignatum, quo continetur confirmacio 
Oon8istorij, que quia ad celsitudinem vestram maxime per- 
tinere videbantur, primo statim tempore mittenda duximus. 
Das Codizill schicken wir im Original, vom Diplom eine Copie. 

Proxime elapsa quinta feria [5. März] scripsi Supplicatorias 
ad Principemlllu8trem Augustum,quibu8 pecij admitti ad pr§sens 
colloquium, sed toto triduo venacioni intentus nihil respondit. 
Heri, hoc est dominica Oculi [8. März], cum ingrederer templum, 
venit ad me D. Cancellarius ac dixit Jussisse Illustrem Prin- 
cipem Augustum, vt, si quid haberem, sibi recenserem. cum 
igitur intelligerem me ipsum non admittendum esse, indicaui 
D. Cancellario, que vestra celsitudo mihi mandauerat. Sed 
nihildum mihi responsum est. . . Subsistit adhuc apud nos, 
sed quamdiu, id ignoramus. Audiuit hesterna dominica 
concionem. Ecclesia dei gratia quotidie crescit. Ego quic- 
quid et possum et debeo pro mea virili strenue ago. 
Canonici diligentes bactenus fuerunt in audiendis concionibus 
atque ipse eciam decanus . . . 

Mitto celsitudini vestr§ stulticiam, declamaciunculam 
dicere volebam, habitam a me die Cinerum [18. Febr.], quam 
multitudine negociorum obrutus pene recognoscere non valui, 
impendi illi dictand^ et scribend§ non nisi vnura diem . . . 
Mitto eciam hymnos quosdam a Gygante 2 ) ludimagistro in 
Porta ad me datos, qui valde mihi placent, vt celsitudo 
vestra[!] desyderium sublati Forchemij nonnihil leuent. nos 
hic omnem eius suppellectilem inclusam obsignauimus . . . 
claues mihi demandaueruut D. Ernestus et Theodericus ... 
Ex D. Cancellario heri audiui Imperatoriam maiestatem 
nondum venisse ad Conuentum et adeo illam languere, vt 
se iam ligno Guaiaco committere velit 8 ) . . . Merseburgij 
3 a feria post Oculi 45 . . . 

*) Es wurde am 11. Februar 1545 errichtet (Flemming S. 146). 

2 ) Vgl. über ihn Flemming. Briefe u. Aktenstücke zur ältesten 
Geschichte von Schulpforta, Naumburg a. S. 1900, S. ltiff. Im Mai 
1544 war Gigas nach Pforta übergesiedelt (S. 18). In den Epistolae 
Martini Lutberi et Philippi Melanchthonis ad Principem Georgium de 
morte Georgii Ilelti, Lipsiae in officina Valentini Papae 1548 steht am 
Schlüsse ein Epitaphium auf Heit von Gigas vom 17. März 1545. Offen¬ 
bar hatte Gigas die Verse damals zunächst handschriftlich Musa über¬ 
sandt; „hymnos“ nannte dieser sie im Hinblick auf die frühere Ver¬ 
öffentlichung des Gigas: Hymni aliquot et innocua poemata, Lipsiae 
ex officina Valentini Papae 1544. 

3 ) Vgl. Brief Nr. 10. 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



43 


43 


14. Bald nach 1. April 1545. 

.. . Venit ad me qaidam ex Wittemberga, qni has litteras 
attulit, qaas celsitudini vestrg mitto. is narrauit Egregiam 
viram dominum doctorem Pomeranam quarta feria post 
palmarem [1. April] a duobas fratribas, filijs doctoris olim 
Crausen, qui ante aonos aliquot hallis se ipsum interfecit *), 
Wittemberge ex suis ipsius aedibus ab illis fratribas euo- 
catum et paucis verbis factis euaginatis gladijs parum ab- 
fuit quin Pomeranum occidissent, quod horrendum factum etsi 
omnipotens pater auertit, tarnen vestram celsitudinem hoc 
vesperi celare non potui 8 ). in tanto periculo versamur 
nos miseri professores Euangelij et Christi Jesu domini 
nostri etc. cras deo propicio hac de re narrabit ille idem 
studiosus plenius . . . 


15. 8. Juni 1545. 

. . . Que Spangenbergius 8 ) respondit, non tarn grata 
quam necessaria sunt, et nisi successore quopiam onus meum 
nonnihil leuetur, haud credo me id ferre tandem posse . . . 
vires me destituunt, parum abfuit, quin hesterno die in 
suggestu concidissem, et nisi id pr§sensissem, nullo modo 
renunciassem pomeridiang concioni. Sepe rogaui supplex, vt mei 
racio haberetur. id adhuc rogo. Si vnum tantum mensem 
paululum quietis mihi concederetur, sperarem me pristinarum 
virium recuperaturum aliquid. iam vero nulla die vlla mihi 
conceditur tranquillitas. Die Ehesachen würde ich gern (vt 
illius professionis ignarus) an die Juristen abgeben ... An 
non pocior est Ecclesiarum cura, an non cor vrit horribile 
hoc malum, quo laborat tota hec dicio, quod in hoc vni- 
uerso Episcopatu ne vnus quidem rusticorum sit, qui recte 
et integris verbis pronunciare queat decalogura, Symbolum, 
precacionem dominicam, de baptismo et eucharistia? . . . 
interim ex illo cetu multi ex vita decedunt in tali inscicia. 
queso, an queant tales saluari, cum Christus Beatos pro- 
nunciet eos tantum, qui audiunt et custodiunt verbum dei 4 )... 

Reliqua negocia omnia sunt mere prophana et faciunt 
nos (illorura tractatores) eciara prophanos et sunt aliud nihil 
quam ministraciones rnens^, vt in actis 5 ) dicitur . . . 

*) Am 1. Nov. 1527, Enders, Luthers Briefwechsel VI, 147*, 
VfII, 378*, Weimarer Lutherausg. 30*, 402*. 38, 123 * u. a. 

*) Vgl. den Bericht des Justus Jonas an Fürst Georg vom 
1 4. Febr. über einen Studeutentumult in Wittenberg (Kawerau II146). 

*) Joh. Sp., Pfarrer an St. Blasii in Nordhausen (RE* XVIII 563ff.). 

*) Luc. 11,28. Flemming S. 163. 

5 ) Apg. 6, 2. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



44 


44 


Digitized by 


In prefectura, que hnc ad arcem Merseburgensem attinet, 
quam [!] vulgo daß kuchen ampt appellatur, tanta fuit diebus 
illis pentecostes [24. Mai] rustieorum ingurgitacio, tantus 
clamor, cborea diu integrisque noctibus. mane in aquis con- 
gressi sunt, morgenß haben sye vff dem wasser gestochen, 
ante concionem, magno concursu vulgi, magna templornm 
inanitate. lbi nullus est Principis prefectus, qui prohibuisset, 
nulli consiliarij, qui precauissent, ad ista conniuentur, ab 
hesterna crapuia ad me curritur et in me debacbatur, sed 
h6c alias, sed satis... ex aedibus meis 2 a feria post Corporis 
Christi 45 . . .' 


16. 22. Juoi 1545. 

... quod mibi nunciari celsitudo vestra per Capitaneum 
Rederum 1 ) iussit, dolenter audiui, et non parum miror 
talium ovojv confidenciam, qui Hessiacos mores in nostram 
Ecclesiam inuehere conentur 9 ). Perlegi inane hoc commentum, 
quod ad lllustrem Principem Mauricinm Principem Saxoni§ etc. 
dominum meum clementissimum nuper dedit 8 ). nihil est 
aliud quam inanis ßaxxokoyia, in qua multa verba facit, 
quibus nihil rerum subest, nuilo solido et e scriptnra deprompto 
argumento vtitur. dioit enim, si in consecracione sacerdoe 
se ad populum vertere deberet, periculum fore, vt venticulo 
aliquo de patena particulae deflarentur et magna irreuerencia 
hoc modo Sacramento contingeret. Pulchrum commentum! 
simili stulticia vsi sunt veteres: si laici altera Sacramenti 
parte vti deberent, fieri posse, vt illis ex ore aliqua guttula 
destillaret in terram; ad vitandum hoc periculum neganda illis 
est altera sacramenti species, nempe sanguis ... ac tandem 
eo euadit, vt nolit eleuari Sacramentum neque velit Sacer- 
dotem ad populum versum in conspectu illius consecrare. 
Si igitur non debet eleuari'et ostendi Ecclesi§ corpus Christi 
neque consecrans Sacerdos se ad conspectum popnli vertere 
propter hanc solam caussam, ne vulgus intueatur corpus 
Christi, ergo in quopiam tenebroso angulo consecrandum erit, 
ne quisquam videat consecratura corpus. deinde nullis nisi solis 
cfcis dandum, aut Omnibus, qui vtuntur, obuelandi sunt oculi, 
ne videant, quam rem edant aut bibant. . . Ritnm illum, vt 
consecrans Sacerdos ad populum se vertat, fateor me Antonium 
Musam L. instituisse et Jhene seruasse totum duodecennium 4 ), 


J ) Oswald Röder (Flemming S. 155). 

*) Geht auf den Dresdener Pfarrer Daniel Greser, vorher Pfarrer 
in Gießen. 

s ) Im Namen mehrerer Superintendenten hatte Greser ein Schrift¬ 
stück hei Herzog Moritz eingereicht, in dem er sich u. a. gegen die 
Elevation aussprach (Westphal, Zur Erinnerung S. 49f.). 

4) 1524—1536. 


Go 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



45 


45 


quo tempore tota vniuersitas Wittembergensis bis Jhenam 
eonfugerat propter pestem et siogolis vicibus istbie versata 
est ad dimidiatam aonum 1 ). Fuit istbie semper Philippus, 
Preterijt aliquocies Lutheras et ibi concionatus est, qui ambo 
cum tota sehola ritum illum toto dimidiato anno präsentes 
viderunt. et uon a reliqua sehola solum, verumeciam a 
Pbilippo et Luthero vehementer commeodatus est, et optaruot 
talem morem in Ecclesia Wittembergensi institui posse, id 
quod neuter illorum ne hodie quidem negabit 2 ). Institui postea 
eundem morem Rochlieij, priusquam Hessus ille in Mysniam 
veniret 3 ), neque opus habeo, vt ecclesiarum administracionem 
ab illo Hesso discam. Vtinam isti disciplinatores, si bene 
Ecelesias suas disciplinare vellent, instituerent publicam ora- 
cionem, qua vulgus in genua prolapsus aliqnamdiu cum vera 
cordi8 meditacione oraret, sicut Jhene et Rochlieij ego in- 
stitueram, deinde circa finem itidem publicam graciarutn 
accionem instituerent, quemadmodum deo propicio Merseburgij 
aliquando instituemus. Ipsi nuliam curam vulgi habent, illorum 
parum refert, teneat populus an non teneat oracionem . 
dominicam. Scio certo in ipsa quoque vrbe Dresdensi multos 
adultos repperiri, qui precacionem dominicam nequaquam 
saltem rectis et integris verbis pronunciare queant. Ibi 
deberent iactatores illi discipling curam suam intendere, sed 
hic surda aure transeunt et occupantur interim stultis n^nijs, 
veluti magnis rebus, de festis, de Corocco et alijs nugis ... 

Illustris Princeps, ego obiter ad scriptum illud Danielis 
nieam sentenciam adieci, quia non vacabat pluribus scribere. 
Celsitudo vestra curet illud describi et seruet originale 
exemplar . . . octava die Viti 45 . . . 


17. 22. Juni 1545. 

. . . Magister Andreas Ernst Northusanus 4 ) 
rescripsit se condicionem Lauchensem accipere veile et 
heri [21. Juni] isthic concionatus est 6 ). scripsi senatui, vt 
vna cum illo Merseburgum veniret ad confirmandura pactum. 

Magister Joannes Gygas, ludimagister in Porta, ex 
Wittemberga reuersus hac transijt et me salutauit. ac primum 


*) August 1527 bis Juni 1528, Juli 1535 bis Febr. 1536. 

2 ) Über Luthers und Melanchthons Stellung zur Elevation vgl. 
Köstlin-Kawerau II 578, He^rlinger, Die Theologie 
Melanchthons, Ootha 1879, S. 144f., Flemming, Beiträge zur baye- 
isch en Eirchengesch. 16 (1910), S. 39ff., 0. Clemen, ZKO. 32,292f. 296. 

s ) Musa kam 1587 oder 1538 nach Rochlitz, Greser 1542 nach 
Dresden. 

4 ) Vgl. Kaveran, Jonas II 3. 166 oben. 
s ) Vgl. den nächsten Brief. 


Digitized by 


Gck 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



46 


Digitized by 


4<>. 


narrauit Danielem 1 ) cum suis complicibus Wittern berge 
fuisse. quid antem isthic egeriut, dixit se ueque ex Philippe 
ueque ex quoquam alio cognoscere potuisse. pr§terijt autem 
proximo Sabbato [20. JuniJ. Deiude narrauit sea sua funccione 
in Porta missionem irapetrasse et futuro Michaelis festo istbinc 
abiturum propter intolerabiles molestias, quibus ab Oeconomo 
illius monasterij 2 ) afficitur, neque adbuc se vllam funccionem 
scire aliam. bic ego cum eo collocutus tantum intellexi eum, 
facile posse ad nos transferri. Est in Porta integrum annum 
eciam concionatus et non vult amplius in pulueribus 
scholasticis versari, sed ad ministerium se conferre. dixit 
eciam: si Philippus sciret banc condicionem mihi offerri, certe 
suaderet, vt susciperem. Ego, quantum bominem noui, valde 
veilem eum nobis socium adhiberi propter insignem condicionem 
et animi moderacionem. Celsitudo vestra deliberet et 
percontetur Philippum 8 ). 


18. 24. Juni 1545. 

. . . Magister Andreas Ernst Northusanus, qui 
superiore dominica[21.Juni]scripserat se Lucbauie concionatum 
esse, buc Merseburgum neque Senatus Luchauiensis, quemad- 
modum per litteras iusseramus, non venerunt neque quicquam 
rescripserunt, vt mirer, quomodo ea caussa habeat. Spero 
tarnen bonum finera sortituram. Ulustris Princeps Augustus 
dux Saxonie etc. hac preterita nocte scilicet in vigilia 
Joannis baptiste [23.] curru vectus circiter primam horam 
post raediam noctem huc venit et hodie in die Joannis baptiste 
iterum abiturus est, vt retnlit Malticius, festinato itinere 
petiturus Dresdam. Ex Dresda a duee Mauricio nuncius 
nondum redijt. Reliqua per dei gratiam omnia adhuc salua 
sunt. Neque admodum multe caussg ad consistorium hactenus 
relatg sunt. Tantum hoc oro, Celsitudo vestra inquirat, quo¬ 
modo Hessus ille 4 ) nos Wittemberge traduxerit. quid 
lesimus hominem, quis Kay.odaii.itDV vrget illos ovovg? Intelligo 
eos doctring pure et summo studio (quo solo edificatur 
Ecclesia) tradend^ non admodum intentos esse. Sye wolten 

*) Greser. 

2 ) Michael Lemmermanu. 

*) Vgl. zam Vorstehenden Fleminiug, Briefe u. Akten zur 
ältesten Geschichte von Schulpforta S. 70 f., sowie auch die von mir 
in den Mitteilungen der Gesellschaft für deutsche Schul- und Er- 
ziehungsgesch. 17 (1907), S 238 ff. veröffentlichte Beschwerdeschrift 
der Pfortaer Lehrer über Lemmermann. — Uebrigens wurde dann die 
Merseburger Dompredigerstelle wirklich Gigas angeboten (Fraustadt 
S. 185). Dieser lehnte jedoch ab (vgl. seinen Brief an Fürst Georg 
vom 12. Aug. 1545 im Zerbster Archiv). 

4 ) Greser. 


Go 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



47 


47 


gerne eyn feyn euserlich bapstum wider haben, das mit eynem 
hessischen Senatu Ecclesiastico vnd anderen legibus fein ge- 
fasset were, doctrinam non perinde magnifacinnt... decalogu» 
est illis exigna doctrina, qnam diaconus aliquis aut aedituus 
singulis quattuor temporibus semel tradat, neque babent deca- 
logo opus, vt ad illius prescriptum forment confessionem 
suarn, possunt enim peccata sua aliunde satis cognoscere, non est 
opus decalogo .. . Merseburgij in die Joannis Baptist^ 45 . .. 

19. 12. September 1545. 

. . . noua hic nulla sunt, nisi quod ex Malticio nuper 
cognouerim Episcopum Treuerensem vita functum esse 1 ). 
Deinde et hoc quoque significandum duxi Magistrum Wolf- 
gangum Stein die natali ding virginis [8. Sept.] ad Con- 
sistorium querulatnm venisse se apud lHustrissimum Prin- 
cipem Electorem Saxonig etc. accusatum esse hoc nomine, 
quod in conferenda paroecia Osterfeldensi ipse conaretur 
Electori subtrahere suum ins, nam collacionem ad Illustrissi- 
mum Electorem attinere, non ad Illustrem Principem Mau- 
ricium, et huius rei solum illum Wolffgangum Stein caussam 
esse. Quamobrem lllustrissimus Princeps Elector Saxoni^ 
vellet praedictum Wolffgangum vicissim priuare Omnibus 
beneficijs, facultatibns et possessionibus suis, que Wolffgangus 
in lllustrissimi Principis Electoris dicione baberet (habet 
autem non exigui precij), deinde se summa indignacione 
Wolffgangum prosecuturum esse. Wir haben ihm geraten, 
selbst zu seiner Entschuldigung zum Kurfürsten zu reisen. 
Abijt necdum reuersus est . . . 

Scripsit interim D. D. Fachsius 2 ) ac censuit (vti vestra 
celsitudo prius constituerat), vt Magistrum Wenczeslaum 
Sturmium destinatum sibi parochum Lyssenses 8 ) ad se 
adueherent. Ego vero rescripsi tragediara illam Wolffgango 
oblatam ac iussi, vt Sturmius tamdiu se Lypsie contineret, 
donec cognosceremus, quid responsi Wolffgangus relaturus 
esset . . . 

lu consistorio difficiles sane canssas matrimoniales ex- 
plicuimus adhibito D. Decano. Concubing Sacerdotum certo- 

*) Johann v. Hagen. Er starb aber in Wirklichkeit erst 23. März 
1547. Auch sein Nachfolger Johann Ludwig von Isenburg (f 18. Febr. 
1556) wurde schon 1555 totgesagt (Eubel, Hieracbia catholica medii 
aevi III, Monasterii 1910, p. 337sq., Flemming, Beiträge zum Brief¬ 
wechsel Mt-lanchthons, Naumburg a. S. 1904, S. 52). 

*) Ueber Ludwig Fachs vgl. ADB. 6, 528—530 und Krebs, Die 
Beziehungen Heinrichs von Einsiedel auf Gnandstein zu Herzog Georg 
von Sachsen vor 1528, Leipzig 1896, S. 16. 

*) Lissen bei Osterfeld. Flemming S. 148 unten. Ueber- 
W. Sturm vgl. auch K. G. Dietmann, Kursächs. Priesterschaft 3, 1035. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



48 


48 


Digitized by 


uunciautur omoes ad suos fornicarios Sacerdotes receptas [!| 
esse, sed nondum prodeunt in pablicum. De aduenta lllustris 
Principis Saxooig etc. D. Augasti nihil constat . . . 

... Cum Senatu de snscipiendo diacono*) egimus, respon- 
dent se libenter suscepturos magistrnm illum, qui nuper 
concionatus est, sed plus quam quinquaginta fj numerare se 
non posse. Aecersimus eciam Senatum ex nouo foro vna 
cum nonnullis alijs. illi grati accipinnt, vt singuiis septimanis 
vnam concionem in suo templo habeant, et petunt, vt quarta 
quaque dominica eciam celebretur officium et prebeatur 
eucharistia illis, qui petituri sunt, ac vitro promittunt se 
daturos omnia, que nomine Ecclesi^ antea dederunt Sacer- 
dotibus, que summa circiter vj fj facit aut supra. 

Postea, si ex xenodochio et alijs quibusdam possit cor- 
radi addicio quedam, vt summa ad octoginta fj excresceret, 
tune posset suscipi ille Magister in diaconum. Ich sehne 
mich immer mehr nach ihm. est solide doctus, solide docet, 
et in linguis ac litteris sacris solide versatus, preterea 
mansuetus vir et pacis amantissimus . . . Merseburgij 
XII Septembris 45 . . . 

20. 28. und 24. September 1545. 

. . . Principio hoc nunciandum fuit Senatum Merse- 
burgensem in aedes meas venisse Uagitatum, vt Magistrum 
illum destinatum diaconum accerserem, se illum sponte 
accepturos, sed non nisi 50 fj, additis illis viginti ab 
Sixtinis, numeratnros. Est igitur vocatus in quintain 
feriara post Matthei [24. Sept.], Nam hec Quarta feria 
ante [23.] seripsi . . . vnde vero eius merces corradi 
queat, significabit Scheda ab D. Ernesto 2 ) mihi tradita, 
quam bis adnexam supplex mitto. Alter vero diaconus D. 
Christophorus accepit a me eommendaticias Oscha- 
ciam versus, quo profeetus sperat se funccionem isthic conse- 
cuturum 8 ). In Consistorio satis difficilium et perplexorum 

l ) Vgl. Brief Nr. 13. 

*) Brotauff. 

*) Christoph Neuß (Flemming S. 169 Anm. 2). Nach dem 
Merseburger Exameubuch Bl. 208 wurde er am 26. Mai 1548 vom 
Konsistorium geprüft, weil er als Prediger nach Rochlitz kommen 
sollte, aber nur kurz, „Quin hic [d. h. in Merseburg] quoque diaconum 
egit aliquamdiu et postea etiam in Oschitz miuisterio Ecclesiastico 
fnnctns*. Er ist höchst wahrscheinlich identisch mit Christoph Neyssen 
aus Mittweida, der nach dem Wittenberger Ordiniertenbnche I Nr. 599 
am 4. Juni 1544 für Machern ordiniert wurde, aber vielleicht sein Amt 
gar nicht antrat, nnd dem bei Kreyßig, Album der evangelisch¬ 
lutherischen Geistlichen im Königreich Sachsen *, Crimmitschau 1898, 
S. 475, als Diakonns in Oschatz 1545 genannten Christoph Reuß 
[Druckfehler]. Die dort sich findende Notiz: „zog von hier nach 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



49 


49 


negociorum habemus. D. Decanum semper adhibemus, et 
is vitro ac lubens suam operam confert. Concubing Sacer- 
dotam nondum prodierunt in publicam. dominus Cancellarins 
diligenter et scripto et presenti sermone admonuit Judocum 1 ) 
et reliquos nonnullos, vt vitam emendarent, aut iore, vt ali- 
quando graue quiddam sint experturi. Promisit Judocus 
meliorem frugem, sed metuo, vt sni similis mansnrns sit. 
Nam hodie adbnc säum scortum apud se fouet. D. Malti- 
cius et D. Cancellarius hodie vna Dresdam profecti sunt 
Concionatus sum in der Aldenburgk et in nouo foro et 
nunciaui populo celsitudmis vestrg sententiam. 

De abitu meo Jhenam nunciabo celsitudini vestr^. non 
puto me ante proximura mercatum lypczensem itarnm. Doc- 
torem Heinichen 2 ) diebus aliquot in publico non vidi. 
Sunt illa Lutheri Themata ex Lipsia (isthic eciam excnsa 
sunt) ad me inissa . . . gaudeo Louaniensium insanie 
obuiam itum esse 8 ). 

Est doctus quidam Magister Joannes Policarius nuper 
Wittemberge promotus 4 ), qui ad me scripsit ac petit func- 

Merseburg und erhielt vom Stadtrate 27 Groschen als Beitrag zum 
Fuhrlohu“ wird so zu erklären sein, daß er, nachdem er in Oschatz 
seine Probepredigt gehalten hatte, nach Mersebnrg zurückreiste, um 
seine Familie und seine Habe zu holen, nnd die Umzugskosten vom 
Oschatzer Stadtrat vergütet bekam. Dann wäre er also nur ein paar 
Monate in Merseburg gewesen. 

*) Jodocus Maler. Vgl. Brief Nr. 3. 

*) Franz Richter aus Hainichen, 28. März 1530 in Leipzig zum 
Dr. iur. utr. promoviert (Matrikel der Universität Leipzig II 38, 51; 
vgl. auch Neue Jahrbücher f. d. klass. Altertum, Gesch. und deutsche 
Literatur u.f.Pädagogik 20,123f.). Auch bei Fraustadt S. 184 erwähnt. 

8 ) CONTRA / XXXII. ARTICVLOS / LOVANIENSIVM / THEO- 
LOGISTA/RVM./MARTINUS LV-/THER DOCTOR THEO-/LOGIAE 
VOCATVS. / LIPSIAE / IN OFFICINA VALEN- / TINI PAPAE. / 
ANNO/M.D XLV. / 8ff. 8°. 1 b und 8 weiß. Zwickauer Ratsschul¬ 
bibliothek XXII. VIII. 38 5 . Die Wittenberger Ausgabe in 4°: CONTRA 
XXXII./ARTICVLOS LOVANIEN-/SIVM THEOLOGI /STARUM./... 
(Zwickauer Ratsschulbibliothek XX. VHI. 7 ]3 ) ist also ein Nach¬ 
druck. Übrigens enthalten beide Drucke nur 75 Thesen (Nr. 5 in dem 
Abdruck Opera varii argumenti IV 486 fehlt) und weisen beide (also 
nicht erst die deutsche Ausgabe) die Schlußbemerkung auf: Dixi 
dicamqne breui plura, Deo fauente (gegen Köstlin-Kawerau II 609). 
Vgl. auch noch Melanchthon an Justus Menius, 9. Sept. 1545: „Mitto 
tibi propositiones editas contra Lovanihnsium sophistarum articulos, 
quas integer über sequetur“ (CR. V 848) nnd Luther an Veit Dietrich, 
23. Sept.: „Existimo M. Hieronymum Propositiones meas contra 
Nostrollas ad te misisse“ (de Wette V, 758 f.). 

4 ) Johannes Pollicarius Cygnaeus wurde am 1. Sept. 1545 in 
Wittenberg magister artium (Köstlin, Die Baccalaurei und Magistri 
der Wittenberger philos. Fakultät 1538—1546, Halle 1890, S. 18). 
Vgl. ferner über ihn Beiträge zur bayrischen Eirchengeschichte III 
(1897), S. 146 Anm. 1 (wozu aber zu bemerken ist, daß er in Weißen¬ 
fels stationiert war und nur vertretungsweise in Freiburg a. d. Unstrut 
zu tun hatte), auch Gödeke, Grundriß II *, S. 98 Nr. 53,190f. Nr. 64. 

Archiv für Beformationsgeschicht« IX. 1. 4 


Digitized 


bv Google 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



50 


50 


Digitized by 


cionem in dicione Merseburgensi, cai respondi, expectaret 
celsitadini8 vestr§ reditum, me ad celsitudinem vestram eins 
petioionem relaturum. Est doctus et bonas, sed in ministerio 
Eaangelico hactenus non est versatus, quare nihil grauaretur 
diaeoni vices interim snbire. 

Hactenus leta, nnnc non admodnm incunda et qnedam 
eciam tristia narrabimns. Primo de Canonicis nostris, qui 
proxime elapsa dominica [20. Sept.] templi sni dedicacionem 
eelebrauernnt. pridie eins dominier [19. Sept.] petiuernnt 
a Domino Decano, enraret, vt concio et officium dominicae 
a nobis posthaberentur. decanns antem consnltis et me et 
Lanrencio respondit illis ad se id non pertinere, sed ad 
celsitudinem vestram, si quid mutandura esset Canonici 
vero nibilominus miss§ sue cantum prorogauerunt vsque ad 
medium octaug höre, postea nos nostrum officium morc nostro 
c^pimus et deo concedente feliciter peregimus. Eadem 
dominica Nebulo ille, qui ad S. Michaelem concionatur 1 ). 
turpissime de doctrina nostra et nobis pro concione locutus 
est . . . habuit auditores multos et inter reliquos vxorem 
D. Decani, quod ipse dolenter mihi conquestus est seduci 
suam vxorem a matre. Deinde et vxor domini Ottonis 
solet in id sacellum sacra auditura ire, item Canonici 
Storckius et Schonnebergius ac plerique alij. Sixtini 
officium meum concionandi a me illis gratuito oblatum sim¬ 
pliciter respuunt vnd sprechen, wir sollen sye zu friedeu 
lassen, se hanc nostram doctrinam nolle. 

D. D. Fachsius scripsit Consiliarios lllustris Principis 
Mauricij et in primis D. Pistorem cancellarium 2 ) vrgere. 
vt Magister Sturmius mittatur kegen Lyssam. Den con- 
swtoriales scheint es geraten, vt celsitudo vestra scriberet ad 
Magistrum Wenczeslaum Sturmium Lyptzensem, vt se Lyssam 
conferret, Deinde etiam Lyssensibus scriberet, vt Magistrum 
Sturmium ad se adueherent, donec conciliacio aliqua inter 
Principes contingeret. Consistoriales metuunt scribere, ne in 
aliquam indignacionem lllustrium Principum incidant . . . 

Sacerdos ille a ßendorff 8 ) omniuo petit se transferri 
a Bendorf ad aliam Ecclesiam. Wir haben ihm Roßbach 
angeboten ... 

Hesterno die 23 Septembris Quarta scilicet feria post 
Matthei klagte bei uns eine Frau contra : quendam lectorem 
chori nostri Andreas Winter, der mit ihr 14 Jahre lang in 
publico matrimonio gelebt, 6 Kinder erzeugt, dann aber sie 
verlassen habe. Wir haben ihn verhaftet. 

*) Georg Trabenbach. Vgl. Brief Nr. 2. 

*) Ueber Simon Pistoris, Herzog Moritz’ Kanzler, vgl. zuletzt 
Neues Archiv f. säehs. Geschichte 31 (1910), S. 134 tf. 

3 ) Flemming 8. 182. 


Gck 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



51 


51 


21. 27. äept. 1545. 

Der Pfarrer za Laachstädt, den kürzlich der Schlag 
gerührt, ist vor 12 Tagen gestorben 1 ). E Consistorio 
scripsimas eins loci Questori, ne paroeciara Lauchstadianam 
coiqaam locaret ante celsitndinis vestr§ reditam, nam collacio 
ad v. c. pertinet. 

Formal^ seu testimonia ordinandoram excasa sunt 
trecenta et ab Joachimo Camerario ad me missa 2 ), qui 
scripsit constare ij taleros, preterea quantum pro vectura 
carrocarius postularet. 

De adaenta Principis Aagasti nihil prorsas dicitar. Cou- 
siliarij, vt dixi sopra, Dresdam abierant . . . 

D. Christophorus*) diaconas fanccionem nactas est 
zca Oschacz, et scribit ad me parochas isthic petitqae, vt qaam 
primum Christophoram dimitteremas, vt illo concederet. 

Magister ille valentinus 4 ), qui noster fataras erat 
diaconas, accersitas a me petente Senata hac veait. cam 
autem Senatai per M a g i s t r a ra J o a n n n e m 6 ) uanciari iuberem, 
vt ad consistoriam siscenderent, iassisse enim celsitadinem 
vestram, vt vestrg celsitudinis nomine a nobis in consistorio 
aociperetar et data nobis manu celsitudini vestr§ obedienciam 
promitteret, hic Consul Mostelias 6 ), apad qaem Magister 
Valentinas diaerterat, Valentino ipso aadiente palam 
sabiracandas respoaderat Magistro Joanni Senatum non veile 
ascendere ad consistoriam, der Musa wolte capplan entarleben 
vnd an nemen, wen er wolte, das gedechten sye nicht zcu 
leyden. hoc rcsponso Consalis Mostelij aadito Magister 
Valentinas eaestigio discessit Lypsim, Senata tacente 
ipsumque dimittente... Mersebargij dominica post Matthei 45. 


*) Hieronymus Clauser (Flemming S. 202).. 

*) Ueber Wittenberger Ordinationsformulare von 1553 und 1558 
vgl. 0. Clemen, Alte Eiublattdrucke, Bonn 1911, S. 77. 

*) Neuß, s. o. Brief Nr. 20. 

4 ) Gräser aus Hof? Flemming S. 202 unten. Uebrigens auch 
in Wittenberg immatrikuliert, W. 1539/40, bekannt mit Kaspar Brusch 
(Horawitz, Caspar Bruschius, Prag und Wien 1874, S. 80), mit Georg 
Fabricius und Wolf gang Meurer (Baumgarten-Crusius, G. Fabricii 
epistolae ad W. Meurerum et alios aequales, Lipsiae 1845, p. 11: 
25. Sept. 1544; Gr. war damals in Leipzig). 1546 ist er als Ober¬ 
pfarrer in Münchberg (Oberfranken) nachzuweisen (Zapf, Gesch. der 
Stadt Münchberg, M. 1829, S. 139). 

B ) Wohl Mag. Joh Reiffschneider, der im Merseburger Examen¬ 
buch am 31. Oktober 1545 als Mitglied der Prüfungskommission, am 
30. Nov. 1548 als Notarius consistorii publicus genannt wird (vgl. auch 
CR. VI, 956). Vgl. über ihn im allgemeinen Haußieiter, Melanchthon- 
kompendium, Greifswald 1902, S. 152 ff. 

•) Hans Mostei, bei Fraustadt S. 193 A. 7 erwähnt. 

4* 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Digitized by 


r> 2 


Beilage zu Nr. 21. 

Ego deo volente ibo Jhenara proxima dominica post 
Michaelis [4. Okt.] a prandio 1 ). diucius expectare non possnm. 
oro, vestra celsitudo hoc festinet. Cum Synodo veilem 
expectari vsque ad meum reditum. 

Adfuit Magister Georgius Möhr 2 ), qni a Numberga 
propter Medlerum dimissns est, ac pecijt funccionem et parat 
iam iter Wittembergara. Ego respondi, vt se primum Illu- 
strissimo Principi Electori etc., deinde domino doctori 
Luthero . . . isceret; si isthic nihil adipisceretur, peteret 
ab Illu8trissimo Electore dimissionem et huc rediret, me 
adnixurum, vt illi prospiceretur. videretur mihi idoneus 
sati8 consistorio et esset contentns ij° fj. veilem tarnen, si 
interim, dum absum, rediret, vt nihil illi promitteretur . . . 
Attulit commendaticias a Domino Episcopo Czeiczensi 3 ) ad 
vestram celsitudinem, quas hic simul raitto . . . 

22. 29. Sept. 1545. 

... Etsi ante biduum [27. Sept.] nuncinm ad celsitudinem 
vestram multis litteris ac grauibus caussis onustum miserim, 
tarnen, quia sperabat se celsitudinem vestram Magdeburgij 
inuenturum, illo iter instituit, et ego iam ex nescio quo 
adolescente cognoni celsitudinem vestram illo nondum per- 
uenisse, et ali§ eciam graues causse interim in manus meas 
venerunt, necesse duxi fore, vt denuo scriberem. Ac prirao 
loco, quod celsitudini vestre signiiicatum volebam, hoc est: 
lllustris Princeps ac dominus, dominus Augustäs, Princeps 
Saxoni§ etc. dominus meus clementissimus hestemo vespere 
[28. Sept.] venit Friburgum, illo canes venatici eodem hesterno 
vespere ducti sunt, vnde putatur dies aliquot isthic venacioni 
operam daturum esse. Sed an Merseflürgum venire con- 
stituerit, nemini constat. Si celsitudo vestra eius clemenciam 
Friburgi conuenire velit, licet. 

Deinde scripsit heri ad me D. D. Pfeffingerus ex 
Lypsia horrenda noua, que Rex Ferdinandus admisit in 
vallibus Joachimicis. mitto snpplex illius litteras celsitudini 
vestr§ legendas. Fecit eciam cuiusdam concionatorisMathesij 
mencionem, de quo plura deo volente presens. etsi dicitur 
mihi Numbergam illum sufficiendum in locum Medleri, sed 
tarnen coram plura 4 ). Feci mencionem de alio quodam Magistro 

>) Vgl. Brief Nr. 20. 

2 ) S. oben Nr. 12 und RE» XII, 495. 

3 ) Amsdorf. 

4 ) König Ferdinand hatte die Grafen Schlick gezwungen, Jo- 
acnimathal u. alle ihnen zugehörigen Bergwerke ihm zu übergeben. 
Wegen dieser bedenklichen politischen Veränderung erwog Mathesins 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



53 


53 


Moro, qai et ipse ab Numberga propter Medlerum dimissus 
est, de qno seutentiam meam celsitudo vestra cognoscet in 
prioribns litteris. 

Magister Wolffgangus 1 ) Snperattendens Weyssen- 
feldensis admonitus a D. D. Fachsio et a me, vt Magistrum 
Sturmium lyssam induceret, sed pertinaciter rennit, quem- 
admodom litter§ illins testantor, quas itidem supplex mitto... 

Hesterno die scilicet in die Wenoeslai [28. Sept.] pecijt 
Nobilis ille zcu Czesen 2 ) Wolfgangas a Brandenstein 3 ), 
vt ad se exirem, in suo pago concionarer, nam dedicacionem 
templi eo die agebant. Quum non admodum multg essent 
illo die in consistorio causse, exiui comitatus M a g i s t r o 
Joanne 4 ), misit cnrrum et equos, eduxit et redoxit nos, 
eoncionatns snm, et extemplo a prandio redij Mersebnrginm. 

Hodie Michaelis de Sanctis Angelis declamaui in nostro 
teraplo. Constitui proxima dominica [4. Okt.] abire Jhenam, 
snpplex rogo, celsitudo vestra festinet domum ... Merseburgij 
in die Michaelis Anno etc. 45 . . . 


23. 15. Oktober 1545. 

. . . Celsitudinis vestr§ litteras accepi, vtprimum Jhena 
Merseburgnm redij (abfui enim dies duodecim et hodie quinta 
scilicet feria, nempe XV octobris, redij Merseburgum). Quod 
vero celsitudo vestra de motibus illis bellicis scribit, nihilo 
minore animi maerore et ego illos audio atque celsitudo 
vestra aut quisquam alius . . . 

DeMoguntini obitu 6 ) ante dies octo Jhene cognoui... 
De Synodo veilem illam prorogari in octiduum, nempe in 
diem XXVI Octobris . . . 

Inter scribendum... venit ad me quidam vicinus meus, qui 
affirmauit se ex ore deß herezogen Augusti Schenken audiuisse 
iam circiter quartam horam Regem Ferdinandum armata 
manu innasisse et populari cepisse dicionem Illustris Principis 
_ • 

den Gedanken, nach Naumburg zu gehen: Lösche, Joh. Mathesius 1123. 
Daß aber auch seine Berufung nach Merseburg in Erwägung gezogen 
wurde, zeigt der Brief Paul Ebers an Mathesius, Wittenberg, 26. No¬ 
vember 1545, bei Loesche, Johannes Mathesius, Ausgewählte Werke 
4 (Handsteine), Prag 1904, 493 f.: „Non desunt loca honesta et atnpla, 
vbi Ecclesiae seruire poteris, quod ad te iaindudum relatum existimo. 
Nam et a Philyra te expeti et a nouo praefecto Martiae turris scio.“ 
Denn Martia turris = Merseburg, nicht = Königsberg (Loesche S. 684). 

2 ) Stein. 

2 ) Zöschen. 

3 ) Flemming S. 206. 

4 ) Vgl. Brief Nr. 21. 

5 ) Albrecht von Mainz j 24. Sept. 1545 (Hertzberg, 
Halle II 191). 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



54 


54 


Maaricij: Der Konigk Ferdinand sey M. G. H. Herezogen 
Moricz ynß landt gefallen, et dam stans ille meus vicinus 
hec aadit ex Pincerna 1 ), ablegatur eques quidam nancius, qai 
celerrimo carsa abit, hec indicataras lllastri Principi 
Mauricio, qai ramor sopra modum me terruit, et äaeerdotes 
nostri dieuntur mirabiliter superbire. 

De oraciuncala Synodali 2 ) deo propicio cogitabo. De 
molendini ac reliquorum §dificiorum conflagratione vehementer 
fai obstupefactus. non parum affuit, qain idem naper mihi 
accidisset, dam in vieini mei edibas quidam eqaes bombardam 
manaariam incaucias excuteret. 

Synodas antea celebrari solitas fait qaarta feria post 
commanes [7. Okt.], qae dies iam preterijt, qaare veilem 
prorogari dictam Synodum vsque ad secundam feriam post 
vrsul$ [26. Okt.], vt super memini. Non puto id ingratum 
celsitudini vestr§ fore, si renuueiabimus paroecianis ruralibus. 

Magister Wolffgangus Stein Parochas et Super- 
attendens za Weyssenfelß per Illustrem Principem Mau- 
ricium etc. sua funccione amotus est, quia Magistrum 
illum Sturmiamad paroeefam lyssensem nolait indacere. 
mitto celsitadini vestrg illias ad me litteras 8 ). commouit 
me haec res non parum, quod emeriti iam ac grandeui pastores 
tarn facile debeant abijei. oro, celsitudo vestra huic malo, 
si fieri potest, raederi velit. 

De nostrornm principum exercitu varia dieuntur et dissona. 
Elector superiori sabbato [10. Okt.] mouit ab Molhausen 4 ) 
ac recta profectus esse dicitur in Saxonie nescio quam vrbem. 
rumor magnus de mutuo conflictu sparsus est . . . 

Canonici nostri dieuntur aliquocies in arce fuisse, petentes 
aliquid referre ad Principem Augustum ipsum. At Princeps 
noluit illos neque admittere neqne audire. Mussitatur a qui- 
busdam voluisse eos petere, ne amplius in Ecclesia (vt vocant) 
ipsorum eucharistiam porrigeremus. 

Ciuis quidam Numbergensis narrauit mihi superiori 
hebdomada Numbergam transijsse tria militum peditum milia 
et quingentos, paulo post secutos equites cataphractos sexcentos, 
qui omnes ad Illustrem Principem Mauricium attinuisse certo 
dieuntur. Ipse Princeps pernoctauit in Porta equis quadra- 
ginta, lectica illo vectus. 


*) Mundschenk. 

2 ) Ueber Fürst Georgs Synodalreden vgl. Nik. Müller, Zur 
Chronologie und Bibliographie der Reden Melanchthons, in: Beiträge 
zur Reforniationsgesch, Köstlin gewidmet, Gotha 1896, S. 124 ff., 
W e s t p h a 1, Georg S. 144 ff. 

3 ) Dieser Brief vom 9. Okt. 1545 ist im Zerbster Archiv erhalten. 

4 ) Melauchthon an Mich. Meienburg in Nordhausen, 5. Okt. 
,.Noster dicitur venturus ad Molhusen post triduum“ (CR V 861). 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



55 


56 


Comes ille a Mansfelt apud nos iam moratar, acceptas 
ab Jodoco in aedes -suas. Comes autera ille est, qni 
Canonicus ac nisi fallor decanas est Magdeburgij . . . 
Merseburgij qainta feria post Gereonis 45 . . . 

Certo dicitnr Brannswiezensem bis vno die oppngnasse 
ac extarbasse arcem Wolffenbuttel et bis repolsnm magna 
iactura suorum militnm 1 ). 

Beilage za Nr* 23. 

Que de rege Ferdinando scripsi, hoc vesperi ciroiter 
octauam horam, cnm bas obsignassem, cognoui vana esse et 
ficta. nam puer quidam in aula istum rnmorem sparserat, sed 
deo gracia, quod van ns rnmor sit. 


24. 17. Oktober 1545. 

. . . Sublimitatis vestr§ litteras bodie paulo ante primam 
horampomeridianamaNobiliadolescente Herczhaimero 8 ) 
accepi, qnibus cognoui Sublimitatem vestram de futnra Synodo 
nimium sollicitam fnisse et illius canssa alijs grauioribus 
negocijs interim sepositis huc aduolare constituisse. Etsi 
enim res digna est, cni principes viri snmmis viribus in- 
tendant, . . . pinm fore existimo, si pocioribus precipua ad- 
bibeatur cura . . . Nos Celsitudiuis vestr§ subditi destinato 
scilicet ad consistorium libeuter renunciassemus Sacerdotibus 
diem Synodi constitutam, sed quia temporis angustia id 
minime paciebatur, hoc ininimus consilium, veile nos permittere, 
vt Sacerdotes proxima secunda feria [19. Okt.] (quemadmodum 
ante dies quattuordecim iussi sunt) hnc veniant. Et cnm 
venerint, in templo nullara oracionem (sicuti soliti snmns) 
habebimus, Sed connocabimus eos in Sublimitatis vestr§ aedes 
et primo excusabimns Celsitudinis vestrg absenciam, Deinde 
pericula impendenciaproponemus et ad oracionem adhortabimur, 
Tercio, si qui errores vspiam extent, illos audiemus et signabimus 
et ad vestram sublimitatem referemus, postea denunciabimus 
Ulis aliam Synodi diem a vestra Subliraitate constitutam et 
ita eos vicissim dimittemus, admonebimus eciam, ne granentnr 
ad diem constitutum redire . . . 

Caussam Matrimonialem ab Eysleben audiemus et 
signabimus, vt iussit celsitudo vestra. Dominus L. Laurencius 


*) Melanchthon an Anton Lauterbach in Pirna, 18. Okt. 1545: 
,[Lyeaon Brunswicensis] Arcem Lupinam bis diebua oppugnauit, sed 
frustra . . .* (CR. V 869). 

2 ) Ein Sohn oder Verwandter eines der beiden Hertzheimer (Joh. 
Evangeiista u Joh. Baptista), die Sommer 1512 in Wittenberg imma¬ 
trikuliert wurden (End ers I, 12, ZKG. XVIII. 391)? 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSSTY OF MICHIGAN 



56 


Digitized by 


56 

libenter nostre ecclesi^ insernit. Senatus in suscipiendo 
diacono est paulo cnnctacior, non dicam morosior . . . 

De rege, nostrg dicionis populatore, hodie adbnc rnmor 
passim volitat, sed oramus Christum pro illnminacione 
errancinm et pro pace ac conseroacione Ecclesiae. 

Ex quodam Sacerdote a Salcza huc misso cogooui 
Braauswiczensem vndique a nostris obsessom, ita vt 
effugium illi nullum pateat. veilem bonum Principem ad cor 
redire (sic vt scriptnra dielt) et illnm recordari, quod hoius 
mnndi omnia cadnca sunt. Christus illi et toti suo exercitui 
adsit. Amen ... 

Quod ad Superattendentera Weissenfeldensem 1 ) 
attinet, scripsi illi hodie, meo nomine, et consolatus ipsum sum ae 
iussi eum bene sperare et orare et pollicitus illi meam sum 
operam. hec fuit summa litterarum. Non dubito, quin, si 
Illustris Princeps Mauricius et Augustus reccius instituti 
fuerint, aliter iussuri sint. cedendum aliquando est principum 
indignacioni. Est tarnen vir bonus et valde diligens. quare 
spero res illius prosperiores aliquando fore . . . Merseburgij * 
p 08 tridie Galli 45 . . . 


Beilage zu Nr. 24. 

Ego deo patri omnipotenti in precibus meis quendam 
Principem Episcopum Magdeburgensem 2 ) obtuli ac rogaui, 
vt per illum regnum Satane destruere et Christi regnum in 
eo Episcopatu plantare velit. Et hodie ex quodam Sacerdote 
Hallensi a D. D. Jona huc misso certo cognoui illum 
principem, quem ego intelligo, a Capitularibus quidem (non- 
tarnen admodum) repudiari, Sed a nobilitate et tota dicione 
pertinacissime peti. Ego orare non desinam, vt Christus ad 
instituendum suum regnum idoneos principes adhibeat et 
impiorum conatibus aduersetur, nec dubito me tale quiddam 
impetraturum, nam tempus destrnendi regni Satane aduenit. 

Et valde admiratus sum illum sacerdotem cum meis 
secretissimis cogitacionibus, quas vsque ad id tempus nulli 
mortalium aperueram, conuenire. significant hec aliquid. 
Christus Jesus adsit Ecclesie sue et det pastores ac Episcopos 
sua funccione dignos, amen etc. . . 

25. 17. März 1546. 

. . . Ach mein gnediger vnd aller liebster herre Purste, 
quam grauiter aegrotaui totum quatriduum Sabbato dominica 
Inuocauit secunda ac tercia feria post [13.—16. März] adeo 

*) Wolfgang Stein. 

*) Joh. Albrecht von Brandenburg-Ansbach, Ka wer au II 107. 


Go 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



57 


57 


vt meam vitam in manus patris misericordiarum comraendarim 
et singulis momentis expectarim abicionem ad Sanctornm 
in aeterna vita denm iam landancinm consorcium, qno me 
obitns Lntheri tanta cupiditate rapit, vt copiam enm isthic 
videre in medio cetu prophetarum, apostolorum atqne omnium 
electornm et coram videre, quam ineffabili preconio et gaudio 
isthic celebrent dominum nostrum Jesum Christum. Ach, 
Eya, weren wir auch da! quid hic in his terrenis 
sordibus agimus, nisi quod Jesu Christi sanguine paratum 
regnum in terris qualicunque nostra opera . .. administramus 
ac propagamus? alias non video, cui eo prosim aut quem 
in vsnm diu viuam ... Fiat tarnen volnntas non mea, sed 
domini! . . . Ich habe an Invocavit [14. März] Lic. 
Lanrenciusfür mich predigen lassen müssen, quod bonus 
vir cum laude et libenter fecit, sed deo propicio cras quinta 
feria post Inuocauit [18.] redibo ad conciones meas, quas 
hac quadragesima de Confessione et eixagiovLct in vtilitatem 
ecclesie illaque petente me facturum promisi ... Merseburgij 
4 f 3 . post Invocauit 46 . . . 

26. 22. März 1546. 

. . . Quidam Magister venit ex Lypsia huc et aiebat 
se ad diaconatum in Ecclesia Pegauiensi vocatum esse 1 ) 
ac petijt, vt absente celsitndine vestra ego illum ordinärem 
aut concederem Pfeffingero, vt eum Lypsie ordinaret. Hic 
cum vtrumque illi negarem, accurrit ad dominum Cancellarium 
et Secretarium et per illos valde me sollicitauit, permitterem 
eum Lypsie ordinari. ego vero non audebam hoc illi con- 
cedere, nam nulla est tanta necessitas. habet enim Ecclesia 
Pegauiensis Parochum 2 ), qui potest Saeramenta interim 
ministrare. Jnssi igitur, vt interim docendi officium vsurparet, 
abstineret a tractacione Sacramentorum ac rediret sexta 
feria post Letare [9. April]. Hoc autem ipse renuit et, vt 
a Magistro Joanne 8 ) audiui, instituit iter ad celsitudinem 
vestram. veilem, vt neque hic neque Lypsie quisqnam alius 
pr§ter celsitudinem vestram ordinaret sacerdotes, est enim 
hoc veri Episcopi munus. Rogo igitur, ne celsitudo vestra 
concedat, vt Lypsie ordinetur, propter multa inconueniencia 
etc. . . . Merseburgij 2 a feria post Reminiscere 46 . . . 

27. 28. März 1546. 

... HonestuB Juuenis Alexius celsitudinis vestr^ scriba 4 ) 
celsitudinis vestr§ nomine bona omnia mihi pr^catus interro- 

J ) Kaspar Lindner? Kreyßig, Album S. 485. 

a ) Andreas Schmidt ebd. 

*) Reiffschneider, vgl. Brief Nr. 21. 

4 ) Vgl. meinen Heit S. 131. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSSTY OF MICHIGAN 



-58 


58 


Digitized by 


gauit, num quid vel in gubernacione vel in Ecclesia accidis- 
set vicij, celsitudinem vestram, si opus esset, ilico huc 
accursuram . . . quod ad pr$fatam interrogationem attinet, 
equidem, vt me deus amet, nihil mihi constat de vllo peccato, 
qnod in tota gubernacione, dum celsitudo vestra abfuit, 
acciderit; omnia hactenus eo ordine, quo a celsitudine vestra 
constituta fuerunt, obseruata fuerunt, domini de Consistorio 
suum faciunt officium diligenter, ego pro virili meo incumbo 
officio . . . Illastris Princeps Augustus creditur hoc vespere 
aduenturus. alij de fratre quoque duce Mauricio itidem 
affirmant, alij negant . . . litteras ad D. D. Pfeffingerum 
•et prudentissimum Consulem ac D. D. ordinarium 
Lypczensem dominum Ludouicum Fachsium dedi Ma- 
gistro Joanni, ac iussi curaret illas quamprimum Lipsiam 
perferri. Profeecionem in Marchiam, quam celsitudo vestra 
instituit, supplex censeo non obmittendam esse x ). hoc tantum 
peto, vt celsitudo vestra huc redeat tercia vel quarta feria 
post Palmarum [19., 20. April] . .. Valde ocyter Merseburgij 
•dominica oculi [28. März] 46 . . . 


28. 30. März 1546. 

. . . Celsitndinis vestr§ litteras lllustribus principibus 
vtrisque, et Principi Mauricio et Principi Augusto, per dominum 
Cancellarium illis exhibendas dedi et fiagitaui hodie res- 
ponsum, vbi per dominum Theodericum cognoui Ma- 
gistrumJoannem responsum suscepisse et pr^terea nescio 
que secreta ex quodam scriba accepisse ad vestram celsi- 
tudinem refereuda. Cum autem cognouerim Magistrat« 
Joannem libenter se negocijs sibi non commissis ingerere et 
me (ad quem hanc rem pertinere sciebat) insolenter preteriri, 
•cessi et coactus fui quiescere. ex illo Celsitudo vestra 
cognoscet, quid Princeps Mauricius responderit. Quod vero 
ad lllustrem Principem Augustum attinet, misi ad dominum 
cancellarium in consilijs sedentem ac fiagitaui responsum. 
ibi retulit quidam scriba dominum Cancellarium iam cousul- 
tacionibus detentum respondere mihi nihil posse, ita coactus 
fui ad vestram celsitudinem hac vice nihil rescribere, sed vrgebo 
(deo propicio) cras responsum, quemadmodum et celsitudo vestra 
ex Alexio rem totam plenius cognoscet ... 3 feria post 
Oculi 46. 


*) Vgl. Nik. Müller, Beziehungen zwischen den Kurfürsten 
Joachim I. u. II von Brandenburg u. dem Fürsten Georg III. von 
Anhalt in den Jahren 1534—1540, Beiträge zur Kirchengcsch. der 
Mark Brandenburg im 16. Jhrh., Leipzig 1907, S. 1 ff. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



59 


59 


Beilage zu Nr. 28. 

Postquam has obsignassem, venit ad me ex arce a 
domino Cancellario nuncius, qui significanit se ad litteras ad 
lllustrem Principem Aagastam scriptas cras responsurum, ad 
alteras vero ad priDcipem Mauricium Magister Joannes 
responsura snscepit me nescio. iam si celsitndini vestrg grati- 
ficatns est, eqno animo fero. Ego certe non auderem alienis, 
maxime principnra, negocijs ininssum me ingerere etc. 

29. 3. April 1546. 

Empfehlungsbrief für Jacobns Rentei ex Haczkenrode*) 
zum Schuldienst. Merseburgij sabbatho post oculi 46. 

30. 5. April 1546. 

. . . Erholt sich von seiner Leibesschwachheit. Porro 
quod ad Ecclesiam nostram attinet, significatum mihi est 
Georgium Trttbenbachium 2 ) in ecclesia catbedrali 
singulis dominicis summo mane missam celebrare et nonnullis 
auf der Aldenburgk vetulis quibusdam ev%aQioxlav praebere 
altera specie tantum solitum esse. Etsi dominica letare 
[4. April] iusseram id animaduertere, tarnen certi nihil adhuc 
accepi. quod si veritatem cognouero, significabo id vel 
celsitndini vestr§ vel interpellabo dominos Consiliarios, malim 
tarnen ea in re celsitudinis vestr§ sententiam audire. hec 
vesperi ad lucernam festinanter scripsi. Fürst Georg möge 
trnld zurückkehren, Herzog August habe durch den Kanzler 
geantwortet se vel Merseburgij vel in vicinia post hac fre¬ 
quenter versaturum; für Fürst Georg werde er immer gern 
zu sprechen sein. Oe altero concionatore acoipiendo responsum 
est Canonicos veile accersere Morum*) ex lipsia idque 
concessurum principem Augustum, et hodie actum est cum 
canonicis, vt rem maturarent, et illi spoponderunt se pecuniam 
illi daturos . . . Merseburgij 2 feria post Letare 46 . . . 

31. 15. April 1546. 

. .. Scripsit ad me Sartor lllustris Principis etc. Augusti 
ceeidisse quendam primatem e sua dignitate, qui antea potens 
visus fuit. quis autem ille sit, non indicauit. adduxit autem 


1 ) Nach dem Wittenberger Ordiniertenbuch I Nr. 592 wurde 
am 21. Mai in Wittenberg von Bugenhagen ordiniert: ,Ca8parus Schmidt 
von Mellerstadt, Schulmeister zu Hatzkerade, Beruffen gein Guenterß- 
berg vnter der Herschafft von Anhalt zum Pfarambt 1 . Der oben ge¬ 
nannte Beutel sollte ihm gewiß in Harzgerode nachfolgen. Ein Brief 
Reutels an Fürst Georg, Dessau, 6. April 1546, im Zerbster Archiv. 

2 ) Vgl. Brief Nr. 2 und 20. 

s ) Vgl. Brief Nr. 12 und Beilage zu Nr. 21. 


Digitizeit by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



60 


60 


Digitized by 


nie in suspicionem vnius atque alterins consiliariorum. au 
alter illorum lapsus sit, eqnidem nulla possum coniectura 
consequi ... Deinde misit ad celsitudinem yestram D. 
Czilerus 1 ) propositiones, qnas breni dispntatarus est 2 ). 
spero celsitudini vestre gratas fore. 

Tercio neque hoc celare possum parochum zcu 
Lauchstedt Magistrum Valentinum 8 ), qui apud 
nos ambiebat superiori autumno diaconatum, is, inquam, iam 
septimanas quattuor a sua Ecclesia abfuit in Voitlandia et isthic 
accepit aliam Ecclesiam et cogitat Lauchstadianam Ecclesiam 
deserere, quod me valde male habet, et indignissime feret 
hoc Ecclesia in illo oppidnlo et grauiter offeudentur animi 
piorum in ea Ecclesia ... Ad vltimum scripsit ad me S i m o n 
Rost 4 ),scribad.doctorisCommerstadij,filium lllustris 
Principis ac D. D. Mauricij etc. a Saxonia ducem Albertum 
secunda feria post Judica [12. April] vita in Christo functum 
esse 6 ), quemadmodum ex illius litteris Celsitndo vestra 
cognoscet . . . 

lllustris Princeps, video tempora quotidie periculosiora fieri. 
dominus Theodericus ante biduum fuit Lipsie, qui 
narrauit Lypsie pro certo dici Cgsarem aduentasse iam ad 
Comicia et Illustrem Principem Hassie Landtgraffium cum 
eins maiestate diu solum collocutum esse . . . quinta feria 
post Judica. celsitudo vestra rescribat de die palmarum et 
pulsandis campanis in die passionis Christi, anno 46 . . . 

32. 16. April 1546. 

. . . Celsitudinis vestre litteras hodie circiter terciam 
horam pomeridianam Andrea pocillatore 6 ) exhibente 
supplex accepi. Et inicio gratulor celsitudini vestr§, quod 
de ducatu celsitudinis vestr§ concordibus animis statueritis, 
que et ad presens et ad posteros vtilia sunt visa 7 ). magna 
res concordia est precipue principum virorum, et ibi effundit 
benediccionem suam deus, vbi fratres vnanimes habitant in 
domo 8 ) . . . 

; ) Bernhard Ziegler. Vgl. über ihn Enders 7, 135 K 

2 ) Die drei Thesenreihen (CR. XII, 664—677 und 677—682) 
können hier nicht in Betracht kommen: J oh. Haußleiter, Melanchthon- 
Kompendium, Greifswald 1902, S. 26. 

*) Gräser aus Hof? Vgl. oben den Brief vom 27. Sept. 1545. 

*) Sein Brief vom 13. April 1546 im Zerbster Archiv. Später 
Amtmann in Weißenfels (CR. IX 1047). 

6 ) Vgl. ADB 22, 304. 

°) Mundschenk. 

7 ) Die am 27. Sept. 1544 beschlossene Teilung der anhaitischen 
Länder unter die drei Brüder „wurde erst zwei Jahre später tat¬ 
sächlich durchgeführt.“ (Westphal, Georg S. 88). 

») Ps. 133, 1. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



61 


61 


Porro quod de Eccleshy nostr§ f^lici gubernacione 
celsitudo vestra sit tarn sollicita, pietati deditissim§ mentis 
doeumentam est . . . 

Que vero ad palmas J ) et reliquas Sacrificulorum nostrorum 
impietates attinent, colloquar deo propicio cras com dominis 
consiliarijs ipse. non ambigo Dominos Consiliarios säum 
officium facturos esse 2 ), fuerunt enim hactenus erga me 
certe officiosissimi et valde diligenter audiunt de sv%aQtOTia 
coneionantem me. 

Quod vero in Ecclesia nostra statuendum: ita mihi cum 
domino L. Laurencio et domino Jacobo 3 ) consultanti 
visum, vt dominica palmarum [18. April] officium in nostra 
Ecclesia solito more celebraretur, non deerunt comraunicantes, 
Deinde in c§na domini [22.] in vtraque Ecclesia, et Maximi 
et nostra, itidem officium exerceretur, spero non defuturos 
cömmunicantes, adhibita concione, quemadmodum diebus do- 
minicis facere hactenus soliti sumus. Sexta feria [23.J trac- 
tabimus deo faueute domiuice passionis historiam. Petam a 
Dominis Consiliarijs, vt pulsetur vel omnibus vel saltem vna 
campana. finita passione ad Maximum parabunt mensam 
domini et prebebunt petentibus Synaxim. Hunc ordinem, 
Illustris Princeps, ceusuimus Ecclesie nostr§ commodissimuih 
et celsitudini vestrg non ingratum fore... Datum Merseburgij 
sexta feria post Judica vesperi 46 . . . 

38. 16. Juni 1546. 

. . . Consilium meum de suscipiendis insignibus doctora- 
libus, quemadmodum cum celsitudine vestra nuper supplex 
statueram, non existimo boc tarn negocioso tempore et loco 
vel Illustri principi Augusto etc., vel D. Doctori Fachsio 
significandum esse. Nam metuo, vt valde interapestiue ea 
de re et lllustrem Principem Augustum etc. et D. d. Fach- 
sium compellasse videri queam, quare expectandum censeo, 
donec feliciter domum redeant ... ex aedibus meis hoc 
vesperi quarta scilicet feria pentecostes Anno 46 . . . 

34. 31. August 1546. 

. . . Postridie quam domum redij, euestigio lypsiam ad 
D. Camerarium proficiscebar ac de scripto illo Lutheri 4 ) 

Ueber die Palmenweihe an Palmarum (1546: 18. April) vgl. 
Adolf Franz, Die kirchlichen Benediktionen im Mittelalter, I, Frei¬ 
burg i. Br. 1909, S. 470 ff. 

*) Vgl. jedoch Westphal, Georg S. 141 ff. 

*) Wohl Jakob Steyrer, bei Fraustadt S. 191 A. 1 irrtümlich 
als Archidiakonus an St. Maximi genannt. Als Kaplan Fürst Georgs 
wird er gelegentlich aushilfsweise in Mersebnrg gepredigt haben. Vgl. 
über ihn Enders 18, 855 2 . 

*) Luthers Ratschlag vom 6. März 1530 (Theolog. Studien und 


Digitizetf by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



62 


Digitized by 


62 * 

« 

contuli cum eo et contendi ab illo, quantis potui persuasionibus. 
caueret, ne in publicum ederetor. hic respondit Camerarius 
scire 8e, quaudo a Lutbero et quibus occasionibus scriptum 
esset, verum istas occasiones prgsens deo propicio narrabo. 
et, vt non excuderetur, cauere id in sua potestate esse mini¬ 
me. nam aiebat Widemannum 1 ) viceconsulem Lypsie 
hoc scriptum vspiam nactum esse et passim ostentare ac iactare 
contra nos et nostros et timere se dicebat, vt Widemannus 
imprimi iuberet nescio Camerario et tota vniuersitate. nam 
ita soleret Senates vel pocius Widemannus prohibere, ne 
doctorum hominnm aliquis vel literam änderet dare in publi¬ 
cum nisi consenciente senatu, ac ipsi sinerent excudere pro 
sno libito quidquid vellent magno fastu nemine in consilium 
adhibito. in has augustias aut pocius seruitutem redacta 
sunt doctorum hominum studia et lucubraciones. Ke igitor 
ita stante in bac caussa nibil efficere potui amplius, quin 
iterum me domum recepi. fecit tarnen eins scripti copiam 
mibi Camerarius, quam celsitudini vestr§ supplex mitto. Dedit 
prgterea scriptum aliud, quod est typis excusum, quod simul 
mitto. Ingolstadium (certo illi ex Nurnberga significatum 
fuit) decima nona Augusti in graciam Principum nostrorum 
se dedidisse 8 ). inuenti sunt in eo sex militum peditum milia, 
partim Germani, partim externarum nationum, Equitum vero 
mille. ac quid cum illis actum sit, ignorabat. 

Katisbonam refugisse Caesarem cum suis Hispanis. 
qui Turcis crudelius in miseros eines seuire dicuntur. 

Fecit eciam mencionem D. Joannis Furstheri. 
qui hactenus zeu Scbleusingen egit 8 ), ac exhibuit mihi illius 
ad se litteras. Deinde scripsit ipse eciam Joachimus illius 
nomine ad celsitudinem vestram, quas litteras celsitudo vestra 
his adiunctas reperiet 4 ). 

Cum D. Jona nomine Alberi 5 ) sum collocutus tak*. 


Kritiken 1909, S. 480ff., dazu noch: Franz Branky, Der Reichstag 
des Jahres 1530 und die Wahl Ferdinands zum deutschen Könige, 
Jahresber. des öffentl. Untergymnasiuins in der Josefstadt, Wien 1908 
[Histor. Zeitschr. 103, 446], Joh. Luther, Zentralbl. f. Bibliotheks¬ 
wesen 27, 242, P. Schwenke und E. Voulli6me in: Aus den ersten 
Zeiten des Berliner Buchdrucks, Berlin 1910 [Festschrift der Kgl. 
Bibliothek], S. 86 ff. Nr. 25). 

') Wolf Wiedemann (Enders 9, 293 >). 

®) Vgl. CR VI 215, 223 (215 wird die Augustini zu lesen sein). 

*) Joh. Förster hatte nach dreijähriger Tätigkeit sein Amt in 
SchleuOingen niedergelegt, weil er mit seinen Kirchenzuchtsplänen 
nicht durchdrang: RE* VI, 131. 

*) Dieser Brief des Camerarius an Fürst Georg vom 28. Aug. 1546 
ist im Zerbster Archiv erhalten und von mir im Neuen Archiv für 
Sächs. Gesch. 28 (1907), S. 128 f. mitgeteilt worden. 

6 ) Erasmus Alberus damals stellenlos in Wittenberg: E. Körner. 
Erasmus Alber, Leipzig 1910, S. 96. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



63 


6a 


is censet Optimum facta esse, vt celsitado vestra Senatai 
Northasensi de Albero scribat, se antem, Jonam scilicet, 
priuatim ad amicos eadem de re litteras libenter daturum 
et sperare se impetrare aliqaid posse. Sed hoc metuebat, 
ne aonaam salariam illi sufficeret, nam dicebat vix nona- 
ginta aut ad summum Centura fj nuraerari . . . 

Nona alia hodie ex Wolffgango, qui principis 
Augusti aerario preest, quem vulgo den Cammermeister 
appellant 1 ), accepi Imperatorem scilicet habere exercitum 
centum et quadraginta milibus militum. Sed arbitror vana 
esse, nam ferunt a quodam nostrorum ciuium conficta esse 
ad illudendos papistas, creduntur tarnen ista noua a qui- 
busdam. 

Abbas a Walkenroda 2 ) cum suo parocho hodie 
adfuit et attulit grauissimas erga parochum querelas. tandem 
autem parochus a nobis admonitus loco se libenter oessurum 
promisit. itaque hoc modo conciliati sunt, vt parochus cedat, 
Abbas alium substituat. D. Zobel ins 8 ) nondum redijt, 
sed dixit Magister Joannes scripsisse eum breui 
rediturum. Plura, Illustris Princeps, modo non habeo, quam 
flagitem, vt celsitado vestra primo quoque tempore huc 
redeat. Nam scripsisse huc consiliarios dixit Magister Joannes 
proxima secunda feria [30. Aug.] illos hic futuros in caussa 
Canonicorum . . . cum iam essem has litteras obsignaturus, 
commodum adferebatur mihi a Sartore Principis Augusti etc., 
de quo sepe dixi, hoc scriptum, quod bis insertum celsitudini 
vestr§ supplex mitto, in quo scribitur breui fore, vt Princeps 
Augustes totum papisticum regnum euertat. Celsitado vestra 
sola id legere velit nec vlli homini communicare et mihi 
- remittiere... date Merseburgij 3 a feria post Bartholomei 46... 

35, 24, November 1546. 

... Illustres principes nostros vtrosque Haie dicuntur [!| 
subsistere et in arce acceptos diuersari 4 ). quid vero agaDt 
aut quid consilij captent, nondum vidi quemquam, qui certs 
nunciare mihi posset. dicitur milites pedites alio able- 


*) Wolf Prager, erwähnt bei Fraustadt S. 192 Anm. 2, S. 200 
Anm. 3. 

*) Der letzte Abt von Völkenrode Nikolaus Seber hatte das 
Patronat über Großkörner und präsentierte am 6. Sept. 1546 für diese 
Stelle Justus Hartung. Der „parochus“ in unserm Briefe wird dessen 
Vorgänger gewesen sein. 

*) Ueber den Juristen Christoph Zobel vgl. ADB. 45, 382 f. Er 
war Konsistorialassessor in Merseburg (W e s t p h a 1, Zur Erinnerung 
S. 51). 

*) Vgl. den Bericht über die Ereignisse in Halle vom 22. bis 
26. Nov. bei K a w e r a u II 213 ff. u. H e r t z b e r g, Halle II 203 ff. 


Digitized by 


Gck igle 


Original ffom 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



64 


64 


Digitized by 


gandos, sed qao, ipsi milites ignorant. Dicitur eciam 
nonnullos frigore consumptos et plnrimos esse, qui abicionem 
ae diraissionem gerant a milicia, sed nnllis concedi. dominus 
Theodericus dixit hodie se certo scire Ju 1 inm a 
pflugk. Pegaoie expectare, donec a Principe nostro ad 
Episcopatum Czeitzensem introducatur, qnemadmodum 
celsitudini vestnj scribet ipse, sed simul dicunt Principem 
M. ipsum id facere nolle, sed instigare Hallensern, vt ille 
pflugum introducat 1 ). misimas Theodericus et ego huius rei 
caussa nuncium, vt celsitndo vestra ista sciret et si qua vlla 
racione posset, illum nostrum P. M. admoneret, vt sobrius 
iniret Consilium neque tanto cum discrimine bis, qui domiuo 
aduersantur, tarn arcte se coniungeret tamque diligenter illis 
patrocinaretur. verum ista ad celsitudinem vestram secreto. 

Quodad Canonicatum Scbonnenbergij 2 ) attinet, ago 
celsitudini vestr^ gratias de benigna erga me voluntate, et, 
vt verum fatear, non dedignarer accipere, si bac racione 
conferri mihi posset, qua Scbonnebergius possedit, nempe 
vt 15 fj pro statutis et 50 pro aedibus non cogerer pendere. 
Et sunt quidam, qui ita censent posse Illustrem Principem 
Augustum illum Canonicatum in sua potestate retinere, vt 
semper conferreretur [!] concionatori alicui; quod si mibi conferre 
vult, conferat. sine grauamine, vt dixi, libenter accipieraus ... 

Fama est (vt Theodericus certo dixit, et hodie in foro 
fama publica fuit) diuersoria in ciuitate nostra parata esse 
ad sexcentos equites breui huc venturos, cum quorum numero 
putant P. Augustum simul venturum, qui scilicet huc veniret 
veilem celsitudinem vestram vna quoque adesse, possent 
multa bona transigi . . . calcnlus me quotidie parat ad 
sepulchrum . . . Merseburgij postridie Clementis 46 . . . 

96. 2. Dezember 1546. 

. . . Que mihi duo misit celsitndo vestra Philip; 
Mel: scripta 8 ), supplex accepi et gracias celsitudini vestr? 

') Am 12. Nov. zeigte Pflog den Stiftstädten an, daß er das 
Bistum einnehmen wolle, am 29. ließ er das Schloß in Naumburg be¬ 
setzen. Herzog Moritz, König Ferdinand u. Hans v. Mansfeld hatten 
zuvor die Stiftsuntertanen zu gehorsamer Unterwerfung ermahnt, 
widrigenfalls sie zur Execution des kaiserl Mandats schreiten müßten 
(A. Jansen, Neue Mitteilungen aus dem Gebiet histor. antiquar 
Forschungen 10 [1863], II 58). 

*) Um das Kanonikat des Franz von Schönburg kann sichs hier 
kaum handeln, da dieser erst Anfang Dezember plötzlich starb 
(s. Nr. 48 und 49). 

*) Wohl der Ratschlag für Fürst Georg CR. VI Nr. 3614 (nach 
Christmann, Melanchthons Haltung im schmalkaldischen Kriege, 
Berlin 1902, S. 15 vom 23. Nov.) u. CR. VI Nr. 3608 („frühestens 
23. Nov.“) oder Nr. 3615 („einige Tage nach Nr. 3608“) oder Nr. 4076 
(25. Nov.) 


Go 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



65 


-65 

cum omni submissione ago summas. plaoet mihi Philippi sen- 
tenoia, in qua et ego semper fai. Ytilias enim Ecclesi§ censeo 
fore, vt plus opere ponamus in explicandis dogmatis Christian^ 
doctrin^ et in asserendis illis, que vera, que recta queqöe 
salutaria sunt, quam in reprehendendis flagicijs hominum et 
in iudicandis caussis politicis, precipue quarum iudieium 
neque ad nostrum ordinem spectat neque a quoquam nobis 
mandatum est. mundus sui similis perpetuo manebit neque 
sui similis esse nisi post extremum iudieium desinet, etiam 
si ringantur. Quare simus assidui et fideles in hoc solo, 
vt scilicet aedifioentur muri hierusalem, vt aedificetur 
Ecclesia etc. . . . 

Pastores Ecclesiarum de moderacione in concionibus 
pr^standa admoneri Decessarium ac non minus vtile fore et 
ipse censeo, et valde cuperem nostros, qui in Episcopatu 
Merseburgeusi habitant, huc Merseburgum acciri et cum 
' presentibus serio agi, vt omissis disputaoionibus de illis 
prophanis rebus doctrinam sanam pure doceant ac populum 
ad poenitentiam et oracionem diligentem diligenter ad- 
hortentur. Quare, si celsitudo vestra probat, iubebo illos, 
vtprimum fieri poterit adesse . . . 

Von Fürst Johanns Krankheit 1 ). 

Quod vero ... ad scriptum attinet, quo domini Super- 
attendentes vestr^ celsitudinis nomine admonendi essent, 
veilem tale scriptum a vestra celsitudine aedi et ad eos 
mitti. verum, si per negocia non licet, dabo interim operam 
ego, vt vestr§ celsitudinis nomine a me admoneantur, ac spero 
id paucis diebus effectum iri posse, nam nunciorum et raritas 
et peruicacia multura hic nobis obest . . . 

De bellico apparatu aut vrbis Wittembergensis 
obsidione vehementer doleo vtriusque partis caussa. veilem 
raeum lllustrem et chariss. Principem M. ex eo periculo 
ereptum . . . 

Wünscht Fürst Georgs Kückkehr. 

Alias hic nihil est certi. Julius a rat rum 2 ) est 
Episcopus contirmatus Numburgensis, sed audio Czeiczenses 
nolle eum admittere . . . 

Merseburgij quinta feria post Andree etc. 46 . . . 

87. 8. Dezember 1546. 

. . . Quod nuper a celsitudine vestra mandatum accepi, 
vt dominis Superattendentibus scriberem, vetarent parochis 
sibi commissis, ne de his bellicis rebus vtpote politicis pro 


1 ) Damals ,sehr schwach u. betrübt“: Westphal, Georg 
S. 167. 

*) Pflug. 

Archiv für Refonnationsgeschichte. IX. 1. «> 


Digitized by 


Gck 'gle 


Original fro-m 

UNIVERS1TY OF MICHIGAN 



66 


66 


Digitized by 


concione atque eciam alibi in cqtu bominam temere iudi- 
carent, illud inquam mandatam hactenus distnli exequi certo 
consilio. imprimis enim metuebam, vt meura scriptum 
Superattendentes tanta cum reuerencia non essent accepturi. 
Deinde eciam hoc consyderaui, ne lilnstris Princeps Mau- 
ricins aequo animo esset acceptnrns ac omnino pntaret sui 
racionem non haberi, si celsitudo vestra ipsa eins peticioni 
morem non gereret. nam olfacio aliqnid in illius litteris, 
et exemplnm nnper aeditum monet, vt prudenter agamus etc. 
Qnare celsitudinem vestram snpplex et irapense rogo, non 
grauetnr tale aliqnod mandatnm aedere et relatnm in litteras 
ac v. c. signo communitum hnc ad me mittere. curabo ego, 
vt ad singnlos perferatnr. 

Quod vero ad parochos in Episcopatu Merseburgensi 
attinet, omnes inssi sunt ad proximnm sabbatum [11. Dez.) 
a datis his litteris adesse, quibus ego summo stndio pro- 
ponam deo propicio mandatnm illnd, vt intelligat lilnstris 
Princeps Manricins vestrg celsitndini ac mihi eciam vt minim» 
temeraria illa hominnm inconsyderatornm iudicia minime 
placere. spero gratnm illius sublimitati fore. 

Ex Andrea pocillatore cognoni Canonicos nostros 
Celsitndini vestr§ propter Canonicatnm Schonnenbergij scrip- 
sisse. impense rogo, Celsitudo vestra adnitatnr, vt Canoni- 
catns ille mibi conferatur, neque sinat eciam sibi aedes 
illius ex manibns eripere. 

Apnd nos plane nihil est nounm prqterquam quod dici- 
tur Czeiczenses nolle admittere neqne in cinitatem snam 
neque in arcem neque iureiurando se obnoxios facere Juli» 
Pflugk. 

Heri vesperi postridie sancti Nicolai [7. Dez.j venit ad 
me quidam doctus, qui se appellabat Petrum Keczle 
a Nurnberga 1 ) et salutauit me nomine D. Zcygeleri et 
cum inter reliqua sciscitarer, num quid noui haberetur 
Lypsie, Respbndit certo cercius fore, quod lilnstris Princeps 
Lantgrauins Hassie vel heri vesperi vel hodie, die scilicet 
Conceptionis, esset venturns Lypsim centum tantum comitatus 
equitibus et festinanter ire ad lllustrem Principem Mauricium 2 ). 

*) Wohl = Magister Peter Ketzmann aus Nürnberg, den 
Melanchthon am 18. Juli 1545 als Schulmeister nach Grimma sandte 
(CR. V 796). Vgl. hierzu Lorenz, Die Stadt Grimma, Gr. 1871, S. 141711. 
Ihm zufolge war K. „bis um 1549“ in Grimma „und ließ sich dann 
,ohnweit Leipzig' als Pfarrer anstellen“. Sicher ist, daß er einige Jahre 
Pfarrer in Elsterwerda war, vgh CR. VII 1095. 1116 (Okt. 1552), ehe 
er nach Augsburg (CR. VII 1146) ging. Vgl. über ihn auch Beitr. 
z. bayer. Kirchengesch. 8,38. 16,88, Frdr. Roth, Augsburgs Refor- 
mationsgesch. IV, München 1911, S. 705 f., ADB. 15, 688 f., Gödeke 
II 2 192 Nr. 76. 

*) Vgl. Melanchthon an Paul Eber, Zerbst 13. Dez.: „Nunc enim. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



67 


67 


Ibi cum quaererem, Nam bellam Caesarianam finit um 
esset, an principes (vt hic diceretur) se disiunxisset [!], 
Respondit: „nequaquam, Nam landtgranins snnm exercitam 
apad reliqaos dimisit, breai reditarus ad illos. tantum com- 
ponende pacis causa festinanter in has nostras oras venit.“ 
dixit eciam adnentnm lantgranij adeo certnra esse, vt certo 
sciret Lypsie in arce parari victnm ad ipsins adnentnm .. . 

Is Petrus Keczel venit hnc accersitus a Malticio et 
affirmabat se ab eo acceptnm in parochnm kegen Elster¬ 
werda. dixit eciam idem Petrus Imperatorem pecijsse sex 
mensinm inducias, a nostris antem nnllas illi concessas et 
rem Electoris et Landgranij ac cnm illornm exercitibns bene 
habere, hec vt accepi, ita reddo. 

De connentn Hallensi nihildnm cognoscere potnimns, 
quid isthic agatur 1 ). 

Celsitudinis vestre litteras ad Illnstrem Principem Au- 
gustnm etc. pertinentes racione Canonicatns etc. dedi 
Theoderico, ille vero Secretario, Secretarins illas in hunc 
vsqne diem apnd se retinnit nec misit Principi Augnsto etc. 
excnsanit enim se, qnod plnribns quam quattnordecim diebns 
nullus nnncins ex arce Mersebnrgensi iuisset ad Principem 
Augnstnm etc. nec satis certo sciri posse, vbinam locorum 
reperiri possit . . . missurnm se tarnen hodie . . . Supplex 
peto, celsitndo vestra velit iternm ea de re scribere et per 
hone nnncinm, quem den Naskittel appellant, litteras ad 
P. Aug. mittere, vt cognoscatur, qua voluntate sit P. Aug. 
de illo canonicatu ... De obsidione Wittembergensi 
nihil hic nouimns neque quiequara huc a quoquam nobis 
significatur... Merseburgij die ipso Oonceptg Virginis etc. 46... 

38. 8. oder 9. Dezember 1546. 

. . . etsi non habeam quiequam noui, quod celsitndo 
vestra aut antea non nouerit aut ex domini Theoderici 
litteris non intellexerit, tarnen, cum hic hans bote dicebatur 
a Consistorio ad V. C. mittendus, nolui oblatam scribendi 
occasionem omittere. De subito obitu Francisci a Schonne- 
bergk ex Theoderici litteris Celsitudo vestra cognouit. 
horrendum est, quod in paruissimo momento loquitur ille 
Schonebergius haud secus atque incolumis aliquis homo et 
cicius quam aliquis dicere possit „saluete“ extemplo efflat 
animam sine cognicione male act§ vit§, sine poenitentia, sine 

com certo nuncietur Lipsiam venturus Macedo, ..." (CR. VI 318), 
an denselben 20. Dez.: „Lipsiae convenient Macedo et gener“ (326), 
an Joh. Marcellus 21. Dez.: „Hodie . . . convenire dicuntur Macedo et 
gener“ (327). 

*) Vgl. Nr. 35 Anfang. 

5* 


Digitized by 


Gck 'gle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



68 


68 


Digitized by 


confessione fidei, in summa vt brutum . . . Ego besteruo 
die nouum parochum zcu Korbeta et Scopa 1 ) magna po- 
puli et nobilium zcu Scopa gratulacione introduxi deo gracia 
feliciter. Concionari autem propter insolitam vocis rauim 
haud queo. dominus Jacobus 2 ) bodie vices meas egit 
acturus eciam proxima dominica deo volente. reliqua per 
dei misericordiam omnia adhuc salua sunt. Nuncius ab 
Episcopo Czeitzensi nonduin redijt. vtprimum autem redierit. 
mittam illius rescriptum . . . Merseburgii etc. 46. 


89. 9. Dezember 1546. 

... de horribili illo casu Francisci a Schonnebergk 
antea scripsi. hoc tantum celsitudinem vestram admonitam 
supplex cupiebam, postquam ius occupandarum illius aedium 
ad vestram celsitudinem pertinere ab Omnibus dicitur, non 
veilem quicquam statui ante vestrg celsitudinis aduentum... 
Merseburgij postridie post conceptam virginem 46 . . . 

40. 16. Januar 1547. 

. . . bodie dei gracia concionatus sum de forma orandi 
et diligentissime adbortatus sum ad oracionem Ecclesiam, 
et finita concione magna populi frequencia mansit in templo 
ac orauit longe diligencius quam antea et valde diligenter 
auscultauerunt. retuli eciam ad Ecclesiam celsitudinis vestr^ 
abicionem et caussam abiciouis ac recensui v. cel. versari 
in condicionibus pacis inter lllustres Saxonig principes con- 
stituendis, breui etiam redituram .. . vicarius quidam nostre 
Ecclesi§ Nicolaus Weise vetulus et Organista quidam 
hodie primo proclamatus est, vult enim et ipse concubinam 
suam ducere vxorem. 

Preterea hesterno die [15. Januar] nouus quidam Capi- 
taneus 8 ) vt vocant in arcem nostram aduenit et bodie in 
templo diligenter auscultauit concionem. Quingenti eciam 
milites hac nocte bic pernoctarunt cum nonnullis tormentis 
bellicis, qui bodie mane circiter septimam cum tormentis 
suis abierunt ad Electorem lypsiam, raissi vt ipsi dixerunt a 
Comite Mansfeldensi Alberto, nihil damni cuiquam ciuium 
attulerunt, venerunt huc, pernoctauerunt et rursus abierunt 
pacifice. Tormenta bellica septem secum duxerunt, quorum 
maximum trabebant XXIX equi, reliqua viginti, decem et 
octo equi, hec omnia in caput misere vrbis Lypczensis. 

*) Der Name dieses neuen Pfarrers von Korbetha-Schkopau ist 
nirgends genannt (Flemming S. 179 unten). 

*) Steyrer. 

Vgl. unten Brief Nr. 44. 


Gck 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



69 


69 


Lypsiam certo dicunt ita dilaeeratam vt horrendum auditu, 
nedum visu sit 1 ). Dixit hodie ab flnito officio quidam io 
nouo foro habitans mihi probe notus: Geoer meus, inqait, 
heri redijt ex ipsa vrbe Lypczensi et se vidisse dixit globum 
ingentem ex castris Electoris Bombarda io ciuitatem Lyp- 
sensem iactam in ingentes illas aedes frumentarias, que 
Lypsie preclare habentur vff dem nawen marckte, ac pertriuisse 
istam domnm ita, vt perspici potuerit; in summa horribiliter 
Bombardis fractas ac pertusas esse domos fere omnes, Et 
quendam Magistrura Bombardarum in castris electoris in ipso 
Bombardarum apparatu ictu globi perijsse. Preterea ex ipsa 
Lypsia missos globos in Electoris castra vno impetu strauisse 
quattuor fossores vallorum vier schancz greber, arme bawrß 
leute. Sed hoc certo putatur hodie Bombardis frangendos 
muros et capiendam vrbem . . . Aiunt Illustrem D. Augustum 
graniter indigoari suasoribns huius belli et poenam minatum 
esse. Dicunt eciam Illustrem Principem Mauricium cum 
magno exercitu auxilio illis vel hodie vel cras venturum, pu¬ 
tatur tarnen a quibusdam id minime futurum. Rex Bobe¬ 
rn o rum fertur nongentos pedites Cygneara misisse, vt in 
ipsa vrbe presidio esseut Cygneis contra Electorem, sed a 
Cygneis non admissos in vrbem ac retro, vnde venerunt, 
reuersos 2 ). Hec ex vnlgata, sed tarnen non omnino incerta 
fama accepi . . . Merseburgij XVI Januarij 47. 


41. 19. Januar 1547. 

. . . Herzog Moritz soll gesagt haben: Non posse iniri 
eoncordiam aut non posse vllam constitui pacem rursus nisi 
aduersa parte a medio fnnditus sublata. hoc veile lmpera- 
torem, hoc Regem etc. Idem ex aduerso dicitur non quie- 
turum Lypsice vrbis oppugnatorem, donec profligarit D[ucem] 
M[auricium]... Bedauert die Krankheit Johanns v. Anhalt... 
O malum omnium malorum malissimum bellum et discordia! 
O gratarura ac chararum rerum omnium gratissimum et 
charissimum pax, eciam externa, quid dicam et quissatis dicere 
potest de interna, que est vita aeterna! Ach Gott hilft 
propter sanguinem Jesu Christi. 

Der Pfarrer in Zweimen Valentin Schmidt :1 ) 
gibt immer mehr Anstoß und muß abgesetzt werden . . . 
Merseburgij quarta feria Antonij 47 . . . 

•) Am 13. Jan. begann die Beschießung (Georg Voigt, Die Be¬ 
lagerung Leipzigs, Archiv f. d. Sachs. Gesch. XI [ 1873], S. 279). 

*) Mitteilungen des Zwickauer Alfertumsvereius I (1887), S. 53. 

3 ) F1 e m m i n g S. 200 unten. 


Digitized by 


Gck 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



70 


70 


Digitized by 


42. 28. Januar 1547. 

. . . que scribam, non habeo, nisi qnod preterita nocte 
et hac die dominica vrbs Lypsia crudeliter impetita est 
tormentis bellicis. tota nocte et hodie iacti sunt globi 
tormentarii sine vlla intermissione in ipsam vrbem Lypsiam, 
vnde metuo misere dilaceratam esse optimam ciuitatem, et 
dicitar cras vi inuadenda, vulgo zu sturmen, ac valde timeo 
omnino fore vt perdatur pulcberrima ciuitas . . . Tormenta, 
que in Lypsiam emissa sunt, bic sunt audita Merseburgij 
hac nocte adeo, vt eines summo illorum sonitu exciti sint et 
trepidarint aedes ac fenestrg. in summa: omnium rerum misera 
facies est. 

D. Zcobelius 1 ) propter suam pecuniam in quoddam 
iurgium incidit cum quodam milite Mansfeldensi et vulneratns 
est . . . Merseburgij dominica post Sebastiani 47 . . . 

Beilage zu Nr. 42. 

Hoc vesperi euocati sunt omnes incolg in suburbio, vulgo 
alle inanschafft yn der Aldenburgk. missi sunt Lypsiam hac 
nocte, vt adiuuent expugnacionem vrbis Lipsice, das sye 
sollen eczliche vil hundert wagen mit mist vnd holcz beladen 
zeu Leyptzigk yn den Stadtgraben werffen, das man vber- 
hin kan vnd mit den Sturmleitern die Stadt ersteigen, da 
man gewis saget, das man morgen montagk nach Agnetis 
[24. Jan.] sturmen wil. 

48. 25. Januar 1547. 

. . . Lypsia grauissirae adbuc oppugnatur, totum 
triduum tarn grandes Bombardg in illam emissg sunt, vt 
sonitus illarum in nostro oppido non auditus tantum fuit, 
sed trepidaruut eciam aedes ciuium. nec tarnen cogitant 
dedicionem . . . dicunt eciam nonnulli ab tormentorum iactu 
in ipsa ciuitate Lypczensi perijsse de promiscua turba ancil- 
larum, puerorum, militum circiter quingentos et esse misera- 
bilem eiulatum muliercularum et liberorura. rabies illa, qua 
ducuntur hoc tempore bellatores, est immanis, quotidie noui 
accurrunt milites ad Electorem, quotidie eciam multi aegro- 
tare incipiunt . . . 

Elector euocauit omnes ruricolas in tota illa circum nos 
regione, vt quidam putaut, quater mille rusticos, vt eant in 
sua castra et expleant fossas circa muros, vt queant milites 
adijeere scalas ad muros et expugnare ciuitatem .. . Merse¬ 
burgij XXV Januarij 47 . . . 

*) S. oben Nr. 34. 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



71 


71 


44. 27. Januar 1047 >). 

. . . lllastris Princeps, nolui celsitudinera vestram caelare, 
quod bodie sexta feria, dam post coDoionem templo egrederer. 
aecessit ad me novus ille noster praefectas Wolff ab hage- 
nest et dixit se heri ex castris Electoris rediisse et Eleo- 
torem cum toto exercitu ab oppagnacione lypsicae urbis 
discessisse et festinare Cygneam et circum regiones ad 
ipsum nostrum dacem Mauritiam, qai dicitar horribiüter sine 
discrimine in omnes homines grassari, rapere eorum faeul- 
tates, violare tum virgines tum mulieres, occidere denique 
multos, in summa Er soll grossen schaden thun. 

Quare vult Elector illi ire obviam, et sicut sonuerunt 
verba prefecti, Er wil mit yhm hindurch, hoc est, vult eum 
vel opprimere vel vult opprirai ipse. Preterea dixisse Elec- 
torem, ut parceretur exercitui, vel Electorem solum cum 
Mauricio solo in patenti campo ad duellum descendere veile. 
Alii etiam dicunt (id quod et ego credo) nonnullos milites 
relictos esse in obsidione lypsicae urbis, in summa dimica- 
turos de vita et salute. Adeo pertinax est fratrum ira, 
Christus largiatur suum spiritum illis omnibus, Amen. 

Husserni visi sunt circum civitatem Aldenburgk et 
passim dicuntur diripere hominibus, quecumque habent, et 
queritur predictus noster praefectas, ante biduum suas aedes 
extiirbatas esse, uxorem profugisse, hussernos illi omnia sua 
mobilia abripuisse, ln summa, Elector vult in eum tendere. 
An vero aliquem habeat exercitum dux Mauricius, qui possit 
opponi Electori, id nemo potest pro certo adfirmare. Molen- 
dina lipczensia dicuntur omnia exusta esse nec esse reliquum 
nisi unum, quod equis trahitur, neque id sufficere tantae 
multitudini alendae. Civitatem horribiliter dicunt Bombardis 
laceratam, sicut nuper scripsi . . . Merseburgii XXVII Ja- 
nuarii 47. 


45. 1. Februar 1547. 

.. . Nos hic in magno metu sumus, nam milites residui 
ex vrbe Lypczensi erumpentes spoliauerunt proxima 
dominica [27. März] sub noctem oppidum Luczen, deinde 
prgfectum ab Electore Saxoni§ in arcem Weissenfelss collo- 
catum eadem nocte ex ipsa arce vi ereptum lypsim duxerunt 
captiuum. In summa faciunt se formidolosos toti regioni. 

Dictum mihi hodie est pro veritate equites mille quin- 
gentos cum nonnullis peditibus hac nocte pernoctaturos hallis, 


*) Diesen Brief stellte mir Herr Prof. Dr. Flemming freund- 
lichst zur Verfügung. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERS1TY OF MICHIGAN 



72 


72 


Digitized by 


raissos ab Magdeburgensibas et Halberstadiensibus suppecias 
laturos Electori. io summa omnia sunt bostilia. 

Arx Lypczensis ita est lacerata Bombardis, vt exeuntibus 
plana via per arcem pateat, et nulla dum porta aperta esse 
dicitur in ciuitate, sed tantum per arcem intus et extra fit 
iter, nemo tarnen nec amittitur neque immittitur nisi consen- 
ciente prefecto, qui iara dicitur esse Fischer, antea Friburgi 
prefectus 1 ). Merseburgij in vigilia purificacionis 47 . . . 


Beilage zu Nr. 45. 

Certo hic dictum hodie est D[ucem] M[auricium] metu 
Electoris sese insectantis aufugisse in Bohemiam et Electo- 
rem illo profligato ingenti manu redire ad Lypsic§ vrbis 
oppugnacionem . . . Princeps Augustus, frater Mfauricii]. 
fertur consternatissimo animo esse . . . 

46. 4. Februar 1547. 

. . . Nouus ille noster Prefectus 2 ) mire humanum se 
erga me exhibet, quare veilem eum mihi libenter demulcere 
et obnoxium facere lauciore aliqua cena. sed cum non 
habeam ferinam, Obnixe ac supplex celsitudinem vestram 
rogo, dignetur non grauari aliquam coxam de hyunulo mihi 
impartiri, vt possim eum paulo dignius excipere. nam est 
mihi ab eo petenda merces mea, frumentum, ligna, pecunia... 

. . . Sacrificulus ille, quem vulgo appellabant den 
Tauben Jorgen, paucos dies decumbens bac nocte am 
donnerstage zcu nacht [vom 3. zum 4. Februar] vmb xij hören 
mortuus est. Alle Bekehrungsversuche seitens der evange¬ 
lischen Geistlichen sind vergeblich gewesen. 

Deinde proxima dominica [30. Jan.] in meridie sub 
meridiaua concione vetus Prefectus zcu Weyssenfelß Christ off 
ab Ebeleben cum trigiuta tantum equitibus et totidem 
militibu8 claro medioque die e Lypsia profectus irruit in 
ciuitatem Weyssenfeldensem et abstulit XXII milia f 5 . 
quos isthuc congregauerat nouus ille constitutus prefectus de 
exaccionibus passim collectos ad Electorem pertinentes. Ille 
inquam Ebeleben preuenit et abripuit. Postea in oppidulnm 
Lützen irruens spoliauit nonnullos et redijt Lypsim 8 ). 

Elector misit kegen Weyssenfelß Presidium quadrin- 
gentorum equitum et quingentorum militum. 


*) Vielleicht, identisch mit dem bei Fraustadt 8. 122 erwähnten 
Amtmann von Lützen Hans Fitzscher. 

2 ) Vgl. Nr. 40 und 44. 

3 ) Vgl. Voigt a. a. 0. 8. 302. Über Christoph von Ebeleben auch 
schon S. 2(52. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



73 


73 


Ab Comite Alberto Mansfeldensi quingenti milites 
ad Electorem raissi x ), in die purificacionis [2. Febr.] hic pernoc- 
tauerunt, zca Pegaw spacio quattuor dieram vna vice XII1I, 
altera vice XVI centena militum transieront ad Electorem. In 
Summa: Elector contrahit ingentem exercitum. Dicnnt eciam 
quidam regem Ferdinandum venire ex Bohemia cum 
XVIII milibus militum, sed hoc ex vulgi rumore accepi. 
Tempora sunt plenissima periculorum . . . Valde rogo, vt in 
hoc tanto frigore medici diligenter aduertant ad Illustrem 
Principem ac dominum dominum Joaqnem etc. nam frigus 
nonnibil intempestiuum est et adferet morbos. 

Hoc eciam pene oblitus eram. Elector misit huc cen¬ 
tum Bombardarios, qui arci et nobis Omnibus, si quis inopi- 
natus incursus forte accidere vellet, essent auxilio. fuerunt 
plerique hodie in concione, sunt Iuuenes ab Querfurt huc 
accersiti, pacifici etc. Datum sexta feria post purificatam 
virginem 47 . . . 


47. 13. März 1547. 

Hat den von Hans Bote vom Herzog August gebrachten 
Brief aufgebrochen und gelesen, in quibus non animaduerto 
vllum vestigium pacis, imo speratur breui venturus Imperator, 
cuius aduentus non admodum frugifer his regionibus a non- 
nullis censetur . . . proxime elapsa quinta feria [10. März] 
magnns equitatus cum valde multis curribus et peditibus 
preterijt vrbem nostram foris, non ingrediebantur ciuitatem, 
vnde oppidani in magnum metum coniecti putabant se peti, 
sed extra muros pacifice transierunt Hai lim, ista meis oculis 
vidi. Ad id quod in aedes Schonnenbergij migraui, 
nihil responsum est, metuo indignacionem aliquam. Est forte 
aliquis lupus in aula, qui haue praedam captat, et dolet 
sibi faucibus ereptum bol um istum . . . Merseburgij dominica 
Oculi mane ad lucernam 47. 


48. 26. März 1547. 

Briefüberbringer ist Caspar v n r e i n 1 2 ) . . . Porro 
neque indignum neque ingratum existimo, quod Prefectus 
noster hesterno die in templo mihi narrauit se certo scire 
ducem Mauricium pacem ab Electore petere et missas a 
Mauricio ad Electorem litteras ingenti signaculo obsignatas, 

1 ) K. Kram haar, Die Grafschaft Mansfeld im Reformations¬ 
zeitalter, Eisleben 1855, S. 289. 

2 ) Vgl. über ihn meinen Heit Reg. s. v. und Nik. Müller, Fürst 
Georgs III. von Anhalt schriftstellerische Tätigkeit in den Jahren 
1530—1538, Leipzig und Newyork 1907, S. 16 Anm. 3. 


Digitized by 


Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



74 


74 


Digitized by 


quas arbitrabatur pr^fectus condiciones pacis continere. nos 
quotidie pro pace sapplices Christo procumbimus. 

Ceterum alteram est, quod aadita non adeo iucundum 
est, nempe hoc: Ecclesia oostra plane desolata est nallas 
ciaiam ad nostrum templum amplius ascendit die dominica. 
Panci adsunt ad concionem operarij, mercenarij, aurig§, 
nonnullg rauliercul§, perqnam exiguus nameras, vt haad sciam, 
opere praecium ne factarns essem, si bona sexta feria 
[8. April], vt vocant, historiam dominier passionis magno 
com sadore recitarem, cum nemo adfataras sit. qaeso 
celsitado vestra vel respondeat, quid fieri hac in re velit, vel 
veniat ipsa ante dominicam palraaram [3. April]. Spero pacem 
fataram . . . Dankt für Salm . . . Datum Merseburgij 
postridie Annanciacionis [26. März] 47 . . . 


Beilage za Nr. 48. 

Vacant eciam nonnulle parochie, nisi fallor quinque aut 
sex, neque quisquam petit vllam sibi conferri. Celsitado 
vestra velit cogitare de pastoribus. nam hic nulli vspiam 
apparent etc. 


49. 29. Mürz 1547. 

. . . Que bona de pace noua huc ab Illustriss. Principe 
Electore Saxonie etc. allata sunt ad prefectum nostrum, 
summo gaudio perfusi vestram celsitudinem celare non 
potuimus. Cognoscet celsitado vestra, que certa et que vera 
sunt. Prefectus ardenter optauit ista celsitudini vestrg nota 
fieri nec dubito celsitudini vestr§ ista grata futura. De officio 
Ecclesiastico hoc significo parochum zeu Lünaw 1 ) proxima 
dominica Judica [27. März) mane vita in Christo functum 
esse. Deinde parochus zeu Wesemar 2 ) valedixit suo populo 
et vult discedere a sua parochia et se hallim conferre. si 
celsitudo vestra vspiam inquirere potest bonos viros, qui in 
illorum locum suffici possent, queso faciat. Hec summa 
festinacione summo mane ad lucernam scripsi Merseburgij 
tercia feria post Judica 47 . . . 

50. 8. Mai 1547. 

. . . Omnia sunt incertorum rumorum plenissima. Here¬ 
mus hic suspensi ac ambigui, quo inclinandum sit. quidam 

*) Leuna. Vgl. Brief Nr. 12. 

2 ) Weßmar. Vgl. Brief Nr. 1. Der dort erwähnte pastor war 
wahrscheinlich noch 1544 abgesetzt worden. In unserm Briefe handelt 
sich’s um seinen Nachfolger Laurentius Tunger, der der erste evange¬ 
lische Prediger zu Neumarkt bei Halle wurde (Hertzberg II 2z0). 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



75 


75 


minantor irrapcionem Hispanorum, quorum tyrannis dicitar 
ipsius esse Satan§, alij miciorem ramorem spargant et red- 
dant nos valde attonitos. Ego certe in istis fluctibus cir- 
camferor, vt ignorem, in qaem portum mihi eaadeadam sit. 
Dicitar Hispanos circa oppidam De lisch magna cateraa 
horribiliter vastare, corrampere et vastare omnia, Delisch 
tribos miliaribas a nobis distat, quare idem exiciam nobis 
qaoqne metuendam, Deas misereatar nostrL 

Deinde incredibiü maerore adficior propter imminentem 
celsitadinis vestr^ dicioni adfliccionem. proh denm atqne 
hominnm Adern, quam atrociter pnnitnr vnnm hoc delictnm, 
cui nomen Verachtünge deß Enangelij ... Et qnod est 
omninm horribilinm horribilissimum, nemo mortalinm vel 
hodie adhnc his plagis emendatnr . . . 

De rebns nostratibus non habeo pecnliaria qne scribam ... 
qnidam SacriAculns plane Satanicns, qni diu admodnm de- 
cubuit, cni nomen esse ferebant der Swarcz Jorge, nnper 
defnnctns est . . . Der Sangkmeister hydropismo laborat 
et est desperates, non poterit superesse . . . sed agnouit 
«nos errores et pecijt absolncionem ... 3 a leria post Ju¬ 
bilate Merseburgij 47. 


Als Anhang folgen hier noch zwei Briefe Musas an den 
fürstlich anhaitischen Leibarzt Wolfgang Furmann 1 ), die za 
den letzten Briefen Masas an Fürst Georg, besonders zu den 
Nachrichten Uber die Belagerung Leipzigs, wertvolle Er¬ 
gänzungen bieten*). 

16. Januar 1547. 

S. in Christo. Rogo te, mi charissime in Christo frater 
Magister Wolffgange, signiAcato mihi, an feliciter Dessaviam 
veneritis. metno enim vobis propter pericnla itineris. nos 
hic diligenter pro Jliustri Principe et vobis omnibus oramus. 
Ego nonnihil mihi dei gracia et tna prndenti ope redditns 
snm. Spero me posthac aliquamdiu salnbriore vita futurum, 
mallem tarnen tua presencia et docto consilio praesens nti, 
dato tarnen operam quaeso, nt, quam unqnam Aeri queat 
brevi, redeatis. lllnstres Principes ac dominos meos gra- 
ciosos Dominum Joachimnm et dominum Joannem, si 
per occasionem commode potes, queso meo nomine supplex 
salutato et ofAcia mea snbmisse nnnciato. que hic nun- 


l ) Vgl. über ihn meinen Heit S. 144 Anm. 1. 

*) Die beiden Briefe sind mir von Herrn Prof. Dr. Flemming 
gütigst mitgeteilt worden. 


Digitized by 


Gck 'gle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




76 


76 


Digitized by 


ciantar, ex literis ad Illustrem et Clarissimum Principera 
nostrum ac D. D. Georgium cognosces, in summa, auditis 
hic wenigk guts, vil arges, Christus Jesus fungatur in hac 
caussa officio suo, scilicet liberacionis et salutis, Amen. 

Strennum virum dominum Johannem ab heynitz 
Marschalcum Dessaviensera et dominum Cancellarium pera- 
menter te rogo qnam benignissime et officiosissime meis 
verbis multa, imo multissima salute imperti. ltidem quaeso 
facias ad Prudentissimum Consulem ac preclarum civeni 
Zcervestensem, Patrem tuura, virum honestissimum et arnicnm 
meum charissiraum. vale, Magister et in Christo frater 
eharissime, ac te impense rogo, rescribe, si quid novoruni 
habes. vale iterum. Merseburgii XVI Januarii 47. 


26. Januar 1547. 

S. in Christo. Nihil iucundius contingere mihi potuit, 
Mi domine Magister Wolffgange. quam quod tarn humaniter 
mihi ac tarn copiose rescripseris; de bello, quod nunc in 
nostra ipsorum viscera geritur, alia que scribam non habeo 
quam que tu scribis, gliscere scilicet quotidie acerbius. 
proxime elapso sabbato [22. Jan.] totam noctem, deinde se- 
quentibus diebus, nempe doruinica, 2 a , 3 a , 4 a feriis continuis 
[23.—26.] una cum noctibus sine intermissione ingentes 
Bombardae in lypsiam emisse sunt, quarum sonitus nostras 
quoque aedes nonnihil concussit, multae domus misere lace- 
ratae dicuutur. hodie quidam in Aldenburgio suburbio 
Merseburgensi habitans, ex castris Electoris reversus (fuit 
enim eo una cum multis aliis accersitus ad fodiendum val- 
lum proxime muros civitatis lyptzensis), dixit hesterno die 
igneum globum in ipsam urbem atque adeo in aedes 
D. Pfeffingeri iactum, qui e vestigio incendisset ligneam 
structuram, Sed fuisse a quibusdam operariis evestigio re- 
stinctum, quod ubi vidissent Magistri tormentorum, qui foris 
in castris fuissent Electoris, ita perciti iecissent extemplo 
alium globum lapideum in eandem Pfeffingeri domum, quo 
domus fuit deturbata, ut corruisset, et ilico auditum misera- 
bilem einlatum clamantium: 0 Got hilff uns! Istud autem 
pro certo affirmabat is, qui dixit, imo probavit se vidisse. 

Deinde in aliam quandam plateam non procul a portis 
Sancti Petri itidem igneos globos iniectos et hac nocte duas 
domus concrematas fuisse; ista pro certo affirmantur a quo- 
dam, qui se spectatorem fuisse ait. Postea dixit idem im- 
mensam molem lignorum comportatam esse an den Stad¬ 
graben, que hac nocte coniceretur in ipsura alveum den 
Stadgraben, ut expleatur, ut tuto transiri possit et scalae 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



niuris admoveri, cras enim aut ad summum perendie extur- 
bauda dicitur civitas, wil man starmen. 

De Imperatore hic quoque nihil certi habetur, imo 
altissimum de illo silentium est; multi pro certo adfirmant 
desiisse eum apud superos morari. De nostro vero D. M[au- 
ricio] neque hic neque Dresde scitur, ubinam locorum agat; 
quidam dicunt Cygneae esse, sed neque hoc pro certo 
creditur. 

Ludimagister noster 1 ) superiore dominico me insalutato 
abiit ad castra videnda Electoris, at neque ille dum rediit. 

Gonsilia Illustrissimorum atque optimorum principum de 
pace revocanda fortunari a Christo peto et ago gracias, quod 
apud illorum celsitudinem mei honorifica mencio facta est. 

De pace nulla spes uspiam apparet, nisi forte aeternus 
pater domini nostri Jesu Christi arcano ac sapienti suo con- 
silio aliquam ineat raeionem, qua odio etiam habentes pacem 
ad ultro quaerendam petendamque pacem adigat. 

A Ferdinando non magnopere metuo, est enim cum 
eo oppositum in abiecto [!], hoc est, horrenda fortassis in 
animo destiuat, et vires proposito illius nön respondent. 
moliantur boni papiste, quicquid volunt et possunt, Consilium 
tarnen domini stabit et voluntas eius fiet, quia dominus 
decrevit, et quis poterit infirmare, ut Esa. ait 2 ). 

hesterno die quidam Bombardarum magistrorum Magister 
iacto ingenti globo in urbem lypsicam foras procucurrit, 
visurus, quonam volasset globus ille, et quid damni intulisset 
urbi, et, dum incaucius prospectat, alias quidam a muro urbis 
rursus parva Bombarda emissa globula illum Bombardarium 
necat. dicunt parandis et eiaculandis Bombardis valde 
peritum et Electori charum fuisse. Sepultus a militibus et 
tribus astulis, vulgo uff dreyen halbarten, hat man den 
corper zcu S. Joes getragen und begraben preeunte Tym- 
pano, haben mit eyner Trommel furher zcum grabe gangen, 
illa fuit eorum campana; huius rei itidem spectator fuit in- 
cola ille in der Aldenburck, de quo supra. 

Urbs lypsica fertur intus hrmissime munita, haben das 
pflaster aufgehoben und die thor und zcerschossen mauren 
ynnewenigk wider verwart uffs beste. Arx lypsica dicitur 
horribiliter concussa ac dilacerata esse Bombardis. Man hat 


') F. Witte, Gesch. des Domgymnasiums zu Magdeburg I (Pro¬ 
gramm von 1875), S. 28 nennt nach 1546 als Schulmeister in Merse¬ 
burg Mag. Schloebitz („Georgius Schlöbiz Crimmizensis“ am 8. Aug. 
1542 in Wittenberg Magister) und als seinen cooperarius Thomas 
Arnold. Wahrscheinlich war aber vielmehr der letztere ludimagister, 
vgl. Wittenberger Ordiniertenbuch IT S. VII Nr. 1907 („praefuit 
scholae Merseburgensi 5 annos“). 

*) Jes. 14, 27. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fram 

UNIVERSITY OF MICHI 



78 


78 


Digitized by 


sich uffs aller nehest hynnan an die Stadt geschanzet, ßo 
ist eyn gros holtz zcam Stadtgraben getragen and wirt heint 
noch mehr dohin bracht werden, and die graben gefallet, 
das man nberhin landen kan nnd mit den stnrmleitern die 
Maar erreichen, den vel morgen vel übermorgen will man 
starmen. Multi sperant reditarum D. M[aariciam] et allaturam 
suppecias, sed malti metaant frastraneam spem fataram. 

Undique ex Omnibus locis accarrunt non milites quotidie 
ad Electorem, arbs obsessa est quattuor locis, imo circum- 
circa, adeo nt nemo in illam ingredi ant egredi qaeat, et si 
qui fraude istbinc effagere vellent, statim impetuntur Bom- 
bardis ab illis, qai in maris advertunt, et perimantar. Man 
scheust mit grausamen grossen stacken vom Sonabent zcu 
nacht her, bis uff diese stunde ane nachlassen tagk and nacht. 

Pro certo dictum est ubique illis qaattuor diebas circiter 
qaingentos homines promiscaae turbae, utpote muliercularam, 
paeroram, ancillaram, servorum, militam eciam, Bombardis 
perditos esse, Got erbarmß. dicitur eciam de qaadam mu- 
liere cive (sed nescio cuius fuit uxor) cum omnibus suis 
liberis periisse, miserandam, nihilo tarnen minus insolentissime 
dicuntur abnuere pacem. 

De parocho zcu Zcweima 1 ) statuam hoc, quod iussit 
Princeps. Itidem dudum respondi Parocho Lauchensi 2 ). 
expectabit reditum lllustris Principis nostri. 

Si certo cognovero, quem eventum habitura est isthec 
urbis lypczensis oppugnacio, extemplo significabo vobis. 

Sed heus, miranda nova, Cetus 8 ) ille Sacerdos, nostrae 
Ecclesiae vicarius, bis proclamatus a me est, vult enim cou- 
cubinam suam ducere uxorem, mirum, homo tarn grandevus. 
Deinde est adhuc alias quidam vicarius Er Niclas Weiße, 
fuit antea organista Ecclesiae nostrae, is quoque bis pro¬ 
clamatus est et cogitat suam concubinam ducere uxorem. 
Canonici Sixtini et quidam alii nostrae Ecclesiae Sacerdotes 
iam diligenter audiunt conciones. 

Illnstres Principes omnes, Auhaltinos scilicet ac imprimis 
valetudinarium Principem Joannem salvos cupio. Illustris- 
simo eciam Principi Electori Brandeburgensi meas praeces 
et humile ac supplex obsequium ex animo offero, plura nunc 
non habeo. valedicito, quaeso, meo nomine Illustrissimos prin¬ 
cipes omnes. Nos diligenter orabimus. Christus sit vobis 
omnibus propicius. Amen. Yale in Christo quam felicissime. 
Merseburgii postridie conversi Pauli 47. 


J ) S. oben Brief Nr. 41. 

r ) Andreas Ernst? Vgl. Brief Nr. 17 und 18. 

:i ) Wohl Spitzname. 


Go^ 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Brentiana und andere Beformatoria. 

Von W. Köhler in Zürich. 

Im folgenden biete ich einige Brentiana, die gelegentlich 
der Arbeit an meiner Bibliographia Brentiana oder im An¬ 
schluß an sie gesammelt wurden. Sie möchten weitere 
Bausteine sein zu einer Brenzbiographie, die uns doch ein¬ 
mal geschenkt werden muß. Einiges andere fügte ich bei. 

a) Der Codex Suevo-Hallensis. 

Im Vorwort zu seinen Anecdota Brentiana (1868, S. V) 
schrieb Th. Pressei: „In Hall selbst findet sich mit Ausnahme 
eines angeblich von Brenz’ Hand geführten Hausbuches kein 
Buchstabe mehr aus der Feder des Reformators ... Selbst 
der glücklicherweise noch von Bretschneider [im Corpus 
Reformatorum] verwendete Codex Suevo-Hallensis ist spurlos 
verschwunden.“ In Kod. theol. fol. 297 der Stuttgarter Kön. 
Landesbibliothek gelang es mir, den Verlorenen wiederzu¬ 
finden. Über die Herkunft des Codex berichtet der Katalog 
der Landesbibliothek: „Aus dem Nachlaß des Rektor Graeter 
in Hall (gest. 1830) zunächst an das statistisch-topographische 
Bureau Ubergegangen, von diesem an die Bibliothek ab¬ 
getreten, welche diesen Codex früher als hist. fol. 670 ver¬ 
wahrte.“ Der praefectus bibliothecae Stutgardianae, Tafel, 
schrieb für Bretschneider, der damals den ersten Band seines 
Corpus reformatorum vorbereitete, die ihm wichtigen Refor- 
matoria ab (vgl. Bretschneider in der Einleitung des ge¬ 
nannten, 1834 erschienenen Bandes). Auch die Brenzbiographen 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



80 


80 


Digitized by 


Hartmann und Jäger müssen, wie ein Vergleich zeigt, den 
Kodex benutzt haben; sie haben ja leider darauf verzichtet, 
ihre hdschr. Quellen anzugeben. Seitdem galt der Kodex 
als verschollen. Die Frage seiner Herkunft ist nicht mit 
voller Sicherheit zu beantworten. Zwar die ihm von Bret- 
schneider gegebene Signatur: Suevo-Hallensis trägt er zu 
Recht. Sowohl die Aufbewahrung bei dem Kektor Graeter 
wie namentlich sein Inhalt weisen ihn nach Schwäbisch-Hall. 
Aber es fragt sich, wann er geschrieben wurde? Mit Aus¬ 
nahme eines Stückes sind sämtliche Aktenstücke von einer 
Hand, und diese Hand ist nicht die von Brenz; es ist die 
Hand eines Schreibers, der sorgsam kalligraphisch aufzeicbnet. 
Hie und da wird auch die den einzelnen Nummern ge¬ 
gebene Überschrift von ihm stammen; wenigstens hat er an 
einer Stelle für die Überschrift Kaum gelassen, aber ver¬ 
gessen, sie wirklich darüber zu setzen. Wann hat der 
Schreiber geschrieben? Eine Nummer von seiner Hand trägt 
die Überschrift: legacio regis Mathie Ungarorum in comiciis 
imperialibus Nurnberge die Thome apostoli anno MDlxxx. 
Danach kann er nicht vor 1580 geschrieben haben. Mög¬ 
lich bliebe allenfalls, daß die vor dieser Nummer liegenden 
Stücke etwas früher aufgezeichnet wären, aber nichts deutet 
darauf hin; das Ganze ist in gleichmäßigen Schriftzügen 
nacheinander geschrieben. Aber welches waren des Schreibers 
Vorlagen? Angesichts einer Betrachtung der einzelnen Stücke, 
wie sie die folgende Veröffentlichung bringt, glaube ich mit 
Bestimmtheit das Urteil wagen zu dürfen: der Abschreiber 
hatte Brenzsche Papiere vor sich. Wir wissen, daß 
1548 Brenzens Papiere, Briefe und Predigten in die Hände 
der Kaiserlichen fielen. Aber doch wohl nur die aus der 
damaligen Zeit, — frühere bietet unser Kodex, und falls sie 
nicht etwa aus der kaiserlichen Konfiskation sich gerettet 
haben sollten, was nicht gerade wahrscheinlich ist, müssen 
wir annehmen, daß sie irgendwie, vielleicht im Archive der 
Stadt Hall, aufbewahrt gewesen sind. Unter den Papieren 
mögen die meisten Originale gewesen sein; von der „Ohrist- 
lichen Sendordnung“ (s. u.) können wir beweisen, daß sie 
dem Schreiber abschriftlich vorlag; er hat die Schtußnotiz, 
(wohl von Brenz): descriptum 28. januarh anno 1531 getreulich 


Gowgle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



81 


^1 


Vieder abgeschrieben. Das auf 1580 lautende Stück paßt 
.natürlich in die Brenzischen Papiere nicht hinein; wie es in 
•sie versprengt wurde, steht dahin; vielleicht fand es sich 
unter den Akten des Hallscben Archivs nnd schob sich in 
die ßrentiana hinein. Ob und wieweit .der Schreiber ab 
'den Vorgefundenen Papieren geändert bat, wage ich nicht 
‘zn entscheiden. Die. getrenliche HerUbernahme jenes de- 
scriptum nsw. läßt aber auf getrenliche Abschrift mntmaßen; 
höchstens könnte in der Gruppierung der einzelnen Stücke 
geändert sein. Vielleicht aber war die Vorlage schon eine 
Art Zusammenstellung, wie sie in den fünf Lebküchnerscheh 
Sammelbänden uns vorliegt? (Vgl. darüber Pressei im Vor¬ 
wort der Anecdota Brentiana.) 

1. Die Haller Kirchenordnung 1526. 

Sie ist von Richter im ersten Bande seiner „Kirchen- 
ttrdnungen“ S. 40 ff. publiziert worden ans den Haller Kollek- 
taneen Lebküchners. Unser Kodex bietei aber noch nach¬ 
stehenden „Beschluß“, der nicht ganz unwichtig ist. Zwar 
llaß Brenz die Kirchenordnung als Entwurf einreichte, wußten 
#ir schon (Hartmann-Jäger 1, 99), aber für die ganze Art 
Und Weise, wie er sie verstanden wissen wollte, bringen die 
8ehlußworte erst die rechte Würdigung. Sie sind von prin¬ 
zipieller Bedeutung, wenn sie betonen, daß die Kirehen- 
ordnung nicht mehr als „enßerlich Ordnung oder Zuoht“ 
ist, deren Beobachtung nur Züchtigkeit, aber nicht Frömmig¬ 
keit beweist. Unter den pädagogischen Gesichtspunkt der 
l'Zneht gestellt, ist sie je nach den pädagogischen Bedürfnissen 
; %erbesse rangsfähig, nicht unveränderlich, starr Und die ^Selig¬ 
keit an ihren buchstäblichen Vollzug knüpfend wie'eine 
: Trömische Kultinstitution. 

/V 

• > i - Beschlus. 

•• Dise obgescbriben Ordnung für die kirehen ist : allein 
«ein zachtund kein not oder zwangknus, dero halb sie frey 
r#p|l sein, wie< es ein Erbarn Rat für gut ward anseben und 
4em volck nutz zu bessem, zq endern, meren oder mindern; 
ali&in das es gottis wort enlich sey und der kirehen zü 
guttem kem; dan das ist vast der großen feyl einer in den 
' Cetemonien und kirehen dinsten von den papisten aufgesetzt, 
das sie alles gnot und gezwungen wollen haben. Darzu 

Archiv für 'BeformaÜonsgesohiohte IX. 1. 6 


Digitized by 


Go», igle 


Original frorn 

UNIVERSSTY OF MICHIGAN 



82 82 

wallens nit lassen, ein zuch sein, sonder muß ein rechte 
frumkeit sein, also das ein ytlicher, so solche kirchendinst 
äußrieht, soll dardnrch frnmb und gerecht sein, so doch allein 
*die kirchendinst ein ensserlich ordnnng oder zucht- sein 
«ollen, und ein yetlicher, der sie außricht, der dabey ist, 
darf sich allein beromen, das er zachtig sey gewesen and 
noch nit frnmb. Die framkeit ligt in hohem stocken dan 
an kirchendinsten. Man lernt woll jn der kirchen, wie man 
frnmb soll sein, darnach die framkeit will heraassen in den 
gscheften geübt sein; daramb und dieweyl an der ordnnng 
in der kirchen vor gott nichs gelegen ist (Sie were dan 
gantz ungotlich), so mag ein Erbar Rath alwegen nach not 
and nutz der kirchen sie endern, meren oder mindern lassen. 

tu'.. » . ' ' 7 


2. Christliche Sendordnung. . . 

Abgedrackt in , meiner Bibliographia BrentianajS. 390 ff, 
Zar Sache vgl. Hartmann-Jäger I, 336 ff., 396, Bossert, RE 8 3 f 
381. Einige Bemerkungen möchte ich hinzafttgep. Hartmann- 
Jäger sehen in dieser Sendordnang ein Übergangsstück zur 
-Koösi8torialVerfassung (a. a. 0.). Diese. Beurteilung ist aber 
,schief. Zum Verständnis der Sendordnang maß man viel¬ 
mehr vom Begriff der christlichen Gemeinde aasgehen. 
Brenz will eine Zuchtordnung für die christliche Ge¬ 
meinde schaffen, die aber eben auch nur Gemeinde¬ 
ordnung ist and mit bürgerlichen and staatlichen Funktionen 
nichts za schaffen haben soll. Die Fanktionstrennnng ist 
mit denkbarster Schärfe durchgeführt, es soll „keine Un¬ 
ordnung zwischen dem weltlichen Gericht and Send, welcher 
ein Kirchengericht ist, entstehen“. Die Obrigkeit wird 
in keiner Weise herangezogen, non etwa als praecipuum 
membram ecclesiae tätig za sein, vielmehr ist der gut 
Lathersche Gedanke lebendig, daß die christliche Gemeinde 
ihre Bedürfnisse (hierin der Form der Bestrafung von Vergehen 
gegen Gebote and Sitte der Kirche — ausdrücklich [vgl. 
iS. 393] handelt es sich nur am solche Vergehen, die die »welt¬ 
lichen Gerichte“ nicht strafen —) ans sich selbst deckt. Den 
von Lnther einst ausgesprochenen, aber dann wieder fallen 
gelassenen 1 ) Gedanken einer Aussonderung der „Gläubigen** 

’) Siehe darüber meine Aasführungen in der Ztschr. t Kirchen¬ 
recht 1906 S. 199 ff. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



83 


83' 


aus der Gesamtheit der äußeren Christenheit hat auch Brenz 
nicht mehr, wie für Luther in der Leisniger Kastenordnung 
lallen auch fUr ihn bürgerliche und kirchliche Gemeinde 
(fern Umfang nach zusammeu. Aber der Dualismus tritt' 
wieder zutage in der schroffen Funktionsscheidung. Was 
einst Luther für die „Gemeinde der Gläubigen“ vorgesehen 
hatte, die Kirchenzucht auf der Grundlage von Mt. 18,16 ff.,’ 
Wird hier dem „Kirchengericht“ zugesprochen. Ermahnung, ; 
Strafen bis hinauf zur Spitze des Bannes und der Abend- 
mahl8verweigernng sind seine Aufgaben. Für das durch die 
Strafen eingehende Geld wird ein „Trysol“ gebildet, der 
aber ausdrücklich nur Kirchenkasten ist (vgl. S. 391, 395): 
Das Geld soll „allein zur stenr und hilf der armen in einer 
pfar seßhaftig als ein almusen verordnet und außgeteylt 
werden“. Von diesem Gesichtspunkt also der Selbst¬ 
regulierung kirchlicher Nöte ist die Sendordnnng zu 
würdigen; er ist für Brenz der beherrschende. Allerdings 
schiebt sich nun ein anderer Gesichtspunkt dazwischen. Wer 
soll den Send oder die „Landzucht“ (S. 392) vornehmen? 
Nicht die Gemeinde selbst, weder als Ganzes noch in Ver¬ 
tretern, vielmehr „vier oder auf das allerwenigst drei Männer“; 
sie werden „erwelt und verordnet“. Durch wen? Das ist 
nicht gesagt, sicher ist nur, daß sie seitens der Stadt auf 
das Land deputiert werden; denn sie entsprechen genauestens 
den Sendrichtern, die im Aufträge des Bischofs auf den 
Dörfern Sendgericht abhielten (S. 392). Daraus ist aber zu 
schließen, daß die deputierende Stelle diejenige ist, die unter 
den veränderten Verhältnissen die Stelle des Bischofs ein¬ 
nimmt. Das aber ist zweifellos die Obrigkeit, der „Regierung 
und Administracion wolgeburt und zimet“ (S. 391). Hier 
tritt sie als praecipuum membrum ecclesiae auf, die einst 
von Luther anfänglich auseinander gehaltenen Kreise der 
inneren und äußeren Christenheit schneiden sich, der Ge¬ 
meinde wird von außen her eine Gerichtsbehörde auf¬ 
oktroyiert. Das ist in der Tat die Linie, die schließlich 
in der Konsistorialverfassung mündet; insofern haben 
Hartmann-Jäger, recht; aber sie übersahen, daß in der 
Brenzschen Sendordnung zwei disparate Gedankenreihen 
sich kreuzen. 

6 * 

Difitized by Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Digitized by 


84, 84 

3. De reetitucioqe bonorum ablatorum, seu furto, een 
ijnpio bello, seu fraude. D. Joban. Brentius. 

Diese Ausführungen von Brenz haben Hartmann-Jäger 
(1362) wohl mit Recht als ein Gutachten aufgefaßt. Eine 
zeitliche Einordnung vermag ich nicht zu geben, auch nicht 
ZU entscheiden, ob es sich um ein privates oder amtliches 
Gutachten handelt; beides ist möglich. Daß es sich etwa 
um die Frage entwendeten oder eingezogenen Kirchengutes 
gehandelt habe, verrät nichts. Das Problem führt Brenz, 
anstatt sich mit der einfachen Lösung: Weggenommenes ist 
zurückzugcben, zu begnügen, zu der prinzipiellen Frage der 
Stellung des Christen zu irdischem Gut. 

(Fortsetzung folgt) 


Go igle 


Original from 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



Mitteilungen. 


Zur ersten Festsetzung der Jesuiten in Bayern 
( 1548 — 1549 ). Bekanntlich ist neben Köln das bayerische Ingol¬ 
stadt die früheste Stätte in Deutschland gewesen, an der der neu¬ 
gegründete Orden der Jesuiten sich auf die Dauer niedergelassen hat 
Der Rückgang der im Jahre 1471 gestifteten Ingolstädter Hochschule 
unter dem Einfluß der Reformation, der sie sich abwehrend entgegen¬ 
stellte, veranlaßte den Herzog Wilhelm IV. von Bayern, auf Mittel 
und Wege zu trachten, wie er, da geeignete einheimische Lehrer nicht 
aufzutreiben waren, von auswärts — aus denjenigen Ländern, wo der 
Katholizismns sich noch. behauptete — Lehrkräfte, in erster Linie 
Theologen, gewinnen möge, die der Hochschule ihr ehemaliges An¬ 
sehen zurückzugeben imstande wären. Dabei richtete der Herzog, nach¬ 
dem seine Bemühungen längere Jahre hindurch ohne Erfolg geblieben 
waren, sein Augenmerk schließlich auf den aus Savoyen gebürtigen 
Jesuiten Claudius Jajus (Le Jay), der zuerst im Jahre 1542 Deutsch¬ 
land betreten hatte und hier bald auch mit Wilhelm in Berührung 
gekommen war. Hernach wohnte der Ordensmann dem Trientiner 
Konzil in dessen erster Periode (1545—1547) bei und wurde endlich 
1547 in das Herzogtum Modena gesandt, um protestantischen Regungen, 
die sich dort bemerkbar machten, entgegenzuwirken. Jetzt aber er¬ 
reichte Wilhelm mit Hilfe der römischen Kurie, daß Loyola Ende 1548 
oder Anfang 1549 einwilligte, seinen Schüler abermals nach Deutsch¬ 
land — und zwar eben nach Ingolstadt — zu entlassen, um an der 
dortigen Hochschule zu lehren. Jajus selbst aber scheint es dann 
gewünscht und angeregt zu haben, daß, da er selbst wohl an baldige 
Rückkehr nach Italien dachte, einer oder zwei seiner Ordensbrüder 
mit ihm reisten. So wurde bestimmt, daß außer Jajus noch zwei 
Ordenspriester, der Spanier Alfonso Salmeron und der Niederländer 
Petrus Canisius, der sogenannte „erste deutsche Jesuit“, der damals 
an der soeben begründeten jesuitischen Studienanstalt zu Messina wirkte, 
sich an die bayerische Hochschule begäben. Sie verließen Rom im 
September 1549 und erreichten ihr Ziel im November desselben Jahres, 
wenige Monate vor dem Tode Herzog Wilhelms. — Vgl. E. Gothein, 
Ignatius von Loyola uud die Gegenreformation (Halle 1895) S. 691 f.; 
B. Duhr S. J., Geschichte der Jesuiten in den Ländern deutscher Zunge I 
(Freibnrg 1907) S. 53 ff.; sowie meine Skizze „Die ersten Jesuiten in 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



86 


86 


Digitized by 


Deutschland“ (= Nr. 41 der Schrr. f. d. d. Volk hrsg. vom Verein f. RG.. 
Halle 1905) S. 12; 45—55; 61—61. — 

Die nachfolgenden Aktenstücke, die, soweit ich zu sehen vermag, 
noch nnbekannt sind, beleuchten die geschilderte Entwicklung. Nr. ln.2 
betreffen die — augenscheinlich erfolglos gebliebenen — Bemühungen 
der Kurie, noch im Jahre 1548 aus dem Erzbistum Salzburg sowie 
aus dem Bettelorden in Italien, Frankreich und den Niederlanden 
Lehrkräfte für die Ingolstädter Hochschule zu gewinnen; die Nrn. 3—5 
dagegen haben es dann mit der Berufung der ersten Jesuiten dorthin 
zu tuu; es sind die leider undatiert überlieferten Entwürfe zu drei 
Schreiben des Kardinalnepoten Pauls III., Alessandro Farnese, Vize¬ 
kanzlers der römischen Kirche, an den Herzog; sie fallen ohne Zweifel 
sämtlich in dais Jahr 1549; das erste mag in die früheren Monate 
dieses Jahres gehören, die beiden anderen sind — anscheinend kurzr 
hintereinander — im Hochsommer und gegen den Herbst geschrieben. 
Besonders interessant ist Nr. 5 wegen der Mitteilungen, die Farnese 
dort über die Eigenart des neuen Ordens macht, der, wie er hofft, in 
Deutschland bald weitere Anhänger gewinnen und an sich ziehen werde. 

1. Papst Paul III. an Herzog Ernst von Bayern erwählten Erz¬ 
bischof von Salzburg: wünscht, daß er einen Theologen als Professor 
an der Universität Ingolstadt unterhalten möge. 1548 Oktober 24 Rom. 

Ernesfo electo Salczburgensi. 

Intelligentes . . . Wilhelmnm, Bavariae ducem, fratrem tuum, 
Studium generale a vestris majoribus in oppido Ingolstadio erectum 
omni diligentia, cura ac etium impensa qua potest ad Dei omnipotentif 
laudem et studiosorum conunodum manuteuere ac promovere, et quam 
plures prelatos, suffraganeos tuos, propriis sumptibus aliquot lectorea 
in dicio studio alcre, nos, etsi credimus te pro tua probätate ac tua 
et tuorum gloria, cum presertim ecclcsiam Dei. benignitate opulentam 
obtineas, aliquem, qui in dicto studio vel sacram theologiam vel jus 
canonicum publice profiteatur et legat, susteutaturum et honesto sti- 
pendio conducturum esse: te tarnen hortari voluimus, ut id quod tua 
sponte . . . eras facturus, nostro etiam hortatu et suasione ac iu 
nostram gratiam facere velis ... 

Datum Romae apud sanctum Petrum die 24 octobris 1548 anno 14. 

Rom, Arch. Vat. Armar. 41 vqI. 43 Nr. 697 Min. brev. 

2, Papst Paul III. au die Generäle und Oberen der Bettelorde* 
in Italien, Gallien und den Niederlanden; sollen zwei oder drei ihrer 
Ordensleute nach Ingolstadt delegieren und dort als Professoren der 
Theologie leben und lehren lassen. 1548 Oktober 24, Rom. 

Universis et singulis generalibus et aliis snperioribus ordinum 
mendicantium in Italia, Galliis et inferiori Germania constitutis. 

Cum, sient Wilhelinus Bavariae dux nuper nobis exponi fecit, 
ipse cupiat Studium generale a suis majoribus de licentia sedis aposto- 
licae in oppido suo Ingolstadii Eystetensis dioc. pro omnibus quidein 
facultatibus laudabiliter et pie institutum et, forsan ob malas tem- 
porum conditiones, imraiuutum, viris probis ac doctis illustrare, hit 
precipne qui sacram theologiam sincere, catholice ac pie profirentur. 
desyderetque aliquos ex vestris ordinibus ad id idoneos honestis sti- 


Go^ 'gle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



.87 


87 


pendii* condqcere; nos . . . vos .. . hortamur, ac reqnirimus, ut etdem 
‘Wilhelmo duci pro tarn pio et laudabili.opere düng vel tres ex vestris, 
non tarnen ejusdem ordinis 1 ), quos ipsi Wilhelmo duci ob eorum sin¬ 
gulärem doctrinam et probatam religionem gratos et acceptos esse 
‘cognoveritis, conducere et ipsis sic conductis, quod Ingotstadium prci- 
^ficipci et inibi f etiaui extra loca regularia vestrorum ordinum, alias 
;tamen sub regulari observantia et juxta vestra instituta viveudo, a4 
jPffectum predictum dumtaxat commorari et theologiam publice profiteri 
, possint* liberam licentiam impartiri velitis r quoderitDeo acceptum et 
nobis pergr&tum. 

Datum Bomae apud sauctum Petrum 24 octobris 1548 anno 14. 

Rom, Arch. Vat. Arm.,41 voL 43 Nr. 696 Min. brev.. < I 

: • - : . i 

3 3. Kardinal Vizekanzler Alessandro Farnese an Herzog Wilhelm 
Von Bayern: mit dem vom Herzog erbetenen Jajns werden zwei andeife 
'Mitglieder desselben Ordens zu ihm kommen. Undatiert (et^a,Anfang 
des Jahres 1549). , ; .. 

t Cognovit Sanw? Dominus Noster ex literis .et secretariii Excel¬ 
lentiae Vestrae oratione, quam impense cupiat, Claudium theotognm 
et item alterum vitae sanctitate et optima doctrinae ratione ipsius 
similem hinc ad Ingolstadiensis civitatis suae scholas mitti, qua eorum 
praeceptis ac di*ciplina et qui minus recte sentiant, ab errore. abdu- 
«antur, et qui optimam religionis viam tenent, in officio contineadtur. 
fuit certe haec Vestrae Excellentiae pietas et minime vulgaris in nali- 
gionis causa diligentia Sanctitati Suae gratiosissima, quae cum IgnaÜo 
preposito quam accuratissime egit, ut primo quoque tempore Claudius 
;Tstuc mitteretur. atque ut accumulatius tarn honestae optimi ac pru- 
’dentissimi principis postulationi sätisfaceret, ejusdem ordinis et collegii 
non unum tantum, sed duos deligendos curavit, qui et Ignatii dt 
Claudii ipsius judicio probitate et literis antecellunt. tres igitur hi 
yiri Sanctitatis Suae jussu propediem ad Excellentiam Vestram iter 
m&turabunt, quorum operam ad hominum animos instituendos et con- 
firmandos valde utilem ac salutarem Beatitudo Sua fore confidit. si 
.qua alia in re aut San mi Domini Nostri benignitas aut opera mea 
voluntatem et consiüa Vestrae Excellentiae juvare possit, id quoties 
significarit, toties intelliget suarum postulationum summam esse hahi- 
. tarn rationem. 

Mailand, Bibi. Ambros, cod. A 179 inf. fol. 34» Entwurf. 

4. Kardinalvizekanzler Alessandro Farnese au Herzog Wilhelm 
von Bayern: seinen Wünschen entsprechend werden nicht Jajns allein, 
sondern noeh zwei andere Theologen sich beim Nachlassen der sommer¬ 
lichen Hitze nach Bayern aufmachen. Undatiert (etwa 1549 Juli bis 
August). 

Duci Bavariae. , 

V Valde gntnm San mo Domino Nostro fuit, ex aliquot Exeellentiae 
Vestrae literis in e&odem prope sententiam scriptis cognoscere, qnanta 
. «nra, ac verius solicitudine, in Studium incumbat vere religionis et 
' prthodoxae fidei in iis civitatibus, quae in ipsius sunt imperio, conger- 
] .wandae et confirmandae, cum tarn saepe et tarn accurate theologos ad 
1 -se mitti efflagitet, qui in IngolstadienBi gymnasio sno salnberrimis 
sanctioris doctrinae praeceptis atque institntis hominum animos ex- 
eolant qnare et tantam ac tarn perspicnam snmmae pietatis decla- 

l ) non — ordinis von anderer Hand am Rande. 


Digitized by 


Gck 'gle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



«8 


88 


Digitized by 


rationem Saüctjtafc Sua patema caritate exosculatur et cam plnrimtnn 
* ad pravas opiniones, quae per tarn maltos jam annos in Germania in* 
TalueTnnt. cbnvelleudas profectoram et illustrf Excellentiae VeStraa 
gloriara allaturam sperat. quod vero ad theologos mittendos attinet, 
magriae fuit Sanctitari Suae curae nt Claudius, quem Excellentia Vestra 
lominatim postnlavit, priino quoque tempore istuc iter faceret; sed cum 
Clandiu8 ipse affirmaret se jnm minus ad illud publice iuterpretandi 
inunus idoneum esse, et idcirco comites dari Bibi posceret^ qubrnÜi 
auxilio, quod sibi oneris impositum esset, facilins posset susteirtare, de 
Sanctitatis Suae manda.to duo aiii viri et sacrarum literarum intelli- 
gentia fet vitae probitate spectati, qnaesiti et jam electi sant, qui cum 
ipso ad Vestram Excellentiam veniant. eorura alter e Siciiia expec- 
tandus est et hoc unum in causa fuit, quamobrem minus mature tarn 
pio Excellentiae Vestrae desiderio satisfieri- potuerit; sed cum pro- 
pediem sit ille huc appulsurus, simulac se calor, qui nunc vehemen- 
tissimus est, fiegerit, pro uno tres theologi ad Exeelientiam Vestram 
se conferent. quae interim ... 

Bomae etc. 

Mailand, Bibi. Ambros. cod. A 179 inf. foi. 181 «*> korrigierter 
Entwurf. 

» . > , . ,■ 

5. Kardinalvizekanzler Alessändro Farnese an Herzog Wilhelm 
roh Bayern; durch die Hitze nicht zurückgehalten, kommen Jajus und 
seipe beiden Gefährten, die ebenfalls dem Jesuitenorden ängehören. 
Angesichts der Art und Nützlichkeit dieses neugegründeten Ordens 
erwartet er, daß der Herzog für den Unterhalt der Priester aufkommen 
und die Verbreitung des Ordens in Deutschland fördern wird. Undatiert 
(etwa 1549 September). 

Duci Bavariae. * * 

Quos 1 ) ex Siciiia venturo» ad Excellentiam Vestram süperioribfts 
diebus scripsi theologi duo maturius certe expectatione mea adfuerunt; 
tanta enim eum animi alacritateSan mi Domini Nöstri jnssis paruetHut, 
nt eos qui vehementissiiui sunt in his locis calores, non retardaveHut. 
ambo > cum, vitae integritate tnm sacrorum literarum peritia atque omni 
Christiane homine digna eruditiooe excellunt sacerdotes ambo de 
fratrum familia quae Jesn nomine ac tirulo celebratur. eo£ nihil 
dubitat San mU8 Dominus Noster piaeclaris Excellentiae , Vestra© cogi- 
tationibus plenissime responsuros et in ista atnplissima provincia 
docentium vitam,plus ponderis quam yer.ba habituram. mittit itaque 
eos et cum ipsis una mägistruiu Cläuditim, quem Vestra Excellentia 
homhiatim popoScerätV qui quatnris' nori possit istic diu Cöihmoräri, 
sjaa tarnen aliquot yel diertim vel mensimh Opera trftkle utiltefutnra 
est ad pulcjierrimi et paxime salutaris ; operis fundamenta. jaoiendk- 
hoc quidem herum fratrum Collegium omuia studia, omnes curas vigi- 
liasque suas in id unum confert, ut depravatos horum temporüm mores 
emendet et cum vitae exemplis tum auimarum expiätioüibus, tum vero 
'gb *J?teiariHn‘iiti Äöctrina# gMibi*e qtiötf ptara sinceraque frdb et saerp- 
sahetis JesüChHstr präetfeptfe nilitür; pkrnfcibsfa* \H6hiptatutn ille- 
CeBrls ad benb beateqne vivendi rätionem, äbafaö ftd spirittim ,% nrtfÄdo 
ad Ubtmi hoiiiinütrr mentes 1 dVocel' hac sane dUbiplina qbabtfatli , kefcö- 

modatior esse pöbfclt bis praesertim teinporibus, qutbus Vinfekm, dtfarn 

. v . ,,. - i .• \ ' • ■■■;;. 1 . :*• •' v». . *: .'. r *v 

') Der ,*Eptwurf fof. 19i neunt die Namen .der Kommenden: qui 
Excellentiae V&ftrtö meam haiic epistolain 'reddiäerurit, auo Itti tlheologi 
sunt . . . dominus .P.^.CauisiusSiculus i [so!] et Alfonsus Salmero 
Hispanus, usur. 


GOk igle 


Original from 

UNIVERS1TY OF MICHIGAN 





8 » 


89> 

plantavit dextera Domini, aper de sylva exterminare et singularis ferus 
depascere cönator [Psal. 80 v. 14], ad bonorum animos in recta sententia 
qonfirmandos et errantes oves ad Christi caulam revocandos? hos igitur 
patres quavis veneratione dignissimos laeta fronte et maxime benevolo 
animo Excellentia Vestra accipiet. et quoniam ita vitam institnerunt, et 
hoc est collegii sui sanctio, ut non quae sua, sed quae Jesu Christi sint 
quaerant, et indiem de adventitiis atque ohlatis victitent, ea quae ad 
vitam degendam necessaria fuerint, sibi istis in locis nulla ex parte, 
defutura Jesu Christo domino suo et Excellentiae Vestrae pietate freti! 
minime dubitant. aequissimum vero est serentes ea quae Spiritus sunt, 
quae corpori necessaria sunt metere. sperandum certe est, non defu- 
turos qui et vitae admiratione et praeceptorum sanctitate adducti se 
in horum patrum disciplinam tradant. id si evenerit, — non enim 
vineam suam visitare dominus desinet —, hujnsmodi nuvos operarios 
Excellentia Vestra gratia et favore suo prosequetur et omnino eorum 
numerum augeri laetabitur. quantam enim gratiam ab ipso Deo domino 
nostro et a sacrosancta ecclesia inibit, si eadem vinea ab hujusmodi 
seminario excitata, quod Excellentia Vestra excoluerit et sua quasi 
irrigaverit maxime pia liberalitate, extenderit novos hos palmites et 
propagines suas! ut haec praecipue cara sint Excellentiae Vestrae, 
eam majorem in modnm rogat San“ u * Dominus Noster« cui gratissimum 
et optatissimum futurum est inteiligere fratres hos tres doctissimos ac 
probissimos viros ab Excellentia Vestra humanissime ac benignissime 
fuisse tractatos. qnae ut diutissime felix valeat opto. Romae etc. 

Mailand, Bibi. Ambros, cod. A 179 inf. fol. 73 * b Reinkonzept. — 
Ebendaselbst fol. 191 und 198 zwei andere Entwürfe zu dem gleichen 
Schreiben. W. F. 


Neuerscheinungen. 

Untersuchungen und Darstellungen. H.v.Schubert, 
Reich und Reformation (Heidelberger Rektoratsrede), gibt eine 
großzügige Übersicht über die Entwicklung des Verhältnisses zwischen 
den Bestrebungen zur Reichsreform und denen zur Kirchenreform im 
Deutschen Reiche seit dem ausgehenden Mittelalter. Es handelt sich dabei 
nm die bedeutsame Frage, ob nicht auch bei uns die Kirchenreform auf 
nationaler Grundlage hätte durchgeführt werden können. Von diesem 
Standpunkt aus betrachtet, gewinnt insbesondere Luthers Berufung 
auf den Wormser Reichstag eine eigenartige, bisher noch kaum klar* 
gestellte Bedeutung, insofern als durch die Tatsache dieser Berufung 
Luthers vor den Kaiser und die aus Geistlichen und Laien gemischten 
Reichsstände entschieden wnrde, daß, wer in den Kirchenbann geraten, 
damit noch nicht ipso facto der Reichsacht verfallen war. Das Reich 
nahm also damals mindestens den Ansatz, die Sache der Reformation 
vor sein Forum zu ziehen und ohne die höchste kirchliche Instanz zur 
Entscheidung zu bringen. Die nächstfolgenden Jahre aber brachten 
— in der Epoche des Reichsregiments, an dem der kursächsische Ver r 
treter Hans von der Planitz eine bedeutsame Rolle spielte — Reich und 
Reform noch weit näher zueinander. Eine starke Partei in der Reichs- 
regierong und auf den Nürnberger Reichstagen von 1522 bis 1524 be- 

t 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



90 


Digitized by 


90 

gehrte die reichsgesetzliclie Regelung der brennenden Religionsfragt, 
und «war in einem Lnther and den Sachsen weit entgegenkommenden 
Sinne; der Oedanke kam zum Durchbruch, daß ein nationales Konzil 
oder eine deutsche Nationalversammlung unter der Teilnahme von Laien 
die Entscheidung treffen sollte. Aber der Einspruch des Kaisers und 
bekanntlich nicht minder die Selbstsucht des Territorialfürstentums, 
4ie das Reichsregiment zu Fall brachte, vereitelten diesen Weg. So 
ist die damals das Reich durchwogende patriotisch-religiöse Strömung 
nicht zum Anfang einer Reichskirchen- und -lehrordnung, sondern ganz 
hn Gegenteil der Ansatzpunkt protestantischer Bekenntnisbildung ge¬ 
worden. Seit 1526 endlich verbinden sich, unter dem Eindruck des fort¬ 
dauernden Versagens der Reichsgewalt in der wichtigsten Frage der 
Nation, Reformation und ständische Libertät zu unlöslicher Interessen¬ 
gemeinschaft. — Dem gehaltvollen Vortrag folgen Anmerkungen, die 
die Belegstellen und einzelne Erläuterungen darbieten. — Tübingen, 
Mohr (P. Siebeck) 1911. 48 S. 

An Literatur über Luthers Verhältnis zu den Juden ist kein 
Mangel, aber eine unvoreingenommene, methodische, anf die Schriften 
des Reformators gegründete Untersuchung, wie sie Reinhold Lewin 
(Luthers Stellung zu den Juden. Ein Beitrag z. Gesch. d. Juden 
in Deutschland während des Reformationszeitalters) angestellt hat, ist 
gleichwohl als eine Bereicherung der reformationsgeschichtl. Literatur 
zu bezeichnen. Chronologisch vorgehend zieht Verf. alle Aussprüche 
Luthers über die zeitgenössischen Juden herbei und untersucht ein¬ 
gehend die Begegnisse und Erfahrungen, die auf L.s Beziehungen zu 
den Juden Einfluß gewonnen haben. So beleuchtet seine Abhandlung 
auf der einen Seite die Verhältnisse der Juden jener Zeit, andererseits 
gibt sie Beiträge zur Geschichte Luthers und zur Entstehungsgeschichte 
seiner Schriften und Ansichten. Verf. beschönigt nicht die Heftigkeit und 
Derbheit der antijüdischen Schriften L.s von 1543, aber er läßt keinen 
Zweifel, daß es tiefster, heiligster Ernst ist, der jenem die Feder geführt 
hat. Als summarisches Ergebnis seiner Studie bezeichnetVerf.: nach einer 
Periode der Gleichgültigkeit den Juden gegenüber faßt Luther, durch 
eine Begegnung mit zwei Juden in Worms 1521 angeregt, die Hoff¬ 
nung, daß die Juden für sein Evangelium zu gewinnen sein würden. 
Die Missionsschrift aber, die er alsbald in die Welt hinaussendet, 
bleibt ohne den erwarteten Erfolg, und persönliche Erfahrungen trüber 
Art enttäuschen ihn vollends. Und als er endlich gar wahrzunehmen 
glaubt, daß die Juden zugunsten ihrer Religion gegen das Christentum 
agitieren, erklärt er ihnen den Krieg aufs Messer. — Berlin, Tro- 
witzsch & Sohn 1911. XVI, 110 S. M 4.40 (= Bonwetsch und Seeberg, 
Neue Studien z. G. der Theol. u. d. Kirche X). 

Die vor wenigen Jahren erschienene Monographie Creutzbergs 
über Miltitz (vgl. ds. Ztschr. 4 S. 418 f.) gibt P. Kalkoff Anlaß, in 
einer eigenen Schrift „Die Militziade. Eine kritische Nachlese zur 
Gesch. des Ablaßstreites“ auf M. zurückzukommen. Indem er dessen 
Leben und seine Beteiligung am Lutherschen Handel aus vollster Be* 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



91 


91 

herrschung des Materials heraus mit eindringender Kritik überbliekt^ 
zeigt er, daß U.g Persönlichkeit und geschichtliche Rolle fast durah* 
weg bedeutend überschätzt worden ist. Wie Miltitz an der Kurie, wo 
er lediglich die Titel und Vorteile, die man einem gut empfohlenen 
jungen Edelmann ohne weiteres zuzugestehen pflegte, erlangte, sieb 
besonderer Anerkennung nicht erfreut hat und somit auch nicht als 
päpstlicher Diplomat, sondern nur als untergeordneter Kommissar mit 
eng umschriebenem Aufträge nach Deutschland entsandt worden ist, 
so befähigten ihn auch seine Gaben nicht, in den Gang der Dinge 
dort, wie er es allerdings wünschte und erstrebte, tiefer einzugreifen. 
So ist er auch bald von der Bühne der Geschichte abgetreten und 
hat seine späteren Jahre — bis zu seinem jähen, vielleicht nicht un¬ 
verschuldeten Tode — als päpstlicher Pfründner gemächlich in der 
Heimat zugebracht. Die wissenschaftliche Diskussion über die Episode 
Miltitz darf hiermit wohl als geschlossen angesehen werden. Leipzig, 
M. Heinsius Nachf. 1911. 84 S. 

Friedr. Kipp, Silvester von Schaumberg, der Freund 
Luthers. Ein Lebensbild aus der Reformationszeit (== Berbig, Qu. u. 
Darst. a. d. G. d. Ref.-Jahrh. XVII, Leipzig, Heinsius 1911. 271 S.). 
Dem fränkischen Ritter Silvester von Schaumberg (ca. 1470—1584) 
gebührt infolge seiner Botschaft und seines Briefes an Luther vom 
Jahre 1520 ein Platz in der Reformationsgescbichte. Sein Leben aber 
lag bisher fast völlig im Dunkel, und erst Kipp ist es gelungen, in 
emsiger Forschung ein ansehnliches Material zusammenzubringen, das 
den Lebensgang des Ritters wenigstens in den Hauptzügen zu über¬ 
sehen gestattet. Silvester hat das ziemlich unstete Dasein seiner 
8tandesgenossen geführt, sich vielfach in Krieg und Fehde getummelt, 
teils auf eigene Faust, teils im fürstlichen Dienst; die Reformation 
hat sein Leben weder ausgefüllt noch wesentlich bestimmt, und wir 
erhalten mehr ein — übrigens wertvolles und anziehendes — Kulturbild 
aus der Ref.-Zeit als die Biographie eines „Freundes Luthers“. Doch 
ist Silvester seiner 1520 so mannhaft bekannten Überzeugung nie 
untreu geworden, und aller Wahrscheinlichkeit wird ihm im wesentlichen 
die Evangelisierung des würzburgischen Amtes Münuerstadt, wo S. 
seit 1526 bischöflicher Amtmann war, und seiner eigenen, benachbarten 
Herrschaft Thundorf verdankt. — In dem faksimilierten Schreiben 
Silvesters von 1519 (S. 121) Z. 3 lies: „vor Tübingen“; Silvester bat 
sich also bei den Belagerern dieser Feste im württembergischen 
Feldzug eingefunden, was Kipp entgangen ist. 

„Zur Borromäus-Enzy klika“ betitelt D. W. Hadern (Pfarrer 
in Bern) zwei Vorträge, von* denen der erste ein wohl abgewogenes 
Charakterbild des Kardinals Borromao bietet. B. gilt dem Verf. als 
einer der hervorragendsten Vertreter der Gegenreformation, in dem 
alle Seiten dieser Bewegung in eins verschmolzen waren: der neu er¬ 
wachende Glaube an die Kirche, der unerbittliche Kampf mit den 
Überresten der Fäulnis aus der Zeit des 15. Jahrhunderts, der un¬ 
versöhnliche Haß gegen den Protestantismus und die religiöse Sehn- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Digitized by 


92 * 92 

»acht des neuen Jahrhunderts • aber „eins fehlt ihm. Er ist kein 
befreiender Geist; er weist nicht vorwärts, er führt zurück. Er hat nicht 
gfröße Gedanken, sein Gesichtskreis ist beschränkt durch den engen 
Horizont seiner Kirche“. — Der 2. Vortrag behandelt die gegenwärtige 
Lage der kathol. Kirche gegenüber dem Modernismus. Verlag von 
A. Francke, Bern 1911 78 S. M 1.— 

Als zweites Stück seiner „Forschungen zur Lebensordnnng 
der Gesellschaft Jesu im 16. Jahrh.“ erörtert H. Stoeckius „das 
gesellschaftliche Leben im Ordenshause“, und zwar betrachtet er so¬ 
wohl den Verkehr der Ordensangehörigen untereinander und schildert 
das gesamte Leben und Treiben im Kollegium, wie auch untersucht 
er die Beziehungen der Ordensangehörigen zu den Externen. Aus 
zahllosen Einzelheiten, die er den reichen Quellen-Publikationen zur 
älteren Ordensgeschichte abgewinnt, weiß der Verf. in streng durch¬ 
geführter Disposition interessante Bilder zu gestalten und manche neue 
Züge dem Ordensleben hinzuzufügen. Nicht leicht anderswo tritt 
uns das Abrichtungssystem des Jesuitismus, die methodische Er¬ 
tötung alles dessen, was den Menschen eigentlich zum Menschen 
macht, die Unterdrückung alles Individuellen so packend vor Augen 
wie hier; es berührt ordentlich wohltuend, wenn wir einmal lesen, 
daß Streitereien und Schimpfereien unter den Brüdern trotz allem 
nicht selten waren. Merkwürdigerweise scheint der Verf. jenem System 
gegenüber eher Bewunderung als Abneigung zu empfinden und spart 
nicht mit Epitbeten wie „weise“ und „vortrefflich“, wo dem natür¬ 
lichen Empfinden sich wohl ganz andere Bezeichnungen aufdrängen. 
München, Beck 1911. X, 198 S. M 5.—. 

Die Abhandlung von D. Eb. Vischer, Die Lehrstühle und 
der Unterricht an der theol. Fakultät Basels seit der 
Reformation, nimmt ihren Ausgangspunkt von dem Eindringen des 
humanistischen und reformatorischen Geistes in die 1460 gegründete 
Hochschule, das zuerst im Jahre 1523 dadurch in die Erscheinung trat, 
daß der Rat vieren der entschiedensten Anhänger Roms, darunter 
zwei Theologen, ihre Besoldung entzog und an Stelle der letzteren 
Oecolampad und Pellikan zn Lehrern der hl. Schrift ernannte, von 
denen der erstere dann an der Reorganisation der theol. Fakultät auf 
den neuen Fundamenten den größten Anteil genommen hat. Verf. 
Verfolgt die Geschichte der Fakultät nach ihrer persönlichen und 
sachlichen Seite bis in die Gegenwart. Unter den Beilagen werden 
die wichtigen Statuten der Fakultät von 1540 mitgeteilt. Basel, 
Helbing & Lichtenhahn 1910. 132 S. M 2.— (= SA. aus der Fest¬ 

schrift zum 450jährigen Bestehen der Universität Basel). 


Druck von C. Schulze & Co., G. m. b. H , Gräfenhainichen. 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Digitized by 


Gok igle 


Original from 

UMIVERSITY OF MICHIGAN 



ARCHIV 

FÜR 






TEXTE UND UNTERSUCHUNGEN. 


In Verbindung 

mit dem Verein für Reformationsgeschicbte 
herausgegeben von 

D. Walter Friedensburg. 


Nr. 34. 

9. Jahrgang. Heft 2. 


-oQo 


Leipzig 

Verlag von M. Heinsius Nachfolger 
1912. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fra-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN j 



Brentiana und andere Reformators 11 


von 

Walther Köhler. 


Die von Cajetan verfaßte Ablaßdekretale 
und seine Verhandlungen mit dem Kur¬ 
fürsten von Sachsen in Weimar, 
den 28. und 29. Mai 1519 


Paul Kalkoft. 


Mitteilungen 

(Zeitschriftenschau. — Neuerscheinungen). 


oQo 


Leipzig 

Verlag von M. Heinsius Nachfolger 
1912 . 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 







Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 






Brentiana und andere Beformatoria. 

Von W. Köhler. 

(Fortsetzung.) *) 

De restitucione bonorum ablatorum seu furto seu impio 
bello seu fraude. D. Johan. Brentius. 

Principis bona ablata restituenda esse et ex iusticia 
civili et iusticia divina manifestum est. Iusticiam enim 
civilem aiunt eam esse, qu§ unicuique tribuit que sua sunt. 
Quanto magis igitur divina iusticia, que est fides, restituit 
unicuique sua. Est enim fidei fructus charitas, porro charitas 
largitur alteri eciam propria — tantum abest, ut bona aliena 
dolo aut impietate parta contra proximum sibi retineat. 
Huius autem restitucionis certe regule tradi vix possunt, 
ubi videlicet, quando, quot, aut cui restituenda sint bona 
ablata. Equidem existimo prim am esse curam habendam, 
ut aliquis e Iesu Christo vere renascatur. Deinde autem 
prudenci§ fidei reliquendum, quatenus bona impie parta 
restituantur; si enim fides vera resignet in regeneracione 
omnia sua temporalia bona in manus dei et facit ex pos- 
sessore dispensatorem, nimirum et eadem fides per caritatem 
opbrans optima suae ipsius in distribuendis bonis suis con- 
sultrix erit. Tale quid legitur Luce 19 [V5ff, 8]. lesus 
perambulans Iericho videns Zacheum, publicanorum 
principem, dixit: Zachee, festinans descende, quia hodie 
domi tu§ oportet me manere etc. Et stans Zacheus dixit 
ad DOMINVM: Ecce dimidium bonorum meorum, domine, do 
pauperibus etc. Vides primam Christi curam fuisse, ut 
Zacheus renasceretur et fieret Abrahe filius per fidem. Non 
enim a principio dixit: Zachee, si volueris bonorum tuorum 
dimidium pauperibus elargiri, et si quem fraudasti quadrup- 
lum reddere, tune descende et manebo in domo tua. Tanti 
Zacheus nondum renatus Christum ne optasset quidem in 
domum suam. Postea autem per fidem factus Abrahe filius 
non audit ullam distribuendi bona sua regulam a Christo, 
sed ipse iam spiritu renascenci^ et fidei edoctus suo sponte 
nullo praeceptore in hanc vocem erumpit: Ecce dimidium 

>) Vgl. oben S. 79 ff. 

Archiv für Beformationsgeschichte. IX. 2. 7 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



94 


2 


Digitized by 


bonorum meorum do etc. Sed quid illud est, quod non 
totum dixit se pauperibus distributurum et quod addit: 
si quem defraudavi, reddo quadruplumV Fidei verba sunt, 
quo resignat quidem omnia bona in manum dei parata mox 
omnia eciam externo usu relinquere, si id postularit Christus. 
Habet tarnen fides suarn prudenciam. Nam enim ita distri- 
buit bona alienis (non usque adeo necessitate pressis) ut tu 
cogaris proximo tuo gravis esse et mendicimonio molestus, 
quemadmodum hactenus monachi relinquentes patrimonia 
sua et laborem fugientes mendicitate sua aliis fuerunt oneri*). 
Sed quamdiu DOM1NVS voluerit et partim ea bona in usum 
suum, partim in egenorum commodum administret, ne et tu 
ipse molestus sis proximo mendicitate, neque interim aliorum 
inopia deseratur. Atque hoc est, quod Zacheus dixit: dimi- 
dium bonorum (non autem totum) distribuo pauperibus. Hoc 
est «omnia quidem mea bona in manum tuam, mi Christe, 
resignavi. Sed ne interim vicino meo onerosus sim, dis- 
pensandi munus pro tua voluntate reservo mihi, ut et ego 
habeam, unde vivam, ac debitoribus meis satisfaciam, deinde 
ut egeni e sua inopia subleventur. Principio enim fides 
hoc exequi curat, quod coram deo et hominibus debemus. 
Postea exequitur, quod coram deo tantum debemus. Exempli 
gracia: Debeo alicui, est commodaticia pecunia, qua et ipse 
et sua familia eget, centum aureos. Hos, inquam, debeo et 
coram deo, qui iubet unicuique reddere qu§ sua sunt, et 
coram hominibus; hominum enim iure commodatum restituere 
cogor eciam, si nolim. Pauperi autem debeo non quidem 
coram hominibus, sed coram deo, ut in egestate sua opibus 
meis ipsi adsim. lam fides hoc primuni curat, ut satisjiat 
debito coram deo et hominibus (simodo posset), deinde que 
filiis dei sunt debita exequitur. Hinc Zacheus ait: dimidium 
bonorum meorum do, non totum, ut habeam, ut satisfaciam 
eis, quos defraudavi. C^terum quod addit: Si quem defrau¬ 
davi, reddo quadruplum, ad legem Mosi respicit, Exo. 22 
[V 1]: Si quis furatus fuerit ovem, reddam pro una ove 
quatuor etc. Est autem sentencia: si quem defraudaverim, 
paratus sum omnia ei pro civili iure restituere. Quicquid 
ius civile reddere iusserit, reddam. Ex hoc Zachei 
exemplo possem de restitucione ablatorum bonorum 
sic consulere, ut primum quis per fidem renasceretur, e 
renascencia fieret resignacio bonorum in manum dei, ex illis 
bonis iuvet pro fidei su§ dictamine pauperes, postea autem 
paratus sit unicuique a se defraudato reddere quidquid iure 
civili*) postulaverit. At si nihil postulaverit et ignoret se 


*) Am Bande: Cor. 8: Non et aliis sit relaxatio etc. 
*) Mscr.: civile. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



3 


95 


defraudatum aut nesciat hunc esse defraudatorem, consulen-, 
dum puto, ut defraudator iam renovatus liberaliter et muni- 
fiee defraudatum iuvet, si quando viderit ipsum sua opera 
facere. Finis. 


4. Ordinacio in baptisandis pueris. 

Die Autorschaft von Brenz an diesem Stücke ist in 
unserem Kodex zwar nicht ausdrücklich angegeben, darf 
aber füglich angenommen werden. Wenigstens wüßte ich 
nicht, was dagegen geltend gemacht werden könnte. In¬ 
haltlich passen die Ausführungen vortrefflich zur Brenzischen 
Theologie. Wir erhalten zuerst den Vorschlag einer Tauf¬ 
liturgie. Sie beginnt mit der Lektion von Luc. 18, 15—17, 
dann folgt eine Ansprache = commendacio baptismi, an sie 
schließt sich, si libet, ein Nachweis der Möglichkeit des 
Kinderglaubens, es folgt eine Ermahnung zum Gebet, aus¬ 
klingend in die Bitte um göttliche Verleihung des Glaubens 
an das Kind. Dann werden die Gebete aus Luthers Tauf¬ 
büchlein von 1523 gesprochen, endlich folgt die intinctio. An 
die Liturgie schließt der Verfasser noch die Beantwortung 
einiger die Taufe betreffender Fragen: 

1. Nach dem Ort der Taufe. Wenn möglich, soll die 
Taufe sich dem öffentlichen Gottesdienste anschließen. Im 
Notfälle ist Haustaufe durch die Hebamme gestattet, soll 
aber nachträglich durch die Gemeinde geprüft werden; auch 
sollen die Getauften mit Namen dem Gebet der Kirche 
empfohlen werden, damit nicht etwa eine Wiederholung der 
Taufe stattfindet. 

2. Nach der Notwendigkeit der Anwesenheit eines Tauf¬ 
zeugen. Im Interesse der Kirche wird die Frage bejaht. 

3. Nach der Gültigkeit der Haustaufe in Zweifelsfällen. 
Die Kirche kann hier auf Zweifel sich nicht einlassen, sie 
gibt sich zufrieden gegenüber bestimmter Versicherung und 
Zeugen. Solche sollen darum die Hebammen bei den 
Haustaufen zuziehen. Auch sollen sie über die rechte 
Taufformel instruiert werden; das Apostolikum soll ge¬ 
sprochen werden, der Pate sein Ja darauf sprechen, und 
dann soll getauft werden. 

4. Nach der bedingten Taufe. Sie wird abgelehnt. 

7* 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



96 


4 


Digitized by 


5. Nach Zwangstaufen von Jnden- oder Wiedertäufer¬ 
kindern. Die Taufe darf vollzogen werden, wenn der Gro߬ 
vater väterlicherseits (nicht mütterlicherseits) einwilligt oder 
das Kind zur Taufe bringt; denn er besitzt zivilrechtlich 
Verfügungsrecht Uber das Kind. Doch ist man gegenüber 
den Wiedertäufern zu einer derartigen Rücksichtnahme auf 
die Verwandten nicht verpflichtet; denn sie sind keine 
öffentlich geduldete Religion. Täuferkinder sind also auch 
gegen den Willen der Familie (invitis parentibus) zu taufen. 
Wer innerhalb der christlichen Gesellschaft aus christlichen 
Eltern geboren wird, wird geboren hinein in die Gesellschaft 
der Kirche — deutlicher wohl kann das Prinzip der 
Einheitskirche innerhalb der Gesellschaftsverfassung nicht 
zum Ausdruck kommen, Gesellschaft, christliche Gesellschaft 
und Kirche decken sich. Folglich hat die Kirche ein Recht, 
die durch die Geburt ihr gehörigen Kinder zur Taufe zu 
bringen. Die Taufentziehung seitens der Wiedertäufer ist 
ein Vergehen gegen die Gesellschaftsordnung, und diese ist 
alteingewurzelt. 

6. Nach der Taufe nicht ausgeborener Kinder. Nur 
ausgeborene Kinder dürfen getauft werden. Auch hier klingt 
die Betonung der Taufe als christliche Gesellschaftsordnung 
durch: ein noch nicht ausgeborenes Kind ist noch kein 
Mensch, kann also in die Gemeinschaft der Menschen noch 
nicht aufgenommen werden. 

7. Nach der Notwendigkeit der Taufe durch Unter¬ 
tauchen. Hier ist Ortsbrauch als maßgebend zu betrachten, 
dem Werte nach sind Untertauchen und Besprengung gleich. 

8. Nach der Fähigkeit der Patenschaft von „Sakra- 
mentierern“. Hier befindet sich Brenz offenbar in einer 
Schwierigkeit. Seinem Herzen nach wäre ihm Ausschluß 
das Liebste; darum läßt er auch predigen über die Glaubens¬ 
artikel und es aussprechen, daß die Anerkennung derselben 
die Patenschaft recht eigentlich bedinge. Wenn dadurch 
einer abgeschreckt würde, so wäre es besser. Aber wenn 
er es nicht wird?! Wenn es sich ferner nur um einen 
täuferischer Lehre Verdächtigen handelt? Ausschluß ist 
unmöglich, denn eine Kirchenpolizei existiert für die Evan¬ 
gelischen nicht, die hier nach Art des städtischen Rates ein 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



o 


97 


Urteil fällen könnte, der Pfarrer darf sich IJrteilsgewalt 
nicht anmaßen, darf einen, der weltlich-rechtlich nicht ver¬ 
urteilt ist, öffentlicher Schande — denn das bedeutet der 
Ausschluß vom Patenamt — nicht preisgeben. Nur ein 
selbst über die Folter hinaus Hartnäckiger oder ein aus¬ 
gesprochener Andersgläubiger (dogmatista) dürfte — Brenz 
drückt sieb sehr vorsichtig aus — nicht zugelassen werden, 
denn solche haben sich selbst aus der Gemeinde aus¬ 
geschlossen. Man merkt, wie Brenz dieser Verzicht schwer 
wird, er tröstet sich schließlich mit dem Gedanken: der 
Unglaube des Paten wird dem Kinde nicht schaden. Für 
das Verständnis der Banngewalt bei den Evangelischen aber 
ist seine Auslassung wichtig. Der Bann ist auf die seel- 
sorgerliche Maßnahme beschränkt (vgl. Friedberg: RE 8 2, 383.) 

9. Nach der Zeit der Taufe. Darf man unter Berufung 
auf die christliche Freiheit die Zeit beliebig hinausschieben V 
Nein. An sich zwar besteht die christliche Freiheit zu 
Recht, aber die Liebe ist der beherrschende Maßstab. Ein 
Aufschub der Taufe aber kann den Verdacht der Wieder¬ 
täuferei im Nächsten wachrufen, diesen Anstoß darf man 
dem Nächsten nicht geben. Die Obrigkeit soll die Hart¬ 
näckigen zur schleunigen Taufe zwingen. Sie hat, so müssei^ 
wir ergänzen, dazu die Befugnis, da die Taufe Grundelement 
der christlichen Gesellschaftsordnung ist (s. o.). — 

Die chronologische Einordnung unseres Aktenstückes 
muß erschlossen werden. Wahrscheinlich ist, daß es sich 
nicht um Taufvorschriften für eine einzelne Ortschaft oder 
Stadt handelt, vielmehr um eine Landschaft. Denn es heißt 
bei der Frage nach der Taufart: in huiusmodi agendis 
observanda est loci consuetudo — Worte, die mehrere loca 
voraussetzen, es sei denn, daß sie ohne Anwendung auf 
den vorliegenden Fall prinzipiell gemeint sein sollten. 
Vielleicht geht man nicht fehl in der Vermutung, auch diesen 
Entwurf, wie so manches andere, an die Adresse des Mark¬ 
grafen Georg von Brandenburg-Ansbach gerichtet sein zu 
lassen; dann wäre die zeitliche Fixierung + 1530. Die be¬ 
sondere Heraushebung der von den „Sakramentierern“ und 
Wiedertäufern drohenden Gefahr würde dazu gut passen. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



98 


6 


Digitized by 


Ordinacio in baptisandis pueris. 

Principio utile ac commodum videtur, ut ante omnia 
evangelium Luce 18 [V. 15—17] de pueris ad Christum 
allatis coram ecclesia legatur cum hac aut simili prefacione: 
„Lieben freund, horrendt das Euangelion durch Lucam be- 
schriben, darin uns angezeigt wurdt, das die kinder von 
Jesu Christo angenommen und gesegnet seyen worden.“ Ob 
has autem causas sencio commodum esse, ut ante omnia 
prelegatur ecclesi§ evangelion: primum, ut ecclesia audiens 
verba sacr§ scripture attencior reddatur et maiestate ver- 
borum divinorum ad raaiorem reverenciam invitetur, deinde 
ut minister ex verbis evangelii commodiorem occasionem ad 
sequentem exhortacionem suam habeat et nonnunquam idonea 
exhortandi argumenta ex ipsis ducere queat. Post lectum 
autem evangelion sequitur commendacio maiestatis baptismi, 
deinde exhortacio ad effundendas preces pro infante. 

Commendacio baptismi. 

„Lieben freund, es ist uns hie ein kindlin furgebracht, 
das wir es im nomen Jesu Christi taufen sollen. Nun ists 
nit weniger alles, so sich hie außwendig erzeigt ist gering 
und schlecht anzusehen, das kindlin ist ein arme elende 
schwache blöde creatur, da ligts und weyß seins lebens oder 
Sterbens weder rat noch hilff. Darbey sicht man an dem 
tauf nicht dan ein schlecht wasser, so ist der teufer ein 
inensch wie ein anderer. Aber wir seyen cristen und ge¬ 
bürt uns in gotlichen Sacramenten nicht nach dem schein zu 
urteylen, sonder nach dem warhaftigen, unbetruglichen wort 
gottes. Darumb so wollen wir uns aus dem selbigen be¬ 
richten, wie herliche maiestet der tauf sey, auf das wir, so 
vorhin getauft, erinnert werden, was grosse gnad uns durch 
den tauf von unserm hem got gethon sey, und dester ernst¬ 
licher bitten, das got wolle disem kindlin N. auch die selb 
gnad des taufs verleyhen 1 ). Unnd anfencklich so ist das 
menigklich kündbar und wissent, das unser HERR Jesus 
Christus selbs die tauf hat aufgericht und eingesetzt, da er 
zu seinen aposteln sagt: [Mt. 28, 18 und 19] Mir ist geben 
aller gwalt in himel und auf erden, darumb geth hin und 
lerent alle volcker und tauft sie im namen des vaters und 
des sons und des heylgen geists. Was mocht aber herlichers 
von dem tauf gesagt sein, dan das in Jesus Christus selbs 
hab aufgericht und bestetigt. Es mocht villeicht einer den 
tauf gering achten, wan er von gott durch ein Engel oder 
durch ein schlechten menschen wer verordnet. Aber so unser 


*) Am Rande: Ab h . . . . [Rest weggeschnitten.] 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



7 


99 


HERR und gott der himlisch vater hat den tauf nitt wollen 
durch ein blossen menschen noch durch ein Engel aufrichten, 
sonder allein durch sein aingebornen gliebten sun Jesum 
Christum, so muß freilich der tauf nit menschlich, nit irdisch, 
ja auch nit engelisch, sonder allein himlisch und göttlich 
sein, und so Christus eben denselben hatt angericht, 
nach dem er ein neti 1 ) himlisch wesen an sich ge- 
nomen hat, so konden wir wol erachten, das der tauf er¬ 
sehe, wie irdisch er woll, jedoch nicht anders dan himlisch 
sey. Dan ob er wol ytz durch menschen wurdt außgericht 
auff der erden sichbarlich, yedoch dieweyl Christus den 
aposteln beuolhen hat zu taufen nit in jrem namen und von 
irer selbs wegen, sonder im namen und von wegen des 
vaters, Sons und heyligen geists, und darbey gesagt: Mir ist 
geben aller gwalt im himel und auff erden, und [V. 20]: sihe, 
ich bin alle tag bey euch biß zu end der weit, so hat er 
gwislich hiemit zuversten geben, das er noch auf disen tag 
selbs [als] der taufer gegenwertig sey und durch das eusserlich 
ampt dem so getauft wurdt selbs das wasser aufgies mit 
seiner aigin hand, in abwesch und in aller seiner sund loß 
und ledig sprech 2 ). Ist nun Jesus Christus, der eingeborn 
sun gottes, selbs der teufer, wie mocht er on sein himlischen 
almechtigen got und vater, auch on den heilgen geist zu dem 
tauf komen? Lieber, die drey person seyen mit einander 
dermassen vereinigt, das sie nimer zertrent mögen werden, 
und nach dem in dem heilgen propheten Daniel [7, 10] ge- 
scbriben steet, das tausentmal tausent und zehen tausent- 
mal hundert mal tausent bey unserm HERRN steen und auf 
den dinst warten, so mercken wir aber einmol, das bey dem 
tauf das gantz himlisch her zugegen sey und helf denselben 
dinstlich volnbringen. Man sicht wol nichs mit den eusser- 
lichen äugen, so an gotlichen Sachen blind seyen, aber die¬ 
weyl das gotlich wort (das also warhaftig ist, das ehe 
himel und erden zergen must, ee ein spitz oder tittel daran 
erlogen wurdt [Mt. 5, 18]) bey dem tauf Christum Jesum 
selbs zugegen stellt, und Christus von seinem himlischen 
vater und heilgen geist imer geleitet wurdt, auch die un- 
zalbarlich menge der engel auf den dinst unsers herren gottes 
warten, so künden die äugen des glaubens gantz wol den 
himel auf erden die himlisch schar bey dem eusserlichen 
ampt, werck oder dinst des taufs ersehen und erkennen. 
Wer weit nun den tauf gering und schlecht rechnen, der von 
dem sun gottes selbs auffgericht und durch den vater, Son, 


’) Am Rande: Der t[auf] ist him[lisch]. 

3 ) Am Rande Bemerkungen, durch Abschneiden des Blattes 
unleserlich. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



100 


8 


Digitized by 


heilgen geist, ja allen engein volnbracht wurdt? Was soll 
ich aber vil sagen von dem grossen unaussprechen- 
lichen nutz, der darauß 1 ), so er durch den glauben in Jesum 
Christum entpfangen wurdt, entsteet, und wie notturftig eer 
einem yetlichen sey, der die seyligkeit begert? Furwar, ich 
bin im zu gering, dasselb gnugsam heraußzustreichen. Aber 
doch zu unser besserung will ich ein wenig darvon anzeigen. 
Christus spricht [Mc. 16, 16]: Wer glaubt und getauft wurdt, 
der wurdt seylig. Das seyen wenig wort. Aber der Inhalt 
ist gros. Was ist dem menschen nutzlichers, ja, nötigere dan 
die seyligkeit? nemlich, so er seiner sund halben, darin er 
entpfangen und geborn ist, mit im nicht anders auf erden¬ 
reich bringt dan unseligkeit und ewige verdamnus. Nun 
hören wir auß den Worten Christi, das die seyligkeit in dem 
tauf auß glauben entpfangen als in einen außerweiten werck- 
zeug gesetzt und gestelt ist, welches doch uns nit so hoch 
verwundern soll, dieweyl wir des vorhin bericht sein, das 
der vater, Son und heilger geist selbs die tauf halten und 
gegenwurtiglich durch das eusserlich ampt voln bringen. Wa 
aber dise auß gnaden gegenwertiglich handeln, wie solten 
sie nit ein seyligkeit schaffen und außgiessen? Und da¬ 
mit dester derer gemacht werde, was Christus durch 
den tauf selbs handle, so wollen wir auch den heylgen Pau¬ 
lum horn, der sein leer von keinem blossen menschen auff 
erden gelernt, sondern von unserm HERRN Jesu Christo selbs 
im paradis und dritten himel erholt hat [2. Cor. 12, 2]. Diser 
Paulus sagt also [Eph. 5, 25 f.] 2 ): Christus hat geliebt 
die gmein, und hat sich selbs für sie geben, auff das 
er sie heyliget, und hat sie gereinigt durch das 
wasserbad im wort. Sihe, lieber, sihe: Paulus bezeugt mit 
wenig Worten zwey herlicher grosser stuck in dem tauf: Zum 
ersten, das Christus selbs, wie wir vorhin gehört, der teufer 
sey. Zum ander, das durch das wasserbad im wort, das 
ist durch den tauf, mit dem glauben auf das wort des evan- 
gelij entpfangen, die reinigkeit und heiligkeit der kirchen 
zustehe. So hör ich woll, als bald einer getauft wurdt, so 
ist er schon rein und heilig. Warumb nit? Es kan ye das 
gotlich wort nit liegen, so kan die heilig gschrift nit betriegen, 
welche bezeugt, das durch das wasserbad im wort die reinig¬ 
keit und heiligkeit der kirchen zukam. Und nit allein dise 
stuck, sonder auch die seyligkeit, welches nach Christo auch 
S. Paulus [Tit. 3, 5, 6] schreibt und sagt: Er macht uns seylig 
nach seiner barmhertzigkeit durch das bad der widdergeburt 
und erneuwerung des heilgen geists. Was bedarf es aber 


*) Desgleichen (vgl. vorhergehende Anmerkung). 
2 ) Desgleichen. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



9 


101 


viler wort, so doch von Paulo deutlich und clerlich 
geschriben wurdt [Gal. 3, 27]: Wie vil euwer getauft seyen, 
die haben Christum angezogen. Ist aber der tauf nit ein 
nützlicher werckzeug, nach dem wir durch den tauf mit Jesu 
Christo geckleidt werden? Lieber, bedenck doch, wer Jesus 
Christus sey, auf das auch bedacht werde, wie nützlich und 
notig der tauf sey. Christus Jesus ist das lieht [!], das 
leben, die weyßheit, die gerechtigkeit, die frumkeit, die heilig- 
keit, die aufferstehung und die erlösung, und wer wolt es 
alles erzelen können, was Christus sey? So nun wir durch 
den tauf mit Christo becleidt werden, ist dem nit also, das 
wir auch durch den tauf mit dem leben, weyßheit, gerechtig¬ 
keit, frumkeit, heiligkeit, auferstehung und erlösung becleidet 
werden? 0, das kan ein seiliger sintfluß sein, darin all unser 
sund, boßheit und verdamnus erdrunken und darneben uns all 
gerechtigkeit, heiligkeit und seyligkeit zufleust und [wir] mit 
disen gaben und tugenten uberschut werden. Darumb, so uns 
Christus der allernutzlichst ist, so muß uns auch der tauf, 
dardurch uns Christus mitgeteylt wurdt, der allernutzlichst 
sein. So wir Christi unsers hern am aller noturftigsten seyen, 
so ist uns auch der tauf am noturftigsten, als derjenig Werk¬ 
zeug, dardurch wir mit Jesu Christo becleidt werden. Die- 
weyl nun uns zuvor in unser Jugent die gab des heilgen 
taufs durch die barmhertzigkeit gottes, so er uns durch sein 
son Jesum Christum bewisen hat, mitgeteylt ist, so sollen 
wir got darumb danckbar sein und dargegen auß cristen- 
licher pflicht bitten, das unser HERR got auch disem kindt 
N. ein warhaftigen glauben verleyhen woll, auf das es der 
gnad des taufs vehig sey“: 

Post commeudacionem baptismi priusquam ecclesia ad- 
monetur ad precandum pro puero, osten dendum est, si libet, 
argumentis, quod infantes possint habere fidem. 

Primo, quia deus non est respector personarum. Jam, 
si infantibus propterea non daret fidem, quod infantes sint, 
tune esset personarum respector. 

Secundo: fides non est ex usu racionis humang, sed 
ex dono dei et misericordia eius. Iam cum deus §que 
complectatur misericordia sua infantes ac adultos, consec- 
taneum est deum eque infantibus ac adultis fidem dare. 

Tertio: Nihil raagis adversum est fidei quam prudencia 
racionis human^. Cum autem infantes adhuc careant usu 
human§ racionis, multo capaciores sunt fidei quam adulti 
racione utentes. 

Quarto: Impossibile est sine fide deo placere. In¬ 
fantes autem placent deo et placent ei ad dandam ipsis sa- 
lutem sempiternam; proinde placent eciam ei, ut fidem ipsis 
conferat. • • 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 







102 


10 


Digitized by 


Quinto: Infantes diligit deus et dat eis spiritum sanc- 
tum — id qnod probatnr exemplo Jacob, quem dilexit deus 
adhuc in utero matris existentem, et exemplo Iohannis bap- 
tiste, qui est repletus spiritu sancto in utero matris. Si 
autem infantes sunt capaces spiritus sancti, cur non et fidei, 
que est donum spiritus? 

Sexto: Christus Iesus adhuc iufans fuit filius dei natu- 
ralis, quomodo igitur alii infantes non possent esse filii ad- 
optionis, cum Christus ob hanc causam in mundura venit et 
etate crevit, nt declararet omnem etatem deo acceptara esse? 
Nemo autem potest esse filius adoptionis citra fidem. 

Quod autem qnidam obiiciunt: infantes nescire aut non 
intelligere fidem, itaque non posse habere fidem, vana dicunt. 
Neque enim infantes sciunt, se naturaliter vivere, nesciunt se 
esse homines, nesciunt se habere corpus et animam. Quis 
autem tarn stupidus esset, ut hinc concludat ipsas non vivere, 
non esse homines, non habere corpus et animam?! 

Alii obiiciunt: fides ex auditu est [Röm. 10, 17]. In¬ 
fantes non audierunt evangelium, non igitur credunt. Re- 
sponsio: Paulus, dum dicit fidem esse ex auditu, sentit de 
fide revelata. Infantes autem non habent fidem revelatam, 
sed occultam, soli deo cognitam. Nam ut omnes creaturae' 
gemitus habent (autore Paulo dicente [Röm. 8, 22]: Omnis 
creatura congemiscit nobiscum), quos nullus hominum, solus 
autem deus cognoscit et audit, sic et infantes dono dei occultam 
fidem habere possunt, quam tarnen nec ipsi nec alii homines, 
solus tarnen deus cognoscit. 

Ostenso, quod infantes possint habere fidem, sequitur 
exhortacio ad preces, que subinde ex aliis atque aliis raci- 
onibus sumi potest. Prima racio: sumitur ex promissionibus 
divinis, quibus deus pollicitus est se exauditurum duos vel 
tres in nomine eins congregatos Math. 18 [V. 20] et Esaie 65 
[V. 24]: Erit antequam clament exaudiam etc. Et ut certi 
essemus de exaudicione, confirmavit illud Christus dicens 
Johan. 16 [V. 23]: Amen dico vobis, si quid pecieritis etc. 
In hoc autem loco congregati sumus, non in nomine nostro, 
sed in nomine Christi, videlicet ut institucionem Christi ob- 
servemus, ut que sunt proximi nostri hoc est pueri recens 
nati queramus. Sic enim Christus precepit. Certa igitur 
fiducia orabimus deum, ut sua bona, precipue autem fidem 
huic infanti comunicet, quo possit Christum in baptismo in- 
duere et salutem per baptismum consequi. 

Secunda exhortacio: sumitur ex caritate Christiana, que 
ad auxilium proximi obligatur Math. 22 [V. 39]: Diliges 
proximum tuum sicut teipsum etc. Item dilectio proximi 
implet legem Ro. 13 [V. 10]. Que dilectio animam pro sa- 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



11 


103 


lute proximi ponit, ut patet in Abrahamo, Mose et Panlo. 
Si animam proximo deberaus, qualis hic puer est, quia eget 
auxilio, quantoraagis preces effundere debemus etc. , 

Tertia racio: sumitor ex pueri respectu, quem apud deum 
et angelos habent. Angeli enim, inquit Christus Math. 18 
[V. 10], vident faciem patris mei in celis. Item ad Hebreos 
primo ca. [V. 14]: Omnes sunt administratorii Spiritus, qui in 
ministerium emittuntur propter eos, qui heredes erunt sa- 
lutis. Si ergo angeli, quanto magis nobis conducit etc. 

Quarta exhortacio: Sumitur ex peccatis et ira dei, in 
qua pueri concepti et nati sunt. Infantes enim nihil habent 
quam peccatum et mortem, ideo in gravissima ira dei. Iam 
deus per prophetam Ezechielem 13 [V. 13 ff.] et 22 [V. 21 ff.] 
capite vehementer irascitur iis, qui non interponunt sepem 
ire eins per oracionem. Ne igitur et nobis irascatur, si non 
oracionibus nostris precludamus viam ire eins, quem [!] habet 
super puerum hunc baptisandum propter peccata. Agite, 
oremus pro fide etc. 

Quinta admonicio: Sumitur ex baptismo, qui est lava- 
crum regeneracionis, ut Ephe. 5 [V. 26] Christus sanctificavit 
ecclesiam mundatam lavacro aque per verbum, et ad Titum 3 
[V. 5]: Non ex operibus, que sunt iniusticia, que facie- 
bamus nos, sed secundum suam misericordiam salvos nos 
fecit per lavacrum regeneracionis ac renovacionis spiritus 
sancti. Similiter Petrus 1 Petri 3 [V. 21]: Cuius figure nunc 
respondens baptismus nos quoque salvos reddit, quo non 
carnis sordes abiiciuntur, sed quo fit, ut bona consciencia 
bene respondeat apud deum. Audis, quante dignitatis sit 
baptismus? Per baptismum, inquit Christus, salvi efficimur, 
per baptismum, inquit Paulus, salvos nos fecit deus, per 
baptismum, inquit Petrus, habemus pactum bone consciencie. 
Oremus igitur pro puero, ut salus per lavacrum ei tribuatur etc. 

Sexta adhortacio: Sumitur ab exemplis sacre scripture 
veteris et novi testamenti. Unde Gen. 21 [V. 15 ff.] fletum 
pueri Ismael a matre abiecti 1 ) exaudivit dominus. Si ergo 
fletus pueri commovit dominum ad misericordiam, quanto 
magis oracio etc. Item Mathei 9 [V. 2 ff.] et Luce 5 [V. 18 ff.] 
respiciebat dominus caritatem et sollicitadinem baiulorum 
paralitici ex fide factam et paraliticcm nihil tale pre infir- 
mitate postulare potentem sanavit. Ideo oremus et nos pro 
puero etc. 

Septima racio: Sumitur ex miseria pueri, qui totus ab 
alieno pendet. Iam deus promisit [Ps. 10, 14] se fore 
orphanorum et viduarum auxiliatorem, proinde exoremus 
eum puerum hunc. benigniter suscipere velitis etc. 

') Mscr.: abiectus. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



104 


12 


Digitized by 


[Octava racio:] Sumitur ex potestate sathane, quam 
habet propter peccatura in puerum, vel victoriä Christi super 
sathanam. Unde dixit [Job. 16, 11]: princeps huius mundi 
iam iudicatus est. Orandum igitur est, ut Christus suam 
victoriam super sathanam in hoc puero declaret atque ipsum 
e faucibus eripiat. 

Post admonieionem sequuntur oraciones: Si vero infans 
baptisandus per imbecillitatem omnes expectare non possit, 
licet aliquas intermittere aut accipiant dug prim§ aut 
altera sola ante intinctionem 

Oracio: [folgen die Gebete aus Luthers Taufbüchlein 
1523 vgl. Richter: K.0.1 7f. Das bei Richter Eingeklammerte 
fehlt, ebenso der Exorcismus]. Quando infantes baptisandi sint. 

De tempore queri potest, quo esset infans commodius 
baptisandus, num mox post nativitatem suam, ne morte prae- 
veniatur? Responderi potest ibi consideranda esse duo, 
utilitatem scilicet et necessitatem. Utile fuerit, ut expec- 
tetur dies et hora publicg concionis, ubi ecclesie congre- 
gacio adfuerit, ut finita concione parvulus precibus ecelesi§ 
commendetur. Quodsi necessitas periculi alicuius extiterit, 
permittitur obstetricibus, ut domi baptisent, hic vero baptismus 
domi factus postea censeri debet coram ecclesia; sed ne 
reiteretur, profuerit autem baptisatos appellacione nominis 
sui commendare ecclesi^ precibus, ut dominus ceptam iusti- 
ficacionera et salutem in ipsis conservare et provehere velit. 

An absque patrino possint baptizari? 

An baptizari rite quis possit absque patrino V Respon- 
detur: Testis non ex necessitate parvuli quidem requiritur, 
sed propter ecclesiam, que non potest recipere testimonium, 
nisi quod in ore duum aut trium testabitur [Mt. 18, 16]. 

Baptismus in strepitu domi factus an legittime sit datus? 
Item obstetricum informacio. 

Quid, si addubitarent de parvuli baptismo, qui ob ne¬ 
cessitatem domi factus num legittime esset datus, si forte in 
strepitu et tumultu nemo advertisset? Respondetur: Ecclesia 
tantum de manifestis iudicat, manifestum vero, non est, quod 
unus dicit aut dubitat. Quodsi forte ab Anabaptistis aut 
qui huic sect§ dam faverint metu pgnarum ab magistrati- 
bus suspicio esset, ne mencientes parvulos suos baptisatos 
esse dicant et offerant in ecclesiam, ita agendum arbitramur: 
si parentes in ecclesia coram certis testibus asseverent par- 
vulum suum domi ob periculum [baptisatum] fuisse, recipiendi 
erunt eritque minister excusatus. Viderint ipsi parentes in 
conspectu DOMINI, si mentiti fuerint. Ceterum ministri 
ecclesiarum obstetrices monere debent, ne domi baptisent in 
necessitatis periculo, nisi adhibito patrino aut certis testibus, 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



13 


105 


qni videant et audiant, qoi postea ooram ecclesia testari 
possint. Docendae eciara erunt obstetrices, ut sciant formam 
baptisandi: ln nomine patris et filii et spiritns sancti, qnam 
recitare possint coram testibns, quin indicent parvulum a se 
domi baptisatum fuisse. Admonende similiter erunt, ut vo- 
lentes baptisare parvulos reliquam familiam, que aderit, ad 
preces adhortentur pro gracia baptismi dicendas, ipso pro- 
nunciato toto symboio fidei et respondente patrino baptisent. 

Baptismus condicionalis. 

Baptismus condicionalis ab ecclesi§ usu omnino reiici- 
endus est. Nam ecclesia certum baptismum habere debet. 
Condicionalis autem nihil certum statuit. 

De parvulis furatis .et anabaptistarum. 

An parvuli anabaptistarnin et Iudgorum repugnantibus 
parentibus vi ablati baptisandi sint? Respondetur: Si avus 
paternus in baptismum parvuli consenciat aut eum offerat, 
licet baptisari. Nam avus paternus potestatem super par¬ 
vulum habet ordinacione legum civilium, ut in institutis de 
patria potestate 1 ). At de avo materno secus est. Porro ut 
diserte de hac re disserere possumus [!], distinguemus duplicem 
religionem, unam Iudaeorum, alteram anabaptistarum, quorum 
religio publice non tolleratur neque ea, que ad religionem 
pertinebunt, tollerantur; horum itaque parvuli baptizandi sunt 
eciam invitis 2 ) parentibus. Si enim in societate ecclesig et 
rei publicae manere volunt, eam eciam observare debent aut 
eiiciantur. Tum eciam qui inter Christianos e Christianis 
nascitur, in societatem ecclesig natus esse iudicatur; videtur 
igitur ecclesiam habere potestatem offerendi parvulos ad 
baptizandum. H§c colligi possunt ex Augustino in epistola 
ad Bonifacium, que est 23 8 ). Et ut furiosis non permittitur 
pro sua voluntate se aut suos perdere estque pietatis eos 
prohibere, ita anabaptistis per vertiginosum spiritum nimis 
supersticione furiosis non permittendum est, ut contra socie¬ 
tatem et communem religionem parvulos suos privent bap- 
tismate. De furioso patre, in cuius potestate filius non est, 
ordinacio civilis extat institutis de nuptiis 4 ). 

Plurimum eciam refert, ut iste receptus et vetus mos 
ad baptisandos parvulos conservetur, ne postea confuse fiant 
ecclesi^ in adultis, de quibus sepius dubitabitur, quisnam 
baptisatus necne esset. Nihil enim nunc habemus cercius 


*) Vgl. Iustiniani institutiones I tit. 9 § 3. 

*) Mscr.: invitus. 

*) Vgl. Migne: patr. latina Bd. 33 pag. 559 ff. 

*) Vgl. Institutiones Iustiniani I tit. 10 principium. 


Digitized by 


Gck 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



106 


14 


Digitized by 


quod opponamus anabaptistis obiectantibus nobis baptismi 
nostri ignoranciam, quam quod ad publicum morem et ad nostros 
patrinos provocamus, qui nostri baptismi certi sunt testes. 

Religio autem Judeorum publicis legibus et privilegiis 
toleratur cum suis privatis synagogis eorum; itaque parvuli 
ad baptismum rapiendi non sunt. 

Utrum parvuli nondum integre nati sint baptizandi? 

Accidit, idque non admodum raro, quod ob difficilem par¬ 
tum parvuli vita in periculo mortis versetur, antequam integre 
enixus sit, nunquid igitur licebit adhibere baptismum illi 
membro, quod prominet? Respondetur: Non licet; non enim 
potest renasci, quod natum nondum est, renasci enim *) pre- 
supponit natum fuisse. Homines baptismum suscipere debent. 
At proles nondum pleqe edita in societatem hominum non¬ 
dum venit. Neque leges pro posthumo habent existentem 
in utero materno, nisi intra parietes vagitum ediderit 2 ). Es 
sol kain erb sein, er hab dan die vier wend beschrauwen. 

An parvuli necessario toti sub aquas sint immergendi 
propter misterium et significacionem mortificacionis, cuius 
tinctio signum est? Respondetur: In huiusmodi agendis ob- 
servanda est loci consuetudo, nihil autem videtur distare 
inter aspersionem et immersionem, quantum ad misterium 8 ) 
et significacionem pertinet. Solet eciam scriptura indifferenter 
loqui de ablucione sive inmersione, sicut ait: Abluo peccata 
tua etc. et vocatur baptismus lavacrum regeneracionis 
[Act. 22,16 Tit. 3, 5]. 

An sacramentarii, qui contra ecclesi^ usum de sacra- 
mento perperam senciunt, patrini sint admittendi? 

Quodsi minister tales civiliter et commode repellere posset, 
quemadmodum si quis semel aut iterum in anno in publicis 
concionibus explicaret articulos fidei asserens patrinos hoc 
animo et hac opinione admitti, quod fateantur eandem in arti- 
culis fidei exposicionem et eandem nobiscum de sacramento 
cen§ teuere sentenciam, qui hoc modo absterreretur, ne fieret 
patrinus, melius esset. Similiter qui de anabaptistico dogmate 
suspectus esset aut nondum fuisset in carcere aut vinculis 
confessus neque esset dogmatista, tales iure vix repelli 
possent ab officio patrini, neque enim impietas parentum 
aut perfidia patrini nocebit parvulo baptizando. Ut vero 
tales non repellantur, ideo cavendum, quia caremus policia 
ecclesiastica; non habemus senatum, qui seutenciis collectis 
iudicialiter pronunciandi autoritatem habeat, neque licet soli 
ministro iudicandi publice potestatem arrogare, aut non 

') Mskr.: non. 

®) Vgl. Codex Justin. VI tit. 29 lex 3. 

3 ) Mskr.: ministerium. 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



15 


107 


accusatum neque iudicatum publica ignominia afficere, quo 
esset cum a publico officio repelleretor. Qui in torraentis 
perfidiam est confessus pertinaciter aut dogmatista sit, non 
admittendum eum censuerim, eo quod de facto sentenciam 
ipsi de se dixerunt excommunicacionis. 

Quid vero cum iis agendum, qui libertatem pretexerent 
Christianorum baptisandi tempus liberum esse asserentes, 
ideo pueros suos offerre ad baptisandum, donec sibi libuerit, 
volunt? Respondetur: Verum quidem est liberum esse bap- 
tismum in se. haue quidem libertatem novisse Christianos 
decet. Attamen in his rebus circumstancie sunt considerande, 
que charitatem offenderent, si iuxta scienciam agere velim, 
ut dicitur [1. Cor. 8,1]: sciencia inflat, charitas edificat, modo 
caritas quod utile fuerit proximo promovet, quod vero offenderit, 
cavet. Ex ea igitur baptismi dilacione suspicio apud alios 
esse poterit, quod fiat ob consensnm in anabaptismuin, quam 
nemo bonus de se prebere debeat. Tum eciam aliis dubi- 
tacionem de suo baptismo, num parvulus baptisatus fuerit 
aut ne, • sui parentes pretextu libertatis differre maluerint, 
donec in oblivionem baptisandi devenerint. Propter has 
circumstancias caritati quilibet debet pocius studere, que, ne 
alios offendat, publicum morem observat. Ob easdem causas 
a magistratibus cogendi sunt, qui forte pertinaciores fuerint 
de baptismo longius differendo. 

5. Quaestiones quaedam, quae circa cenam dominicain 
agitari queunt. Et compendiose responsiones earum. 

Auch für diese Ausführungen gibt unser Codex die 
Autorschaft von Brenz nicht an. Zahlreiche Berührungen 
aber mit den Gedankengängen von Nr. 4 lassen denselben 
Autor wie dort erschließen, beide Nummern stehen oder 
fallen zusammen. Inhaltlich handelt es sich zunächst um 
die Frage, ob sittlich Anstößige zum Abendmahle zuzulassen 
sind? Die Antwort reguliert sich nach dem uns schon be¬ 
kannten Grundsätze (vgl. Nr. 4): caremus policia ecclesiastica 
et publicis iudiciis. Danach ist der kirchenrechtliche Aus¬ 
schluß vom Abendmahl nicht gestattet. Man darf die An¬ 
stößigen nur ermahnen, vor Besserung ihres Wandels nicht 
zum Abendmahl zu kommen; lassen sie sich dadurch nicht 
abschrecken, so ist die Kirche mit ihren Maßnahmen zu 
Ende, sie muß diese „Unordnung“ hinnehmen; als Vor¬ 
beugungsversuch kann sie nur in wiederholter Predigt zur 
Sakramentsenthaltung mahnen. Vielleicht auch, daß die trotz 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



108 


16 


Digitized by 


Abmahnung zmn Sakrament Gehenden schon heimliche 
poenitentiarii sind! So salviert Brenz hier das kirchliche 
Gewissen, genau so wie er bei der Taufe sich salvierte mit 
dem Gedanken, die Patenschaft der Ungläubigen werde den 
Kindern nicht schaden. Es verdient aber diese Stellung zur 
Kirchenzucht besondere Heraushebung, sofern Luther und 
die Reformatoren sonst den Abendmahlsausschluß als sog. 
kleinen Bann vertreten (s. Friedberg in RE 8 2,383). Offen¬ 
bar ist die Brenzsche Anschauung die konsequentere, indem 
sie von der Gemeinde als Glaubens- und Liebesgemeinschaft 
die der Obrigkeit als „äußere Christenheit“ zustehende 
Polizeigewalt auch in der Form der Bannzucht ausschließt. 
So scharf wie möglich sollen die beiden Kreise: christliche 
Gemeinde (innere Christenheit) und christliche Gesellschaft 
(äußere Christenheit) geschieden bleiben. 

Weiter wird nach der Art der Beichte gefragt.. Beichte 
und Absolution sollen öffentlich sein, doch soll man vorher 
die Kommunikanten fragen, ob sie vielleicht etwas heimlich 
auf dem Herzen hätten, das sie beschwere; in dem Falle, 
so muß man ergänzen, sollen sie diese Beschwernisse privat 
beichten. 

Dritte Frage: Darf man Fremde zur Kommunion zu¬ 
lassen? Es ist Vorsicht zu beobachten. Die Betreffenden 
müssen den Unterschied zwischen der papistischen und 
unserer, wahren, evangelischen Kommunion kennen; sie 
müssen ehrbar und unanstößig sein. Eigenartig macht sich 
also hier wiederum das Gemeindeprinzip geltend; während 
anstößige Gemeindeglieder nicht zurückgewiesen werden 
können (s. o.), ist die Zurückweisung möglich bei Fremden. 
Man soll sie zudem ermahnen, keine papistischen Messen 
zu besuchen; denn die Messe ist im Sinne der römischen 
Kirche Bekenntnisakt für die Laien. Freilich, wer unter 
obrigkeitlichem Zwange die Messe besucht, dem mags hin¬ 
gehen, vorausgesetzt, daß er sein lediglich pflichtgemäßes 
Handeln vorher irgendwie kundgibt. Denn in puncto Con¬ 
fessio, Bekenntnis, darf kein Zweifel herrschen. Auf alle 
Fälle verboten ist das offerre, d. h. offenbar die Teilnahme 
am Meßopfer durch Knieen. 

Die Fragen an den Kommunikanten (seil, bei der 


Go^ 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



17 


109 


Privatbeichte, s. o.). Deutlich tritt bei ihnen die antikatho¬ 
lische Tendenz heraas. Der Beichtende soll sich allein auf 
die göttliche Gnade verlassen und die communio sub utraque 
als die stiftungsgemäße betrachten. Daneben wird eine 
Tendenz gegen die Sakramentierer deutlich; es wird das 
Problem aufgerollt, wie der Glaube an das Sitzen Christi 
zur Rechten Gottes neben dem seiner Anwesenheit im 
Sakramente bestehen kann? Gut Lutherisch lautet die Ant¬ 
wort: in jener Welt, in der nun Christus lebt, gibt es keine 
verschiedene Örter im Angesicht Gottes, wie jetzt auf Erden 
im Angesicht der Menschen. Vor Gott sind alle Örter ein 
Ort, deshalb kann Christus zugleich an zwei verschiedenen 
Orten sein; auch das Abendmahl ist eine res coelestis, darum 
ist Christus auch bei ihm „im Himmel“. Der Zweck des 
Abendmahls ist Stärkung der Glaubensschwäche; daher sind 
Früchte des Glaubens, die im einzelnen aufgezählt werden, 
nach dem Sakramentsgenusse zu erwarten. Weiterhin bietet 
Brenz Formulare, die ante communionem zur Weckung des 
Glaubens gesprochen werden sollen, offenbar öffentlich. Das 
erste variiert das Motiv: Christus unser hospes, und klingt 
aus ins Vaterunser; das zweite behandelt das Motiv: die 
Gaben des Sakramentes, das dritte die Erkenntnis Gottes 
— hübsch ist hier das Bild: das Abendmahl ein Fenster 
vor dem Herzen Christi —, das vierte die Heiligung vor 
dem Abendmahle, das fünfte die Sündhaftigkeit als die rechte 
Heiligung vor dem Sakrament. 

Die chronologische Einordnung dieses Stückes hat eine 
Handhabe an der Erwähnung der Erlaubnis Luthers an die 
Fürsten, pflichtgemäß bei der Messe zu stehen, weil sie ihr 
Bekenntnis dargeboten hatten. Das kann sich doch nur auf 
die Überreichung der Augustana am 25. Juni 1530 beziehen, 
dieser Tag also wäre der terminus a quo. Aber wo hat 
Luther diese Erlaubnis gegeben? Mir ist es nicht gelungen, 
eine entsprechende Äußerung Luthers ausfindig zu machen, 
auch Anfragen bei den Herren D. D. Kawerau, Kolde u. a. 
waren ergebnislos, möglicherweise handelt es sich um eine 
mündliche Auskunft Luthers, die Brenz weitergab; daß das 
Thema in der Luft lag, zeigen die Vorgänge auf dem Augs¬ 
burger Reichstage (die Fronleichnamsprozession vom 16. Juni!) 

Archiv för Reformationa ge schichte IX. 2. 8 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



110 


18 


Digitized by 


und die Luther-Korrespondenz (vgl. E.A. 54,154 ff., Enders 
7,385 ff, 8,1 ff) zur Genüge. Einen terminus ad quem zu 
bestimmen, ist kaum möglich. Es kann sich auch um eine 
Anfrage handeln, aus dem Fürsten kreise, die erheblich nach 
dem Augsburger Reichstage fällt; Luthers Äußerung hätte 
dann darüber belehrt, wie sich Fürsten in einem analogen 
Falle wie dem zu Augsburg zur Frage stellen sollten. Darf 
man das ganze Stück mit Nr. 4 verbinden, so würde sich 
die Ansetzung + 1530 nach 25. Juni empfehlen. 

Questiones quedam, que circa cenam dominicam agitari 
queunt. Et compendiose responsiones earum. 

Num adulteri, ebrii, avari etc. sint admittendi? Respon- 
detur: privatim et clam sunt diligenter admonendi, ne ad 
sacram cenam accedant, donec a peccatis suis resipuerint ad 
vit^ emendacionem. Quodsi privata admonicione absterreri 
nolint, nequaquam licet eos vi et cum ignominia publica 
repellere. Caremus enim policia ecclesiastica et publicis 
iudiciis; ferenda quippe est hec inordinacio pocins quam 
temere absque iudiciis condemnare. Attamen ministri debent 
bis aut s^pius in anno uno admonere eos, qui tarn impuri 
sunt in vita, ut a comunione abstineant altaris, ne simul at- 
que deum sua temeritate offendant et ecclesiam sua impuri- 
tate gravant[!] afficientes eam ignominia. 

Tum eciam addendum erit in publicis concionibus, ne 
ecclesia (cum tales peccatores admitti viderit) eos diiudicet 
eo quod suspiria et concuciones cordis eorum non videant; 
fuerunt quidem manifesti peccatores, at nunc pocius censeant 
eos occultos penitenciarios. Sic enim charitas solet nihil 
mali cogitare de his, quos videt vel in speciem bene agere. 

De confessione queritur, quam prestare debeant comuni- 
caturi? Respondetur: Scripturg clare docent, cui debeamus 
peccata nostra coniiteri. Verum, ne obmittatur, cum inter- 
rogentur comunicaturi, si quid clam habeant questionum, quo 
conscienci§ labefactate sue fuissent. Postea generalis seu 
publica confessio premittenda est, quam eciam sequatur 
publica consolacio. 

De peregrinis, qui aliunde in nostras ecclesias con- 
fluunt, quid respondendum fuerit, cum ad nostram comu- 
nionem recipi petiverint? Respondetur: ne facile admittantur, 
nisi discrimen habeant inter papisticam comunionem et nostram 
veram; item, ne alibi ob vite impuritatem abiecti fuerint, sed 
sint honesti, qui diligenter de cruce persecucionis premuni- 
antur et doceantur, ne facile postea ad defectionem desciscant. 
Tum eciam dehortandi sunt, ne missas papisticas ingrediantur. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



19 


111 


Nam hec fere laicorum quos vocant confessio est; ideo enim 
coguntur ad templa soa presto esse tempore sacrificiorum, 
ut videantur dogma illnd non sequi aut abiicere, quod de 
vero usu c§ne in evangelio docetur. 

Ceterum qni sub magistratu subditus est et propter 
comitatum principis sui missas ingreditur, videtur esse 
tollerabile; sed tune, quando missarum blaspbemias ante 
confessus est, quemadmodum si quis exciperet coram prin¬ 
cipe suo se non propter religionem intrare ad missas, quas 
credit esse inutiles et abominabiles, sed propter officium, 
quod illi debeat. Sicw< D. Lutherus*) permisit principibus 
officii prestandi gracia Cesari, ut cum ipso ad missas pre¬ 
sentes adstarent, eo quod confessionem suam obtulissent. 
Secus est, nt dixi, de privatis aliis, qui coguntur ad sacrificia 
nulla de se adhuc exhibita de impietate missarum confessione. 
Item ut poteris adesse officii causa missis, nequaquam 
tarnen licebit offerre, ne cum impietate comunices et coin- 
quineris coram 2 ) hominibus. Si quis itaque prorsum abs- 
tinuerit a sacris illis impiorum, melius facit et securius vitat 
offendiculum. At confessis secundum indulgenciam permitti- 
mus, non iudicamus, si propter Studium dominorum suorum 
fecerint. 

Interrogaciones, que a comunicaturo requiri possunt: 

Agnoscisne te graviter adversus deum peccasse et 
nullum ex praeceptis eins plene ac recte observasse? Ag¬ 
noscisne te peccatis tuis optime meritum esse perpetuam 
damnacionem, et deum posse te iusto iudicio inferni ignibus 
tradere? Faterisne te nullis tuis operibus, nullis meritis 
tuis, nulla iusticia tua, nulla virtute tua posse peccata ex- 
piare et pro peccatis tuis satisfacere ac placare iram dei 
super peccata tua conceptam? Credisne, quod solus Jesus 
Christus sit meritum, iusticia, virtus et sanctitas tua? Petis 
igitur cenam dominicam a Christo institutam? Credisne 
hanc c§nam ita institutam, ut non solum panis distribuendus 
sit, sed eciam vinum? Unde certo cognoscis hoc sic a Christo’ 
institutum esse? Respondeo ex verbis Christi dicentis: Bibite 
ex hoc omnes etc. [Mt. 26 V. 27]. Credisne, quod Christus in pane 
distribuat corpus suum edendum et in vino sanguinem suunl 
bibendum? Credisne Christum sedere ad dextram patris in 
cglis? Si ergo Christus in colis sedet, quomodo corpus eins 
est in pane? Respondetur: In altero seculo, in quo nuue 
vivit Christus, non sunt distincta loca in conspectu dei sicut 
loca in hoc seculo in conspectu hominum. Sed sicut coram 
deo omnia tempora unum momentum sunt, ita coram eo 


') S. dazu die Einleitung. 

2 ) Mskr.: coinquinaris quam. 

8 * 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



112 


20 


Digitized by 


omnia loca onus locus sunt. Itaque etiamsi corpus Christi 
sit in c§lo, tarnen eciam est in cena dominica, propterea 
qnod et cena dominica res sit celestis. et coram deo non 
distingnatnr localiter a c§lo. Ad qnid postnlas c§nam domi- 
nicam? Respondeo: ad confirmandam imbecillitatem fidei 
mee. Nunc enim tentor a indicio peccatorum, nunc a gra- 
vitate afflictionum, nunc ab horrore mortis, ut nonnunquam 
dubitem, num deus me adhuc respiciat? num adhuc mihi 
propicius sit? Accipio igitur c^nam dominicam, nt hoc 
externo signo confirmetur consciencia mea, quo certius reddar, 
deum adhuc me respicere et propicium esse mihi per Jesum 
Christum filium suum, qui mihi corpus et sanguinem suum 
donavit etc. Visne ob hanc graciam ac miseriam tibi a 
Christo exhibitam dignos penitencie fructus facere? 

Possunt autem digni penitencie fructus eciam articulatim 
inquiri: 

Visne solnm deum per Jesum Christum et non homines 
demortuos in adversis tuis invocare? 

Visne publicis et legittimis ordinacionibus ac parentibus 
tuis obedire? 

Visne blasphemias nominis dei et execraciones vitare? 

Visne fratri tuo iniuriam tibi illatam ex animo remittere? 

Visne pauperes pro tua facultate adiuvare et ablatum 
restituere? 

Vis usuram vitare? Vis ab ebrietate declinare? 

Vis castam vitam sive in matrimonio sive in celibatu 
ducere? 

Et si qu§ sunt ali§ id genus questiones, quas unusquisqne 
parochus pro sua prudencia communicaturo iuxta temporis 
et persone qualitatem ac racione e preceptis dei proponere 
potest, si libet. 

Exhortacio ad fidem ante communionem eene dominice 
ducta ex commendacione Christi hospitis: 

In institucione cen§ dominier illud precipue nobis pro- 
ponitur et inculcatur, quod Jesus Christus dominus noster 
corpus suum, quod pro nostris peccatis in cruce obtulit, nobis 
ad vescendum dederit et sanguinem suum, quem ad emenda- 
cionem peccatorum nostrorum effudit, ad bibendum exhibuerit 
Quod quid aliud est quam quod Christus Jesus unigenitus 
ille dei filius non solum in hospites suos nos invitet, verum 
eciam se ipsum pro cibo et potu proponat. Considerandum 
igitur est, qualis ille sit, qui nos invitet et se ipsum pro cibo 
ac potu apponat, ut ex cognicione hospitis incitemur ad maiores 
graciarum actiones et ut maiori veneracione convivium illud 
percipiamus. Est autem Jesus Christus unigenitus dei filius 
ab eterno ex patre celesti deus genitus, in plenitudine tem- 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



21 


113 


porte, ex virgine Maria homo natus [Gal. 4, V. 4], per quem 
omnia sunt condita, qui est equalis potenci§ et glori§ cum 
patre, rerura omnium dominus, qui tauto amore nos miseros 
peccatores complexus est, ut propter nos exinaniverit se 
ipsum forma servi assumpta, in similitudiue hominum con- 
stitutus et figura repertus ut homo [Phil. 2,7 f.] humilem pre- 
buerit se ipsum, factus obediens usque ad mortem, mortem 
autem crucis. Et cum alius pro bono ac iusto homine mortem 
non sustineret, tarnen Christus, ut commendaret charitatem 
suam erga nos, pro nobis impiis mortuus est propter delicta 
nostra et resurrexit propter iustificacionem nostri [Rom. 5,8. 
4,25], Cum ergo talem ac tantum habeamus hospitem, qui 
ad convivium suum nos vocavit, qua, obsecro, reverencia, 
qua observancia, qua obediencia ipsum adeamus?! Non 
enim existimandum est, quod Christus ante passionem suam 
hanc cenam ita preparaverit, ut tune quidem presens fuerit, 
nunc autem absens. Absit hec cogitacio. Qui tune cenam 
preparavit, idem nunc quoque preparat. Nos ministrorum 
locum tenemus. Qui vero illa consecrat, sanctificat et invitat, 
idem ipse est omnia illa potenti suo verbo perficiens. 
H§c autem observancia et reverencia ipsi acceptissima est, 
si verbum eins audiamus et custodiamus illud. Ait enim 
[Mc. 3.35]: Mater mea et fratres mei hi sunt, qui sermonem 
dei audiunt et faciunt illum. Et alibi [Lc. 11,271]: Beatus 
quidem venter est, qui me portavit. Sed pocius beati sunt, 
qui audiunt verbum dei et custudiunt illud. Audimus autem 
nunc verbum dei, videlicet quod Christus propter peccata 
nostra mortuus sit et propter iustificacionem nostri resur- 
rexerit, et quod corpus et sanguinem suum nobis in cibum 
ac potum prebuerit, ut fide illa accipientes participes remis- 
sionis peccatorum et vit§ eterne efficiamur. Hoc ergo ver¬ 
bum capescendum est et custodiendum. Custoditur autem 
fide; fides enim memoria est firmissima, unde nihil verborum 
dei elabitur. Custoditur eciam dignis fructibus penitenci§ 
seu fide. Itaque credamus Christum esse nostram iusticiam 
et sanctificacionem, credamus corpus Christi esse vitam 
nostram et sanguinem eins expurgacionem peccatorum. Deinde 
proferamus huius fidei fructus et maiori observancia, maiori 
reverencia hospitem nostram adire non poterimus. Orabimus 
igitur, ut Christus in nobis fidem augeat et vires prebeat, 
quo fide fructus proferre queamus dicentes: Pater noster. 

Alia ducta ex commendacione cibi et potus ceng do¬ 
minier: ln cena dominica proponuntur quidem nobis panis 
et vinum, sed in his visibilibus rebus commendavit nobis 
Jesus Christus corpus et sanguinem suum invisibiliter. 
Videamus igitur, quam splendidus, quam sumptuosus, quam 
opiparus cibus ac potus in hoc convivio nobis apponantur. 


Digitized by 


Go», igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



114 


22 


Digitized by 


Ne illad Pauli [1. Cor. 11,29] audiamus: Qui edit aut bibit 
iudigne, iudicium sibi ipsi edit et bibit, uon diiudicans corpus 
domiui. Est autem corpus seu caro Christi, quemadmodum 
Christus ipse Johan. 6 [V. 51] docet, vita mundi. Nam cum 
dominus deus noster Adaraum parentem nostrum in paradisum 
collocasset et prohibuisset ei, ne vesceretur de fructu arboris 
scienci§ boni et mali, quocunque, inquieus, die comederis 
ex eo, morte morieris [1. Mos. 2,17], et ille contra mandatum 
dei de fructu arboris illius vesceretur, continuo veram mor¬ 
tem et corporis et anim§ comedit. Mors autem secum veluti 
comites traxit omnes corporales afflictiones, omnia morborum 
genera, omnes calamitates, omnes tristicias animi, omnes 
maledictiones et eternam damnacionem atque interitum. Unde 
statim post esum pomi eiecit deus hominem e paradiso, ut 
scriptura testatur [1. Mos. 3,22], ne forte mittat manum suam 
et sumat eciam de ligno vit§ et comedat et vivat in §ternum. 
Atque ita per Adam mors intravit in mundum et regnavit 
super omnes homines [ßöm. 5 V. 14], ut quotquot ex Adam 
generarentur, depulsi et abiecti essent, ne fructum seu cibum 
ex arbore vit§ decerpere possent. Posteaquam autem Christus 
Jesus advenit, rursus nobis arbor vite revelata est, ut ex ipsa 
fructum percipiamus. Est enim Christus ipse vera vita et 
sicut seipsum vocat [Joh. 6,49 ff.] panis vite. Apposuit autem 
in convivio eene dominieg corpus suum in pane et dedit 
potestatem, ut, quotquot ex iide corpore illo vescerentur, 
pomum seu cibum vere vite perciperent. Et hec de corpore. 
Sanguis vero Christi est emundacio a peccatis. Sicut enim 
scribitur 1. Johan. 1 [V. 7]: Sanguis Jesu Christi emundat 
nos ab omni peccato; in lege quidem omnia purificabantur 
sanguine taurorum et hircorum et Mose testamentum suum 
sanguine dedicavit [Heb. 9], insuper tabernaculum et omnia 
vasa ministerii sanguine sanctificabantur. Sed hec sancti- 
ficacio tantum ad carnis purificacionem proficiebat, non ad 
purgacionem anime. Non enim potest sanguis taurorum et 
hircorum auferre peccata, sanguis autem Christi talis est, ut 
purget conscienciam nostram a mortuariis peccatis ad ser- 
viendum deo viventi . . . [etc.] 

Alia exhortacio ducta ab officio pii hominis, cuius inter- 
est deum cognoscere. 

[*) Wir sollen Gott über Alles lieben; dazu aber müssen 
wir ihn kennen. Gott aber wird nur durch Christus er¬ 
kannt, Christus aber wird am besten im Abendmahl erkannt: 
Est enim cena dominica veluti fenestra ante cor Jesu Christi 


*) Das ff. ist eine kurze Inhaltsangabe des von Brenz lateinisch 
Gebotenen. 


Go 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



23 


115 


posita, per quam dilucide perspici potest, qualis sit affectus 
Christi erga nos.] 

Alia exbortacio, qaod nemo nisi sanctas eene dominic^ 
particeps esse debet. 

[Wie Gott zu Mose [2. Mos. 19,10] sagte, er solle erst 
das Volk heiligen, bevor es das Gesetz empfinge, so müssen 
wir vor dem Abendmahl uns heiligen. Das geschieht nicht 
in honestis et civilibus virtutibus ac operibus, denn mit allen 
unseren Werken bleiben wir unnütze Knechte. Auch in 
angeblichen Wundern besteht nicht die sanctitas, vielmehr 
ist unsere sanctitas Christus, den wir im Glauben ergreifen.] 

Alia exhortacio. quod nemo nisi peccator debet esse 
particeps cen§ dominic?. 

[Das ist kein Widerspruch zur vorhergehenden Er¬ 
mahnung, denn: soli peccatores sunt sancti. Unter pecca- 
tores sind die zu verstehen, welche ein lebendiges Sünden- 
schuldbewußtsein in sich tragen.] 

6. Brief von Brenz an Georg Vogler, Montag nach 
Egidii = 6. September [1529] mit Beilagen. 

Der Brief von Brenz an Georg Vogler ist in Hartmann- 
Jägers Brenzbiographie Bd. 1 S. 440 ff. bereits zum Ab¬ 
druck gekommen. Es geht aus dem Briefe hervor, daß 
Vogler an Brenz ein „Yerzeichnus von dem brauch der zween 
sacramenten“ geschickt hatte mit der Bitte um Beurteilung. 
Dieses „Verzeichnis“ bieten wir im Folgenden. Brenz ist 
mit dem ersten Teile, den Ausführungen Uber die Taufe, 
einverstanden gewesen, er hat sie „vast gerne gelesen und 
ist meins Verstands also wie begriffen recht glaubt“. Die 
Taufe wird gefaßt als Sakrament der „Einleibung und Ver¬ 
einigung“ mit Christo; sie ist ein sichtliches und greifliches 
Ding, an das unsichtliche Wort gebunden, daher von gleicher 
Kraft wie das Wort, ein Siegel und Zeugnis für alles, daö 
der Glaube aus dem Worte erhofft. Der durch die Taufe 
in Christus Einverleibte darf sieb Christi und seiner ganzen 
Herrlichkeit rühmen. Der Verfasser polemisiert gegen eine 
falsche Anschauung von der Taufe, nach der jeder Täufling 
persönlich („in sunderheit“) der Sünde absterben muß, auch 
an seinem Fleische. Das kann meines Erachtens nur gegen 
die Täufer gehen, die die persönliche Heiligkeit von ihren 
getauften Mitgliedern forderten, während der Verfasser den 
Tod Christi als die prinzipielle Überwindung der Sünde 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



116 


24 


Digitized by 


faßt, deren der Einzelne durch den Glauben teilhaftig wird. 
(Man erkennt aber hier deutlich die gefährliche Klippe der 
Lutherischen Recbtfertigungslehre, die die persönliche Ethik 
des Einzelnen unberührt lassen konnte). Der Gläubige bat 
im Glauben an Christus prinzipiell die Sünde überwunden, 
fällt aber tatsächlich noch „zu Zeiten“ in Sünde; doch schadet 
ihm die Sünde vor Gott nichts, da er in Christus einen Für¬ 
sprecher bei Gott hat Er empfängt außerdem in der Taufe 
den Geist, der ihn immer treibt, des Fleisches Geschäfte zu 
töten, sodaß die Taufe ihre Kraft durch das ganze Leben 
bewährt. Der Christ ist ein Doppelwesen, fleischlich und 
geistlich, Sünder und gerecht, Geist und Gerechtigkeit aber 
gibt die Taufe. In ihr hat man „den ganzen Christus“. 
Man versteht ohne Weiteres, wie Brenz diesen gut lutherischen 
Gedankengängen seine Zustimmung geben konnte. 

Weniger ist er mit den Darlegungen über das Abend¬ 
mahl zufrieden. „'Von dem Nachtmal seyen etlich punkten, 
so mich anseben, als wolle diser mit Worten die gegea- 
wertigkeit des leibs im nachtmal bekennen und im grund 
verleucknen.“ Auch das versteht mau. Der Verfasser stellt 
an die Spitze * den Satz, das Abendmahl diene dazu, 
die Taufgnade ins Gedächtnis zu rufen, „dazu bat Christus 
uns sein leib und blut in dem sacrament des altars zu seiner 
gedächtnis zu messen befohlen.“ Das mußte nicht Zwing- 
lianisch verstanden werden, war auch nicht Zwinglianisch 
gemeint, aber es konnte misverständlich wirken. In seinen 
Darlegungen setzt der Verfasser die Realpräsenz gewiß vorans, 
aber sie ist ihm nicht eigentlich wertvoll, der Nachdruck fällt 
auf das Gedächtnis an Christi Tod oder auf die Gemeinschaft 
der Gläubigen. Er nennt die Speise und den Trank „geist¬ 
lich“, sie können daher auch nur „im Geist und Glauben“ 
genossen werden. Irgend etwas Besonderes neben der Taufe 
gesteht der Verfasser dem Abendmahl nicht zu. „Und ist 
also bey diesem sacrament gar nichts erstlich zu suchen, 
das nicht zuvor durch den glauben im tauf gefunden war.“ 
Hier empfand der Lutheraner Brenz doch eine Lücke. Ihm 
misfiel insbesondere, daß der Verfasser Joh. 6 auf das Abend¬ 
mahl deutete. Das lehnt Brenz mit Luther ab. Auch darin 
kann Brenz dem Verfasser nicht zustimmen, daß das Abend- 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



25 


117 


mahl als Freudenfest betrübten nnd beschwerten Gewissen 
nicht zu reichen sei. Für Brenz hat das Abendmal doch 
die Kraft, von der Traurigkeit za entledigen. Betreffend die 
Prüfung vor dem Empfang des Sakramentes tritt Brenz ge¬ 
genüber dem Verfasser dafür ein, daß es sich nicht nor nm 
ein Gedenken an die darch Christas erhaltene Gnade bandle, 
sondern auch um eine „Bewegung seiner Sünde und Un¬ 
geschicklichkeit“, denn die gehöre auch zum „auf den Glauben 
sehen.“ Darin stimmt Brenz dem Verfasser zu, daß eine 
besondere anderweitig noch nie hervorgetretene Verheißung 
bei dem Abendmahle nicht zu suchen sei, es handle sich 
nur um eine „neue Weise“ der Bekräftigung einer alten 
Verheißung. Geht aber aus den Worten des Verfassers 
ein deutliches Zurttckschieben der Realpräsenz hervor, so 
stößt er in punkto Konsekration mit Brenz ernstlich zusammen. 
Er kennt keinen besonderen Weiheakt, sondern will die 
„Konsekration“ gesetzt wissen in die Austeilungsworte 
beim Reichen des Brotes und Kelches. Sofort aber fürchtet 
Brenz davon eine Aufhebung der Realpräsenz; er verlangt 
einen besonderen Konsekrationsakt und will auch das ge¬ 
weihte Brot und den geweihten Wein nach der Konsekration 
ein für alle Mal Leib und Blut Christi bleiben lassen, 
während für den Verfasser sie außerhalb der Weihung 
„gemein Brot und Wein“ sind. Das „ungläubige Essen und 
Trinken“ hatte der Verfasser aus der historischen Situation 
heraus von einem „Mißbrauch und nicht nach der rechten 
Weise essen und trinken“ verstanden, nicht etwa von einem 
wirklichen Unglauben. Darum auch hatte er in der Strafe des 
„Gerichtes“ nur eine Züchtigung und Mahnung erblickt, 
nicht aber die ewige Verdammnis. Denn der Ungläubige 
empfange nur Brod und Wein, nicht aber Leib und Blut 
Christi. Anders Brenz: der Ungläubige empfängt Leib und 
Blut Christi, aber nicht die damit verknüpften Güter; er ißt 
und trinkt zum Gericht, d. h. zur ewigen Verdammnis. Ja, 
Brenz geht der Argumentation des Verfassers gegenüber so 
weit, zu behaupten, daß eine Maus oder Ratte, die kon- 
sekriertes Brot frißt, Leib und Blut Christi in sich aufge¬ 
nommen hat! 

Wer der Verfasser des Gutachtens war, hatte Vogler 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



118 


26 


Digitized by 


an Brenz nicht mitgeteilt. Dieser nennt ihn „ein klngen, 
feinen Mann, er sei, wer er woll“ und bittet, ihn zu grüßen. 
Wer er ist, vermag ich nicht zu sagen, AJthammer ist aus¬ 
geschlossen, da er in der Abendmahlfrage ganz auf Lutherisch- 
Brenzschem Standpunkte stand. Sollte es Rurer sein, oder 
gar Vogler selbst? Jedenfalls eine Persönlichkeit, die die 
Härten des Luthertums in der Abendmahlsfrage zu mildern 
bestrebt war. Noch ist zu bedenken, daß der Verfasser eine 
tägliche Kommunion voraussetzt. 

Was die tauff bedeut und warzu sie dem getauften diene. 

Christenlichs wesen, sovil unser rechtfertigung gegen gott 
in disem leben angehort, steet samptlich in zweyen stücken: 
das ein ist, das wir der sund absterben, das ander ist, das 
wir der gerechtigkeit widerumb lebendig werden sollen, 
welches dan einig die recht bus ist, die Johannes gepredigt 
hat, und zu der Christus die sünder zu fordern in diese weit 
kommen ist: Luca 5. [32 ff.] Dieweyl aber solche pues zu 
thon menschlichem vermügen gancz unmuglich ist, hatt gott 
unserer schwachen wollen zu hilf körnen und uns also Jesum 
Christum zu einem mitler fürgestelt Ro. 8 [32]der meinung, 
das wir an im suchen, finden und zu aigin haben solten 
alles, was uns auß unser schwacheit mangelt zu solcher bues, 
und dits durch mitlung des glaubens. Nemlich so wir von 
hertzen glauben und bekennen, das dieser ein son gottes 
uns zu einem hayland von dem ewigen vatter gegeben sey, 
der unser sünd’ alle auf sich genomen und an das creutz 
gehenckt hat, und also uns mit seinem plut und todt bey ge¬ 
nantem seinem vatter versont und gentzlich zu gnaden ge¬ 
bracht hatt, das wir alsdan in craft solches glaubens teyl- 
haftig sein sollen alles des, was Christus hatt und ist, ja, das 
wir auch Christus selbs sein sollen. Dan also hatt es gott 
wolgefallen, das, wie wir im Adam sterben, das wir 
also auch in Christo widerumb lebendig werden 
sollen [1.Cor. 15,22], das ist wie wir in Adam gesteckt 
und eins mit im gewest sein, da er gesündigt hatt 2 ), 
das also die sund und todt von im in uns erblich geflossen ist, 
dermassen das ein einige sund, die auch nur ein mal im an- 
fang der weit volnbracht, uns ydoch, sovil unser bisz zu endt 
der weit geborn werden, alle begreyft und verdampt, ob wir 
glevch ausserhalb derselben sunst gar keine mehr thetten, 

*) Am Rande: In gerechtigkeit zu leben feilt uns, darnmb ist 
Christus komen unser mangel zu erstatten das aber geschieht durch 
daz mittel-glauben. 

*) Zum ff. am Rande: Nota. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



27 


119 


and dis allein umb der einleybung willen, mit der wir alle 
eins im Adam, ja, der Adam selbs gewesen sein. Also 
aueh, so wir in Christum durch den glauben ein- 
geley bt, und eins mit im worden sein, das sein leiden und todt 
für die sund, so er an dem creütz under Poncio pilato ein mal 
erstanden hat, darzu auch sein gerechtigkeit, die er am dritten 
tag darnach mit seiner geweltigen urstend vor aller weit 
bezeigt hatt, überflüssig an uns alle, die wir glauben, aus- 
flies. Also das dise zwey uns in Christo zugeeignet uns vol- 
komenlich vor gott zu gnaden bringen und rechtfertig machen. 
Ob wir gleich ausserhalb derselben nichs mer haben und 
dis auch gleicher maß umb der einleybung willen, mit der 
wir Christo durch den glauben vereinigt und eingeleibt sein. 
Und eben dis maint Paulus ßo. 5 1 ) [folgt freies Zitat V. 17 u. 18]. 

Nun dieweyl aber solchs, so man es allein durch das 
gotlich wort lert, gantz geistlich und deshalber menschlicher 
blodigkeyt etwas zu scharpf und unbegreiflich ist, hatt gott 
auch in disem fall durch freüntlichs mitleyden unserer 
Schwachheit wollen helffen, und nicht allein mit seinem wort, 
sonder auch durch ein gewislich leiblich sacrament uns solcher 
Vereinigung und einleibung mit seinem son in dem glauben 
gwiß machen wollen, und also verordnet in die weit auß- 
zurüeffen: welcher glaubt und getauft würdt, der würdt seelig 
[Mc. 16,16], das also die tauff als ein sichtiglich und greyflich 
ding an das unsichtlich wort gebunden und gleiche kraft 
mit im haben soll, und das sie ein sigel und gezeucknus sein 
solt alles des, das sich der glaub auß gehörtem gotlicheu 
wort annimpt 2 ). 

Nun nimbt sich aber der glaub alles des an, das von 
der herlichkeit Christi gpredigt würdt durch das gütlich wort, 
[folgen Bibelstellen in freiem Zitat Joh. 1, lff., Röm. 6, lff., 
Col. 2, lff., Eph. 2, lff, Joh. 5, 19ff, Röm. 8, 17, 1. Cor. 6, 3ff] 
Aber solchs alles, das es ye der mensch begreyffen mag, wurdt 
es im durch den tauff in dem wort gegeben bezeugt und 
versigeltert, das also getauft sein noch apostolischer art nichs 
anders ist dan Christo eingeleibt unnd gantz einer mit im 
worden sein 8 ). Also das sich der getauft mensch in craft 
seiner tauff warlich rhümen mag des gantzen Christi und 
aller seiner herlichkeit als eines aiginthums, das er auch 
daruf trutzen müg und in solcher herlichkeit alle seine feind, 
sündt, weit, teuffei, hell etc. und auch sein aigin fleisch 
verachte und under die fues trette. 


] ) Am Rande: Roma. 5. 

*) Am Rande: Der Taof ist ein leiblich Zeichen, dem wirt an- 
gehenckt welches vergwist [?] der einigung Christi. 

*) Am Rande: Christas et fidelis in baptismo nniuntur. 


Digitizeit by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



120 


28 


Digitized by 


Unnd das ja dises der einig und recht brauch der 
tauf sey, den auch die apostel nicht anders gelert haben, 
beweyst sich erstlich and der epistel Pauls Ro. 6 [folgt 
Zitat von V. 1 bis 11, frei]. Alhie sicht und greyft menigklich, 
das Paulus den tauf eben also anzeucht, wie ytz zuvor ge- 
melt ist, nemlich das er uns ein versiglung sey der ein- 
leybung Christi, und das wir uns des todts Christi annemen 
und zu aigen körnen sollen, indem wir der sund in im 
under Pilato einmal gestorben sein, und furan gott leben. 

Nun deutten aber etlich disen text anderst und leren 
also, die tauff sey ein sacrament, in dem die getauften in 
gleichen todt mit Christo gepflantzt werden, das ist, in dem 
sie bewilligen der sund auch zu sterben, wie Christus ge¬ 
storben ist, und also Christo nachzuvolgen, der mensch sterb 
aber der sund nit, das fleisch sterb den auch leiblich etc. 
Unnd machen also noch ein andere absterbung der sundt, 
die nicht der einig todt Christi ist, sondern die ein yeder 
getauffter in Sonderheit an im selbs ersteen soll. Solichs 
aber ist Sant Pauli meinung nie gewesen, es mocht auch 
die warheit nit leiden, etwas der massen zu leren, dieweyl 
Christus allein der sund hat mögen sterben, also das sie 
hinwegk genomen wurdt, und sein todt der sunden todt, kein 
mensch mag anderst der sund absterben dan in dem ainigen 
todt Christi, welchs todts wir durch den glauben und tauf, 
wie vor gehört ist, teylhaftig werden. Im geben wir die eer, 
das er alles allein und volkomenlich mit seinem ainigen 
sterben und einigen urstend außgericht hab, sovil unser 
seyligkeit belangt. Was aber wir nach unserer rechtfertigung 
im glauben thon oder leyden, mit leben und mit sterben, das 
dasselbig alles ein frucht und dancksagnug sey abgestorbner 
sund und aufgerichter gerechtigkeit in uns durch Christam. 
Weyter zu den Collos. 2 [folgt eine Exegese von V. 1 ff., be¬ 
sonders von V. 11 und 12]. Und entlieh zu den Gallatis 3 
[folgt eine Exegese besonders von V. 27, der sich anschließt 
eine Erklärung von Joh. 3, 5]. 

Mocht aber yemant sagen: Ja, es ist woll war, wie yt- 
zundt von dem tauf gesagt ist, aber bey denen allein, die 
nicht nach dem fleisch, sondern nach dem geist wandeln, 
das ist die nicht mer sunden; wofür sollen sich aber die 
halten, die noch teglichen sunden? 

Antwort: man soll zweyeriey sunder vermercken in der 
schrift: Einen, der fleischlich gesinnet ist, das ist, der nicht 
an gott noch Christum glaubt, auch sein nit achtet, nichs 
auf in heit, sonder gantz gotloß nach aigin mutwillen lebt, 
stirpt und verdampt wurdt, und dise meint eigentlich Paulas, 
[Röm. 8. 6] da er spricht: fleischlich gesinnet sein ist der 


Gck igle 


Original ffom 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 

/ 



29 


121 


todt, ein feindscfaaft wider gott und mag gott nit gefallen. 
Und abermal: [Röm. 8, 13] wu ir nach dem fleisch lebt, 
so werdt ir sterben müssen, dise aber, die fleischlich leben, 
kunnen noch sollen sich gar nicht vorgemelter freyheit und 
gerechtigkeit in Christo durch den tauf bey gott annemen 
oder romen. Die andern sunder sein die, so glauben und 
getauft sein und yedoch zu Zeiten sündigen und dem fleisch 
zuvil nochhengen; solche aber, wie scherlich sie ymer 
sündigen, weyl sie nur auß dem glauben nit fallen und sich 
irer tauf nut verzeihen, das ist weyl nur die sund über 
sie nit herschet, sonder inen misfelt, schadet es inen für 
gott gar nichts, dieweyl sie einen fursprecher haben bey 
gott, Jesum Christum, den gerechten, welcher ein versonung 
ist für solche in sundt [1. Joh. 2,1], an dem sie alsbald sich 
wider aufrichten sollen durch den glauben und tauf, so oft 
sie fallen. Und dise seins aigentlich, die sich aller wolttät 
Christi durch den glauben und tauf entpfangen mit der war- 
heit öffentlich wol romen mugen, man findt sie auch in diser 
zeit nit besser etc. 

Denen gehört aber zu imerdar durch den geist, den sie 
aus dem glauben unnd tauf entpfangen haben, des fleischs 
gescheft zu dotten [Röm. 8,13] und der sund also zu wider¬ 
streben, das sie also von irer tauf an bis zu endt ires lebens 
sich selbs imerdar gott begeben und ire glider got zu woffen 
der gerechtigkeit darstellen [Röm. 6,13]. 

Spricht aber yemant weytter: wie kan ich mich dan 
mit der warheit für got der gerechtigkeit und frumkeit be- 
remen, weyl ich yedoch (wie auch du sagst) noch ein sunder 
bin, und etwan dem fleisch zuvil nachheng? 

Antwort: Ein Christenmensch, so lang er lebt in diser 
zeit, befindet er zweyerley art in sich. Die erst ist sein 
natürlich art, die im fleischlich angeborn ist nach seiner 
ersten gebürt. Die ander ist ein gotliche geistliche art, 
welche im angeborn ist durch sein widergeburt im wasser 
und im geist, das ist das neuw gemüet, das er durch den glauben 
in Christum und entpfangnen tauf erlangt hatt, welches man 
sonst den geist Christi nent. So nun yemant mich fragt, 
ob ich gerecht sey?, ee nur ich etwas antwort, will ich zu¬ 
vor wissen, auf welche art es gemeint sey, das ich alsdan 
von der gefragten art antwort gebe. Sobald man mir nun 
uff mein natur zaigt, antwor [!] ich: sey ein elendt fleischlich 
mensch, verkauft under die sund, in dem nichts guts, ja, der 
auch wider sein willen args thut und demnach werd sey 
des zorn gottes unnd ewiger verdamnus. So man mich aber 
fragt umb meinen glauben, ytz schauw ich mit nichten 
uff mein natur, schwacheit oder sund, sonder ich-sehe nur 


Digitized by 


Go^ 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



122 


30 


Digitized by 


für mich auf Christum, und wie ich mich des im glauben und 
tauff angenomen hab, also rome ich mich zu aigin alles des, 
daz er hatt und ist. Nemlich: Christus ist ein sun gottes, auch 
ich Johan. 1 [etc. folgen die obigen Belege aus Gal. 3, Röm. 6, 
Col. 2, Eph. 2], 

Wiewol nun dise andere fleischliche art sich auch imer- 
dar in einem cristen neben der rechtfertigung des glaubens 
findet, so lang der mensch zeitlich lebt, so ist yedoch der 
ander gotseylig teyl vor gott so groß angesehen und geacht 
umb Christi willen, das es für gott gleich ist, sam het die 
sund gar aufgehort, und das ists, so oft die heilig gschrift 
die auserwelten in Christo beschreibt, gedenckt sie gar keiner 
uberigen sund in inen, sonder melt nur eytel gnad, frid, 
gerechtigkeit und seyligkeit [folgt Exegese über Röm. 5, 1, 
Röm. 8, 1] . . . 

Dises ist nun auf das kürzest die gantz sum des Cristen- 
lichen taufs, in welchem wir sampt dem glauben Vergebung 
aller sund erlangen und für got genztlich gerechtfertigt werden, 
wie dan gesehriben steet [Mc. 16, 16]: wer do glaubt und 
getauft wurdt, der wurdt seylig, das also gar on not ist, 
etwas mehr außerhalb dises zweyen sam netig, und on das 
man nicht rechtfertig werden mag zu begern, dieweyl auch 
alles anders, was ye zu der rechtfertigung dint, aus disen 
zweyen als aus einem wellenden brunnen den Ursprung nimpt; 
dan so man als wie bißher gehört durch den tauf im glauben 
sich des gantzen Christi warlich annimpt unnd gar einer 
mit im wurdt, ist man auch im hertzen und gmuet verneut, 
das man umb Christi willen nun furan alles, was got zuge¬ 
schickt und wil, zu thon und zu leyden nicht allein willig, 
sonder auch beging und frolich ist, da hilft und dienet man 
dem nechsten nach vermegen zu allem gutten, da bewart 
und beschützt man alsdan nicht allein die freund, sonder 
auch die feind, so viel man kan, vor allen schaden, und ge¬ 
schieht also, das man nut cristenlicher vor der weit bey dem 
menschen gerechtfertigt wurdt, wie man zuvor bey gott 
durch den glauben und tauf gerechtfertigt worden ist. 

Von dem rechten brauch des sacraments des leibs und 
bluts Christi. 

So wir nun also durch den glauben und die tauf (wie 
bißher beweist ist) Christo eingeleibt, in angezogen, Einer 
mit im worden und demnach für got gerechtfertigt worden, 
das ewig leben entpfangen haben, das ist wäre rechte Cristen 
worden sein, das nun furan solchs alzeit uns in gedechtnus 
und nimmer vergessen werd, sunder das sich der glaub 
teglich on underlos an der widdererneuwerung solcher großen 
gnaden zuvor in dem tauff in Christo entpfangen yebe unnd 


Go^ 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



31 


123 


yemerdar yemer sterck, — darza bat Christas unser her 
uns sein leib und blut in dem sacrament des altars zu seiner 
gedechtnus zu niessen bevolhen und zu letz gelassen; dan 
also spricht er Luce 22 und 1. Cor. 11 [folgt V. 19 ff. in freier 
Citation.] . . . Unnd reimen sieb also die tauf und das 

sacrament gantz artlich unnd wol zusammen, ln dem tauf 

werdt wir in den todt Christi eingeleibt, das er uns von got 
für aigin zugerechnet und wir in demselben der sunden 
abgestorben und gantz ledig worden sein für gott Ro. 6, 
[V. 3 ff], in dem Sakrament des altars verkündigen wir 

denselbigen todt 1. Cor. 11 [V. 26]. Das ist: wir erinnern 
und beromen uns vor menigklich yemer der sterbung Christi 
für uns und unserer mitabsterbung in im etc. .. 

Nun hatt Christo sunderlich wollgefallen, durch ein 

leibliche und natürliche gleichnus den brauch seines leibs 
und bluts unß furzustellen. Nemlich zu dem ersten wie 
zweyerley leben ein natürliche und ein geistlichs in einem 
cristen sein, das also auch zweyerley speis und dranck sein 
solten, dardurch ir yedes nach seiner art erhalten wurdt. 
Wie wir nun das natürlich leben mit natürlichem essen und 
drincken erhalten und yemerdar stercken, also auch erhalten 
und stercken wir unser geistlichs leben des glaubens durch 
den leyb und plut Christi, so wir die teglich zu seiner ge¬ 
dechtnus nemen. Und herwiderumb wie das natürlich leben 
durch lange entperung des natürlichen essens und trinckens 
schwach und mat wurdt und entlieh sich zu dem todt nahendt, 
also anch wu man nicht yemerdar die gedechnus Christi im 
hertzen hatt, und den glauben stets darmit ubt und anfrischt, 
verschwelckt er und wurd gar schwach, bis er doch endtlich 
gar verschwindet. 

Zu dem andern so ist die natürlich speyß ein gwisse be- 
weysung des warhaftigen, natürlichen lebens bey denen, die 
solchs sehen, als da Christus die tochter Gayry vom todt erweckt 
hett, hies er ir zu essen geben [Luc. 8,55], und er selbs, 
nachdem er von dem todt erstanden was, bezeugt er zu etlich 
malen seinen iungern sein warhaftigs leben mit leiblichem 
essen. Johannis 21 und sonderlich Luce 24 [folgt Citat von 
V. 39 ff, frei] . . . Also auch heit sichs mit dem sacrament 
des altars; dan in dem, das wir solchs sacrament in der 
gmein essen und trincken; beweysen wir vor menigklich, 
das wir ja die sein, die sich des tods Christi durch den 
glauben und die tauff zu aigin angenomen haben und sich 
in demselben der sund abgestorben und der gerechtigkeit 
nun furo an in Christo lebent und also für gott gerecht¬ 
fertigt beweysen und römen, und dises ist die recht Ver¬ 
kündigung des todts Christi, die wir yemerdar im brauch haben 
sollen, biß er kompt 1. Cor. 11. [V. 26.] 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



124 


32 


Digitized by 


Zum dritten wie die natürlich speyß und dranck nicht 
darzu dienet, das sie die gestorbnen lebendig machen, sonder 
das sie die da vor lebendig sein stercken und also lang 
bey leben behalten, der massen hatt auch Christus sein leib 
und blut nicht darzu geben, das es die gestorbnen, das ist 
die ungläubigen essen und drincken und also da erstlich das 
leben, das ist den glauben erlangen sollen, sonder das man 
das leben, so vor erlangt ist durch den glauben und tauff, 
durch dise speyß erfrischen und lang wesenlich halten soll. 
Dan wie dise speiß und dises tranck geistlich sein, also 
sollen sie von niemandt anderst den in dem geist das ist 
durch den glauben gessen und druncken werden. Den geist 
soll man zuvor haben und mit sich hinzubringen, gleich 
wie man auch das natürlich leben zu der natürlichen speis 
hinzutragen aber nicht daselbst suchen soll. Man ist nit 
darumb, das man lebendig werden woll, sonder darnmb, 
das man zuvor lebt, isset man, die speys gibt nit das leben, 
sonder erhelt es. 

Unnd ist also bey disem sacrament gar nichts erstlich 
zu suchen, das . nicht zuvor durch den glauben im tauf ge¬ 
funden war. . . 

Und hie ermanne ich alle schriftverstendigen, zu be= 
dencken, ob nit auch Christus Johan. 6 gantz auff dise 
mainung und von disem sacrament geredt hab [folgt Citat 
von V. 53 u. 54] . . . das also auch Christus daselbst in 
der rechten gleichnus und art des leiblichen essens und 
trinckens beliben sey; dan es gar ungereumbt geredt und 
wider alle art des essens und kein gleichnus wer, so er also 
gemeint hett, das man erstlich durch die essung seines fleisch 
und bluts solt lebendig werden, da man vor nit gelebt hatt . . . 
sonder das man das vor erlangt dardurch erhalten und gegen 
mengklich beweysen soll. 

Spricht aber yemand: so mein gwissen beschwert ist der 
sunden halben und ich den zorn gottes und den todt des¬ 
halben forchte und also nicht gläubig bin, soll ich nit bey 
disem sacrament Vergebung der sund und Sicherheit des 
gwissens suchen? 

Antwort: nein, sonder bey dem tauf in dem wort durch 
den glauben soll man solche Vergebung der sund und Sicher¬ 
heit des gwissens suchen, die auch aigentlich (wie vor in 
dem ersten teyl anzeigt) darzu von gott eingesetzt ist, so 
man die aber daselbst gefunden hatt, soll man alsdan durch 
dises sacrament den ainmal gefnndnen trost und frid durch 
stette widergedechtnus (wie auch vor offt gesagt ist) be- 
waren, das man sein nimer vergeß, dan Christus spricht: 
[Luc. 22,19] sotehs thut zu meiner widergedechtnus und dises ist 


Go^ 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



33 


125 


das einig und recht ampt beyder sacramenten, des taufs und 
der eucharistien. Also auch die apostel, so sie Cristen 
machen oder cleinmuttig gewissen-stercken wolten, thetten 
sie das durch die predig des glaubens, in welchem so ye- 
mandt also underricht ward, das er Christum für seinen 
selgmacher annam, tauften sie in alsdan zu einem gezeuck- 
nus, das er ye warlich bey gott zu gnaden durch und in 
Christo angenomen wär . . . [Beweis: Act. 8,26 ff.]. So er 
nun den glauben angnomen und in Christo getauft und 
ein Christ worden ward, ging er alsdan zu disem sacra- 
ment als zu einem freydenfest und gemeiner dancksagung 
umb erlangte rechtfertigung in Christo, welchem nach die 
alten unnd auch wir noch dises sacrament eucharistiam, 
das ist ein dancksagung nennen, und ist also die niessung dises 
sacraments mit geistlicher jubilirung und frolicheit bey den 
apostoln gehalten worden ... Es bezeugt sich auch aus 
dem das dises abentmal an statt des osterfests uns Cristen 
gegeben ist, welches bey den vettern ye nur ein freydenfest 
war, dabey sich die alten erinnerten der erlosung auß der 
gfencknus auß Egypten etc. . . 

Wie man sich zu disem sacrament bereiten soll, und 
was sich selbs brufen sey: 

Die recht und einig bereitnng zu dem sacrament des 
leibs und bluts Christi ist, das ein yeder, der solchs ent- 
pfahen will, zuvor durch den glauben und tauff in Christum 
gruntlich und woll sein aigne rechtfertigung sampt den wol- 
thaten und gnaden, so er also in Christo entpfangen hatt, 
erlern, erken und wisze, welche erkantnus und wissenheit 
er alsden durch niessung dis sacraments in gedechtnus 
behalten und also yemerdar mer anfrischen soll . . . 
Unnd darbey er auch vor menigklich die herlichkeit des 
tods Christi durch solche sein offenliche niessung verkündig 
[Beweis: 1. Cor. 11, 28] . . . 

Das aber etlich leren, sich selbs brueffen sey sein sund 
und ungeschicklicheit bewegen und also durch solchs in die 
forcht des zorns gottes und des tods fallen, das man als¬ 
dan durch solche forcht gleichsam gezwungen zu disem 
sacrament zu geen und alda heill und trost zu suchen — 
dise leer hatt gar kein grund auß dem wort gottes . . . 
[Auch Paulus hat das nicht gemeint:] und ist also Paulo sich 
selbs prueffen nicht anders dan auff seinen glauben und 
die recht einsetzung des sacraments sehen . . . Das aber 
solchs war sey und das wortlin nicht yndernt ein menschliche 
geprachlicheit, sonder allein auff den angezeigten rechten 
prauch der Verkündigung des tods Christi zeige, beweist 
sich unwidersprechlich auß der einsetzung des sacraments, 

Archiv für Beformationsgeschichte IX. 2. 9 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



126 


34 


Digitized by 


das es Christus allein seinen gläubigen, die durch den glauben 
und tauf ein frolich gewissen zu gott haben, vermeint hatt, 
und das auch nindert in der gantzen gschrift von solcher 
forcht des gotlichen zorns und ewigen tods zu der Vor¬ 
bereitung zu disem sacrament gar nichs gefunden wirdt, 
dieweyl die apostel solche erschrockne und forchtsame 
gwissen nit zu disem sacrament, sonder zu dem glauben ins 
wort und tauf geweist haben ... 

Ob auch ein verheissung bey disem sacrament sei. 

Bei dem sacrament des altars ist gar nicht erstlich zu 
suchen, das nicht in dem glauben und tauff vorhin begriffen 
und erlangt sein solt, darumb ists eittel menschlicher wan 
unnd gar nicht das wort Christi, so man lert, das bey disem 
sacrament ein sonderliche verheissung sey der Vergebung 
der sund, die man durch die essung und trinckung desselben 
erstlich erlangen soll und mug. Oder so man lert, das uns 
Christus alhie erstlich etwas der massen anbiet. Sonder 
er will sein leib und blut zu niessen andern hie eingesetzt 
haben, dan das die zu seiner widergedechtnus und teglicher 
widererinnerung aller gnaden und wolthat, die wir zuvor 
durch den glauben und tauff in im entpfangen haben, ge¬ 
nossen werden sollen . . . [Beweis: 1. Cor. 11, 25 und 26] 
. . . also soll man auch den brauch des sacraments gar 
allein bey den Worten Christi: Solchs thut zu meiner wider¬ 
gedechtnus bleyben lassen und nichts darzu noch darvon thon. 
Das aber ya wol auch bey disem sacrament ein meldung 
geschieht der dargebung des leibs und vergiessung des bluts 
Christi zur Vergebung der sund, so ist yedoch solchs mit 
nichten auff den brauch des sacraments zu deutten, das man 
da erstlich auß denselben Worten lernen solt, das sein leib 
für uns gegeben und sein blut für uns vergossen sey, und 
das wir also alda Vergebung der sund erlangen solten. Es 
hats auch Christus nicht darzu geredt noch vermeint, sonder 
er hatt durch wort wollen anzeigen, was das brot und diser 
kelch sey, nemlich nit ein gmein brot und wein, sonder 
sein leyb, den er für uns geben, und sein blut, das er für 
uns vergossen hatt zur Vergebung der sunden, und gehören 
also dise wort . . . nur allein zu der substantz und wesen 
disz sacraments, das sie den nemenden anzeigen sollen, was 
doch diß brot und diser kelch sey, den man jnen also reicht. 
Warumb man aber dises reicht, und warzu man es. niessen 
soll, sol man allein auß disen Worten nemen, do Christus 
spricht: Solchs thut zu meiner widergedechtnus. 

Was die recht cristenlich consecracion sey. 

Die consecracion der eucharistien ist nicht anders, 
den das man das brot und den wein nach der einsetzung 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



35 


127 


Christi dem gläubigen mit denen Worten (wie es Christus 
gethon hatt) darreich. Als nemlich: Nemet hin, esset, das 
ist mein leib etc. Nemet hin und drinckt, das ist mein 
blut etc. Welliche so sie der nement glaubt, und als von 
Christo geredt annimpt und den wein und das brot also 
nach laut und in craft derselben entpfecht, so hatt er 
warlich den leib und das blut Christi entpfangen und bedarf 
gar keiner andern Segnung mer, dan dise ist allein die recht... 

[Die päpstliche Consekration die „auch noch vast bey 
allen kirchen“ üblich ist, sei „menschlicher dant“] . . . 

Nun sein aber drey ding, die man haben muß, wu das 
sacrament des leibs und bluts Christi nach der einsatzung 
Christi warlich sein und gessen und getruncken werden 
sollen; das erst wein und brot, das ander die wort Christi: 
Nement hin etc. das drit ein gläubiger mensch, dem solches 
beides gereicht werden. Wu diser dreyer ding eins mangelt, 
da hatt die einsatzung Christi nit stat ... Was aber dise 
darreichung nit erlangt, das erlangt auch die -consecracion 
nit, und also kan nicht anders sein dan was es vor gewest 
ist. Demnach soll man das brot und wein, so etwan uber- 
bleyben von des herren abentmal und dise darreichung sampt 
den Worten Christi nit erlangt haben, nicht anders dan für 
gemein brot und wein achten. [Das Gegenteil ist: „menschliche 
supersticion“.] 

W r ie man den text Pauli 1. Cor. 11 [v. 29] von der 
essung des gerichts und schuldig werdigung versten soll. 

Das Paulus zu den Corinthiis schreibt von der unwirdigen 
essung und trinckung des leibs und bluts Christi und von 
der essung und trinckung des gerichts, soll man mit nichten 
von yedert einer gotlosen essung und drinckung versteen, dar- 
durch man die ewig verdamnus verschuldet, wie bisher die 
meisten ausleger der .gschrift gethon und noch imerdar thun, das 
ye doch die wort Pauli nicht leiden sonder es ist ein solche 
Verschuldung die auch in den gutten cristen stat hat. Als 
wo sie nit nach rechter Ordnung und etwan mit unfleyß 
und neben eingefurten misbreuchen gotliche ding handeln, 
wie dan dasselb eigentlich der Corinther fall was, das die 
reichen hett vil zu essen, das die armen schaimrodt und 
hungrig bliben ... Die weyl aber in solcher sach gar kein 
unglaub, welcher allein ewig verdampt, sonder nur ein 
mißbrauch gemeldt wirt, so kan noch mag auch alles, was 
darnach volgt und auf dise haubtsach gestelt ist, durch 
Paulum, mit nichten auf irgent ein Unglauben noch ewig 
verdamnus gedeuttet werden. Und heist also dem heylgen 
Paulo unwirdig essen und trincken nit im Unglauben, sonder 
mit einem misbrauch und nicht nach der rechten weyss essen 

9* 


Digitized by 


Go^ 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



128 


36 


Digitized by 


und trincken and also in das gericht, das ist in die znchtignng 
des heren fallen ... 

Ausz welchem sich dan ye gwislich findet, das alhie 
das gericht nicht anderst ist dan des heren gnedige und 
freuntliche Züchtigung und ein bewarung vor der ewigen 
verdamnus, welches ye mit nicht von yndert einem nnglauben 
oder ewigen verdamnus mag verstanden werden. 

Den sich solche verschuldigung, die Paulus hie in den 
Corinthern straft, auch bey den auserwelten findet, da sie 
sich etwan in gotlichen Dingen vergreyffen und dennoch 
auß dem glauben nicht fallen, dise aber züchtigt gott yemerdar 
jnen selbs zu gut mit zeitlicher straff, als da ist kranckheit, 
zeitlicher todt etc. . . . 

Ob auch ein gotloser ungläubiger den leib und das 
blutt Christi in sacrament des altars enpfahe. 

Ein grosser teil deren, die die gschrift bisher gehandelt 
haben, sein durch unfleyssig ansehen des vorgemelten texts 
Pauli 1. Cor. 11 verfurt worden, nemlich dieweyl si darfur 
geacht haben, das das gericht essen so vil war als die 
ewig verdamnus vorschulden, haben sie herauß geschlossen, 
weyl man den leyb und das blut Christi unwirdig essen 
and drincken und das gericht daran essen, das ist die ewig 
verdamnus verschulden kan, so müssen auch die ungläubigen 
und gotlosen den waren leib und das war blut Christi in 
disem sacrament entpfahen gleich so woll als die gläubigen, 
yedoch das es inen zu der verdamnus reich wie es den 
gläubigen heilwertig ist . .. [da aber, wie gesagt, jene Aus¬ 
legung falsch sei] bleibt also gar nichs mer, weder hie noch 
anderswo in der gantzen gschrift, damit man auch den got¬ 
losen des leybs und bluts Christi ander dem brot und wein 
theylhaftig sein beweysen mochten ... das demnach der 
ungläubig unchrist alhie nicht zu suchen hatt noch finden 
kan, dan schlechts brot und schlechten wein, darum b das 
im der leyb und das blut Christi' nit vermeint ist und das 
wort Christi auf in nit lautet . . . [Beweis: Christi Worte: 
Nement hin etc.] Nun kan man aber zu keinem ungläubigen 
mit warheit sagen — er glaubts auch nit — das der leyb 
Christi für in gegeben sey . . . 

Zum andern spricht der her auch: Solchs thut zu meiner 
widergedechtnus. Wie aber Christus sein widergedechtnus 
von gar keinem ungläubigen, sonder allein von denen er¬ 
fordert, die in zuvor für iren seligmacher erkont und an- 
genomen haben — wie das dan auch dis krichisch wortlin 
ävdfivrjaig, welches da ist widergedechtnus allhie mit seiner 
aigin beteutung beweyst, also das niemandt eines dings 
widergedencken kan, er hab es dan zuvor gehört oder ge- 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



37 


129 


sehen — also heist er keinen ungläubigen seinen leib essen 
und sein blut trincken, sonder allein die gläubigen . . . 

Zum dritten . . . [Beweis aus 1. Cor. 10. 21, alle Un¬ 
gläubigen seien in der Gemeinschaft des Teufels, ergo können 
sie nicht zugleich Christi Leib essen.] 

Zum vierden ist unwidersprechlich, das der leib und 
das blut Christi ein gantz geistliche speis und tranck auch 
allein dem geistlichen leben zugeordnet sein, darumb man sie 
auch allein durch den glauben entpfahen muß. Dan solcher 
geistlicher ding ist allein der glaub vehig, welchem sie auch 
gar allein dienen . . . 

Zum fünften wollen wir sie sampt zu einem Überfluß 
warnen alle die, so auch die ungläubigen bey disem sacrament 
den leib und das blut Christi entpfahen zu beweysen sich 
understeen, das sie vor bedencken, ja, auch für gewiß wissen 
sollen, das auß allen iren argumenten, damit sie solche zu 
erhalten vermeinen, eben gleicher moß volgen wurd und 
muß, do wue etwan ein mauß oder radt von disem sacrament 
etwas nemen wurdt, auch dasselbig den leib und blut Christi 
warhaftiglich gessen unnd getruncken hett. Unnd her- 
widerumb mit wasserley argumenten sie solchs nit zugeben 
wolten, das auch eben auß denselben unwidersprechlich 
volgen muß, das auch der ungläubig alhie nichts dan brott 
Und wein esse und trincke . . . 

Wir lassen uns auch mit nichten abfuren, das wir die 
wort Christi: Nement hin und esset, das ist mein leib etc. 
anderst versteen wolten oder solten, dan sie aufs deutlichst 
lauten und durch Christum geredt sein. Erstlich darumb, 
das wir in dem gantzen testament nindert anderst weder 
von Christo noch seinen aposteln ausgelegt finden, demnach 
dan alle andere außlegung, wie sie ytz gescheen, ye nit 
gwiß noch stark gnug sein mugen, das sich der glaub 
und das gwisen ungezweyfelt darauff verlassen mochten. 
Für das ander, das wir unserm Christo so vil eehr wol geben 
wollen und sollen, das seine wort gentzlich war sein . . . 
Amen. 

7. Thesen, betreffend die Auslegung von cp. 6 des Jo¬ 
hannesevangeliums. 

Auf die Auslegungen von Joh. 6 hatte Brenz in dem 
Antwortbriefe an Vogler ausdrücklich Bezug genommen. 
Wenn aber Brenz die Beziehung dieses Kapitels auf das 
Abendmahl ablehnte, so kann er nicht der Verfasser vor¬ 
stehender Thesen sein, die ausdrücklich (vgl. These 18 ff. be¬ 
sonders 25) jene Bezugnahme vertreten. Damit rückt der 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



130 


38 


Digitized by 


Verfasser der Thesen heran an den Verfasser des vor¬ 
stehenden Gutachtens, mit dem sich anch sonst Berührungen 
finden (vgl. z. B. These 26 die Ablehnung des Genusses 
von Fleisch und Blut durch die impii, die Bezugnahme auf 
Jairi Töchterlein in These 30 u. a.) Möglicherweise sind 
beide identisch. 

Pro intellectu 6ti capitis apud Johannem. 

1. Christus Johannis 6 sub panis mencione sese totum, 
id est deum et hominem, predicat mundo. 

2. Duplicem enim panem constituit, sicuti et ipse 
duplicem in se naturam habet. 

3. Primo dei panem predicat, quem pater suus de celo 
dat panem verum, qui vitam mundo dat. 

4. Ita innuens se verum deum esse et a patre suo 
exivisse, qualiter vere panis vitae est, ut ita venientes ad 
eum non esuriant et credentes in eum non siciant unquam. 

5. Cuius panis participes sunt omnes, qui in Christo 
deitatem vident et in eum credunt. 

6. Ut ita visio illa non corporalis sed spiritualis sit, 
qua tantum hi Christum vere vident, qui illi a patre dati 
sunt, hoc est, qui predestinati a patre docentur ac trahuntur. 

7. Est igitur hunc panem edere nihil aliud quam Christo 
confidere, quod verus dei filius de celo descenderit, ut ex 
ipso edat, idest, in ipso confidat aliquis et non moriatur, 
sed in eternum vivat. 

8. Secundo aliter panem definit, qui caro sua sit et 
quem ipse sese non patrem daturum esse ait, daturum autem 
pro mundi vita. 

9. Qui quidem panis non de celo descendisse, sed per 
spiritum sanctum in utero matris Marie tum primum in 
tempore incepisse et inviolata virginitate post novem menses 
deitati indissolubiliter coniunctus prodiisse creditur. 

10. Ut ita nemini dubium esse queat, quin hunc carnis 
su£ panem ab illo coelesti priore Christus hic alium intelligi 
voluerit atque ita gratia docendi distinxerit. 

11. Videlicet, de quo non dicit hic, ut ante de illo 
coelesti dixerat, quod ipse mundo vitam det, sed quod pro 
mundi vita ipse detur. 

12. Christus enim quatenus homo est, non suapte po- 
testate aut virtute ex sese cuiquam vitam dare, sed quasi 
per commutacionem seu maius contractionem ex pacto a deo 
impetrare potest (perinde ut pecunia quidlibet emimus); unde 
eciam precium redemptionis nostre Christi corpus ac sanguinem 
vulgo predicamus. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



39 


131 


13. Ergo Christas quatenas deas est vitam mundo dat, 
qaatenus autem homo est iure predestinacionis (quod ita 
constitaerit deas per haac hominem Christum salvatam iri 
omnes electos) vitam impetrat. 

14. Que quidem duo, quamqaam per se diversa sant, 
attamen propter deitatem indissolubiliter cam humaoitate in 
Christo conionctam ita in anam coeant, at nasqaam non in 
sacris literis eciam filio hominis adscripta legantur ea, que 
alias non nisi solius deitatis propriissima dicenda fuerant 
et diverso. 

15. Sic Johannis 3 legitur neminem ascendere in celum, 
nisi qui descendit e celo, filius hominis, qui est in celo. 

16. Sic eciam hic sexto capite post longam utriusque 
panis descriptionem tandem utrimque ceu per epilogum in 
se ut deo et homine coniungit, cum ait [Joh. 6 V. 58]: sicut 
misit me vivens pater et ego vivo propter patrem, ita et qui 
ederit me, et ipse vivet propter me. 

17. Negari autem a nemine potest, quin quicquid hic 
Christus de alieno pane hoc est carne sua dicit, eciam ipsum 
certissime de eucharistia dici posse. 

18. Nam quod hic carnem suam vocat, idem in eucha¬ 
ristia corpus suum ab eodem dici nemo dubitare potest. 

19. Tum eciam quod hic ait: panis, quem ego dabo, caro 
mea est, quam ego dabo pro mundi vita, adeo convenit cum 
illo, quod apud eucharistiam dixit: Accipite (panem) et 
manducate; hoc est corpus meum, quod pro vobis (i. e. vita 
vestra) tradetur; ut eciam hic Christum de instituenda ali- 
quando eucharistia hoc prelibasse omnibus modis facilius sit 
probare quam refellere. Imo non minus eucharistiam quam 
quidlibet aliud hic intelligi voluisse. 

20. Denique quod asserit eum habere vitam eternam, qui 
carnem suam ederit et sanguinem suum biberit, et ipsum 
non minus eciam de eucharistia adfirmari oportet. 

21. Ut enim caro sive corpus Christi vere cibus est et 
sangnis eins vere potus, ita non possunt edi aut bibi nisi 
a vitam eternam habentibus i. e. credentibus. 

22. Qui vita carent corporali, neque edere neque bibere 
corporaliter possunt. 

23. Ita quoque qui spiritualiter non vivunt i. e. Christo 
non vere credunt, neque ipsi spiritualiter Christum edere aut 
bibere possunt. 

24. Atque id est, quam ob rem Christus non omnibus 
eucharistiam suam instituit, sed tantum his, pro quibus cor¬ 
pus suum tradidit ac sanguinem suum effadit i. e. ovibus 
suis, electis suis a patre süo sibi datis i. e. vere credentibus. 
Atque ita vitam spiritualem, quam eternam vocat, viventibus. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



132 


40 


Digitized by 


25. Nihil ergo dicunt, qai hunc textum de eacharistia 
ideo intelligi non posse adserunt, quod Christus hic preter 
discrimen omnibns suam carnem edentibus et sanguinem 
suum bibentibus vitam eternara polliceatur. Quod tarnen de 
eucharistia asserere plane impinm sit, in qua scilicet eciam 
impii corpus et sanguinem Christi edant ac bibant, et tarnen 
non vitam eternam, sed iudicium et perpetuam damnacionem 
sibi ipsis acquirant. 

26. Non enim Christus hic voluit, ut eciam impii carnem 
suam ederent ac sanguinem suum biberent, aut ut quisque 
•ita edendo et bibendo vitam eternam sibi tarn primum 
qugreret, sed ut qui vitam eternam ante per veram fidem in 
se adepti essent, carnem suam ederent ac sanguinem suum 
biberent. 

27. Quod enim hic ait [V. 54]: nisi ederitis carnem filii 
hominis et sanguinem eins biberitis, non habetis vitam in 
vobis, plane idem est, quod vulgo dici solet: Nisi quis eciam 
corporaliter edat, vivere non potest naturaliter. Non dicit 
enim: habebit vitam, sed: habet vitam. 

28. Et iterum: qui edit meam carnem et bibit meum 
sanguinem, habet vitam eternam; quod perinde est ut vulgus 
loquitur: quamdiu quisque corporaliter edit ac bibit, non 
moritur. 

29. Fuit hoc argumentum Christo admodum peculiare, 
ut ita per esum et potum presenciam vite certam faceret, 
quod nos argumentum a re effecta ad causam efficientem 
vocamus. 

30. Sic dum Luce 8 [V. 55] filiam Jayri a morte suscitasset, 
iubebat ei aliquid dari quod ederet, nempe in hoc, ut ita 
qui viderent eam edere, eciam certo cognoscerent eandem 
vere vivere. 

31. Quin eciam ipse Christus Luce 21 [Luc. 24 V. 42] 
suam veram resurrectionem coram discipulis hesitantibus 
sumpto cibo tanqüam certissimo ac infallibili argumento 
testificatus est. 

32. Ut ita nihil dubium sit Christo certissimum ac in- 
dubitatissimum fuisse neminem edere aut bibere posse, nisj 
qui idem vere viveret. Nam cur alias hoc argumento in 
testificanda vita tocies usus esset, nisi pro infallibili habuisset? 

33. Quemadmodum ergo Christo certo sequitur tum qui 
non edit aut bibit et iam non posse naturaliter vivere, quod 
ita a natura comparatum sit, hominis vitam citra cibi aut 
potus alimentum consistere non posse. 

34. Ita haud secius eciam hic colligit apud Johannem 6: 
Nisi quis carnem suam edat ac sanguinem suum bibat, neque 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



41 


133 


illum habere posse vitam i. e. viventem sive credentem esse, 
qaod caro ac sanguis eins nostre fidei i. e. vite spiritaali 
idem plane sit quod cibns ac potus vite corporali. 

8. Ein Mandat wider die Wiedertäufer. 

Das nachstehend abgedrnckte Mandat gegen die Wieder¬ 
täufer wird in das Jahr 1529/30 fallen; denn es ist offen¬ 
bar nichts anderes als die partielle Exekution der 1528 und 
1529 erlassenen Kaiserlichen Mandate wider die Täufer, die 
die Verfügung im Auge hat, wenn sie von „Kaiserlichem 
Befehl“ redet. Wo sie zu lokalisieren ist, vermag ich nicht 
zu sagen. 

Ein Mandat wider die widertauffer, sich vor irem irthum 
zu verhütten. 

Nachdem zu diser zeit under dem schein unnd namen 
des heilgen Euangeliums etlich falsch, irrig und verfurisch 
leer entstanden, so heimlich und öffentlich mit viln, doch 
unnützen Worten, auch mit manigfaltigem auß der heylgen 
gschrift doch unbequemlich, unwarhaftiglich und verkerisch 
gezogenen Sprüchen außgeben und leern, als solt der kinder- 
tauff unnutz und verwerflich und darumb dieselben getauften 
kinder, so sie zu iren verstendigen jaren körnen, wider zu 
tauffen not sey, gleych als solt der almechtig gott als ein 
anseher der person der tauff gnad an das alter gebunden und 
gefangen, und so er selbs die kinder gehertzigt und gesegnet 
[Matth. 19,13f.], den tauff des wassers abgeschlagen und ver¬ 
boten haben; aber das so er außtrucklich und öffentlich bezeugt, 
das den kindern das himelreich zugehörig und derohalben 
jnen der tauff als denen so zur Seligkeit verordnet, nit ent¬ 
zogen soll werden. Auch neben des heylgen taufs jrrung 
vil ander schedlich *ind verfürisch artickel on allen rechten 
grund der heylgen gotlichen gschrift dem einfeltigen gmeinen 
man furgeben und einbilden, nemlich wie kein Crist nach 
bevolhenem ampt der oberkeit zur straf der bösen das welt¬ 
lich schwert furen mög. Wie auß gebot und anmutung der 
verordneten oberkeit kein Crist ein ayd oder glubdnus zur 
bekantnus der warheit oder zur furderung des nechsten 
menschen nutz thon soll. Wie man zum bürgerlichen schirm 
dem weltlichen gwalt nit gehorsam sein soll, auch andere 
nur aufrurisch artickel die gemeinschaft des zeitlichen guts 
betreffend. Dieweyl nun solch jrrig verfurisch leer auß 
falschem aigensinigem verstand der heilgen gotlichen gschrift 
gesogen nit allein der seel seyligkeit nachteylig, welches 
doch am aller furnembsten einen Christen von dem fur- 
genomen jrsall abwendig machen solt, sonder auch alle 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



134 


42 


Digitized by 


bürgerliche haudtierung, frid, verbundnus, eiDigkait, beschirm, 
beystand, auch alle ordenliche und Cristenliche Oberkait 
gentzlich vernichtiget und auffgehebt, darauß mit der zeit 
nichs anders wurdt erfolgen, dan das niemands in seiner 
aigen htitten sicher sein wurdt, niemands in frid und ruw 
sein kinder auffziehen, sein hantwerck und andere gwerb 
statlich treyben möcht, auch niemands dem andern weder 
glubdnus, verbundnus noch gethonen ayd halten wurdt, und 
entlieh niemands vor des andern Unbilligkeit und under- 
truckung beschirmpt möcht werden, darauß sich on zweyfel 
groß rauberey, mordt, und blutvergiessen zum letsten erheben 
wurde. Unnd so wir als ein ordenliche oberkeit uns solche 
ewig und zeitlich lesterliche verfurung auß kays. Majestät 
beuelch, auch für uns selbs nach unserm vermögen von 
unsern underthonen abzuwenden schuldig erkennen, hierumb 
wollen wir alle und yede unser underthon samptlich und 
sunderlich hiemit Christenlich gewarnt, auch zum ernstlichen 
und höchsten gebotten haben, das sich nun hinfuro ein yeder 
vor geraelter un cristen lieh er verfurischen leer und seinen 
falschen leermeystern, zum fleyssigsten fursehen, die wider- 
tauff von andern keins wegs entpfahen, oder für sich selbs 
niemandt solcher gstalt widerumb tauffen woll, nachdem die- 
selb widdertauff dem claren wort gottes ungemeß, und der 
Cristenlichen kirchen gebrauch und rechten entgegen. Darzu 
soll auch kainer der unsern dieselben widertauffer weder 
heimlich noch öffentlich enthalten, hausen, hoffen, oder 
underschleiffen. 

9. Ein kurzer und klarer Bericht von beiden Sakra¬ 
menten. 

Wie die genaue Überschrift (s. u.) dieses Stückes be¬ 
sagt, kehrt es sich nach zwei Fronten, gegen die Wieder¬ 
täufer und Sakramentierer d. h. die Zwinglianer. Beiden 
gegenüber wird der Sakramentscharakter von Taufe und 
Abendmahl betont unter genauer Berücksichtigung der ent¬ 
gegenstehenden Argumente. Die Autorschaft von Brenz ist 
nicht angegeben, erscheint aber sehr wahrscheinlich, nament¬ 
lich angesichts der Beweisführung bei der Abendmahlsfrage. 
Die Ablehnung der Deutung von Joh. 6, ferner der Zwing- 
lischen Charakteristika sprechen für Brenz als Autor. Jeden¬ 
falls gibt der „Bericht“ in klaren und bestimmten Worten 
die Lutherische Tauf- und Abendmahlslehre wieder. Zeit¬ 
lich dürfte wohl auf + 1530 anzusetzen sein, als der Kampf 
gegen jene beiden Fronten noch lebendig war. 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



43 


135 


Ein kortzer and clarer bericht von beiden sacramenten, 
nemlich des tanfs nnd sacraments des leibs nnd bluts Christi, 
darin nidergelegt und vernichtigt ward der grand und ar- 
gument beyder partey, der widertauffer und sacrament- 
stnrmer. 

Der tauff, wie in Sant Paulus bschreibt, [Tit. 3, 5] ist 
ein bad der widergeburt, dardurch der gläubig ein gutt 
gwissen für gott nnd die seyligkeit uberkorapt, dan in der 
einsatznng des taufs spricht Christas also: [Mc. 16, 16] 
Welcher glaubt und getauft wurdt, der wurdt seylig. Auff 
dises*) streitten, der tauff sey nur ein bloß Zeichen und 
wasser, dardurch ein Christ von einem Turcken oder Juden 
werd abgesundert oder underschidlich erkent, und gelt allein 
zwischen uns und dem nechsten, aber nit zwischen uns und 
gott. Sagen hieruff des ein ursach und sprechen, wie das 
wasser des taufs ein eelement sey, so hab Paulus [Gal. 4, 3f.] 
verbotten, das wir die seyligkeit oder Verzeihung der sunden 
an den elementen diser weit nit suchen sollen, und gebure 
sich nit, das wir uns von dem geist auff die eusserlich element 
wolten bekeren. Darumb künde der tauff nitt mer sein 
dan ein bloß Zeichen, daran kein gotlich gnad oder gab zu 
suchen sey. Antwort: Es ist wol war, so man des wasser 
des taufs will bloß bedencken und ansehen, so ist es ein 
element unnd ein schlecht wasser wie ein ander wasser. . . 
Aber wan mau das wasser bedenckt mit seinem zugehörigen 
zusatz, nemlich mit dem wort und bevelch Christi ... so 
bleibt es nit ein schlecht blos element, sonder wurdt zu 
einem sacrament, welches ist nit ein bloß Zeichen, sonder 
ein sichbarlich Zeichen der unsichbarlichen gnaden oder gaben 
gottis. Dan element und sacrament haben ein grossen under- 
schid; element ist ein schlecht irdisch und bloß ding, als 
wasser, brot, wein etc., aber sacrament begreift mit dem 
irdischen auch das himlisch und ist kein blosse creatur, 
sonder ein creatur mit gottes goben, doch unsichtbarlich 
verfast. 

Darumb welcher sich mit glauben (wie dan Christus 
bevolhen) zu dem tauff wendet unnd last sich tauffen, der 
wendet sich nit zu einem blossen element, sonder zu einem 
sacrament . . . 

[Folgen Beweise für die Unterscheidung von Element 
und Sacrament: die Beschneidung war zu Abrahams Zeit 
kein Element, sondern Sacrament; wenn Paulus die Be- 


*) Folgte im Texte urspr.: feit nun ein zwispaltung, das etliche. 
Die Worte sind durchgestrichen und von anderer Hand an den Rand 
gesetzt: sunderlich fallen zwo Zwispaltung ein. Der ein ist deren, 
so do. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



136 


44 


Digitized by 


schneidung ein Element nennt, so sieht er aof sie „bloß 
an ir selbs“ und „auff die evangelisch zeit,“ da durch die 
Taufe die Beschneidung niedergelegt ist. Die eherne Schlange 
war ein Sacrament, weil „das wort, die Ordnung und ein- 
satzung gottes“ dabei war; desgl. der Kot, mit dem Christus 
dem Bliuden die Augen bestrich.] 

Die ander zwispaltung, so sich des taufs halben erhebt, 
kumpt her von den widertauffern; dise sagen, man soll kein 
kind tauffen, sonder allein alt, verstendig leut, und ob einer 
schon in der kindtheit getauft wer worden, so were es doch 
nit ein rechter tauff, sonder man müsse sich in den jaren der 
verstentnus allererst recht tauffen lassen. HieruflT haben sie ir 
vermeinte gschrift unnd ursach, sprechen: in der einsatzung des 
taufs, so Christus spricht: wer do glaubt und getauft wurdt 
etc. werd der tauff 1 ) vorhingesetzt unnd kom aller erst das 
tauffen bemach; dieweyl dan die kinder noch nit glauben 
konden. biß sie zu irer verstentnus körnen, so gebure es 
sich nit, das man sie tauflfe. Item Philippus [Act. 8, 26 ff.] 
hab den moren nit tauffen wollen, er bekenne dan zuvor 
seinen glauben . . . Item der glaub kompt aus dem gehör, 
[Röm. 10. 17.] aber die Kindlein horn noch nichs verstent- 
lich, darumb konden sie nit glauben . . . Und was dan 
andere dergleichen ursach mehr seyen, so die widertauflfer 
zur beschöniung ires irsals furwenden. Hieruff wollen wir 
zum ersten beweren, das die kinder wol mögen und sollen 
getauft werden, darnach wollen wir der widertauflfer falschen 
grund niderlegen. 

Auff erst ist es woll war, das dise buchstaben (Ir solt 
die kinder tauffen) in diser Ordnung nit in der heilgen 
gschrift gefunden werden. Aber die maiuung, das man 
kinder tauffen möge und soll, wurdt grundtlich gnug in der 
gschrift begriffen. Dan die bschneidung der Juden hatt 
eben als wol den glauben erfordert als der Christen tauff, 
und niemand ist recht oder nützlich bschnitten worden, er 
hab dan der zusagung und dem bund gottis der bschneidung 
angehenckt geglaubt... So dan die bschneidung den glauben 
erheischt und nit allein die alten, sonder auch und der merer 
tbeil die jungen kinder beschnitten worden sein, warumb 
solten dan der Cristen kinder von dem tauff außgeschlossen 
werden, dieweyl doch der tauff an stat der beschneidung ist 
eingedretten. 

Item Christus unser HERR hatt die kinder selbs auff 
sein arm genomen, sie gehertzt und gesegnet [Mt. 19,14 ff.]... 

Zudem sagt Christus: werendt den kindern nit, zu mir 
zu körnen, dan solcher ist das himelreich . . . Aber hierzu 

0 lies: glaub. 


Gck igle 


Original fru-m 

UNIVERSETY OF MICHSGAN 



45 


137 


geschieht ein einred: Ja, sprechen sie, Christus hat nit ge¬ 
sagt, daß der kinder, sonder solcher, so werden wie die 
kinder, [Mt. 18, 3] sey das himelreich. Wollan, wir wollen 
es gleich also gescheen lassen, so folgt aller erst darauß, 
das das himelreich der kinder zu forderst sey; dan so der- 
jenig, der entpfahet das himelreich als ein kindlin, wurd 
hineinkomen, so muß ye von notten das kind auch das 
himelreich entpfahen, wie mocht sonst ein alter das himel¬ 
reich als ein kindt entpfahen . . . 

Item Marci 9 [V. 36 ff.] . . . Uber das alles, so ist 
Christus auch ein kind worden und in der wiegen gelegen, 
unnd freylich damit anzeigendt, das gott die kinder von . 
seinem reich nit Verwerfe, dieweyl sein aingeborner geliebter 
son auch ein kind gewesen; so dan gott die kinder von 
seinem reich nit ausschlecht, wie solten dan wir sie von 
dem tauff mit guttem gwissen mögen vortreyben? Und so 
Christus seinen aposteln ein cauilantes list, das sie die kinder 
von im treyben, vill mer wurdt er uns als sein amptleut in 
seinem gericht unwursch ansehen, wan wir die kinder vom 
tauff wolten treyben . . . [Zu der Berufung der Täufer auf 
Röm. 10, 17.] Paulus . . . meint ... nit den verborgnen 
glauben, den got heimlich schaft in eins menschen hertzen, 
der doch das ewangelion nie eusserlich gehört hatt, sonder 
er meint den glauben, der dem gehör enlich sey, das, wie 
das gehör offenlich geschieht, also kumpt auch der offenlich 
glaub darauß . . . Wie das kind kein glauben hatt, so mocht 
es auch kein seyligkeit haben, es wurdt ye on den glauben 
in Ihesum Christum niemands, weder jung noch alt, seylig; 
kan nu das kind seelig werden, so muß es von notten auch 
glauben knnden. Johannes der tauffer hat in mutterleyb 
den heilgen geist entpfangen, der doch eben als woll durch 
das gehör sunst wurdt mitgeteylt als der glaub. Ist nun 
das kind Johannes des heilgen geists vehig gewesen, wie 
solten dan die andern kinder nit mögen des glauben vehig 
sein? Ja, sprichstu, damit ist noch nit bewert, das die kinder 
glauben, ob sie woll mögen glauben. Antwort: Ich wil 
auch nit beweren, das sie glauben, das wil ich aber bewern, 
das sie mögen glauben, unnd das ein ytlich kind, so seylig 
wurdt, muß glauben oder den glauben haben. Dan dise 
zwey stuck: mögen glauben und den glauben bekennen seyen 
für dem amptman Christi gnug, den tauff des wassers mittzu- 
teylen, sonst wan er niemands solt tauffen dan denjenigen, 
so gewißlich glaubt, wen wolt er zu tauffen haben? Musten nit als 
wol die alten ungetauft bleyben als die kinder, dieweyl man ires 
glauben bekantnus mundtlich wol hört, man ist aber noch 
nit gwiß, ob der glaub im hertzen recht geschaffen sey oder. 
nit . . . [Weitere Beweise für die Berechtigung der Kinder- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



138 


46 


Digitized by 


taufe: 1. Gott siehet Dicht die Person an vgl. oben. 2. Christus 
war auch als Kind Gottes Sohn 3. Jacob wurde im Mutter¬ 
leibe von Gott geliebt.] 

Weytter sprechen die widertauffer: ob das kind woll 
glaub, so künde es doch den glauben nit bekennen, dieweyl 
dan der tauff zuvor die bekantnus des glaubens erforder, 
so soll man die kinder nit tauffen. Antwort: Es ist war, 
man soll und kan niemands tauffen, er bekenne dan zuvor 
seinen glauben mundtlich. Nun wie das kind ein mund 
hett, also bekent es auch seinen glauben. Dan dieweyl 
das kind sunst unmündig genant wurdt, so kan man woll 
• erachten, das man hie dises nit far des kinds mundt versteet, 
damit es saugt, greint oder brey isset, sonder darmit es vor 
ratht, gericht oder oberkeit ein autoritet und ein ansehen 
hatt. Aber vor gericht und oberkeit gilt des kinds mund, 
damit es saugt, gar nichts, und ob es schon etwas redt, so 
zeit mans doch under kinder oder narrenwerck. Es gilt 
aber der mund des vatters, der formunder oder ander von 
dem vatter gewalt habende, und was dieselben für das kind 
vor gericht oder oberkeit versprechen und Zusagen, das 
wurdt als bstendig in des kinds namen auffgenomen, das 
demnach des vatters oder formunders mundt recht und war- 
haftig des kinds mund ist ... So nun dise Ordnung natür¬ 
lichem und bürgerlichem rechten gmeß ist, so muß sie frey- 
lich auch ein Ordnung gottis sein ... So sie aber ist. ein 
Ordnung gottis, warumb wolt sie der amptman der kirchen 
nit eben als woll in kirchenhendel als in weltlichen hendeln 
gelten lassen? . . . 

Demnach so die kinder glauben mögen, ja, sollen sie 
seylig werden, glauben müssen, wie hievor angezeigt, und 
den glauben durch iren gwalt habenden mund bekennen, 
wer es nit allein geferlich, sunder auch ungotlich, inen den 
tauff abzuschlagen; dan das wer nichts anderst als dan 
alle kinder der seyligkeit berauben und, als vill an uns 
lege, der verdamnus zustellen . . . 

Von des HERRN nachtmal und seiner einsatzung. 

So man von dem sacrament des nachtmals handeln will, 
müssen dise zwey stuck (das gantz nachtmal und die speis 
und dranck als die stuck des nachtmals) woll underschiden 
werden. Dan das gantz nachtmal als segen, dancksagen, 
essen unnd drincken ist von Christo dahin verordnet, das seins 
tods und desselben frucht unnd nutz darbey gedacht (das ist) 
gepredigt, verkündigt unnd offenlich außgeruft soll werden : 
Luce 22 1. Cor. 11 . . . [folgt der Vergleich mit dem 
Passahlamm] Aber in disem nachtmal seien wein und brot 
als stuck des nachtmals von Christo verordnet, welche 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



47 


139 


seyen zum ersten recht warhafftig wein nnnd brot, zum 
andern noch laut des worts Christi so ist das brot der 
warhafftig leib Jesu Christi, und der wein das warhaftig 
blut, und diß nit auß menschlichem segen und benedeyen, 
sonder auß gotlicher kraft, willen und Ordnung, welche craft 
und will er öffentlich durch sein wort zu versten 
hatt geben, sprechent: Das ist mein leib, das ist mein blnt 
etc. [Nun sprechen einige, Christus] . . . hab allein mit 
denen Worten des leibs und bluts Zeichen auffgericht. Beweren 
dasselb also: Christus spricht: das fleisch zu essen sey kein 
nutz, wie hatt er dan wollen sein fleisch zu essen verord¬ 
nen? Item: Christus ist gen himel gefaren und hatt gesagt, 
er verlaß die weit, wie solt er dan im brot sein? Item: 
Christus sitzt mit dem leib zur gerechten gottis, wie kan 
dan sein leib im nachtmal sein? . . . 

[Dagegen, zunächst gegen die Berufung auf Joh. 6.]... 
Christus sagt hie [V. 63] nit: das fleisch zu essen ist kein 
nutz, sondern schlecht: Das fleisch ist kein nutz. Item 
er sagt nit: Mein fleisch ist kein nutz, sonder on zusatz: 
das fleisch ist kein nutz. Hieruff antworten die wider- 
secher sprechent: die umbstend der red Christi geben 
es, das er rede von seines fleisch essen, dan er hab zuvor 
gesagt: wan ir nit werd essen das fleisch des sons des 
menschen [etc.] . . . Antwort: dis hett woll ein schein der 
warheitt, wan dise zwen sprach . . . on mittel und einred 
oft einander und miteinander geredt und gesetzt weren. 
Aber es geschieht nach dem ersten sprach ein einred . . . 
[vgl. V. 52] Dieweyl dan die vorgenden wort auff den Un¬ 
verstand und unglanben der Capernaiten gehn, so müssen 
von notten die eingeschloßnen worter auch darauff gehn, es 
wer sonst ein ungereumbte red... [Die Schrift setze auch sonst, 
wenn sie von Christi Fleisch rede hinzu: mein Fleisch oder 
das Fleisch des Sohns des Menschen; auch wenn, wie in 
vorliegendem Sprache, die Schrift Fleisch und Geist ent¬ 
gegensetze, sei nie das Fleisch Christi gemeint; auch 1. Tim. 3 
[V. 16] heiße: im Fleisch, under den menschen in diser weit. 
Aber selbst einmal zugegeben, Joh. 6 sei Christi Fleisch ge¬ 
meint] Liebe, was wollen sie darmit erkriegen? das der leib 
Christi nit im sacrament sey? aber nach diser weyß wolt 
ich beweren, das, wo in einem vaß seyger oder vergifter 
wein lege, daselbst kein wein were, undsprech also: diser wein 
ist unnutz zu drincken, darumb ist der wein nit im faß. 
Also furthin: Christi leib ist unnutz zu essen, darumb ist 
Christi leib nit im himel etc. . . . Aber es ist nit eins, 
unnutz zu essen oder zu drincken sein und nit dasselb 
gegenwärtig sein. Oder wollen sie damit beweren, das 
Christus sein leib im nachtmal zu essen nit verordnet und 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



140 


48 


Digitized by 


beschiden hab, dieweyl sein fleisch zu essen kein nutz sey? 
Das hett woll ein schein der warheit, wan diser Spruch im 
nachtmal stunde . . . Aber diser sprach steet nit in der 
einsatzang des nachtmals ... nnnd ist gericht auff das essen 
des fleischs Christi (wan ye der zenckisch durch das fleisch 
Christi fleisch essen verstanden haben) wie es die Capernaiten 
verstonden. Nun verstunden sie es also, das man Christi 
fleisch eben must essen als rindfleisch oder kalpfleisch . . . 
Was geth aber dises das essen im nachtmal an? dan im 
nachtmal isset man den leib Christi auff ein weyt andere 
weyß, dan wie es die Capernaiten verstonden. Man isset 
in verborgenlich in dem brot unzerhauwen unnd unzerrissen 
und unzerkiit und dasselb ist dazumal nützlich und heilsam, 
so es mit dem glauben geschieht, aber verdamlich, so es im 
Unglauben geschieht . . . 

[Gegen den Einwand: Christus sei gen himel auffge- 
stigen] . . . Hieruff wollen wir erstlich seheen, ob Christi 
himelfart so vill vermog, das er nicht mer nach seiner 
menscheit hie, doch unbegriflicher weyß zugegen sey, sonder 
sitz droben auff der bloen bine an einem sonderlichen ort 
des himels und regire allein an allen orten mit seiner gotheit. 
das also die menscheit an ein ort gebunden oder verfasset 
sey,und gehe dieweyl die gotheitt allenthalben urnbber spatziren. 
Wollan, der himel nach art der gschrift wurdt auff mancherley 
weiß genomen. Zum ersten heist man das den himel, daran 
son und mon, auch andere gestirn steen . . . Zum andern 
braucht man das wort (himel) nit allein für die feste der 
gestirn, sunder für alles, das leiblich hoch über sich über 
der erden ist; daher wurdt der luft, die wolcken, und was 
über uns hinauff geht, der himel genant . . . Zum dritten 
wurdt das wort (himel) gebraucht metaphorice für alle 
gotliche hoheit, heimlicheit, weyßheit, gwalt, reich, freud, 
ewig leben unnd alles gutt . . . [Beweis: Luc. 18, 22, 
Luc. 20, 4, 2. Cor. 12, 2] . . . Hieruff wollen wir besehen, 
in welchen himel unser HERR Christus gefaren sey, und 
in welchem er sey sitzen bliben. Das Christus sichtbarlicher 
weyß in die hohe, in den himel des lufts gefaren sey, steet ge- 
schriben Acto. 1. [folgt Zitat von V. 9—11] ... Ist aber 
er daselbst sichtbarlich weyß bliben? Nein, dan es steet 
geschriben [V. 9]: Ein wolck nam in auff von iren äugen . . . 
So er nun nit im himel des lufts sichtbarlicher und em¬ 
pfindlicher weyß bliben ist, so ist er villeicht leiblicher weyß 
in dem gestirnten himel, zu welchem er vor den äugen der 
aposteln auffgefaren, bliben? Das er aber nit an einem 
sonderlichen ort des gestirnten himels allein bliben sey, be- 
weyst die heilig gschrift gweltigklich Hebre 4 [folgt Zitat 
von V. 14]. .. und hernach Heb. 7 [folgt Zitat v. V. 26]. So 


Go^ 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



49 


141 


Digitized by 


er nun hoher dan der himel ist, muß er freilich nit an 
einem ort inwendig im himel bliben sein . . . [Folgt 
Beweis durch Eph. 4, 10. Also:] dieweyll Christns nit 
allein im himel des lufts nnd im himel der gestirn an 
einem sonderlichen ort bliben ist, nnnd wnrdt doch von im 
gesagt, er sey, wone und regir im himel, so muß von 
notten durch den himel verstanden werden alle gütliche 
hoheit, heimlichkeit, weyßheit, allmechtigkeit, reich, freud, 
ewig leben und alles gutts. Unnd nachdem dise stuck an 
kein sonderlich ort . . . gebunden seyen, sonder seyen und 
erfüllen alle ort, darin gott ist und wonet, so muß auch 
unser HERR Christus mit seinem leib unnd menscheit an 
allen orten gegenwertig, doch unbegreyflicher weyß, sein 
und regirn, da got ist und regirt. [Das aber auch Christi 
Menschheit alles erfülle, beweise Paulus Eph. 4, 10.] Aber 
hieruff sperren sich die widersecher, sprechen: alles erfüllen 
heiß hie nit alle ort, sonder alle gschrift erfüllen . . . [Be¬ 
weis: Luc. 24, 26 ff.] Ist es aber nit zu erbarmen, das die 
widerpartey so durstigklich unnd frevenlich darff den feinen, 
lieblichen und tröstlichen Spruch Sant Pauls so gar mit aigner 
unbewerter außlegung verkeren? . .. [Folgt eine Erörterung 
über den verschiedenen Brauch des Wortes: erfüllen; man 
muß daher jedes Mal aus dem Zusammenhang erschließen, 
welche Bedeutung vorliege, Eph. 4 heiße es: alles erfüllen 
und gegenwurtiglicb regiren . . .] 

(Fortsetzung folgt.) 


Archiv für Reformationsgeschichte. IX. 2. 


io 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Digitized by 


Die von Cajetan verfasste Ablassdekretale 
und seine Verhandlungen mit dem Kur¬ 
fürsten von Sachsen in Weimar, 
den 28. und 29. Mai 1519. 

Von Paal Kalkoff. 

Bei der Nachforschung nach den „Akten“ zu Luthers 
römischem Prozeß ergab sich, daß uns alle wichtigeren 
Kundgebungen der Kurie in hinlänglich beglaubigter Form 
erhalten sind 1 ), und zwar wesentlich dank den Bemühungen 
des Kurfürsten Friedrich und dem geschichtlichen Sinn 
Luthers, dann Aleanders. Dies gilt besonders auch von dem 
feierlichen Akte, durch den der Streit über Wesen und Kraft 
des Ablasses endgültig entschieden und die Entwicklung der 
kirchlichen Lehre in diesem Punkte abgeschlossen wurde, 
von der Bulle „Cum, postquam“, die aus der zwischen 
Cajetan und Luther in Augsburg stattgehäbten Auseinander¬ 
setzung erwachsen war und von dem Legaten zum Zweck 
einer überzeugenden Begründung der schon bereit gehaltenen 
Bannbulle entworfen wurde 2 ). Die Überlieferung dieser 
Urkunde führte dazu, einen wichtigen Abschnitt der Ver¬ 
handlungen des römischen Bevollmächtigten mit dem fürst¬ 
lichen Beschützer Luthers ins Licht zu setzen und in den 
Zusammenhang der Ereignisse einzufügen. 

Die Dekretale ist von Cajetan bald nach der Abreise 
Luthers verfaßt worden, indem er sie seinem damaligen 

*) P. Kalkoff, Forschungen zu Luthers römischem Prozeß. Rom 
1905. I. Kap.: Kritik der Überlieferung. 

2 ) Über die Verfasserschaft Cajetans vgl. Forschungen S. 66f.; 
ZKG. XXV, 430 Anm., XXXII, 21 ff. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



51 


143 


Sekretär G. B. Flavio diktierte, und dann gelegentlich, da 
ihm in der stillen Zeit nach Schluß des Reichstags nicht 
mehr die häufigen päpstlichen Kuriere zur Verfügung standen, 
mit der Post der Fugger nach Rom beförderte. Hier hat 
der Sekretär Leos X. Pietro Bembo 1 ) den Entwurf mit den 
nötigen Formalien am Eingang und dem Datum des 9. No¬ 
vember 1518 am Schluß dem „Scriptor“ Albergati 2 ) behufs 


J ) Das Weltkind Bembo stand dem Inhalt der Bulle völlig fremd 
gegenüber. Vgl. die ausgezeichnete Charakteristik bei L. v. Pastor, 
Gesch. d. Päpste IV, 1, 431 ff. 

*) Dieser Name findet sich als der des Ingrossisten auch unter 
der Bulle „Exsurge“ (ZKG. XXV, 129 Anm. 1; Forschungen S. 75) 
und bezieht sich auf die in mehrfacher Hinsicht interessante Persön- 
keit eines jener hochmütigen, ämtergierigen Kurialen, die, auf ihre 
nepotistischen Beziehungen gestützt, sich unter den Mediceern sehr 
wohl fühlten, den strengen Hadrian VI. aber mit bitterm Haß und 
Spott verfolgten, wie dieser Vianesio A., der in seiner von Pastor 
(a. a. 0. IV, 2, 153) treffend gekennzeichneten Schrift, „das Konklave 
Clemens VII., u über „den Geiz, die Härte und Dummheit“ des nor¬ 
dischen Barbaren sich in selbstgefälliger Rhetorik ergeht. Der sonst 
nicht eben wertvolle Bericht ist von E. Bacha in den Comptes rendus 
de la commi8s. d’hist. de l’acad. de Bruxelles, ser. V., tom. I (1891), 
109—166 abgedruckt mit dem Schluß vermerk: „finis primi libri“; die 
Fortsetzung dürfte nicht erfolgt sein. Die hier und in IV. ser., 
tom. XVII vorausgeschickten Angaben über den Vf. sind nichts als 
eine unzuverlässige Wiedergabe aus G. Fantuzzi, Notizie degli scrittori 
Bolognesi. Bol. 1781. I, 136 ff. V. stammte aus einer vornehmen, 
ein halbes Jahrtausend in zahlreichen Gelehrten und hohen Kurialen, 
besonders Juristen blühenden Familie, unter denen besonders der zur 
Zeit der großen Konzilien berühmte Staatsmann, Kardinal Niccolö A. 
(f 1444) hervorragt. Unser Vianesio (juniore) war 1516 Dr. iur. utr. 
und dann in Rom Prothonotar geworden; er hatte sich aus seinem 
Erbteil eine Stelle im Kollegium der „scriptores litterarum apost.“ 
gekauft und erhielt 1519 das Amt des „nuntius et coilector“ der 
Spolien in Spanien; doch darf er in dieser Eigenschaft nicht, wie 
A. Pieper (Entstehungsgesch. der ständigen Nuntiaturen. Freiburg 
1894, S. 61) tut, mit den diplomatischen Vertretern der Kurie, den 
„nuntii et oratores“ (vgl. Kalkoff, Aleander gegen Luther. Leipzig 
1908. S. 7 ff.) auf eine Stufe gestellt werden. Er ist nun, wie einige 
von F. angeführte Breven beweisen, zwar etwa von Mitte 1520 bis 
Herbst 1521 in Spanien gewesen; kurz nach dem Tode Leos X. aber 
berichtet er (20. Dez. 1521) an seine Vaterstadt, der er unter Hadrian VI. 
als Gesandter in Rom gedient hat (Pastor a. a. 0. S. 12 Anm. 5, 74 u. ö.). 
Das Kardinalskollegium schickte ihn auf seinen Posten zurück und 

10 * 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



144 


52 


Digitized by 


Eintragung in sein Register diktiert und diesen Schriftsatz 
eigenhändig korrigiert und mit seiner Unterschrift versehen. 
Die Ausfertigung und Absendung des Originals ist un¬ 
mittelbar darauf erfolgt. Der Bogen mit dem Konzept aber 
ist mit einem willkürlich zusammengerafften Stoß der ver¬ 
schiedenartigsten, auf die auswärtige Politik des päpstlichen 
Kabinetts bezüglichen Schriftstücke, meist flüchtigen Ent¬ 
würfen der an die Nuntien und die fremden Höfe gerichteten 
Depeschen, zu einem Bande der „Brevia ad principes“ ver¬ 
einigt worden. 

Die Bulle sollte durch den Legaten allen Bischöfen und 
sonstigen kirchlichen Obrigkeiten in Kopien übermittelt 
werden, die durch die Unterschrift eines Notars und das 


ersuchte (Pieper a. a. 0.) Hadrian VI., von V. A. genaue Rechnung 
über die von ihm gesammelten „Einkünfte und Spolien“ zu fordern. 
Diese Rechnungslegung muß nun für V. A. nicht eben günstig aus¬ 
gefallen sein, denn in dem von Fantuzzi im vat. Archiv nachgewiesenen 
Aktenstück („Handbuch der Ein- u. Ausgänge der ap. Kammer in 
Spanien vom 20. Juli 1520 bis 26. Febr. 1522“) bittet er schließlich 
den Papst um eine Pfründe, da er außer seiner Stelle als Scriptor 
nichts besitze und ihm aus den spanischen Zehnten noch 15000 Du¬ 
katen geschuldet würden. Die Eingabe dürfte an Clemens VII. ge¬ 
richtet sein, während Hadrian VI. ihn zur Deckung jener Summe 
angehalten hatte: hinc illae lacrimae. V. A. befand sich schon wieder 
in Spanien (erwähnt vom Vizekanzler Medici, als sein Vertrauensmann, 
in einem Schreiben an Aleander v. 20. Febr. 1521; ZKG. XXVIH, 224f.), 
als die Wahlgesandtschaft den Kardinal von Tortosa um Annahme 
des Pontifikats ersuchte, und als Hadrian angesichts der ernsten Ent¬ 
scheidung zauderte, hatte der Italiener die Dreistigkeit ihm zuzurui^n: 
er möge doch lieber verzichten, da er die hohe Ehre mit solchem 
Mißvergnügen aufnehme. Am 15. Februar 1522 berichtete er auch 
von hier aus an den Rat von Bologna über die Annahme der Wahl 
(Fantuzzi 1. c.). Über sein weiteres Leben weiß auch F. nichts; seine 
Grabinschrift aus San Francisco in Bologna mit dem verlesenen Vor¬ 
namen „Vincentius“ (bei L. Schräder, Monum. Italiae, Helmstädt 1592, 
fol. 59»), die ihm sein bei Jöcher (Forts, des Gelehrtenlexikons I, 401 f.) 
als Jurist erwähnter Neffe Fabio 1572 gewidmet hat, erwähnt seine 
Stellung an den Höfen jener drei Päpste, besonders als Nuntius Leos X. 
in Spanien; gestorben wäre er danach 1532 im Alter von 55 Jahren. 
Zum Bischof von Cajazzo in Süditalien wurde er nach den KonsistoriaJ- 
akten (Eubel-van Gulik, Hierarchia HI, 160) am 29. Okt. 1522 ernannt, 
und schon am 3. Januar 1528 wurde die durch seinen Tod erledigte 
Stelle neu besetzt. 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



53 


145 


Siegel eines Prälaten zn beglaubigen seien, und zu diesem 
Zweck ließ Cajetan am 13. Dezember auf seinem Zimmer 
im Franziskanerkloster zu Linz *) durch den ihn begleitenden 
päpstlichen Notar die feierliche Eröffnung und Verlesung der 
auf ihre Echtheit vorschriftsmäßig geprüften Urkunde in 
einem Schriftstück bezeugen, in das die Dekretale selbst 
eingerückt wurde. Dabei setzte der Legat die Frist für ihre 
Bekanntmachung durch die Bischöfe auf einen Monat fest. 

Das Ganze ließ er alsbald in Wien auf einem großen 
Folioblatt als Plakat drucken, damit es durch Anheften an 
die Kirchentüren bequem bekanntgegeben werden könne. 
Von diesem Druck fand sich nun neuerdings ein Exemplar 
in einem allerlei gedruckte Bullen und Erlasse bis auf Pius V. 
vereinigenden Bande des päpstlichen Archivs 2 ), und zwar 
ohne Beglaubigung. Es ist also keines von den zur Ver¬ 
breitung in Deutschland bestimmten Exemplaren, sondern 
das Belegstück, das der Legat bei der Kurie eingereicht hat. 
Der Befund bestätigt zugleich meine Annahme, daß die 
eigentliche Korrespondenz Cajetans zu dem einen Teile unter 
den Papieren des Vizekanzlers in Florenz verblieben ist, wo 
sich noch ein aus Augsburg an den Papst gerichtetes Schreiben 
vorfand 8 ), zum andern Teile von ihm selbst dem Dominikaner¬ 
archiv bei S. Maria sopra Minerva in Rom übergeben wurde, 
mit dem das Original der Bulle wie das des notariellen 
Aktes vom 13. Dezember zugrunde gegangen sind. 

Dieses römische Exemplar des Druckes ist nun insofern 
besonders wertvoll, als sich in Deutschland keines erhalten 
zu haben scheint. Die älteren wie die neueren Nachdrucke 
gehen alle zurück auf den 1545 erschienenen ersten Band 

J ) In Liuz war von dem dreimonatlichen Aufenthalt des Legaten 
keine Spur za finden, wie Herr Prof. Dr. Schiffmann die Güte hatte 
mir mitzuteilen. Auf der Stelle des Minoritenklosters befindet sich 
hente das Landhaus; von dem alten Bau ist kaum etwas erhalten 
geblieben. 

*) In Arm. IX, c. 1 unter Nr. 57, 18 gefunden von Herrn Prof. 
Dr. Göller; die Beschreibung verdanke ich der Güte des Herrn Prof. 
Dr. Schellhaß. In verso gleichgültige Kanzleivermerke: „Nova bulla 
super indulgentiis etc.“ — „In capsula bullarum." Fünf Zeilen mit dem 
dogmatisch wichtigsten Inhalt sind mit einem Tintenstrich eingefaßt 

3 ) Forschungen S. 211 f. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



146 


54 


Digitized by 


der gesammelten Werke Luthers, nach dem zunächst die 
Jenaer Ausgabe hergestellt wurde 1 ). Auch die neuesten 
Abdrücke bei W. Köhler und C. Mirbt 2 ) beruhen auf der nach 
Luthers Werken hergestellten Wiedergabe bei Loescher oder 
H. Schmidt 8 ). Dasselbe aber gilt von den älteren Sammel¬ 
werken und Darstellungen, die in einer für ihre Zeit recht 
gründlichen kritischen Untersuchung über „die neue Decre- 
talis Papst Leo X.“ von J. E. Kapp angeführt werden 4 ). 
Dieser verzeichnet nun zwar unter seinem der Witebergensis 
entlehnten Texte umständlich die Varianten einer von dem 
Schweizer Kirchenhistoriker J. H. Hottinger 6 ) wiedergegebenen 
Fassung; doch handelt es sich hier nur um willkürliche 
stilistische Änderungen eines humanistisch gebildeten Ab¬ 
schreibers. Die wichtigste sinnentstellende Auslassung aller 
Drucke, auch des römischen Originaldruckes, das Fehlen der 
von Bembo am Rande des Konzeptes unter Beifügung seines 
Namens nachgetragenen Worte „regnum celorum“ (hinter: 
„potestate clavium, quarum est aperire“), begegnet auch bei 
Hottinger; man hatte eben in Rom bei Herstellung der Rein¬ 
schrift diese Korrektur übersehen und bis auf den heutigen 
Tag ist die UnVollständigkeit des Relativsatzes niemandem 


J ) M. Lutheri opp. ed. Witeberg. I, fol. 228, Jenensis I, fol. 114. 

*) Köhler, Dokumente zum Ablaßstreit von 1517. Tübingen u. 
Leipzig 1902. S. 158 ff. Mirbt, Quellen z. Gesch. des Papsttums. 
Ebenda 1901. S. 182. 

*) V. E. Loescher, Vollständige Reformations-Acta usw. Leipzig 
1720. II, 493, wo schon die Vermutung geäußert wird, daß die Bulle 
„auf Cajetani Vorschlag entworfen“ worden sei. H. Schmidt, M. Luth. 
opp. lat. var. arg. etc. Francofurti 1865. II, 428—434. 

4 ) Kapp, Sammlung einiger zum Päpstlichen Ablaß gehöriger 
Schrillten. Leipzig 1721. S. 422—481. Die wichtigsten älteren Drucke, 
von denen einige bei Hefele-Hergenröther, Conciliengeschichte. Frei- 
bnrg i. Br. 1890. IX, 89, Anm. 1 vermerkt werden, finden sich bei 
Abr. Bzovius, Continnatio annal. eccles. Baronii ad ann. 1518. Colon. 
Agr. 1630. tom. XIX, 347. — J. Chr. Lttnig, Continnatio spicilegii 
ecclesiastici. Lipsiae 1720. I, 147 sq. — Le Plat, Monum. ad hist, 
concilii Tridentini. Lovanii 1782. n, 21 sqq. Die übrigen Stellen wie 
Seckendorf, hist. Lutheranismi, J. Gerhardus, confessio catholica, 
Pufendorf usw. bei Kapp a. a. 0. S. 457 ff. 

5 ) Hist, eccles. sec. XVI. Pars III, p. 183 sq. Kapp S. 459 ff. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



55 


147 


aufgefallen, auch nicht dem gleichzeitigen Übersetzer 1 ). Die 
Zuverlässigkeit des Wittenberger Textes wird durch die im 
übrigen ziemlich genaue Übereinstimmung mit dem Konzept 
erwiesen. Bei einer Neuausgabe müßte natürlich das 
römische Exemplar des Druckes zugrunde gelegt und nach 
den Korrekturen Bembos berichtigt werden. 

Das Wittenberger Exemplar, das unter dem „Impressum“ 
die handschriftliche Beglaubigungsformel des Notars und das 
kleine Siegel des Kardinals trug, ist verloren gegangen. Es 
hätte sich in einem von 0. Clemen entdeckten Bande der 
Kamenzer Stadtbibliothek vorfinden müssen, der in 28 Original¬ 
drucken und einigen Abschriften aus der Zeit von 1517 bis 
1520 einen Teil der Materialiensammlung für die Wite- 
bergensis enthält 2 ): besonders sind hier die Stücke des 
I. Bandes, die wie die Acta Augustana mit der Bulle „Cum, 
postquam“ in engem Zusammenhänge stehen, darunter einige 
Unica, wie die von Luther nach seiner Rückkehr von der 
Heidelberger Disputation auf einem Plakatdruck erlassene 
Erklärung 8 ), erhalten. Vielleicht hat man später den Druck 
der Dekretale, ähnlich wie es der Laudatio Karlstadts er¬ 
ging 4 ), vernichtet, oder es ist ihm einfach das Siegel ver¬ 
derblich geworden. 

Die u. a. auch von Hergenröther übernommene Bemer¬ 
kung, daß „die Konstitution in vielen Exemplaren durch 
Deutschland verbreitet wurde“, geht auf des Kardinals Sforza 
Pallavicini Istoria del concilio di Trento 5 ) zurück, der dies 
für selbstverständlich gehalten haben dürfte. Indessen die 
große Seltenheit der gedruckten Exemplare und die geringe 
Beachtung, die eine an sich so bedeutsame Kundgebung des 
heiligen Stuhles nicht bloß auf lutherischer, sondern fast 


0 Vgl. unten. Spiegel läßt jedoch den vom Vf. beabsichtigten 
Sinn dadurch hervortreten, daß er „claves“ mit „Himmelschlüssel“ 
übersetzt („welchen zugehört aufzutun“) und „claviger“ mit „der 
himmlischen Schlüssel Träger“. Forschungen S. 67. S. unten S. 77 ff. 
*) Von Clemen beschrieben in ZKG. XXVI, 246 ff. 

*) Vgl. meine Untersuchung in ZKG. XXVII, 320 ff. XXXII, 574 ff. 
4 ) Clemen S. 248. 

8 ) Rom 1664. Lib. I, cap. XII, § 4. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



148 


56 


Digitized by 


noch auffallender auf katholischer Seite gefunden hat 1 ), 
widerspricht jener Annahme. Wenn man sich nun die 
Schwierigkeiten vergegenwärtigt, die bald darauf Aleander 
mit - der Verbreitung der beiden Bullen vom 15. Juni 1520 
und vom 3. Januar 1521, sowie mit der des Wormser Edikts 
hatte, obwohl er auf einem Reichstage die meisten Kirchen¬ 
fürsten persönlich angehen konnte, ferner die Unkosten, die 
mit der Versendung durch eigene Boten, die Umständlich¬ 
keiten, die mit der verbindlichen Insinuation und Publikation 
bei den Obrigkeiten verbunden waren 2 ), so begreift man, 
daß Cajetan, der seine Mittel bald nötiger für die Betrei¬ 
bung des Wahlfeldzugs brauchte, nur sehr wenig für die 
Bekanntmachung der kathedralen Entscheidung Leos X. hat 
tun können. 

Während sich nun von der Anwesenheit Cajetans in 
Linz an Ort und Stelle keine Spur hat nachweisen lassen, 
wissen wir zwar, daß er bei seinem Eintreffen in Nürnberg 
am 25. Februar 1519 von dem Juristen Chr. Scheurl im Auf¬ 
träge des Rates mit einer seine Gelehrsamkeit feiernden 
Rede begrüßt wurde, und möchten vermuten, daß er wenig¬ 
stens den Pröpsten der Hauptstifter von S. Sebald und 
S. Lorenz die Bulle mit seinem Publikationsdekret übergeben 
habe; doch hat sich keine Nachricht Uber eine Veröffent¬ 
lichung erhalten 3 ). Am 28. Februar reiste er nach Aschaffen- 

’) In den Enzyklopädien von Herzog wie von Wetzer-Welte 
wird in der geschichtlichen Übersicht über die Entwicklung der Ab¬ 
lässe dieser abschließenden Entscheidung Leos X. nicht gedacht. Über 
die Vorgeschichte der wichtigsten Ablaßfragen, so der auch von 
Cajetan genau umschriebenen „absolutio a poena et a culpa“, vgl. das 
auf umfassenden Quellenstudien beruhende Werk von E. Göller, Die 
päpstliche Poenitentiarie, Rom 1907 u. 1911, besonders das Kapitel 
über die Entwicklung der Plenarindulgenzen (I, 21311.); doch kommen 
die von Cajetan behandelten dogmatischen Grundlagen hier nicht zur 
Erörterung. Die bei Behandlung der Organisation, der Geschäfts¬ 
praxis nnd des Taxwesens der kurialen Behörde erwähnten „Reformen“ 
Leos X. (1513) betreffen nur die Überforderungen und sonstigen Mi߬ 
bräuche der Beamten (II, 1,108 ff., 2, 90). 

*) Vgl. etwa Kalkoff, Anfänge der Gegenreformation in den 
Niederlanden. Halle 1904. I, 23 ff., 33 ff., II, 14 ff. 

*) Während im städtischen Archiv derartige Akten überhaupt 
nicht zu suchen sind, hat sich auch in den Beständen des Kgl. Kreis- 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



57 


149 


barg weiter 1 ), wo er als Gast des Erzbischofs von Mainz, 
dem er vielleicht jetzt erst die Abzeichen der Kardinals¬ 
würde überreichte 2 ), etwa zehn Tage verweilte 8 ). Es ist 
nnn selbstverständlich, daß er dem Primas von Deutschland 
die Balle mit dem Ersachen am Bekanntmachung and Voll¬ 
zieh ang mitgeteilt hat, freilich auch ebenso sicher, daß 
Albrecht bei seiner in jenen Jahren beobachteten passiven 
Widersetzlichkeit gegen alle Maßregeln der Kurie auch diese 
Anordnung des Legaten mißachtet hat. 

In Frankfurt, wo Cajetan am 10. März ein traf, wurde 
er weder von Priesterschaft noch Kat eingeholt, von letzterem 
jedoch am nächsten Tage in seiner Wohnung begrüßt. Doch 
finden wir außer dieser kurzen Notiz weder in den Rats¬ 
protokollen noch in den Akten der dortigen Stifter etwas 
von einer lntimierung der Dekretale. Hier hat der Kardinal 
am 14. und 15. März Urkunden für das Dominikanerkloster 
ausgestellt, in denen er den Besuchern und Wohltätern seiner 
Kirche den üblichen hunderttägigen Ablaß an neun be¬ 
stimmten Festtagen verlieh 4 ). 


archivs weder ein Exemplar der Bulle noch in den reichsstädtischen 
Repertorien ein diesbezüglicher Eintrag gefunden. Auch die Müllner- 
schen Annalen berichten nichts davon. An Beziehungen Cajetans zu 
Nürnberg findet sich sonst nur ein Schreiben desselben und ein päpst¬ 
liches Breve vom 7., bzw. 28. Juni 1513 über die Reformation des 
Klosters Engelthal vor. Gütige Mitteilung des Herrn Archivrats 
Dr. Schrötter. 

*) Zur Reise Cajetans s. Deutsche Reichstagsakten, Jüng. Reihe I, 
346 Anm. 3 und ZKG. XXV, 409, Anm. 2. 

*) Vgl. ZKG. XXXI, 62, Anm. 2. 

*) Über diesen Aufenthalt in der Residenz Albrechts hat der 
beste Kenner der Mainzer Akten aus der Reformationszeit, die im 
Würzburger Kreisarchiv beruhen, Herr D. Fr. Herrmann, nichts finden 
können, auch nicht in den freilich sehr leichtfertig geführten Proto- 
koUen des dortigen Stifts von SS. Peter und Alexander. 

4 ) Und zwar zunächst an Mariae Himmelrahrt, S. Dominicus, 
S. Maria Magdalena, S. Sebastian; in der zweiten Urkunde an SS. Phi¬ 
lippus et Jacobus, S. Quirinus, S. Barbara, S. Lucia, S. Augustinus. 
Beide sind von Cajetans Sekretär unterzeichnet: „de mandato Felix 
Trofinus“. .Nur an der zweiten ist das Siegel Cajetans in einer 
Blechkapsel erhalten. Gütige Mitteilung des Herrn Archivdirektors 
Dr. R. Jung. 


Digitized by 


Gck igle 


Original frc>m 

UNIVERSfTY OF MICHiGAN 



150 


58 


Digitized by 


Über den wiederholten Aufenthalt Cajetans in Mainz 
haben wir im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit als päpst¬ 
licher Wahlagent zahlreiche Nachrichten 1 ); aus der Samm- 
' lung seiner Werke wissen wir, daß er dort am 22. März 1519 
einen Traktat über die Frage schrieb, „ob der päpstliche 
Stuhl in den Kanones die Worte der Hl. Schrift mißbrauche“ 2 ). 
In der örtlichen Überlieferung aber war hier keine Erinne¬ 
rung an seine Tätigkeit zu entdecken, ebensowenig wie seine 
Beziehungen zu dem Erzbischof von Trier während seiner 
Anwesenheit in Koblenz eine Spur hinterlassen haben 8 ). 

Auf seiner eiligen Rückreise aber, die Cajetan nach 
dem Mißerfolg seiner Beteiligung an der Kaiserwahl alsbald 
antrat 4 ), dürfte er ebenfalls wenig Gelegenheit gehabt haben, 
für die Verbreitung der Bulle „Cum, postquam“ zu wirken. 


Über die Stellung Karls von Miltitz an der Kurie 5 ) und 
die Verhältnisse, uuter denen sich seine Entsendung nach 
Deutschland vollzog, haben sich neuerdings quellenmäßige 
Nachweise ergeben, die meine frühere Darlegung bestätigen, 
daß der unwissende und unzuverlässige, eitle und vorwitzige 
Junker keineswegs zu Verhandlungen mit Luther und dem 
Kurfürsten behufs schiedlicher Beilegung des kirchlichen 
Konfliktes ermächtigt, sondern, dem Legaten streng unter¬ 
geordnet, nur die Auslieferung oder mindestens die Aus¬ 
weisung Luthers zu erwirken beauftragt war. Der be¬ 
schäftigungslose Notar gehörte keineswegs der den Haus¬ 
prälaten zunächst stehenden Rangklasse der päpstlichen 
„Kammerherren“ (camerarii) an, sondern hatte nur eben den 
Titel eines „Kammerjunkers“ (cubicularius extra cameram); 

x ) Bes. Reichstagsakten S. 494 f. und Kalkoff, Aleander gegen 
Luther S. 27, 59. 

*) Thomae de Vio opuscula. Lugduni 1558. p. 126. tract. XXX. 
C. F. Jäger in der Ztschr. f. hist. Theol., 1858, S. 442 Anm. 

*) Gütige Mitteilung des Herrn D. Herrmann bzw. des Kgl. Staats¬ 
archivs in Koblenz, Von dem Mainzer Dominikanerkloster sind nur 
wenige Nachrichten vorhanden. 

4 ) Forschungen S. 183 und P. Kalkoff, Die Miltitziade. Eine 
kritische Nachlese z. G. des Ablaßstreites. Leipzig 1911. S. 81. 

6 ) Das Folgende nach Miltitziade Kap. I, II u. V. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



59 


151 


seine Ernennung znm „Nuntius“ bedeutete nicht eine Gleich¬ 
stellung mit den zu selbständigen Verhandlungen berufenen 
Diplomaten der Kurie, den „nuntii et oratores“, sondern 
nur die Erteilung eines eng begrenzten Auftrags, wie ihn 
die durchaus subalternen „nuntii et commissarii“ empfingen. 
Ja, nicht einmal diese Funktion war ihm ursprünglich zu¬ 
gedacht, sondern er sollte zunächst nur in eiligem Ritt die 
Goldene Rose so schnell über die Alpen befördern (10. Sep¬ 
tember 1518), daß sie dem Kurfürsten noch auf dem Reichs¬ 
tage in Augsburg durch den Legaten überreicht werden 
könnte. Da entschloß sich der Papst infolge des gleich 
darauf eingegangenen Berichtes Cajetans zu dessen Delegie¬ 
rung als Richter in Luthers Sache, und als sich nun nach 
erfolglos verlaufenem Verhör die Bestrafung des schon in 
contumaciam verurteilten Ketzers und Schismatikers als un¬ 
umgänglich, seine Verhaftung aber als recht schwierig her¬ 
ausstellte, wurde der Nepot des einflußreichen Dominikaners 
Nikolaus von Schönberg mit der entsprechenden Kommission 
an den kurfürstlichen Hof entsandt. Da sich seine Abreise 
nach Ausfertigung der nötigen Breven noch einmal ver¬ 
zögerte, so daß er von den Jagdschlössern in Toscana, wo¬ 
hin er den Hof begleitet hatte, wieder nach Rom zurück¬ 
kehrte, so hatte er dabei Gelegenheit manches zu beobachten, 
was er sonst bei seinen recht lockeren Beziehungen zur 
Kurie nicht erfahren hätte. 

Gerade die kanzleimäßige Ausstattung der mit dem 
Bleisiegel zu versehenden Dekretale konnte erst nach der 
Rückkehr des Papstes nach Rom besorgt werden, und so er¬ 
zählte Miltitz dem Nürnberger Juristen Chr. Scheurl ganz 
zutreffend, diese an den Kardinal S. Sixti gerichtete „decre- 
talis Leonina declaratoria Unigenitus“ habe der Papst „her¬ 
ausgegeben am 15. oder 16. November nach Empfang der 
Antworten Luthers (edidisse . .. acceptis tuis responsionibus“; 
Scheurl an Luther, Nürnberg, 20. Dezember 1520), also nach 
Eingang des Berichtes Cajetans mit den von Luther auf die 
vorgeschriebenen Fragen abgegebenen Erklärungen 1 ). Die 

J ) Von Enders, Luthers Briefwechsel I, 327, 57ff., 331, Note 14 
irrig auf die „Responsio M. Lutheri ad dialogum Silv. Prieratis“ 
bezogen. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



152 


60 


Digitized by 


von Bembo nach vollzogener Durchsicht vom 9. November 
datierte Bulle ist also eine Woche später, rite ausgefertigt 
und besiegelt, dem Kommissar im Augenblick seiner Abreise 
übergeben und durch ihn in Augsburg dem Legaten, der 
von der Ausführung seines Antrags verständigt worden war 
und die wichtige Sendung abwartete, übermittelt worden 1 ), 

l ) In seiner Dissertation über Karl v. Miltitz (Freiburg 1907. 
Vgl. meine Besprechung in der Hist. Ztschr. 101, 120 ff. und meine 
Miltitziade) wundert sich H. A. Creutzberg, daß ich in der kritischen 
Studie über den „Briefwechsel zwischen dem Kurfürsten Fr. u. Cajetan“, 
ZKG. XXVII, „Heft 3 W (soll heißen S. 332) „Miltitz in Augsburg 
schon jetzt mit dem Legaten Zusammentreffen lasse, ohne jedoch hier¬ 
für eine Quelle zu zitieren“, obwohl in Anm. 4 auf ZKG. XXV, 283 
Anm. 2 verwiesen wird, wo ich wie in den „Forschungen zu Luthers 
römischen Prozeß“ S. 109 Anm. 3 die Bemerkungen des Nürnberger 
Juristen Chr. Scheurl zu Schlüssen über Cajetans Verhalten nach Be¬ 
endigung des Reichstags benutzt habe. Der Legat war auch nach 
Luthers Rückreise noch in Augsburg verblieben, wo er, wie Anfang 
November berichtet wird, mit der Berechnung des Ertrags der Türken¬ 
steuer beschäftigt war, d. h. mit den Fuggern über die Modalitäten 
der Sammlung der Gelder verhandelte. Von hier aus sandte er den 
Entwurf der Dekretale ein und wurde gewiß alsbald darüber ver¬ 
ständigt, daß die Bulle sofort nach der Rückkehr des Papstes nach 
Rom ausgestellt werden würde. Miltitz, den man damals bei dem 
Jagdausfluge nach Toscana von dort aus abfertigen wollte, konnte hier 
wohl mit den Breven (11.—24. Oktober; Forschungen S. 61 f.) aus¬ 
gestattet werden-, die vorschriftsmäßige Ausführung aber der „bulla 
plumbea cum cordulis ex canopo“ (Luth. opp. var. arg. II, 429) konnte 
nur in Rom erfolgen. Miltitz, der sich über diese Vorgänge genau 
unterrichtet zeigt, ist also erst etwa Mitte November von dort ab¬ 
gereist und Ende November bei dem Legaten, seinem Vorgesetzten, 
eingetroffen. Erst am 20. Dezember meldet Scheurl an Luther, was 
er von dem am 18. in Nürnberg angelangten Kanzler Pfeffinger gehört 
hat, daß der Legat nunmehr „dem Kaiser nachreise“ (Enders I, 328, 98). 
Abgesehen von der bequemen Verbindung mit Rom war es auch für 
Cajetan wünschenswert, die Ankunft Miititzens in Augsburg ab¬ 
zuwarten, weil weder er noch der Kommissar in der Lage waren, 
teure Kuriere zu bezahlen. Anfang Dezember ist der Legat dann 
wieder an den Hof gegangen, der nach einer langen Irrfahrt durch 
Tirol in Oberösterreich angelangt war; in sechs bis sieben Tagen 
konnte Cajetan bequem nach Linz gelangen, wo er nun reichliche Muße 
hatte, sich mit der Publikation der Dekretale zu beschäftigen. Miltitz 
scheint ihn bis nach Niederbayem begleitet zu haben, wo er sich dem 
gut' päpstlich gesinnten kursächsischen Kanzler Pfeffinger anschloß, 
der soeben von seinem heimatlichen Gute an den Hof Friedrichs 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



61 


153 


während die Goldene Rose und die Ablaßbullen für die 

zurückkehren wollte und dann (a. a. 0. S. 326, 38 ff.) zwei Tage mit 
ihm in Nürnberg rastete. Bekanntlich stellte es Miltitz hier so dar, 
als ob er den Kurfürsten nur als Privatmann aufsuche, und zwar auf 
die Bitten und Verheißungen Pfeffingers hin, der eine gütliche 
Einigung mit Luther für leicht erreichbar erklärt habe, wenn man 
diesem für den Widerruf ein Bistum oder eine andere hohe Würde 
in Aussicht stelle; das werde besser wirken als die Goldene Rose und 
die Ablaßbullen (a. a. 0. S. 327,65 ff., 76 ff.), die Miltitz zu seinem 
großen Ärger in Augsburg hatte zurücklassen müssen. Auch hatte 
ihm die Beobachtung der großen Beliebtheit Luthers seinen Auftrag, 
den Professor gefangen hinwegzuführen, verleidet. Seine Flunkereien 
begannen also schon in Nürnberg. Nun meldete er sich am 26. De¬ 
zember von Gera aus bei Spalatin an mit einer Darstellung, die sein 
zufälliges Erscheinen in Sachsen glaubhaft machen sollte: er habe 
beabsichtigt, dem Legaten zu folgen (oder nachzureisen), der damals 
beim Kaiser in Österreich sich aufhielt (statueram sequi . . . legatum 
apud Caes. M tem in Austria tune agentem); da er aber gehört habe, 
daß Pfeffinger sich zum Kurfürsten begebe, habe er an ihm nicht 
vorbeireisen wollen, ohne ihn vorher noch zu sprechen; „infolgedessen 
sei er nach eilfertiger Beratung mit Pfeffinger (itaque tumultuarie 
deliberatus cum eodem) an den sächsischen Hof gegangen; die Gründe 
werde man vom Kanzler selbst erfahren usw. (Cyprian, Nützl. Urkunden. 
Leipzig 1718. II, 105). Auch wenn diese Darstellung nicht tendenziös 
zurechtgemacht wäre, ließe sich mit dem angeführten Wortlaut die 
auf der obigen chronologischen Erwägung beruhende Ansicht ver¬ 
einigen, daß Miltitz den Legaten noch in Augsburg antraf und nur 
einige Tage später als er aufbrach, wobei ins Gewicht fällt, daß Miltitz 
immer darauf bedacht war, seine Unterordnung unter den Legaten zu 
verbergen. 

Pfeffinger, der am 27 r Dezember beim Kurfürsten in Altenburg 
Bericht erstattete, war nun kurz vor seinem Zusammentreffen mit 
Miltitz, also Anfang Dezember beim Kaiser auf Sachsenburg bei Linz 
gewesen; wenn er erzählte, der Kaiser sei „ganz fröhlich und bei 
guter Gesundheit gewesen“, während doch seine Krankheit schon „um 
Ende November“ zum Ausbruch kam (H. Ulmann, Kaiser Maxi¬ 
milian I. II, 761) so will dies nichts besagen, da die Erkrankung des 
Herrschers sorgsam verheimlicht wurde. Im Gegensatz zu der Be¬ 
hauptung Miltitzens, daß Cajetan schon „beim Kaiser in Österreich“ 
geweilt habe, berichtete Pf.: „der Legat zeucht Kais. Majestät nach“ 
(F. A. v. Langenn, Herzogin Sidonie in den Mitteil. d. Sächs. Altertums¬ 
vereins. Dresden 1852. I, 114). Auch diese Quelle deutet also darauf 
hin, daß Cajetan so lange in Augsburg geblieben war, daß M. ihn 
dort noch antreffen mußte, der auf alle Fälle verpflichtet war, sich 
hei seinem Eintreffen daseihst mit dem Legaten in Verbindung zu 
setzen (vgl. ZKG. XXVII, 327 Anm. 2). 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



154 


62 


Digitized by 


Schloßkirche in Wittenberg bei den Fuggern niedergelegt 
wurden. Wenn Miltitz fortfährt, „eam se utroque sermone 
invulgaturum apud vos“, so übertreibt er wie gewöhnlich 
die Wichtigkeit seines Anteils an dem Geschäft: die feier¬ 
liche Veröffentlichung mit nachfolgender Drucklegung und 
Beglaubigung der Kopien war Sache des Legaten, und auch 
die wohl schon von Rom aus angeordnete Übersetzung ins 
Deutsche wurde durch Cajetan gleichzeitig besorgt. Denn 
der höchst seltene von E. Weller 1 ) vermerkte Druck „Copey 
der Bullen unsers heiligisten Vatter Babst Leo des zehendten 
Von krafft des Komischen Antiaß“ trägt am Schluß den 
Vermerk: „Getruckt zw Wienn in Österreich. Mit gonst 
und willen des gnedigisten herrn Bischoff daselbst“, wie das 
lateinische Original den Vermerk: „Impressum Viennae 
Pannoniae cum reverendissimi Domini Episcopi ibidem assensu 
et voluntate 2 ).“ Doch ist in der Übersetzung nur die Bulle 
selbst wiedergegeben, nicht der notarielle Akt über ihre 
rechtsverbindliche Publikation durch den Legaten; sie sollte 
also den authentischen lateinischen Stücken nur behufs be¬ 
quemerer Mitteilung ihres Inhalts an das Volk beigegeben 


J ) Repertorium typographicum. Nördlingen 1864. S. 134f., Nr. 1102. 
Außer diesem in einer Privatbibliothek nachgewiesenen Exemplar bat 
Herr Lic. Dr. 0. Clemen, dem ich auch für Abschrift und Kollation 
des Druckes zu wärmstem Danke verpflichtet bin, zwei Exemplare in 
der Ratsschulbibliothek von Zwickau aufgefunden (XII, VI, 18 6 und 
XVII, X, 1Ö 26 ). Ferner teilte mir die K. K. Hofbibliothek in Wien 
mit, daß sich dort die „Copey“ unter der Signatur 20. T. 191, aber 
kein Exemplar des Plakatdruckes befindet, und Herr Domkapitular 
Dr. Wimmer hatte die Güte festzustellen, daß sich im fürsterzbischöf- 
lichen Konsistorialarchiv unter den aus der Zeit Bischof Georgs er¬ 
haltenen Archivalien weder die beiden Drucke noch eine Spur eines 
etwa anläßlich der Drucklegung mit Cajetan gepflogenen Briefwechsels 
vorfindet. Wahrscheinlich hat Spiegel alles persönlich in Wien be¬ 
sorgt, da am Hoflager in dem bei Linz belegenen Wels während der 
Todeskrankheit Maximilians ein völliger Stillstand der Geschäfte ein¬ 
getreten war, so daß sich auch in Innsbruck aus dieser Zeit keinerlei 
Archivalien befinden (ZKG. XXVII, 332 Anm. 5). Wie das Auskunfts¬ 
bureau der deutschen Bibliotheken feststellte, waren beide Stücke in 
ihrem Bereiche außer an den mir schon bekannten Stellen nicht auf¬ 
zufinden. 

2 ) M. Luth. opp. var. arg. II, 434. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



63 


155 


werden, da man wohl nicht ganz sicher war, ob die Pfarrer 
eine leidlich zutreffende Wiedergabe würden leisten können. 
Zugleich wurde diesen schon auf dem Titelblatte eine nicht 
mißzuverstehende Anleitung gegeben, in welchem Sinne sie 
ihren Zuhörern Anlaß und Bedeutung des päpstlichen Ge¬ 
setzes zu erläutern hätten: „man wird aus der Bulle er¬ 
kennen, daß gewisse Predigten über die Ablässe, die samt 
ihrer theologischen Begründung dem Volke aufgedrängt 
wurden (,etlich predig darvon eingetruckht mit yrer be- 
festigung‘ = opp. v. arg. II, 430:,super indulgentiis ... publice 
praedicando multorum cordibus imprimerent errores') weder 
die Stärke des Eisens noch die Größe und Schwere der 
Berge haben, da sie infolge der Erkenntnis der Wahrheit 
so recht leichtfertig zerfließen und zu Kot werdeu und nichts 
weiter zurücklassen als den faulen Gestank einer grauen¬ 
erregenden Ketzerei“. 

Die Übersetzung ist, wie aus den schon auf dem Augs¬ 
burger Reichstage mehrfach nachweisbaren Beziehungen des 
Legaten zu dem Vorstande der lateinischen Kanzlei Maxi¬ 
milians, dem Dalmatiner Jakob de Bannissis und seinem 
Untergebenen, dem Sekretär Jakob Spiegel aus Schlettstadt, 
dem literarisch rührigen Neffen Jakob Wimpfelings, hervor¬ 
geht *), von dem letzteren besorgt worden, indem Bannissis, 
der eigentliche Vertrauensmann der Kurie in der kaiser¬ 
lichen Regierung, sich dem Legaten gefällig zu erweisen be¬ 
müht war. Spiegel hat ja dann auch auf dem Reichstage 
von 1521 für den Nuntius Aleander wiederholt die Über¬ 
setzung der lateinischen Entwürfe, wie besonders des 
Wormser Edikts, gegen bare Bezahlung besorgt 2 ). Auch 
der Bischof von Wien, Georg von Slatkonia, war ein alter 
kaiserlicher Rat, der dieses geistliche Amt gewissermaßen 


x ) Forschungen S. 12, 102 f., 128. 

*) P. KalkofF, Depeschen des Nuntius Aleander vom Wormser 
Reichstage 1521. Halle 1897. S. 135f., 152 ff. w. ö. Derselbe, Jakob 
Wimpfeling und die Erhaltung der kathol. Kirche in Schlettstadt. In 
der Ztschr. f. d. Gesell, des Oberrheins, N. F. XIII (Karlsruhe 1897/98), 
S. 88 ff., 111 ff., 264 ff. und die Entstehung des Wormser Edikts usw. 
in ARG. IX. 


Digitizeit by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



156 


64 


Digitized by 


als Ruheposten erhalten hatte 1 ). Seine Zustimmung erbat 
sich der Legat in gewissenhafter Befolgung des vom V. Lateran¬ 
konzil erlassenen Zensuredikts („Inter sollicitudines“), das 
die Drucklegung aller Schriften von der Genehmigung des 
Ordinariats abhängig machte. 

Nur die Fassung des Titelblattes rührt nicht von Spiegel 
her, der als Jurist und Humanist doch zuviel Selbstbewußtsein 
besaß, um sich mit der Partei Tetzeis, den Gegnern Reuchlins, 
völlig eins zu fühlen und sich zu derartigen fanatischen 
Ausfällen gehen Luther hinreißen zu lassen. Zudem war er 
gerade in jenen Jahren unter dem Einflüße seines Oheims 
Wimpfeling am Werke, wegen der rücksichtslosen Eingriffe 
römischer Pfründenjäger in die kirchlichen Verhältnisse seiner 
Vaterstadt die konziliaren Überlieferungen des deutschen 
Reiches durch Wiederabdruck der pragmatischen Sanktion 
aufzufrischen und vollzog seine Schwenkung zugleich mit 
dem von Aleander schwerbedrohten greisen Pädagogen erst 
zur Zeit des Wormser Reichstages 2 ). Doch läßt sich auch 
ein positiver Beweis dafür erbringen, daß diese Überschrift von 
deutschen Dominikanern in der Umgebung Cajetans herrührt. 

Tetzel hatte im April 1518 eine weitere Streitschrift, 
seine „Vorlegung“, d. h. Widerlegung, gegen Luther ver¬ 
öffentlicht 8 ), in der er eine neue Disputation in Frankfurt 
ankündigte, die freilich nicht stattgefunden hat. Luther ant¬ 
wortete ihm mit einer im Laufe des Monats Juni gedruckten 
Gegenschrift, die er schon am 4. Juni seinen Freunden 
Spalatin und Lang ankündigte 4 ). In diese Verteidigung 
(„Freiheit“) seines Sermons von Ablaß und Gnade wandte 
er sich mit einer durch Tetzeis rohen Ton hinlänglich ge¬ 
rechtfertigten Schärfe gegen die „quaestores et haereticae 


!) ZKG. XXV, 283 f. Über die 1513 erfolgte Wahl and Be¬ 
stätigung des „Vorstehers der kaiserlichen Kapelle and erwählten 
Bischofs von Pedena“, G. v. Slatkonia, zum Bischof von Wien vgl. 
W. Friedensburg, Informativprozesse über deutsche Kirchen, Qu. u. 
Forsch, aus ital. Arch. I, 168 ff. 

2 ) Wimpfelings kirchliche Unterwerfung. Ztschr. f. Gesch. des 
Oberrheins XXI, 262 ff. 

*) N. Paulus, Joh. Tetzel. Mainz 1899. S. 54. 

*) Enders I, 205, 27 ff, 207, 16 ff. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



65 


157 


pravitatis inquisitores“, die der Belehrung weitaus bedürftiger 
seien als die von ihnen irregeführten Laien, und hot ihnen 
im Namen seines Kurfürsten „sicher Geleit, offne Thore, 
freie Herberge und Kost“ in Wittenberg an, wenn irgendwo 
„ein Ketzermeister sei, der sich Eisen zu fressen und Felsen 
zu zerreissen verdünke 1 )“. Diese Herausforderung zu einer 
Disputation, die im Grunde nur eine Erneuerung des mit 
dem „Disputationszettel“ vom 31. Oktober 1517 erlassenen 
Angebots akademischer Erörterung der Ablaßfragen war, 
muß den Ordensgenossen Tetzeis sehr unbequem erschienen 
sein, denn sie benutzten die auffälligste Stelle des päpstlichen 
Erlasses, um die Welt wissen zu lassen, daß die Argumente, 
denen der Augustiner so fest vertraute, der römischen Bulle 
gegenüber sich nicht so als „Fels und Eisen“ bewähren würden. 

Die Besorgung der Übersetzung und der Drucke dürfte 
sich bis in das neue Jahr hingezogen haben, so daß der 
Legat in der Versendung schon durch den Tod des Kaisers 
gestört wurde, durch den er seine Mission überhaupt be¬ 
endet glaubte. Sein Schreiben aus Augsburg vom 25. Oktober 
hatte der Kurfürst erst am 19. November erhalten, da Cajetan 
die Kosten für einen besonderen Boten nicht hatte aufwenden 
können und es wohl durch die Leipziger Faktorei der Fugger 
hatte bestellen lassen. Friedrichs Antwort vom 18. (nicht 
vom 8.) Dezember hatte er ja beim Ableben Maximilians I., 
am 12. Januar in Händen; ob aber jener sich nun veran¬ 
laßt gesehen hatte, den Legaten durch einen besondern Boten 
auszuzeichnen, dem Cajetan eine Sendung an Miltitz hätte mit- 


!) Luthers Werke. Krit. Gesamtausgabe. Weimar 1883. I, 380 f. 
bes. 392,12 ff., 393,19 f. Auch Cochlaeus, der in seinen Commentaria 
de actis et scriptis Lutheri (Mainz 1549) die Anfänge der Reformation 
durchaas unter dem Gesichtswinkel der Dominikaner darstellt, kannte 
die Bedeutung dieser Stelle, die er als Beweis für den durch den 
Schutz des Kurfürsten gesteigerten Übermut Luthers aus dessen 
„Defensio sermonis de indulgentiis“ wörtlich anführt (p. 11): ausus 
fuit etiam Protectoris et Principis sui autoritate Wittenbergam publico 
scripto citare quoslibet haereticae pravitatis inquisitores, si qui vide- 
antur sibi devorare ferrum petrasque dirumpere, ut veniant illuc cum 
ipso disputaturi, habituri non modum salvum conductum, sed etiam 
liberum hospitium sumptusque a Principe. Vgl. ZKG. XXXII, 22 f., 
227 Anm. 1, 436 Anm. 4. XXXIII, 63 f. 

Archiv für Beformationsgesohichte. IX. 2. 11 


Digitizetf by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



158 


66 


Digitized by 


geben können, muß sehr zweifelhaft erscheinen; eine solche 
hätte ihn vermutlich auch nicht mehr erreicht, da Miltitz, der 
im Januar in Leipzig und dann noch einmal beim Kurfürsten 
in Lochau weilte, bald nach Mitte des Monats die Rückreise 
nach Augsburg, wo er den Legaten zu treffen hoffte, antrat 1 ). 

Während seines ersten Aufenthalts am sächsischen Hofe 
also hat der Kommissar die Dekretale noch nicht in Händen 
gehabt; er hat sie Luther nicht in verbindlicher Form vor¬ 
legen oder auch nur ihrem Inhalt nach zum Gegenstand der 
Verhandlungen machen, sie dem Wittenberger Professor, als 
Norm für den erwarteten Widerruf Vorhalten können. Es 
war denn auch in den als kirchenpolitische Intrige des Kur¬ 
fürsten aufzufassenden Altenburger Abmachungen keine Rede 
von dieser Kundgebung des höchsten Richters, doch hat sie 
Miltitz Luther ebenso wie Scheurl gegenüber erwähnt: der 
unwissende, oberflächliche Mensch, der ja ganz unfähig war 
auch nur die wesentlichen Sätze zu behalten, konnte indessen 
auf Luthers Frage, ob denn das Schriftstück irgendwelche 
Stellen der heiligen Schrift oder des kanonischen Rechts 
anführe, doch soviel richtig mitteilen, daß dies nicht der 
Fall sei. Luther hat nun die bei Miltitzens Abreise bestehende 
Lage in seiner Antwort an Scheurl vom 13. Januar 1519 
knapp und klar damit gekennzeichnet: er habe mit jenem 
sich über zwei Punkte verständigt: gegenseitiges Schweigen 
und Bezeichnung der irrigen und demnach zu widerrufenden 
Sätze durch einen deutschen Bischof, wobei der leichtfertige 
Junker den Hauptpunkt alsbald ausser acht ließ, den Luther 
scharf betont: diesen Schiedsrichter müsse Miltitz mit päpst¬ 
licher Genehmigung (mandato Summi Pontificis) ernennen. Er 
fügt auch sofort hinzu, daraus werde ja ohne besonderes Zutun 
Gottes nichts werden, besonders wenn die Kurie, wie zu er¬ 
warten stehe, ihn mit der neuen Dekretale bedränge, die er 
noch nicht gesehen habe, die sich aber ohne Berufung auf 
jene Autoritäten einfach auf die päpstliche Vollgewalt ver¬ 
steife, der er sich nicht unterwerfen könne 2 ). 


') ZKG. XXIII, 323 f„ 327, 332; XXV, 400 Anm. 1. Am 22. Ja¬ 
nuar schreibt M. aus Gräfenthal an den Kanzler Pfeffinger. 

2 ) Enders, Luthers Briefwechsel I, 349. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN j 



67 


159 


Luther zeigte dann später während der Leipziger Dis¬ 
putation, daß er die Dekretale non kennen gelernt habe, doch 
ließ er wie sein Gegner Eck die den Ablaß betreffenden 
Streitfragen absichtlich znrttcktreten x ) da es sich jetzt viel¬ 
mehr um die grundlegende Frage der höchsten kirchlichen 
Autorität, die Lehrbefugnis, oder, wie man zu sagen pflegte, 
das göttliche Recht des Papsttums, handelte. Luther erwähnt 
daher die Dekretale nur, indem er dem Papste oder mit 
Anspielung auf die Autorschaft Cajetans und das Gutachten 
des Prierias „den Kardinälen, Notarien, Pönitentiariern und 
Palasttheologen“ das Recht bestreitet, Glaubensartikel zu 
machen. Bezüglich des Inhalts der „declaratoria Unigenitus“ 
bemerkt er nur, daß das Verdienst Christi durch keines 
Menschen Gewalt zugeeignet werden könne als allein durch 
den priesterlichen Akt der Absolution; im übrigen lasse er 
sie auf sich beruhen. Daß sie das Werk Cajetans sei, der 
ihm darin das Schlußwort zu ihrer Augsburger Disputation 
übermittelte, hatte er sofort bei der ersten Einsichtnahme 
erkannt und in der im Frühjahr entstandenen Vorrede zum 
Galaterbriefe ausgesprochen 2 ), die nach den folgenden Aus¬ 
führungen nicht vor den ersten Tagen des Monats Juni ent¬ 
standen sein kann. 

Denn nun ist es möglich, einen wichtigen Schritt Miltitzens, 
der diesmal nicht auf eigene Faust handelte, sondern in der 
Hauptsache nach einer mündlichen Anweisung Cajetans, 
hier einznordnen, nachdem letzthin Crentzberg ihn in die 
erste Hafte des Januars 1518 verlegt und zu einem Ausfall 
gegen die „grenzenlose Systemlosigkeit des römischen Proze߬ 
verfahrens“ benntzt hat 8 ), das vielmehr, von den Wahl- 

') Köstlin-Kawerau, M. Luther I, 250. 

2 ) Kapp a. a. 0. S. 444 ff. Forschungen S. 67. 

■*) K. v. Miltitz S. 54. Vgl. Militziade S. 3 Anm. 2 die treffende 
Bemerkung Hermelinks. — Ein weiteres Beispiel für die Arbeitsweise 
(’r.s: S. 59 heißt es: „Cajetan traf am 18. März in Frankfurt ein, was 
er Miltitz mitteilte.“ Die Anm. spricht von einem Briefe bei Cyprian I, 
429 f. Da findet sich aber kein Brief Cajetans, sondern M. teilt dem 
Kurfürsten S. 431 ff. am 20. März aus Augsburg mit, er wolle heute 
nach Frankfurt abreisen, wo er den Legaten zu finden hoffe, wie ihm 
dieser geschrieben habe. Vgl. ZKÜ. XXV, 400 Anm. 1, 409 Anm. 2. 
Cajetan traf am 10. März in Frankfurt ein (D. Reichstagsakten I, 346 
Anm. 3) und reiste von da ab, ehe M. zu ihm kam. 

11 * 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSSTY OF MICHIGAN 



160 


68 


Digitized by 


manövern Leos X. abgesehen, hier in seiner Folgerichtigkeit 
bestens gerechtfertigt wird. 

Zunächst muß daran erinnert werden, daß die in Alten¬ 
burg verabredete Übertragung der Entscheidung an einen 
deutschen Bischof von beiden Teilen, vom Kurfürsten wie 
von Miltitz, nicht aufrichtig gemeint war: der Kurfürst hatte 
diese Finte dem leichtfertigen Kommissar suggeriert, und 
dieser wieder gedachte sie als Falle zu benutzen, um Luther 
zum Widerrufe zu drängen oder auch je nach Gelegenheit 
sich seiner Person zu bemächtigen. Der „alte Fuchs“, Erz¬ 
bischof Richard von Trier, der genau wußte, wie weit er 
in dieser scheinbaren Vermittlung würde gehen dürfen, hatte 
sich Anfang Mai zu solcher zweideutigen Rolle bereit finden 
lassen; die Einwilligung des Legaten als des von der Knrie 
delegierten Richters wird aber nur verständlich, wenn man 
beachtet, daß der Erzbischof nur „neben ihm“ Richter sein 
sollte, wie Miltitz dem Kurfürsten am 3. Mai anzeigte 1 ). 
Cajetans Zusage, daß er „nichts widerrufen werde, was der 
Bischof von Trier tun werde“, ist natürlich dahin zu ver¬ 
stehen, daß dieser keine Entscheidung treffen konnte, die für den 
Legaten unannehmbar war. Dieselbe Versicherung in deu 

x ) Enders II, 25. Als Miltitz seiner offiziellen Eigenschaft als 
päpstlicher Kommissar und der Aufsicht des Legaten ledig war, ver- 
stieg er sich gar zu der einfältigen Anmaßung, selbst, neben dem 
Erzbischof als Richter Luthers fungieren zu wollen. Miltitziade S. 35, 
39, 43. Nach dem Erscheinen Aleanders, der den mit dem Trierer 
Kommissorium getriebenen Schwindel gründlich aufdeckte (ZKG. XXV, 
515 f.), beschränkte sich Friedrich vorsichtigerweise auf die Fiktion, 
als sei der Trierer wenigstens mit der Voruntersuchung, der inqnisitio 
famae, vom Legaten betrant worden: so sagt Spalatin im Entwurf 
einer Antwort an Hadrian VI.: Miltitz habe damals mit Luther selbst 
dahin verhandelt, daß dieser Wittenberg nicht verlassen solle, und 
„der Erzbischof als K o m in i s s a r i u s sich auf des Kardinals 
S. Sixten Bitte damit beladen, die Sache zu ver¬ 
hören; das habe Luther angenommen und vor Trier zu erscheinen 
bewilligt“; nur darum sei er in Wittenberg verblieben (September 1523). 
In der Instruktion für seinen Gesandten auf dem Nürnberger Reichs¬ 
tage vom 16. Februar hatte der Kurfürst nrn* behauptet, Miltitz habe 
damals angezeigt, daß der Erzbischof von Trier als ein Kommissarius 
Befehl hätte die Sache zu verhören, was Luther angenommen und 
daraufhin unter dem Schutze des Kurfürsten verblieben sei (Wülcker- 
Virck, Planitz-Berichte. Leipzig 1899. S. 367, 32 ff., 610, 37 ff.). 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



69 


161 


Schreiben an Lnther nnd an Spalatin 1 ), daß der Legat alles 
genehmigen werde, was der Trierer „in seiner Gegenwart 
tue“, wird überdies erläutert durch die vorausgeschickte 
Bemerkung: „Cajetan sei voll gütiger Gesinnung gegen Luther, 
vorausgesetzt, daß dieser widerrufen wolle 
(dummodo . . . se emendare velit), wie er ja mit Miltitz 
in Altenburg mehrfach übereingekommen sei.“ Dieser stellte sich 
also naiver Weise auf den Standpunkt, daß die Entscheidung 
des Prozesses durch den Trierer subdelegierten Richter 
für Luther als eine anständige Art des Rückzugs nur will¬ 
kommen sein könne. Cajetan dagegen vergab seiner Stellung 
als Richter nichts und hat damals schon die Mitwirkung des 
Trierers als ganz nebensächlich behandelt, sie auch nach 
Beendigung seiner Legation nicht weiter empfohlen. 

Denn als Cajetan unmittelbar darauf den Nuntius an 
den Kurfürsten abordnete, um ihm die ersten Eröffnungen 
über seine vom Papste gewünschte Kandidatur zu machen, 
ersuchte er ihn gleichzeitig Luther vorerst noch in Wittenberg 
zu belassen, bis Miltitz dort noch weiter Uber seine An¬ 
gelegenheiten mit Friedrich verhandelt habe 2 ): der Nuntius mußte 
am 11. Mai den Kurfürsten ersuchen, die von ihm vorge¬ 
schlagene schiedsrichterliche Behandlung einstweilen ruhen 
zu lassen, womit Cajetan seine vorübergehende Einwilligung 
schon zurücknahm. Denn nun instruierte er seinen Unter¬ 
gebenen zugleich darartig, daß ihm bei dem schon in Weimar 
(26. bis 30. Mai) erfolgten Zusammentreffen mit dem Kur¬ 
fürsten und Spalatin 8 ) wenig Spielraum zu Seitensprüngen blieb, 

») Cyprian II, 121, 124 f. 

2 ) ZKG. XXV, 413 f. 

*) Vgl. ZKG. XXV, 412 Anm. 1, 416 Anm. 2. Wahrscheinlich 
läßt sich die Zeit der Verhandlungen während der aus dem Itinerar 
des Kurfürsten bekannten Dauer seines Aufenthalts in Weimar von 
Donnerstag, dem 26. Mai bis zum 30., Montag nach Rogate, noch ge¬ 
nauer festlegen. In der umfassenden Denkschrift vom Ende des 
Jahres, in der die kurfürstlichen Räte die durch Miltitz dem Kur¬ 
fürsten übermittelten Drohungen der Knrie ablehnen mußten (Cyprian 
II, 142—148. ZKG. XXV, 437 ff. Miltitziade S. 29 ff ), wird die an¬ 
gebliche schiedsrichterliche Kommission des Erzbischofs von Trier 
ausgenntzt und daran erinnert, wie Miltitz bald nach der anfänglichen 
Vorladung Luthers nach Koblenz sich dessen Kommen brieflich ver- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



162 


70 


Digitized by 


In der schriftlichen Instraktion (etwa vom 16. Mai) x ) 
die Cajetan diktiert hat, wurde Miltitz angewiesen „vor allem“ 
bei dem Kurfürsten den Befehl zu erwirken, „daß in Kirchen 
und Klöstern, sowie bei allen Versammlungen von Geistlichen 
und Laien,“ (also auf den Kuralkapiteln und den Landtagen) 
„beglaubigte (authentica) Exemplare der neuen Dekretale 
über die Ablässe feierlich und verbindlich (cum effectu) be¬ 
kannt gemacht würden.“ Die Bulle selbst schrieb vor, daß 
die zu diesem Zwecke verbreiteten Kopien durch die Unter¬ 
schrift eines öffentlichen Notars und das Siegel eines Prälaten 
bekräftigt sein müßten 2 ): derartige Exemplare wurden dem 
Nuntius also mitgegeben. 

Dann sollte Miltitz die Bitte des Legaten um Gewährung 
einer Zusammenkunft bei Frankfurt in Sachen der Kaiser¬ 
wahl vortragen; die weiteren Punkte, über die Miltitz münd¬ 
lich mit dem Kurfürsten verhandeln sollte, hatte Cajetan, 
wie man dies bei einer ostensibeln Instruktion der besseren 
Beglaubigung wegen zu tun pflegte, eigenhändig angedeutet: 
„Über das Kommen Martins zu uns usw., wie wir verab¬ 
redet haben. Über die Ursache des Aufschubs (der Über¬ 
bringung) der Rose, wie wir gesagt haben.“ Schließlich 
folgen Empfehlungen des Legaten an den Kurfürsten. 

Die angedeuteten Erklärungen über Luthers Angelegen¬ 
heit, die Cajetan dem Kurfürsten zur Kenntnis zu bringen 
wünschte, sind nun niedergelegt in einem Gutachten Miltitzens 8 ), 

beten und sein demnächstiges persönliches Erscheinen beim Kurfürsten 
zu mündlichem Bericht angezeigt habe; „also wäre er darnach un¬ 
gefährlich Freitags nach Vocem iucunditatis“ (= Sonntag Rogate) 
zum Kurfürsten gen Weimar gekommen und habe diesem nebst 
andern Schriften (besonders der Bulle „Cum, postquam“) einen 
Brief des Erzbischofs von Trier gebracht, in dem dieser meldete, wie 
der Kardinal und Miltitz ihn um gütliche Vermittlung ersucht 
hätten usw. (p. 145). Dieses Datum, das uns auf den 3. Juni führen 
würde, ist natürlich falsch, aber wahrscheinlich liegt nur ein Schreib¬ 
fehler vor, indem es heißen sollte: „Freitag v o r V. i.“; Miltitz wäre 
also am 27. Mai in Weimar eingetroffen, so daß die Verhandlungen 
am 28. und 29. stattgefunden haben. 

*) Cjprian II, 115 ff. 

*) Opp. var. arg. II, 431. 

*) Cyprian II, 134 ff. Das darauf folgende Gegenbedenken Spa- 
latins liegt in Cod. Goth. A. 337 vor. 


Go 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



71 


163 


in dessen Eingang er sich an! einen Wunsch Friedrichs be¬ 
zieht, ihm darznlegen, „was in der Sache des päpstlichen 
Stuhles und Herr Martin Lutters nützlich möchte erfanden 
werden.“ Denn es gehörte zu den Gepflogenheiten der reichs¬ 
ständischen Diplomatie, der Gegenpartei die Vorschläge zu 
einem Ausgleich zuzuschieben. 

Diesmal stellt nun Miltiz klipp und klar als unerläßliche 
Hauptbedingung voran, daß Luther sich vor der römischen 
Kirche demütigen müsse, indem er alles, womit er ihr und 
dem päpstlichen Rechte Abbruch getan habe, widerrufe; wenn 
er dabei dreist hinzufügt: „wie wir denn unter uns kon- 
kordierten und übereingekommen sind,“ so meint er damit 
den zweiten Teil der Altenburger Abrede, bei dem Luther 
freilich seine Überführung durch einen unparteiischen 
Schiedsrichter zur Voraussetzung gemacht hatte. 

Dem sachlichen Zusammenhänge nach schließt sich zu¬ 
nächst der fünfte Punkt an, indem in stillschweigender Anspie¬ 
lung auf Friedrichs Schreiben an Cajetan vom 18. Dezember 1518 
darauf hingewiesen wird, daß Luther künftig nicht mehr be¬ 
haupten könne, er sei ungehört — „nondum cognita causa et 
sufficienter discussa 1 )“ — verurteilt vorden. Denn der Papst 
habe sich durch seine Schriften veranlaßt gesehen, eine 
Dekretale abzufassen, in der Luthers Zweifel endgiltig behoben 
würden, so daß er hinfort auf keine weitere Belehrung über 
die Ablässe zu warten habe und nicht mehr seiner eigenen 
irrtümlichen Auffassung zu folgen brauche. Der Nuntius 
übergab gleichzeitig eine Kopie der Bulle, die dem¬ 
nach als Unterlage für den Widerruf dienen sollte. Aber 
während in den Breven vom 23. August und 11. Septem¬ 
ber 1518 der Legat ermächtigt worden war, Luther nach 
geschehener Unterwerfung wieder in den Schoß der Kirche 
aufzunehmen und nach heilsamer Buße die völlige Wieder¬ 
herstellung seiner Ehre auszusprechen („ad famam honores- 
que restituendi“) 2 ) verlangte er jetzt folgerichtig, daß, wenn 
Luther, der zu seiner Halsstarrigkeiten dem delegierten 
Richter gegenüber die Berufung an ein Konzil hinzugefügt 


*) Opp. var. arg. II, 409. 
*) Forschungen S. 58 f. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



164 


72 


Digitized by 


hatte und dessen Absolvierung durch die neue Bulle dem 
Papste Vorbehalten wurde, auch jetzt noch den Widerruf zu 
beschwerlich finde, der Kurfürst ihm „auf ewige Zeiten“ 
das Predigen untersagen müsse. Diese Vollstreckung der 
suspensio a divinis wäre eine tatsächliche Anerkennung 
der längst eingetretenen excommunicatio latae sententiae 
gewesen, und nach diesem ersten Zugeständnis hätte Friedrich 
den Bemakelten auch an seiner Universität nicht mehr halten 
können. Und auch wenn Luther sich nachträglich noch 
zum Widerrufe entschlossen hätte, wäre es bei dieser Ab¬ 
machung gehlieben. 

Es entsprach ferner nicht der von Miltitz sonst und auch 
in den Formen dieser Denkschrift zur Schau getragenen hö¬ 
fischen Devotion, wenn er dann den Kurfürsten aufforderte 
zu bedenken, ob er sich getraue Luther und seine Anhänger 
auf die Dauer gegen die römische Kirche zu beschützen. 
Nachdem also Friedrich den Forderungen des Papstes gegen¬ 
über schon zweimal die Auslieferung Luthers, dem Legaten 
seine Ausweisung verweigert und sich notorisch der in dem 
Breve vom 23. August 1518 den Gönnern Luthers angedrohten 
Strafen schuldig gemacht hatte, ließ ihm der Legat hier mit 
aller Schonung, die dem gegenwärtigen Thronkandidaten 
des Papstes gebührte, zu Gemüte führen, wie die Macht des 
Oberhauptes der Kirche der seinigen doch unzweifelhaft 
überlegen sei: Miltitz mußte ihn an den Sieg Julius II. Uber 
die schismatischen Bestrebungen Ludwigs XII. und Maximilians I. 
erinnern, die mit der Absetzung von vieren der beteiligten 
Kardinäle (24. Oktober 1511) und dem kläglichen Scheitern 
des Konzils von Pisa geendet hatten *); nur daß der Nuntius 
dabei nach seiner Art den Mund etwas zu voll nahm und 
auch „Engelland, Schottland, Burgundia und ganz Italia“ als 
gleichzeitige Feinde der Kurie aufzählte, auch von neun ab¬ 
gesetzten Kardinälen redete, deren „Statuen der Papst ver¬ 
brannt habe.“ 

Das Gegenbedenken Spalatins ist in aller Kürze her¬ 
anzuziehen, weil es vor allem beweist, daß diese Verhand- 

J ) Pastor, Gesch. der Päpste III, 649 ff., bes. 683, wo eine Ver¬ 
brennung hölzerner BUder der Kardinäle, wie sie am 12. Juni 1521 
mit einem Standbilde Luthers vorgenommen wurde, nicht erwähnt wird. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



73 


165 


langen noch während der Anwesenheit and Zuständigkeit 
Cajetans geführt wurden, die mit der Kaiserwahl ihre End¬ 
schaft erreichte. Es war zunächst nur eine schwache Aus¬ 
flucht, wenn der Hofkaplan Friedrichs angesichts der Über¬ 
reichung der Bulle „Cum, postquam“ noch verlangte, daß 
Miltitz den begehrten Widerruf bestimmt formulieren müsse, 
da er ihn vielleicht in größerem Umfange fordern könne als 
der Legat, der nach Luthers „Acta Augustana“ in der Ab¬ 
laßfrage nur den einen Satz angefochten habe, „daß das 
Verdienst Christi der Ablaß sein sollte.“ Mit der Oberfläch¬ 
lichkeit, die das Korrelat seiner sonst so nützlichen An¬ 
passungsfähigkeit war, übersah Spalatin dabei, daß viel¬ 
mehr Luther es war, der die Gleichsetzung des Verdienstes 
Christi mit den vom Papste kraft der ihm verliehenen Schlüssel¬ 
gewalt gespendeten Ablässen, die nur von zeitlichen Strafen 
entbinden könnten, bekämpft hatte, *) und so ist es ihm mög¬ 
lich, kurzer Hand zu behaupten, daß Luthers Meinung mit 
den Erklärungen der Dekretale über diesen Punkt völlig 
im Einklang sei, so daß Miltitz sich auf die Bulle gar nicht 
berufen könne. 

Zutreffend aber fährt er fort, daß, wenn Luthers Wider¬ 
ruf auch den Nuntius befriedigen („besättigen“) sollte, doch 
vermutlich der Legat oder andere weiter gehen würden: denn 
einmal erinnerte er sich doch vielleicht, daß Cajetan schon 
in Augsburg noch eine andere grundliegende Lehre Luthers, 
die vom Glauben als der notwendigen Voraussetzung für den 
heilbringenden Empfang der Sakramente, beanstandet hatte; 
und dann bemerkte er, daß ja seit der Absendung Miltitzens 
manche Veränderung in Luthers Standpunkt vor sich gegangen 
und durch gedruckte Schriften belegt sei, die den Papst und 
den Legaten zu entsprechenden Maßregeln veranlassen müßten, 
wie das in erster Linie der zwischen Luther und Eck ent- 


*) Köstlin-Kawerau, M. Luther I, 204, 207 {., 220 f. Einen 
weiteren urkundlichen Beweis für die theologische Rückständigkeit 
des sonst so nützlichen nnd fleißigen Hofkaplans, der sich keineswegs 
von eigenem Wissensdurst getrieben, sondern im Aufträge des Kur¬ 
fürsten um die religiösen Unterweisungen Luthers bemühte, habe ich 
ift der Miltiziade S. 31 Anm. 3 gegeben. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSSTT OF MICHIGAN 



166 


74 


Digitized by 


brannte Streit Uber „das göttliche Recht“ des Papsttums } ) 
tatsächlich anch zur Folge hatte. 

Die Forderung, Luther von der Kanzel fernzuhalten, 
wies Spalatin, der in dieser Hinsicht der Übereinstimmung 
mit seinem Herrn von vornherein gewiß sein durfte, unter 
Berufung auf S. Paulus, 2. Tim. 2, 9 („das Wort Gottes ist 
nicht gebunden“) zurück; die Drohung des Legaten aber 
erklärte er für unstatthaft unter Hinweis auf das Hirten- 
und Lehramt des Papstes, wie es S. Petrus und die ersten 
heiligen Bischöfe von Rom verstanden hätten. 

Nun hatte aber Miltitz es sich nicht versagen können, 
auf seine vorwitzigen Machenschaften zuritckzukommen und, 
wie er es schon im Herbst in Liebenwerda wieder versuchte, 
auf seine Manier die Unterwerfung Luthers anzubahnen: 
er bemerkte also, daß wenn Luther „alhie“ beim Kurfürsten 
wäre, so hoffe er bei geeigneter Einwirkung Friedrichs von 
Doktor Martinus eine Erklärung zu erlangen, die der Papst 
mit einem „tolorari potest“ annehmen könne; vielleicht könne 
man sich auch auf einen fremden, für Luther unverdächtigen 
Richter einigen, der die Sache untersuchen solle. Er wagte 

') Über diesen Kernpunkt des ganzen Streites verriet wieder 
Miltitz bei der übrigens völlig belanglosen Unterredung mit Luther 
in Liebenwerda (9. Oktober 1519) eine Unwissenheit, die man bisher 
wohl ans überliefertem Respekt vor dem „Nuntius und Kammerherrn“ 
nicht gebührend hervorgehoben hat: Köstlin (M. Luther I, 264) er¬ 
wähnt nichts davon; Creutzberg schreibt nur die verworrene Über¬ 
setzung Spalatins (Cyprian II. 141) wörtlich ab, zitiert aber gerade 
hier den lateinischen Bericht Luthers bei Enders II, 188. Danach 
machte der mit kanonischem Recht offenbar nicht beschwerte Junker 
Luthern von vornherein das Zugeständnis, daß der Papst die von ihm' 
gegenwärtig beanspruchte Gewalt nicht kraft göttlicher Verleihung 
besitze, doch sei sein Auftrag immerhin verschieden von dem der 
übrigen Apostel; und als sich Luther nach dem Wesen dieses Unter¬ 
schiedes erkundigte, wußte der UnglückUche nichts weiter vorzubringen, 
als daß die Vollmacht Petri sich auf einen andern Teil der Welt er¬ 
strecke, im übrigen sei es dieselbe wie die der andern Jünger. Er 
meinte damit offenbar nichts weiter, als daß der Nachfolger Petri eben 
tatsächlich von Rom aus die Herrschaft über die abendländische Kirche 
ausübe. Auf diese Weise konnte er freilich hoffen mit Luther „der 
Sache bald eins zu werden“. Es ist dies das einzige Mal, daß M. auf 
eine der Streitfragen sachlich eingegangen ist, was von vornherein 
nicht seines Auftrages war; dieser aber war damals schon erloschen. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



75 


167 


also den Trierer Erzbischof, dessen Mitwirkung Cajetan schon 
wieder ausgeschaltet hatte, nicht mehr zu nennen, und er¬ 
leichterte es so dem Vertreter Friedrichs, diesen Vorschlag 
als ganz aussichtslos bei Seite zu schieben und statt dessen 
Luthers Anerbieten zu empfehlen, der sich der Prüfung und 
dem Erkenntnis der vier Universitäten Freiburg, Löwen, 
Basel und Paris oder eines Schiedsgerichts der gelehrtesten 
Italiener, Franzosen und Deutschen unterwerfen solle. Dies 
war natürlich für die Vertreter der Kurie derartig unan¬ 
nehmbar, daß Miltitz dem Legaten kaum davon Mitteilung 
gemacht hat, wie Luther seinerseits die Ladung vor den 
Trierer Erzbischof ohne vorherige Zustimmung des Papstes 
als eine plumpe Finte mit bitterem Hohn zurückgewiesen 
hatte. 1 ) 

Seiner Schlußbemerkung zufolge hat nun Spalatin die 
Dekretale sofort an Luther übermittelt 3 ), der sich indessen 
zu keiner besonderen Kundgebung veranlaßt sab, weil der Streit 
gegen Born längst in ein neues Stadium getreten, er auch 
mit den Vorbereitungen für die Leipziger Disputation be¬ 
schäftigt war; wie er am 30. Mai einem Ordensbruder mit¬ 
teilte, war der Druck seines Kommentars zum Galaterbrief 
in Leipzig dem Abschluß nahe 8 ): in der nun erst nieder¬ 
geschriebenen Vorrede gönnt er dem Werke Cajetans eine 
spöttische Erwähnung. 

Die von dem Legaten vorgeschriebene Veröffentlichung 
der Ablaßdekretale hat Miltitz auch im Herbst, als er bei 
Übergabe der goldenen Bose in Altenburg die beiden Ab¬ 
laßbullen für die Wittenberger Schloßkirche publizierte, 
nicht vornehmen dürfen, und so wird das an Luther weiter¬ 
gegebene Exemplar das einzige sein, das nach Kursachsen 
gelangte. Die Kenntnis der abschließenden päpstlichen De¬ 
finition der Ablässe verdankt man also bis jetzt im wesent¬ 
lichen der Sorgfalt, mit der Luther dieses Aktenstück auf bewahrt 
und den übrigen Denkmälern jenes weltgeschichtlichen Kampfes 

: ) Luther an Spalatin, an Lang, beides vom 16. Mai, an Miltitz, 
17. Mai. Enders II, 46, 51, 53 ff. 

*) Vgl. die schnelle Beförderung des Schreibens Cajetans nach 
Wittenberg an Luther, ZK(t. XXVII, 329. 

*) Enders II, 63, 20. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



168 


76 


Digitized by 


einverleibt hat. Die Bulle „Cum, postquam“ war, wie ein 
katholischer Kirchenhistoriker *) urteilt, die Antwort auf 
Luthers Appellation an den besser zu unterrichtenden Papst; 
durch sie „wurde der theologischen Opposition gegen die 
Wittenberger Reformlehre der Stempel der kirchlichen Or¬ 
thodoxie aufgedrückt.“ Ihr Verfasser hat dann aber auch 
als delegierter Richter in Luthers Sache alles getan, was 
in seinen Kräften stand, um die Vollstreckung des nun der 
Öffentlichkeit gegenüber feierlich begründeten Urteils anzu¬ 
bahnen. 

[Bl. j‘] 

Copei? 5er Butten tmfers fyeili^iften 
Patter 23at>ft Ceo 5es 3efyen5ten: 
Port ftrafft 5es Hornigen 2tntla|: 

2lu£ 6er matt mol ftnbett mirbt / bas etlidj piebig baruott 
eingetrucffyt mit yrer befeftigung / itocfj etftten ftercffye 
nocfy ber perg gro£ pttb ferner fyaben / fo fy burdj 
bett anfcfyein ber marljayt fo gar lieberltcf} 
5erflteffen pnb 5m ffjot merben / Vnb 
nxdft artbers finiter yn laffen als 
faulen geftancffy grauffa* 
mer yerrung. 

*) H. Laemmer, Die vortridentinisch-katholische Theologie des 
Reformationszeitalters. Berlin 1858. S. 12 f. In einem Breve an die 
Schweizer Kantone vom 30. April 1519, das der Nuntius Anton Pucci 
wegen seiner Auseinandersetzungen mit Zwingli erwirkt hatte, ver¬ 
weist der Papst auf die beiliegende Bulle, die er aus Anlaß eines 
ähnlichen Streites „inter aliquos theologos partium Alemanniae“ an 
den Kardinallegaten Thomas gerichtet habe über die Gewalt des 
Papstes bei Verleihung der Ablässe „juxta Romanae ecclesiae veram 
definitionem“, die bei Strafe der excommunicatio latae sententiae 
von allen beobachtet und gepredigt werden müsse. Der Papst erwartet, 
daß die Eidgenossen solche Disputationen nicht anhören und „verae 
determinationi S. Romanae ecclesiae et huius S. Sedis, quae non 
permittit errores“, sich anschließen werden. Löscher, a. a. O. III, 
925 f. Die Kurie hat also dem Inhalt der Dekretale den vollen Wert 
einer endgültigen Entscheidung des höchsten unfehlbaren Lehramtes 
beigemessen. 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



77 


169 


[Unter dem Titel das prächtig in spätgotischem Stil gehaltene 
Wappen Leos X.; der Schild mit den sechs Kugeln der Medici, in der 
obersten der Reichsadler, überragt von der dreifachen Krone, dahinter 
die gekreuzten päpstlichen Schlüssel mit Bändern. Der Holzstock ist 
geschnitten worden in freier Nachahmung des Papstwappens Leos X. 
wie es auf den offiziellen Drucken etwa der Bullen des V. Lateran¬ 
konzils erscheint, doch zeigt da die oberste Kugel drei Lilien, das 
Wappen von Florenz.] 

|B1. g*] 

Eo pabst ein diener der diener gottes. Dem lieben 
san Thome des titel sand Sixt zw dem allerliebesten 
in Christo vnserm sun Maximilian erwelltem Kayser, 
vnserm vnd des Römischen stuel Legaten hayl vnnd pabst- 
5 liehen segen. So nach dem dein weißhait khomen ist in 
Deutsche landt, ist an vnns gelangt, das etlich geistlich 
auch zu predigen das wort gottes verornt, von dem antlaß 
von vns vnd andern bapsten vnsern vorfodern von vnge- 
denckhlicher zeit here gewonlich verliehen, olfenlich predigent 
10 maniger menschen hertzen yrrung einpildent, das vns den 
yn rechter erkhantnuß vil zw schwere und betrieblich was. 
Haben wir yn anderm vnserm schreiben beuolhen deiner 
weißhait von der wir vmb yr sonderliche lere vnnd yn wi- 
richlichen Sachen erfarung sonderlich in Christo dem herren 
15 vertrawen haben, befolhen das dw durch vnsern gewalt dy 
ding die dan bestatung wirdig weren bestetten mechtest. 
Aber dy ding die der warhait nit geleichen, auch so sy ge- 
rett wurden von den dy da der Römischen kirchen lere 
nachzuuolgen sich willig bekhenten, zuuerwerffen vnd ver- 
20 damen vleiß ankherest. Vnnd das nicht hin für etwas vn- 
wissenhait der leer der Römischen khirchen, die solichen 
antlas vnd krafft des antlaß berueret, furschlag oder von 
wegen solicher vnwissenhait sich entschuldig, oder mit ge- 
dichter protestation sich behelfe, sonder das dy selbing 
25 von gewisser lug als die strafflichen vberwunden vnd billich 
verurteilt mogent werden. Haben wir vns furgenomen 
dir zu verkhunden durch dise gegenwirtige geschrifft, das 
dy Ro-[Bl. ij b ]mi8ch kirchen, der dan dy anndern als yrer 
mutter schuldig sindt nach zu volgen. Hat in der lere ge* 
80 geben das der vatter Babstain nachuolger Petri der himlischen- 
schlisseltrager vnd Jesu Christi auff der erden stathalter in 
macht der himelschlissel, welichen zu gehört auff zw thuen, 
in abnemung der hindernuß der Christgelaubigen, das da ist 
dy schuld vnd penn, die do gepurt den sondern aus aigem 
35 willen volbracht. Die schlosset nemen ab die schuld durch 
mittel des sacrament der pueß. Aber die zeitlich penn die 


Difitized by Gougle 





170 


78 


nach gotlicher gereehtikhait gepuert den sundern des aigen 
willen durch mittel des antlaß, mag verleichen antlaß auß 
auifrichtiger vrsach der Christgelaubigen menschen dy do 
sind gelider Christi in verainigunder lieb aintzwer sy sindt 40 
in disem leben oder in dem fegfewr. Vnd das anß dem 
vberflnssigen verdienen Christi vnd der heiligen, Auch yn 
verleichung des antlaß auß Babstlichem gewalt den schätz 
des verdienen Christi vnd der heiligen austailen als wol 
für dy lebendigen als fwr dy totten, hat auch gewonhait 45 
solichen antlaß mit zutailen in weiß der ablosung oder in 
weis barmhertziger bilff den totten zuuerleichen. Ynnd darumb 
alle als wol die lebentigen als die totten, die warhafftikhlichen 
solichen antlaß erlangt haben, erledigen von so vill grosser 
zeitlicher penn die nach Gotlicher gereehtikhait gepuert, 50 
vmb yr aigenwillig sundt als vil da geleicht dem verliehen 
vnd erlangten antlaß. Vnd durch gewalt des Römischen stuel 
in lautt der dasigen geschrifft, entlieh verornen wir, das es 
also schol von allen gehalten vnd gepredigt werden, pey 
gefeitem vrtail der pen des grossen pann, von welichem 55 
[Bl. iij a ] die dar ein khomen werdent, nit mogent entpunden 
werden, von khaim andern als von dem heiligen vatter Pabst 
ausgenomen tödliche notte. Vnnd das niemant von den vor- 
geschriben dingen mog anziehen die vnwissenhait so gebietten 
wir deiner weißhait, das dw alle vnnd ainen yeden sunderlich 60 
Teutscher landt Ertzbischolff, Bischolff, vnnd ander aigensel- 
trager, in krafft der heiligen korsam, vnd bey der pen der 
enthaltfig von den gotlichen amptern, manest vnd in strengen 
gebot gebietest das sy dise gegenwirttige geschrifft oder yer 
gelaubhafftig abgeschrifft in der zeit dy in von deiner weißhait 65 
auffgesetzet wirdt, verkhunden in yren khirchen so dar ynnen 
die menig des volckh zw gütlichem dienst besambt wirdt. 
Vnd bey vorgemelltem antlaß die obgeschriben ding halten 
vnnd predigen sollen, bei geleicher pen, gefeiter vrtail des 
grossen Pann. Vnnd niemant darwider yn ainigerlay weiß 70 
ebengeleich oder frembt verporgen sich vermeß zu streben. 
Nichtz weniger verleich wir dir in gegen wirttiger geschrifft, vol- 
khomen vnd freyen gewalt, gerichtlich zu handeln, wider die tor- 
stige vnd vngehorsamen, dy auch mit gepurlicher pen nach 
deinem guettem bedunckhen zu straffen. Allso das khainerlay 75 
die ding hindern soll. Vnd angesehen das es schwär were die 
gegenwirttigen brieff zu bringen an all besunderbar stett do 
es not were. Wellen wir vnd in eegemelltem gewallt entlieh 
verornen wir, das yrer gelaubhafftiger abgeschrifft vnterschriben, 
mit haudtgeschrifft aines offenbaren Notarij dar zu gepeten, 80 
vnd besichert mit sigel aines Prelaten, oder ainer person in geist¬ 
licher wird bestellt, oder khirlichs hoff, [Bl. iij b ] gentzlich 
solicher gelaub im gericht, vnd ausserhalb des gerichts vnd 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



79 


171 


anderswo geben werde, als diser gegenwärtiger geschrillt 

85 so sy furgebracht vnnd gezaiget wurde. 

Geben zw Rom bey sandt Peter in dem iar von der 
menscbwerdung des herrn Tausent funffbundert achtzehen. 
Quinto Idus Nouembris. In dem sexten iar vnnser pabstlichen 
wirdt. 

90 Bembus 

Der Schreiber ist gewesen Albergatus 
Registriert außwendig wonunt 1 ) 
bey mir Bembus. 

Getruckt zw Wienn in Österreich. 

95 Mit gunst vnd willen des gnedigiste 

herü Bischoff daselbst. 

[Bl. 4 weiß] 

>) So! Der Notar beschreibt: „A tergo vero literarum apostoli- 
carum praefatarum: Registrata apud me Bembum.“ Gemeint ist also: 
„wohnend“ = verbleibend, zu finden bei... Bei der Seltenheit des 
Druckes war zunächst eine diplomatisch genaue Wiedergabe notwendig. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHfGAN 



Mitteilungen. 


Digitized by 


Aus Zeitschriften. 1 ) 

Allgemeines. Über den Konstanzer Ablaß von 1513 und 
1514, über den seinerzeit Schulte (Die Fugger in Rom) ausführlich 
handelte, bringt H. Bai er aus neu aufgefandenen Akten des bischöf¬ 
lichen Archivs einige weitere Nachrichten, die besonders für die Vor¬ 
bereitung des Ablasses nicht unwichtig sind; unter den Beilagen be¬ 
gegnet ein Verzeichnis der General- und Vizekommissare für den 
Ablaß. ZGObrh. 65 (N. F. 26) S. 193—203. 

Auf Grundlage der vatikanischen Dokumente, die im An¬ 
hang mitgeteilt werden, behandelt G. Brom den König Karl (V.) im 
Jahre 1515 von P. Leo X. verliehenen Ablaß zur Herstellung der 
verwahrlosten Dämme in den Niederlanden; in Wahrheit war es auf 
Bereicherung des Königs wie des Papstes (der die Hälfte erhielt) ab¬ 
gesehen: De Dijk-aflaat voor Karei V., in Bijdragen en Mededeelingen 
van het hist. Genootschap te Utrecht, 1911 S. 407—459. 

Über „Wetterzeichen der Reformation nach Murners Satiren aus 
der vorlutherischen Zeit“ handelt G. Schuhmann in RQuSchr. 25, 3 
S. 162*—184*. Er gibt Auszüge aus Murner, die die sittlichen Schäden 
der Zeit aufzeigen. 

W. Köhler, Reformation und Mission, untersucht, weshalb 
die Reformation auf dem Gebiet der Mission nicht förderlich gewesen 
ist. Er kommt zu dem Ergebnis, daß die Reformatoren die Heiden¬ 
bekehrung, getreu dem Grundsatz „alles aus Gnaden“, Gott anheim¬ 
stellen, dem sie es überlassen, „Apostel“ zu erwecken; eine plan¬ 
mäßige Heidenmission wäre ihnen als Werkdienst erschienen. Schw. 
theolZ. 28, S. 49—66. 

Aus den Actis generalatus Aegidii Viterbiensis, die sich, aus 
dem Archiv des Ordens ausgezogen, in einer von der K. Bibi, zu Berlin 
kürzlich erworbenen engl. Hs. 18. Jh. befinden, gibt G. Kawerau 
einige Extrakte von 1510—1518, die auf die Verhältnisse des Ordens 
in Deutschland sowie die Anfänge des lutherischen Handels Licht 
werfen. ZKG. 32, 4 S. 603-606. 

*) Die Redaktion ersucht die Herren Verfasser höflich st um Zu¬ 
sendung einschlägiger Zeitschriftenartikel zur Anzeige an dieser Stelle. 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



81 


173 


In The Biblical World 38, 4 S. 235—245 charakterisiert Pr. Smith 
Erasmus, Luther, Melanchthon, Zwingli und Calvin als Bibelinter¬ 
preten, indem er hervorhebt, daß mit ihnen die Bibelkritik erst be¬ 
ginne; sie seien gleichsam die Vorläufer der modernen historischen Schale. 

Im Nachtrag zum 32. Jahrg. d.Ges.f.d.Gesch.d, Prot, in Österreich 
S. 73—91 verteidigt J. Bidio, „Zur Frage über das konfessionelle 
Verhältnis der Brüderunität zum Luthertum w , seine in 2 tschechisch 
geschriebenen Schriften entwickelte Ansicht, wonach die Brüderunität 
von Anfang an den Reformierten konfessionell näher gestanden habe 
als dem Luthertum, gegen J. Kvagala („Die Beziehungen der Unität 
zu Flacius und Lasco w , im Jahrg. 30 und 31). Kva^ala bekennt sich 
am Schluß als nicht überzeugt. 

Aus der Autographensammlnng der Wiener Hofbibliothek teilt 
0. Clemen einen Brief Kf. Friedrichs des Weisen an den Bischof 
Bernhard Cleß von Trient, Rat Erzherzog Ferdinands, vom 16. August 
1524 mit. Friedrich äußert sich hier über seine Stellung zur Refor¬ 
mation, aber mit der ihm eigenen absichtlichen Unbestimmtheit. 
NASG. 32 S. 136—138. 

W. Stolze, Zur Gesch. der 12 Artikel, würdigt die ein¬ 
schlägigen Arbeiten von A. Peters und H. Böhmer (vgl. diese Ztschr. VIII 
S. 219), gegen deren Ergebnisse er verschiedene, formale und sach¬ 
liche Bedenken geltend macht: HZ. 108, 1 S. 97—104; er kündigt 
dabei eine eigene Arbeit über Hnbmeier an. 

W. Müller teilt eine Eintragung in ein auf der Darmstädter 
Großh. Bibliothek befindliches Exemplar der Weltchronik Hartmann 
vSchedels (1493) mit, wonach das Exemplar in der Schlacht von 
Pfeddersheim (24.—25. Juni 1525) von Eberhard Schenck von Er¬ 
bach den geschlagenen Bauern abgenommen wurde, die es anscheinend 
bei der Plünderung des Augustinerklosters in Großfrankenthal (zwischen 
Speier und Worms) geraubt hatten. „Vom Rhein“ X (1911) S. 49 f. 

In der ZHV. Niedersachsen 1911, S. 119—135 behandelt Roscher 
— etwas dilettantisch — das Ünternehmen Kf. Moritz’ von Sachsen 
gegen das in Verden stehende Mansfeldische Kriegsvolk (1550 Dez. 
bis 1551 Januar); er sieht darin eine wichtige Etappe auf dem Wege 
M.s nach Passau. 

W. Platzhoff, Eine deutsche Brautwerbung für K. Heinrich HI. 
von Frankreich i. J. 1574 (= ZVhessG. 45 S. 202—212) behandelt nach 
Marburger Akten einen Versuch Katharinas von Medici, durch Ver¬ 
schwägerung mit einem deutschen protestantischen Hause die pro¬ 
testantische Partei in Deutschland zu schwächen. Daß Lf. Wilhelm 
von Hessen diesem Bestreben einigermaßen entgegenkam, ist kein 
Ruhmesblatt für ihn. 

Biographisches. „Romae wolt meum avum ex purgatorio 
erlösen, gieng die treppen hinauf Pilati, orabam quolibet gradu pater 
noster. Erat enim persuasio, qui sic oraret, redimeret animam; sed in 
fastigium veniens cogitabam, quis seit an sit verum!“ Diese alle 

Archiv für Reformationsgeschichte. IX. 2. 12 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



174 


82 


Digitized by 


Merkmale der Zuverlässigkeit tragenden Worte Luthers über sein 
Erlebnis auf der Pilatustreppe in Rom teilt G. Buchwald 
aus einer noch nngedruckten Predigt L.s, die er auf der Zwickauer 
Ratsschulbibl. fand, in ZKG. 32,4 S. 606 f. mit, zugleich als eine 
bündige Widerlegung der leichtfertigen Darstellung bei Grisar I S. 24f. 

Im 2. Teil seiner „Ausschnitte aus dem Leben des jungen 
L u t h e r u setzt sich 0. Scheel mit Grisar über dessen Dar¬ 
stellung von Luthers Verhältnis zu den Observanten (von denen er 
angeblich zu Spalatin und den Konventualen abgefallen sein soll, was 
dann gewissermaßen der erste Schritt auf dem Wege fort von der 
Kirche gewesen sei) sowie über die Örtlichkeit des „inneren Erleb¬ 
nisses“ Luthers im Wittenberger Kloster in minutiöser, durchschla¬ 
gender Kritik auseinander, nach deren Ergebnis er sich zu dem Aus¬ 
spruch berechtigt fühlt, daß Grisar „das Wichtigte nicht gelernt habe, 
nämlich historische Fragen historisch zu behandeln“. ZKG. 32, 4 
S. 531—571. 

P. Kalkoff behandelt als Nr. 6 seiner neuen Forschungen zu 
Luthers römischem Prozeß „Luthers Rechtfertigung und Widerklage“ 
gegenüber den Machinationen der Dominikaner nach der Heidelberger 
Disputation. ZKG. 32, 4 S. 572—595. Den Schluß der Studie bringt 
Bd. 33, 1 S. 1—66; als Endergebnis bezeichnet es K., daß die 
schonungslose Verfolgung durch die Dominikaner und seine von diesen 
eiligst betriebene Prozessierung Luther zu der von ihm zunächst 
mehr geahnten als gewollten Reformation im Gegensatz zur Papst¬ 
kirche vorwärts getrieben habe. 

In „Luthers Stellung zur Inkorporation und zum Patronat 
1522 bis 1525 u polemisiert U. Stutz gegen die Auffassung K. Müllers 
(Kirche, Gemeinde und Obrigkeit nach Luther) von Luthers Äuße¬ 
rungen über die Inkorporation aus Anlaß des Altenburger Streites von 
1522. Nach Stutz vertritt L. hier die Anschauung, daß die Stadt¬ 
pfarrkirchen den Bürgerschaften deshalb gehören, weil sie sie erbaut 
haben und die Baulast tragen. Z. Sav. Stift, f. Rechtsgesch., kanon. 
Abt. I S. 309-313. 

L. Cristiani beschäftigt sich in RQH. 90 (N. S. 46), Liefer. 180 
S. 470—497 in anregender Weise mit den Tischreden Luthers, 
und zwar zunächst nach ihrer Entstehung, indem er die erste Ausgabe 
durch Aurifaber und die neuen Entdeckungen an Tischreden sowie 
die verschiedenen Sammler charakterisiert; ein zweiter Artikel soll 
sich über die der Wissenschaft durch die Tischreden gestellten Auf¬ 
gaben auslassen. 

Ein Vortrag von Theobald über die Bedeutung des kleinen 
Katechismus Luthers für die innere Bildung des deutschen Volkes 
ist abgedruckt in NkirchlZtschr. 23,2 S. 89—107. 

ln dem alten Einbanddeckel des Jenenser Univ.-Bibl.-Exemplars 
des Lufftschen Quartdruckes des N. T. von 1540 hat 0. Albrecht von 
Rörers Hand eine Abschrift des Lutherliedes: „Was fürchtstu 
Feind Herodes sehr“ gefunden, die er als die älteste Fassung des 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



83 


175 


Liedes nachweist; vielleicht hat Luther Rörer das Lied diktiert; das 
beigeschriebene Datum des 12. Dez. 1541 bezeichnet wohl sicher den 
Tag der Dichtung des Liedes. Mitgeteilt und erläutert in ThStK. 
1912, 2 S. 287—303. 

E. Fr. Fischer, Zum Schicksal lutherischer Gedanken im 
16. Jahrhundert (Nkirchl. Ztschr. 22 S. 719—737; 745—760), sucht, an- 
knüpfend an Tschackerts „Konkordienformel 1580“, nachzuweisen, daß 
in der Lehre vom Glauben wie von der Prädestination die Gedanken 
Luthers in der 2. Hälfte 16. Jahrh. zwar nicht unverändert geblieben 
seien, aber doch ihrem Kern nach sich behauptet haben. 

E. Koerner, Zur Liturgik der Reformatoren (= Nkirchl.Z. 
22 , S. 761—796), erörtert an der Hand der Schriften des Erasmus Alber 
dessen liturgische Bestrebungen, d. i. seine Ansichten über Zeit des 
Gottesdienstes, Kirchenschmuck, Priesterstand, Sakramente, Gottesdienst¬ 
ordnung, Erstkommunion, Gesang und Zeremonien usw. Alber lehnt 
sich, in scharfem Gegensatz nicht nur zu Rom, sondern auch zu den 
„Schwärmern“, durchweg an die Ideen und die Praxis Luthers an. 

H. Ammann beendigt seine Arbeit über Gregor An ge rer von 
Angerburg B. von Wiener-Neustadt in Forsch, u. Mitt. z. G. Tirols cet. 
VIII, 4 S. 304-319 durch Mitteilung von Angerers, meist von Kirch- 
mair abhängigen historischen Aufzeichnungen 1521—1526 (vgl. ds. 
Ztschr. VIII S. 413). 

0. Clemen druckt in ThStKr. 1912, 1 S. 129 — 139 aus dem 
Hauptstaatsarchiv in Dresden eine noch unedierte, bei Seidemann er¬ 
wähnte Streitschrift des sächsischen Pfarrers Franciscus Arnoldi gegen 
Luthers Schrift von der Winkelmesse und Pfaffenweihe mit einleitenden 
Erläuterungen über das Verhältnis Arnoldis zu Hz. Georg von 
Sachsen ab. 

Einen anon. Bericht über das Regensburger Religionsgespräch 
von 1546, in Letters and Papers, Henry VIII, vol. XXI, 1 (1908) 
Nr. 501, weist A. Hasenclever aus inneren und äußeren Gründen 
Bucer zu; der Bericht stellt danach das älteste publizistische Zeugnis 
eines Teilnehmers dar: ZGObrh. 65 (N. F. 26) S. 491—500. — Derselbe 
teilt ebenda S. 715—718 aus seinem Besitz einen poetischen Nachruf 
Sleidans auf Bucer (30 Zeilen) mit. 

8 Briefe des Nürnbergers Hieron. Besold (1520 — 1562), Tisch¬ 
genossen Luthers, aus Wittenberg 1541 und 1542, an Veit Dietrich 
in Nürnberg veröffentlicht G. Kawerau aus Knaakes, jetzt im Besitz 
von 0. Albrecht-Naumburg befindlicher Abschrift eines „Manuscriptum 
Thomasianum“, das zahlreiche Briefe aus Dietrichs Nachlaß enthielt. 
Die Briefe betreffen die Vorgänge und Verhältnisse in Wittenberg, 
Literarisches usw. BBK. 18 S. 38—47; 81—89; dazu S. 89f. eine „An¬ 
frage“ 0. Clemens in betreff der in den Briefen erwähnten Schrift des 
G. Bucoldianus über die „Hungerkünstlerin M. Weiß in Speier“. 

K. Francke, Erasmus als Denker und Künstler, betrachtet 
E. als Haupt-Repräsentanten der den deutschen Humanismus charakte¬ 
risierenden Verstandeskultur, und zeigt, wie E. gleichwohl in dem Lob 

12 * 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



176 


84 


Digitized by 


der Narrheit und den Vertrauten Gesprächen aus seiner rein intellek¬ 
tuellen Betrachtung des Lebens heraus wahre Kunstwerke von dauernder 
Bedeutung zu schaffen vermocht hat. Internat. Monatsschrift, I Heft 3 
(Dez. 1911), S. 270—292. 

Vermischte urkundliche Beiträge zur Geschichte Hz. Georgs von 
Sachsen (1490—1538) aus dem Bautzen er Stadtarchiv veröffentlicht 
in Regestenform P. Arras (NLaus. Mag. 87 S. 280—294); mehreres betrifft 
Klosterangelegenheiten. 

Eine poetische Grabrede auf Hz. Georg von Sachsen, die eine 
eingehende Charakteristik dieses darbietet, teilt 0. Clernen in NASG. 32 
S. 138—141 aus einem Wolfenbütteler Druck von 1540 (auf der Wiener 
Universitätsbibi.) mit. 

Th. Henner führt in einem Vortrag, der sich z. T. auf die Er¬ 
gebnisse eines Aufsatzes von M. Lenz über Florian Geyer (1896) 
stützt, die Bedeutung Geyers und seiner angeblichen „schwarzen Schar“ 
für die Würzburger Kämpfe im Bauernkrieg auf ihr richtiges Maß 
zurück und gibt über den Ausgang Geyers zuverlässige Mitteilung. 
Archiv HV. Unterfranken 52 S. 181—193. 

St. Ehses veröffentlicht in RöQuartalschr. 25, 2 S. 126*—129* 
eine von ihm in Bibi. Pia 198 (Vat. Archiv) neben anderen Akten 
gefundene, bisher unbekannte Denkschrift, die Bischof Joh. Fabri von 
Wien 1539 dem Papst übersandte, um ihn zur Abhaltung des Konzils 
zu mahnen. 

Zur Familiengesch. des Breslauer Reformators Joh. Heß bringt 
E. Fuhrmann in Schles.Geschichtsbll. 1911, 1 S. 9—13 Material über 
die beiden Ehen H.s bei, worüber bisher Unklarheit geherrscht hat. 

Zwei Verfügungen der Kff. von Sachsen zugunsten des Justus 
Jonas, von 1528 und 1537, und eine Melanchthon betreffende Kauf- 
urkunde von 1533 teilt F. Bode aus einem Dresdener Kopialbuch aus- 
züglich mit. Thür.-Sächs. Z. f. Gesch. u. Kunst I, 2 S. 263f. 

A. Nägele verfolgt in Rö.Quartalschr. 25, 2 S. 83*—109* und 
139*—161* das Leben des Daniel Mauch (vgl. ds. Ztschr. VIII S. 415) 
weiter von 1525 bis zu seinem Tode 1567. M. war verschiedentlich 
in der Umgebung Campeggis, über ein Jahrzehnt Sekretär des Bisch. 
Georg von Brixen, endlich seit 1545 Domscholaster in Worms; zum 
Priester ist er nie geweiht worden. Beigegeben ist der Briefwechsel 
M.s mit Wolfgang Rychard in Ulm. 

E. Kroker behandelt in Schrr. Ver. f. d. Gesch. Leipzigs X S. 113 
bis 126 „Anekdoten Melanchthons und Leipzig“. Es handelt sich 
um allerlei Erzählungen, Berichte, Urteile, Erinnerungen — vielfach 
aus der Gelehrtengeschichte, auch allgemeingeschichtlichen oder geo- 
graphischenlnhalts, in Anknüpfung an Bibelsprüche usw. —, die Melanch¬ 
thon in seinem Kolleg vorzutragen liebte und die dann von eifrigen 
Schülern nachgeschrieben und gesammelt wurden, also gleichsam ein 
Gegenstück zu Luthers Tischreden. In Anknüpfung an eine Hs. dieser 
„Anekdoten“, die der Leipziger Stadtbibi, gehört, teilt K. Beispiele mit 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



85 


177 


und zeigt, wie diese eigenartige, unter Umständen recht ertragreiche 
Geschichtsquelle nutzbar zu machen ist. 

Thomas Münzers Briefwechsel während seines Aufenthalts in 
Mühlhausen (1524 Aug.—1525 Mai) verzeichnet R. Jordan; dazu druckt 
er die im Marb. St.A. beruhenden beschlagnahmten „Akten Th. Münzers 
usw. u (Küch, Polit. Archiv I, 141 f.), soweit noch unveröffentlicht, ab 
(1525 Mai 6—14): Mühlh. Geschichtsbl. XII S. 26—42. — Der näm¬ 
liche entnimmt ebenda S. 133 einer Eintragung in einem Exemplar des 
Sleidanus die Namen des Ritters, der Münzer gefangen nahm, und seines 
Knechtes (Otto von Eppe u. Schroffell von Waldeck). 

Aus kürzlich von der Hzl. Bibi, in Gotha erworbenen Autographen 
teilt R. Eh wald eine von Mutian ausgestellte Quittung über eine an¬ 
sehnliche Schenkung des Kf. von 1526, wenige Tage vor seinem Tode, 
und einen Brief des Friedr. Myconius von 1542 an Kf. Johann 
Friedrich zugunsten der 1524 begründeten Schule im Augustinerkloster, 
der Vorstufe des Gymnasiums zu Gotha, mit: Mitt.Vereinig.f.Goth. G.u. A. 
1911 S. 43-47. 

Eine Übersicht über das Leben des aus Nordhausen gebürtigen 
Kurialisten Johannes Sander (1455—1544) gibt nach einer hsl. Familien¬ 
geschichte K. Meyer in Thür. Sächs. Z. f. Gesch. u. Kunst II, 2 S. 272 
bis 274. Sander, der u. a. zur Anima-Bruderschaft gehörte, war bei 
dem Neubau der Animakirche (1503—1511) tätig. 

Aus dem Nachlaß des leider inzwischen verstorbenen Pfarrers 
G. B e r b i g bringt die Nkirchl.Z. 23,3 S. 250—260 weitere „S p a 1 a t i n i an a“, 
die den Neudeckerschen Mss. auf der Hzl. Bibi, zu Gotha entnommen 
sind. Es sind 9 Stücke aus Sept. bis Dez. 1525, die vorwiegend die An¬ 
gelegenheiten des Kapitels zu Altenburg betreifen. 

Das Leben und die Schriften des Johann Spreter aus Rottweil, 
der, seit 1526 dem Evangelium gewonnen, unter den Förderern der 
Reformation in Konstanz erscheint, später die Pfarrei Trossingen inne¬ 
hatte und zahlreiche reformatorische Schriften (leider auch mehreres 
über Hexenwesen im Sinne des Malleus) veröffentlichte, behandelt auf 
Grund alles erreichbaren gedruckten und hsl. Materials G. Boss er t 
in Bl.f.WKG. 1911 S. 103—125. 

Dr. Eberhard Weidensee 1486—1547, ein „Reformator 
2. Ranges“, der als tatkräftiger Gesinnungsgenosse Luthers in Nord¬ 
deutschland eine vielseitige Tätigkeit — in Halberstadt, Magdeburg, 
Hadersleben, endlich als Superintendent von Goslar — entfaltet hat, 
wird von (f) P. Tschackert in NStGThK., Stück 12 (VIII, 104 S.) auf 
Grund der Bestände der Stadtarchive von Goslar und Magdeburg und 
anderer Quellen gewürdigt, unter Beigabe von Bibliographie und 
Fundortverzeichnis der Schriften Weidensees. 

Brehm handelt über das Leben und die Schriftstellerei des 
Propstes Melchior Zanger von St. Moritz in Ehingen a. N. (f 1603); 
Z. ist u. a. Vf. einer Schrift gegen Luthers Bibelübersetzung (gedr. 
März 1605): Schwäb. Archiv 29, 3 S. 33—39; 4 S. 53—59. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



178 


86 


Digitized by 


Territoriales. Das im Ulmer Stadtarchiv liegende Proto¬ 
koll über die Einladung der Stadt Ulm zum Trienter Konzil nebst 
dem päpstlichen Einladungsschreiben vom 13. Dezember 1560 und die 
Antwort der Stadt (26. Mai 1561) wird im Schwäb. Archiv 29, 5 S. 78 
bis 80 mitgeteilt. 

Die Gegenreformation zu Biberach von 1546—1618 nach den 
Akten des kathol. Pfarrarchivs behandelt in kurzem Überblick Bummel 
in Schwäb. Archiv 29, 2 S. 17—22; 3, 39—44. 

Nach Akten des Augsb. Stadtarchivs behandelt in BBK. 18 S. 129 
bis 141 F, Koth einen „seltsamen Wiedertäuferprozeß in Mittel¬ 
schwaben“ von 1530. Es handelt sich um Weiterungen, die un¬ 
bedachte Angaben eines gefangenen Wilderers nach sich zogen. 

0. Clernen teilt in BBK. 18 S. 124—128 aus Druck der 
Zwickauer Ratsbibi, ein unbekanntes Totentanzgedicht von 1517 mit, 
das ein aus Rothenburg a. T. stammender Poet, Andreas Seiden¬ 
schwanz, verfaßt und dem Rat seiner Vaterstadt gewidmet hat. 

Streitigkeiten zwischen den Gnesiolutheranern in Weißenburg i.N. 
und den philippistisch gerichteten Geistlichen in Brandenb.-Ansbach 
1564 und 1573 behandelt K. Schornbaum in BBK. 18 S. 97—110 
unter Mitteilung einer Eingabe der Philippisten an den Mfen. aus dem 
Nürnb. Kr.-A. 

Im 58. Jahresber. des HV. f. Mittelfranken S. 120—130 teilt 
K. Schornbaum Bruchstücke aus dem Briefwechsel des (ehemal.) 
Ansbachischen Kanzlers Georg Vogler (von 1536 und 1540) mit. 
Der noch im 18. Jahrh. gesammelt vorhanden gewesene Briefwechsel 
V s ist jetzt zerstreut, einige Reste bewahrt die Ulmer Stadtbibi. — 
Der Nämliche veröffentlicht ebendort S. 130—136 einzelne Briefe des 
Ansbacher Stadtpfarrers Georg Karg 1549 und 1558, dessen Brief¬ 
wechsel (im Besitz des HV. v. Mittelfr.) er zur Herausgabe vorbereitet; 
und handelt S. 136 f. über den von Bischof Konrad v. Würzb. 1528 
gefangen genommenen Priester Friedr. Pretscher, für dessen Frei¬ 
lassung sich Mf. Georg vergebens verwandte. 

Den Bericht des Muggendorfer Pfarrers Leipold an seinen 
Dekan v. J. 1583 teilt aus späterer Abschrift Bickel in BBK. 18 
S. 110—120 mit. Der Bericht L.s schildert eingehend die kirchlichen 
Zustände in seiner Pfarre und sein kirchliches Walten. 

Eine poetische Beschreibung des ehern. Jungfrauenklosters 
Himmelskron bei Kulmbach von dem lutherischen Pfarrer Loer zu 
Meikendorf v. J. 1559 veröffentlicht aus der Urschrift das AfG.u.A.v. 
Oberfranken 24, 3 S. 1—20. 

Seinem Aufsatz zur Gesch. des Bauernkrieges in Baden (vgl. 
ds. Ztschr. 8 S. 417) fügt G. Bossert noch einige Notizen nach, die 
in die Gegend von Pforzheim und Bretten führen. ZGObRh. 65 
(N. F. 26) S. 544—546. 

Den Abdruck der Visitationsberichte aus dem Bist. Straß bürg 
i. 16. Jahrh. (vgl. ds. Ztschr. VIII S. 417) beendigt K. Haber in ZGObRh. 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



87 


179 


65 (N. F. 26) S. 501—543, 573—598 unter Beigabe eines Orts- und 
Personenregisters. 

Unter dem Titel „Antitrinitarisches aus Nassau“ untersucht 
K. Pagenstecher die Berührungen des Grafen Johann des Älteren 
von N.-Dillenburg und seiner Theologen mit antitrinitarischen Ele¬ 
menten, wie Erasmus Johannis und insbesondere Mathias Vehe, 
über deren Schicksale und Ansichten wir dabei Näheres erfahren. Mit 
6 archival. Beilagen aus den Archiven von Wiesbaden und Aurich. 
Ann.V.Nass.Alt. 41, 4 S. 97—119. 

In den Friedberger Geschichtsbll. 3 S. 55—59 handelt F. Dreher 
kurz über einen mißglückten Aufstandsversuch der Friedberger 
Bürger vom 27. April 1525 und die Bestrafung der Rädelsführer; 
ebenda S. 60—62 bespricht R. Schäfer Melanchthons Eingreifen in 
die Friedberger Schul Verhältnisse 1545 auf Ersuchen des Burggrafen 
Joh. Brendel von Homburg. 

Die soziale und wirtschaftl. Gliederung der Bevölkerung Erfurts 
in der 2. Hälfte 16. Jabrh. betrachtet A. Loffing in MittVGErf. 32 
S. 131—240. Er richtet sein Augenmerk auf dio Volkszahl, die 
Gliederung der Bevölkerung nach Beruf und Stand und die wirtschaft¬ 
liche Lage der einzelnen Berufsklassen, im wesentlichen auf Grund 
des „Vorrechtsbuchs“ von 1569. U. a. begegnen 7 Pfarrer, 1 Lizentiat, 
23 Magister und 19 Doktoren. 

Die ostwärts gerichteten Kriegszüge des sog. Mühlhäuser 
Haufens unter Pfeifer und Th. Münzer, die ihrem Zug ins Eichsfeld 
vorauf gingen, schildert R. Jordan auf Grund der Urkunden, aus denen 
vielerlei Einzelheiten mitgeteilt werden, in Mühlh. Geschichtsbl. XII 
S. 47—92. 

Die Sequestration der geistlichen Güter in den Landkreisen 
Meißen, Vogtland und Sachsen 1531—1543 behandelt in ein¬ 
dringender, instruktiver Weise A. Hilpert in MittAV. Plauen i. V . 22 
S. 1—136. Diese Sequestration bildete die Vorstufe zum Übergang 
des geistl. Besitzes an den Kurfürsten und zu ihrer Veräußerung für 
Rechnung des letzteren, der aber die eingehenden Summen und die 
Erträge der unveräußerten Güter zum erheblichen Teil den Zwecken 
des neuen evangelischen Kirchen- und Schulwesens zugewandt hat. 
Hilpert lehrt die Verhältnisse kennen, aus denen der Gedanke an 
Sequestrierung erwuchs, schildert deren Verlauf und gibt dann sehr 
ausführliche Mitteilungen über Besitz und Einkommen der einzelnen 
sequestrierten Klöster sowie über die Neueinrichtung und die Ver¬ 
sorgung der Klosterpersonen; endlich faßt er die finanziellen Ergeb¬ 
nisse der Sequestration ins Auge: alles, wie sich versteht, auf Grund 
der reichen Bestände des Weimarer Archivs. 

In den Geschichtsbll. f. Magdeburg 46, 1 S. 59—102 gibt 
M. Riemer eine Zusammenstellung der Geistlichen des Kreises Neu- 
haldensleben von der Ref. bis 1850 unter kurzer Mitteilung alles 
dessen, was über die einzelnen bekannt ist, hauptsächlich nach den 
alten Konsistorialakten, dem sog. Kultusarchiv des Magdeb. St.A. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



180 


88 


Digitized by 


Im Jahrb. f. KG. des Hzt. Oldenburg 20 S. 128—145 gibt 
G. Rüthning allerlei Notizen aus verschiedenen Quellen zur Gesch. 
der Ref. in den einzelnen Kirchspielen des Landes, als Ergänzungen 
zu dem Werke „Die Prediger des Hzt. Oldenb. seit der Ref. w . 

Über die landesherrlichen Einkünfte (in Schleswig-Holstein) 
im 16. Jahrhundert handelt auf Grund von Registern und Berech¬ 
nungen, die bei den verschiedenen Landesteilungen aufgestellt wurden, 
R. Hansen in Z.Ges.Schl.H.Gesch. 41 S. 214—272; bei den späteren 
Einkommensberechnungen fallen die mittlerweile säkularisierten Klöster 
stark ins Gewicht. 

Zur Pommerschen Reformationsgeschichte bringen die Bal¬ 
tischen Studien N. F. XV (1911) 2 beachtenswerte Beiträge: 1. S. 77 
bis 142 beendigt E. Bütow seine Abhandlung über „Staat u. Kirche 
in Pommern im ausgehenden Mittelalter“ (vgl. ds. Ztschr. VHI S. 225). 
Er behandelt hier die Stellung des Herzogs zum Klerus (Besetzung 
der Kirchenämter, politische Ansprüche des Staats an die Geistlichkeit; 
herzogl. Aufsichtsrecht über die Kirche) und zur geistlichen Gerichts¬ 
barkeit; der Schluß betrifft Staat und Kirche während der Einführung 
der Ref. (1520—1534). Als Hauptergebnis bezeichnet B. den Nach¬ 
weis, daß die Begründung der ev. Landeskirche in P. nicht sowohl 
mittels Bruches mit der Vergangenheit als nach allmählicher An¬ 
kündigung und Vorbereitung durch Weiterbildung erfolgt sei. — 
2 S. 1—76 behandelt K. Schröder auf Grund des Urkunden¬ 
materials „Pommern und das Interim“, wobei er zeigt, daß die Unter¬ 
werfung der Herzöge unter den Willen des Ks. eine wesentlich for¬ 
melle war, die die Hauptpunkte nicht berührte. Die Hze. haben die 
Wiedereinführung des kathol. Gottesdienstes nicht nur abgelehnt, 
sondern auch, durch ihre Mitwirkung zur Wahl des ev. Martin Weiher 
zum Bischof in Kammin, zu verhindern beigetragen. Der Abhandlung 
folgen 12 archivalische Beilagen. 

Aus den ausführlich erhaltenen Materialien über die Stettiner 
Kirchen- und Schulvisitation von 1573 druckt M. Wehrmann in 
Balt. Stud. N. F. 15 S. 153—181 „zunächst“ die wichtigeren Stücke ab, 
die sich auf die Schulvisitation beziehen, wobei W. hervorhebt, daß 
dem rechten Gedeihen des Schulwesens besonders die Zwitterstellung 
der Schule zwischen der Stadt- u. der Kirchenverwaltung im Wege stand. 

Über das polnisch geschriebene Werk IgnatzWarminskis 
über die beiden ältesten posenschen Reformatoren Andreas Samuel 
und Johann Seklucyan macht K. von Miaskowski dankenswerte 
Mitteilungen in den Histor. Monatsbll. f. Posen 12 S. 148—154. 

In Posen ums J. 1600 auf geführte Jesuitendramen, die sich in 
einer Hs. der Univ.-Bibl. zu Upsala finden, behandelt 0. Wieselgren 
in Histor. Monatsbll. f. Posen 12 S. 33—40. 

Die Geschichte der unitarischen Gemeinde in Meseritz - Bobel- 
witz, die bis auf die Reformationsepoche zurückführt, schildert — mit 
urkundl. Beilagen — Th. Wotschke in ZHG. Prov. Posen 26, 2 
S. 161—223. 



Original from 

UNIVERSITV OF MICHIGAN 



89 


181 


Einen Erlaß des Braunsberger Rates zur Verhütung von 
Unfrieden zwischen Jesuitenschülern und Handwerksgesellen von 1569 
teilt P. S i m s o n aus Abschrift des Ratsarchivs von B. in ZGA. Erm- 
lands 18,1 S. 168—170 mit; in jenem schlechten Verhältnis zwischen 
den Ordensleuten und den Bürgern kam deren Abneigung sowohl gegen 
die unter den Schülern stark vertretenen Polen, wie gegen den Orden 
selbst zum Ausdruck. 

Ansland. Als Nachtrag zum Jahrb. Ges. Gesch. Prot. Österr. 
Bd. 32 geben G. Loesche und G. A. S k a 1 s k y die übliche Lite¬ 
rarische Rundschau über die den Prot, in Österreich betreffenden 
Veröffentlichungen des Jahres 1910 (S. 1—71). 

„Beiträge“ zur Geschichte Erzbischofs Wolf Dieterich von Rai- 
tenau von Salzburg (geb. 1559, Erzb. von 1587—1612) gibt, anstatt 
einer ausführlichen Geschichte dieses Prälaten, F. Martin in Mitt. 
Ges. Salzb. LK. 51 (1911) S. 209—336. Er behandelt auf archivalischer 
Grundlage Herkunft und Vorleben; Bautätigkeit; Verhältnis zur 
Gegenref. und Streit mit B. Sebastian von Chiemsee; Familie. 

Die Unterwerfung des utraquistischen Prager Administrators 
Heinrich Dworsky (Curius) von Helfenberg unter den katholischen 
Erzb. A. Brus 1572 behandelt A. Kröß in ZKTh. 34, 4 S. 702-712 
zugleich mit dem, was sonst über Dworsky den Quellen zu entnehmen 
ist. Für seine Person scheint D. damit aufrichtig gewesen zu sein. 

A. Waldburger, Zwingli exclusus, zeigt die grobe Leicht¬ 
fertigkeit, mit der F. Rüegg in ZSchr.KG. 2 (1908) Zwingli mit dem 
Makel einer Exklusion seitens der Universität Wien ans schwerer Ver¬ 
fehlung zu behaften versucht hat. Ist es schon durchaus unsicher, ob 
nicht das Wort „exclusus“ in die Wiener Matrikel von späterer Hand, 
vielleicht der eines Feindes des nachmaligen Reformators, hinzugefügt 
ist, so nötigt nichts, falls die Ausschließung wirklich stattgehabt, da¬ 
für schwerwiegende, am wenigsten Z. moralisch belastende Anlässe 
anzunehmen. Schw. theol. Z. 28 S. 39f., 89—94, 134—140, mit Nach¬ 
trag 181—184. 

Den in der zwischen R. Steck und G. Schuhmann über die Berner 
Disputation von 1528 schwebenden Kontroverse (vgl. ds. Ztschr. VIII, 
226 und 419f.) erwähnten Brief des Jacobus Monasteriensis druckt 
R. Steck mit angehängter Übersetzung und eingehender Würdigung 
ab, in der er zeigt, daß kein Grund vorliegt, wie von gegnerischer 
Seite versucht worden ist, den Brief, der aus dem katholischen Heer¬ 
lager stammt, aber für die katholische Sache ungünstig ist, für eine 
Fälschung zu erklären oder, wie Schuhmann versucht hat, W. Capito 
als Verf. anzunehmen. Schweiz, theol. Z. 28 S. 193—214. 

Im Jahrb. f. Schweizer. Gesch. 36 S. 215—344 gibt E. Bähler 
ein Lebensbild des bemischen Staatsmanns Nikolaus Zurkinden 
(1506—1588). Nach kurzer Darstellung der Jugendjahre und der 
Betätigung Z.s im heimischen Staatsdienst verfolgt B. eingehender 
die Beziehungen des Berners zu hervorragenden Zeitgenossen, wie 
Musculus, Bucer, Zwingli, Farel, besonders aber Calvin, Beza, Curio. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



182 


90 


Digitized by 


Castellio an der Hand der mit ihnen geführten Korrespondenz Z s, die 
teils in Druckwerken, wie den Opera Calvini, vorliegt, teils aber nur 
handschriftlich vorhanden ist, wie die Korr, mit Beza in einem Gothaer 
Codex, anderes in der Simlerschen Sammlung in Zürich nsw. 

In RH. 108, 2 S. 225—250 beginnt L. Romier eine Darstellung 
des kirchenpolitischen Streites zwischen Papst Julius HI. und K. Hein¬ 
rich II. von Frankreich („La crise gallicane de 1551; 1. partie w ). 

In der RH. 108, 1 S. 59—74 und 2 S. 294—318 weist H. Hauser 
die zuerst 1573 gedruckten, aber wenig ausgebeuteten „Acta 
tumultuum gallicanorum (1559—1569“) als wichtige Geschichts¬ 
quelle für die drei ersten Religionskriege nach und beginnt einen Neu- . 
druck. (Fortsetzung folgt.) 

In Revue d’hist. mod. et contempor. 16 S. 50—61 führt H. Hauser 
die meist in der Ausgabe von 1743 benutzten „MGmoires de Cond6“ 
ihrem Kerne nach auf eine 1563 im Hauptquartier der „Condöens“ zu 
Orleans veranstaltete Zusammenstellung von Schriften über die jüngsten 
Unruhen zurück; seine Untersuchung bestätigt den hohen authentischen 
Wert der „Mömoires“. 

Im Juli/August-Heft 1911 des Bull, der Soc.H.Pr.Fr. S. 289—311 
weist H. Hauser gegen P. Fouqueray, Hist, de la Comp, de J6sus 
en France (1910) nach, daß der Jesuit P. Anger zu den Anstiftern der 
Protestantenmorde in Bordeaux 1572 (vgl. diese Ztschr. VIII S. 420 
unten) gehört hat; mit Dokumentenanhang. 

Zur Geschichte der Streitigkeiten zwischen der Universität Padua 
und den Jesuiten, die dort eine konkurrierende Studienanstalt planten, 
bringt A. Favaro, der den Gegenstand schon 1878 behandelt hat, 
seither aufgefundene Dokumente von 1597. Durch die Vertreibung der 
Jesuiten aus dem Venetianischen fand der Streit 1607 sein Ende. 
NA Veneto, N.S. 21 S. 89—100. 

Anknüpfend an neuere Lebensbeschreibungen des Kardinals 
Reginald Pole charakterisiert G. Constant letzteren als eine zur 
Mystik neigende Natur, die für die Realitäten des Lebens wenig Sinn 
gehabt habe und für diplomatische Missionen völlig ungeeignet gewesen 
sei: RQH. 90 (N.S. 46), Liefer. 180 S. 498-514. 

In RöQuSchr. 25, 2 S. 110*—123* setzt A. Zimmermann seine 
tendenziösen Betrachtungen zur Reformation in Schottland fort. 

Das Nederlandsch Archief voor Kerkgeschiedenis N.S. VIII bringt 
folgende einschlägige Artikel: S.l—29 I. Lindeboom, Georgius Cassander 
en zijne pogingen tot bemiddeling en verzoening naar aanleiding van 
zijn strijd met Lindanus. — S. 62—73 W. Meindersma, De reformat. 
beweging derlö.eeuwte’s-Hertogenbosch. — S.74—80 A. A. vanSchelven, 
Petrus Delenus en Albertus Hardenberg. — S. 81—96 L. Knappen, 
Stukken uit den stichtingstid der Nederlandsche hervormde Kerk IV. 
(„Een Leidsch theol. Student 1577—80“). — S. 107—109 I. S. van Veen t 
Overgang van Lunteren tot de hervorming (1580). — S. 194—199 
A. A. van Schelven, Lambertus Danaeus to Leiden (1581). — S. 200—201 
I. S. v. V., De Harderwijksche predikant Otto van Heteren (1580). — 


Go igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



91 


183 


S. 202—204 A. A. van Schelven, Een brief van Pieter Hazaert (1562). — 
S. 293—295 L. Knappert, De verloren schuldbekentenis van Moded 
teruggevonden en uitgegeven (1590). — S. 297—321 W. Meindersma, 
Ovet het protestantisme in westelijk Brabant. — S. 322—332 A. A. van 
Schelven, Cassiodorus de Reyna; Christophorus Fabricius en Gaspar 
Olevianns. — S. 848—351 A. A. van Schelven, Moded (1560). — 
S. 352—356 A. A. van Schelven, Karakter en stand van van Haemstede. 
— Den Schluß (S.357—389) macht eine Übersicht über Neuerscheinungen 
auf dem Gebiet der niederländ. KG. 

In Kyrkohistorisk Arsskrift 1911 S. 1—51 handelt E. Linder¬ 
holm von Nordischen Kirchenordnungen des 16. u. 17. Jahrh. (Om 
norrlänska kyrkostadgar frän 1500— och 1600—talen); dazu eben¬ 
daselbst S. 95 ft. der Meddelanden och Aktstycken Abdruck von Visn 
tationsartikeln des Erzb. von Upsala, „apud Helsingenses et reliquos 
Nordmannos“ von 1585, sowie spätere Stücke. — Ebendaselbst S. 197 
bis 203, 203—214 referiert Hj. Holmquist eingehend über Grisars 
Lnther I (ablehnend) und H. von Schuberts „Bündnis und Bekennt¬ 
nis“ usw. 

In Hist. Monatsbll. f. Posen 12 S. 173f. weist Th. Wotschke auf 
die neue große Quellensammlung zur evangel. Kirchengesch. Polens 
hin, die Mon. ref. Poloniae et Lithuanicae, deren Herausgabe 1908 von 
der ref. Wilnaer Synode beschlossen und kürzlich durch Ausgabe des 
1. Heftes inauguriert worden ist, das 38 Urkk. vorwiegend zur litauischen 
Ref.Gesch. enthält. 


Neuerscheinungen. 

Allgemeines. Die alte, auf d. J. 1557 zurückgehende Kon- 
sistorialbibl. zu Rothenburg a. T. besitzt reiche Schätze an Druck¬ 
schriften der Reformationszeit, die ihrem größten Teile nach 
aus dem Nachlaß des bekannten Ansbachischen Kanzlers Georg Vogler 
(*j* 1550) stammen. Es sind i. g. gegen 1000 Schriften, die zu einigen 
60 Miszellqnbänden zusammengefaßt sind. Von diesem ganzen Bestände 
erhalten wir nun durch (f) A. Georgii und A. Schnizlein sehr 
dankenswerte Verzeichnisse; den Hauptteil bildet die Inhaltsangabe 
der einzelnen Miszellanbände (mit den erforderlichen literarischen 
Nachweisen); dazu treten außer einer einleit. Gesch. der Bibliothek 
Register der Autoren, der Druckorte und Drucker, endlich der wich¬ 
tigsten in den verzeichneten Schriften behandelten Materien. („Die Mis- 
cellanea reformatoria der Rothenburger Bibl. w : Beilage z. Jahresber. 
des K. Progymnasiums zu R. 1909/10, LVI, 125 S.; dazu Nachtrag im 
Jahresber. 1910/11: Verzeichnis der sonstigen Reformationsschriften 
der Bibi., 18 S.) 

In der eben ausgegebenen Lieferungder „Religion in Geschichte 
und Gegenwart, Handwörterbuch in gemeinverständl. Darstellung, 
unter Mitwirkung von Hermann Gunkel und Otto Scheel hrsg. v. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



184 


92 


Digitized by 


F. M. Schiele und L. Zscharnack“ behandelt W. Köhler in prägnanter 
Kürze „Martin Luther“: Er gibt zunächst eine Übersicht über L.s 
Leben und Entwicklung (Jugendzeit; Entwicklung zum Reformator; 
vom Ablaßstreit bis zum Bauernkrieg; der spätere Luther), erörtert dann 
die „Wandlungen und Umbiegungen Lutherscher Theologie“ (u. a. im 
Verhältnis zur Bibel, im Glaubensbegriff, in der Stellung zu abweichenden 
Ansichten, in der Abendmahlsanschauung, in dem Problem von Kirche 
und Staat), wobei K. jedoch mit besonderem Nachdruck auf das ver¬ 
bindende Band hinweist, das den jüngeren mit dem älteren L. Zusammen¬ 
halt; endlich behandelt er „L. und die Gegenwart“; letztere hat L.s 
„ganzen Weltanschauungsrahmen gesprengt“; „gleichwohl läßt sie alle 
die L.schen Motive, welche die neue Zeit heraufführen halfen, gelten, 
vertieft und ergänzt sie, findet auch neue in dem unerschöpflichen 
Borne L.schen Genies“. Es folgen reichhaltige Literaturangaben. — Die 
gleiche Lieferung bietet u. a. auch die Artikel „Lutherische Kirche“ 
(rechtlich) von Foerster, „Luthertum“ (konfessionskundlich) von 
Scheel. — Wir weisen hei dem Anlaß auf das rüstige Fortschreiten des 
trefflichen Werkes hin; es ist zu hoffen, daß es, wie vorgesehen, Ende 1913 
in 5 Bänden abgeschlossen vorliegen wird; der Gesamtpreis wird sich 
auf M. 120 stellen. Verlag von J. C. B. Mohr (P. Siebeck), Tübingen. 

Quellen. 0. Scheel bringt reichhaltige „Dokumente zu 
Luthers Entwicklung“ (bis 1519), für die zunächst an den Gebrauch 
in kirchenhistor. Seminaren gedacht ist; aber auch darüber hinaus wird 
man diese Quellen Zeugnisse gern in bequemer handlicher Form bei 
einander haben. Es sind teils Zeugnisse über Luther („Quellen 2. und 
3. Ordnung“, Nr. 1—104), teils Aussprüche Luthers selbst („Quellen 

I. Ordnung“, Nr. 105—326), letztere soweit möglich in chronologischer 
Ordnung. Wie Scheel im Vorwort bemerkt, hat bei der Auswahl die 
Rücksicht auf die „augenblicklichen Probleme der Lutherforschung“ 
mitgespielt, also zumal auf die bei den Kontroversen im Anschluß an 
Denifles und Grisars Lutherwerke im Vordergrund stehenden Fragen 
und Materien, doch so, daß nach Möglichkeit nur Stücke gegeben 
wurden, deren Inhalt ihnen dauernde Bedeutung verleiht. — Krüger, 
Samml. ausgew. kirchen- und dogniengeschichtl. Quellenschriften II, 9. 
Tübingen, Mohr 1911. XI, 146 S. M. 3.—. 

Das 4. Heft des IV. Bandes der „Flugschriften aus den 
ersten Jahren der Reformation“ bringt einen von K. Schotten¬ 
loher besorgten Neudruck der kraftvollen Streitschrift, die Zwinglis 
Berner Freunde, allen voran Sebastian Meyer und Berchthold Haller, 
gegen den vor der neuen Lehre warnenden Hirtenbrief des Konstanzer 
Bischofs Hugo von Landenberg vom 2. Mai 1522 verfaßt und am 

II. November 1522 an Zwingli gesandt haben, damit er die Schrift 
revidiere und zum Druck befördere; sie erschien dann aber weder in 
Zürich noch in Basel, sondern bei dem „rätselhaftesten Drucker der 
Reformationszeit“, über den Schottenloher demnächst eine eingehende 
Untersuchung veröffentlichen wird; höchst wahrscheinlich ist er in 
Augsburg zu suchen. Meyers Schrift ist für die Reformationsgeschichte 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



93 


185 


von Bern von hoher Bedeutung geworden, hat auch auf Nikolaus Manuel 
stark eingewirkt. — Im 5. Heft bietet W. Lucke einen Neudruck der 
Spottpraktik „Doctor Schrotentrecks von Bissingen“ nach dem Original¬ 
druck, der in der Bibliothek des Würzburger Historischen Vereins 
wieder zutage gekommen ist; er ist wie der 2. Druck von Wolf gang 
Stürmer in Erfurt hergestellt worden; wahrscheinlich ist ein aus der 
Maingegend stammender Erfurter Student der Verfasser dieses wohl 
zu Fastnacht 1523 erschienenen Scherzes. Die Vorlage ist die 
„Practica Doctor Johannis Roßschwanz“ von 1509 (Vierteljahrsschr. f. 
Literaturgesch. 3, 203 ff.). Im Kommentar hat Lucke wieder manche 
harte Nuß aufgeknackt. — Es folgen noch Ergänzungen, Berichtigungen, 
Register zu Bd. I—IV — und damit hat die Sammlung leider ab¬ 
geschlossen werden müssen. Der Zufall fügt es, daß ich wie VIII 334 
die Blicke der Leser unseres „Archivs“ von meinen Flugschriften 
hinüberlenken muß zu der „Bibliotheca Reformatoria Neerlandica“. 
Hier eine Sammlung, die voraussichtlich für immer auf die vier 
bescheidenen Bändchen beschränkt bleiben wird und deren Erscheinen 
nur dem Idealismus der Herausgeber und des Verlegers zu verdanken 
ist, und dort acht stattliche, höchst splendid ausgestattete Bände in 
Lexikonformat, denen sich noch zwei andere zugesellen werden! — 
Mit Wehmut bin ich von der mir liebgewordenen Arbeit geschieden. 

0. Clemen. 

Bibliotheca Reformatoria Neerlandica. Geschriften uit 
den tijd der hervorming in de Nederlanden, opnieuw uitgegeven en 
vaninleidingenen aanteekeningenvoorziendoorS. Crameren F. Pijper. 
Achtste deel: Het martelaarschap van Hendrik Vos en Joannes van 
den Esschen, Willem van Zwolle, Hoste vander Katelyne, Christophorus 
Fabritius en Oliverius Bockius, Guido de Bres en Peregrin de la 
Grange, bewerkt door F. Pijper. ’s-Gravenhage, Martinus Nijhoff 1911. 
IX, 667 blz. 

Während der 2. Teil der „Bibliotheca“ den Märtyrern aus den 
Kreisen der Doopsgezinden gewidmet war, führt uns dieser 8. Teil 
einige Märtyrer aus den Reihen der Lutherischen und Reformierten 
vor. Zuerst erhalten wir die drei Hauptquellen zur Geschichte der 
zwei Antwerpener Augustinermönche, die als die ersten Märtyrer des 
evangelischen Glaubens „in geheel Europa“ am 1. Juli 1523 in Brüssel 
den Feuertod erlitten: 1. Der actus vnd hand- / lung der degrada / tion 
vnd verpren / nung der Cristlichen drey / en Ritter . . ., und zwar ist 
das die Ausgabe, die durch „das recht Christenlich Salue“, d. h. eine 
Umdichtung des Salve regina, bereichert ist. 2. Historia de duobus 
Augustinensibus, ... 3. Dye histori, so zwen Augustiner / Ordens 
gemartert seyn . . . von Martinus Reckenhofer. Ich möchte nicht zu 
denjenigen Rezensenten gerechnet werden, die die Veröffentlichungen 
anderer zuerst daraufhin ansehen, ob ihre eigenen Arbeiten berücksich¬ 
tigt sind, muß es aber doch bedauern, daß Pijper meine Beiträge zur 
Reformationsgeschichte 140ff. entgangen sind. Manches war da schon 
untersucht, was P. nun erst noch einmal hat untersuchen müssen, 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



186 


94 


Digitized by 


manchen Literaturhinweis hätte er sich dort holen können; vgl. ins¬ 
besondere über Reckenhofer I 49ff., III 105. — Es schließt sich an: 
Eenen Troostelijken Sentbrief, voor alle die om derwaerheyt, ende om 
Christus naem veruolcht worden, vielleicht eine Übersetzung aus dem 
Englischen. Zwei Drucke, Emden 1530 und Wesel 1558, sind nach¬ 
weisbar. Da von dem 1. nur ein unvollständiges Ex. erhalten ist, ist 
der 2. dem Neudruck zugrunde gelegt. — Es folgt die mit einem Vor¬ 
wort Bugenhagens 1530 von Joseph Klug in Wittenberg gedruckte 
Schrift: Artickel der Doctorn von Louen, zu welchen, Wilhelm von 
Zwolien, Königs Christiernen Forirer, Christlich hat geantwort, . . . 
nebst dem Glaubensbekenntnis und dem innigen Liede dieses am 
20. Oktober 1529 zu Mecheln verbrannten Dieners des seit 1523 in Lier 
in Brabant im Exil lebenden Königs Christian II. von Dänemark. 
Vgl. noch Wackernagel, Bibliographie (1855), S. 112 Nr. CCXC und 
Kirchenlied I (1864), S. 395 f. Nr. Geisenhof, Bibliotheca 

Bugenbagiana (1908), S. 297 ff. Nr. 262, Katalog III von Martin Bres¬ 
lauer in Berlin S. 366 Nr. 203 und Bibliothek I. K. F. Knaake III 
Nr. 62, S. 87 Reproduktion des Titelblatts (Titelbordüre: Luther, Titel¬ 
einfassungen II Nr. 44, Schuchardt, Cranach II, S. 292 Nr. 140). — 
Ganz besonders ergreifend ist sodann das von Martin Microen heraus¬ 
gegebene und bevorwortete und wahrscheinlich noch 1555 in Emden 
gedruckte Martyrium des Hoste oder, wie ihn sein englischer Meister 
nannte, Iooris vander Katelyne; aus Gent gebürtig, reiste er als Jüng¬ 
ling nach England, um hier das „Damaszieren“ von Messern, Klingen 
und Rüstungen zu betreiben, gehörte der niederländisch-reformierten 
Gemeinde in London bis zur Thronbesteigung der blutigen Maria an, 
ging dann nach Norden (wo Microen seit 1554 Prediger war), protestierte 
in Gent gegen die Predigt eines Dominikaners, des später so berühmten 
Petrus de Backere (Pistoris) über die Transsubstantration und Anbetung 
der Hostie, wurde gleich darauf am 11. April 1555 verhaftet und am 
27. verbrannt. — Auch Christophorus Fabritius, dessen Martyrium uns 
darauf nach der zweiten Ausgabe von 1565 dargeboten wird (die erste 
ist verschollen), weilte einige Zeit in England; als Prediger der Ant- 
werpener Gemeinde wurde er am 2. Juli 1564 von der mit den Jesuiten 
verbündeten „Lange Margriete“ heimtückisch verraten und dem Mark¬ 
grafen und Schultheiß von Antwerpen ausgeliefert. Ein Ex. des 

2. Druckes der französischen Übersetzung der „Historie w , Leyde 1614. 
ist angezeigt im Catalogue de la bibliotheque de M. le Pasteur 
H. A. I. Lütge ä Amsterdam (1910), p. 8 Nr. 61. — Den Schluß bildet 
das Martyrium des am 31. April 1567 zu Valenciennes hingerichteten 
Georg de Bray, des Verfassers der „Confession de foy u (ein Ex. des 

3 . Drucks seines „Baston de la foy“, 1565, im Catalogue p. 28 Nr. 176): 

die Einleitung führt in einigen Punkten über L. A. van Langeraad, 
Guido de Bray, Zierikzee 1884 (vgl. auch desselben schlecht übersetzten 
Artikel RE 3 3, 364 ff.) hinaus. — Mit Recht betont der Herausgeber 
wiederholt den erbaulichen Charakter dieser „martelaars-geschiedenissen“. 
Laudate Dominum in sauctis eius! 0. Clemen. 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



95 


187 


Darstellungen. Von Hartmann Grisars S. I. „Luther“ 
sind bisher 2 Bände erschienen; der erste behandelt „Luthers Werden; 
Grundlegung der Spaltung (bis 1530)“, der zweite „Luther auf der 
Höhe des Lebens“ (Freibarg, Herder 1911, XXXV, 656 u. XVII, 819 S. 
M. 12.— und M. 14.40; der Schlußband „Vor dem Ausgang; Lebens¬ 
resultat“ ist in Vorbereitung). 

Wir können in eine nähere Würdigung des weitschichtigen Werkes 
hier nicht eintreten, sondern müssen uns mit kurzer Wiedergabe des 
allgemeinen Eindrucks begnügen, den wir erhalten haben. 

„Unsäglich traurig“, schreibt Grisar im Anschluß an die Schilde¬ 
rung der Leipziger Disputation von 1519, „stimmt den heutigen 
fühlenden Beobachter die Wahrnehmung, wie Luther, der einst eifrige 
Ordensmänn, immer mehr sich dem Herzen der Kirche, ihrem Leben, 
Denken und Fühlen entfremdet . . . Das ist der hochbegabte feurige 
Mann, so sagt der Katholik sich mit Schmerz, dessen Worte hätten 
beitragen können, auf dem Boden der Kirche eine wahre kirchliche 
Reform für die Zukunft anzuregen, wofern sie sich nach dem Geist 
und den Normen dieser Kirche mit Ernst und Gelassenheit, mit Gott¬ 
vertrauen und Beharrlichkeit an die Gläubigen und an die Oberen der 
Kirche gewandt haben würden“ (I S. 299). 

Wer diese Worte liest und erwägt, dem muß es schon recht 
zweifelhaft werden, ob Grisar der richtige Mann dazu war, ein Leben 
Luthers zu schreiben. Ein Luther, wie er ihn hier wünscht, der seine 
brünstige Heilssehnsucht der Entscheidung der kirchlichen Oberen 
anheimgibt, der die Stimme seines Gewissens zum Schweigen zu bringen 
vermag, wenn Menschen ihm dies weisen, wäre eben kein Luther. 
Katholische Kirchen- und Ordensheilige gibt es zu tausenden, auch 
an Männern, die sich der Schäden der Kirche bewußt wurden, beim Zu¬ 
sammenstoß mit den Mächten der Tradition aber das Opfer des Intellekts 
gebracht und sich der triumphierenden Kirche „löblich“ unterworfen haben, 
ist kein Mangel; aber ein Luther darf augenscheinlich weder an den einen 
noch den anderen gemessen werden. Grisar jedoch tut eben dies; er mißt 
Luther an dem Ideal katholischer Rechtgläubigkeit und vollkommener 
Werkheiligkeit, und da Luther nun den überlieferten Normen der Kirche 
sich tatsächlich nicht gefügt, seine Sache den kirchlichen Oberen nicht in 
Gelassenheit und Ergebung anheimgestellt hat, so ist er für Grisar 
von vornherein verurteilt. Hat ihn nicht, wie Denifle behauptete, un~ 
gebändigte Sinnlichkeit von der Kirche getrennt, so sind es — nach 
Grisar — kaum minder schwere sittliche Mängel gewesen, Hochmut, 
Widerspruchsgeist, Rechthaberei, denen sich mangelhafte Kenntnis der 
Kirchenlehre beigesellte. Ein Sakrileg bleibt sein Vorgehen in jedem 
Fall, und ein solches kann denn auch nicht andere als unheilvolle 
Wirkungen nach sich ziehen. 

Der Versuch, dies im einzelnen nachzuweisen, macht nun den 
Inhalt des Grisarschen Werkes aus, wobei nicht selten die sich jedem 
Unbefangenen aufdrängende Beurteilung der Tatsachen und Verhält¬ 
nisse in ihr gerades Gegenteil verkehrt wird, wie wenn Grisar in 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



188 


96 


Digitized by 


Kapitel 22 Abschnitt 5 (II S. 481—522) nachweisen möchte, daß Luther 
Frau und Ehe von der Höhe der mittelalterlich-katholischen Schätzung 
herabgezogen und entwürdigt habe(!) Dabei trägt es für das Ganze 
auch nicht sonderlich viel aus, daß andererseits der Jünger Loyolas 
einen glatteren Ton anschlägt als seinerzeit der polternde, grobe 
Dominikaner Denifle; daß ersterer auch an Luther einzelnes zu rühmen 
weiß, wie etwa seine Mildherzigkeit, die Gewalt seiner Sprache, selbst 
wohl einmal seinen sittlichen Ernst; daß er endlich eine Reihe der 
schlimmsten Bezichtigungen, die die Gegner von den Tagen des 
Cochlaeus an bis zur Gegenwart grundlos und vielfach gegen besseres 
Wissen auf Luther gehäuft haben, abweist und widerlegt oder 
wenigstens zu widerlegen scheint; denn eine Hintertür läßt er allemal 
dem offen, der nun doch noch weiter an jene Verleumdungen glauben 
möchte. Und es bleiben auch so noch in Luthers Bilde, wie es Grisar 
malt, der ungünstigen, ja verwerflichen Züge gar viele übrig! 

Mittlerweile hat nun aber die protestantische Forschung und 
Nachprüfung mindestens in Stichproben mit aller nur erreichbaren 
Evidenz bereits erwiesen und gezeigt, wie unsolide der Aufbau Grisars 
ist, wie leichtfertig er mit den Zeugnissen der Quellen umspringt, wie 
planvoll er diese nach seinen vorgefaßten Ansichten gruppiert und 
beleuchtet. Ich möchte dazu noch auf die Darstellung des Verhaltens 
Luthers während des Augsburger Reichstages von 1530 (am Ende von 
Bd. I) verweisen; wie absichtsvoll sind da doch aus der überreichen, 
hunderte von Druckseiten füllenden Korrespondenz des Reformators 
aus der Zeit des Koburger Aufenthalts nur ganz vereinzelte Wen- 
dnngen herangezogen, und zwar solche, die, aus dem Zusammenhang 
gerissen und in eine gewisse Beleuchtung gerückt, Luther als zaghaft 
und wankelmütig, ja sein Verhalten in jener Krisis als unlauter er¬ 
scheinen lassen können. 

Mit der Objektivität, über die der Verf. in der Vorrede so schöne 
Worte macht und an die er vielleicht selbst auch glaubt, ist es also 
nichts; wir haben in Grisars „Luther“ ein Buch vor uns, das schlecht¬ 
weg den katholischen, durch die Autorität gebundenen und voraus- 
bestimmten Standpunkt vertritt. Dabei ermangelt Grisars Werk auch 
des Verdienstes, das Denifle nicht abzusprechen ist, nämlich unsere 
Kenntnis von Luther erweitert, und vertieft zu haben. Neue QueUen 
hat Grisar nicht benutzt; das aber, was an seinen Darlegungen neu 
erscheint, wie seine Entdeckung des Abfalls Luthers von den Obser¬ 
vanten seines Ordens zu den laxeren Konventualen, was dann als eine 
Art Vorspiel zu dem Abfall von der Kirche erscheint, ist nicht richtig. 
So besorgen wir aussprechen zu müssen, daß Grisars „Lutherwerk“ 
(soweit es bis jetzt vorliegt) keinen Fortschritt in der wissenschaft¬ 
lichen Lutherliteratur bedeutet. — 


Druck von C. Schulze & Co., Ci m. b. H., Gräfenhainichen. 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Digitized by 


Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



ARCHIV 

FÜR 






TEXTE UND UNTERSUCHUNGEN. 


Id Verbindung 

mit dem Verein für Reformationsgeschichte 
herausgegeben von 

D. Walter Friedensburg. 


Nr. 35. 

9. Jahrgang. Heft 3. 


oQo 


Leipzig 

Verlag von M. Heinsius Nachfolger 
1912. 


Digitized by 


Go^ 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Zur Lebensgeschichte des Augsburger 
Formschneiders David Denecker und seines 
Freundes, des Dichters Martin Schrot 

von 

Fr. Roth. 


Ein Streitfall zwischen einem Koburger Bürger 
und einem Kaplan 1550 

von 

(+) G. Berbig. 


Beiträge zur Reformationsgeschichte aus 
Drucken und Handschriften der Universitäts¬ 
bibliothek in Jena. 

von 

Bernhard Willkomm. 


Aus den Zeiten des Interim 

von 

Walter Friedensburg. 


Karlstadt in Tirol? 

von 

H. Böhmer. . 


Georg Motschidler, 

ein neuentdeckter Flugschriftenverfasser 

von 

0. Clemen. 


Mitteilungen 

(Zur Vorgeschichte des Reichstags in Augsburg 1530. — 
Neuerscheinungen — Bibliograpie). 


-oQo- 


Leipzig 

Verlag von M. Heinsius Nachfolger 
1912. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY 0F MICHIGAN 





Digitized by 



Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN^ 



Zur Lebensgeschichte des Augsburger 
Formschneiders David Denecker u. seines 
Freundes, des Dichters Martin Schrot; 

ihr anonym herausgegebenes „Schmachbuch“ 
Von der Erschrocklichen Zurstörung vnnd 
Niderlag deß gantzen Bapstumbs. 

Von Fr. Roth. 

Der von 1512 bis 1548 in Augsburg nachweisbare 
Formschneider Jobst Denecker, besonders bekannt durch seine 
Mitarbeit am Theuerdankwerk und durch die Herausgabe 
einer vergrößernden Kopie des Holbeinscben Totentanzes, 
vererbte seine Kunst auf seine zwei Söhne namens Samson 
und David 1 ). Der letztere, mit dem wir uns hier beschäf¬ 
tigen wollen, wurde um 1530 geboren und übernahm, bei 
seiner in verhältnismäßig günstigen äußeren ^Verhältnissen 
lebenden Mutter wohnend 2 ), nach dem Tode des Vaters, der 
auch sein Lehrer gewesen, dessen mit einer kleinen Druckerei 
verbundenes Geschäft 8 ), worauf er sich im Jahre 1550 oder 

J ) Siehe über Jobst Denecker (Danecker, Tanegker, Dienecker) 
und seinen Sohn David den Artikel in der Allg. D. Biogr. (Bd. 23 S. 355) 
von Steiff. Ans der dort angeführten Literatur heben wir hervor das 
Werk von Butsch, Die Bücherornamentik der Renaissance, Bd. I 
(Leipzig 1878), wo S. 16 das, was über die Lebensnmstände der beiden 
Formschneider früher bekannt war, durch Notizen und Auszüge aus 
den alten Augsburger Stadtbüchern wesentlich vermehrt wurde. 

*) Jos Denecker ist in den Steuerbüchern zum letzten Male im 
Jahre 1547 eingetragen. Er bezahlte eine Steuer von 60 d, 6 fl, 3 d, 
seine Witwe im Jahre 1548 30 d, 8 fl, 6 d. 

*) Aber nicht sofort. Im ßerichtsbuch 1549 Bl. 138 findet sich 
unter dem 27. April der Eintrag: „Josen de Neckers, formschneiders, 
wittib hat zfigesagt, inner ainem viertl jar, dem nechsten, ainen form¬ 
schneider, der des handwercks wol bericht, einzfistellen, den ChristofEen 
Plapharten, iren lernjungen, das handwerck trewlich, eerlich und redlich 

Archiv für Beformattonsgeschichte IX. 3 . 13 ^ 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



190 


2 


Digitized by 


1551 verheiratete. Seine Frau, Sarah Laugenmäntlin, eine 
Waise, entstammte einer der uralten Augsburger Patrizier¬ 
familien, deren es damals nur noch sieben gab. Sie war 
eine Tochter des der Stadt als „Reisiger“ dienenden Marx 
Langenmantel und der ebenfalls einer sehr angesehenen 
Augsburger Familie angehörenden Barbara Wielandin 1 ), 
scheint aber vermögenslos und bedeutend älter als ihr Mann 
gewesen zu sein 2 ). Trotzdem wird die vornehme Verwandt¬ 
schaft, in die er so geriet, ihm „mit wenig Gunst“ gegen- 
Ubergestanden sein, da sie die Verbindung der Sarah mit 
dem jungen Formschneider als sehr anstößigen Schritt in die 
Tiefe hinab betrachtete. 

Die Zeiten waren, als Denecker seinen Hausstand be¬ 
gründete, schlecht, und wir lernen, indem wir, soweit dies 
möglich, seine Wege verfolgen, das ganze Elend kennen, 
unter dem oft recht tüchtige Künstler, namentlich wenn sie 
ihre Kunst handwerksmäßig betreiben mußten, zu leiden 
hatten. Die glänzende Periode des den Gelehrten und 
Künstlern so wohl gewogenen Kaisers Maximilian, der dem 
Vater Jobst wie so vielen anderen lohnende Beschäftigung 
gegeben, lag schon ein Menschenalter zurück, und die reli¬ 
giöse Bewegung, die in ihren Anfängen, als sich eine Flut 
von polemischen Flugblättern und satirischen „Schmach¬ 
bildern“ unter das Volk ergoß, den Zeichnern und Form¬ 
schneidern reiche Gelegenheit zu mannigfaltiger Produktion 

ußzülernen; dann wo sie inner ainem viertl jars, dem nechsten. kainen 
formbschneider, der den knaben lernen wollt, einstellen wurde, sol der 
knab der übrigen lemjar allerding von ir ledig nnd loß sein.“ — 
David Denecker war demnach damals noch nicht imstande, den Knaben 
„auszulernen“, oder er war in der Stadt nicht anwesend. Im Steuer¬ 
buch 1548 ist er noch nicht eingetragen, auch nicht 1549. 1550 Bteht 
bei seinem Namen unter dem der Mutter: „Dat heur nit“, was besagen 
will, daß er jetzt steuerpflichtig gewesen wäre, aber für diesmal frei 
ausging, weil er heiratete. Im Jahre 1551 und in den nächsten Jahren 
ist David, bei seiner Mutter wohnend, angeschlagen mit 80 d, 1 fl, 6 d. 

*) Nach Seifferts Stammtafeln des Langenmantelschen Ge¬ 
schlechtes, wo er als „Herr von Necker“ aufgeführt und seine Hoch¬ 
zeit in das Jahr 1551 gesetzt ist. 

*) Ersteres erhellt daraus, daß der Vater als „Reisiger“ dienen 
mußte, letzteres aus dem Hochzeitsjahre der Eltern: 1498. Der Vater 
starb 1540, die Mutter schon 1537. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



3 


191 


verschafft, hatte ihnen in ihrem weiteren Verlauf schwere 
Schädigung ihres Gewerbes gebracht, indem infolge reichs¬ 
gesetzlicher Bestimmungen and kaiserlicher Spezialmandate 
in fast allen Territorien, im besonderen auch in den Reichs¬ 
städten, eine strenge Bücher- und Bilderzensur eingeführt 
wurde, die die Veröffentlichung aufreizender Schriften und 
„Gemälde“ streng verbot und den Verkauf von solchen schwer 
bestrafte. So hatte auch Augsburg seine Zensurherren, die 
je nach den herrschenden Zeitläuften und dem persönlichen 
Standpunkt, den sie zu den ihnen vorgelegten Manuskripten 
und Bildern'einnahmen, bald schärfer, bald nachsichtiger — 
aber auch in diesem Falle für die Autoren noch hemmend 
genug — ihres Amtes walteten. Das besserte sich zwar in 
den letzten Jahren vor dem Schmalkaldischen Krieg, als sich 
bei den Protestanten die Rücksicht auf den Kaiser und der 
Gehorsam gegen ihn immer mehr lockerten, und noch mehr 
während des Krieges selbst im Sinne der Zeichner und 
Drucker, aber desto schmerzlicher empfanden sie dann die 
Reaktion, die nach dem Siege des Kaisers hereinbrach. All 
die vielen Bücher und Bilder, die in dem benannten Zeit¬ 
raum „hervorgekommen“ waren, alte und neue, mußten jetzt 
augenblicklich verschwinden, zumal in Augsburg, wohin der 
Kaiser am 23. Juli 1547 kam, um auf einem Reichstag die 
Verhältnisse des Reiches seinen Wünschen gemäß neu zu 
ordnen. Die hier gepflogenen Religionsverhandlungen führten 
zu dem im Mai 1548 publizierten Interim, und da der Kaiser 
fürchten mußte, daß sich gegen dieses eine heftige polemische 
und satirische Literatur erheben würde, sorgte er dafür, daß 
ein außerordentlich drückendes Reichspressegesetz zur An¬ 
nahme kam, das noch einmal auf das eindringlichste gebot, 
alles zur Veröffentlichung Bestimmte vor dem Druck der 
obrigkeitlichen Zensur vorzulegen und ohne Angabe des 
Autors, des Druckortes und des Druckers nichts, auch nicht 
das geringste „ausgehen“ zu lassen 1 ). Zwei Jahre später 


J ) Der Wortlaut des Gesetzes ist abgedruckt bei Voigt, „Über 
Pasquille, Spottlieder und Schmähschriften aus der ersten Hälfte des 
XVI. Jhdts.“ im Hist. Taschenbuch, ed. Raumer, Bd. IX (Leipzig 1838) 
S. 351 ff. 

13* 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



192 


4 


Digitized by 


wurden diese Gebote durch ein kaiserliches Mandat 1 ) neuer¬ 
dings eingeschärft und zu ihrer Durchführung scharfe Ver¬ 
ordnungen erlassen, denen der nach Abschaffung des Zunft¬ 
regiments am 3. August 1548 in Augsburg eingesetzte Herren¬ 
rat mit dienstwilligem Eifer nachzukommen bemüht war. 
Das mußte natürlich auf die Buchdrucker und die zeichnenden 
Künstler, die sich mit der Illustration von „Schmachbüchern“ 
und der Herstellung von satirischen Bildern durchgebracht 
hatten, geradezu erstickend wirken und in ihnen eine ver¬ 
zweiflungsvolle Stimmung erwecken 2 ). Zwar kam noch 
einmal eine für sie günstige Periode, nämlich während des 
Fürstenkrieges (1552), als auf Befehl des Kurfürsten Moritz 
und seiner Mitverwandten, die in die Stadt eingelassen 
worden waren, die Zünfte und ihr Regiment wiedererstanden 
und der Herrenrat abgesetzt wurde. Da druckte man die 
„schmalkaldischen Schmähschriften“ und anderes, das in 
besseren Zeiten erschienen war, rasch nach, holte die auf 
den Böden und in den Kellern versteckten Vorräte solcher 
Erzeugnisse hervor und fertigte neue an. Aber bevor man 
noch Zeit gehabt, diesen unvermuteten Wandel der Dinge 
recht auszunützen, erfolgte ein zweiter „grausamer“ Rück¬ 
schlag: Der von den „rebellischen“ Fürsten verjagte Kaiser 
kam wieder in die Höhe, zog nach dem Abschlüsse des 
Passauer Vertrags am 20. August 1552 in Augsburg ein, 
setzte das Zunftregiment zum zweiten Male ab und restituierte 
die „Herren“, die sich sofort daran machten, die seit ihrer 
Verdrängung vorgekommenen Druckerexzesse zu untersuchen, 
die Schuldigen zu bestrafen und einer Wiederholung solcher 
„Frevel“ vorzubeugen. Die ganze, durch den Fürstenkrieg 
für die Drucker und Formschneider geschaffene Herrlichkeit 
hatte kaum fünf Monate gedauert. 


*) Ordenung vnd Man-/dat Kaiser Caroli V. ver¬ 
newert im/April Anno 1550 . . . Ein Register der Ver- / worf- 
fenen vnd verbottenen Büchern, Auch von gu- / ten Büchern, welche 
man inn der Schalen lesen / mag. 4°, 34 Bl. 

®) Am 19. März 1551 reichten die Augsburger Buchdrucker an 
den Rat eine „bewegliche“ Bittschrift ein, in der sie um Milderung 
der gegen sie geübten Zensur baten; die „Beschwerden“ der Form¬ 
schneider waren die gleichen. Augsb. St. Arch., Literalien. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



o 


193 


Daß unter solchen Umständen ein junger Meister wie 
Denecker, der damals seinem evangelischen Herzen am 
liebsten dnrch recht viele das Papsttum verhöhnende Bilder 
Luft gemacht hätte, auf keinen grünen Zweig kommen konnte, 
ist wohl verständlich; aber auch er selbst trug einige Schnld 
daran, denn er war, wie man aus den Augsburger Gerichts¬ 
und Strafbttchern ersehen kann 1 ), ein Mann, der sich allzu 
gern in der Schenke „einen guten Mut“ holte, in der Wahl 
seiner Gesellschaft sehr wenig heikel war, solang es ging, 
ein ängstliches Abwägen von Einnahmen und Ausgaben ver¬ 
schmähte, sich durch ein böses Maul recht unnötig manche 
Feinde machte und schon im vierten Jahre nach seiner Ver¬ 
heiratung mit einer aus Nürnberg stammenden Magd vielmals 
Ehebruch trieb und deshalb von den Zuchtherren bestraft wurde. 

Bald steckte Denecker ziemlich tief in Schulden, und 
verschiedene Versuche, die er machte, sich ihrer zu ent¬ 
ledigen, waren erfolglos. Was er veröffentlichen durfte, wie 
sein Passionale vom Jahre 1557, fand wenig Liebhaber, und 
die Anfertigung solcher Dinge, nach denen Nachfrage bestand 
— hauptsächlich stark gepfefferte religiöse und politische 
Satiren —, war zu gefährlich und erforderte ein raffiniertes 
Versteckenspielen, das einen guten Teil des etwa zu erhoffen¬ 
den Gewinnes verschlingen mußte. Trotzdem hat Denecker 
sicher gar manches auf dem Markt gut abgehende Stück in 
seiner Werkstätte nachgedruckt und zum Verkauf gebracht, 
w r enn er auch später, als er deshalb zur Verantwortung ge¬ 
zogen wurde, nur zwei zugestand: ein noch zu Lebzeiten 
seines Vaters geschnittenes „altes Geniel, vor 100 Jaren in 
einem Kloster in den Niederlanden gefunden von der baby¬ 
lonischen Huren“ und einen „Ablaßbrief, auf dem der Teufel 
sitzt“; aber auch der Dialog „Warumb nit muglich gewest, 
daß Hertzog Johann Friedrich, Kurfürst, gesigen können 
wider kai. Mt. Carolum“, gehört hierher, denn wenn er ihn 
auch nicht selbst nachdruckte, so ließ er doch eine neue 
Auflage des Schriftchens durch den ihm befreundeten Buch¬ 
drucker Hans Gegler herstellen 2 ). 

J ) Das meiste, was sich hier erhalten hat, ist zusammengestellt 
bei Butsch 1. c. 

2 ) S. unten die Beil. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



194 


6 


Digitized by 


Außerdem aber beschäftigte ihn, natürlich mit Unter¬ 
brechungen, jahrelang ein größeres Werk, von dem er sich 
goldene Berge erhoffte: die Anfertigung von Schnitten zu 
der von dem Augsburger Dichter Martin Schrot verfaßten 
Komödie „Von der erschrocklichen Zurstörung und Niderlag 
des gantzen Babstumbs“ 1 ). Wer war Martin Schrot 2 )? Er 
wird in einem alten Verzeichnis der Augsburger Meistersinger 
als einer ihrer ältesten Zugehörigen *) und in einem poetischen 
Bericht Uber die Augsburger Singschule vom Jahre 1575 4 ) 
unter den zwölf Männern aufgeführt, die den Meistergesang 
in Augsburg „ausgebreitet“. Als seine Heimatstadt wird 
München genannt, das Augsburger Bürgerrecht erwarb er 
sich im Jahre 1547 6 ); von Beruf war er Goldschmied, „Me߬ 
stecher“ ®) und wohl auch Uhrmacher. In den politisch und 
religiös so erregten Jahren vor dem Religionskrieg war er 
mit mehreren Tendenzdichtungen hervorgetreten, in denen er 
sich als fanatischer Eiferer und Vorkämpfer des Evangeliums 
erweist; er betrachtet den Kaiser als Verderber des Vater¬ 
landes und Feind Gottes, den Papst als ein alles Gute auf 
Erden zerstörendes Ungeheuer und beide, den Kaiser und 
den Papst, als von Gott Verdammte, die dem zeitlichen und 
ewigen Verderben verfallen sind. Was Schrot an dichterischen 
Einfällen und an Schwung der Sprache fehlte, suchte er 
durch Häufung biblischer Zitate, durch derbe Kraftworte und 
blutrünstige Bilder, di^ er mit Vorliebe den Propheten und 
der Apokalypse entnahm, zu ersetzen. An diesem Schrot 
nun scheint Denecker großes Gefallen gefunden zu haben, 
wohl weil er in ihm — wenigstens soweit der Haß gegen 
das „römische Pfaffentum“ in Betracht kam — einen Geistes- 

*) Aufgeführt bei We 11er, Ann. der poet. Nat.-Litt. der Deutschen, 
Bd. I S. 323, Bd. II S. 549 ohne Kenntnis der Autoren. 

2 ) Siehe über ihn den Artikel in der Allg. D. B. (Bd. 32 S. 556) 
von R Ö t h e. 

3 ) Keinz, Ein Verzeichnis der Augsburger Meistersinger des 
XVI. Jahrhunderts, München 1893, S. 3. 

4 ) Abgedruckt bei Hartmann, Das Oberammergauer Passions¬ 
spiel (Leipzig 1880) S. 189. 

6 ) Roth, Augsburgs Reformationsgeschichte, Bd. III (München 
1907) S. 178 Nr. 106. 

°) Instrumentenmacher. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



7 


195 


verwandten erblickte and sich darch dessen radikale An* 
schauungen künstlerisch angeregt fühlte. 

Unter den Dichtungen Schrots finden sich zwei, nämlich 
ein „Freudengeschrei über das gefallne Papsttum“*) und 
„Ein neuer römischer Pasquillus“ *), beide in das Jahr 1546 
fallend, mit denen die Komödie „Von der Zerstörung des 
Papsttums“ in engem, hier nicht näher zu erörternden innerem 
Zusammenhang steht, und es ist kein Zweifel, daß sie auch 
in derselben Zeit entstanden ist wie jene. Wir entnehmen 
einem im Frühling 1546 von dem Augsburger Kardinalbischof 
Otto an Alessandro Farnese bzw. die Konzilslegaten gerichteten 
Brief, daß man damals überall in ganz Deutschland Komö¬ 
dien aufführte, um bei dem Volke den Haß gegen das Papst¬ 
tum zu schüren, namentlich eine in Sachsen gedruckte, 
worunter wir wohl den schon damals in ein paar deutschen 
Übersetzungen vorliegenden Pammachius des Thomas Nao- 
georg zu verstehen haben werden. Besonders stark, meldet 
der Kardinal mit Entrüstung, werde diese Sache von den 
rebellischen Augsburgern betrieben, die sich nicht mit der 
erwähnten Komödie begnügten, sondern noch eine andere 
zur Aufführung gebracht hätten, deren Inhalt er mit einigen 
fluchtigen Zügen skizziert 8 ). Seine Andeutungen, namentlich 


*) Apocalypsis. / Ain frewden geschray/uber 
das gefallen Bapstumb, so/yetz diser zeit durch 
Gottes wort vnd/schwert überwunden ist. S. 1. e. a. 
4°, 4 Bl. (Beime). Holzschnitt auf dem Titelblatt. 

*)Ain neüwer Römi-/scher Pasquillus, von dem 
Bapst,/seinemReych, vnnd seinem Stal, derStatt/ 
Rom, vnd jren Töchtern, Pariß vnd Cöln,/sampt 
allen jren glydern, Cardinal, B i s c h o f f, / P f af f e n, 
Münch, vnd allvermaintenGaist-/lichenderRömi- 
schen Kirchen, jr wesen, leben/handlung, vnder- 
g an g, v n d außdilck-/ung durch die krafft Gottes etc. 
M. D. XL. VI. Am Schlüsse des Textes: Gedruckt zu Augspurg durch 
Valentinum Othmar. 4°, 13 Bl. Mit Holzschnitten auf Bl. 2b und 
als Anhang zum Text. 

*) Nuntiaturber., ed. Friedensburg, Band VIII Nr. 130 
S. 577 (14. März): „Li Luterani non cessano con libri stampe et comedie, 
secondo ii suo solito, accrescere l’odio alli populi contra la Sautitä di 
Nostro Signore e ’1 stato ecclesiastico, et secondo che ho scritto et 
mandato a V. Rm» et Ill ma di una comedia, staippata in Saxonia, la 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHfGAN 



196 


8 


Digitized by 


was er von der in dem Stücke vorkommenden Beraubung 
des Papsttums sagt, lassen vermuten, daß er damit die 
Schrotsche Komödie meint. Die Wahrscheinlichkeit dieser 
Annahme wird gesteigert durch die uns aus anderer Quelle ’) 
bekannte Nachricht, daß die Dichtung Schrots tatsächlich in 
Augsburg aulgeführt worden ist, was im Jahre 1546 gewesen 
sein muß, da hier weder vorher, noch viel weniger nachher 
von der Aufführung derartiger Stücke die Rede sein konnte. 

ln den nächsten so bösen Jahren ruhte das Manuskript 
der Komödie wohl verwahrt in der Truhe, und auch die 
meisten der gedruckten Blätter und Büchlein Schrots mußten 
von der Bildfläche verschwinden und konnten sich erst 1552 
während des Fürstenkrieges wieder vorübergehend ans Licht 
wagen. Als aber ein Augsburger Buchführer, Hans Zimmer¬ 
mann, auch noch im Oktober des Jahres, nachdem die Reak¬ 
tion schon in vollem Gange war, ein Schrotsches Gedicht 
„Vom Untergang des Adlers“ (des Kaisers) 2 ) verkaufen wollte 
und dabei betreten wurde, führte man ihn auf Befehl des 
Rates in die Fronfest 8 ), und auch Schrot wäre „eingelegt“ 
worden, wenn er sich nicht noch rechtzeitig heimlich unter 
Zurücklassung seines Weibes davongemacht hätte, um zu 


giocano adeaso per tutta la Germania con personagi per commover piit 
li populi; et questi rebelli d’Augusta avanzano tutti in far piü cose 
contra Dio et la santa sede apostolica; et non si contentano solamente 
di giocar qneata comedia, ma sopragiongeno altre invention ridiculose, 
tra le quäl per conclnsion di la comedia fano comparer un papa vestito, 
en pontifical, con cardinali, vescovi et tutti gradi e ceremonie ecclesia- 
stiche, mettendolo in sedia, dove al incontro metteno un imperator con 
re, principi et tutti gtati seculari, li quali uno ad uno dal vilano fin al 
imperator si lamentano de glingani di pontifici e stato ecclesiastico et 
rivoltono sotto sopra il papa, caciando, il cardinali, vescovi et il elero, 
riparteno tra loro tutti li spogli, il regno, aneli, croce, mitre, capeli, 
la sedia, il sceptro et tutte le altre regalie et ornamenti et poi al ultimo 
fano fine tal che non l’ardisco scriver“ etc. 

*) S. unten. 

2 ) Die Phrophecey,/Deß vierten Büchs E s d r e, / 
am Ailften Capitel. / Von dem Adler vn seine vnder- 
gang. / In Germania. / Im Tholner Thon zu sinngen. / etc. Titel¬ 
bild. 4°. 6'/ 2 Bl. S. 1. e. a. 

3 ) Urgicht Hans Zimmermanns, dd. 9. Oktober 1551 in der Ur- 
gichten-Sammlung. Vgl. R o th , Augsb. Ref.-Gesch., III S. 178 Nr. 106. 


Go 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



9 


197 


den Wiedertäufern nach Mähren zu ziehen. Bevor er aber 
die Stadt verließ 1 ), übergab er seinem Freunde Denecker das 
Manuskript der Komödie »Von der Zurstörung des Papsttums“ 
zur freien Verfügung. Was -sollte dieser damit anfangen? 
Freilich fanden auch jetzt, nach dem Passauer Vertrag, und 
später nach dem ßeligionsfrieden Verhöhnungen des Papst¬ 
tums bei den Evangelischen noch Käufer genug, aber derer, 
die noch im Ernste an die von Schrot verheißene Vernichtung 
des „römischen Ungeheuers“ glauben mochten, waren es nur 
mehr wenige. Dieses Thema hatte, abgesehen von den 
Kreisen gewisser Theologen, seine Aktualität verloren; die 
Komödie war nur noch eine Dichtung wie jede andere und 
nicht wie früher eine Prophezeiung, deren Erfüllung man mit 
Begierde entgegensah. Denecker aber, verführt von der Er¬ 
innerung an den Beifall, den das Stück seinerzeit bei der 
Aufführung gefunden, war der Meinung, daß sich damit ein 
schönes Stück Geld verdienen ließe, wenn er es auf seiner 
Presse druckte, mit Holzschnitten aufputzte und auf fremden 
Büchermärkten zum Verkauf brächte 2 ). Aber als er sich 
an die Arbeit machte, wurde er gar bald gewahr, daß das 
Schrotsche Manuskript in schlechter Ordnung war, und daß 
er nicht zum Ziele kommen könnte, wenn es der Dichter nicht 
noch einmal durchsehen und das, was noch fehlte, ergänzen 
würde. Wahrscheinlich ließ er das Schrot durch Botschafter 
wissen, und dieser, der ohnehin Sehnsucht nach seinem Heim 
haben mochte, entschloß sich, den Bitten des Freundes zu 
willfahren und im Sommer 1557 nach Augsburg zu kommen. 
Aber da er vor fünf Jahren als ein dem Bäte „Ungehorsamer“ 
weggezogen war, hatte er die Verhaftung zu gewärtigen und 
mußte daher darauf bedacht sein, sich bei seinem Aufenthalt 
in der Stadt, der länger als einen Monat dauerte, sorgfältig 
verborgen zu halten. Er schlich sich während dieser Zeit 
dreimal in das Haus Deneckers, um sein Manuskript zu 
korrigieren, es druckfertig zu machen und mit einer Vorrede 
und einem „Beschluß“ zu versehen. Anfangs des Jahres 1558 

! ) In den Steuerbüchern ist Schrot noch eingetragen bis 1557; in 
diesem Jahre heißt es: „Christoph (statt Martin) Schrot ab.“ 

2 ) Dies und alles Folgende, wenn nichts anderes bemerkt ist, 
aus den als Beilage mitgeteilten Urgichten Deneckers. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



198 


10 


Digitized by 


maß das Bach, von dem 1000 Stücke gedruckt wurden, fertig 
Vorgelegen haben. Das erste Exemplar, das er hinausgab, 
machte er dem als Sammler von seltenen und seltsamen 
Büchern bekannten Kurfürsten Ottheinrich zum Geschenke, 
das zweite dem Markgrafen Karl von Baden; dann verkaufte 
er eine größere Anzahl von Exemplaren an den Buchfttbrer 
Georg Wuller, der sie, das Stück um fünf Batzen, als Abtrag 
einer Schuld annahm und nach Leipzig schickte J ); etliche 
Exemplare setzte er bei dem nach interessanten Neuigkeiten 
lüsternen Schreibpersonal der Firmen Craffter und Bimel ab 2 ), 
etliche bei einigen einheimischen Bücherfreunden — vor allen 
bei dem bekannten Katsdiener und Chronisten Paul Hektor 
Mayr — und auch der Frau des Schrot gab er einige Stücke. 
Die Hauptmasse der Auflage aber brachte Denecker selbst 
auf die Frankfurter Messe und „wurde“ auch in Nürnberg 
150 Stücke „an“, die wahrscheinlich Martin Schrot absetzte. 

Noch war Denecker mit der Ausbeutung dieses Unter¬ 
nehmens beschäftigt, als der Rat im Aufträge Kaiser Ferdi¬ 
nands mit großen Vorbereitungen für einen im nächsten Jahre 
in der Stadt abzuhaltenden Reichstag begann, auf dem auch 
eine feierliche „Besingnus“ des am 21. September 1558 ver¬ 
storbenen Kaisers Karl V. stattfinden sollte. Letzteres hatte 
für Denecker die angenehme Folge, daß Ferdinand bei ihm 
2200 hierzu benötigte Wappen bestellte, deren Anfertigung 
ihn und sein Gesinde Tag und Nacht beschäftigte. Da pochte 
am Abend des 22. Januar, eines Sonntags, das Unglück an 
die Tür. Der draußen stand, rief Denecker zu dein Wirt 
Kapfer am Lech, und von diesem hörte er, daß der Rat ihn, 
den Formschneider, „fangen lassen“ werde. Dieser mochte 
die Warnung als schlechten Scherz betrachten und schlug 
sie, wie er selbst sagt, in den Wind. Aber es hatte mit dem, 
was der Wirt ihm gesagt, seine Richtigkeit 8 ); am nächsten 
Morgen erschienen die Stadtknechte bei Denecker und holten 

*) Wullers Urgicht vom 27. Januar 1559. 

*) Siehe über diese Firmen Strieder, Zur Genesis des mod. 
Kapitalismus (Leipz. 1904) S. 146 ff., 208 ff. 

3 > Der Rat hatte am 21. Januar beschlossen: „David Denecker 
soll angesprochen, gebunden und aufgestellt aber nit [auf der scheibe) 
aufgetzogen werden.“ Ratsdekrete 1559, Bl. 5b. 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



11 


199 


ihn aus den Federn in die Eisen, wie man das Stadtgefängnis 
nannte. Was war geschehen? Man hatte am kaiserlichen 
Hofe ein Exemplar der Schrotschen Komödie zuhanden be¬ 
kommen, auf irgendeine Weise den Namen des Verlegers 
erkundet und dem Rate befohlen, sich seiner sogleich zu 
bemächtigen. 

Der Kaiser hatte freilich allen Grund, gerade in diesem 
Augenblick, in welchem er nach dem ergebnislosen „Zer¬ 
gehen“ des Wormser Religionsgespräches auf die Einleitung 
neuer Vergleichsverhandlungen bedacht war, Uber die Heraus¬ 
gabe und Verbreitung derartiger „Hetzlibelle“ sehr ungehalten 
zu sein, und die Sache sah ftlr Denecker gefährlich genug 
aus. Die gegen ihn zu führende Untersuchung wurde dem 
Rate übertragen und ihm dabei befohlen, Uber das Resultat 
derselben zu berichten und zugleich ein Gutachten wegen 
der über den Frevler zu verhängenden Strafe einzusenden. 
Daraufhin wurde Denecker dreimal, am 24., 27. und 30. Januar, 
in dem Verhörszimmer, in dessen Hintergrund der auf die 
Weisungen der „Examinatoren“ harrende „Züchtiger“ stand, 
einer strengen „Befragung“ unterworfen *), bei welcher man 
ihn über alle bei solchen Preß vergehen in Betracht kommenden 
Einzelheiten „einvernahm“: Wer ihn hierzu angestiftet, von 
wem der Text des Buches herrühre, ob er die Schnitte selbst 
gefertigt, wer ihm dabei geholfen, an wen er die bereits ab¬ 
gesetzten Exemplare verkauft, was er mit dieser Publikation 
habe bezwecken wollen, was er sonst noch Verbotenes ge¬ 
druckt usw. Denecker gestand, da er wohl sah, daß Leugnen 
nichts helfen und ihm vielleicht auch noch die Folter zu¬ 
ziehen würde, seine Vergehen offen ein und beantwortete die 
an ihn gestellten Fragen im allgemeinen der Wahrheit gemäß; 
doch ist als sicher anzunehmen, daß er außer den von 
ihm eingestandenen Schnitten und Drucken auch noch andere, 
die ihm nicht nachgewiesen werden konnten, „verschuldet“ 
hat. Dem Vorhalt, wie er denn trotz so vieler und strenger 
Verbote habe wagen dürfen, ein solches Buch erscheinen zu 
lassen, begegnete er mit der schwächlichen Ausrede, er habe 
gemeint, „es werde mit diesem Druck, weil er ein schwänkig, 


*) Siehe in der Beilage Nr. I, II, III. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



200 


12 


Digitized by 


lächerig Ding, wol abgehen“, und man werde, weil er ja 
kein eigentlicher Drucker, sondern ein Formschneider sei, 
nicht so gar hart gegen ihn vorgehen. Die Absicht, damit 
Unruhe und Unfrieden zu stiften, habe er nicht gehabt, son¬ 
dern er habe nur etwas „erobern“ wollen, um seine Schulden 
damit bezahlen zu können. Das konnte man ihm wohl glauben. 
Aber es gab noch andere Dinge, die man von ihm wissen 
wollte. Man hatte nämlich in seiner Wohnung verdächtige 
Handschriften gefunden, über die er Rechenschaft geben sollte, 
und verlangte auch von ihm, daß er den Drucker eines 
wegen seiner Schärfe großes Aufsehen erregenden Pasquillus 
und den Verfasser des oben erwähnten Dialogs über die Nieder¬ 
lage des Kurfürsten von Sachsen nennen solle, da er beide kennen 
müsse. Die von ihm gemachten Aussagen befriedigten seine 
Verhörer gerade in den ihnen wichtigsten Punkten nicht, 
aber trotzdem sie ihn mit der Marter bedrohten, konnten sie 
ihn über das hinaus, was er gleich anfangs eingestanden, zu 
keinem weiteren Geständnis bringen und mußten vorläufig 
von ihm ablassen. Seinem von „Forschriften“ der Ver¬ 
wandten unterstützten Flehen, ihn doch auszulassen, damit 
er die bei ihm bestellten Wappen rechtzeitig liefern und auf 
der bevorstehenden Frankfurter Messe seinen Verbindlichkeiten 
nachkommen könnte, wurde natürlich nicht stattgegeben, 
sondern beschlossen, ihn bis auf weiteres „liegen zu lassen“. 
Es mögen recht traurige Stunden gewesen sein, als er am 
24. und 25. Februar, an welchen Tagen die „Besingnus“ vor 
sich ging x ), im Gefängnis das Geläute der Dom- und andern 
Kirchenglocken vernahm und an die vielen schönen Wappen 
dachte, deren Fertigstellung er andern hatte überlassen müssen. 
Drei Wochen später, am 17. März, drangen die Verhörer bei 
einer vierten Vernehmung mit Macht in ihn, endlich zu sagen, 
wer den Dialog Uber den Kurfürsten von Sachsen gemacht 
und zuerst gedruckt, aber die Antworten waren die gleichen 
wie früher 2 ). Jetzt wurden die Untersuchungsakten und mit 

*) Siehe hierzu den auf Grund von Quellenschriften bearbeiteten 
Aufsatz Luitpold Brunners, „Kaiser Karls V. Todtenfeier, veranstaltet 
von Kaiser Ferdinand I. im Dom zu Augsburg am 24. und 25. Fe¬ 
bruar 1559“ im 34. Jahresbericht des hist. Kreisvereins im Reg.-Bezirke 
von Schwaben und Neuburg für das Jahr 1868 (Augsburg 1869) S. 71 ff. 

*) Siehe in der Beilage Nr. IV. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



13 


201 


ihnen Vorschläge, was mit dem Delinquenten geschehen solle, 
dem kaiserlichen Hofe übermittelt. „Wiewol“, heißt es hier, 
„einem ehrsamen Rate nit gebühren will, Ihrer Kais. Mt. 
als dem Brunnen der Gerechtigkeit vorzugreifen und hierin 
Maß und Ordnung zu geben, so will er doch derselben als 
einem milden Kaiser allergnädigst zu bedenken heimgestellt 
haben, ob er, Denecker, angesehen seiner langwierigen Ge¬ 
fängnis, ehrlichen Freundschaft und des ansehnlichen Für- 
bitts, seinethalb beschehen, aus sondern Gnaden [nur] nach 
Inhalt der Polizeiordnung, im 48. Jahr hie aufgericht 1 ), zu 
straffen sein soll, dieweil er solchen dialogum selber nit ge¬ 
macht sondern seines Vorgebens aus Armut, sich darmit aus 
Schulden zu erledigen, nachgetruckt hat 2 ).“ Beigelegt 
wurde noch eine Bittschrift der Mutter und der Frau Deneckers, 
die schon früher nebst der ganzen „Freundschaft“ an den 
Kaiser suppliziert hatten und ihn nun inständigst noch ein¬ 
mal baten, die Freilassung des Gefangenen zu verfügen 3 ). 
Der vom kaiserlichen Hofrat den mit der Führung des 
Prozesses betrauten Ratsherren erteilte Bescheid 4 ) lautete: 
Denecker habe zwar nach Gestalt seines Verbrechens wohl 
eine Leibesstrafe verdient, aber der Kaiser wolle doch „aus 
den vorgebrachten Ursachen leiden, daß ein ehrbarer Rat 
ihn Dach Inhalt der Polizeiordnung strafe, damit er und 
andere sich hinfüran solcher Sachen enthalten“. Am 13. April 
wurde Denecker, dem der Rat dies mitteilte, auf eine schrift¬ 
liche „Urphede“ aus dem Gefängnis entlassen und ihm dabei, 
den angezogenen Bestimmungen des Reichsgesetzes ent¬ 
sprechend, „das Handwerk niedergelegt“ mit dem Zusatz, 
daß er es ohne Bewilligung des Kaisers oder des Rates 
nicht wieder aufnehmen dürfte 6 ). Die noch erreichbaren 

*) Gemeint ist hier das der Polizeiordnung vom Jahre 1548 ein- 
verleibte Pressegesetz, von dem oben (S. 2) die Rede war. 

*) Dieses Schriftstück liegt im Konzept den Urgichten bei. — 
Befremdlich ist es, daß hier nicht mehr von dem Druck und der Heraus¬ 
gabe der Schrotschen Komödie, sondern von dem Nachdruck des die 
Niederlage des Kurfürsten von Sachsen behandelnden Dialogs als 
Grund der Verhaftung gesprochen wird. 

# ) Mitgeteilt in der Beilage II. 

4 ) Vermerk auf dem Rücken der eben erwähnten Bittschrift. 

6 ) Ratsdekrete 1559, 13. April (Bl. 27»). 


Digitized by 


Go», igle 


Original from 

UNIVERSSTY OF MICHIGAN 



202 


14 


Digitized by 


Exemplare des Buches werden wohl konfisziert und verbrannt 
worden sein J ). 

Denecker war jetzt frei; aber wenn die über ihn ver¬ 
hängte Strafe nicht recht bald anfgehoben wurde, mußte er 
zum Bettelstab greifen. Der Rat, der aus Rücksicht auf die 
mächtigen Verwandten der Deneckerin schon bisher bemüht 
gewesen war, soviel als möglich von ihrem Mann das Ärgste 
abzuhalten, gab diesem auf sein wiederholtes Bitten am 
3. Juni die Zusage, ihm zu seiner Restitution behilflich zu 
sein; er möge den Kaiser schriftlich darum bitten, dann 
wolle man sich, wenn Bericht gefordert werde, „nach Gebühr 
halten“ 2 ). Denecker beeilte sich natürlich, seine Eingabe 8 ) 
an den Kaiser einzureichen, und seine Sache wurde auch 
durch „Förderung“ von verschiedenen Seiten her auf gute 
Wege gebracht; aber die vielen Geschäfte, die die Feststellung 
des Reichstagsabschiedes und die Vorbereitungen zu der am 
21. August erfolgenden Abreise des Kaisers mit sich brachten, 
verzögerte die endliche „Absolution“ Deneckers um einige 
Wochen. Erst am 7. September 1559, nachdem seit seiner 
Gefangennahme mehr als siebeneinhalb Monate verflossen 
waren, wurde ihm durch den vom Kaiser hierzu ermächtigten 
Rat eröffnet, daß er sein Handwerk wieder ausüben dürfe. 
„Doch soll er“, wurde hinzugesetzt, „angeloben, nichts aus¬ 
gehen zu lassen, er hab es denn zuvor die Schulherrn (die 
zugleich die Zensoren waren) besichtigen lassen und seinen 
Namen darunter gesetzt 4 ).“ Und einen Monat später (7. Ok- 


*) Nach Angabe des Lagerkatalogs VIII (1911) der Leutnerschen 
Hofbuchhandlung in München sind nur noch sechs vollständige Exem¬ 
plare des Buches vorhanden, von denen der Verfasser dieser Zeilen das 
an der Kgl. Staatsbibliothek in München und das der Stadtbibliothek 
in Augsburg vorhanden gehabt. Ein siebentes, unvollständiges, das 
sich im Besitz 0. Weigels befand (Kusinsky 3639) ist nun in dem 
Leutnerschen Katalog als Nr. 37 aufgeführt. — S. zu dem Buch Schnorr 
v. Cavolsfeld im Arch. für Litt.-Gesch,, IV S. 405. 

*) Ebenda, 3. Juni (Bl. 8*>). 

3 ) Sie ist gedruckt bei B u t s c h , S. 17 Anm. 3. Der 7. Sep¬ 
tember ist aber nicht das Datum der Eingabe, wie Butsch anzunehmen 
scheint, sondern das des Tages, an dem Denecker vom Kate seine Be¬ 
gnadigung verkündet wurde. 

4 ) Ratsdekrete 1559, 7. Sept. (Bl. 33 1 >). 


Go 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



15 


203 


tober) wurde, offenbar im Hinblick auf diesen Fall, sämtlichen 
Buchdruckern und BuchfQhrern noch einmal eingesohärft, 
sich bei Ausübung ihres Gewerbes genau an die Reichs¬ 
presseverordnung vom Jahre 1548 zu halten *). 

Das Unternehmen, durch das sich Denecker aufzuhelfen 
gehofft, war also gründlich mißglückt, und anstatt seine alten 
Gläubiger befriedigen zu können, war er noch in neue 
Schulden geraten. In dieser Not war es, daß er das Toten¬ 
tanzwerk seines Vaters in dritter Auflage (1561) herausgab. 
Um dieses sowie verschiedene andere gangbare Bücher und 
Bilder zu verkaufen, besuchte er als Buchführer die großen 
Messen und kleineren Jahrmärkte und scheint damals nur 
selten zu eigener Produktion gekommen za sein. Am 
21. Januar 1561, an dem gleichen Tage, an dem der Rat 
vor zwei Jahren seine Verhaftung angeordnet, erhielt er von 
diesem die Erlaubnis „ain Jahr daust zu wonen“ 2 ), machte 
davon aber erst 1562 Gebrauch und bezahlte, wie es üblich 
war, beim Abzug drei Steuern, im ganzen 1 fl 15 Kreuzer 
3 d, also nur 25 Kreuzer pro Jahr 8 ). Er blieb aber Augs¬ 
burger Bürger und kam zeitweise in die Stadt zurück; sein 
Name findet sich in den Steuerbüchern noch eingetragen 
bis 1567, jedoch ohne Anlage; im Jahre 1568 und weiterhin 
fehlt er. 

In der Zwischenzeit, im Jahre 1564 brach Denecker 
noch einmal durchs Eis. Am 10. Juni dieses Jahres zeigte 
nämlich Bürgermeister und Rat von Dinkelsbühl den Stadt¬ 
pflegern und Geheimen von Augsburg an, daß ein Buchführer, 
Christoph Eberhard, zwei verbotene Schandbriefe feilgehabt, 
die er tags zuvor von David Denecker auf der Nördlinger 
Messe gekauft. Denecker habe diese Briefe selbst gemalt 
und gedruckt und bringe sie ungeachtet der strengen Ver¬ 
bote und des Ärgernisses, das sie bei vielen erregen müßten, 
unter die Leute 4 ). Die Geheimen sprachen den so wach- 


') Stetten, Geschichte von Augspurg (Frankfurt und Leip¬ 
zig 1743), I S. 534. 

2 ) Ratsdekrete 1561. 21. Januar (Bl. 5*>). 

*) Steuerbuch 1562 (unter: Salta zum Roten Tor) Bl. 9c. 

4 ) Das Schreiben und die Antwort darauf liegen bei den Urgichten 
des Jahres 1564. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



204 


16 


Digitized by 


samen Dinkelsbtlhler Herren schon am 12. Juni für diese 
Mitteilung ihren Dank aus und versicherten ihnen, daß man 
gegen Denecker, der jetzt nicht zu Hause sei, sobald man ihn 
fassen könne, vorgehen werde, wie es sich gezieme. Der 
so Denunzierte muß schon an einem der nächsten Tage 
zurückgekehrt sein, denn am 15. Juni lag er in den Eisen. 
Er wurde von den ihn verhörenden Herren mit Vorwürfen 
Uberhäuft 1 ), daß er sich, seiner im Jahre 1559 ausgestellten 
Verschreibung entgegen, nun neuerdings „Untaten und Mi߬ 
brauch seines Handwerks“ schuldig gemacht, so daß er 
„meineidig und gelübdlos“ geworden sei. Denecker wußte 
darauf wieder nichts vorzubringen, als daß die beanstandeten 
Stücke alte Sachen seien, die man früher auf den freien 
Messen in Frankfurt und anderswo offen habe verkaufen 
dürfen, und daß er seine Verfehlung nur aus Not und Armut 
begangen. Über ein Manuskript Schrots, das man in seinem 
Schreibtisch gefunden hatte, vermochte er beruhigende Aus¬ 
kunft zu geben. 

So sehr der Rat über Denecker erzürnt sein mochte, 
machte er es diesmal, da er selbständig bandeln konnte und 
ein leichterer Fall vorlag als im Jahre 1559, mit ihm kurz 
und „glimpflich“, indem er noch am 15. Juni das Urteil fällte: 
„David Denecker soll zu einer gnädigen Straf vier Wochen 
in Eisen liegen bleiben und ihm seiner Hausfrauen Brieflein 
furgehalten werden 2 ).“ Welchen Inhalt dieses gehabt, wissen 
wir nicht; keinesfalls einen erfreulichen, da die „Herren“ 
die Mitteilung desselben gewissermaßen in die Strafe mit- 
einbezogen. 

Nach einem Vierteljahre kam Denecker, wenn auch nur 
vorübergehend, noch einmal in die Eisen, und zwar diesmal 
wegen eines mit seinem Handwerk in keinerlei Zusammen¬ 
hang stehenden Reates. Das Strafbuch von 1563 bis 1568 
berichtet nämlich (Bl. 65“) unter dem 19. September 1564: 
„Gilg Meichsner und David Denecker haben Eugelin in die 
Wertach geworfen, davon die Fisch Uber sich gangen und 

*) Siehe Deneckers Urgicht vom 15. Juni 1564 in der Beilage 
unter Nr. VI. 

*) Ratsdekrete 1564, 15. Juni, Bl. 53 b . 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



17 ' 


205 


gestorben sein 1 ); derhalben sie in Frönfest gelegt aber auf 
Ftlrbitt ausgelassen worden sind.“ Nach dieser neuen „Mi߬ 
handlung“ scheint Denecker sein Heim in Augsburg für 
immer aufgegeben zu haben und hat, wenn er die Stadt 
überhaupt noch einmal betrat, in ihr nur als „Gast“ geweilt. 
In spätere Zeit, als er sich bereits in Wien niedergelassen, 
fallen zwei ihn betreffende Einträge in den Augsburger Rats¬ 
dekreten, die jedoch für uns belanglos sind 2 ). 


Beschreibung des yon Schrot und Denecker herans- 
gegebenen „Schmachbuches“. 

Das Buch, Fol., trägt den Titel :Von der Erschrock- 
li-/chen Zurstörung vnud Niderlag deß/ 
gantzen Bäpstumbs, gepropheceyetvnd ge-/ 
weissagt, durch die prophet'en, Christum, vn/ 
seineAposteln, vn außJohannisApoca-/lypsi 
Figürlichvnndsichtliehgesehen/. Durch ain 
Hochgelehrten, dise gegen/würtige ding, vor 
sehr vil Jaren/beschriben, vnd der wellt 
trew- / lieh, auffs kürtzest hiermit / furge- 
halten, züNutz vn/güt, derSeelen, zum/Ewi- 
gen Leben/. Mathei am 7:/Weicht ab jr ybeltheter all 
behendt / Dan ich hab euch noch nie kain mal erkent. — Dieser 
Titel ist von einem aus vier Leisten bestehenden Rahmen 
umgeben. Obere Querleiste: in der Mitte ein Altar; links 
steht vor demselben Christus mit dem Lamm, den zu ihm 
herandrängenden Auserwählten den Kelch darreichend; rechts 

J ) Diese Art des Fischtötens scheint damals in Deutschland ziemlich 
in Schwung gekommen zu sein. Der Advokat Dr. Hieronymus Fröschel 
erzählt in seiner Hauschronik (jetzt im Staatsarchiv zu Marburg) aus seiner 
Studentenzeit unter dem Jahre 1552: „Am 12. april hab ich die kunst 
mit den vischkngeln im Rein versucht, daß die visch doll worden und 
jechling ans gstat geschossen, daß ich etlich zimlich grosse bachvisch ... 
heraus genomen.“ 

*) Ratsdekr. 1577, 2. Mai: „David Dennecker soll nachgesehen 
und seinem sone (Hercules?) die begert urkund eelicher geburde mit- 
getailt werden.“ — 7. Mai: „David Dennecker soll, do er die ausstendig 
steur betzalt, ain urkund, wie die Sachen (wol sein Weggang von 
Augsburg) an ir selbst geschaffen ist, mitgetailt werden.“ Bl. 40», 41 b . 

Archiv für Beformationsgeschichte. IX. 3. 14 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



206 


18 


Digitized by 


der Papst mit dem siebenköpfigen Tier der Apokalypse und 
seinem „Gesind“ von Kardinälen, Bischöfen und anderen 
geistlichen Personen, den vor ihm knienden Kaiser belehnend. 
Untere Querleiste: links die Schar der Auserwählten, die 
ein Engel in das Reich der ewigen Seligkeit führt, rechts 
der Papst und sein Anhang, die der Satan iö den Höllen¬ 
rachen treibt. Längsleiste links: der nackte Christus mit 
Marterwerkzeugen in den Händen, darunter der Tod; rechts: 
der Papst in prächtigem Ornat mit den Insignien seiner 
Macht und Würde, darunter der Satan in fratzenhafter Gestalt. 

Den Hauptinhalt des Buches bildet die von Denecker 
mit Holzschnitten *) ausgestattete Komödie Schrots, die von 
den 397 2 Blättern, die es zählt, 27 einnimmt. Sie gehört 
zur Gruppe der protestantischen Tendenzdramen, die den 
Zweck verfolgen, die „Schande“ der alten Kirche aufzudeoken, 
das Papsttum als eine Schöpfung des Teufels zu erweisen 
und es dadurch verächtlich und verhaßt zu machen, wie dies, 
um die berühmtesten Namen zu nennen, in den Totenfressern 
des Basler Druckers Pamphilus Gengenbach, in den Fast¬ 
nachtspielen des Berner Malers Nikolaus Manuel und vor 
allen in den großen Kampfdramen des sächsischen Pfarrers 
Thomas Naogeorg geschieht 2 ). Das von Schrot in kurzen 
Beimpaaren verfaßte Stück ist wie die meisten „Spiele“ 
dieser Art ohne Handlung im eigentlichen Sinne des Wortes 
und besteht nur aus einer Folge von Vorgängen, die sich in 
ziemlich schablonenhaft angelegten Monologen der nach¬ 
einander auftretenden Personen oder in Dialogen von höchst 
einfacher Gestaltung abwickeln. Über der Liste der „Namen, 
so in disem Handel begriffen seind“, sehen wir einen auf 
einem Felsen sitzenden Mann — vielleicht den Dichter —, 
der, einen Stab in der Hand, zu einer nicht sichtbar gemachten 
Person spricht: „Simplex, die Werk Gottes seind vor Augen 8 ).“ 


>) Im ganzen nicht weniger als 101. 

*) Siehe hierzu Holstein, DieReformation im Spiegelbilde der 
dramatischen Literatur des sechszehnten Jahrhunderts, Halle 1886 
S, 166 fl. 

*) Wie in Schrots oben (S. 195) erwähnten „Newen Römischen 
Pasquillus“. Siehe die Beschreibung dieser Schrift bei Roth, Augs¬ 
burgs Ref.-Gesch., Bd. III S. 166ff. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



19 


207 


Die „Agierenden“, nicht weniger als 55, sind in drei Gruppen 
eingeteilt: in die der „Himmlischen“, unter denen sich der 
eben verstorbene Luther befindet, in die der „Höllischen“, 
die den Teufel nebst dem Papst und den „Seinen“ umfaßt, 
und die der „Irdischen“. An dieses Verzeichnis reibt sich 
das Bild des Herolds, der „die Vorred thut“, und das eines 
Knaben, der „das Argument redt“. 

In Akte und Szenen ist das Stück nicht gegliedert, da¬ 
gegen wird jeder der sich von selbst ergebenden Abschnitte 
gewissermaßen eingeleitet durch einen Folioschnitt Deneckers, 
der den Inhalt desselben veranschaulicht. Der erste mit der 
Aufschrift: DerBapst rfifft seine Schutzherren 
an zeigt uns eine auf dem siebenköpfigen Tier sitzende 
Frauensperson — „Angnes, ain Weib aus Engelant, Johannes 
der sibent genant, A. 851 x )“ —, das den Kaiser, den König 
sowie andere Potentaten und Würdenträger aus einem Kelche 
trinken läßt und sie dadurch zu ihrem Schutze feierlich in 
Pflicht nimmt. Der dazu gehörende Vorgang auf der Szene: 
Der Papst erfordert die weltlichen Herrscher vor sich; es 
erscheint zuerst der Kaiser, um ihm den Treueid zu leisten, 
dann treten, von einem Domherrn einzeln zitiert, der römische 
König, die Könige von Frankreich, von Spanien, von Eng¬ 
land, von Portugal, von Schottland und von Polen, ein Herzog, 
ein Graf, ein Edelmann und ein Bürgermeister hervor und 
versichern dem heiligen Vater, mit Leib und Leben zu ihm 
halten zu wollen. Natürlich fehlt auch der Narr nicht und 
der Satan, der mächtigste Protektor des Papstes. Alle diese 
Personen sind, teils freistehend, teils mit hübschen, manch¬ 
mal recht originellen Bahmen umfaßt, in typischen Einzel¬ 
figuren oder durch ihre Wappen dargestellt. Für jede Person 
wird in der Regel durch das ganze Buch hindurch das Bild 
gebraucht, mit dem sie da,* wo sie zum ersten Male auftritt, 
eingeführt ist. 

Auf dem zweiten Hauptbild: Der Saluatorwirt 
zornig vber das gefallen Bapstumb erblicken 
wir den über feuerspeienden Wolken thronenden Gott Vater 

*) Siehe hierzu Döllinger, Die Papstfabeln des Mittelalters, 
2. Anfl., ed. Friedrich (Stnttg. 1890). Wegen des Namens Agnes 
insbesondere S. 27. 

14* 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



208 


20 


Digitized by 


als Richter, der ein flammendes Schwert aus dem Munde 
schnaubt und eine Sichel in der Rechten hält. Im Halbkreis 
umschweben ihn die apokalyptischen Engel mit dem Mühl¬ 
stein, mit dem Kelch, mit dem Rauchfaß, mit dem Buch, mit 
der Posaune und der, der unter Freudengeschrei die Hände 
über dem Haupte zusammenschlägt. Der Siebente nimmt von 
dem Salvator die Sichel in Empfang, um damit das Papst¬ 
tum zu zerschlagen. Das siebenköpfige Tier, der Papst und 
seine Leute hören dies, brechen vor Schrecken zusammen 
und wälzen sich in wirrem Haufen auf dem Boden. — 
Szenischer Vorgang: Der Salvator und fünf der genannten 
Engel künden, jeder einzeln (in Reden von je 28 Zeilen), 
den „Verworfenen“ die Vernichtung an, halten ihnen ihre 
Missetaten vor und schicken sich an, zur Tat zu schreiten. 

Drittes Hauptbild: Das jemmerlich Geschray 
der verworffnen Geistlichen. Das Strafgericht ist 
vollzogen. In der Höhe schwebt der von feurigen Wolken 
umgebene Racheengel, der in jeder Hand ein Flammenschwert 
schwingt. Auf der Erde liegt regungslos der zerschmetterte 
päpstliche Haufen. Zur Linken desselben steht der Satan, 
der sich bemüht, einen der Kardinäle aufzurichten, zur 
Rechten der Narr und hinter ihm das Närrlein, die „ir all- 
sam spotten vnd in die Warheit sagen“. In einiger Ent¬ 
fernung von dieser Gruppe sieht man die bestürzte Schar 
derer, die noch vor kurzem dem Papste unverbrüchliche Treue 
geschworen. — Szenischer Vorgang: Der Papst, der Kardinal, 
der Bischof, der Legat, der Cortisan, der Cometer oder Creuz- 
herr, der Offizialchorrichter, der Anthonier Pfaff, der Thum¬ 
herr, der Layen-Pfaff, der Apt, der Cartheuser Orden, der 
Augustiner Münch, der Prediger Münch, der Barfüßer Münch, 
Unser Frauen Brüder Münch, die edel Nunn, die gemeine 
Nunn, die vielberufene Pfaffen Magt und der Jakobs Bruder 
ergehen sich nacheinander in verzweiflungsvollen Klagen 
über das, was sie verloren, und das, was ihnen nun bevor¬ 
steht. Die Sprüchlein, die sie hersagen (alle wieder 28 Zeilen 
lang), heben, freilich in Anlehnung an bekannte Vorbilder, 
das für jeden dieser Stände Charakteristische in recht ge¬ 
schickter Weise hervor und decken in Form von Geständ¬ 
nissen alle die Mißstände und Mißbräuche auf, die dem 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



21 


209 


„päpstlichen Pfaffenwesen“ von den Evangelischen zum Vor¬ 
wurf gemacht wurden; es war für Denecker eine dankbare 
Aufgabe, für diese von dem Dichter vorgeführten Typen den 
entsprechenden bildlichen Ausdruck zu schaffen. Zum Schlüsse 
kommen noch der Narr und das Närrlein, um zu dem Ge¬ 
schehenen ihre Glossen zu machen, und der Satan, der den 
Papst zu trösten versucht, aber auch seinen Spott nicht ver¬ 
beißen kann. 

Viertes Hauptbild: Hie wirdt das Bapstumb 
widerumb geblindert. Auf die leblos auf der Erde 
liegenden Geistlichen treten von links her der Kaiser sowie 
die übrigen Potentaten und Herren, von rechts her Leute aus 
dem Volke heran, um jedem von ihnen das wegzunehmen, 
was die Vorfahren ihnen einst geschenkt und gestiftet. Im 
Hintergründe breitet sich das erregte Meer aus, auf dem ein 
paar Schiffe dahingetrieben werden, und am Strande steht 
je eine Gruppe wehklagender Kaufleute und Schiffer (Apok. 18). 
— Szenischer Vorgang: Der Kaiser, der römische König, 
die bei Beschreibung des ersten Bildes genannten Herrscher, 
der Herzog, der Graf, der Edelmann, der Bürgermeister, dann 
der Handwerker und der Bauer sprechen in Monologen (von 
je 28 Zeilen) ihre Gedanken über das Geschehene aus und 
greifen, die wehrlos vor ihnen Liegenden plündernd, nach 
dem, was sie als das Ihrige erkennen. Dann kommen noch 
hervor ein Bettler, der sich in sehr derben Worten Uber die 
Hartherzigkeit und die verächtliche Behandlung ausläßt, 
womit sich die üppigen Pfaffen an ihm versündigt, und der 
„einfältige Mann“, der Gott dankt, von dem gleisnerischen 
Papsttum erlöst zu sein. An sie schließen sich der Kauf¬ 
mann und der Schiffer, die darüber jammern, daß sie infolge 
der über das Papsttum hereingebrochenen Katastrophe ihre 
besten Kunden, die hohen kirchlichen Würdenträger, verloren 
hätten. Endlich erscheint der Papst selbst, gedenkt dessen, 
was er bis vor kurzem noch war und was er jetzt ist, und 
„weint und verzweifelt“. 

Fünftes Hauptbild: Hie wirdt das Vnkraut inß 
Höllisch Feuwr geworffen. Der Salvator thront in 
seiner furchtbaren Herrlichkeit über den flammenden Wolken, 
zu seinen Füßen schwebt, das Angesicht auf die Erde ge- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



210 


22 


Digitized by 


richtet, der Engel mit dem Buche. Unter ihm, in der Tiefe, 
wird der Haufen der Päpstlichen, der mit starken eisernen 
Ketten umfangen ist, von den Racheengeln und dem Tod an 
den Höllenrachen hingescbleppt und in ihn hineingestoßen. 
— Szenischer Vorgang: Der Engel mit dem Buch höhnt den 
Papst, indem er ihm vor Augen führt, daß er und die Seinen 
jetzt von all ihren mächtigen Anhängern und Schützern ver¬ 
lassen und dem Verderben preisgegeben worden seien. Er 
schließt mit den Worten: 

„Nun Tod, Sathan, nimms hin s’ ist Zeit 

Und quäl sie nun mit Herzeleid 

Von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ 

Nachdem noch der siebente apokalyptische Engel der Ge¬ 
fallenen „gespottet“, ertönt ein Lobgesang der Engel und 
Heiligen Gottes, der das von diesem Uber das Papsttum gehaltene 
Gericht mit jauchzendem Halleluja preist. Der die Sense 
schwingende Tod macht sich auf, um die Leiber des Papstes 
und seiner Genossen zu „würgen“, während ihre Seelen in 
ewiger Pein fortleben sollen. Dann erscheint Christus mit 
dem „Siegfahnen“ in der Hand, der in längerer Rede das Ur¬ 
teil des Salvators wiederholt und noch einmal die erst zeitlich 
Gestürzten in alle Ewigkeit verdammt. Sofort befiehlt nun 
der Engel mit dem Buch den ihm untergebenen Geistern des 
Lichts, das Papsttum in Fesseln zu schlagen und der Hölle 
zu überantworten. Das geschieht. Zuletzt wird auch noch 
der Satan, des Papsts „Gesell“, trotz heftiger Gegenwehr 
überwunden und in den Avernus hinabgestürzt. 

Das sechste Hauptbild: Die Außerwölten standt 
bey ainander vmb das lamb Gottes. Oben, über 
den Wolken, das Lamm in der Glorie, im Halbkreis umgeben 
von singenden und musizierenden Engeln. Unten, auf der 
Erde, zwei einander gegenüberstehende Gruppen: links die 
Gelehrten und Leute aus dem Volk, rechts der Prophet Daniel, 
der Apostel Paulus, der Evangelist Johannes und Martin 
Luther. Die drei Erstgenannten erinnern an die Prophezei¬ 
ungen, in denen sie das, was jetzt eingetreten, vorausgesagt. 
Luther versichert, daß er an der Niederlage des Papsttums 
keine Schuld trage, sondern dieses sich ganz und gar selbst 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



23 


211 




ins Verderben gebracht habe. Er begründet das dnrch ein 
langes Sündenregister, das er ihm vorhält, meint aber 
schließlich: 

„Doch ist mein redt, hülfft es in nott, 

Last vns noch für sy bitten Gott, 

Ob doch etlich vnder in wem, 

Die sich ein mal wolten bekern, 

Damit globt wird Gottes namen. 

Wer das begert, der sprech Amen!“ 

Damit endet die Komödie; die Figur des Herolds, natürlich 
dieselbe wie die am Anfang des Stückes, ist die letzte, die 
Denecker hierfür geschnitten. Aber Schrot veranlaßte ihn, 
noch ein siebentes Hanptbild zu fertigen, das mit dem Stück 
in keinerlei innerem Zusammenhang steht und betitelt ist: 
Die war heylig, einig, christlich Kirchen, 
darin die newgebornen Kinder Gott deß 
Vatters sein, die erlöst seindt durch das Plüt 
Christi vndVergebung derSünden im heylign 
Geyst han empfangen, eine frostige, spitzfindig aus¬ 
geklügelte Allegorie, deren Konzeption natürlich ganz und 
gar das Werk Schrots ist. Auf der Höhe einer zwischen 
zwei Felsen ansteigenden Treppe mit zwölf Stufen — den 
Artikeln des christlichen Glaubens — steht Christus, der den 
Tod hinabstößt; in der Mitte der Treppe erblickt man den 
Heiligen Geist als Taube. Über den Wolken, links von 
Christus, sitzt Gott, der Vater, auf einem prunkvollen Stuhl; 
unter den Wolken stürzen sich Engel mit Schwertern auf 
den Satan, um ihn in die Hölle zu treiben. Rechts von 
Christus steht auf einem kleinen, Uber die Wolken sich er¬ 
hebenden Hügel das Lamm, das von einer Schar unschuldiger 
Kinder umgeben ist; unter den Wolken schweben hier 
bewaffnete Engel, die aufgestellt sind, die hinterlistig, auf 
falschem Wege dem Reich Gottes Zustrebenden abzutreiben; 
denn in dieses führt nur ein Weg, das ist der über die 
Treppe hinauf. Am Fuße derselben drängen sich die, denen 
es ernst ist mit dem Kampfe um die Seligkeit; umschlungen 
mit einer Kette, von deren Gliedern jedes eine christliche 
Tugend verkörpert, lauschen sie mit Andacht den Worten 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



212 


24 


Digitized by 


der Propheten und Johannis des Täufers. Außerhalb dieser 
Kette steht die unübersehbare Menge der noch nicht zur 
Gemeinde Christi Gehörenden, vor ihnen Moses mit der 
Gesetzestafel, wie er ihnen, „sonderlich den Juden, ihre Sünde 
anzeigt“. Links unten schlägt das wilde Meer an den Felsen 
der Kirche und „grausame Mörthier und Syrenen“ bereiten 
ihr Gefahren und Versuchungen. Gegenüber, in der Ecke 
rechts, zeigt sich ein mit der päpstlichen Tiara bekrönter 
Teufelskopf, der gegen die Gemeinde der Auserwählten sein 
Gift spritzt. 

Warum Schrot dies Bild den andern hat anfügen lassen, 
ist klar. Er wollte die Herausgabe der Komödie, von der 
er hoffte, daß sie weite Verbreitung finden werde, benützen, 
um im Anschluß an den Text die Summe seines Glaubens 
darzulegen und für ihn in den Kreisen der nach seiner An¬ 
sicht noch „in der Irre Gehenden“ zu werben. Wie aber 
war damals sein Glaube beschaffen ? Schrot war, wie man 
Grund hat anzunehmen, ursprünglich zwinglisch, besaß dabei 
aber doch so viel Sinn für die Bedeutung und die Größe 
Luthers, daß er diesen mit den in der Komödie auftretenden 
Propheten und Aposteln in eine Linie stellte. Aber bald 
nach dem Jahre 1546 muß Schrot, vielleicht infolge persön¬ 
licher Berührung mit dem damals in Augsburg lebenden 
Täufer Pilgram Marbeck*), täuferische Anschauungen in sich 
aufgenommen haben, sonst wäre er nicht, wie er im Jahre 1552 
tat, nach Mähren gezogen, wo die Täufer in einer Anzahl 
geschlossener Niederlassungen hausten 2 ). Natürlich wurde 


>) Siehe hierzu B o t h, Augsburgs Bef.-Gesch., III S. 248. 

*) Über das Leben, Leiden und Treiben der mährischen Brüder¬ 
gemeinden sind wir trefflich unterrichtet durch das Werk Josef Becks, 
„Die Geschichts-Bücher der Wiedertäufer in Österreich-Ungarn, 
betreffend deren Schicksale in der Schweiz, Salzburg, Ober- und Nieder¬ 
österreich, Mähren, Tirol, Böhmen etc. in der Zeit von 1526 bis 1785“. 
(Wien 1883) = Fontes Ber. Austr., Diplomata et Acta, Bd. 43. — 
Polemisch: Der Hutterischen/WidertaufferTauben- 
Kobel...DurchChristophorumAndreamFischerD./ 
Pfarrherrn zu Velsperg. Darunter ein Holzschnitt, einen 
Taubenkobel darstellend. Mit Böm : Kay: Mayest: freyheit./ Getruckt 
zu iDgolstatt, in der Ederischen Truckerey, / Durch Andream Anger- 
mayr./ Anno M.DC.VIL 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



25 


213 


er hier io seinem neuen Glauben bestärkt und gefestigt, nahm 
aber doch die Lehre der Brüder nicht in allen Punkten an, 
denn er war ein selbständiger Bibelausleger und Denker, 
der seine eigenen Wege gehen wollte. Als er nun im 
Sommer 1557 mit Denecker die zur Veröffentlichung des 
Buches nötigen letzten Arbeiten erledigte, schrieb er eine im 
Druck hinter dem Titelblatt eingereihte prosaische Vorrede 
(2 1 / 2 Bl.) hierzu, in der er die Gott zur Vernichtung des 
Papsttums bewegenden Gründe auseinandersetzt und die 
Komödie mit ihren sechs Hauptbildern nebst den dazu 
gehörenden Nebenfiguren als den ersten Teil des Buches 
bezeichnet; der zweite werde von dem siebenten Hauptbild 
und der ihm angehängten Erläuterung gebildet. Diese eben¬ 
falls in Prosa verfaßte Erläuterung (8 l j 2 Bl.) war ihm offen¬ 
bar das Wichtigste des ganzen Buches. Ich will, kündigt 
er in der Vorrede an, hier, „so viel mir Gott der Gnaden 
hat gegönnt und gegeben, mein Licht nit unter die Bänk 
setzen und einen Metzen drüber stürzen sondern es frei auf 
den Tisch aller Gutherzigen ... setzen, daß aller Gläubigen 
Hausgesind mein Licht, von Gott angezündet, scheinen seh 
zu Lob und Preis der Ehre Gottes, des himmlischen Vaters, 
der das lebendige Wort durch seinen heiligen Geist in mir 
als einen Samen des ewigen Lebens gesäet hat, des Frucht 
und Nutz aus dem neu gebornen Wort herfürbricht wie die 
schöne Morgenröte und [das] Blut [des] Bräutigams Jesu 
Christi, seines eingebornen Sohns, so durchs Wort, das er 
selbst ist, mein Herz durchlenchtet mit dem Glanz seines 
heiligen Geists nach Maß meines Glaubens, darmit ich jetzt, 
nachdem mich der Herr gestärkt hat, auch meine Brüder 
möge stärken“. Und es ist jetzt, meint er, wahrlich nötiger 
als je, zu ihnen mit mahnenden und warnenden Worten zu 
reden, denn non, nachdem das Papsttum aus den Herzen 
verbannt ist, geht der Teufel um, um die Menschen mit den 
Satzungen des neuen Papsttums zu beladen, allenthalben neue 
Sekten zu stiften und, wenu dies möglich wäre, selbst die 
Auserwählten zu verführen. 

Was Schrot mit dem neuen Papsttum meint, ist nicht 
zweifelhaft. Er zielt damit auf die evangelischen Landes¬ 
kirchen und die Lehre der in ihnen wirkenden Prädikanten, 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



214 


26 


Digitized by 


die nichts wissen vom lebendigen Wort und nur den toten 
Buchstaben zu predigen vermögen. Im Gegensatz zu diesen 
Kirchen steht die „wahre christliche Kirche“, wie sie die 
Täufer und Schrot auffaßten: „Die Versammlung aller Gläu¬ 
bigen, die, durch den heiligen Geist versammelt, durch die 
reine Lehre Christi von der Welt abgesondert und durch die 
göttliche Liebe vereint, dem Herrn aus dem Herzen geist¬ 
liche Opfer bringen. Wer in diese Kirche eingeführt, ein 
Hausgenosse Gottes werden will, muß in Gott leben und 
wandeln; wer außerhalb dieser Gemeinde ist, ist außerhalb 
Christo 1 ).“ Auch Schrots „Meinungen“ über das Wesen der 
Obrigkeit sind täuferisch. Die Kindertaufe wird von ihm 
mit Nachdruck abgelehnt und statt ihr die Taufe der durch 
das Wort Gottes Unterwiesenen, also die Spättaufe, gefordert. 
Das Abendmahl ist ihm zwar eine Einsetzung Christi, aber, 
wie den Zwinglern und den Täufern, nur eine Feier des 
Gedächtnisses an das Leiden und Sterben des Heilands und 
zugleich ein Dankfest hierfür. Als drittes Sakrament nach 
der Taufe und dem Abendmahl nennt Schrot jedoch nicht 
wie die mährischen Brüder die Ehe, sondern „die Gewalt 
der Schlüssel“ und „das Regiment des heiligen Geistes“. 
Den Schluß dieser Ausführungen, von denen, wie er dies 
auch in der Komödie durchgeführt hat, fast jeder Satz, ja 
manchmal jedes Wort mit dem Zitat einer Bibelstelle belegt 
ist, bilden die Aufforderung, „in der einigen christlichen Kirche“ 
und im rechten Glauben zu verharren, ein Aufruf zur Buße 
angesichts des nah bevorstehenden Gerichtes und eine noch¬ 
malige Warnung vor den Verführern, die er in die für ihn 
so bezeichnenden Verse faßt: 

Wer auß dem allten Bapstumb ist gegangen, 

Der schauw, das er nit im Neuwen werd gefangen, 
Dan yetzund vil hell Geister vmbher brangen, 

Die manchem sein gwissen bschweren mit drangen. 
Mit vil yrthumb seind sy selbst behängen, 

Mügen doch Gotts gnadt vnd Geist nit erlangen. 
Solche seind wilde, verdorbne Wein rangen, 

Scorpion, Basiliscus vnd stechent Schlangen, 

J ) Beck S. XI. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



27 


215 


Die züsamen werden banden mit strängen 
Vnd in das Höllisch fewr geworffen mit zwangen; 
Aber die frumen mit Englischen gesangen 
Ewig leben; da wirt Gott von iren wangen 
Die treheren abwischen, mit Lieb vmbfangen. 


Anhangsweise mögen hier noch einige Notizen zu dem 
späteren Lebenslaufe Martin Schrots folgen. Er hätte, nach¬ 
dem er zur Herausgabe der Komödie das Seine getan, seinen 
ständigen Wohnsitz gern wieder in Augsburg genommen, 
erhielt aber, als er beim Kate der Stadt, mit dem er seit 
seinem Entweichen im Jahre 1552 immer noch nicht „ver¬ 
glichen“ war, um die Erlaubnis zur Rückkehr supplizierte, 
den in ähnlichen Fällen häufig erteilten Bescheid: „Wer ihn 
hab heißen hinausgehen, der soll ihn wieder heißen herein¬ 
gehen.“ So wanderte er nochmals zu den Brüdern nach 
Mähren, von wo aus sich das Gerücht von seinem Tod ver¬ 
breitete, so daß seine Frau Margareta in dem im Oktober 1558 
angelegten Steuerbuch als Witwe verzeichnet ist. Schon im 
nächsten Jahre ist sie wieder zu Schrots „Ehewirtin“ ge¬ 
worden, die in einem ihr gehörenden Häuschen „an des 
Geigers Garten“ wohnte und jedenfalls alles aufbot, um durch 
„Fürsprachen“ den Rat endlich für ihren Mann gnädig zu 
stimmen. Das gelang erst im Jahre 1563, wenigstens findet 
sich erst von dieser Zeit an sein Name wieder in den Steuer¬ 
büchern, und zwar an der Stelle, an der bisher der seiner 
Frau eingeschrieben gewesen und mit demselben Steuersatz, 
der von dieser bezahlt worden war 1 ). 

Schrot kam nach Hause als ein verbitterter Mann. Seine 
religiösen Ideale hatten bei den Täufern — den Huterischen 
— so wenig dauerndes Genüge gefunden wie einst in der 
Lehre Luthers und Zwinglis, und die Sympathie, die er an¬ 
fangs den mährischen Brüdern entgegengebracht, war schließlich 
in solchen Unwillen gegen sie umgeschlagen, daß er sich 


*) Die Steaerquote der Schrotin und dann Schrots betrug nur 
30 d, 20 kr., 6 d; sie scheint sich aus dem Ertrag des Häuschens er¬ 
geben zu haben. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



216 


28 


Digitized by 


sogar hinreißen ließ, ein Büchlein gegen sie zu schreiben, 
in dem er sie als schädliche Verführer anklagte 1 ). In Augs-, 
bürg verlebte er fortan äußerlich still dahinfließende, aber 
von dürftigen Verhältnissen getrübte Jahre. Von poetischen 
Arbeiten, durch deren Ertrag er sich aufzuhelfen versuchte, 
kennen wir aus dieser Zeit nur eine einzige unter seinem 
Namen erschienene, nämlich „Die X Alter der Welt“ 2 ) (die 
zehn Lebensalter), ein damals außerordentlich beliebter Stoff. 
Außerdem war er damit beschäftigt — vielleicht unter Be¬ 
nützung von Sammlungen seines wappenkundigen Freundes 
Denecker —, Material zu einem größeren Wappenwerke 
zusammenzubringen, starb aber, bevor er damit zu Ende kam, 
in den letzten Monaten 1575 oder im Frühling 1576. Der 
Buchdrucker, * in dessen Verlag das Buch erscheinen sollte, 
Adam Berg in München, gab es dann, soweit es fertig vor¬ 
lag, mit einer Widmung an König Rudolf vom 21. Juni 1576 
heraus 3 ). Den größten Teil des Werkes bilden die Wappen 

*) S. die Beilage I, E, Punkt 7 und 8. 

2 ) Die X Alter/der weit, mit jrem lauf/vnd 
aygenschafften erkläret,/nach dem öesatz gaist- 
licher w e iß , / vn d in Reymenverfaßt, durch/Martin 
Schrot, im 1574. / Jar, lieblich zft lesen/vndhören etc./ 
1. Johann, am 3. cap. / Die Welt vergeht mit jrem glust, / wer aber 
Gottes willen thüt, / der wirt bleiben in / ewigkait. / Cum gratia & 
priuilegio. / Getruckt zü Augspurg, durch / Philipp Velhart. (Exemplar 
in der Universitäts-Bibliothek zu München). — Siehe hierzu den Auf¬ 
satz von A. Englertin der Zeitschr. des Ver. für Volkskunde in Berlin, 
1907 S. 16ff., wo der wichtigste Teil des Schrotschen Büchleins ab¬ 
gedruckt ist. 

8 ) Wappen Buch/Des hohen Geistlichen v n d / 
Weltlichen Stands der Christenheit in Europa,/ 
des Apostolischen Stuels zu Rom: Der Patriarchen, 
Cardi-/nälen, Ertz vnd gemaine Bistumben: der 
Gefürsten Preläten,/Abbteyen, Auch der Uniuer- 
siteten vnd ho-/hen Schulen Namen vnd/Wappen. / 
Deßgleichen auch des Römischen Reichs vnnd/ 
Kayerthumbs, der Christlichen Königreichen, 
Chur/vnnd Fürstenthumb,/Graff vnnd Herrschaff- 
ten,/sambt den Freyen Reichs-/Stätten. / In wel¬ 
chem j etz tgemelt em Wappen Buch gleich/als inn 
einem Spiegel zusehen, wie weit sich der/Christ- 
liche Glaubvnnd sonderlich d a s R 6 m i s c h e / ß e i c h 
vnd Kayserthumb etwan/ erstrecket hat./ Durch 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



29 


217 


der „geistlichen Stände“, an ihrer Spitze das des „aposto¬ 
lischen Stuhles“, den Schrot einst als den Sitz des Antichrists 
und der babylonischen Hure in seinen Dichtungen in die 
tiefste Hölle hinabgeschleudert hatte; dazu ein einleitendes, 
sichtlich von Schrot selbst herrllhrendes Gedicht, in welchem 
„die päpstliche Heiligkeit“ die „geistlichen christenlichen 
Stände“ zum Gebet um die Hilfe und den Beistand Gottes 
wider den Feind der Christenheit, „den greulichen, blut¬ 
dürstigen Türken“, ermahnt. Es ist schwer zu sagen, ob 
Schrot, von Not getrieben, um ein Geschäft zu machen, ein¬ 
fach eine sein Gesicht verdeckende Larve vorgebunden hat 
und dabei der Alte geblieben ist, oder ob er zu den nicht 
gar so wenigen gehört, die erst lutherisch, dann zwinglisch, 
dann täuferisch oder schwenkfeldisch geworden, um endlich 
als reuige Söhne zur „Mutter“, der alten Kirche, zurückzu- 
kehren 1 ). 

Im übrigen werden wohl die meisten Schriften Schrots 
gleich seiner „Komödie“ anonym erschienen sein, und es muß 
dem Zufall überlassen werden, diese Anonymität aufzudecken. 
Die engen zwischen ihm und David Denecker bestehenden 
Beziehungen aber, die wir nachgewiesen, werden künftige 
Forscher, die den Arbeiten dieses Künstlers nachgehen, ver¬ 
anlassen, alle bekannten Bücher und Schriften Schrots darauf¬ 
hin zu prüfen, ob sie nicht Holzschnitte von David enthalten. 
In den vor 1548 erschienenen könnten noch solche seines 
Vaters Jobst zu finden sein. 

Martin Schrot von Augspurg zusa-/men getragen. / 
Getruckt zu München. / Mit Röm : Kay: May: freyheit nit nachzu- 
trncken. / M.D.LXXV1. Eine zweite Ausgabe vom Jahre 1580 an¬ 
geführt bei Weller, Annalen der poet. National-Literatur der 
Deutschen, Bd. I S. 333. — In der Vorrede des Druckers zu der Aus¬ 
gabe von 1576 wird bemerkt, daß Schrot eben gestorben sei. Das 
bestätigen auch die Augsburger Steuerbücher: 1575 ist er noch ein¬ 
getragen, 1576 an seiner Statt seine Witwe. 

In den Ratsdekreten 1575, 8. April (Bl. 40») findet sich der 
Eintrag: „Martin Schrots supplication soll den pflegern über sant 
Antonspfründt nach gepflogenheit zugestellt werden.“ Nimmt man im 
Hinblick auf ähnliche Einträge, deren Zweck und Folgen wir kennen, 
an, daß Schrot sich in seiner Supplikation um Aufnahme in die Antons¬ 
pfründe beworben habe, so müßte man in ihm einen „Bekehrten“ er¬ 
blicken, da die Pfründe eine streng katholische war. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



218 


30 


Archiyalische Beilagen. 

i. 

Die an David Denecker bei den gegen ihn 1559 nnd 
1564 geführten Untersuchungen gestellten Fragen und 
seine darauf gegebenen Antworten (in der Urgichten- 
sammlung des Augsburger Stadtarchivs). 

A. 

DavidDenecker soll uffnachvolgendearticul 
ernstlich angesprochen und, da er nit gleich 
Zusagen würd, gebunden und aufgestellt, aber 
doch unaufgezogen, angesprochen werden: 

1. Wer das puech von underdruckung despabs- 
tumbs gedruckt und zue trucken gegeben hab. 

2. Wer die form darzue geschnitten und es verlegt hab. 

3. Wer es gemacht oder darzue geholfen hab. 

4. Er hab es selbs alles angericht und gemacht; aus 
weß anstiften es beschehen sei. 

5. Aus was Ursachen er es gethan, und was er ver- 
maint hab, damit auszerichten und zu erlangen. 

6. Er wird es nit aus im selbs allain gethon, noch den 
costen allain darauf gewendt haben; darumb soll er anzaigen, 
wer im geholfen zum gedieht und verlegen. 

7. So hab er auch die formen, so er darzü gepraucht, nit 
allain geschnitten; wer im in selbem geholfen hab. 

8. Da er dann je nit bekennen wollt, daß er es selbs 
gemacht oder gedruckt, soll er die anzaigen, die es gemacht 
oder gedruckt und die formen geschnitten haben. 

9. Woher im die exemplaria komen, die er gehabt, wifr 
vil derselben gewest seien. 

10. Wem er dieselben verkauft, und wie vil, auch wohin, 
das soll er underschidlich anzaigen. 

11. Was in oder dieselben verursacht, daß sie es wider 
gemain und sunder verbot unangezaigt gedruckt und ver¬ 
kauft oder publiciert und under das volck pracht haben. 

12. Wer in gewarnet, und von wem es derselb erfarn, 
daß man nach im greifen wöllen. 

Actum, afftermontag den 2 4. januarii annu 
1559hatDavidDaneckervonAugspurguffbei- 
ligende fragstuck gütlich bekant*), wie volgt: 

Erstlichen: Dises büch hab ainer gemacht, so Martin 
Schrot haiß, aber jetzo nit mer hie, sonder, wie er ver- 

1 ) Verhörer waren: Herr Wolf Langemnantl, Herr Otto Lauginger. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



31 


219 


numeD, bei den gartenbrüdern im landt zü Merhern sei. der 
habs ime, Tanecker, ungeferfich vor 6 oder 7 jaren uff sein 
beger zügestelt, und er, Danecker, willens gewest, mit der 
zeit ain werck daraus zuezerichten, formen darzne zeschneiden 
und es in truck zü bringen, und sei dise comedi vor jarn 
durch ermelten Schroten alhie öffentlich gespielt*), aber ime 
bald darnidergelegt worden; und sei Schrot selbs der teufel 
im spiel gewest, nachdem sich aber mittler weil zügetragen, 
daß der Schrot von hinnen körnen 2 ), habe er mit dem büch 
nit fort gekundt bis etwo ungeverlich vor anderhalb jaren. 
[da] sei derselbe Schrot alher körnen und ain zeit lang hie 
gewöst, doch haimblich und in der stille, der habe die 
Schriften, vorred und beschluß alles corrigirt und fertig ge¬ 
macht, daß er, Danecker, es hernach in truck gebracht und 
selbs mit seinem gesindt getruckt, dann er die formen alle 
selbs geschnitten und mit seinen eigen Schriften getruckt und 
es sonst niemanden zuekomen lassen, und koste in diser 
truck bis in die 400 gülden, und habe das erste exemplar, 
das er ausgeen lassen, dem pfaltzgraven, churfürsten, uffs 
schönst mit gold eingebunden, geschenckt; so habe er des 
Schroten handschriften, als des autors, noch dahaimen in 
seinem haus, auch wisse der Michel Frey *), schuester, wol 
umb dises gestelte büch; habs oft bei ime im haus gesehen, 
ee er gar mit fertig sei worden. 

Zum 2.: Er, Danecker, habs selbs geschnitten und ver¬ 
legt, der hoffnung, was damit zü erobern. 

Zum 3.: Der Schrot hat die reimen, vorred und beschluß 
ime, Danecker, alles in Schriften, zügestelt und seines Wissens 
selbs gemacht, und er kainen büchstaben davon oder darzue 
gethon, dann daß er die formen geschnitten und getruckt hab. 

Zum 4. sagt er wie oben, also sei es zügangen: von 
Schroten hab ers empfangen, volgents die formen darzü ge¬ 
schnitten und mit seinem aignen gesind selbs getruckt, und 
hab ime sonst niemand darzü geraten noch geholfen. 

Zum 5.: Er hab kain andre ursach gehabt, dann daß 
er für feiren ain werk zuericht, daß er auch gelt gewinnen, 
seine schulden bezalen und sich ernehren könne. 

Zum 6. nimpt ers zum höchsten, daß ime weiters kain 


*) S. oben S. 195. 

*) S. oben S. 196. 

*) Der Schuster nnd Meistersinger Michel Frey, ein Freund 
Deneckers, hatte, wie es scheint, im Kreise von Bekannten oder anch 
Fremden gegenüber von dessen Buch gesprochen, war verhaftet und 
am 27. und 30. Jannar über sein Verhältnis zu dem Formschneider so¬ 
wie über das, was er von dessen Arbeiten und anderen verdächtigen 
Schmachschriften wüßte, verhört worden. Er hatte sich dabei natür¬ 
lich als „unwissend* 1 und unschuldig hinzustellen versucht. 


Digitizeit by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



220 


32 


Digitized by 


mensch darzü geholfen oder verlegen hab helfen, sondern 
habs allain fUr sich selbs heraus gearbait. so wiß er auch 
mit dem gedieht niemand dann den Schroten, ders gemacht 
hab; der habs ime auch geben. 

Zum 7.: Seine gesellen und bueben hab er darzue ge¬ 
braucht, wie ain jedlicher sein gesind braucht und inen zu 
arbeiten furgeb. und hab kain frembde sondern allain seine 
diener darzue gebraucht. 

Diser 8. artieul ist ime unnot furzühalten gewest. 

Zum 9.: 1000 exemplare hab er gefertigt. 

Zum 10.: die ersten 2 exemplar hab er ains dem pfaltz- 
graff, churfürsten, und das ander marggraff Carlen von Baden x ) 
geschenckt. darnach in der vasten verschinen hab er 400 
exemplar gen Frankfurt gefurt, deren noch ain teil unverkauft 
daselbs ligen. item gen Nurenberg hab er 150 anworden, 
wie vil er aber deren hie anworden, könne er nit aigentlich 
wissen oder anzaigen. dem Jörgen Wüller, buchfürer alhie 1 2 3 ), 
hab er bis in 60 ungeverlich geben, dem Laux Remen 1, 
Herrn Hans Jörgen Pomgartner zwai, Thomau Arnold ains, 
Hans Vogel ains, dem Gegler ains, Hector Mayr ains, in des 
Bümel Schreibstuben 4, item in die Kraffterische s ); Jörgen 
Wüllers diener hab auch 8 für sich selbs genomen. 

Zum 11.: Er hab grosse mühe, arwait und costen darauf 
gewandt und darnach besorgt: mache er vil geschreis daraus 
oder bitte umb erlaubnus zu trucken und solts ime abge¬ 
schlagen werden, so wurde er in großem schaden ligen 
bleiben, habs deßhalb gleich getruckt und verhofft, weil es 
ain schwenckig, lecherich ding sei, es solt nit vil daran ge¬ 
legen sein, bitt derhalben ain ersamen rath umb Gotts 
willen, imbs nicht im ergsten aufzünemen sondern gnediglich 
zu verzeihen und der fengknus zu ledigen, er welle solichs 
und dergleichen nit mer thuen sondern muessig steen; dann 
er solte der kai. mt. eilend 2200 wappen zur besingnus 
schneiden, malen und zuerichten 4 ); das könne sein gesind on 
ine nit thuen, und wurde sein verderblicher nachtail daraus 
volgen. 


1 ) Markgraf Karl II. von Baden-Durlach. 

2 ) Georg Wüller wurde auf diese Aussage hin ebenfalls verhaftet 
und wie Frey am 27. und 30. Januar „befragt“; das gleiche war dem 
Buchführer Hans Gegler, der auch eine Druckerei besaß, zugedacht, 
doch konnte sich dieser noch rechtzeitig davon machen. — Ein Kupfer¬ 
stichbildnis G. Wüllers (geh. 1514) aufgeführt in F. Schöninghs Antiqn.- 
Kat. 123 (1911), Nr. 309. 

3 ) Die genannten Persönlichkeiten sind alle wohl bekannt. Über 
die Bimelsche und Kraftersche Firma siehe Strieder „Zur Genesis 
des modernen Kapitalismus“ (Leipzig 1908) S. 146 und 208. 

4 ) S. oben S. 198. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



33 


221 


Znm 12.: Am sontag [22. Jan.] abends hab der Kapffer, 
wirt am Lech, nach ime geschickt nnd ime anzaigt, man werd 
nach ime greifen, das hab er damals in wind geschlagen, 
bis morgens die statknecht ins haus körnen, nnd könne nit 
wissen, wers dem Kapffer anzaigt hab. 

Bitt nm gnad wie im nechsten artical. 


B. 

David Denecker soll ferner angesprochen 

werden. 

1. Als Martin Schrot vor anderthalb jaren wider her- 
komen, wie lang er damalen hie gewest. 

2. Wo und bei wem er zü herberg gelegen nnd sich 
enthalten hab. 

3. Ob nnd wie oft er sonst and außer desselben mals 
hie gewest, wie lang und bei wem. 

4. Derweil im die comedie ze halten emidergelegt worden, 
solt ers desto weniger gedruckt und ausgeprait haben, son¬ 
derlich unerlaubt, über verbot und so vil reichsabschid. 

5. Er hab sonst mer schmachpuecher und schandtliche 
gemel gedruckt und verkauft, die soll er anzaigen und nichts 
verhalten. 

6. Wer im zedrucken geholfen hab. 

7. Wem er der comedien oder tragedien verkauft bab, 
die soll er sambt den vorigen anzaigen. 

Actum, freitagden 27. januarii anno 1559 hat 
David Danecker vonAugspurg uff beiligende 
fragstück gütlich, doch uff ernstlich betroen, 
bekant, wie volgt: 

Erstlichen: Als der Schrot vor anderhalb jaren hie 
gewest, sei er in ainer wachen zu drei malen in seinem, 
Daneckere, haus gewest und den beschloß und vorred des 
bdchs comgirt und verfertigt, wie lang er aber damals hie 
gewest, könne er nit aigentlich wissen, woll hab er von 
seines, Schrots, weib gehört, daß er dazumal bei vier oder 
bis in die fünfte wachen hie gewest, er, Danecker, und der 
Michel Frey haben auch auf fleißig bitt des Schroten weibs 
ine, Schroten, mit ernst angesprochen und, sovil an inen 
gewest, vermanet und gebetten, daß er ir eeliche beiwohnung 
thuen welle, wie aim eeman gebürt, aber sie haben bei ime 

Archiv für Beformationsgeschichte. IX. 3. 15 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



222 


34 


Digitized by 


nichts erhalten können, sondern er hat wider zu seinen brudern 
in Merhern gewolt 1 ). 

2. Er wiß nit anders, dann daß er sich in seinem haus 
bei seinem weib enthalten, dann er ine daselbs gesehen hab. 

Zum 3.: Er wiß nicht, daß er sonsten, seid er Ton hinnen 
komen, merers weder dißmals hie gewest. 

Zum 4.: Er sei in schulden und abnemen komen und 
vermaint, mit disem truck, weil es als ain lecherlich ding 
wol abgeen werd, etwas zu erobern und sich aus den schulden 
zu bringen und, weil er selbs kain büchtrucker sondern ain 
formschneider und briefmaler sei, vermaint, es solle nit so 
hoch schaden. 

Zum 5.: Er hab sonsten kain buech nie dann dises ge- 
truckt, allain ain passionalbuch mit schönen figuren 2 ), reimbs- 
weiß. gleichwol hab er allerlai gemalte brief gemacht, deren 
etliche widers babstum seien, als ains auf 3 regal bogen, 
des titel: ain alts gemel, vor 100 jarn in aim closter im 
Niderlandt gefunden, ist von der babilonischen hum etc., 
welches stuck bei seines, Daneckers, vaters lebzeiten ge¬ 
schnitten worden, item ain gemeld auf aim pogen, alda der 
teufel uff aim ablaßbrief sitzt, die stück seind bede vor 
längs gemacht, und habs er hernach von neuem truckt. item 
ain dialogus, des tittel stet: Warumb nit muglich gewest, daß 
hertzog Johanns Fridrich, churfürst, gesigen können etc. wider 
kai. mt. Carolum 3 ). diser dialogus sei ungeverlich vor ander- 
halb jaren durch den Gegler getruckt worden und öffentlich 
verkauft worden. desselben hab er, Danecker, auch 
1000 exemplar denselben Gegler nachdrucken lassen, deren 
hab er mertails gen Franckfurt gefurt und verkauft und deren 
ungeverlich bei 400 exemplar noch im haus, habs weiter 
nit verkaufen sondern behalten wollen; und habe Abraham 
Schaller, tüchgwanter alhie, wie er bericht [sei], am ersten 
solchen dialogum dem Gegler in truck zügestelt. 

Zum 6.: ime hab niemand geholfen, sondern was er 
getruckt, als obstat, das hab er selbs gethon mit seinem 
aignen dienstgesind und weiters, dann obstat, weder getruckt 
noch verkauft. 

*) Aber erst, nachdem ihm vom Rate die Bitte, in die Stadt 
zurückkehren zu dürfen, abgeschlagen worden war. (S. oben S. 215). 
— Von seinem Aufenthalt bei den mährischen Brüdern findet sich in 
deren Geschichtsbüchern keine Spur, wenn nicht etwa der bei Beck 
S. 213 erwähnte Martin N. mit Schrot identisch ist. 

2 ) S. oben S. 193. Die Reime dieses Buches werden wohl von 
Schrot sein, der ja im Jahre 1557, wenn auch nur kurze Zeit, in Augs¬ 
burg weilte. 

s ) Von diesen drei Stücken konnte ich nur das letzte zu Gesicht be¬ 
kommen, und zwar (handschriftlich) in Cod. 118 der „Schätze“ des 
Augsb. Stadtarchivs. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



35 


223 


7. Dem haaptman Vogl 2, Martin Marquart, gold- 
scbmied,. 2, dem Zorer andern herrn Ilsung 1, Anthonien 
Pfeffenhauser 1, Stoffl Müller, notari, 6, des Schroten weih 
4 oder 5, Portern, am schüchhaus 1. and frembden, die er 
nit alle zü nennen wiß. 

Item, als ime der getrackt pasqaillas *) fargehalten, sagt 
er, er hab dessen kain wissen, deßgleichen von dem andern bäch, 
ain christlich bedencken 2 ), wiß er kain wort, habs nie gesehen. 

Bitt umb gnad. hab je die Sachen so fleissig nit bedacht. 


C. 

David Denecker soll uffs ernstlichist verner 
angesprochen werden, und da erweiter nichts 
bekennen wollt, gebunden and aafgestellt, 
jedoch unaufgezogen. 

1. Was er, Uber das er hievor bekannt, von schmach- 
puechern oder gemel getrackt oder verkauft hab. 

2. Ob er auch des Wernheri postill 8 ) verkauft hab. 

3. Wie vil er derselben gehabt, von wem ers bekommen, 
und wem ers verkauft hab. 

4. Wer den eingang in sein gedruckt puech geschriben 
hab, und weß handschrift es sei, so mit S bezeichnet. 

5. Weß handschrift das dabei ligend missiv sei. 

6. Was er dem Michel Freien für ain puechle zü lesen 
geben hab, als er vor anderhalb jaren uff ainem floß gen 
Lintz gefaren sei 4 ). 

7. Wo er dasselb puechle hingeton, und ob er es bei 
Passaw von sich in die Thonaw geworfen hab. (Durchstricben.) 

8. Wie oft der Frei bei ime im haus gewest, dweil er 
an seinem schmachpuech gedruckt habe. 

9. Ob und wie vil er im exemplar zügestelt hab. 

10. Er kenn den truck des pasqnilli vom teufel geiaid 6 ), 
deshalb soll er guetlich bekennen, wer in getruckt, oder man 
wird das und anders mit der marter aus im pringen. 

*) S. unten Anm. 5. 

2 ) Dieses Buch ist nicht bestimmbar. 

3 ) Habe kein Exemplar dieses Buches erlangen können. Der 
Verfasser war wohl der Schlesier Joh. Werner, einer der bekannteren 
Schwenkfelder. 

4 ) Michel Frey hatte bei seiner Vernehmung am 27. Januar an¬ 
gegeben, er habe auf seiner Floßfahrt nach Linz ein ihm von Denecker 
mitgegebenes Büchlein bei sich gehabt, in dem er und andere „für die 
Langweil“ gelesen. „Weil aber grob ding darin gestanden, hab ers 
bei Passau in die Thonaw geworfen; die materi sei im abgefallen.“ 

5 ) Wohl der Pasquillus, Von dem gejäg der Deuffel, des sich 
furgenomen haben on zweiffel, das sie wellen Jagen faiste Schwein, 
wie der Bapst, vnnd Antichrist sein, die Netz schon auff gespannen, 

15 * 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



224 


36 


Digitized by 


11. Also kenn er auch des andern trnoks x ) pnechstaben 
und wiß, wer in hie gedruckt hab. das soll er auch an- 
zaigen und sein selbs damit verschonen. 

12. Er sei vom Wtlller treulich gewarnet worden, sein 
puech nit zedrucken, er werd dardurch in unglllck kommen 8 ); 
warumb er darüber nicht minder frevelich und verechtlich 
furgefarn sei, und wer in derhalb vertröstet hab. 

13. Wo die 400 gedruckte piecher in seinem haus zu 
finden seien, so Hans Gögler ime von den tausent, so er ge¬ 
druckt, zügestellt. 

14. Was im wissent, daß Gögler sonsten für schmach- 
schriften gedruckt hab, das soll er aigentlich anzaigen. 

15. Wer der Abraham Schalter sei, so das biechlin von 
hertzog Hans Friderichen von Sachsen den Gögler erstmals 
habe trucken lassen. 


Actum, montag den 30. januarii anno 1559 hat 
David Danecker uff heiligende fragstück 
guetlich, doch uff ernstliche betroung, bekant 
und gesagt, wie volgt: 

Erstlichen: Über das er angezaigt, hab er weiters kaine 
schmachbücher getruckt noch verkauft; dobei well er ime 
wol und weh geschechen lassen. 

Zum 2. und 3.: Nain, er habs nie gesehen. 

Zum 4.: Seine gesellen und gesind, die er zum trucken 
und fertigung des buchs gebraucht, haben des Schroden 
schrift nit wol lesen können; derhalb er, Danecker, des 
Schroden schrift lauter abgeschriben, und sei diß, mit S be- 
zaichnet, sein, Daneckers, aigen handschrift. 

Zum 5.: Als ime die missif 8 ) furgehalten, auch etlich 
zeilen darinnen lesen lassen, nimpt er zum höchsten, daß er 
die handschrift mit nichten kenne, wollts nit verhalten. 


vnd schon etlichen gefangen, die jm handt verhaissen zil, denen ers 
warlich nit vergessen wil. S. 1. e. a. 8 Bl. 4. (Gespräch zwischen 
Dr. Joh. Faber und dem Jagdteufel.) Weller, Ann. I S. 61, Nr. 262; 
II S. 512. 

*) Den Druck des oben (S. 223 Z. 8) erwähnten „Christlichen 
Bedenkens“. 

*) Wuller hatte in seinem Verhör vom 27. Januar geäußert: „Er 
habe nichts überal daran (an dem Deneckerschen Schmachbuch) gemacht 
noch darzfi geholfen sonder, wie ims der Danecker ains mals bei 
2 jaren verschinen angezaigt, daß er im werck mit aim solchen büch 
sei, und hernach ains mals, als ers in truck zü bringen underst&nden, 
hab ers ime treulich widerrathen.“ — Verhören herr Wolf Langen- 
mantel, herr Ott Lauginger. 

*) Es wird nirgend angedeutet, um was für ein „Missiv“ es sich 
handle. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



37 


225 


Zorn 6.: Das sei der dialogus, davon er jttngstüch an- 
gezaigt, von dem churftirsten, hertzog Jobans Fridrichen, 
warumb er nit gesigen können, den der Gegler getrnckt hab. 

Znm 7.: 0. 

Zum 8.: Der Frey sei vor nie, weil er am trneken des 
bdchs im werck gewest, zu ime körnen, aber züvor, ehe er 
das büch zft trneken angeiangen, hab er den Frei etlich mal 
sampt andern güten freunden, nit von wegen des büchs, 
sondern sonsten als güten freund, zü gast gehabt, alda hab 
er ine, Frei, etlich mal die Schriften sehen und lesen lassen, 
er habe aber sonst nichts dazü geholfen noch gefordert; wollt 
ains sagen wie das ander. 

Zum 9.: Er hab ime kains geben. 

Zum 10. nimbt er zum höchsten uff seiner seel selig- 
kait, daß er nicht wissen könne, weß dieser truok des pas- 
quilli sei. 

Zum 11. sagt er sein unwissen wie uff den 10. articl. 

Zum 12.: Er sei schon zü tief in der arbait gewest mit 
dem form schneiden und allem, so darzue gehörig; hab one 
schaden nit wider zuruck kündt und gleich mit fort gefaren. 

13.: In seiner schlafkamer, in aim eingemachten kästen, 
in der obern taten x ) ligen sie; wiß gleichwol nit aigentlich, 
ob es ebenso vil als 400 exemplar oder etwas weniger seind; 
sein bausfrau wisse es wol anzüzaigen, wo sie ligen. 

Zum 14.: Wiß nit, was Gögler sonsten getrnckt, dann 
ain passion vom gefangnen churftlrsten von Sachsen sei ge- 
truckt worden*), den habe seines achtens der Gegler auch 
getrnckt. * 

Zum 15.: Der Gegler hab ime anzaigt, daß der Abra¬ 
ham Schaller ime denselben dialogum erstlich zü trocken ge¬ 
geben; und sei diser Abraham Schaller ain lediger gesell; 
hab ain tüchladen zwischen des Caspar Ettingers und der 
Heissin heisern. 

Die Schriften in 8°, so steet „die irdischen personen“, 


2 ) Schublade, Fach. 

*) Passio./ Wie der Durchleuch-/tigst Hoch- 
geborn Fürst vnd Herr, Herr/Johanns Friderich 
zü Sachssen, des Hayligen / Römischen Reychs 
Ertzmarsch&lk vnd chur-/fttrst etc. Von Keyser 
Karel dem Fünfften/(auß verhengknuß Gottes, 
Tand ver-/lassung seiner Bundtsverwand-/ten) 
bekriegt vnnd ge-/fangen ist wor-/den etc. / Marci 10. 
spricht Christas: / Wer mir will nachfolgen, der verleüg- / ne sich selbe, 
vnd neme sein Creütz auff / sich, vnd folg mir nach. / 1548. Auf der 
Rückseite des Titels eine gereimte Ansprache an den Leser mit der 
Jahrzahl 1547. Am Schluß des Büchleins: Ende des Ersten theils dises 
passions. Der ander Theil von seiner begräbdtnus vnnd aufEerstehung, 
steckt beim Pasquillo noch in der Fäder. 8°. Im ganzen 13 Bl. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Digitized by 


226 38 

zaigt er an, sei vornen herein alles des Schroden bandschrift 
und hinden seih, Daheckers, schritt, wie sie das böch in ain 
Ordnung stellen wellen, das register von A bis uffs G sei des 
Holzmans, so auf harnisch etzet, handschrift-). 

Item, als er gebunden, aufge9telt und uff die marter 
betroet worden, dann man hab bevelch, daß mans nit umb- 
geen kttnne, man mueßt in martern; aber er hat mit heftigem 
clagen und wainen zum höchsten uff seine seligkait genomen, 
daß er über das, so er hieoben angezaigt, unschuldig, auch 
von den zwaien trucken und der handschrift des missifs kain 
wissen hab. und da es sich in jar und tag mit warhait apders 
uff ine erfind, begere er kainer gnad, sondern daß man iöe 
an leib und leben straf. 

Item weiter sagt er des Holtzmans schritt halb mit den 
bucbstaben A bis auf G, daß derselbe ime, Danecker, uff 
sein beger dieselben reimen gemacht, er hab ime aber von 
disem Werk und püch anderst, dann was dise reimen betrifft, 
nichts gesagt, und wiß derselbe Holtzman vom puech nichts, 
das zaige er seines gewissens halb darumben an, damit der 
güt man nit unschuldigclich in verdacht oder haft kome. 
und wißte er merers oder weiters mit warhait anzuzaigen, 
das Wolte er ja nit verhalten: 

Bitt umb Gots willen umb gnad, wie er jtlngstlich auch 
gebetten, damit er das werck, so er jetzo kai. mt. zu ver¬ 
fertigen, verrichten könnte, dann er je one das in grossen 
anfechtungen und Schuldenlast sei und sonderlich, daß er 
wider in die Frankfurter meß komen, trauen und glauben 
halten möge. 


D. 

Actum. 17. marcii anno 1569 ist dem Danecker 
mit ernstlicher troe uff der marter furge- 
halten worden: 

Well er ime selbs vor marter sein und sich zü seiner 
entledigung der gefengknus selbs befurdern, soll er guetlich 
bekennen, wer den dialogum 2 ) gemacht, auch wer in zum 

l ) Dieses Register fand in dem Druck — -wenigstens in den von 
mir eingesehenen Exemplaren — keine Aufnahme. Der erwähnte Holz¬ 
mann ist wohl Ulrich Holzmann, der Dichter von ,,Ain New Lied Wie 
die Predicanten der Statt Augspurg geurlaubt und abgeschafft seind, 
Den 26. Augusti, Anno Domini, 1551, geschehen“. (Siehe die ver¬ 
schiedenen Ausgaben bei Weller, I 8. 56 Nr. 239.) Er ist auch auf¬ 
geführt in dem K a i n z sehen Meistersinger-Verzeichnis S. 15 Nr. 271. 

*) S. oben S. 222. 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



39 


227 


ersten getruckt hab, dann ain ersamer rat gute kundschaft 
hab, daß er es wisse. 

Darauf er geantwurt und zum höchsten genumen, daß 
er nicht wisse, wer den dialogum gemacht hab. das sei aber 
wahr, der Abraham Schaller, tuchgwanter, hab disen dialogum 
alhie den Gegler, wie er von ime vernomen, am ersten trucken 
lassen, und nachdem diser truck öffentlich fail gehalten 
worden, hab er, Denecker, etlich hundert, wie er vormals 
anzaigt, nachtrucken lassen, auch von gedachtem Abraham 
Schaller gehört, daß er gesagt, ainer in Sachsen hab sollten 
dialognm gemacht, der sei vor etlich jaren gestorben, gründ¬ 
liches wiß er, als ime Got.helf, davon nit zA sagen. 

Bitt urab Gottes willen umb gnad und barmhertzigkait. 


E. 

David Tanneckher, formschneider, in fron¬ 
fest, soll ernstlich angesprochen werden: 

1. Ob er sich nicht zu erinnern wiß, wasmaßen und 
waromb er jungstverschinen 69. jars gefangen glegen sei. 

2. Dieweil er wol wiß, wasmaßen er damals uf seiner 
mneter, hausfrauen und viler seiner freind underthenig bit 
von kai. mt. und ainem ers. rat begnadt worden, und wie 
hoch er sich datzumal verschriben hab, wider die reichs- 
abscbid, pollicei Ordnung und gemaine recht nichts schmech- 
lichs zetrncken, zemahlen noch ansgeen zulassen: warnmb 
er solichem nit glebt und voltziehung gethon sonder* sein 
urphed, glübt und aid brochen hab. 

3. Was in not angangen, daß er die zwai lesterliche 
gemel, darinnen die catholischen zum schmehlichisten an- 
griffen, ron neuem getruckt, gemahlen und ausgeprait, und 
wie er so vermessen und verzweivelt an im selbs sei, daß 
er dieselben wider sein Verschreibungen offenlich hab feil¬ 
haben und verkaufen dürfen. 

4. Ob er soliche gemäl und Schriften aus ime selbs ge¬ 
dieht und erfanden, oder wer ime soliches angeben und zu 
disem werck geholfen habe. 

5. Was er sonst mer gedruckt, so etlichen stenden des 
reichs zu schmach und nachtail gelanget, und wer im solche 
stack anfangs zu trucken gebracht habe. 

6. Wievil er derselben exemplaria getruckt und wohin 
dieselben körnen seien. 

7. Woher im das tractetlin komm, oder wer ims züge- 
stelt, das in seinem Schreibtisch fuqden worden. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



228 


40 


Digitized by 


8. Warumb im ein solches zügestelt and durch in ab* 
geschriben worden; ob er es nit auch trocken sollen und wem. 

9. Was im deßhalben verhaissen oder schon auf solich 
werck gegeben worden und von wem. 

10. Warumb er im die vorige gnedige straf und erlangte 
vatterliche begnadigung nit ain Warnung sein lassen und 
sich dergleichen unthaten und mißbrauche seines handwercks 
enthalten hab, dieweil im ain ers. rat zum andern mahl und 
sonderlich im September a4 59, nachdem er auf april darvor 
erlassen und im das handwerck ernider gelegt worden, dise 
gnad bewisen und seinem weib und kindern zu guetem das 
handwerck weiter zü treiben erlaubt, doch der gestalt, daß 
er hinfuro nichts ausgehn soll lassen, es haben dann die 
schuelherrn soliches züvor gesechen, bewilligt und er seinen 
namen darunder gesetzt, weliches er abermals zü halten an- 
globt. warumb er sich selbs so oft mainaid und gelttbtlos 
gestellet habe. 

Actum. 15.juniianno 1564 hat David Tanecker, 
formschneider von Augspurg, uff heiligende 
fragstüok gnetlich bekant 1 ), wie volgt: 

Erstlich: ja: 

Zum 2: Er hab nichts anders als eiD alt ding, so vor 
vil jarn gemacht worden, nachgemacht, weil es keuflich und 
ander sein arbeit mit abgeen wölle, darzue ine auch die not 
und armuth verursacht, nachdem auch diß und anders vil 
in freien jarmessen zu Frankfurt und anderstwo öffentlich 
veilgphalten und verkauft werden, bitt derohalb zum die- 
muetigisten, ain er. rath wol ime das nit zum ergsten zue- 
messen. 

Zum 3. sagt er wie oben. 

Zum 4. sagt er auch wie zuvor, daß diß gemeld anfenk- 
lich vor 24 jaren zü Nürnberg, Leipzig und ander orten ge¬ 
stochen. nachmals hab der poet, so zü Fridperg enthaubt 
worden 8 ), etliche reimen darzue gemacht, sonsten hab ime 
niemand darzue geholfen. 

Zum 5., 6.: hab sonsten nichts getruckt, das wider die 
stende des reichs. 

Zum 7., 8.: Martin Schrot hab ime diß bueohlein zü- 
gestellt 8 ). sei wider die Hueterschen taufbrueder, so in Mehern 


!) Verhören Herr Melchior Ilsung, Hans Schmid. 

*) Über die in Bede stehenden „Gemälde“ und den Friedberger 
Poeten vermag ich keine Auskunft zu geben. — Die „Gemälde“ lagen 
der Anzeige der Dinkelsbühler bei, sind aber jetzt verschwanden. 

*) Es kam, wie es scheint, nicht znm Drucke; wenigstens konnte 
ich keine Spur davon finden. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



41 


229 


großen schaden thnen und «rerfnernng anrichten, gestellt, diß 
hab er angefangen sanber abzüschreiben, darnach den pre- 
dicanten sehen lassen nnd folgents für die rö. kön. mt., so 
großen nberlanf von disen widerteffern hab, zü bringen nnd 
ain privilegium zu erlangen, es in trnck zü verfertigen. 

Zorn 9.: nain. 

Zum 10. sagt er wie oben, hab allain den passion und 
sonsten nichts von neuem gemacht und es so weit nit be¬ 
sonnen, dieweil diß und anders vil Schürfers an freien märkten 
oder messen unverscheucht feil gehalten werde. 

Bitt umb gnad. 


n. 

Bittschrift von Deneckers Matter nnd Frau an den Kaiser 
um Begnadigung des Gefangenen. 1559. 

Allerdurchlauchtigister, großmächtigister und unttberwindt- 
lichister römischer kaiser, allergnedigister herr! 

Eur. rö. kai. mait. bitten wir zwue betruebte Weibs¬ 
personen gantz diemuetigklich, volgendt unser anliegen aller- 
gnedigist zü behertzigen. E. kai. mait. haben wir verschiner 
zeit allerdiemuetigist furgebracht x ), wie leider unser lieber son 
und eewirt Davidt Denegkher, formschneider, burger alhie zü 
Augspurg, von wegen der buecher, so er getruckt, bei et¬ 
lichen wuchen verschinen von unsern gebietenden und gün¬ 
stigen herren stattpfleger, burgermaister und rähte der statt 
Augspurg fängklich angenomen und bißher also endthalten 
worden, das mir, seiner eewirtin, und unsern kleinen kindem 
zue grossem nachtail und verderben gelangt, und wiewol wir 
mermals bei gedachten unsern herren von Augspurg umb 
erledigung nnsers sones und eewirts underthänigklich an- 
gesücht, haben wir doch bißher nichtzit erlangen mögen, 
also daß wir dardurch besorgen, derselb unser son und eewirt 
habe mit angeregten buechern, die er doch unsere wissens 
selbs nit gemacht sonder allain nachgedruckt hat, etwas 
gegen E. kai. mait. verwurckt, welches doch uns ain hertz- 
lichs laid were. darauf umb ergebung bemelts unsere sons 
und eewirts gefängknus allerdiemuetigist gebetten und bei 
E. kai. mait allergnedigiste antwurt, jedoch bißher kain er¬ 
ledigung erlangt, und dieweil dann je in allen Sachen bei 
Gott, dem allmechtigen, gnad und barmhertzigkait zü er¬ 
langen verhoffenlich und Christus Jesus, unser erlöser, die 

] ) Dieses Schriftstück war nicht aufznfinden. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



830 


42 


schuldt des ewigen tods mit seinem bittern leiden and sterben 
aas lauter gnaden and barmhertzigkait für die menschlich 
natar betzalt, derowegen. auch hie in > zeit die barmhertzig¬ 
kait der strengen gereehtigkait furgetzogen and E. kai. mail 
aus hpchangeborner goete und miltekait bei menigklichen 
allerhöchst beruembt sein, ist hierauf an E. rö. kai. mait. als 
unsern allergnedigisten herren abermals zum allerdiemueti- 
gisten unser underthänigist mueterlich und weiblich flehen 
pnd bitt, E. kai. mait. wollen umb des unschuldigen, bittern 
leiden, sterben und bluetvergiessens des eingebornen son 
Gottes, auch aus hoch angeborner miltekait und auf der in 
unser hievor ubergeben supplication zu endt sametlich unter¬ 
schreiben unserer günstigen lieben herren, auch vettern, 

Schwäger und verwandten aller underthänigist furbethe uns 
bemelten unsern sone und eewirt allergnedigist ergeben und 
obgedachter seiner fängknus zu endtlassen allergnedigist 
bevehlen. wirdet er sich hinfuro ungezweifelt aller under- 
thänigkait und gehorsame befleissen und umb E. röm. kai. 
mait. als unsers allergnedigisten herren gesundthait, langk- 
wirige, friedliche regierung bei Gott, dem allmechtigen, 

sambt uns zu bitten niramermer vergessen, allergnedigster 
antwurt gewartende 

E. rö. kai. mait. 

allerdiemuetigiste: 

Anna Denegkerin, Jobsten Denegkers 
verlässne wittib, und Sara Langen- 

mäntlin, Daviten Denegkers eeliche 

haüsfrau, sambt der gantzen fraindt- 
schaft, so in vor ubergebner subli- 
cation, kai. mait. ubergebeD, under- 
schriben sendt. 


Digitized by 


Go^ 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Ein Streitfall zwischen einem Koburger 
Bürger und einem Kaplan 1550. 

Von (f) 6. Berbig. 

Seine „ehrbare, achtbare, fürwichtige Weisheit“, der 
Rat von Kobnrg hatte es manchmal nicht leicht. Die Zeiten 
waren manchmal recht bewegt, und wenn die Geister auf 
einander platzten, dann war der Stadtrat die Instanz, die 
innerhalb der Körperschaft zu ordnen, zu schlichten hatte. 
Solch ein Streitfall liegt heute vor in zwei Briefen; ein ehr¬ 
samer Bürger und Buchbindermeister beschwert sich über 
einen geistlichen Herren wegen fortwährender Eingriffe in 
sein Handwerk und Gewerbe. Denn Gewerbefreiheit gab 
es damals noch nicht, und so mußte es als lästige Konkurrenz 
empfunden werden, webn ein Kaplan sich fortwährend mit 
Buchbinderei beschäftigte, sich dann noch einen Gesellen hielt, 
wie der Beschwerdeführer angab. 

Immerhin lehren uns die beiden geharnischt geschriebenen 
Briefe einen Blick tun in das kulturelle und bürgerlich- 
sittliche Leben um die Mitte des Reformationsjahrhunderts, 
etwa 1550. Während wir von den Lebensumständen des 
ehrsamen Buchbindermeisters Wagner nur Kunde aus unseren 
beiden Briefen erhalten, — aber auch sie können doch nie¬ 
mals einen völligen Rückschluß auf den wahren Charakter 
des Mannes gestatten —, so tritt anderseits die sehr streit¬ 
bare Gestalt des alten Koburger Kaplans Johann Bauern¬ 
schmidt aus dem Rahmen seiner Briefe hervor, was um so 
willkommener ist, als die sonstigen Notizen über das Leben 
dieses Koburger Geistlichen im Reformationszeitalter sehr 
spärliche sind. Er wird zwar bei Thomae ganz kurz erwähnt 1 ), 

0 Vgl. Joh. Chr. Thomae, „das der gantzen Evangelischen Kirchen / 
insonderheit in dem gesammten Fürstenthum Coburg aufgegangene Licht 
am Abend“ etc. Cob. 1722. S. 438. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



232 


44 


Digitized by 


and aacb Chr. Schlegel *) macht ihn als einen Frennd 
nnd Amtsgenossen des im Jahre 1548 verstorbenen Johann 
Langer, des ersten Kobarger Generalsaperintendenten, nam¬ 
haft. Baaernschmidt’s theologische Stellung and Richtung 
aber wird am klarsten durch sein Verhältnis zu Ciriacus 
Schnauss, dem bekannten Koburger Apotheker, Dichter und 
Buchdrucker 2 ). Man geht wohl nicht fehl, ihn als einen 
scharfen Gegner des Interim vom Jahre 1548 zu bezeichnen 8 ). 
Wahrscheinlich aber nur er, selbst der Verfasser des Liedes 
gegen das Interim, mindestens hat er seinen Freund, den 
Drucker Schnauss, inspiriert. Das „Lied“ trägt den Titel: 

„Interim. // Ein newes vnd mit Heiliger // Schrifft 
wolgegrüntes Lied / wieder // das schöne heuchelische 
vnnd gladstreichende Ketzlein // genant // Interim // Auff 
die weise / Christ vnser Herr // zum Jordan kam zc. // 
Htlt dich (fromer Christ) fttr den Katzen // die forn leeken 
vnd hindten Kratzen ze.“ 

Es ist nun interessant, auch aus dem Privatleben des 
Koburger Kaplans einiges zu erfahren, wozu die Klageschrift 
des Buchbindermeisters Wagner daselbst immerhin einige 
Veranlassung bot. Johann Schmidt, alias Bauernschmidt trieb 
demnach als Nebenbeschäftigung die Buchbinderei, die er 
nicht zunftmäßig und nach altem herkommenden Gebrauch 
erlernt, sondern als Antodidakt sich angeeignet hatte. Gegen 
die Ausübung dieser Nebenschäftigung des Kaplans protestiert 
nunmehr der wirkliche Buchbindermeister von Koburg, da 
er dadurch in seinen Geschäftseinnahmen geschmälert wurde. 
Er, der Kaplan, habe überdies eine regelmäßige Besoldung 
und zeitliche Nahrung, sei überdies ohne Kinder und dazu 
steuerfrei als Geistlicher. Überdies habe der ehrwürdige, 
nunmehr in Gott verschiedene Magister Johann Langer bei 
Gelegenheit der letzten Gehaltsaufbesserung — jedenfalls in 

*) Vgl. Christian Schlegel: Initia Reformation» Coburgensis. Gothae 
1717, p. 294. 

*) Vgl. die erschöpfende Darstellung bei C.Höfer: „Beiträge zu einer 
Geschichte des Koburger Buchdrucks im 16. Jahrhundert. Ein biblio¬ 
graphischer Versuch.“ Koburg 1906. S. 38. 

*) B. hat den Protest der Koburgischen Pfarrer gegen das Interim 
unterschreiben, vgl. „Fortges. Sammlg. v. alten u. neuen theol. Sachen.“ 
Anf. d. Jahr 1733. Lpz. S. 33—62. Unterschriftlich erscheint er da 
als J o h. S c h m i d t. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



45 


233 


der Visitation des Jahres 1545 — an! der Kanzel darauf 
hingewiesen, daß die Kirchendiener nnd Geistlichen deshalb 
steuerfrei und in ihren Bezügen aufgebessert seien, um sich 
aller bürgerlichen Erwerbe zu entschlagen. Besagter Bauern¬ 
schmidt aber kümmere sich um solches Verbot nicht, sondern 
treibe aus eigenem Fürwitz ohne Genehmigung der Obrigkeit 
das Buchbinderhandwerk, ihm, dem Kläger zum Schaden. 
Er möge doch bedenken, daß er einst arm in die Stadt ge¬ 
kommen sei, daß männiglich mit ihm habe Geduld und Mitleid 
gehabt. Nun sei er reich geworden, halte sich sogar einen 
Buchbindergesellen, unter Vorwendupg des Apothekers und 
Druckereibesitzers Ciriacus Schnaus, d. h. letzterer verlege 
die Arbeiten. Offenbar wurden die in dieser Koburger 
Druckerei fertig gestellten Flugschriften durch den Kaplan 
Bauemschmidt in Buchform gebunden und zwar unter Her¬ 
anziehung eines gelernten Buchbindergesellen. Dap war 
natürlich dem Meister Wagner zu stark, und er hat vielleicht 
nicht ganz unrecht, wenn er sich in seinem Klagebrief auf 
seine „vielen kleinen Kinder“ beruft, die bei seinem 
schlechten Geschäftsgang Mangel leiden mußten, und wenn 
er auf sein Bürgerrecht und auf seine Gewerbeprivilegium, 
das in der Stadt Geltung habe im Gegensatz zu den 
Dörfern, sich beruft. Das alles respektire der Kaplan nicht, 
berufe sich vielmehr auf seinen Amtsvorgänger Veit Köhler, 
der ebenfalls Buchbinderei getrieben habe. Nun aber habe 
Köhler die Buchbinderei zu Nürnberg zünftig gelernt, dazu 
sei er ein Koburger Bürgerkind gewesen, was bei Bauern¬ 
schmidt nicht der Fall sei. Außerdem sei aber früher 
kein Buchbinder in der Stadt Koburg gewesen usw. Was 
aber besonders bedauerlich sei, das sei die Tatsache, daß 
Kaplan Bauernschmidt die Preise drücke und billiger ar¬ 
beite, als er, der Meister, es könne, der doch für sein Alter 
sorgen müsse, dazu für Weib und Kinder, die nicht andern 
Leuten einmal beschwerlich fallen, oder, an den Bettelstab 
gebracht, dem „Gemeinen Kasten“, d. h. der kirchlichen 
Armenkasse zur Last werden sollten. Das möge der Stadt¬ 
rat verhindern! Dagegen solle der Kaplan sich um sein 
Kirchenamt kümmern und seinen Beruf gewissenhaft ver¬ 
sehen und ihn in Ruhe lassen. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



234 


46 


Digitized by 


Man sieht, daß es dem ehrsamen Meister aa Angriffs¬ 
punkten gegen den Kaplan nicht fehlte. 

Der „fürsichtige und weiße“ Herr Bürgermeister und 
Bat der Stadt Koburg sandte durch den Batsdiener diese 
Klage in Urschrift an den Kaplan Bauernschmidt znr Beant¬ 
wortung and Bechtfertigung. Natürlich blieb letzterer die 
Antwort nicht schuldig, —t-. eine Antwort, die an Deutlichkeit 
und Derbheit, — dem Charakter der Zeit entsprechend — 
nichts zu wünschen übrig ließ. Eigentlich sei es, meint 
Bauernschmidt, unter seiner Würde, auf „solch böses, un¬ 
gereimtes und grundloses“ Schreiben, auf solch „schwäbisches 
Geschwätz“, zu antworten. Nur deshalb, weil der Stadtrat, 
er gewünscht, wolle er es tun. Wagner, der Buchbinder, 
beschuldige ihn ganz ohne Grund. Allerdings treibe er diese 
Beschäftigung, aber nicht als Handwerk, neben seinem 
Amte als Kirchendiener. Wagners Unfleiß und Untreue im 
Buchbindergeschäft hätten ihn aber dazu gebracht, seine 
Bücher selbst zu binden. Es sei ihm Schafleder für Schweins¬ 
und Kalbleder eingeredet und geliefert worden, wie er be¬ 
weisen könne. Außerdem aber habe er niemand um Arbeit 
gebeten und angesprochen, auch keine Geschäftstafel aus¬ 
gehängt. Nur aus Gefälligkeit habe er, der Kaplan, die 
Bücher anderer zu binden übernommen. Denn diese hätten 
erklärt, sie wollten ihre Bücher im andern Falle in Hildburg- 
hausen oder in Nürnberg binden lassen. Besonders betont 
der Kaplan, daß niemand in der ganzen Gemeinde ihn der 
Versäumnis in seinem Kirchenarat bezichtigen könne. Wenn 
er die Buchbinderei treibe, so tue er es in seiner freien Zeit, 
sich zur Ergötzung und einigen guten Herrn und Freunden 
zu Gefallen. Auch die Apostel hätten gearbeitet, wenn sie 
nicht gepredigt. Paulus habe Decken gewebt. Die anderen 
seien fischen gegangen. Das sei besser, als täglich auf der 
Bier- und Lügenbank zu sitzen, die Leute auszumachen und 
neue Zeitungen zum Schrecken der armen Leute auf dem 
Lande zu erdichten usw. 

Wagner treibe es so. Mit Karten, Würfeln, Wein- und 
Bierkandeln schädige er seine Familie sehr schwer; so habe 
er im Spiel auf dem Steinweg vor kurzem 19 Gulden ge¬ 
wonnen, aber wiederum verspielt, entgegen dem Kat frommer 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



47 


235 


Leute. Auf dem Burgschloß (Veste) habe er etliche Taler 
eingenommen, diesen Arbeitslohn aber wiederum Verspielt, 
ehe er nach Haus gekommen. Auch, mit deip Apotheker 
Cyriak Schnaus habe er mutwillig hoch gespielt Das sei 
es doch kein Wunder, wenn Weib und ßinderr.wie Schnee¬ 
tücher, aussähen! ■■■-' 

Im übrigen habe Wagner seihe, detf 'Kaplans, Worte 
verdreht, wenn er ihn beim Stadtrat des Ungehorsams ver¬ 
dächtigen wollte. Sofern Wagner ein Zunftprivileg aufweisen 
könne, wolle der Kaplan aufhören, Bücher zu binden, d. h. 
für andere, nicht zum eigenen Gebrauche. Andererseits solle 
sich Wagner seines losen Geschwätzes gegen ihn enthalten, 
ebenso aller Drohungen, wie er ihn einstmals in der Bade¬ 
stube des Jörg Liab, — mit Züchten zu reden —, im Bei? 
sein vieler frommer Bürger und Bauern „angetastet und 
schändlich ausgeholhipelt haben.“ 

Damit befiehlt der Kaplan den Bürgermeister und Rat 
in Gottes Gnade und wünscht ihm eine glückliche Regierung. 

Ob damit der Streitfall beendigt war, ist aus den Akten¬ 
stücken nicht zu ersehen. 

* * 

* 

Ein Klagebrief des Buchbindermeisters Wagener gegen 
den Caplan Bauerschmidt. 

Erbare, achtbare, fürsichtige, weise, günstige gebietende 
Herren, Ewer E. f. w. (Ew. fürsichtige Weish.) sind mein gantz 
vnderthenige willige pflittige Dinst mit allem Fleiß zuvor 
bereit. Erbare, fürsichtige, weise Herren. Aus Erforderung 
der Not thue ich armer, Ewer E. f. w. vndertheniglichen er¬ 
suchen, mit anzeigen wie volget: Nachdem sich Er Hans 
Bauerschmidt, alhie zu Cobergk Capelian, vnderstanden das 
Buchpiuder Handwerck zu treiben, welches er nit gelernet, 
bei keinem erlichen Meister, wie es sich nach alther- 
komenden Gebrauche des Handwerkes zu treiben gebüren 
will, zum andern, kein Bürger oder bürgerecht er erbet noch 
erkauft, auch keine bürgerliche Aufsätze, als nemlich, beten, 
wachen, fronen, thorhüten, knechthalten, reisszüge, vnd dergl., 
solche nie gemelt keins mit bidet oder duldet, sondern von 
solcher bürgerlichen beschwerung aller befreiheit auch mit 
der zeitlichen Narung vor hin gantz reichlich, nach aller 
notturft versehen, auch wie der ehrwirdige Herr in Gott ver- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



236 


48 


Digitized by 


schieden vnd seliger gedechtnis, Magister Langer vnser 
pfarrer öffentlich in der Kirchen publiciret, das die Kirchen¬ 
diener darnmb frei sitzen vnd Zulage gethan, auf das sie 
auch aller bttrger Händel vnd Handwerk mtlssig stehen vnd 
enthalten sollen. Das der gedachte Bawrnschmidt, solchem 
Verbot nit nachkompt noch eingedenk ist, sondern sich ans 
eigenem Gewalt und Fürwitz, unangesehen oder mit Erlaub¬ 
nus oder Vergnügung der Oberkeit, understeet bürgerliche 
Händel und Handwerk zu treiben, dar zu keine Kinder, und 
gar nit nötigk, sondern mich sampt meinem Weibe und un¬ 
erzogenen Kindern zum Verterbnis fürnimpt, vnd er gemelte 
Baurnschmidt, behertzigen mochte, wue christliche oder 
brüderliche Liebe in ihm were, wie er tegelich in der Kirchen 
leret vnd prediget von Geiz, Wucher vnd ein itlicher in seinem 
Beruf bleiben, vnd er der erste der solches bricht vnd in 
das Handwerk störet, welchs ihm nit gezimet, auch mochte 
der bawrnschmidt wol eingedenck sey vnd sich erinnern, 
wie reich er her käme, das menicklich mit leiden vnd geduld 
mit ihme trüge, solcher woltet nit gar vergessen, vnd itzund 
so er reichtum bei ihm entpfindet, einen gesellen des buch- 
binders handwercks gehalten, mit Vorlegung, des Ciriacus 
schnaus, den sie sind solcher erbet gantz stetig, vnd darzu 
vil deiner kinder, das sie in alten hendel stören etc. wan 
solch stören einem iden gestattet werde, was weren hand- 
werker freyheiten, bürgerrecht, oder stette, so were kein 
vnderschidt vnder Dorffern oder stetten. Bauernschmidt gib 
für, es häts veit Keler seliger getriben vnd ein kirchendiner 
gewest; Veit Keler seliger bat zu Nurnbergk das buchpinden 
bey eynem erlichen Meister gelernet, dar zur eins bürgers 
kindt hie zu Cobergk gewest, das bawrnschmidt nit ist. 
Über solches ist kein buchpinder hie gewesen. Auch wendet 
Baumschmidt für, er mach es oder pind es neher dan ich, 
muß ich nachgeben, wan ich aber auch ierlichs so vil ein- 
kommens hette, als bawrnschmidt, wolt ichs auch neher 
(billiger) machen, vnd keine kinder, ob mir ein erlicher 
Mann eynes gnacken oder schillingers mer gibt, auff das ich 
die tag meines alters auch die zeitliche aussenhaltung, sampt 
meinem Weibe vnd kindern hinbringe, vnd meine vnerzogene 
Kinder was lernen lasse, das sie andern leutten nit beschwer- 
nis weren, oder an den Bettel aber an den gemeinen Kasten 
gedeihen. 

Darzu ist meniglich gut wissen, wie itzund alles theur 
ist, vnd in Sonderheit das leder in totem Kauff, solches alles 
wird mir aus Vngunst vnd Nachtheil aussgeleget, welchs ich 
hiemit vorantwort wil haben, vnd der bawrschmidt, gegen 
mir gesaget, er wolle das Handwerck triben, vnd gern sehen, 
wer es ihm weren wolle, das wil ich ewer E. f. w. heim- 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



49 


237 


gestellet hab za erkennen, aaff solhes ist mein gantz vnder- 
thenige fleissige bitt an ewer E. f. w. mich armen bürger 
sampt meinen weibe vnd vnerzogenen kindern zn bedencken, 
welhes von ewer E. f. w. gerhnmet, als veter der armen vnd 
Notgedrenthen zn schützen, vnd handznhaben, vnd er hansen 
bawerschmidt, do hin halten vnd abschaffen, meines hand- 
wercks müsick zn stehen, darzn mich mit bösen vnnntzen 
Worten gegen menicklich vnvorhindert, vnd vnansgewaschen 
lasse, vnd seines kirchen ampt vnd beruff alleine warte, 
damit wil ich ihn anch znfriden lasse, solches alles .wil ich 
mich gentzlich zu ewere E. F. W. vndertheniglich vordresten, 
das habe ich ewer E. F. w. als meinen gebittenden günstigen 
herm nit lenger weyse zu Vorhalten. Ewer e. F. w. günstige 
antwort bittende etc. 


Ewer E. F. W. 
vndertheniger williger 
burger 

Cristof Wagner 
pnchpinder. 

Die Adresse lautet: 

Dem Erbaren achbaren fürsichtigen vnd weisen 
herrn bürgermeister vnd Rath der stad Coburg, 
meinem günstigen herren. 

Darunter von des Bürgermeisters Hand: 

Hern Hansen Pauerschmidt zuzustellen vnd sein 
antwort Einem Erbarn Rathe hirauf zu geben. 


Antwort des Caplans Bauerschmidt. 

Erbare fürsichtige vnd weyse grosgünstige libe hern, 
E. E. W. sind mein willige vnd gevlissene Dinst zuuor. Er¬ 
bare grosgünstige liebe hern, E. e. w. haben mir nechst ver¬ 
gangene Freytags, bey iren Diener ein supplication so 
Cristoffel Wagner buchpinder an e. e. w. gethan, zustellen 
lassen, mit vnterschribenem beuelch meine gründtliche ant¬ 
wort, vnd warhafftigen gegenbericht darauf schriftlichen zu¬ 
geben. Wiewol ich aber bey mir solches böses, vngereimbstes 
darzu vngegründes schreiben, vnd schwebische geschwetz, 
zuuerantworten vnwirdig geacht, doch weil mir solchs von 
e. e. w. derwegen überantwort ist, hab ichs im bedacht des 
gehorsams, nicht vnderlassen können, bit derhalben e. e. w. 
wollen gegen solcher vnnotiger klagschrift, meine kurtze Ver¬ 
antwortung, vnd gegenbericht, anzuhoren, vnbeschweret sein. 

Erstlieh das mich Wagner gegen e. e. w. beschuldiget, 
wie das ich im in sein Handwerck gefallen, vnd dasselbig 
nicht gelernt, etc., — daran redt er recht, ich habs nit ge¬ 
lernt, hab mirs auch zu lernen nie fürgenommen. Das ich 

Archiv für Reformationsgeschichte. IX. 3. Iß 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



238 


50 


Digitized by 


aber daran kamen bin, hat mich niemand» an! erden zw 
solchem mehr verursacht, dan eben genanter Wagner, welcher 
durch seinen Unfleis vnd Untrew, also vnd der gestalt gegen 
mir gehandelt, das woe ich anders meine btlcher rechtschaffen 
haben wollen, die selbst mtlssen binden, aus Ursachen, das 
er mir ofltmals scheffin leder, für schweine vnd kelbere, (wie 
die bttcher verhanden vnd sein erbeit in selbst vberaeuget) 
eingeredt. Derhalben ich solchs aus not, vnd nicht, wie er 
mit gesparter warheit dichtet, aus eignem gewalt vnd firwitz, 
hab thun müssen, etc. 

Über das hab ich auch nyemals ymants vmb erbeyt 
gebeten noch angeredt, daraw kein tafel ausgehenkt, sondern 
so mir was gebracht, oftmals zw im gewisen, aber die jenigen 
gesacht, sie woltens ehe, wo kein buchpinder zw Hilpertaußen 
wehr, gehn Nürnbergk schicken, aus was vrsach solchs ge- 
scheen, weiss er vnd sie, am allerbesten. Hab auch mein 
erbeit, die bisher gering gewesen, ia so voll bezalet genomen, 
als er. Derwegen er sich zum anderen mal verstigen. 

Das er mir aber mein ampt vnd kirchenbeuelch sampt 
meiner besoldung fürwirft, hoff ich mein her pfarher, auch 
e. e. w. sampt der gantzen gemein, werden meines bindens- 
halben, kein verseumnis in meinem Kirchenampt spüren, 
dan ich vnderweilen nur zur lust vnd etzlichen guten hern 
vnd freundten' zugefallen binde, auf die Zeit, so ich der 
kirchendinst befreyet bin, auf das ich gar nit müssig sitz, 
vnd solchs ist meinem bernf unverweislich. Haben doch alle 
apostel gearweit, wan sie nicht geprediget. Paulas hat Deck 
geweben. Die anderen sind fischen gangen. Ich acht es 
dafür es stehe mir viel besser an, dan wan ich den tag 
vber etwa auff der Lügenbank sesse, vnd rieht die leut aus, 
oder aber macht mit erdichter loser neuer Zeitung (wie etzliche) 
ein schrecken in das arme einfeltige bauersvolk, so iren lügen 
glauben geben. 

Und darzu weiß ich gewiss, alles, was ich bisher ge¬ 
bunden, wer im kein bogen zutheil worden, ehe anders wohin 
geschickt, oder vngebunden bliben. 

Das aber (welchs sein haubtklag ist) meiner arbeit halben, 
sein weyb vnd Kindlein an den bedelstab oder gemeinen 
Kasten gedeien mochten, acht ich darfür, wie e. e. w. vnd 
meniglich woli wissend, wo er selbst seinem frome Weib 
vnd Kindern, mit Würffeln, Karten, Wein und Birkandeln, 
so wenig schaden thet als ich mit meinem binden, so dorfft 
er warlich derselbigen sorg gar nicht. Ich hab noch kein 
10 fl. mit binden verdinet (habs auch darum nicht angefangen) 
so er doch vor kurtzen Jaren 19 fl. auf dem steinweck ge¬ 
wannen, vnd vnangesehen fromer leute treuen rath, bald 
widerumb iemerlich verspilt hat. Item etzliche thaler auffm 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



51 


239 


berckschloß eingenommen, vnd dieselbigen bey der alten 
Kornerin znm Bir (ehe er heim keeme) verspilt. Item dem 
Ciriaco schnanssen 5 gr. za einen gesetzt im bretspil, vnd 
matwillig verspilet. Und der stück sind sehr vil, welche 
wol arsach sein mögen, entlieh des bedelstabs zugewarten. 
In samma wo er selbe seine arme Weib vnd Kindern (die 
er hie hoch fürwttrffit vnd doch sonst lech vnd wie die 
schnetücher heit) das brodt recht !ar dem maal vnvetterlich 
abschnidt, vnd mit seinem spil für dem maal hinweck rükt, würd 
es sonders Zweifels besser mit inen stehen, dann es leider steht. 

Letzlich das er aber felschlich anzeigt, als solt ich 
frenentlicher weiß gesagt haben, solchs zuthnn, vnd sehen 
wer mir weren wolt etc., damit er meinet, mich gegen e. e. w. 
zaveranglimpfen, da hat er die parten gar za weit geworden, 
vnd wirt sie schwerlich wider holen können. Das aber hab 
ich gesagt: Ich wol binden vnd zosehen uelcher Bachbinder 
mir das weren woll, vnd nicht die Herrschaft veracht. 

Was aber den gesellen (den er on alle vrsach bey necht- 
licher weil, mit grosser vngestümlichkeit vnd gotslesterang, 
aas seiner behaasang gestossen) belangt geht mich gar nichs 
an, dan nit ich sonder Cyriacns hat in angenumen. So er 
deshalben za im zaklagen hat, mach ers wol than, so acht 
ich, im sol gebürliche antwort widerfaren. 

Nachdem er aber das Handtwerck hin vnd wieder meldt 
etc., Erbent ich mich vntertheniglich, so er ein auffgerichte 
Zunffit, oder aber sonderliche privilegia, von e. e. w. ausleget, 
nymants forthin za binden, doch mir selbs za binden vnbegeben. 

Bitt e. e. w. wollen solche mein antwort, vilgedachten 
Wagner, sich darin zuspiegeln, zustellen, vnd mich durch 
solchs loss geschwetz gegen e. e. w. nicht verunglimpften 
lassen, als ich mich gegen e. e. w. als den verstendigen 
gentzlich versehen, auch mich hiemit in e. e. w. gunst vnd 
schätz beuelen wil, mit demütiger bit Wagnern ernstlich 
dahin zuhalten, das er sich seiner losen Stocher vnd trawe 
wort, damit er mich eins in Jorgen Lieben mit Züchten badt- 
stuben, in beysein viler fromer bürgern vnd bauern angedast 
vnd schendtlich ausgeholhipelt hat, entschlaken vnd enthalten 
wol, er sol von mir in seiner narung wol ungehindert bleiben. 
Welchs ich mich von einer e. w. bey im zuverschaffen gentz- 
lichen vertrösten will. 

Hiemit ich e. e. w. in gotes Gnaden mit glückseliger 
Regirung beuelen thue. 

E. e. w. 

vntertheniger caplan 
johan pauerschmidt. 


16 * 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Parturiunt 

montes. 


Nascitur 

ridiculus 

asinus. 


Beiträge zur Reformationsgeschichte 
aus Drucken und Handschriften der 
Universitätsbibliothek in Jena. 

Mitgeteilt von Bernhard Willkomm. 

I. 

1. Nova metamorphosis, 

ein bisher unbekanntes Seitenstuck za Lathers: „Ein newe 

Fabel Esopi“. 

In einem Sammelbande der Universitätsbibliothek za 
Jena, der Schriften aas der Reformationszeit enthält, befindet 
sich als letztes Stück ein nur auf den Innenseiten bedrucktes 
Doppelblatt, auf dem rechts folgende Verse stehen: 

Nova metamorphosis. 

In nova fert animus mutatas dicere formas 
Corpora, dii, coeptis quaeso favete meis. 

Et quia vos illas mutastis imagine turpi 
Pandite quae formae causa sit ista novae. 

Egregii vates celebresque fuere magistri, 

Inflati sophia turba superba sua. 

Utque solent rapidis turgescere carbasa ventis 
Atque turnet succo fertilis uva suo, 

Sic illi nimia turgebant arte poetae, 

Foedantes scriptis iusque piumque malis. 

Sacraque coniugii dissolvere iura volebant 
Versibus incomptis ridiculisque logis. 

[Quji tarnen ex merito poenas subiere pudendas, 

Quas meruit nugis impia causa suis: 

Nam Deus in stultos subito mutavit asellos, 

Auribus ut longis prodita facta forent. 

Talibus exemplis moneo Germana iuventus, 

Cauta velis libros composuisse pios. 

Non modo in humanis irato a numine quondam 
Corporibus facies saepe novata fuit. 

Nuper enim nostros quia commeruere magistros 
Vertit in auritum turpia monstra gregem 

Jamque opus exegi superi sit gratia vobis, 

Qui mihi divinam paene tulistis opem 


bv Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



53 


241 


Die linke Seite des Doppelblattes bietet als Illastration 
hierzu einen Holzschnitt: in der Mitte des Bildes ein Esel, . 
nach rechts schreitend und Ia schreiend, dahinter zwei auf 
den Hinterfüßen aufrecht gehende junge Esel, die mit den 
Vorderfüßen eine Krone mit einem Kothaufen über dem Kopfe 
des ersten Esels halten, den außerdem zwei gleichfalls auf¬ 
recht gehende kleine Esel mit Hellebarden über den Schultern 
eskortieren. 

Wie mir Herr Prof. Lic. Dr. Clemen in Zwickau, dem 
ich den Druck zeigte, freundlichst mitteilt, ist der Holzschnitt 
nicht unbekannt, sondern findet sich bereits in der wohl 
Luther zuzuschreibenden „Neuen Fabel Esopi“ vom Jahre 1528 
und außerdem auf einem Einblattdruck eines Gedichtes von 
Melanchthon. 

Die Nova metamorphosis berichtet, wie Magister, die 
aufgeblasen und stolz ob ihrer Weisheit sind und sich auf 
ihre Dichtkunst viel einbilden, in Schmähschriften entweihten, 
was anderen heilig ist, ja, in rohen Versen und lächerlichen 
Possen „sacra coniugii dissolvere iura volebant“ und zur 
Strafe dafür in Esel verwandelt werden. Nun ist die „Neue 
Fabel Esopi“ nach Köstlin-Kawerau, Luther 6 H, S. 146 und 
Thiele in der Weimarer Ausgabe von Luthers Werken 
(W. A. 26, 537) bei Gelegenheit der Angriffe der Leipziger 
Magister Johannes Hasenberg und Joachim von der Heyden 
(= Myricianus) auf Luthers Verheiratung wenn auch nicht 
erst entstanden, so doch veröffentlicht worden, speziell als 
Gegengabe für Myricians Übersetzung der Schrift des Am¬ 
brosius: ad virginem vestalem corruptam et ad corruptorem 
nepharium. Durch die letztere wie auch durch: M. Joh. 
Hasenbergii epistola Martino Ludero et suae parum legitimae 
uxori Catherinae a Bhor, Christiano prorsus animo, scripta, 
in hoc, ut aut vel tandem cum prodigo filio resipiscant, ac 
ad poenitentiam coenobiorumque sanctimoniam redeant, aut 
certe Luderus nonnam suo sponso Christo matrique ecclesiae 
postliminio reponat sollte Luther zur Lösung seiner Ehe ver¬ 
anlaßt werden. Dasselbe beabsichtigen aber auch die 
Magistri der nova metamorphosis mit ihren Schriften. Das 
legt die Vermutung nahe, daß die magistri unseres Gedichtes 
eben Hasenberg und von der Heyden sind, und sie wird 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



242 


54 


durch einige weitere Beobachtungen noch gestützt: Wie 
nämlich in der nova metamorphosis offenbar ironisch ganz 
besonders die poetische Begabung der Magister betont wird 
(— Utque solent rapidis tnrgescere carbasa ventis atqne 
turnet sncco fertilis uva suo, sic illi nimia tnrgebant arte 
poetae —), so wird anoh in der gegen die Leipziger er¬ 
schienenen Gegenschrift der „Illnministen der Bücher Myri- 
ciani 1 ) u ihre Dichtkunst gebührend hervorgehoben, besonders 
Myrician wegen eines fünffüßigen Hexameters, den er sich 
in einem Schmähgedicht auf Luther geleistet hatte, zur Genüge 
aufgezogen (W.A. 26, 546). — Ferner wird die Beziehung 
der nova metamorphosis auf Hasenberg und Myrician auch 
noch dadurch gestützt, daß ihr Verfasser die Magistri gerade 
in Esel verwandelt werden läßt. Allerdings waren ja gerade 
in damaliger Zeit Titulaturen aus dem Tierreiche und Er¬ 
zählungen von Verwandlungen in Tiere, wobei besonders 
der Esel eine große Rolle spielte, nicht selten, wie ein Blick 
in die Pasquillen-Literatur jener Zeit lehrt (vgl. z. B. die 
„Abbildung des Bapstums“ von 1545, den „Papstesel“ und 
besonders Schade, Satiren und Pasquilleil, 190ff. und Clemen 
im Archiv für Reformationsgeschichte H, 87 ff.), aber gerade 
die beiden Leipziger Magister werden von Luther und seinen 
Anhängern ausgesucht oft als Esel tituliert. So schreibt 
Luther an Wenzel Link: „Lipsenses asini meam Ketham 
impetiverunt ..(W.A. 26, 535, vgl. auch S. 545 Zeile 26); 
auch Rörer uennt an einer Stelle eines Briefes, die sich auf 
die neue Fabel Aesopi bezieht: „Azinös Lipsenses“ (W. A. 26, 
535); und die Verteidiger Luthers bezeichnen die Leipziger 
in ihren Gegenschriften immer wieder als Esel, vgl. W.A. 26,542 
Zeile 17, 544 Zeile 9, 546 Zeile 15, auch das Rätselquadrat 
(W.A. 26, 542) und die Beischrift: „Et quia estis vobisipsis 
suspecti de multa sciencia, est quidam frater habens mirabilem 
probleumam circa quadraturam circuli, petens dedarationem, 
quotiens in ista figura possit legi nomen dignitatis vestrae,“ 
die zugleich für die Betonung des aufgeblasenen Wesens der 
Magister eine Parallele bietet zu den Worten der Nova meta¬ 
morphosis: Inflati sophia, turba superba, sua. Ja, sogar von 


’) Luther W. A. 26 S. 537 Zeile 16 und S. 547 Zeile 4/5. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



55 


243 


der Heydens latinisierter Name muß herhalten: ans Myri- 
cianns wird Myriti onos (W.A. 26, 546f.; 553 Zeile 19ff.; 
554 Zeile 8/9). Und wenn anch in der neuen Fabel Aesopi 
mit dem Esel, den die Tiere zu ihrem Könige wählen, 
eigentlich der Papst gemeint ist, unter dessen Herrschaft 
sich die Menschen beugen, statt ihren angestammten Fürsten 
zu gehorchen (vgL Thiele im Lutherkalender für 1910 S. 114), 
so wird doch die Stelle, in der erzählt wird, wie der Esel 
nach dem Raben, der sich ihm auf die Lippe gesetzt hat, 
schnappt und ihn so ohne eigene Anstrengung und Mühe 
fängt, noch besonders zu einem Seitenhieb auf Myrician und 
auf die Art, wie er seine Leipziger Collegiatur* erlangt haben 
mag, benutzt durch die Randbemerkung: „Hie fehet Myri- 
tianus die Collegiatur zu Leiptzig u ; also wird auch wieder 
Myrician im Esel dargestellt Es macht fast den Eindruck, 
als sei in dem durch Hasenberg und von der Heyden an¬ 
geregten Streite Esel, asini Lipsenses zur stehenden Bezeich¬ 
nung der beiden Leipziger Magister geworden, die jeder ohne 
weiteres verstand; und in diesem Kreise, dem die neue Fabel 
Aesopi ihre Veröffentlichung verdankt, würde auch die Ent¬ 
stehung eines Gedichtes wie die nova metamorphosis recht 
wohl möglich und verständlich sein. Scheinen doch auch 
örtlich und zeitlich beide Drucke zusammenzugehören. Die 
nova metamorphosis ist zwar undatiert, aber das Jenaer 
Exemplar trägt den handschriftlichen Vermerk: Joh. Sauro- 
mannns vitebergae und dazu eine Jahreszahl, deren letzte 
Ziffer aber leider durch ein Loch im Papier unleserlich ge¬ 
worden, ebenso gut als 7 wie als 9 gelesen werden kann, 
so daß nicht zu sagen ist, ob 1527 oder 1529 dagestanden 
hat. Immerhin wird dadurch der Druck zeitlich nahe an die 
1528 erschienene neue Fabel Aesopi herangerückt, während 
der Name auf den Wittenberger Kreis weist Wer dieser Joh. 
Sauromannus ist, läßt sich allerdings nicht mit Bestimmtheit 
sagen. Der Breslauer Kanonikus kann es nicht sein, denn 
der ist bereits 1510 gestorben. Aber G. Bauch (Zeitschrift 
d. Vereins f. Gesch. u. Alterthum Schlesiens 38 S. 317) erwähnt 
noch zwei dieses Namens, die in Wittenberg studiert haben: 
einen Joh. Sanermann aus Herieden, der im Winter¬ 
semester 1511, und einen aus Kupferberg, der im Winter- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



244 


56 


Digitized by 


Semester 1518 in Wittenberg immatrikuliert wurde. Einer 
von diesen könnte es wohl sein. 

Schließlich läßt auch die Verwendung des gleichen Holz¬ 
schnittes vermuten, daß beide Drucke irgendwie zusammen¬ 
gehören. Ob ihn einer vom andern übernommen hat, bleibt 
fraglich; vielleicht stammt er anderswoher, denn er scheint 
in keinem der beiden vorliegenden Drucke original zu sein, 
da er bei keinem zum Texte recht passen will: die nova 
metamorphosis erzählt von mehreren Dichtern, die zur Strafe 
in Esel verwandelt werden. Dem Zeichner des Holzschnittes 
kommt es aber offenbar nur auf den in der Mitte befindlichen 
Esel an, mit ihm allein geschieht etwas: er wird gekrönt; 
oder genauer genommen: er wird als einer bezeichnet, dem 
eine solch« (schmutzige) Krone zukommt. Die vier anderen, 
kleineren Esel dienen wohl nur als Staffage. Man wird 
also in dem Bilde keineswegs eine zutreffende Illustration 
zur nova metamorphosis sehen können. Der Verfasser wird 
es fertig vorgefunden und sich etwa durch den Gedanken 
an die Dichterkrönungen bewogen gefühlt haben, es seinem 
Gedichte als Illustration seiner in Esel verwandelten Dichter 
beidrucken zu lassen. 

Ebensowenig wie zur nova metamorphosis paßt der Holz¬ 
schnitt nun aber auch zur neuen Fabel Äsopi. Sie erzählt, wie nach 
dem Tode des alten Löwen auf Betreiben etlicher falscher, un- 
getreuer Bäte mit Hilfe des Fuchses nicht der junge Löwe, 
sondern der Esel zum König der Tiere gewählt wird. Auf einer 
Illustration dieser Fabel sollte man doch nicht nur Esel, sondern 
auch die anderen, bei der Wahl des neuen Königs beteiligten 
Tiere, vor allem den jungen Löwen, die falschen Räte und 
namentlich auch den Fuchs erwarten. Nach der überaus 
anschaulichen Schilderung der Fabel hätte sich doch mit 
Leichtigkeit auch eine recht anschauliche Illustration her¬ 
steilen lassen. Statt ihrer ein Bild, in dem nicht einmal 
der Sinn der Fabel angedeutet ist, daß nämlich unter dem 
Esel der Papst zu verstehen ist! Und das hätte sich doch 
leicht machen lassen, wenn der Zeichner etwa der Krone 
die Form der Papstkrone gegeben hätte, wie sie sich auf 
ähnlichen Bildern tatsächlich findet, z. B. auf Cranachs Holz¬ 
schnitt zu Luthers Vers: „Der Bapst kan allein auslegen / 


Go^ 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



57 


245 


Die Schrift und irthum ausfegen / Wie der Esel allein pfeiffen / 
Kan: vnd die Noten recht greiffen“/, in der „Abbildung des 
Bapstum“ 1545 (abgebildet bei Brieger, Reformation in von 
Pflugk-Harttungs Weltgeschichte Bd. 4 S. 421; weitere Bilder 
mit der Papstkrone ebenda S. 387 und 410, ferner im 
Passional Christi und Antichristi“ ebenda S. 248/249). Es 
drängt sich auch hier die Vermutung auf, daß der Holzschnitt 
nicht als Illustration zur neuen Fabel Äsopi hergestellt ist, 
sondern daß die Herausgeber der Fabel ihn fertig vorfanden 
und ihrer Ausgabe beidrucken ließen, weil er nach ihrer 
Meinung dazu paßte. Allerdings bleibt dies zunächst Ver¬ 
mutung, solange uns nicht ein glücklicher Fund einen Text 
liefert, in dem sich unser Holzschnitt sicher als Original- 
Illustration erweist. 

Die Annahme, daß ein und derselbe Holzschnitt mehr¬ 
fach verwendet wurde, ist kein Grund gegen die eben aus¬ 
gesprochene Vermutung, denn gerade unser Holzschnitt ist 
28 Jahre später noch einmal verwendet worden, nämlich 
auf einem Einblattdrucke aus dem Jahre 1556, von dem 
Herr Prof. Clemen ein Exemplar in der Gymnasialbibliothek 
zu Zerbst entdeckt und auf das er mich freundlichst auf¬ 
merksam gemacht hat; er dient hier als Illustration zu 
folgendem Gedichte Melanchthons 1 ): 

Gigantes clamore asini dissipati. 

Impia cum ruerent Titanes in arma furentes, 

Conati aetherias profodere ense domos, 

Jupiter at 2 ) patriis depelleret arcibus hostes, 

His tarnen incussus nec pavor inde foret: 

Mentitis imitans Pan Aegocerota figuris, 

Terruit hac specie grandia monstra truci. 

Sed neque tune fracti bello cessere Gigantes, 
Bacche, tuus vector donec Asellus abest. 

Ille rudens rauco dum classica personat ore, 
Anguipedes turpi dant sua terga fugae. 

1 ) Der Druck ist bei Hattfelder, Melanchthon als Praeceptor Germa- 
niae S. 613 unter Nr. 598 erwähnt, das Gedicht Corp. Bef. X Sp. 631 
abgedruckt. Der Direktion des Herzogi. Gymnasiums zu Zerbst bin 
ich für freundliche Überlassung des Originaldruckes zu Dank ver¬ 
pflichtet. 

*) Corp. Bef. a. a. 0.: ut. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



246 


58 


Digitized by 


Haad secas Autolyci oallentes forta Sophistae, 
Dicentes vero crimina molta Deo, 

Terribili fugient asini clamore repressi, 

Bella iiarcnctXoyiov exitus hic sequitur. 

PHILIPP VS MELANTHON 
ANNO 1556. 

Herrn Prof. Clemen verdanke ich ander der freundlichen 
Mitteilung seines Fnndes zugleich den Hinweis anf die Be¬ 
deutung des Stückes: Es war die Antwort der Wittenberger 
anf die „gelinden Fürschläge“, die Flacins im Mai 1556 
an Pani Eber in Wittenberg sandte, um eine Aussöhnung 
und Einigung mit Melanchthon und seinen Anhängern herbei¬ 
zuführen. (Ellinger, Phil. Melanchthon S. 560). „In den 
Versen wurde die Fabel, daß die Giganten im Kampfe mit 
den Göttern durch das gräßliche Geschrei des Esels, der 
Silen gehörte, znrückgeschreckt worden seien, auf den Kampf 
der Protestanten gegen das Papstthum angewendet, und mit 
unverkennbarer Deutlichkeit dem Flacius und seinen Freunden 
die Rolle des Esels zngetheilt“ (W. Preger, Matthias Flacins 
Illyricus und seine Zeit. 2. Hälfte &. 13). 

Der Einblattdruck zeigt recht deutlich, wie naiv man 
bei der Verwendung schon vorhandener Holzschnitte für die 
Illustration anderer Schriften verfuhr: Abgesehen davon, daß 
der mittlere Esel des Holzschnittes schreit, paßt das Bild 
im übrigen ganz und gar nicht zu den Versen, die es 
illustrieren soll: hier ein gewöhnlicher Esel, der durch sein 
Geschrei die Giganten verscheucht, dort fünf Esel, unter 
denen der mittlere offenbar eine besondere Stellung einnimmt! 
So wenig die Illustration hier original ist, so wenig wird 
sie es in der neuen Fabel Äsopi und in der nova meta- 
morphosis sein. Wie hier, mögen sich auch dort Verfasser 
oder Herausgeber durch einzelne besondere Züge auf dem 
Bilde, die zufällig in ihren Zusammenhang paßten, haben 
bestimmen lassen, den Holzschnitt als Illustration ihrer 
Publikation zu wählen. 

2. Ein Brief Melanchthons an Andreas Trieesins. 

Viro optimo D. Andreae Tricesio Amico suo praecipuo 
S. D. Significaui tibi nuper, nos cum Cinglio et oecolampadio 
collocuturos esse. His diebus ex illo congressu domum 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



69 


247 


Teversi sumus. Non plus biduo collocati sumus. Nee potuit 
res confici tarn brevi tempore. Itaque adhac heret res de 
Coena domini. Ipsi suam sententiam non corrigunt, Nos 
Nostram defendimas. Egimus cum eis de Trinitate, deque 
aliis qnibusdam Articulis, de quibus non satis commode 
sentire visi sunt. De Omnibus rebus sunt nobis assensi, 
tantum de Coena Domini nihil mutarunt. Si non movissent 
tantam tragoediam, nuno opinor non excitarent, vident se 
non posse veteris Ecclesiae Autoritate Dogma suum tueri. 
Et ego nolim contra vetustae Ecclesiae sententiam, et tarn 
multa testimonia veioxeqlteiv xal oraaiateiv. Tabulas 
Sarmatiae accepi missas per Hessum. Efficiam ut a me 
habeas, ut Jure Civili praeceptum est xa uvxlötoqa. Nunc 
autem non licnit hunc tabeliarium onerare nempe hominem 
ignotum, De Mathematicis libris valde me delectant, quae 
scribis, malo autem habere /ue&odixa quam TtQaxxi/.a. Si quid 
mihi miseris, maximo beneficio me tibi devinxeris. Yale 
feliciter. Mense octobri Magni exercitus comparantur apud 
nos adversus Turcas, qui Viennam nunc obsident. Salutat 
te Falco. <I>lXi%og 

Der Adressat ist der polnische Edelmann und Humanist 
Andras Trzecieski (cf. Janociana Yol. L Varsaviae et Lipsiae 
1776 S. 274 ff.). Wie sein Vater des Lateinischen, Grie¬ 
chischen und Hebräischen kundig, wurde er mit anderen 
für die Übersetzung der Bibel ins Polnische gewonnen 
(Loesche, Luther, Melanchthon und Calvin in Österreich- 
Ungarn. Tübingen 1909 S. 246, 249, 264; cf. auch Calvins 
Brief an Tricesius, Corp. Ref. XV Sp. 910 ff.) Als Dichter 
begegnen wir ihm in der polnischen Literatur (A. Brückner 
Geschichte der polnischen Literatur = Die Literaturen des 
Ostens I Leipzig 1901 S. 71). Zwölf Lieder von ihm hat 
Joh. Seklucyan in sein Gesangbuch aufgenommen (cf. Th. 
Wotschke, Andreas Samuel und Johann Seklucyan, in der 
Zeitschrift der histor. Gesellschaft für die Provinz Posen 
Jg. XVU 1902 S. 238), und wie sein Vater spielte auch er 
eine Rolle in der polnischen Reformationsgeschichte (cf. Val. 
Krasinski, Geschichte des Ursprungs, Fortschritts und Ver¬ 
falls der Reformation in Polen. Nach dem engl. Original 
bearb. v. W. A. Lindau, Leipzig 1841 S. 56; K. Völker, 
Der Protestantismus in Polen. Leipzig 1910, bes. S. 6f. u. 
28 ff.). Er wurde im August 1544 in Wittenberg imma¬ 
trikuliert (Album acad. Viteberg. ed. Förstemann), hatte 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



248 


60 


Digitized by 


aber bereits 1527 in Leipzig und Erfurt studiert (Kasimir 
v. Miaskowski, Die Korrespondenz des Erasmus von Rotterdam. 
Diss. theol. Breslau. Posen 1901. S. 31 f., Wotschke, Brief¬ 
wechsel der Schweizer mit den Polen: Archiv f. Reformations- 
gesch. Ergänzungsbd. 3. Leipzig 1908 S. 421 Anm. 2) 
und vermutlich schon bei Gelegenheit dieses Aufenthaltes in 
Deutschland Melanchthon kennen gelernt, denn der oben ab¬ 
gedruckte Brief Melanchthons ist ja kurz nach dem Marburger 
Gespräch, also wohl noch im Oktober 1529 geschrieben 
(Corp. Ref. I Sp. 1108) und zeigt beide schon in freund¬ 
schaftlichen Beziehungen. Zu diesen vgl. auch H. Dalton, 
Beiträge zur Gesch. der evang. Kirche in Rußland 111: Lasciana. 
Berlin 1898 S. 163 und den von Hartfelder in der Zeitschrift 
f. Kirchengesch. XII, 1891 S. 194 f. veröffentlichten Brief 
des Tricesius an Melanchthon. 

In unserm Briefe berichtet Melanchthon kurz Uber das 
Ergebnis des Marburger Gesprächs. Besonders charak¬ 
teristisch für seine vorsichtige und gewissenhafte Art ist der 
Satz: Et ego nolim contra vetustae Ecclesiae sententiam et 
tarn multa testimonia vetoregtCeiv xcxi araaidteiv, der an 
folgende Stelle in seinem Schreiben an Ökolampadius aus 
Speier 1529 anklingt: „Ego enim nolim alicuius novi dogmatis 
in Ecclesia vel autor vel defensor existere.“ (Joach. Camerarii 
de vita Philippi Melanchthonis narratio rec. G. Th. Strobelius, 
Halae 1777 pag. 404). — Im übrigen zeigt uns der Brief 
Melanchthon in der Vielseitigkeit seiner Interessen, hier 
speziell seine Vorliebe für Geographie und Mathemathik. 
Zu den Tabulae Sarmatiae missae per Hessum sei auf 
Jul. Köstlin in der Zeitschrift des Vereins f. Gesch. u. Alter¬ 
tum Schlesiens 12. Bd. 1874 S. 420 verwiesen: „Heß schreibt 
11. Mai 1529 [an Pirkheimer]: Cracovia nuper dedit tabulas 
duas Sarmatiae et Scythiae; am 13. Juli schickt er tabulam 
Sarmatiae secundam und hat um die erste an Krakauer 
Freunde geschrieben.“ Zu Melanchthons mathematischen 
Interessen cf. Bernhardt, Philipp Melanchthon als Mathe¬ 
matiker und Physiker. Wittenberg 1865. Der letzte Satz 
des Briefes mit seiner „neuen Zeitung“ ist ein Beleg dafür, 
wie falsch es ist, sich Melanchthon als weltfremden Stuben¬ 
gelehrten zu denken: nicht nur für die Wissenschaft im 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



61 


249 


weitesten Sinne, sondern anch für die Tagesereignisse hatte 
er lebhaftes Interesse. 

Der mitgeteilte Melanchthonbrief findet sich in einem 
Sammelbande der Jenaer Universitätsbibliothek auf einem 
Blatte, das den Umschlag za der achten Schrift des Sammel¬ 
bandes bildet, in Abschrift von der Hand des im Briefe 
selbst mit erwähnten Johann Hessns. Diese achte Schrift: 
Was zn Marpnrgk in Hessen vom Abendtmal vnd andern 
strittigen artickeln gehandelt vnd vergleicht sey worden. 
Andreas Osiander. stammt nach der handschriftlichen Widmnng: 
D. doctori Helso dono dedit Jacobus lippa, die sechste 
Schrift des Sammelbandes: Was sich D. Martin Luther etc. 
mit Huldrichen Zwinglin etc. der Strittigen Articul halb / 
vereint vnd verglichen auff der Conuocatz zu Marpurg / den 
dritten tag Octob. M.D. xxix nach der eigenhändigen Ein¬ 
zeichnung („Sum Joannis Hessi Nuremburgensis“ cf. Köstlin 
a. a. 0. VL Bd. 1864 S. 99 Anm. 1) aus dem Besitze des 
Joh. Hessus. Beide Schriften beziehen sich auf das Marburger 
Gespräch. Heß hat sich den Brief also wohl besonders 
wegen seiner Nachrichten über das Marburger Gespräch ab¬ 
geschrieben, ganz abgesehen davon, daß der Brief schon 
wegen seines Verfassers für Heß große Bedeutung hatte: 
stand er doch zu Melanchthon in ganz besonders innigen 
Beziehungen (Köstlin a. a. 0. VI. Bd. S. 249). Doch auch 
der Adressat war ihm bekannt, wie aus dem Briefe selbst 
hervorgeht (cf. auch Köstlin a. a. 0. VI S. 251 Uber Heß’ 
Beziehungen nach Polen), und gehörte zu den von Köstlin 
a. a. 0. XH S. 420 erwähnten Krakauer Freunden. 

3. Entwarf einer Aufforderung zur Fürbitte für den 
Augsburger Reichstag 1530. 

Bevor der sächsische Kurfürst zum Reichstage nach 
Augsburg abreiste, gab er an die Stadträte und Amtmänner 
Erlasse aus, in denen er von seiner beabsichtigten Teilnahme 
an dem Reichstage Kenntnis gab und zu treuer Aufrecht¬ 
erhaltung der Ordnung während seiner Abwesenheit ermahnte; 
in einem Zusatze ließ er noch besonders die Pfarrer zur 
Fürbitte für einen guten Ausgang des Reichstages ermahnen. 
Die Erlasse sind von Förstemann im Urkundenbuch zu der 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



250 


62 


Digitized by 


Geschichte des Reichstages zu Augsburg i. J. 1530, 1. Bd. 
S. 131 ff. abgedruckt. Eine andere Fassung dieser Auf¬ 
forderung zur Fürbitte, vielleicht ein Entwurf dazu, hat sich 
auf einem Blatte von Caspar Crucigers Hand in der Jenaer 
Universitätsbibliothek erhalten. 

Unter den aus Buders Besitz stammenden Handschriften 
der genannten Bibliothek befindet sich eine Sammlung von 
Reichstags- und Landtagsakten, teils in Abschriften, teils 
auch nur in Excerpten, aus 13 Foliobänden bestehend und 
die Jahre 1521—1611 umfassend. Die Bände sind alle 
gleichmäßig gebunden: rotbraune gepreßte Lederbände mit 
grünen Bändern; auf dem Vorder- und Hinterdeckel bringen 
sie alle in Golddruck das Sachsen-Weimarische Wappen, 
auf dem Vorderdeckel über dem Wappen die Buchstaben 
S. G. I. V. D., unter dem Wappen die Jahreszahl 1630, eben¬ 
falls in Golddruck. Es liegt nahe, die Buchstaben I. V. D. 
als iuris utriusque doctor zu lesen und in S. G. den Namen 
des Besitzers zu vermuten, der sich die Sammlnng anlegte 
oder anlegen ließ, zum mindesten, der sie sich in die Bände 
wie sie noch jetzt vorliegen, binden ließ. Nach einer sehr 
ansprechenden Vermutung des Herrn Archivar Dr. Kritzner, 
früher in Weimar, könnten die Buchstaben S. G. Samuel 
Göchhausen bedeuten, der um 1630 Kanzler in Weimar war. 
Später kamen sie in den Besitz des Jenaer Professors Philipp 
Müller, wie der in allen Bänden vorn und hinten sich findende 
handschriftliche Vermerk: Philippus Müller Sangerhnsanus, 
S. S. Theologiae Doct. Prof. Publ. Jenensis Ao. 1670 besagt, 
und dann in die Budersche Bibliothek und mit der letzteren 
schließlich in die Jenaer Universitätsbibliothek. 

Im 2. Bd. dieser Sammlung, der Akten des Reichstages 
zu Augsburg vom Jahre 1530 enthält, findet sich das oben 
erwähnte Blatt von Crucigers Hand (Cod. Bud. fol. 2 Bl. 11). 

Es bietet folgenden Text: „Weyl man ietzund weg zeucht, 
vnd Sachen für hatt, die nicht alleyn vnser person farlich, 
sonder die gantze Christenheit betreffen, Ist not, das man 
Gott mitt grossen Ernst anruffe, vnd bitte, das ehr vns gnade 
verleyhe, das alle Sachen also gehandelt werden, das da 
durch Gottes nahm geehret werde, vnd das es zu friden in 
allen lendern reiche, vnd zusonderheyt bey vns. 

Denn es ist nicht möglich, solche grosse Sachen mit 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



63 


251 


menschlicher veysheit za faren oder za handeln, so hatt auch 
Gott gepotten in solcher vahr yhn anzuruffen, vnd hilff zu¬ 
gesagt, welche ehr on zweyfel erzeigen wirt, so man yhn 
mit ernst anraffen wirt. 

Wer na mit Ernst betten solt, dem ist nott, das ehr 
sich besser, vnd Vergebung seyner senden suche, vnd dnreh 
Gottes wort vnd sacrament glauben schöpfe vnd sich Sterke, 
das ehr getrost hoffen möge, Gott werde seyn gebett erhören 
vnd annemen. Dazu sind die sacrament ingesetzt das wir 
dadurch zu besserung vermanet werden, das wir auch glauben 
dadurch fassen.“ 

4. Eine bisher unbekannte Redaktion von Melanchthons 
Einleitung und Schloß zur Augustana. 

ln dem oben erwähnten Cod. Jen. Bud. fol. 2 stieß ich 
auf ein Schriftstück, das meine Aufmerksamkeit zunächst 
durch seine Aufschrift erregte. Sie lautet: „Supplication 
vnd Erclerung des Churfürsten zu Sachsen an Kay. Mtt: 
woher die Lehr, so zu jhr Churf. Gnaden Landen ge¬ 
predigt, rührt, vnd wouon sich dieselbige verursacht, Mitt 
pitt [= Bitt?] solche Sachen glt [= gnädigst?] zu beherzigen, 
daß Recht vnd die wahre Lehr zu schützen vnd die falsche 
abzuschaffen u. s.“ Bei dieser Aufschrift denkt man unwill¬ 
kürlich zunächst an die Sonderverhandlnngen des Kurfürsten 
Johann mit dem Kaiser vor dem Reichstage und könnte in 
dem Stück etwa einen Entwurf für die Darstellung der 
neuen Lehre und Rechtfertigung wegen ihrer Duldung ver¬ 
muten, die der Kurfürst an den Kaiser nach Innsbruck 
sandte. Aber ein Blick in den Inhalt zeigt, daß es nicht 
in diesen Zusammenhang gehört. Das Schriftstück, eine 
nicht sehr sorgfältige Abschrift von Schreiberhand, aus dem 
16. Jahrhundert, mit Korrekturen z. T. von anderer Hand 
aus derselben Zeit, vielleicht sogar von der Hand des Kanzlers 
Brück, lautet: 

Diweil die Kay Mät vnnser aller genedigster Herr jn 
nechstem Irer Mät aulschreiben dieses angesezten gemaynen 
Reichstags sich gegen Churlürsten, Fürsten vnd allen andern 
stenden des Reichs genedigklich erboten, jnn Sachen die 
christlich Religion belangend, Eins izlichen gutbedttneken, 
opinion vnd maynung zwuschen jnen selbs jn lieb vnd 
gutigkait zuhorenn, So wolle Ire Mät genedigklich vnter- 
tenigen Bericht anhoren vnd vernehmen, der lehre vnd 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



252 


64 


Digitized by 


kirchenbreuohe halben, so jn des Chorfursten za Sachssen 
Landen vnnd gebieten gefirt vnnd gehalten werden, auch wie 
diese Sachen allenthalben gelegen 1 ), woran! der grand ge- 
melter lehre vnnd kirchenbreuohe ruhet®). 

8 ) Dan also habenn vor alters, die vorigen Romischenn 
kaiser als Constafitinus, Theodosius, Carolas Magnas, Hainricas 
der ander Inngleichenn Sachen die Religion vnnd den christ¬ 
lichen glaubenn belangend auch getan vnnd die hendel vnnd 
pact nach notarfft allenthalb genedigklich gehört, damit sie 
jn so hochen Sachen, die seele vnd gewissen berurend, nicht 
wider got handeltenn. 

So vermanet auch der hailig geist jm andern psalm, 
die konig, fürsten, potentaten, vnd Herrn auf erden, vnd 
weiset sie alle za Christo dem höchsten aynigen konig, das 
Eaangeliam zahoren, vnnd sollen sich solcher vormanang so 
am jüngsten tagk wird am licht stehen, mit herzlichem Ernst 
annehmen, dan also spricht der psalm, So seyt nhnn klueg 
vnd last euch züchtigen, jr Herrnn vnnd Richter auf erden, 
das jr höret den Christum, das Eaangeliam etc. Item es sagt 
der xlvij psalm, die farsten vnter den Volckern seind ver¬ 
sandet zu aynem volck dem Goth Abraham wan sich die 
beschuzer der erden zu Gott thun. So zaiget der prophet 
ahn, das dann die Recht Ehre gottes, der rechte hoche wäre 
gotsdinst gemehret vnnd erhaldtenn wirdet, wann konig vnnd 
fürsten gotfurchtig 4 ) vnnd die rechte Rayne Christliche lahre 
Inn der kirchenn erhaldtenn. Darumb werden sie auch be- 
schtlzer der Erdenn genennet, das Inenn got aufgelegt, die 
frommen vnd gotfurchtigenn Inn trewlichem schuz vnnd 
schirm zu habenn. 

Nachdem nhun kay Mat vnnter allen Römischen, kaisernn, 
so yhe gewesenn, der gewaltigsten ayner seind, vnnd vonn 
hochadeliger kay Tugent, löblichem gerächt, vnnd nahmen, 
nicht weniger berumbt, dan Constantinus, Theodosius, Carolus, 
Hainricu8 der ander, So werdenn Ir Maiestat daran gar 
löblich christlich, vnnd kaiserlich handelnn, so sie jnn solchenn 
sachenn der Christlichen Religion dem kaiserlichen aulz- 
schreibenn nach jnn liebe vnnd gutigkait dermassenn vor- 
aynigung zu machenn trachtenn werdenn. 

Auf das alle sachenn der Religion nach der gotlichen 


*) So ist wohl zu lesen. Das Wort ist durch Korrektur un¬ 
deutlich geworden. Ursprünglich scheint gegigen dagestanden zu 
haben, was der Schreiber selbst in gelegen korrigiert hat. 

2 ) Einige gestrichene und dadurch unleserlich gemachte Worte 
folgen noch. 

*) Am Rande ist hier von späterer Hand hinzugesetzt: NB. Keißer 
haben in Religionssachen die Partheyen gehört. 

4 ) Von anderer Hand gestrichen: seind. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



65 


253 


schriift vnnd der warbait Christlicher Religion ans derselbenn 
geschepfft vnnd erforscht werde, nicht ans raenschenn sazungen, 
altem herkomenn, gebrenchenn ader gewonhaiteo, welche ob 
sie woll jn weit hendeln, zeitlich gnt vnnd dergleichenn be¬ 
langend stathabenn, mugen sie doch jnn Sachen des glanbens 
nicht fnrdruckenn noch haftenn*), wie dan die wort Augnstinj 
vnnd Gregorij dasselb anzaigen, so jm Decret 2 ) viij diss. in 
c. veritate manifestata vnnd c. s. 3 ) consuetudinem angezogen 
sein, do sie bezengenn, das Inn solchenn sachenn des glanbens, 
wan die warhait geoffenbart wirdet, alle gewonhaitenn so 
darwider gehaltenn sein wordenn, weichen müssen, wie alt 
vnnd langwerig die gestaudenn sein, vnnd beweret Gregorius 
dasselb mit dem Sprach Jo: am xiiij, do er sagt, Ich byn 
der wege, die warhait, vnnd das leben, spricht nicht (sagt 
sand Gregorius) Ich byn ein gewonhait 4 ), sondern die 
warhait, dann das gleichwoll zu zeitenn mißbreuche wider 
die schrillt, auch vor denn zeitenn gemelter veter jnn der 
kirchenn eingewnrtzelt seind, zaigenn berurte jre [?] wort 
genugklich vnnd klar ahn. Dann wo dieselbigenn also auch, 
das sie vor ein gewonhait vnnd hergebracht Recht haben 
angezogen wollen werden, nicht eingewnrtzelt, hetenn sie 
nicht darwider disputirn oder dieselbigenn mit solchenn vnnd 
mehr worden anfechtenn durfenn. Vnnd weil nhun bald 
nach der Erstenn kirchenn der feynd der warhait nicht ge- 
feyert, sondern solchenn samen des mißbrauchs mit ein- 
gestrauet hat, Als das gedachter veter wort, vnnd sonderlich 
des hailigenn, furtrefflichenn gelerten Bischoffs vnnd merterers 
Ciprianj, so Gregorius an gemeltenn ort darzu auch einfuret, 
6 ) anzaigenn, wieuil mehr f zu achtenn, das er solchenn boßenn 
samen der mißbreuche, nhun jn denn letzternn ferlichenn 
gezaitenn, do aygennuzige leuthe aufstehenn wurden, Als der 
heilig Apostell sand Paul dasselb clerlich anzaigt, vnter souil 
vnd mancherlay ordenn, Secten vnnd trennungen zutrauenn, 
nicht wirdet vnterlassenn noch darbey gefeiert habenn. Dana 
sand Bemhart hat bey seinenn Zeitenn berayt, wie er die 
kirche mit jrem wesen vnnd breuchenn angesehenn, darüber 

x ) Oder: haltenn [Korrektur!]. 

2 ) Corpus iuris canonici instr. Aem. Friedberg Pars I Lipsiae 
1879: Decretum Gratiani Distinctio VIII Cap. IV Veritati et rationi 
consuetudo est postponenda: Item Augustinus de unico baptismo lib. II a 
[lib. III de baptismo, contra Donatistas c. 6] „Veritate manifestata 
cedat consuetudo ueritati. — Cap. VI Veritate revelata consuetudinem 
sibi cedere oportet: Item Augustinus in libro de baptismo paruulorum 
[lib. III de Baptismo, contra Donatistas cap. V]: Nam Dominus . , . 
non dixit ego sum consuetudo. 

3 ) Undeutlich geschrieben; vermutlich: s. [= sechs!]. 

4 ) Cf. Anm. 3. 

6 ) Am Bande hinzugefügt: f ist f. 

Archiv für Reformationsgeschichte IX. S. 1 1 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



254 


66 


Digitized by 


geclagt, warnet vnnd besorget sieb, das ans denselben miß- 
breuchenn entlieh nichts anders dann der grenlh daoon 
Christus gesagt, erfolgen wurde. 

So gebeut auch der Babst Inno: der dritte den prelatenn, 
das sie nicht gestatenn sollenn, die leute so jnn jre kirchenn 
komen, mit manicherlay figmenten vnnd ertiehtungen noch 
falschenn lehrenn betriegen zulassenn wie dann an vielen 
ortenn vmb geniess ader nuzes halbenn zugescheh'en pflegte 
(spricht er) aus welchem Babst Innocencij gezeugknis genug¬ 
sam zuuernemen ist mit was betrug vnnd falschenn lehrenn 
auch zu der zeit der teufell berait vmbgangen vnnd jnn denn 
gotsdinst vnnd lehre, zubringen, vnterstandenn. 

Darzu wissenn die kay. Mat sich genedigklich zuerjnnern 
wie vnnd was manicherlay handt mißbrauch auf. Irer Maf 
Erst gehaltenenn Reichstagk zu wormbs auf Irer Mat. genedige 
Zulassung zusamengetragen vnnd vbergebenn wordenn. 

Auch hat Babst Adrianus der nechst durch aynen 
legaten auf vergangenem Reichstagk zu Nurmberg [1522/23] 
vonn solchen mißbreuchenn meldung thun lassenn mit er- 
bietung dieselbigenn mit der hulf des almechtigenn zu 
andemn vnnd bessernn. 

_ Vnnd solchs wirdet zu vntertenigster. eijnnerung kay. 
Mat. darumb angezaigt, das sich Ire Mat durch nyemants 
wolle beredenn ader bewegenn lassenn, Als sie auch ane 
zweiuel nicht thun werde, Als ob kain mißbreuche jnn der 
kirchenn, der leren, vnd Cerimonien halbenn, die wider got 
vnnd die schriffte, vorhandenn sein mochtenn. 

Vnnd.wiewoll solche mißbreuche vonn aynem zu dem andemn 
Kay. Mat. ist alsbaldt kondtenn namhaftig angezaigt vnnd 
erzelet werdenn, So wirdets doch zu vnterlassen bedacht, das 
die kay. Mat. hernach stuckweis sehen vnnd vernemen werden, 
was jn des Churfurstenn zu Sachssenn landen gelert vnnd 
gepredigt, Auch wie es mit denn Cerimonien vnd.sacramenten 
gehaltenn wirdet. Aus welchem Ire kay. Mat. vnnd me- 
nigklicher, dem dieser handell furkumbt, leichtlich zuuerstehen 
habenn, was dargegen die mißbreuche gewesenn, die dadurch 
gefallen vnnd sich abgelaynt haben. 

Aber domit gleichwoll die kay. Mat. herrurung der 
lehr so jnn des Churfurstenn zu sachssenn landen gefurt 
wirdet, vnnd ablaynung der mißbreuchlichenn Cerimonien, wo 
vonn sich dieselbige notwendig verursacht, bericht entpfahenn 
mugen, So ist Jedermann x ) sonderlich jnn deuzscher Nationn, 
wissenntlich, das man fast an allenn orten wenig von denn 
Hauptstuckenn, Christlichs glaubens gepredigt vnnd gelert, 
sondern dem volck vill schedlicher auch vnnotiger lehrenn 

J ) Gestrichen: firderlich. 


Go 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



67 


255 


ann stat gotes wort furgetragenn hat. Vnnd jnsonderhait 
vonn Indnlgentien, dauonn yhe zu Zeitenn die questorn, so 
dorzu verordent wordenn, also gar nngotlich vnnd vnschicklich 
vor dem volck geredt das domit vrsach gegeben ist wordenn 
vonn denselbigenn vnnd dergleichen falschenn Jehrenn, die 
zu verfnrnng des volcks einwachssen wolten znredenn vnnd 
dispntirn. Dann vnter andern jren vnschantbarn fnrgebungenn 
dorffenn etlich öffentlich auf der Canzel sagenn vnnd 
ausschreyhenn, wann das gelt jns beckenn fielh, so fihr die 
seelh 1 ) dafir das gelt eingeworfen alsbald gein hymel. 
Darumb hat sich gebart die lente vonn solchenn Sachen 
christlich zu vnterrichten, dann wan man gleich darzu lenger 
zu verfnrung des einfeltigenn volcks stiller geschwigenn, 
Hetenn doch solche öffentliche gotslesterung 2 * ) vnnd darneben 
auch dye wahre christliche Religion jnn Verachtung komenn 
mussenn, So got aus genadenn vnnd Barmherzigkait dar¬ 
wider nicht bestendige vnnd rechte warhafftige lehre gebenn 
hete. Als sich aber nhun etliche aus gedrencknus jrer ge- 
wissenn wider solch vngeschickt predigen vnd ausschreyen 
von Indnlgentien gelegt. .. ®)habenn die Widersacher vnnd 
jre anhenger so solche vngegerundte vnnd lesterlicbe lehre 
die sie vonn den Indnlgentien, als obstehet, getriebenn, vor* 
tednigen vnd vorfechtenn wollenn wie menigklichen jm Reich 
bewust ist aufs hertest mit schreibenn vnnd schreyen vonn 
den Canzeln darwider gedrungenn vnnd sich zu vorigenn jren 
vnschambarn 4 * ) furgebungen noch mehr vngegrundter dingk 
zu erhaltenn vnterstandenn, das man auf diesem taill hat 
grundt vnndt vrsachenn der beschehenn Christlichenn vnter- 
richtung, wider solche gefurthe falsche lehre von vnmeidlicher 
notb wegenn, an tag gebenn, vnnd das volck mit anzaig 
gotlicher hailiger schrifft, darwider vnterrichten 6 ) müssen 
wie man genadt vnnd vorgebung der sundenn erlangen vnnd 
dye gewissen durch glauben an Christum tröstenn sold, das 
allen Christenn zuwissenn noth ist. Daraus dann hat volgenn 
müssen, diweil man dodurch gedrungen ist worden vom 
gründe jrer vnschicklichen lehr znredenn, So hat aus an- 
zaigung der gegründeten warhait ein mißbrauch nach dem 
andern auch fallen, vnnd so ayner durch bestendigenn grundt 
abgelaynt, hat der ander vnnd aber ein ander so darauf 
hat wollen gewidembt werdenn, auch fallenn müssen, Als 


l ) Gestrichen: als. 

*) Hinter „gotslesterung“ scheint etwas zu fehlen. Cf. unten. 

*) Unleserlich; es scheint nur eine etwas groß geratene Form 
des folgenden h dagestanden zu haben oder nur ein ganz kurzes 
Wort wie: so. 

4 ) Korrigiert aus: vnschantbarn. 

6 ) Gestrichen: mugen. 

17 * 


Digitizeit by 


Go^ 'gle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



256 


68 


Digitized by 


wie mit aynem gebeudte, do der grundt darauf es gefast 
wandelbar vnnd nicht bestendig ist. Die prelatenn haben 
berurte vngeschickte predigen 1 ) vnnd schreiben 2 ) hyngeben 
lassenn vnd doijnnen als sich woll gebürt bete, nicht ge- 
sehenn, das die sachenn mit schrifften soweit getriebeun 
wordenn, das vill redlicher vnnd gelerter lente welche die 
ergangen baider part schreibenn gegeneinander erwogen vnnd 
gesehenn, diesem tail vnnd jrer lahr habenn znfalh gebenn 
vnnd dieselb vor christlich vnnd gnet achtenn vnnd richtenn 
mussenn, Nemlich das anf diesem taill vonn dem stuck, wie 
man genad vnnd vorgebung der snnde erlangenn soll, recht 
gelert, vnnd der Widersacher furgebenn vngegrnndt vnnd 
vnrecht jha wider die _ helle gotliche schrifft erticht were. 
So kann auch kay. Mat. genedigklich bedenckenn das den- 
jhenen, denen goth genade des Vorstands gütlicher schrifft 
vorliehenn, nicht hat geburen wollenn An vnterlaß darzu 
stiller zu schweigenn vnnd das christlich volck mit solchenn 
ertichtenn vnnd ergerlichen lehren annvnterlaß vorfnren zu¬ 
lassen vnnd das gezeugknus der erkandten warhait zu vor¬ 
bergen ader vorhaltenn. Dann wie sand Chrisostumus sagt, 
das wort xi. q. iijc nolite timere referirt werdenn, So soll 
nyemants vmb menschlicher forcht willenn vnterlassenn, das 
er die warhait nicht frey bekenne. Dann nicht allain ist 
das ein falscher gezenge, der anstat der warhait Ingen redet, 
sundern auch der so die warhait nicht frey bekennen thuet 
ader dieselbige nicht vorthednigt, jst anch ein falscher ge¬ 
zenge. Beweret solchs durch den sprach sand paulns zu 
denn Römern 8 ), mit dem herzenn glaubenn wir zu der ge- 
rechtigkait, aber mit dem munde bekennen wir zu der 
seligkait. Dorzu hat sich auch kain ergernusse wollen 
ansehen noch schewhen 4 ) lassenn, das doramb die warhait 
wider die öffentliche _vnwarhait nicht sold an tag gebenn wer¬ 
denn, Dann kay. Mat. wissenn, das es nuzlicher 5 ) ist jn Sachen 
des glaubens ergernuß zuentstehenn vnnd erwachsenn lassenn, 
dann das vmb ergernuß willenn die warhait vorschwigenn 
vnd vordruckt sold pleibenn. 

Das aber nhun auch die widerpart heyschenn dieser 
lehre vnnd den predigeru derselbigenn gern auflegenn 
wolltenn, Als wurdenn alle guete ordnungk, Cerimonien vnnd 
gotselige nuzliche kirchennbreuche dodurch zuruttet vnnd 


x ) Korrigiert aus: prediger. 

*) Korrigiert aus: Schreiber. 

3 ) Röm. 10,10. 

*) = schauen?, korrigiert aus: ansehenn. 

B ) Am Räude von anderer (Kanzler Brücks?) Hand: nieüig- 
licher weys. 


Go^ 'gle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



69 


257 


nydergelegt, Aach wie sie vnerfintlich_ redenn durflenn, gute 
werck verbotenn, So wirdet kay. Mat ans nachverzaichen- 
tenn berichtenn vnnd den artigkeln bernrter lehre sparen, 
wie es sich vmb die kirchenbreache, Cerimonien vnnd anders 
jnn des Charfnrstenn za Sachssen Landenn baltenn ist, aach 
was allenthalben doijnne gelert wirdet, vnnd ob recht 
schaffene christliche werck vnnd Ordnungen ader anders das 
gotselig ist, nydergelegt, vorworffenn vnnd zarnttet werde, 
^ader nicht, vnnd das solche der widerpart angebenn ein 
vnnotturfftige vnd vnerfintliche, vnpilliche auflag ist, dann 
diese lahr ist gar nicht dohin gericht. 

Schon bei oberflächlicher Betrachtung fällt die große 
Ähnlichkeit unseres Schriftstückes mit der Einleitung der 
von Schornbaum im Nürnberger Kreisarchive gefundenen 
und von Kolde veröffentlichten Nürnberger Rezension der 
Confessio Augustana auf 2 ). Eine vergleichende Betrachtung 
des Inhaltes beider Stücke möge dies noch deutlicher machen. 

ln Ja, wie ich das Stück aus der Jenaer Handschrift 
in Anlehnung an Koldes Bezeichnung der Nürnberger Rezen¬ 
sion durch Na der Kürze halber nennen will, wird zunächst 
die Kais. Majestät auf Grund des Reichstagsausschreibens 
gebeten, den folgenden Bericht Uber Lehre und Kirchen¬ 
gebräuche in des Kurfürsten Landen anzuhören, wie vor 
Alters auch die früheren römischen Kaiser wie Constantinus, 
Theodosius, Carolus Magnus und Heinricus II. in Sachen 
der Religion und des Glaubens getan haben, und wie ja 
auch in Psalm 2 und 47 die Könige, Fürsten, Potentaten 
und Herren auf Erden ermahnt werden, Christus, das Evan¬ 
gelium zu hören, durch Erhaltung der rechten, reinen christ¬ 
lichen Lehre in der Kirche die Ehre Gottes und den wahren 
Gottesdienst zu mehren und als Beschützer der Erden die 
Frommen und Gottesfürchtigen zu schützen. Da nun die 
Kais. Majestät unter allen römischen Kaisern der gewaltigsten 
einer ist und von hochadliger, kaiserlicher Tugend, löblichem 


*) Am Rande von anderer (Kanzler Brücks?) Hand: sonderlich. 

*) Kolde, Die älteste Redaktion der Augsburger Konfession mit 
Melanchthons Einleitung zum erstenmal herausgegeben und geschichtlich 
gewürdigt. Gütersloh 1906. — Zur Bezeichnung der Einleitung als Sup¬ 
plikation vgl. jetzt: Wilh. Gussmann, Quellen und Forschungen zur 
Geschichte des Augsburg. Glaubensbekenntnisses 1911. I, 1 S. 431. 


Digitized by 


Go^ 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



258 


70 


Digitized by 


Gerücht and Namen and an Kahm den oben genannten 
Kaisern nicht nachsteht, wird sie dem kaiserlichen Aas¬ 
schreiben nach in Liebe and Güte eine Einigung herbei¬ 
zuführen trachten, auf daß alle Sachen der Religion aus der 
Schrift erforscht werden and nicht aas Menschensatzungen, 
altem Herkommen, Gebräuchen und Gewohnheiten, die in 
Sachen des Glaubens keine Berechtigung haben, wofür auf 
Augustinus und Gregorius verwiesen wird. 

Auch Na beginnt mit einer captatio benevolentiae, aber 
sie ist hier viel kräftiger und deutlicher als in Ja, indem 
vor allem die Milde und Güte betont wird, die die Kais. 
Majestät bisher gezeigt und auf die der Kurfürst nächst auf 
Gott seine höchste Hoffnung und Zuversicht setzt. Der 
Kaiser könne nichts Gott Angenehmeres noch Sich selbst 
Ehrenvolleres und Rühmlicheres tun, als seine Macht und 
Gewalt zur Einigung der Christenheit zu gebrauchen. Nun 
wird auch hier auf Theodosius, Karl den Großen und 
Heinrich H. (— Constantinus fehlt in Na! —) verwiesen und 
auf Psalm 2 und 47; ebenso folgt der Appell an die kaiser¬ 
lichen Tugenden und an seine Gewalt, dagegen findet sich 
die Warnung vor den Menschensatzungen mit dem Zitat aus 
Augustinus und Gregorius in Na nicht 

Ja geht nach der captatio benevolentiae zunächst auf 
die Mißbräuche ein, die sehr bald schon in der ältesten , 
christlichen Kirche eingerissen seien, wie mit den angeführten 
Stellen aus Augustinus und Gregorius sowie besonders durch 
den Hinweis auf Cyprianus und auf den Apostel Paulus be¬ 
wiesen wird. So seien der Mißbräuche in der Kirche immer 
mehr geworden, so daß bereits St. Bernhard darüber klagt 
und besorgt ist, daß aus ihnen schließlich der Greuel, davon 
Christus gesagt, erfolgen würde. So ermahnt auch Papst 
Innocenz HI. die Prälaten, nicht zuzulassen, daß die Leute 
in ihren Kirchen mit Erdichtungen und falschen Lehren be¬ 
trogen werden, „wie dann an vielen Orten urab Genieß oder 
Nutzes halben zu geschehen pflegte“. Ferner wird der Kaiser 
daran erinnert, wie auf dem Reichstage zu Worms mit seiner 
Zulassung eine Zusammenstellung von Mißbräuchen übergeben 
worden sei; und schließlich wird noch auf Hadrian VI. hin¬ 
gewiesen, der auf dem Reichstage zu Nürnberg (1522/23) 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



71 


259 


dnreh seinen eigenen Legaten Mißbräuche in der Kirche 
aufzeigen ließ und Abhilfe versprach. 

Als Zweek dieses ausführlichen Beweises wird angegeben, 
daß der Kaiser nun von niemandem überredet werden könne, 
als seien überhaupt gar keine Mißbräuche in der Kirche 
vorhanden! Für die Einzelheiten wird auf die später fol¬ 
gende „stückweise“ Behandlung dessen, was in des Kur¬ 
fürsten Landen gelehrt und gepredigt wird, verwiesen. 

ln Na fehlt der Abschnitt über die Entstehung und Ver¬ 
breitung der Mißbräuche in der Kirche. Dafür wird hier 
an dieser Stelle, bevor „die im Kurfürstentum gepredigte 
Lehre erörtert wird, gezeigt, daß der Kurfürst nicht aus 
bösem Vorsatz dieser neuen Lehre Vorschub und Beistand 
getan hat“ (Kolde a. a. 0. S. 36) nnd zu diesem Zwecke 
hier eine Verteidigung des Kurfürsten und seines Bruders 
Friedrichs des Weisen eingeschoben. 

In Ja wird nun die Ursache der neuen Lehre und der 
Abschaffung mißbräuchlicher Zeremonien in des Kurfürsten 
Landen besprochen: Wie jedermann sonderlich in deutscher 
Nation weiß, ist fast überall wenig von den Hauptstücken 
christlichen Glaubens gepredigt und gelehrt, vielmehr sind 
dem Volke viel schädliche und unnütze Lehren anstatt 
Gottes Wort vorgetragen worden; besonders von den Indnl- 
genzen ist ungöttlich und unschicklich vor dem Volke ge¬ 
redet worden. Da ist es denn nötig gewesen, die Leute 
hierüber christlich zu unterrichten, weil durch längeres 
Schweigen zu dieser Verführung des einfältigen Volkes die 
wahre christliche Religion in Verachtung gekommen wäre. 
Als sich nun aber etliche in ihrem Gewissen gedrungen 
fühlten, gegen dieses ungeschickte Predigen von den Indul- 
genzen aufzutreten, haben die Widersacher und ihre Anhänger 
ihre ungegründete und lästerliche Lehre durch Schrift und 
Wort zu verteidigen gesucht, ja, sie noch überboten, so daß 
man dagegen auf Grund der heiligen Schrift das Volk hat 
unterrichten müssen, wie man Gnade und Vergebung der 
Sünden erlangt. Nachdem man nun aber der gegnerischen 
Lehre auf den Grund gegangen war und die Wahrheit auf¬ 
gezeigt hatte, hat ganz von selbst ein Mißbrauch nach dem 
andern fallen müssen. Die Prälaten haben die falschen 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



260 


72 


Digitized by 


Prediger in ihrem Tan nicht gehindert nnd haben nicht 
gesehen, daß viele redliche nnd gelehrte Leute der rechten 
Lehre von der Gnade und Vergebung der Sünden zugestimrot 
und sie für christlich und gut gehalten haben. Die aber, 
denen Gott die Gnade des rechten Verständnisses göttlicher 
Schrift verliehen hat, konnten nicht stillte dazu schweigen 
und zulassen, daß das christliche Volk noch länger durch 
falsche Lehren verführt würde. Sie wären ja sonst (nach 
dem Urteile des Chrysostomus) selbst wie falsche Zeugen 
gewesen, wenn sie die erkannte Wahrheit verborgen gehalten 
hätten. Zum Schluß wird noch gegen die Beschuldigung 
der Widersacher, daß in den kurfürstlichen Landen alle gute 
Ordnung, Zeremonien und gottseligen, nützlichen Kirchen¬ 
bräuche dadurch zerrüttet und aufgehoben nnd die guten 
Werke verboten wären, auf die folgenden Berichte und 
Artikel der neuen Lehre verwiesen. 

In Na schließt sich der entsprechende Abschnitt Uber 
die Entstehung der neuen Lehre direkt an die oben er¬ 
wähnte Verteidigung des Kurfürsten an. Die neue Lehre 
sei nicht von ihm ausgegangen, „sondern von den vielen 
Frommen, die davon beschwert wurden, daß die christliche 
Lehre mit Menschensatzungen, unnützem Geschwätz und 
täglich sich mehrendem Mißbrauch unterdrückt und ver¬ 
finstert wurde, von der Buße aber und der uns nicht um 
unserer Genugtuung willen, sondern durch den Glauben an 
Christum gegebenen Gnade niemand etwas zu sagen wußte“ 
(Kolde, Die älteste Redaktion der Augsburger Konfession 
S. 36). Wie in Ja wird dann auch in Na die Predigt von 
den Indulgenzen als die eigentliche Ursache der Neuerungen 
angegeben, aber hier wird nun im Unterschiede von Ja das 
Auftreten Luthers, der in Ja sonderbarer Weise überhaupt 
nicht erwähnt wird, geschildert. Auch in Na wird am 
Schluß der Einleitung auf die Beschuldigung der Gegner 
eingegangen, daß in den kurfürstlichen Landen „alle Zere¬ 
monien abgeschafft und alle geistliche Ordnung zerrüttet“ 
(Kolde a. a. 0. S. 37) sei, hier werden aber die guten christ¬ 
lichen Zustände in Kirche und Schule viel ausführlicher als 
in Ja behandelt. 

Aus dieser Vergleichung von Ja mit Na erhellt deutlich, 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



73 


261 


daß beide trotz einzelner Abweichungen doch im Großen 
nnd Ganzen den gleichen Inhalt haben and ihn aach in der 
gleichen Anordnung bieten. Sie berühren sich aber an 
vielen Stellen auch im Ausdrucke und stimmen zum Teil 
wörtlich miteinander überein. Das möge die folgende Zu¬ 
sammenstellung zeigen, die übrigens nur die gleichen Aus¬ 
drücke an den sich entsprechenden Stellen berücksichtigen 
soll. Außerdem ist hierbei zu beachten, daß wie Na 1 ), so 
vielleicht auch Ja eine Übersetzung aus dem Lateinischen 
ist — wenn die Latinismen in Ja nicht einfach damit zu 
erklären sind, daß in einer Zeit, in der Latein geläufiger 
als Deutsch war, einem Deutsch schreibenden Verfasser ganz 
unwillkürlich lateinische Wendungen in die Feder kamen. 
Hätten wir beide Stücke im deutschen Originale, so würden 
die wörtlichen Übereinstimmungen vermutlich noch viel zahl¬ 
reicher und deutlicher sein. 

J a. 

So vermanet auch der 
hailig geist jm andern psalm 
die könig, fürsten, potentaten 
... dan also spricht der psalm, 

So seyt nhun klueg. 

Die fürsten vnter den Vol- 
ckem seind versamlet zu 
aynem volck dem Goth Abra¬ 
ham, wan sich die beschützer 
der erden zu Gott thun. 

So zaiget der prophet *) ahn, 
das dann die Recht Ehre 
Gottes . . . gemehret vnnd 
erhaldtenn wirdet. 

Darumb werden sie auch 
beschützer der Erdenn ge- 
nennet, das jnenn got auf¬ 
gelegt, die frommen vnd got- 
furchtigenn jnn trewlichem 
schuz vnnd schirm zu habenn. 


Na. 

. . . wie dan der heilig 
geist die fürsten furnemlich 
vermant, . . ., da er spricht 
im andern psalm, so seyt 
nun klug ir könig. 

Die fürsten der volcker 
versanden sich mit dem Gott 
Abraham, wenn die fürsten 
des lands sich zu got ver¬ 
sanden . . . 

mit diesen Worten will der 
prophetanzeigen, das gottes 
eer gefurdert werd. 

Darumb nennt er auch die 
fürsten . . . beschützer des 
lands, das si die fromen und 
gotsforchtigen sollen mit irer 
gewalt schützen und hand¬ 
haben. 


») Kolde a. a. 0. S. 32f. 43/44. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



262 


74 


Digitized by 


. . . was jn des Churfur- 
stenn za Sachssenn landen 
gelert . . . wirdet. 

haben die Widersacher . . » 
lesterliche lehre 

diweil man dadarch ge¬ 
drungen ist worden . . . 

vill redlicher vnnd gelerter 
leute diesem tail vnnd jrer 
lahr habenn zufalh gebenn. 

... als wurdenn alle gaete 
ordnungk, Cerimonien vnnd 
gotselige nützliche kirchenn- 
breache dodarch zarattet vnnd 
nydergelegt 

. . . dann diese lahr ist 
gar nicht dohin gericht! 


die leer . . ., die in dem 
chorfnrstentumb Sachsen ge- 
leret wirdt. 

aber seine Widersacher ... 
ließen viel lesterlicher bach¬ 
lein ausgeen. 

nicht dest minder wardt 
Luther gedrängen . . . 

and hetten vil fromer and 
gelerter leut ob seiner ant- 
wort ein gefallen. 

... als hetten wir alle 
ceremonias ernider gelegt und 
zaratten alle geistliche Ord¬ 
nung und Satzung. 

* dan dise leer nit dahin ge¬ 
richt ist . . . 


(Schluß folgt im nächsten Heft.) 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Aus den Zeiten des Interim. 

Briefaaszfige aas Nord* and Westdeutschland. 

Mitgeteilt von Walter Friedensburg. 

Die Jahre nach dem Schmalkaldischen Kriege bilden 
eine Prttfnngszeit für den deatschen Protestantismus. Bisher 
unter der Gunst der Umstände machtvoll emporgetragen, 
hatte dieser nun, nach schweren Niederlagen im Felde, zu 
bewähren was in ihm war, zu zeigen ob die Wurzeln, die 
er geschlagen, festhielten. Nicht ganz ohne Opfer ist der 
Protestantismus durch diese Periode hindurchgegangen, aber 
im großen und ganzen hat er die Probe, auf die das Geschick 
ihn stellte, bestanden, ja, aus Unglück und Not neue Kräfte 
gesogen. Mochte auch, von einer einzigen Stelle abgesehen 
der siegreiche Kaiser, der Vorkämpfer des Katholizismus 
im ganzen Umfang des deutschen Reichs keinem Widerstande 
begegnen, mochten Fürsten und Stadthäupter wetteifernd 
herbeieilen und seine Gnade anflehen, das Volk war nicht 
gemeint, vom Evangelium, das ihm längst lieb geworden 
und mit seinem ganzen Dasein innerlich verwachsen war, 
abzulassen. 

Die nachfolgenden Brief- und Zeitungsbruchstücke spiegeln 
diesen Verlauf wider. Sie zeigen, wie der Katholizismus, 
auf den Kaiser und dessen Erfolge gestützt, im Westen und 
Norden unseres Vaterlandes wieder Fuß zn fassen versucht, 
aber alsbald auf starken Widerstand stößt, an manchen Orten 
auch völlig abgelehnt wird. Wegen der Einzelheiten, die 
die an Ort und Stelle aus genauester Kenntnis abgefaßten 
Aufzeichnungen enthalten, sind ihre Schilderungen nicht ohne 
Wert. Die Namen der Verfasser wie der Adressaten sind 
unterdrückt; wir erkennen nur, daß beide Teile im katholischen 
Lager stehen. Vorgefunden haben sich die Stücke ab- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



264 


76 


Digitized by 


schriftlich oder auszttglich teils unter den Briefschaften des 
Kardinals Marcello Cervini in Florenz, teils in den Farnesischen 
Papieren in Neapel. 


1. Nachrichten ans Halberstadt: Wirken des Jnstns Jonas 
in Hildesheim. Die Altstadt und die Neustadt Hildesheim. 
Rückkehr Herzog Heinrichs von Wolfenbüttel in sein Land. Der 
vertriebene Erzbischof von Bremen und die Stadt Bremen. 
Markgraf Johann von Brandenburg bei Herzog Heinrich: 
Katholische Restaurationsbestrebungen des letzteren. Zahlungen 
der Diözesen Halberstadt und Magdeburg und der Stadt Halle 
an den Kaiser. 1547 August 16. 

Ex literis datis 16 augusti 1547 ex Halberstadio. 

ln civitate Hildensemensi adhuc magna pressura et 
oppressio cleri est; nam circa primum hujus Justus Jonas*), 
Lutheri incarnatus, ymo ipsius diaboli unigenitus, in collegiata 
ecclesia Sancte Crucis Hildensemensis incepit legere epistolas 
sancti Pauli ad Ephesios, et omnes monachi et clerici totius 
civitatis sub pena proscriptionis extra civitatem eorum per 
senatum Hildensemensem compulsi sunt violenter ad eandem 
lectionem auschultari. et per hoc constituitur eidem Jonae 
ibidem salarium a clericis; una ecclesia dat ei plus, altera 
minus et ecclesia Sancte Crucis coacta est ei 80 florenos 
polliceri annuatim pro eorum personis, et omnes clerici 
ibidem compulsi sunt per consulatum ad dandum consulatui 
vigesimum denarium omnium bonorum suorum mobilium 
et immobilium. 

Ante mensem vel circa omnes incolae novae civitatis 
Hildensemensis compulsi sunt senatui antiquae civitatis Hilden¬ 
semensis dare ex qualibet domo duorum florenorum con- 
tributionem; incolae autem novae civitatis nolebant dare. 
ideo incolae antiquae civitatis clauserunt ad 8 dies portas 
civitatis antique et coegerunt eos ne emerent cibos et alia 
victus necessaria, et proscripserunt eos extra eorum anti- 
quam civitatem. et sic compulsi vi cogebantur dare unum 
florenum ex qualibet domo senatui antiquae civitatis; sed 
alterum florenum pro qualibet domo addidit senatus novae 
civitatis. 

Henricus dux Brunswicensis cum mille equitibus 
rediit ad dominia sua unacum Carolo fllio primogenito. 

J ) Jonas war nach der Niederlage Johann Friedrichs vor dem 
Zorne Herzogs Moritz von Sachsen, mit dem er sich überworfen hatte, 
aus Halle, wo er Prediger war, gefluchtet; bis Februar 1548 wirkte 
er in Hildesheim. 


Go 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



77 


265 


Philippnm, alternm filium, dimisit apud imperatorem. et 
iterum occupavit omnia dominia sna etiam attinentia ad 
diocesim Bildensemensem. omnia possidet, quasi nunquam 
profngatns fuisset, et hodie est in Wulffenbuttell, principali 
Castro docatns sui. 

Cives Brunswicenses vendunt ei cerevisiam et panes et 
omnia necessaria. 

R ma * d. archiepiscopns Bremensis *) est per Bremensern 
civitatem profugatus non solnm extra diocesim Bremensern, 
sed etiam Verdensera, et ipsi Bremenses occupant vi ambas 
dioceses. dicitnr qnod idem Henricns dux fratrem suum 
archiepiscopnm ex commissione imperatoris nunc velit restituere 
et nomine imperatoris civitatem Bremensern iterum obsidere. 
et dicitnr quod Sna Cesarea Majestas iterum mittet ad dictnm 
Henricum 3000 eqnitnm pro obsidione Bremen, et heri ac 
hodie fuit hic rnmor quod Bremen jam sit iterum obsessum, 
de quo tarnen non est certitudo. 

111“®* princeps Johannes marchio Brandeburgensis, frater 
electoris, gener ejusdem dncis Brunswicensis 2 ), venit cum 
eodem duce, qui, ut dicitnr, est commissarius imperatoris, et 
die veneris 12 hujus intravit Brunswicensem civitatem, ubi 
etiam nti princeps est acceptatus honorifice, et agit quotidie 
cum Brunswicensi civitate super restitutione damnorum 
per ducem passorum, et speratur quod sit spes concordie. 

Idem dnx Henricns jam restituit omnes monachos et 
moniales e snis terris profugatos et facit per eos divina juxta 
morem sancte Romane ecclesie resumi, et restitui facit illis 
bona eornm antea in absentia sna per Lutberanos illis vi 
ablata, et nndiqno facit colligi fratres ad sna monasteria 
desolata. et debet dixisse, etiam si 2000 fratres venirent, 
illos in suo dominio velit colligere. et colligit predicatores 
catbolicos, qni in terris suis predicent et inducant populum 
ad verum antiquum catholicum ordinem. 

Hic in Halberstadt adhuc sumus absque capite et 
epmcopo, et etiam in diocesi Magdeburgensi 8 ). 

Hec nostra diocesis Halberstadensis dedit noviter impera- 
tori viginti millia florenorum, et Magdeburgensis diocesis 
dat qnadraginta millia flor.; oppidum Halle Magdeburgensis 
dioc. dat qnindecim millia flor. 

Neapel, Grande Archivio Carte Farnesiane Fase. 744, gleichzeitige 
Abschrift. 


*) Christoph, Bruder Herzog Heinrichs von Braunschweig- 
Wolffenbüttel, Erzb. von Bremen 1511—1558, zugleich Bischof von 
Verden (seit 1502). 

*) Johann war seit 1537 mit Katharina, Tochter Herzog Heinrichs, 
vermählt. 

*) Bischof von Halberstadt und Erzbischof von Magdeburg war 
Johann Albrecht von Brandenburg. 


Digitizeit by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



266 


78 


Digitized by 


2. Nachrichten aas Bremen: Dänemark erstrebt Frieden 
mit dem Kaiser, die verheirateten Bischöfe treten znrlick. 
Der Erzbischof von Bremen ist mit dem Kapitel versöhnt. 
Kaiser verlangt Wiedereinsetzung der alten Hierarchie in Däne¬ 
mark. Oldenburg nimmt das Interim an; andererseits Wider¬ 
stände gegen den Kaiser and das Interim bei den nord¬ 
deutschen Städten. 1548 Dezember 11. 

Ex civitate Bremensi 1548 dec. 11. 

Fernnt regem Datie 1 ) conditiones pacis a Caesarea 
Majestate oblatas acceptare veile et civitatem Hamburgensem 
partes regis tenere nec Caesarem bello provocare aut ad 
regnum Dati elicere. episcopi certi regni Datie uxorati 
episcopatus ad manus capituli resignaverunt in favorem 
quorundam catholicorum canonicorum, nepotum et amicorum 
ipsorum, timentes exitum rei. cautiores facti exemplo 
villici iniquitatis 2 ) episcopatus amicis dimittent, ut uxores 
retineant. 

R mtu et Ill mu8 dominus archiepiscopus Bremensis tandem 
pacem cum suo capitulo, nobilibus ac civitate confecit, per 
Caesaream Majestatem confirmandam et approbandam, et ad 
omnia castra et dominia sua integre restituetur hic in diocesi 
Bremensi, prout in Verdensi restitutus est, laus Deo! 

Ferunt Caesaream Majestatem requisivisse Danorum 
regem ut archiepiscopatus et episcopatus, abbatias et monas- 
teria restitnat reedificetque, et ideo in ducatu Holtsatie ac 
regno Datie dietas binas generales observatas esse; quid fiet, 
videbimus. 

Item comes Oldenburgensis 8 ) illudInterim in suis comi- 
tatibus acceptari ubique mandavit isto mense preterito, sub 
penis corporis et bonorum, dicitur tarnen a multis, presertim 
a mercatoribus, quod multe civitates Saxoniae et marittime 
septentrionales unacum quibusdam principibus, etiam regibus, 
novum foedns inierunt de non acceptando illo Interim, quod- 
que legationem ad Caesarem mittent pro obtinenda sua 
intentione, aiioqui velint se, ut melius possint, defendere. 

Neapel, Grande Archivio Carte Farnesiane fase. 737, gleichzeitige 
Abschrift. 

3. Nachrichten aus Speier: Wiederherstellung des Reichs¬ 
kammergerichts unter dem Bischof von Speier; Austreibung 

>) Christian in 1533-1559. 

2 ) So! 

8 ) Vgl. von Drussei, Briefe und Acten in (Beiträge zur Beichs- 
geschichte 1546—1552) S. 148. (Graf Anton von Oldenburg erklärt 
1518 September 24, er will nach Möglichkeit das Interim beobachten.) 


Go 'gle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



79 


267 


genannter Prokoratoren. Katholische Restauration im Württem- 
bergischen und Kurpfälzischen. 1548 Dezember 23. 

Ex Spira 1548 dec. 23. 

R m " 8 dominus mens episcopus Spirensis 1 ) est supremus 
commissarius Iudicii Camerae Imperialis, quod de novo fuit 
ordinatum prima die octobris 1548, deputatis personis 24, 
additis decem assessoribus, qui adjuvent illas 24 personas; 
sunt igitur simul 34, qui prestiterunt eidem R m0 domino 
episcopo Spirensi prima octobris nomine Caesareae Majestätis 
juramentum. 

Et dicta die prima octobris fuit etiam solemniter cantata 
missa de spiritu sancto et finita missa te deum laudamus 
decantatura. 

Deinde quinta octobris procuratores ejusdem Iudicii 
Camere Imperialis prestiterunt suum juramentum, attamen 
quidam eorum fuerunt exclusi, qui nunquam debebant in 
Iudicio Imperiali advocare aut procurare, videlicet doctor 
Helffman, doctor Engelhart, doctor Hoes et licentiatus Maji. 

Ex aliis litteris. 

In ducatu Wirtenbergensi continuatur ordinatio et 
restitutio antiquae religionis, deficientibus presbiteris catho- 
licis, qui undique solicitantur et apud capitula Spirense et 
Wormatiense ac ex aliis locis. 

Similiter Ill mU8 princeps elector Palatinus 2 ) mandavit in 
suis ditionibus antiquam catholicam religionem restitui di- 
missis lutheranis concionatoribus. 

Neapel, Grande Archivio Carte Fornesiane fase. 737, gleichzeitige 
Abschrift. 

4. Nachrichten aus Hildesheim betreffend den Stand der 
kirchlichen Dinge in Stadt und Bistum und in der Nach¬ 
barschaft, den Streit Herzog Heinrichs d. J. mit den Städten 
Braunschweig und Goslar, Brände in Einbeck, Tod der 
Landgräfin von Hessen, Kirchliches im Kurfürstentum Sachsen, 
in den sächsischen Herzogtümern, in Stadt und Bistum 
Merseburg. 1549 Mai 2. 

Ex civitate Hildensemensi 2 maji 1549. 

Nostra civitas Hildensemensis manet indurata, neque 
scitur ubi pro nunc sit noster episcopus 3 ), longa defatigatione 
et cura curisque exhaustus, neque in ea civitate acceptarunt 
Interim. 


J ) Philipp von Flörsheim 1529—1552. 

*) Friedrich II, Knrfürst von 1544—1556. 
3 ) Valentin von Teutleben 1537—1551. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



268 


80 


Digitized by 


* Tarnen post tot annos atqne mandata Caesarea Rer. d. 
abbas sancti Godehardi ad sanm monasterinm in civitate 
Hildensemensi restitntus est nnacnm fratribns suis et ad 
omnia bona ipsius raonasterii, initis tarnen concordia et pactis 
cum senatu Hildensemensi, inter que est unum, quod divina 
et cerimonias juxta ritum catholice ecclesie peragere possunt 
clausis januis, veluti faciunt. 

Simili modo restituti sunt canonici collegiate ecclesie 
Sancte Crucis Hildensemensis, de qua restitutione concionatores 
Lutherani in eadem civitate furiunt et blaterant ex suggestu; 
ymo claraant monacbos et canonicos esse omnino necandos 
et e medio submovendos. 

In locis nostris circumvicinis omnia peraguntur Luthe- 
ranornm more, nbi potius Lutheranismus augetur, et nullibi 
acceptatum est illud Interim. 

Ulmns ,1 Henricus dux Brunswicensis adhuc est in magna 
discordia cum civitatibus Brunswicensi et Goslariensi; 
sed istis diebus elapsis fuit in tractatu cum eisdem civitatibus 
et fuerunt mediatores pacisque tractatores principes et pre- 
cipui ex senatibus civitatum Lubicensis et Luneburgensis; 
qui licet valde laboraverint et per plures dies tractaverint, 
tarnen nihil effectum fuit, quinymo omnis labor perditus est, 
ideoque negotium istud videtur esse in majori periculo quam 
hactenus. hinc Brunswicenses cives alunt in corum civitate 
400 equites, collecturi plures. contra dux cogitat quo pacto 
possit eorum insultibus resistere, ideoque et ipse müitem 
colligit. et si ad arma deventnm fuerit, erimus in maximo 
discrimine etiam in hac civitate Hildensemensi ob malos 
concionatores civesque. 

Oppidum Eimbicense ante aliquot annos miraculose 
quasi exustum, cum deriderent sanctos, iterum pro medietate 
exustum est et eque obstinati man ent in eorum Lutheranismo. 
ubique sunt pericula nihilque curantur, adeo viget obstinatio. 

Item uxor lantgravii Hassie, filia bo. me. ducis Saxonie 
Georgii catholici, mortua est et in vigilia pasche sepulta 1 ). 

In dominiis electoris Saxonie ducis Mauritii omnia 
aguntur Lutheranorum more, ubi tumultuantur tarn nobiles 
quam plebei et rustici, diciturque quod dux non sit admo- 
dum in Caesaris gratia, nec sciatur ubi nunc sit idem dux. 

Filii ducis captivi, olim electoris, Saxonie 2 ) vivunt suo 
more et permiserunt quod subiditi eorum invaserunt depre- 
dantes dominia civitatis Erfurdensis, que Caesari obediens 


*) Christine, geh. 1506, vermählt 1523, gest. 15. April 1549. 

*) Johann Friedrich der Mittlere, Johann Wilhelm, Johann Ernst 
und Johann Friedrich der Jüngere, die Söhne des abgesetzten und 
gefangenen Kurfürsten Johann Friedrich. 


Go 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




81 


269 


«sty licet Lutherana, sed nun quam adhesit conjurationi Smal- 
«aldiane neque clerum expulit miuüsque spoliavit, nisi tan- 
tum in jurisdictione ecclesiastica. 

In’civitate et ecclesia Merseburgensi adhuc omnia pera- 
guntur Lutheranorum more et canonici pro majori parte 
duxerunt uxores, qui omnes sunt Lutherani effecti ; et indies 
magis deficiunt a catholica religione. nostri araici, domini 
Joachim a Latorff 1 ) et doctor Joannes Horneburg, Merse- 
burgenses canonici, constantissime perseverant in catholico 
ritu et sese opponunt Lutheranis quantum possunt. et dicitur 
quod sub finem hujus mensis maji celebrabitur aliud capi- 
tulum ad eligendum episcopum juxta commissionem Caesaree 
Majestatis in personam R. d. suffraganei Maguntinensis, si 
Lutherani canonici non impediunt, sicut jam per plures annos 
fecerunt 2 ). 

Florenz, Archivio di St&to Carte Cemniane filza 28 fol. 101 a bis 
102Abschrift. 

5. Nachrichten aus Halle, betreffend die unentwegt 
lutherische Haltung der Stadt Magdeburg und die an¬ 
scheinende Unmöglichkeit einer Restitution des Katholizismus 
dort! Die kaiserliche Acht scheint wirkungslos zu bleiben. 
Der Erzbischof ist seiner Güter beraubt und führt krank 
ein elendes Dasein. 1549 Mai 17. 

Ex oppido Haitis Magdeburgensis dioc. de dat. 17.maji 1549. 

Status hujus nostre patrie est infelicissimus et indies 
magis augetur suppressio ecclesiasticorum magisque in- 
saniunt nostri cives Magdeburgenses in sacram catholicam 
religionem. quo fit ut plures, qui meliora sperabant, retra- 
hantur ab resipiscentia. frustra post Gaesaris victoriam 
biennio jam actum est et solicitatum pro restitutione, quae 
etiam debite nunc minime fieri posset; nam fundi et bona 
ecclesiastica sunt alienata ecclesieque pro majori parte, 
domus curieque ecclesiasticarum personarum everse, usurpate 
et alienate, adeo quod, etiamsi ipsi latrones cives Magde¬ 
burgenses permittere vellent restitutionem fieri, non esset in 
eorum potestate minusque damüa resarcire possent. et casu 
quod restitutio fieret, non reperiuntur catholici religiosi neque 

*) Ein Joachim von Latorff erscheint 1520 als Havelberger Dom¬ 
herr; die ans dem Anhaitischen stammende Familie war außerdem im 
Brandenburgischen nud den Gebieten der heutigen Provinz Sachsen 
angesessen. 

*) Im Bistnm Merseburg hatte Herzog August von Sachsen die 
Administration, die er seit 1544 versah, im Oktober 1548 niedergelegt. 
Kandidat der katholischen Partei war Michael Helding, Weihbischof 
von Mainz. 

ArehiT für Beformationageichichte. IX. 3 . 18 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



270 


82 


Digitized by 


presbyteri secnlares, nt cathoiica religio de novo instituatur. 
interim boni successive interiemnt et indies morinntnr, desti- 
tnti omni spe post tarn longam moram admissam in defen- 
sione religionis nostre catholice, et si qni (panci licet) 
restant Catbolici, defatigantnr in solicitationibns et qnerelis 
suis ac impensis. quid erit sperandum, nisi solns Dens in 
melins provideat? 

De restitutione R“ 1 et 111“ 1 domini nostri archiepiscopi 
Magdebnrgensis parnm gloriari valeo, quia nnnqnam sne 
ecclesie Magdebnrgensis possessionem habnit et maxima pars 
dominiorum snornm, nnde vivere et statnm intertenere deberet,. 
occnpatnr per civitatem et consnlatnm Magdeburgen[semj 
preter omnem rationem et jus. vilipendunt etiam imperatorem 
nec hic in propinquo principes, comites, barones et nobiles 
Caesaris edictnmexequi andent. nam ipsi Magdeburgenses 
sunt adeo feroces qnod cnnctos terreant cum comminatione 
quod velint eoruin dominia auferre et subvertere. jactitant 
se habere maximam confederationem et snbsidia; sed spero 
ex illornm desperatione hanc spem potins esse confictam. 

Preterea de valetudine ejusdem R mi et gratiosissimi domini 
nostri archiepiscopi Magdebnrgensis nihil boni scribere valeo. 
ultra qnasvis tribnlationes et sne Magdebnrgensis ecclesie 
spolia gravi cruris infirmitate continne detinetur nec deXtrum 
pedem curvare potest, sed simpliciter extensnm intertenere 
cogitnr. et cirurgicnm habet, qni morbnm incnrabilem dicit, 
et nullibi ire potest nisi portetnr. parnm qniescit et noctes 
insomnes dncit misera vita principis hnjns! nam bonis 
spoliatns corpore qnoqne affligitur absque intermissione. hoe 
spolinm triennio jam elapso duravit, preterea qnod clerns in 
hac regione martirinm suffert. Dens concedat nobis melioral 

Florenz, Arch. di Stato, Carte Cerviniane filza 28 fol. 102“*>, 
Abschrift. 

6. Briefauszng aus Worms- betreffend Kirchliches ans 
Heidelberg, Frankfurt und Straßbnrg, wo überall das Luther¬ 
tum sich behauptet; kirchliche Zugeständnisse erscheinen 
unabwendbar. 1549 Mai 18. 

Ex literis de dat. Wormatie 18 maji 1549. 

Palatinum conjugemque 2 ) ejus andivi hoc paschate sub 
nna tantum specie communicasse, major antem pars auli- 
corum sumpserunt in pago Heydelberge vicino ntramque 
speciem. 


0 Das am 27. Juli 1547 erlassene kaiserliche Achtsdekret. 

*) Dorothea, Tochter K. Christians II. von Dänemark, vermählt 
1532, gestorben 1580. 


Gck igle 


Original from 

UNIVERS1TY OF MICHIGAN 



83 


271 


Venerabile sacramentnm aliquot diebus post illius 1 ) 
canonicos Heydelbergenses in ecclesiam S. Spiritus remi- 
gravit ut autem non omnino consentirent catbolice ecclesie 
et viderentur aliqnid plus sapere, adposnernnt argenteum 
vasculum, in qno sanguis Christi per eos consecratus nna 
cum bostiis conservatur, nt infirmi qni petunt in promptn 
habeant utramque speciem, quod est in ecclesia prohibitum 
et credo neminem hereticornm antea vel fecisse vel cogitasse. 
dicunt tarnen nullo infirmo petente sacerdotes de bidno in 
bidunm sumere, ne acescat. 

Frankfordienses babent sex concionatores hereticos et 
unum solum catholicum, ovem inter lupos, quem pauci 
audiunt et omnes rident, licet vir sit valde doctus et probus. 
nuper quidam ex illis ita induxit evangelium 2 ): ,modicum 
et non videbitis me et iternm modicnm et videbitis me etc.‘: 
„nonue dixi vobis semper evangelii persecutionem non diu 
duraturam vosque bono animo esse debere? quod nunc iterum 
dico, quia brevi aut imperator erit fautor evangelii aut 
morietnr, quia etiam est mortalis, et in modico tempore libere 
per totum mundum predicabitur evangelium!“ 

Argentinenses omnes concionatores ex oppidulis, qne 
imperatori resistere non possunt, profugos benigne excipiunt 
et favent. nulla adhuc ibi missa est celebrata aut höre 
decantate; in anla tarnen imperatoris de illis dicitnr quod 
acceptayerunt illud Interim. 

Et in snmma omnia sunt pejora prioribus, et nisi per 
concilium aut pontificem et imperatorem super communioqe 
utriusque speciei et pretenso sacerdotnm conjugio, item qui 
debeant ad concionandum adraitti, declaratio et determinatio 
facta fuerit, frustra celebramus synodos, frustra nos refor- 
mamus, et timendus est ingens . . .*) tumultns aut universalis 
ruina Germanie. 

Hec sunt que post nuperrime scriptas ad R. 111. D. V. 
literas audivi. ex his reliqua atque adeo universus Status 
noster-facile colligi possunt. 

Florenz, Arch. di Stato, Carte Cerriniane fase. 28 fol. 100«, 
gleichzeitige Abschrift 

7. Nachrichten aus Mainz Uber den Besuch des dortigen 
Provinzialkonzils. 1549 Mai 24. 

Ex Moguntia de dat. 24 maji 1549. 

Fuit hic celebrata synodus provincialis, que fuit incepta 
6 hujus et finita et publicata hodie, soilicet 24 maji. nullns 

*) So! Es ist wohl etwas ausgefallen (vieUeicht: jussu per). 

*) Evang. Joh. 16 V. 16. 

*) Durch einen Riß im Papier der Vorlage ist ein Wort ausgefallen. 

18 * 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



272 


84 


Digitized by 


episcoporum snffraganeormn personaliter comparnit preter 
R mum episcopnm Eistetensem J ), qni. adfuit. alii comparnernnt 
per eornm nnncios; etiam R mu8 et Ill mu8 dominus Joannes 
Albertas archiepiscopns Magdeburgensis misit snos oratores 
ratione sne ecclesie Halberstadensis, et episcopns Hildense- 
mensis in termis 3 ) existens misit snos; sed archiepiscopns 
Bremensis ratione sne ecclesie Yerdensis et episcopns .. .*) 
neminem misernnt, qnod archiepiscopns Magnntinensis valde 
egre tulit. 

Florenz, Arch. di Stato, Carte. Cerviniane fase. 28 foL 100 a , 
gleichzeitige Abschrift. 

8. Briefanszug ans Osnabrück: Werbungen. Annahme 
des Interim and katholische Haltung im Westfälischen. 
Wirren in Minden. Bremen und der Kaiser. 1549 Mai 26. 

Ex literis de dat ex Osnabnrgis in Westphalia 26majil549. 

Colliguntur in locis vicinis milites, presertim equites, 
qni proficiscuntur versus Brabantiam, nbi lnstrabnntnr; dicitnr 
qnod sint in favorem regis Angliae. dnbitatnr tarnen ne 
sint in alinm usum. 

Aliquot oppida vicina, presertim HervordiaetLemega 4 ), 
acceptarunt illud Interim, nostri cives Osnaburgenses 
obedinnt mandatis R mi domini nostri episcopi qnoad Ordi¬ 
nation em veteris religionis; qnidam antem morinntnr absqne 
sacramento encharistie, quando illud sab ntraque specie 
consequi non possnnt. si episcopns noster vellet consentire 
tantnm qnoad commnnionem snb ntraque spetie juxta tenorem 
Interim, Lntherani hic essent qnietiores; nam de matrimonio 
ecclesia8ticornm hic non curatur. 

Monasterienses tarn in civitate qnam tota diocesi vivunt 
juxta antiquum ritnm catholice ecclesie; similiter in diocesi 
Mindensi; sed in urbe Mindensi senatus nondum potest ple- 
bem compescere. ideo R mns dominus noster episcopns coge- 
tur armis agere contra eosdem. verum timende sunt civi- 
tates vicine adhuc valde potentes, ideo episcopns noster 
non potest absqne periculo solns rem aggredi. speramns 
qnod Deus et tempns moderabuntur mnlta, presertim si 
Bremensis civitas acceptaret Interim, ad qnam respicit civi- 
tas Mindensis. existimatnr antem, nti mnssitatnr, qnod ante 
festum nativitalis sancti Johannis Baptiste erit alia rerum 


*) Moritz von Haften 1539—1552. 

2 ) D. i.: thermis (im Bade). 

*) Der größte Teil des Wortes ist durch einen Riß im Papier 
zerstört. 

4 ) Herford ond Lemgo. 

6 ) Franz Graf von Waldeck 1532—1553, gleichzeitig auch Bischof 
von Münster. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



85 


273 


facies; nam forsann Caesar aliquid stataet contra Bremenses, 
qui tarnen cnpinnt gratiam Caesaris; sed pecuniam, quam 
Caesar ab eis postnlat, non possnnt, etiam si vellent, 
nnmerare, cum non sit in eornm potestate. existimant non- 
nnlli quod Caesar ideo tarn magnam pecnniae snmmam ab 
ipsis exigat, ne iacile oonsequantur ipsins gratiam ob longam 
eornm inobedientiam. 

Florenz, Arch. di Stato, * Carte Cerviniane filza 28 fol. 101», 
gleichzeitige Abschrift. 


Digitized by 


Gck 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Digitized by 


Earlstadt in Tirol? 

Von H. Böhmer. 

Am 3. Oktober 1525 starb der Fürstbischof Sebastian 
von Brixen. Das Kapitel ordnete sofort eine Neuwahl an. 
Aber einer der Kapitelsherren, Ludwig von Emaushofen, 
Pfarrer und Spitalsverwalter zu Clausen, erklärte am 
10. Oktober, in einem an Franz Anton Sinnacher, Beiträge 
zur Geschichte der bischöflichen Kirche Säben und Brixen 
in Tirol 1830 Bd. 7 S. 246 f. aus dem Archiv des Brixen er 
Hochstiftes mitgeteilten Briefe: er könne zu dem anberaumten 
Termine (21. Oktober) nicht in Brixen erscheinen, weil ihm 
durch die Knappen der Villander Erzgruben zurzeit so 
viele Schwierigkeiten bereitet würden. ‘Concionatorem Carolo¬ 
st adium hominem nefandissimum variis locis et nuper ex 
Lüsen pulsum in predicatorem quantumcumque mereluctante 
acceperunt.’ Ist das wahr? Hat Karlstadt wirklich im 
Herbst 1525 versucht, in dem abgelegenen Luisentale 
nordöstlich vom Neustift sich festzusetzeu, und ist er wirklich 
danach auch an dem 10. Oktober von den Villander Knappen 
in Clausen zum Prediger gewählt worden? Johann von Kripp*) 
und Loserth 2 ) haben diese Frage ohne weiteres bejaht, ja 
Kripp scheint Karlstadt mit dem ungenannten Prädikanten 
identifizieren zu wollen, der mit Michael Gaisimaier im 
Juli 1525 nach Brixen kam und dort nach dem Bericht des 
Domprobstes nichts als Aufruhr und Empörung, nach anderen 
Berichten in und um Brixen auf den Dörfern, hierauf zu 


x ) Ein Beitrag zur Geschichte der Wiedertäufer in Tirol, 
Programm des Staatsgymnasiums in Insbruck 1857 S. 27. 

*) Der Anabaptismus in Tirol, Archiv ftir Österreich. Gesch. 78 
(1892) S. 447 f. 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



87 


275 


Sterzmg und Meran „viel lutherischer und ketzerischer 
Lehren“ gepredigt haben soll. Bargn sind diese An¬ 
gaben entgangen. Sonst hätte er sioher dazu Stellung 
genommen. Holen wir dies nach, indem wir fragen, ist ein 
Abstecher Karlstadts nach Tirol im Herbst 1525 wahr¬ 
scheinlich oder auch nur denkbar. 

Am 12. Juni 1525 befand sich Karlstadt nachweislich 
in Frankfurt am Main. Von hieraus schrieb er an Luther 
den bekannten demütigen Entschuldigungsbrief mit der 
dringenden Bitte, ihm bei dem Kurfürsten die Erlaubnis zur 
Rückkehr nach Sachsen zu erwirken, vgl Enders Luthers 
Briefwechsel m. 946, 5 S. 193. Zur selben Zeit schickte 
er seine Frau nach Sachsen zurück. Am 26. Juni weilte 
diese in 4er Nähe von Wittenberg — wohl in Segrehna bei 
ihren Verwandten, vgl. Melanchthon an Camerarius C i. R 1, 
S. 751. 

Am 25. Juli faßte Karlstadt selbst seine „Erklärung“ 
auf, „wie Karlstat sein lere von dem hochwirdigen Sacrament 
und andere achtet und geacht haben wil“, ygl. Bargn 2 
S. 366 f. Vor dem 12. September war er schon in die Nähe 
yon Wittenberg ttbergesiedelt, ygl. Enders m. 976, 5 S. 239, 
Bargn 2 S. 580. Am 12. September verwandte sich Luther 
für ihn bei dem Kurfürsten, ygl de Welte 3 S. 28 t Am 
17. September antwortete der Kurfürst auf dies Bittgesuch, 
Enders 979, 5 S. 241 ff. Am 9. Oktober, also einen Tag 
vor dem Datum des Berichtes des Clausener Pfarrers, über¬ 
sandte Karlstadt von Segrehna aus dem Kurfürsten seinen 
inzwischen in Wittenberg bei Grünenberg mit einer Vorrede 
Luthers gedruckten Widerruf, ygl. Bargn 2 S. 581. Hieraus 
ergibt sich zur Genüge: Karlstadt ist im Herbst 1525 sicher 
nicht in Tirol gewesen. Aber wie konnte Ludwig von 
Emaushofen dann so etwas behaupten? Vielleicht ist er 
von den Villander Knappen mistifiziert worden oder was 
mir noch wahrscheinlicher dünkt, Sinnacher hat den be¬ 
treffenden Passus in dem ihm anliegenden Buche, der in 
seiner Wiedergabe auch sonst einen verdächtigen Eindruck 
macht (concionatorem Carolostadium — in predicatorem 
ucceperunt), falsch gelesen. Jedenfalls haben wir keinen 
Anlaß, die sicheren chronologischen Angaben, die sich aus 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



('276 


~88 


Digitized by 


den ’ oben! angeführten * echten Urkunden ' über Karlstadts 
• ^Reisegeschichte“ ergeben, zu bezweifeln. 

Im Anschlüsse hieran noch zwei nebensächliche Be¬ 
merkungen zu Karlstadts Lebensgeschichte: 

1. Im August 1526 schreibt Luther an Johann Brismann 
nach Königsberg, Enders.5 S. 226 m. 969: ‘Scripsi äniea 
de Martino Cellario et num latiur ad principem. Adelbertum, 
simul de oeremoniis instituendis. Ideo brevissime nunc 
tecum agö tot scribendis obrutus. Si Carlstadii Tel Zwinglii 
venenura de sacramento ad tos pervenerit, rite, ut Tigiles. 
Fuit homo miser apud me clauculo seryatus.. Nunc 
totus Trbis ei angustus est: ita ubique petitur, ut ab hoste 
cöactus sit petere praesidium. Tractavi hominem quantum 
potuo humaniter atque juvi, sed sensu suo non cedit etiam 
comictur, nt solet hoc genus spiritnm. Tu ergo' care eum 
et dogma ejuo. Ego inveni omnia Tera esse in ipso, in hac 
re praesertim.’ Das Original dieses Briefes ist leider ver¬ 
schollen. Es ist also möglich, daß der Text Schaden gelitten 
hat, möglich aber auch, daß die große Eilfertigkeit, mit der 
Luther geschrieben hat, die große Unklarheit erklärt, die 
den zitierten Versen anhaftet. Der Passus Fuit homo 
bezieht sich nach dem Zusammenhänge auf Zwingli. Die 
Schlußsätze scheinen dagegen auf Cellarius zu gehen, der 
im Juni schon in Königsberg angekommen war, vgl. ebd. S. 191 
m. 944. Daß Luther Zwingli nicht gemeint haben kann, ist 
klar. Aber auch Cellarius ist ausgeschlossen, wie Kawerau, 
Kößlin-Cawerau 1 6 S. 795 Anm. 2, gezeigt hat Denn Cellarius 
war Ton Württemberg oder der Schweiz Uber Österreich, 
Polen, Danzig damals nach Königsberg gekommen. Es bleibt 
also, trotzdem der Wortlaut diese Deutung eigentlich rer- 
bietet, nichts anders übrig, als seine Angaben auf C.arlstadt 
zu beziehen, 

2. Nach einer mir handschriftlich vorliegenden Notiz 
aus Beershemius, Ostfriesiches Predigerdenkmal, Aurich 1774, 
S. 49, hätte Carlstadt 1529/30 nahe bei Marienhafn in Ost¬ 
friesland zeitweise ein Landgut besessen. Ob das wahr ist, 
yermag ich nicht zu entscheiden. 


Gck igle 


Original frorn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Georg Motschidler, ein neuentdeckter 
Flugschriftenverfasser. 

Von O. Clemen. 

In der Zeitschrift für deutsche Philologie 37, S. 66—113 
hat Alfred Götze unter dem Titel: „Urban Rhegius als 
Satiriker“ auf Grund scharfsinniger sprachlicher Untei'- 
suchungen folgende Flugschriften dem Augsburger Reformator 
zugewiesen: Klag und Antwort von lutherischen und päpst- 
ischen Pfaffen über die Regensburger Reformation (= Schade, 
Satiren und Pasquille aus der Reformationszeit III Nr. VII 
= Panzer, Annalen Nr. 2438), Weggespräch geh Regensburg zu 
ins Konzilium zwischen einem Bischof, Hurenwirt und 
seinem Knecht Kunz (= Schade IH Nr. VIII = Panzer 
Nr. 2941 und Weller, Repertorium typographicum Nr. 3677), 
Gespräch zwischen einem Edelmann, Mönch und Kurtisan 
Schade HI Nr. V = Weller Nr. 3372, andere Ausgabe 
•Weller Nr. 3373 [Gymnasialbibliothek zu Hirschberg i. Schl.]), 
Unterred des Papstes und seiner Kardinäle (= Schade IH 
Nr. IV = Panzer Nr. 2937 [Dessau]), Gespräch zwischen 
einem Barfüßermönch und einem Löffelmacher (= Weller 
Nr. 1776 *), andere Ausgabe Weller Suppl. 1 Nr. 190 [Hirsch¬ 
berg i. Schl.]), Gedicht vom Almosen (Weller Nr. 1308 f., 
1313f. und S. 455; der von Götze benutzte Druck ist Weller 
Nr. 1313). Ferner hat Götze die Deutung der Pseudonyme 
Simon Hessus und Henricus Phoeniceus auf Urbanus Rhegius 
und die Zuweisung des Dialogs zwischen Kunz und Fritz 
an ihn bestätigt. In der Zeitschrift des Historischen Vereins 
für Niedersachsen 1905, S. 74 f. erschien alsbald eine kurze 
Besprechung der Götzeschen Abhandlung von K. M., in der 

l ) Den hübschen Titelholzschnitt schreibt Röttinger Jörg Breu 
zu. Vgl. Frankfurter Bücherfreund, Mitteilungen aus dem Antiquariate 
von Joseph Bär & Go. .8. Jhrg. 1910 Nr. 4, S. 107 Nr. 8624; S. 110 ist 
der Titel der Flugschrift reproduziert. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



278 


90 


Digitized by 


gegen diese Zuweisungen leise Bedenken geäußert wurden. 
Inbesondere machte der Rezensent darauf aufmerksam, daß 
in den von Götze für Urban Rhegius in Anspruch genom¬ 
menen Flugschriften Schade III Nr. V und IV wiederholt 
der Wahlspruch: „Es ist assun(n)“, einmal mit den hinzu- 
gefugten Initialen „J. M. u , begegnet 1 ). Nun gebe es aus 
späterer Zeit eine Schrift mit der ganz ähnlichen Unter¬ 
schrift: „Es ist assun. G. M.“; als Verfasser nenne sich der 
Wittenberger Bttchsenmeister Georg Motschidler. Also werde 
wohl auch in der Unterschrift des „Gesprächs zwischen 
einem Edelmann, Mönch und Kurtisan“ J. M. der Verfasser 
Jörg Motschidler stecken und dieser als der Verfasser des 
„Gesprächs“ und der „Unterred“ anzunehmen sein. 

Nach längerem Suchen fand ich die in Rede stehende 
Schrift Georg Motschidlers, von der Gödeke, Grundriß II * 
S. 282 Nr. 45,2 ein Göttinger Exemplar erwähnt, auf der 
Zwickauer Ratsschulbibliothek, und zwar gleich in zwei 
Exemplaren (XVII. XII. 1 1B und XXIV. VIII. 16 10 ): Eneas 
Siluius: / darnach Bapst Pius Secun- / dus genand, Der gelerts 
al- / 1er Bepst, sagt von Frawen gluck, Wie sie / manchen 
vnuerdienten menschen, so/bald als den besten erhöhet, 
jnn / Deutsch Reim gefast / durch / Georgen Motschidler. /. .. 
16 ff. 4°. l b und 16 b weiß. 16“ unten: Es ist assun./G.M. 
Die Vorrede ist datiert vom 19. April 1539 und überschrieben: 
Dem Edlen vnd Vhesten, Curförstlicher durchleuchtigkeit zu 
Sachsen Land vnd Oberzeugmeister, Friedrichen von der Grün 2 ), 

J ) Am Schlüsse der „Vorred“ zur „Unterred“ heißt es (Schade 
S. 75): „Verstehe mich recht, ob er gewttnn, Mein reim heißt: Es ist 
assunn“, am Ende des „Beschluß“ zur Unterred (Schade S. 100): 
„Darumb ist er ein seltsamer kun [= Kunde], Hie stehet mein reim, 
heißt: Es ist assunn.“ Unter dem „Gespräch“ endlich steht (Schade 
S. 111): „Es ist assun. J. M.“ Götze S. 74 möchte assun(n) mit dem 
hebräischen äsä tun zusammenbringen und die Worte als Schlußformel 
fassen = Es ist vollbracht. Oder ist etwa an As,. die Eins (unio) auf 
Würfeln oder Spielkarten, zu denken? 

2 ) Der Zeugmeister Fritz v. d. Grün erscheint noch 1546 beim 
Wittenberger Festungsbau: G. Mentz, Johann Friedrich der Gro߬ 
mütige UI, Jena 1908, S. 156 Anm. 5. Ein Brief Luthers an ihn bei 
Burkhardt, Luthers Briefwechsel S. 403; zur Datierung vgl. Preser- 
ved Smith, The American Journal of Theology 14, p. 284, ders., 
The Life and Letters of Martin Luther, Boston and New York 1911, r.864. 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



91 


279 


Wuudsch ich Georg Motsehidler Büchsemeister, Gottes goad 
vnd Seligkeit. Es ist eine poetische Übersetzung des Somninm 
de fortnna des Eneas Silvios Piccolomini (Brief an PrOkop 
von Rabstein, Wien 26. Juni 1444) 1 ). 

(Bei dieser Gelegenheit darf ich noch eine andere, aber 
prosaische Übersetzung dieses für die Geschichte der Ver¬ 
breitung des Märchens vom Schlaraffenland 2 ) wichtigen 
Somninm erwähnen: Vom Schlanraffen / Landl / Eyn vast 
kurzweilige vnnd/lüstige Histori zu/ Lesen. / *|| Zu Wormbs 
truckts Sebastia-/ nus Wagner. /12 ff. 4°. l b und 12 weiß. 
ll b unten: Zu Wormbs truckts Sebastianus Wagner/Im 
jar nach der gebürt Christi vnsers / Herren, M. D. xlj. / — 
F. W. E. Roth, Die Buchdruckereien zu Worms am Rhein 
im XVL Jahrhundert und ihre Erzeugnisse, Worms 1892, S. 39 
kennt diesen Druck nicht. Dagegen hat ihn Gödeke H* 
S. 282 Nr. 46 a nach einem Wolfenbtltteler Exemplar ver¬ 
zeichnet Ein zweites Exemplar in Zwickau: XXIV. VIII. 16 s .) 

Wir haben von Motsehidler auch noch eine Versifiziernng 
des Lutherschen Katechismus; es hat sich nur noch ein 
defektes Exemplar in Dresden (Theol. ev. cat. 187. 8°) er¬ 
halten. Das Widmungsschreiben ist an den kurfürstlichen 
Kämmerer Hans von Ponikau gerichtet und datiert: Witten¬ 
berg, 10. Mai 1639»). 

Ob nnser Autor identisch ist mit dem 1587 in Reins¬ 
bronn in Württemberg verstorbenen Georg Motsehidler 4 ), 
steht dahin. 

J ) Rudolf Wolkan, Der Briefwechsel des Eneas Silvins Picco¬ 
lomini I. Abteilung: Briefe aus der Laienzeit (1401—1445), I. Band: 
Privatbriefe, Wien 1909, S. 343 ff. Nr. 151. 

*) Vgl. dazu die reichen Nachweise bei Joh. Bolte, Bilderbogen 
des 16. und 17. Jahrhunderts, Zeitschrift des Vereins für Volkskunde 
in Berlin 1910, Heft 2, S. 187ff. 

*) Weimarer Lutherausgabe 30*, S. 659, 726, 825; Reu, Quellen 
zur Geschichte des kirchlichen Unterrichts in der evangelischen Kirche 
Deutschlands zwischen 1530 und 1600, I. Teil, II. Bd., 1. Abteilung, 
Gütersloh 1911, S. 472*. 

4 ) M. Schlenker, Blätter für württembergische Kirchengeschichte. 
N. F. 14, S. 139. 


Digitizeit by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Mitteilungen. 


Digitized by 


Zur Vorgeschichte des Reichstags in Augs¬ 
burg 1530. Die Vorbereitungen, welche die Theologen in beiden 
Lagern für den Reichstag in Augsburg trafen, kennen wir ziemlich 
genau. Für die evangelische Seite kann jetzt auf das reichhaltige 
Werk von Wilh. Gußmann, „Quellen und Forschungen zur Ge¬ 
schichte des Augsburgischen Glaubensbekenntnisses“, Bd. I, 1 und 2, 
Leipzig und Berlin 1911, verwesen werden. Hier sind bis jetzt un¬ 
bekannte theologische Gutachten in guter Anzahl mitgeteilt. Über 
die Rüstung der katholischen Theologen unterrichtet am besten Joh. 
Ficker in der Einleitung und den Beilagen zu seiner Schrift „Die 
Konfutation des Augsburgischen Bekenntnisses“ (Leipzig 1891). Wie 
eifrig aber schon im Februar gearbeitet wurde, um den Kaiser mit 
jenen kräftigen Schriften wie Ecks 404 Artikel, den Monstra secta- 
rum ex Luthero et Lutheranis enata etc. über den Protestantismus zu 
orientieren, zeigt folgender Eintrag im Protokoll des Senats der Uni¬ 
versität Tübingen Fol. 22^: 

Die sexto februarij (1530) . . . Eodem die mandatum regie 
maiestatis, ut colligantur in unum omnes Lutheranorum errores, 
commissum est facultati theologice (Acta senatus 1, 2, 1524—1545). 
Das theologische Gutachten der Fakultät ist nicht erhalten, es ist 
aber anzunehmen, daß es sich in Wien unter den Papieren Joh. Fabris 
findet, da es höchstwahrscheinlich an die Regierung in Wien ein- 
gesendet wurde. G. Bossert. 


Neuerscheinungen. 

Quellen. Von H. Lietzmanns „Kleinen Texten f. Vorles. 
und Übungen“ (Bonn, Marcus und Weber) sind drei neue Stücke an¬ 
zuzeigen. 

In Nr. 86 gibt 0. Clemen „Alte Einblattdrucke“ heraus, 
die sich im Laufe der Jahre bei ihm aus allerlei entlegenen Stellen 
zusammengefunden haben, eine recht reichhaltige Sammlung, die vom 
Ende des 15. bis über die Mitte des 16. Jahrh. hinausreicht: Ablässe, 
Bruderschaftsbrief, Volkslieder, kursächsische Mandate gegen das kirch¬ 
liche und sonstige Bettelwesen, Pasquille, Leipziger Vorlesungs- und 
Bücheranzeigen, ein Leipziger Osterprogramm, zahlreiche Melanch- 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



93 


281 


thon und einzelne P. Speratus nnd C. Brasch betreftende Stücke. 77 S. 
M. 1.50. — Nr, 87. Der „Unterricht der Visitatoren an die 
Pfarhern im Knrfürstentam za Sachsen“. Wittenberg 1528, hrsg. von 
H. Lietzmann. 48 S. M. 1.—. — Nr. 88. Job. Bngenhagens 
Braunschweiger Kirchenordnang 1528, hrsg. von dem näm¬ 
lichen. 152 S. M. 2.40. 

P. Leonh. Lemmens O.F.M., Ans ungedruckten Franzis¬ 
kanerbriefen des 16. Jahrh. (Greving, Bef.-geschichtl. Stud. u. Texte 20. 
Münster, Aschendorff 1911, X, 120 S., M. 3,30) ist eine Nebenfrucht 
der in den norddeutschen Archiven und Bibi, angestellten Forsch, zur 
Gesch. der S&chs. Franziskanerprovinz, und zwar handelt es sich um 
die Ausbeute aus den Archiven von Zerbst und Dresden (Stadtarchiv). 
Die Briefe werden zuerst in umfassenderem Bahmen besprochen, dann 
mitgeteilt, und zwar die Zerbster (die hauptsächlich den Briefwechsel 
der katholisch gebliebenen Fürstin Margarethe von Anhalt — über 
die Clemen im 2. Ergz.-Bd. unseres „Archivs“ zu vgl. — entstammen) 
in kurzen Begesten (da ihre Veröffentlichung anderswo erfolgen soll), 
die Dresdener (vermischte Franziskanerkorresp.) im Wortlaut. Die sorg¬ 
fältige Arbeit gibt Über das Verhältnis des Franziskanerordens zur Bef. 
und für die Schicksale zahlreicher Ordensleute in den Stürmen der 
letzteren wertvolle Aufschlüsse. 

Untersuchungen nnd Darstellungen. K. A. Meissin¬ 
ger, Luthers Exegese in der Frühzeit (Leipzig, Heinsius Nachf. 
1911; VI, 86 S., M. 2.75). Das unter dem Einfluß Joh. Fickers in Stra߬ 
burg entstandene Schriftchen stellt einen Beitrag zu dem Thema: „Luther 
und das Mittelalter“ dar. Es behandelt Luthers vor 1517 fallende 
biblische Vorlesungen, die sich durch ihre Zusammensetzung aus 
Glosse und Scholien von den späteren unterscheiden. Der Stoff ist 
eingeteilt in „Luthers Verhältnis zur Vulgata“ nnd „zu den Urtexten“; 
ein Anhang erörtert die Notwendigkeit, eine „Bibliothek Luthers“, d. h. 
ein Verzeichnis aller von diesem benutzten Schriften zusammenzustellen, 
und gibt selbst ein alphab. Verzeichnis der von L. in der Frühzeit ge¬ 
lesenen Exegeten. 

P. Heidrich, Karl V. und die deutschen Protestanten 
am Vorabend des Schmalkald. Krieges (I. Die Beichstage 1541—1548, 
VT, 164 S.; II. Die Beichstage 1544—1546, 161 S.) — kommt zu dem 
Ergebnis, dem Kaiser habe sich vom Begensburger Bt. von 1541 ab 
infolge der unerwarteten Hartnäckigkeit der Protestanten, die ihm 
dann auch auf den Btt. von 1542—1543 entgegengetreten sei, die 
klare Erkenntnis der unbedingten Notwendigkeit des Krieges aufge¬ 
drängt, ohne daß damit zugleich die sofortige Ausführung des Kriegs¬ 
planes beschlossen gewesen sei. Dann aber habe der Sieg über den 
Hg. von Cleve nicht nur die politische Situation zu Gunsten des Kaisers 
verändert, sonderen letzterem auch die Augen über die politische Un¬ 
fähigkeit der Schmalkaldener geöffnet. So bringen die Beichstage von 
1544—1546 nur die Ausführung seines Entschlusses, die eigentlich 
schon 1545 erfolgen sollte; doch wird auf dem Wormser Kt. die Ent- 


Digitizetf by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



282 


94 


Digitized by 


Scheidung nochmals vertagt bis darauf endlich 1546 der Regensburger 
Reichstag bis an die Schwelle des .Waffengangs führt. — Das Ergeb¬ 
nis ist, soweit es sich um die von Earl selbst in seinen Kommentarien 
bezeugte Einwirkung des Clevistihen Krieges handelt, nicht neu; anderer¬ 
seits hätte diese Erklärung Kurls, wonach für ihn der Protestanten¬ 
krieg damals überhaupt erst möglich geworden ist, den Vf. warnen 
sollen, von einem festen Entschluß zum Kriege bei Karl schon seit 
1541 zu sprechen. Aber .selbst nach dem clevischen Feldzuge be¬ 
herrscht letzteren der Kriegsgedanke nicht in dem Grade, daß er 
jede andere Kombination ausgeschlossen hätte; ich habe im Gegen¬ 
teil in der Einleitung zum 8. Rande der Nuntiaturberichte nachweisen 
können, wie noch bis zur zwölften Stunde der Kaiser nicht unwider¬ 
ruflich zum Kriege entschlossen ist, sondern unausgesetzt nach Mög¬ 
lichkeiten Umschau hält, die ihn vielleicht noch sicherer ans Ziel 
führen möchten. Dem gegenüber kann man nicht mit Heiderich sagen, 
daß es seit 1541 mit der Friedenspolitik des Kaisers für immer vor¬ 
bei gewesen sei. Dazu berechtigen auch die neuen Aufschlüsse nicht, 
die H. besonders ans dem reichen Brüsseler Archiv beibringt und die 
im übrigen unsere Kenntnis der Geschichte jener bedeutsamen Jahre 
in erfreulicher Weise bereichern. — Küntzel, Frankfurter historische 
Forschungen, Heft 5 und 6. Frankf., J. Baer & Co 1911, 1912, h M. 5.—. 

Der Verein f. RG. beginnt eine neue Serie von Veröffentlichungen 
(unter dem Titel: Studien zur Kultur u. Gesch. der Ref.) in glück¬ 
lichster Weise durch eine Gesch. der Ref. in Polen von 
Th. Wotschke. Selten ist wohl ein Autor so trefElich gerüstet an 
seinen Stoff herangetreten wie W., der in mehr als 50 Einzelunter¬ 
suchungen (das Verzeichnis s. S. X f.) das ganze Gebiet der poln. RG. 
durchforscht hat, das er nun einheitlich zusammenfaßt. Er zeigt kurz 
die allgemeine Lage der Dinge in Polen, um dann das erste Ein¬ 
dringen und allmähliche Erstarken der Ref. in den verschiedenen 
Teilen der Monarchie (unter Berücksichtigung auch Litauens sowie 
der böhmischen Brüder) zu schildern. Epoche macht der Tod des 
Königs Sigismund I. (1548); der Nachfolger, Sigismund August, er¬ 
zeigt sich der Ref. freundlicher und diese tritt mehr und mehr in den 
Vordergrund und schickt sich an, den endgültigen Sieg zu erringen, 
als der Ausbruch innerer, dogmatischer Streitigkeiten die Macht der 
Evangelischen schwächt und den Anhängern Roms die Möglichkeit 
gibt, den Kampf mit Erfolg wieder aufzunehmen. Immerhin behauptet 
bis in die 70 er Jahre (bis wohin W. seine Darstellung führt) der 
Protestantismus eine achtunggebietende Stellung; noch 1570 faßt er 
seine Kräfte in der Union von Sandomir zusammen und diese erlangt 
bei der nächsten Thronerledigung unter geschickter Benutzung der 
Umstände in der Warschauer Konfoederation von 1573 die rechtliche 
Grundlage ihrer Bekenntnisfreiheit, die freilich den Protestantismus in 
Polen nur so lange schützte als er selbst sich zu schützen im Stande 
war. Verhängnisvoll ist es für den Prot, in Polen geworden, daß seine 
Bekennerschaft auf Bürger und Adel beschränkt blieb; in die Bauern- 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



95 


283 


schalt ist er nicht eingedrungen. Gleichwohl bildet die Reformations- 
zeit politisch wie literarisch den Höhepunkt der polnischen Geschichte; 
an dem Rückfall zur römischen Kirche ist Polen zugrunde gegangen. 
— Leipzig, Haupt, 1911. XII, 316 S. 

Aus einer Preisfrage von Teylers Godgeleerd Genootschap her- 
vorgegangen ist die gekrönte Schrift Geschicdenis van het Luthe- 
ranisme in de Nederlanden tot 1618 von dem besten Kenner 
dieser Materie I. W. Pont, eine sehr sorgfältige und ergebnisreiche 
Arbeit. Das Luthertum spielt ja nur eine bescheidene'Rolle in den 
Niederlanden; immerhin zeigt Pont seine Verbreitung über die meisten 
Provinzen. Den örtlichen Mittelpunkt bildet zuerst Antwerpen, später 
Amsterdam. Deutscher Einfluß macht sich nicht nur bei der Begrün¬ 
dung luth. Gemeinden in den Ndl., sondern auch später fortdauernd 
geltend. In die angrenzenden deutschen Gebiete flüchten die Lutheraner 
Antwerpens beim Kommen Albas und organisieren sich dort in „Haus¬ 
kirchen“, die sie später in ihre Heimat zurückzubringen sich bestreben. 
Zu Anfang des 17. Jh. findet eine festere Verbindung der einzelnen 
Gemeinden zu einer „Synode“ statt. Sehr instruktiv ist der Abschnitt 
über die — durchweg aus Deutschland bezogenen — lutherischen 
Schriften und Lieder (S. 257ff.; vgl. den Exkurs S. 589ff. über die 
luth. Gesangbücher). Die Schrift bildet den 17. Teil der Neuen Serie 
der „Verhandelingen rakende den Natuurlijken en geopenbaarden 
godsdienst“, uitg. door Teylers Godgeleerd Genootschap“. Haarlem, 
Erven F. Bohn 1911. XVI, 632 S. 

Unter dem Titel Protestantismus und Toleranz im 
16. Jahrh. (Freib. Herder 1911; VI, 374 S., M. 5.40) stellt N. Paulus 
25 von ihm an verschiedenen Orten veröffentlichte Einzelunter¬ 
suchungen zusammen, die alle das Gemeinsame haben, daß sie die 
Reformatoren möglichst intolerant zeigen. Die Art Paulus', seinen 
Stoff mit großem Spürsinn zusammenzutragen, ebenso aber auch dessen 
tendenziöse Gruppierung und einseitige Verwertung, ist bekannt. Wie 
wenig sich diese Eigenschaften hier verleugnen, hat eingehend und 
schlagend G. Bossert (in ThLZ. 1912 m. 5) erwiesen. Um so weniger 
wird man die Schlußfolgerungen des Vf., der bewiesen zu haben glaubt, 
daß der Protestantismus nicht der Vater der Toleranz sein könne, un¬ 
besehen hinnehmen wollen. Und wer sähe.nicht, daß für das Auf¬ 
kommen religiöser Toleranz die Wegräumung des ungeheuren Geistes¬ 
drucks der allbeherrschenden Papstkirche, dem das ganze Mittelalter 
unterlag, die unerläßlichste, entscheidendste Vorbedingung war! 
Diese befreiende Tat aber haben Luther und seine Mitstreiter vollbracht, 
und wenn die Toleranz im heutigen Sinne noch nicht ihre Sache sein 
konnte (wo wäre übrigens je ein großer Neuerer tolerant gewesen?), so 
haben doch schon die Zeitgenossen der Reformation die Früchte einer 
bis dahin ganz unerhörten Freiheit — der Freiheit, in kirchlich-religiösen 
Dingen der Stimme ihres Gewissens weithin zu folgen — genossen. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



284 


96 


Digitized by 


Bibliographie 1 )* 

(Bei der Redaktion eingegangene Bücher.) 

Barge, H, Aktenstücke zur Wittenberger Bewegung. Leipzig, Hin- 
richs 1912. VI, 52 S. M 1,50. 

Braunsberger, 0., 8. J., Pius V. und die deutschen Katholiken, teil¬ 
weise nach ungedruckten Quellen. Freiburg, Herder 1912. VIII, 
122 8. M 2,40. 

Dürrwächter, A., Jakob Gretzer und seine Dramen. Ein Beitrag 
zur Gesch*. des Jesuitendramas in Deutschland. VIII, 216 8. M 5,40. 

Eder, G., Die Reform Vorschläge Kaiser Ferdinands I. auf dem Konzil 
von Trient I. Münster, Aschendorff 1911. XII, 259 S. M 6,80. 

Hecker, 0. A., Religion und Politik in den letzten Lebensjahren 
Herzog Georg des Bärtigen von Sachsen. Leipzig, Quelle & Meyer. 
128 S. M 4. 

Keller, A., Die Wiedereinsetzung des Hzs. Ulrich von Württemberg 
. .. 1534. Marb. Inaug.-Diss. 1912. 100 S. 

Lang, A., Die Domkirche und die Domgemeinde zu Halle a. S. Mit 
17 Abb. Halle, G. Moritz 1912. 57 S. M 0,75. 

Lauchert, F., Die italienischen literarischen Gegner Luthers. Freib., 
Herder 1912. XVI, 714 S. M 15,—. 

Luthers Werke in Auswahl. Unter Mitwirk, von A. Leitzmann, 
hrsg. von 0. Clemen. Erster Band. Bonn, Marcus & Meyer 1912 
IV, 512 8. geh. M 5,-. 

Mentz, G., Handschriften der Reformationszeit. Bonn, Marcus & 
Meyer 1912. VIII, 50 Tafeln u. 38 S. Text. fol. 

Müller, A. V., Luthers theologische Quellen. Seine Verteidigung 
gegen Denifle und Grisar. Gießen, Töpelmann 1912. XVI, 244 8. 
M 5,—. 

Schieß, Tr., Briefwechsel der Brüder Ambrosius und Thomas Blaurer 
1509—1567, in Verb, mit dem Zwingliverein in Zürich, hrsg. von 
der Bad. Histor. Komm. Bd. 3 (1549—1567). Freib., Fehsenfeid 
1912. XX, 936 8. M 30,—. 

Schriften der V. f. Ref.-Gesch. Jahrg. 29, St 2/3 (Nr. 106/07): 
Ney, J., Pfalzgr. Wolfgang zu Zweibrücken. — Krone, R., Lazarus 
von Schwendi. Leipzig, Haupt 1912. 166 S. M 2,40. 

v. Schubert, H., Die Vorgeschichte der Berufung Luthers auf den 
Reichstag zu Worms (SB. d. Heidelb. Ak. W. Phil.-hist. Kl. 
1912, VI). Heidelb., Winter 1912. 29 S. 

Staub, P. Ignaz, Dr. Johann Fabri. Generalvikar von Konstanz 
(1518—1523) bis zum offenen Kampf gegen M. Luther (Beil, zum 
Jahresb. der Stiftsschule Einsiedeln 1910/11.) Benziger, Einsiedeln 
1911. 187 S. 


*) Vgl. Jahrg. VIII S. 339 f. (nebst Anmerkung). 


Druck von C. Schulze & Co., G. m. b. H., Gräfenhainichen. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Digitized by 


Go igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



ARCHIV- 


FÜR 




TEXTE UND UNTERSUCHUNGEN. 


In Verbindung 

mit dem Verein für Reformationsgeschichte 
herausgegeben von 

D. Walter Friedensburg. 


Nr. 36. 

9. Jahrgang. Heft 4. 


OQO 


Leipzig 

Verlag von M. Heinsius Nachfolger 
1912 . 


bv Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Wilhelm Posteil. 

Seine Geistesart und seine Reform- 
gedanken 1 


J. Kvacala. 


Beiträge zur Reformationsgeschichte aus 
Drucken und Handschriften der Universi¬ 
tätsbibliothek in Jena 11 


B. Willkomm. 


Der Reformationsversuch des 
Gabriel Didymus in Eilenburg und seine 
Folgen 1522-1525 I 

von 

K. Pallas. 


Mitteilungen 

(Zeitschriftenschau. — Neuerscheinungen). 


oQo 


Leipzig 

Verlag von M. Heinsius Nachfolger 
1912 . 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 






Digitized by 



Gck 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSfTY OF MICHIGAN 



Wilhelm Postell. 

Seine Geistesart und seine Reformgedanken. 

Von J. Kvaöala. 

I. 

Schon bevor Bossert aal Postell die Aalmerksamkeit der 
Theologen gelenkt 1 ), hatte ich, älteren Winken folgend, dessen 
bedeutsame Stellung in der Geschichte der Wandlung des 
religiösen Denkens seit der Reformationszeit zu beleuchten 
versucht 8 ). Weitere Studien, gerichtet auf die Erforschung 
der persönlichen und sachlichen Bedingungen dieser Stellung¬ 
nahme P.s, ergaben, wenn anch nicht mit voller Deutlichkeit, 
einen Zusammenhang zwischen seinen naturalistischen und 
seinen apokalyptisch-chiliastischen Neigungen, was nicht über¬ 
rascht. Mystik und Naturalismus schließen ja auch sonst in 
der Geistesgeschichte häufig einen Bund. Außer dem, was sie 
einzeln bedeuten und bewirken, beansprucht zuweilen auch 
die Art der Verbindung der Beiden im persönlichen oder im 
gemeinschaftlichen Leben die Aufmerksamkeit des Forschers. 
Eine Geisteskraft, die scharfe Gegensätze zu einer Einheit 
ausgliche und so zu dauernden Schöpfungen befähigte, finden 
wir bei Postell nicht vor. Obwohl er auch in der Philo¬ 
sophie bewandert war und mehrere Werke systematischen 
Charakters abgefaßt hat, zeigen sich Zerrissenheit und Wider- 

*) Theol. Literaturzeitung' 1907, S. 209. 

*) Vgl. mein Buch: Th. Campanella, ein Reformer der ansgehenden 
Renaissance, Berlin 1908, S. 78—87. Da mir eine deutsche Re¬ 
zension, die wenigstens über den Inhalt des Baches orientierte, nicht 
bekannt geworden ist, so verweise ich auf F. Toccos Abhandlung: 
„Le pnbblicazioni del professor Kvaöala sul Campanella“ (in der Rendi- 
condi der Akademie der Lyncei in Rom XVIII, 12, anch als besonderes 
Heft) Roma 1910. 

Archiv für Reformationageachichte. IX. 4. 19 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



286 


Digitized by 


2 

Sprüche sogar in seinen fließend geschriebenen Schriften. Darum 
hat ihn auch sein Anhang nicht überlebt. 

Wodurch er auf dem Höhepunkt seines Lebens gefesselt 
hat, das war die Fülle neuer und edler Gedanken, die, gegen 
die Scholastik gerichtet, zuweilen, wenn sie aus orientalischen 
Quellen stammen, allzu bizarr anmuten, die aber von ihm mit 
reichem Wissen begründet, ohne Scheu vor Gefahr und Mühe, 
dabei mit einem Enthusiasmus, der vermutlich in einer krank¬ 
haften Veranlagung seine tiefste Quelle hatte, unentwegt ver¬ 
bündet wurden. Indem er mit den meisten bedeutenden Per¬ 
sonen einer großen bewegten Zeit in Berührung kommt, zeigt er 
uns ein Doppelbild: einerseits prophetische Weihe in Ver¬ 
kündigung erhabener Ideen, andererseits erscheint er infolge 
Mangels an Konzentration und infolge der Nichtbeachtung 
der Welt wie ein törichter Sonderling. Aber dies Doppel¬ 
bild zeigt sich als einer kühnen, von Freiheitsdrang¬ 
erfüllten Individualität gehörend, die prinzipiell nicht gegen 
die Autorität gerichtet, sich dieser auf die Dauer doch nicht 
zu fügen weiß. Während sich so in seinen Schriften und 
in seinem Benehmen eine Lösung des inneren Widerspruchs 
nicht bietet, tritt er beständig als Prediger des Friedens und 
der Toleranz auf. 

Die folgenden Zeilen sollen, dieser Sachlage entsprechend, 
zunächst ein Verständnis der Person P.s anstreben, dann aber 
diejenigen seiner Schriften und Lehren besprechen, die auf 
den mannigfaltigsten Gebieten des menschlichen Lebens und 
Wissens (die Sprachwissenschaft muß leider unberücksichtigt 
bleiben) für Reformen eintreten. Von einem System kann 
dabei, auch wenn wir die abenteuerlichsten Gedanken nur 
flüchtig streifen, nicht die Rede sein. Auf eine minuziöse 
Verzeichnung, geschweige denn Ausmalung der biographi¬ 
schen Details, und auf literärhistorische Vollständigkeit und 
Genauigkeit hat es diese Arbeit, wie schon die Aufschrift 
zeigt, nicht abgesehen. Eine solche ist einstweilen bei der 
Beschaffenheit seines Nachlasses nicht zu erreichen. Es ist 
fraglich, ob und wo das Bedürfnis nach einer erschöpfenden 
Biographie Postells entsteht, auch wenn eine eingehende 
Kritik der bisherigen Bibliographien seiner Werke dazu die 
Grundlage geschaffen haben wird. Für unsere Zwecke gibt 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



3 


287 


es an verläßlichem Material genug und zu dem bisher be¬ 
kannten habe ich manches Nene hinzugeführt. 

Als erste Quelle sind Postells Werke zn betrachten, von 
denen aber auch die gedruckten größten Teils sehr selten sind; 
von den zahlreichen, früher handschriftlich vorhandenen Ar¬ 
beiten ist heute kanm mehr als die Hälfte nachweisbar. — 
Außer den Aufzeichnungen und Berichten zu 
unserem Thema aus dem XVI. und XVII. Jahrhundert, besitzen 
wir eingehendere theologische, bzw. kirchenge¬ 
schichtliche Würdigungen aus dem XVIII. Jahr¬ 
hundert von Ittig 1 ), Buddeus 2 ), Gottfried Arnold. 
^-ChaufepiA 8 ) hat durch die Publikation der Briefe Postells 
an Masius, Mosheim durch die Herausgabe der Apologie 
für Servet, Des-Billons durch den Versuch einer wissen¬ 
schaftlichen Bibliographie wenigstens der gedruckten Werke 
Postells die Forschung vorwärts gebracht (1773) 4 ). Wo diese 
Bibliographie ausreicht, verweise ich hiermit, um Kaum zu 
sparen, auf ihre größtenteils genauen Angaben, wie wohl auch 
Des-Billons Buch heute schon zu den selteneren gehört. 
Adelung hat in seiner „Gesch. d. menschl. Narrheit“ 
aueh Posteil nicht vergessen. Wie schief auch sein Stand¬ 
punkt ist, so ist seine Skizze, vielfach auf Des-Billon ruhend, 
im ganzen verläßlich, und er hat uns aus den von ihm per¬ 
sönlich durchgemusterten seltenen Schriften Postells auch 
manche Einzelheit von Wert aufbewahrt (1787). Während 
dieser im Laufe des XIX. Jahrhunderts weniger beachtet wurde, 
hat an dessen Neige in Frankreich G. W e i 11 sowohl den 
Lebensumständen als auch den Meinungen Postells umfang¬ 
reiche und eingehende Studien gewidmet, das Althergebrachte 


*) Eigentlich ist es eine Dissertation von Petzsch, die den Titel 
trägt: Exercitatio ... de G. Postello. Lipsiae 1704, aber Ittig hat sie 
auch in seine Opuscula, Lipsiae 1714 aufgenommen. 

®) Ihm sind zuzuschreiben die Observationes selectae, Halae 1700, 
u. ff. Für uns kommt besonders T. I in Betracht. 

*) Nouveau dictionnaire historique et critique (Ergänzung, zu 
Bayle) Bd. III. Artik. Postell. Amsterdam und La Haye 1758. 

4 ) Nouveaux 6claircissements sur la vie et les ouvrages de 
Gnillaume Postell. LiSge 1771. 

19 * 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



288 


4 


Digitized by 


mit Scharfsinn kritisch geprüft und manches nene festgestellt 1 ). 
Leider befriedigt das, was er von seinen Ergebnissen bietet 
and wie er es tat, das wahrhaft historische Interesse nicht 
in dem Maaße, wie es von Seiten des so gat orientierten 
Verfassers hätte geschehen können, and wie es der Leser 
wünschte. Nach ihm hat Picot in seinem Werke: „Les 
frangais italianisants“ Paris 1905, Bd. 1 eine kurze, aber 
im Ganzen verläßliche, besonders Weills Forschungen aas¬ 
beatende, Skizze geboten, die aber leider eben die für sein 
Thema interessanten Beziehungen Postells za der venezia¬ 
nischen Jangfraa sehr flüchtig erledigt. Für diesen Mangel 
entschädigt das Verzeichnis der Kapitel aas dem für des 
Verfassers Aufgabe hauptsächlich in Betracht kommenden 
Bache Postells nar in sehr bescheidenem Maße. — Za dem 
von Weill verwerteten Material ist seitdem neues hinzuge¬ 
kommen. Über P.s Beziehungen za dem nea entstehenden 
Jesuitenorden brachten die Monumenta Societatis 
Jesu, und der Briefwechsel des Canisias and 
Uber seine Anknüpfungen an das Tridentinam — die Mit¬ 
teilungen JosefSchweizers 9 ) neae dankenswerte Einzel¬ 
heiten. Erstere sind bereits, allerdings etwas knapp, letztere 
noch nicht aasgebeutet in Fouquerays Buch: „Histoire 
-de la Compagnie de Jösus en France, I. Paris 1910. 

Ich habe zu dem schon so oft gewürdigten and heraas¬ 
gegebenen Brief Postells an Schwenkfeld einen zweiten ge¬ 
funden, die Mosheimsche Datierung der Apologie für Servet 
korrigiert, eine irenische Schrift Postells an Melanchthon (schon 
früher) in Wien and eine bisher anbekannte, bedeutsame 
Handschrift in Berlin vorgefanden and habe so besonders 
den dramatischen Abschluß der Pariser messianischen Ver¬ 
kündigung als aach den der Wiener Professur eingehender 
schildern können. Natürlich habe ich auch die schon von 
anderen, so auch von Weill ausgebeateten Pariser Hand¬ 
schriften and die venezianischen Inqaisitionsakten berücksichtigt 

*) De G. Postelli vita et indole (Thäse an die facultas literaram) 
Paris 1892. Bei Weill sind die genauen Titel der hier nnr kurz ge¬ 
nannten Schriften (S. 5—11) zusammengestellt. — Diejenigen, deren 
Titel ich hier ausführlich wiedergegeben habe, zitiere ich einfach mit 
dem Namen des Verfassers. P. bedeutet stets Posteil selbst. 

*) Röm. Quartalschrift 1910, Heft 4. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



5 


289 


Ich hoffe im folgenden zn zeigen, daß der neben bahn¬ 
brechenden neuen anch recht sonderbare Lehren verkündende 
Mann, den die neueste allgemein bekannte Geschichte Frank¬ 
reichs *) als Denker und Unabhängigen in der Reihe der 
hervorragendsten Franzosen des XVI. Jahrhunderts nennt und 
bespricht, auch außerhalb der Grenzen seines Vaterlandes 
Aufmerksamkeit und Würdigung verdient, schon deshalb, weil 
er und sein Werk das Gesamtbild der Reformationszeit durch 
manches interessante, ja überraschende, Detail bereichert 


I. 

Humanistisch-naturalitische Anfänge nnd Beschäftigung 
mit Kabbala. Ironische Apologetik im Interesse der 

Mission. 

Über Postells Bildungsgang haben wir fast gar keine 
Nachrichten; wir erfahren nur, daß er äußerlich in Not lebend 
großen Wissenseifer und Raschheit im Auffassen nnd Be¬ 
halten des Lehrstoffes, besonders fremder Sprachen bekundet 
hat 2 ). Die fruchtbare Zeit, wo Frankreich, von allen Seiten 
neuen Anregungen ausgesetzt, allmählich zur selbständigen 
Mitarbeit an den so gewaltigen Aufgaben der Erneuerung der 
menschlichen Bildung überzugehen begann, mußte auch den 
Geist des so begabten und eifrigen Zöglings vielfach anregen. 
Wir wissen darüber nur dürftige Einzelheiten. 

Von Italien aus hatte der Humanismus auch direkt Ein¬ 
gang nach Frankreich gefunden, er fand im Ferneren Stütze 
an den Verbindungen, die seine bedeutenden französischen 
Vertreter, Bude und Lefövre, mit dem zwischen Italien und 
England herumziehenden Erasmus eingegangen waren. Be¬ 
deutende Spanier brachten, teils vor, teils mit der Renais¬ 
sance, neue Motive in die Erörterung der alle erfüllenden 
Wissens- und Lebensfragen. Dazu kam bald die Nachricht 
von Luthers Taten, dann seine Schriften selbst. 


J ) Vgl. den von Lemonnier verfaßten Band über die I. Hälfte 
des XVL Jahrhunderts in E. Lavisses bekanntem Sammelwerke. 

*) Nach de Thou’s Mannskript Marier S. 559. — Ausführlicher 
schildert die Jugendjahre Weill a. a. 0. S. 12—15. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



290 


6 


Digitized by 


Bekanntlich hatten diese in den offiziell leitenden theo¬ 
logischen Kreisen Frankreichs, in der Sorbonne, ebenso 
erbitterte Gegner gefunden, wie etwas früher Reuchlins 
Intervention zugunsten der jüdischen literarischen Tradition. 
Aber der neue Geist regte sich allenthalben, und die Freunde 
der Reform fanden, wie allgemein bekannt, zeitweise Anklang 
auch in den vornehmsten Kreisen. 

Das Meiste hing ja aueh hier vom Herrscher ab, der 
seine Stellung zu der im Nachbarreiche immer mächtiger 
werdenden Reformation nach seinen Bedürfnissen änderte, 
anfänglich aber, in Gemeinschaft mit seiner Schwester, die 
freier sich bewegenden Geister bevorzugte und schützte; ja 
gar daran dachte, für sie auch eine von der Sorbonne ab¬ 
weichend organisierte Arbeitsstätte in einem neuen Kolleg 
zu schaffen. Es scheint, daß Posteil, obwohl mit der Haltung 
der Sorbonne, im Ganzen nicht einverstanden, schon am 
Ende seiner Studienzeit eine Schrift gegen die Reformation 
veröffentlichen wollte. Schon war es in Deutschland zwischen 
den beiden reformatorischen Richtungen zu einem Kampf 
Uber das Abendmahl gekommen, und von Wittenberg aus 
hat Luther außer anderen auch gegen Bucer geschrieben 1 ). 
Posteil war auf Luthers Seite, aber dessen Schrift genügte 
dem jungen Franzosen nicht. Sie schien wohl „ex animo“ 
gekommen zu sein, aber so kühl, daß man meinte, Luther 
spiele eher, als daß er kämpfte 2 ). Da machte sich Postell 
selbst ans Werk, und sammelte aus den ältesten Doktoren 
der Kirche Zeugnisse gegen die in der Abendsmahlslehre 
zum Vorschein kommende Gottlosigkeit, die infolge der 
Wirksamkeit von Bucer, Oecolampadius und Zwingli in 
Deutschland bereits weit verbreitet war. — Doch hatte schon 
seine erste Arbeit kein Glück. 

Einige Jahre früher hatte die theologische Fakultät in 
Paris von dem König die Befugnis erlangt, die theologischen 

*) Vermutlich handelte es sich bei dem uns nicht genau be¬ 
schriebenen Anlaß um Luthers Brief an den Verleger der Bucerschen 
Übersetzung seiner Postille, der Brief ist Anfangs 1527 aus einer 
Hagenaner Presse aus Licht getreten. Vgl. Köstlin-Kawerau, M. Luther, 
V. Aufl. S. 82. 

2 ) Vgl. Postell, Alcorani et Evangelistarum concordia, Vorrede: 
S. 10: „ita frigide ut ludere quam refutare potius diceres“. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



7 


291 


Schriften auf ihre Druekfähigkeit hin za prüfen. Eingedenk 
dessen, hatte sich. Posteli an ein angesehenes Glied der 
Fakultät am Unterstützung beim Draek seiner Arbeit ge¬ 
wandt. Aber infolge verschiedener Umstände gewann sein 
Gegner Vinet Oberhand. Die Gegnerschaft stammte von 
einer theologischen Auseinandersetzung her, bei der Vinet 
behauptete, niemand sei ein gelehrter Theologe, der nicht in 
den Scholastikern tüchtig bewandert sei; in deren Reihe 
zählte er aber zu Postells größtem Arger auch Ambrosius, 
Bilarius, Hieronymus, Augustinus auf. Nie hatte Posteli ge¬ 
kört, daß man diese zu den Scholastikern zähle, er fand 
vielmehr, daß diese den „sinuosis sophismatibus“ „alienissimi“ 
seien. Darauf suchte Vinet seinen Gegner zu überschreien; 
Posteli bemerkte, es sei Gewohnheit der Sophisten zu glauben, 
daß ihnen alles erlaubt sei, und statt der Gründe Lärm, 
statt des Urteils Autorität anzuwenden. Auf Vinets Eintreten 
hin hat die Fakultät Posteli nicht nur die „venia“ ver¬ 
weigert 1 ), sondern ihm auch das Werk konfisziert. Später 
hat sich — so berichtet Posteli — das Werk ein anderer 
angeeignet. 

Aus dieser Darstellung läßt sich folgern, daß P. in 
seinen ersten Jahren für eine humanistische Reform einge¬ 
treten ist. Wie im Kampf mit Vinet, ßo zeigt er sich auch 
in den folgenden Schriften, die wir zu betrachten haben 
werden, zunächst als einen Gegner der scholastischen Methode. 
Aber auch das Thema der von der Sorbonne abgewiesenen 
Schrift ist nicht aus den Augen zu verlieren. Es war eben 
die katholische Abendmahlslehre, deren Sache er kaum 
zwanzig Jahre alt gegen Bucer und wohl auch gegen die 
Schweizer 2 ) geführt hat. Wir werden sehen, daß er das 
eucharistische Geheimnis bis zu seinem Lebensende besonders 
verehrte. 

An der Pariser Universität studierte und gelangte ein 
anderer Jüngling, mit Posteli von gleichem Alter, bald zu 
Einfluß, der später für Bucers Theologie und die von ihm 

l ) „non tantum som exclnsus“ S. 11. 

*) Wenn er schreibt, Luther sei in seiner Schrift gegen seine 
■Gegner nicht scharf genug gewesen, so läßt er uns vermuten, daß er 
nicht alle Streitschriften Luthers in dieser Frage gelesen hat. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



292 


8 


vertretene Sache große Taten vollftthren sollte. Wir meinen 
Postells nachmaligen Gegner, Calvin. Wie sich in den durch 
Cops Rektoratsrede geweckten Kampfe Posteil verhalten hat, 
darüber erfahren wir nichts. Aber für theologische Fragen 
bewahrte er ein reges Interesse. Schon früh hat er sich 
die Aufgabe gestellt, den christlichen Glauben zu rechtfertigen, 
ja verständlich za machen 1 ). Gaben hiefür Apologien des 
Christentums seit jeher Stoff genug, so ist es wohl zu merken, 
daß es nachPostells noch später festgehaltener Ansicht besonders 
Raymund von Sabieude ist, „ce grand et admirable Medecin de 
l’ame“, der in seiner „Theologie naturelle“ dem christlichen 
Glauben zum Siege verholten, besonders in deren erstem Buch 
„über die Eintracht der Welt“ 8 ). — Raymund erreichte das Ziel 
in dem genannten Werke durch eine Beobachtung der äußeren 
Welt und deren Vergleich mit dem Menschen: er gelangte 
so zu der Gewißheit von Gott, der uns die Herrschaft über 
die Welt verliehen. Deshalb unsere Pflicht dem einzig Höheren 
ans in Anschauung und Liebe zu ergeben. Diese Liebe 
schafft eine fraternitas mit der ganzen Welt, (man denke an 
Franciscus!), insbesondere aber auch unter den Menschen 
(CXXV). Denn jeder Mensch ist verpflichtet einen jeden 
Menschen zu lieben — eine Folge davon der Spruch, der 
die von Postell angewandte Benennung des ersten Buches 8 ) 


*) Vgl. P.s Widmung seiner Kosmographie an Ferdinand I. (neu 
abgedruckt von mir in den Dokumenten zu dieser Abhandlung). 

*) Vgl. P.s Retractations (Ms. fran<j. der Bibi. Nationale 3400, 
enthaltend in 6 Kapiteln Abwehr mannigfaltiger gegen den Verfasser 
gerichteten Verleumdungen und Erörterungen über die baldige 1585 
zu erwartende Widerkehr Christi:), Chap. I.: „— et pour dire en-un- 
mot toutes les scolastiques sans y penser ont rendu la dicte Raison, 
et dernierement ce grand et admirable Medecin de l’ame Raymond de 
Sebunde en sa Theologie naturelle la rendue apres touts les quelles 
ie me suis eforc6 dedans des quatre Liures et principellement au Pre¬ 
mier de la Concorde du monde.“ 

*) In den mir bekannten Exemplaren des Liber creaturaram o. 
Theologia naturalis fehlt eine Einteilung in Bücher; Zöckler gibt in 
seiner Geschichte der christl. Apologetik (Gütersloh 1907, S. 228) als 
zum I. Buch gehörend die Abschnitte 1—205 an. Ob dies den im 
Postellschen Satz gemeinten I. Buch entspricht, kann ich nicht 
beurteilen, da Zöckler über die Grundlage jener seiner Einteilung 
nichts sagt. 


Digitizeit by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



9 


293 - 


der „Theologie naturelle“ rechtfertigt: „unitas jure natnrae 
inter homines esse debet“ (Cap. CXXVII1), wobei die Be¬ 
grün dang der Einheit Jure natnrae“ besondere Beachtung 
verdient, wie ja P. auch an einer anderen späteren Stelle 
Haß und Zwiespalt als unnatürlich, „contra totum natnrae 
ordinem“ bezeichnet (CXXIX). 

Wahrscheinlich soweit die Grundgedanken Raymunds, 
die auf Postell, nach seinen eigenen Worten zu urteilen, solchen 
Eindruck geübt haben. Über die übrigen Teile der „natür¬ 
lichen Theologie“ mögen hier einige Worte genügen. Die 
Verehrung Gottes fordert nach Raymond, daß man seinen* 
Sohn, den Einzigen, der sich als Gott bekannt hat, verehre, 
— daraus folgt auch die Autorität der Heiligen Schrift, die 
die Natur zur Voraussetzung hat und dem Menschen eben¬ 
so übergeordnet ist, wie sie selbst unter der Natur steht.- 
Fügt sich die tatsächliche Natur des Menschen in diese 
Harmonie nicht leicht ein, so zeigt dies nur, daß sie nicht 
mehr rein und unversehrt ist. — Wie gekünstelt aber manche 
Sätze und Folgerungen auch sind, so bleibt doch das Schlu߬ 
resultat Raymunds: die Theologie hat an der Hand der Natur 
zu gehen und auch die christliche Theologie siegt nur unter 
ihrer Führung. 

Schon vor Postell und noch mehr in der Folgezeit haben 
Sabieudes Deduktionen manche, u. zw. den mannigfaltigsten- 
Richtungen angehörende Denker ergriffen und er hat sowohl 
im Ganzen als auch in Einzelheiten zur Quelle oder wenigstens 
als Stütze vielen gedient. 

Ein anderer früherer Raymundus (Lullus) hatte gerade 
im Interesse der Mohammedanermission seine, lange Zeit hin¬ 
durch so einflußreichen, mannigfaltigen, auch philosophischen 
Schriften abgefaßt. Ein für diesen Gedanken nicht weniger 
interessierter Spanier, der bald im Norden zu Ansehen und 
Berufstätigkeit gelangte, hat mit den gut christlichen Huma¬ 
nisten des Nordens Freundschaft geschlossen und hatte ge¬ 
rade auch in Paris Beziehungen und Einfluß. Ist Vives 
und sein vielseitiges, edles Streben, seine neuen Geist atmende 
Gelehrsamkeit nebst seinen hohe Begabung bekundenden- 
Büchern dem jungen Postell bekannt geworden? Etwa schon in. 
der ersten Hälfte der dreißiger Jahre? Dies ist als sehr mög- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 





294 


10 


Digitized by 


lieh, ja wahrscheinlich za bezeichnen, und vielleicht haben 
Vives’ in den Jahren 1532—33 erschienenen Schriften „de 
concordia et discordia“ und „de pacifieatione“ Postells ver¬ 
wandte Gesinnung genährt und gestärkt. Ebenso selbst¬ 
verständlich ist anzunehmen, daß Vives die theologie naturelle 
Kaymunds gekannt hat 1 ). Jedenfalls reizt die geistige Ver¬ 
wandtschaft beider zu einem Vergleich. — Auch Vives 
hatte gegen die Türken den christlichen Westen zur Eintracht 
aufgefordert und den Versuch gemacht, des Christentums 
Wahrheit im Gegensatz zu anderen Religionen zu erweisen. 
Auch ihm galt als Quelle die gesamte Natur, dann besonders 
die menschliche und dann Jesus Christus. Zur Natur gehört 
auch die Vernunft als Geschenk Gottes, sie kann also der 
Wahrheit nicht widersprechen, somit ist auch die Ratio¬ 
nalität des Christentums gegeben. Äußere Bürgschaft der 
Wahrheit ist der consensus gentium. Freilich gegenüber 
<lem Judentum ist Vives wenig anerkennend, es bleibt nur 
in spiritualem Sinne in Geltung. Und auch die mohamme¬ 
danische Glückseligkeit erscheint ihm des Menschen nicht 
würdig. Aber für die christliche Wahrheit fordert er den 
Ternünftigen Nachweis, der auf Experimente gegründet und 
praktisch gerichtet sein soll. 

Außer durch das Beispiel und Material, das ihm Werke 
anderer Denker boten, fühlte sichPostell zum christlichen Apostel 
der Welteintfacht durch sein Sprachtalent berufen 2 ).. Durch 
Selbststudium, ohne Lehrer, hat er sich das Hebräische 
und bald nachher auch andere semitische Sprachen an¬ 
geeignet, und in dem so Erworbenen nicht nur eine Legiti¬ 
mation, sondern auch eine Verpflichtung erblickt, das Talent 
— besonders zur Erforschung und dann zum Gewinnen des 
Orients für das Christentum — fleißig zu verwenden. In¬ 
folge glücklicher Umstände haben ihm gerade diese Sprach¬ 
studien den Weg apch zu äußerem Emporkommen eröffnet. 


*) Unter den von Vives benutzten Autoren, wie sie Majans in 
seiner großen Vivesausgabe (I, S. XXI ff.) aufzählt, finden wir aller¬ 
dings Eaymund v. S. nicht vor. 

2 ) Vgl. die Widmung der Schrift Orb. Terr. Concord. (abgekürzt 
OTC), mein Buch, Th. Camp, ein Reformer etc. 'S. 79. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



11 


295 


Nachdem er nämlich mit seinen orientalistischen Stadien 
die Aufmerksamkeit einflußreicher Kreise auf sich gezogen’ 1 ), 
wurde ihm der Auftrag erteilt, fttr die Bibliothek des Königs 
Bücherschätze zu sammeln. Über Ägypten kam er auf det 
Rundreise nach Konstantinopel. Hier traf er mit dem fran¬ 
zösischen Gesandten La Forest zusammen, der es ihm ermög¬ 
lichte, das vornehme Leben im Morgenlande aus eigener 
Anschauung kennen zu lernen. Wichtiger ist aber ein anderes 
Ereignis. Sein nach Erkenntnis gieriger Geist erhielt hier 
eine bedenkliche Nahrung. Von seinen jüdischen Bekannten 
wurde P. in die Geheimnisse der Kabbala eingeweiht 2 ). 

Angesichts der Dürftigkeit der Nachrichten über P.s 
bisherige Entwicklung können wir die Tragweite dieses 
Ereignisses nicht genau ermessen. Aber aus dem Späteren 
steht nns so viel fest, daß durch die ihm nunmehr bekannt 
gewordene Geheimlehre in P.s Seele Neigungen genährt 
wurden, die bald seine gesamte Geistesarbeit beherrschen 
und in bedenkliche Bahnen lenken sollten. Der den Orient 
gedanklich erobern wollte, wurde fast dessen Beute. 

Die Kabbala hatte auch auf andere christliche Theologen 
einen Reiz ausgeübt, schon infolge der historischen Be* 
gründung der in ihr entfalteten Doktrin. Diese sollte eine 
Überlieferung sein, die auf die Ursprünge des Menschen 
und überhaupt der Welt zurß^kgeht. Aber auch ihr Inhalt 
vermochte zu fesseln. Es war — ich muß hier kurz an all¬ 
gemein Bekanntes erinnern — ein Versuch, die spätjüdischen 
Spekulationen von den Engeln mit der platonischen Ideen* 
lehre zu vereinigen. Etwas Ähnliches hatte ja schon Philo 
gelehrt: im Logos ist eben die Fülle und die Summe der 
Engel- oder der Ideenwelt verkörpert. Er ist berufen, den 
Abstand zwischen dem unnahbaren, unbeschreibbaren Gott 
und der materiellen Welt auszufüllen. Allein was bei ihm 
inhaltlich doch mehr platonisch aasklingt, genügt den 
späteren nationalistischer gesinnten jüdischen Grüblern nicht 
mehr, und so kommt es zu einer phantastischeren Kon- 

*) Vgl. über die für uns wenig geklärten Jahre 1531—37 Adelung 
a. a. O. S. 112 und Weill a. a. 0. S. 15. 

*) Vgl. Ps. Linguarum duodecim Alphabetum. Vorrede zu 
„de lingua chaldaica“. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



296 


12 


Digitized by 


struktion, bei der anscheinend pythagoreische Einflüsse die 
jüdischen Legenden und Phantasmen in der abenteuerlichsten 
Weise färben, doch, so, daß, während der Grundeharakter 
des Systems platonisch bleibt, die Spekulation doch schlie߬ 
lich zum Messias, nnd was damit verbunden ist, zur Apo- 
kalyptik gelangt 1 ). 

Die Lehre ist in mehreren Büchern niedergelegt, die 
keineswegs den Schöpfungsbericht bestreiten oder berichtigen, 
vielmehr nur ergänzen wollen. Auch ist man nicht einig 
darüber, inwiefern die Darlegungen metaphysischer Art 
sind, d. h. ob die geschilderte vermittelnde Welt eine 
selbständige Welt gegenüber Gott ist, oder ob die ganze 
Lehre nur eine Deutung der göttlichen Allmacht in ihren 
Beziehungen zu der Welt sei und fast nur menschliche 
Vorstellungen ohne realen Hintergrund wiedergebe. Jeden¬ 
falls ist es eine Emanation, die in der Kabbala gelehrt 
wird; das eschatologische Ziel ist auch in dem Prozeß der 
daran teilnehmenden menschlichen Seele inbegriffen: die 
letzte Seele ist nämlich die des Messias. Selbstverständlich 
hängt damit eine Lösung des Weltganges zusammen, durch 
die alles Böse überwunden und den Kindern Gottes Be¬ 
freiung und Seligkeit gewährt werden wird. 

Der erste, der — nach Frank — dem christlichen 
Europa den Namen und die Existenz der Kabbala enthüllt 
hat, war der von Postell häufig genannte, auch von uns be¬ 
reits erwähnte Raymund Lullns. Er hat über sie sehr 
hoch gedacht, sie wie eine Offenbarung betrachtet, die sich 
an die „äme rationelle“ wendet Ansprechend ist auch die 
Vermutung Franks, daß das Operieren der Kabbalisten mit 
Buchstaben dem Raymundus Lullns Anstoß zur Entdeckung 
seiner Ars Magna gegeben hat. Lullns unterscheidet auch 
schon zwischen alten und modernen Kabbalisten. 

P i c u s Mirandola hat in wenigen Thesen, deren Quelle 
er gar nicht angegeben, das umfangreiche System der 
Kabbala zusammenfassen wollen: doch ist das, was er bietet, 

*) Vgl. über die Kabbala die bekannte Schrift A. Franks, mir zu- 
g&ngl. die 2. Aufl. Paris 1886. Auch in der folgenden historischen- 
Übersieht habe ich sie benutzt Kürzere Orientierung in Herzogs- 
Realenzykl. HI. Aufl. Bd. IX. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



13 


297 


fragmentarisch. Eingehender nnd für den Westen einflu߬ 
reicher war der Bahnbrecher der semitischen Stadien in 
Europa, J. R e n c h 1 i n. Aber auch dieser hat seine Kennt¬ 
nisse der Kabbala nicht ans den reichsten nnd verläßlichsten 
Quellen geschöpft, er zitiert keine Autoritäten, auf die er 
sich stützt; was man noch als solche erkennen könnte, 
scheinen aristotelisch gerichtete Kommentatoren des XV. Jahr¬ 
hunderts gewesen zn sein; auch die dialogische Form ent¬ 
spricht nicht gnt dem Thema nnd man ärgert sich — meint 
Frank — Uber die „imaginäre Filiation“, die er zwischen der 
Kabbala nnd dem Pythagoreismus auf stellt Die Schrift „De 
arte Cabbalistica“ gibt eine regelrechte Darstellung der 
esoterischen Doktrin der Juden; die andere „De verbo 
mirifico“ ist nur wie eine Einleitung dazu, mehr persönlich 
als sachlich, des Verfassers mystischer nnd abenteuerlicher 
Geist will hier nachweisen, daß alle religiöse Philosophie, 
die griechische wie auch die orientalische, ihren Ursprung 
in den jüdischen Büchern habe, nnd so legt er den Grund 
zn der später sogenannten christlichen Kabbala. 9 

Von hier geben ans die beiden Arbeiten des Agrippa. 
Aber nicht die enthusiastische (de occulta philosophia), viel¬ 
mehr die skeptische (de incertitudine scientiarnm) hat der 
Kabbala Dienste geleistet, sowohl dadurch, daß A. ihre Be¬ 
ziehungen zn der Genesis gezeigt hat, als auch dadurch, daß 
er die Verwandtschaft der Zephiroth mit den zehn mystischen 
Namen bemerkt, Uber die Hieronymus in seinen Briefen an 
Marcella spricht 1 ). 

Diese Sympathie zur Kabbala wird in nenerer Zeit 
häufig mit einer Abneignng weiter christlicher Kreise gegen 
die Scholastik in Zusammenhang gebracht. Nicht mit Un¬ 
recht. Hatten die freieren Geister die schematisierenden 
Zwangsformeln der Scholastik satt bekommen, so konnte 
nun die wissensdnrstige Seele alle Fesseln der lästig ge¬ 
wordenen Form in Anschluß an heilige Überlieferungen, 
ablegen. Und hatte man den Stoff der Sentenzen nach allen 
Seiten bereits zum Überdruß kommentiert, so ergab die 
jüdische Lehre vieles Nene, dabei war es, was man hier 


*) De v&nitate scient. Lib. III. Cap. II. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



298 


14 


Digitized by 


hörte, ursprünglicher, führte tiefer in die überweltlichen Ge¬ 
heimnisse und klang namentlich in der Eschatologie tröst¬ 
licher aus als die obligaten „Summae“ der christlichen 
Lehre. 

Möglicherweise ist bei Postell erst damals eine Neigung 
zur Apokalyptik erwacht, vielleicht ist sie aber- schon seit 
langem lebhaft gewesen. Jedenfalls konnte solche Neigung 
das Interesse für die Geheimlehre nur steigern, ebenso wie 
die Kabbala geeignet war, eine religiös krankhafte Ver¬ 
anlagung zu stärken. Doch können wir darüber nichts Be¬ 
stimmtes sagen. Soviel scheint festzustehen, daß Postell die 
neugewonnenen Eindrücke einstweilen nur im stillen für 
sich verarbeitete, da er anderweitige praktische Aufgaben 
zu lösen hatte, die vielleicht durch eine äußere Verpflich¬ 
tung seiner Erledigung harrten. Wir wissen aber bereits, 
daß diese Aufgaben mit dem bereits früher gefaßten großen 
Vorsatz — für eine concordia orbis zu arbeiten —, im engen 
Zusammenhänge standen. Wir können sie hier nicht ganz 
umgehen. 

Mit seinem Typographen Bromberg besprach er auf 
seiner Rückreise in Venedig die bald vorzunehmende Pu¬ 
blikation seiner Studien. Eine Bekanntschaft mit dem 
Orientalisten Theseus Ambrosinus führte zu einem Meinungs¬ 
austausch, der für Postell später mißliche Nachklänge 
brachte 1 ). Über diese linguistischen Publikationen, die 
nach seiner Ankunft in Paris beginnen, mögen einige Worte 
ausreichen. 

Die erste, schon erwähnte Schrift 2 ) gibt einige Proben 
aus folgenden Sprachen: „Hebräisch, Chaldäisch,Samaritanisch, 
Punisch oder Arabisch, Indisch (eigentlich Äthiopisch), 
Griechisch, Georgisch, Tzervianisch, Illyrisch, Armenisch und 
Lateinisch.“ In der Widmung an den EB von Vienne, Pal- 
merius, sagt Postell, er wollte mit der gegenwärtigen Schrift 
prospicere: „ne quicquam haberem quod statim non omnibus 
communicatum cuperem“, er verrät ferner, daß er sich 
mit Kosmographie, besonders mit Sittenbeschreibung der 

*) Vgl. Picot a. a. 0. S. 814. 

*) Linguarum duodecim characteribus differentium alphabetum, 
introductio, ac legendi modus longe facilimus. Paris 1538. 


Go 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



15 


299- 


orientalischen Völker befasse. — ln der korzen Einleitung za 
der ohaldäischen Schrift lesen wir Uber die bereit? oben 
angeführte Tatsache folgende Mitteilang: „Nihil tarnen nsqnam 
quicquara scriptum in his reperi, praeter qnandam Cabalam, 
cuius mihi copiam fecit Mose Almali medicus Begius Jndaeus 
apad Constantinopolim.“ 

Die folgende Schrift: „de originibus“ verwendet die er¬ 
worbenen linguistischen Kenntnisse zum Nachweise dessen, 
daß die vorhandenen Sprachen aus der hebräischen stammen. 
Proben aus der Grammatik und dem Wortschätze der in 
voriger Schrift vorgefUhrten Sprachen sollten das mit be¬ 
weisen. Eines von diesen grammatischen Spezimen ist gleich¬ 
zeitig auch besonders erschienen: „Grammatica arabica“ 1 ). 

Diese Schriften haben in der Geschichte ihrer Disziplin 
dadurch einen festen Platz, daß sie die Sprachen Vergleichung 
nicht nur fordern, sondern auch beginnen 3 ). Daß dabei 
der Ausgangspunkt wie die Ergebnisse nicht stichhaltig 
waren, wer wird sich darüber aufhalten? Tatsächlich findet P. 
für den Sprachen unterricht die Verwendung der bereits be¬ 
kannten verwandten Sprachen, und berichtet mit Vergnügen 
über den Erfolg, den ihm die Kenntnis des Hebräischen bei 
der Aneignung des Arabischen erbracht: die ihn lehrenden 
Türken in Konstantinopel nannten ihn einen Dämon, weil 
er alles so schnell erfaßte 8 ). 

Aber damit war nicht alles, was der Orient an wissen¬ 
schaftlichem Material und Anregung geboten hatte 4 ), erschöpft. 
Es galt ältere apologetische Vorsätze weiterzuführen, wenn 
er in einem Buche den Nachweis führen wollte,' daß die 
Kenntnis Christi seit 1200 auch bei allen Katholischen da¬ 
hingeschwunden sei, und zwar sollte dies Werk nicht in 
erster Linie auf die göttliche Autorität, sondern auf mensch- 


*) Die Klarlegung des Verhältnisses zwischen diesen drei ersten 
Schriftlein Postells findet der g. Leser bei Des Billons und Adelung. 

*) Vgl. Benfey: Gesch. d. Sprachwissenschaft usw. 8. 225. 
„Den ersten Versuch einer umfassenderen Sprachvergleichung scheint 
G. P. aus der Normandie gemacht zu haben.“ 

*) Gramm, arabica, mir nur in den Origenes bekannt. Praefatio Dm. 
4 ) Eine kurze Beschreibung Syriens gab er auf Wunsch seiner 
Hörer heraus; vgl. die Widmung der Schrift. 


Digitizeit by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



300 


16 


Digitized by 


vliche Vernunft gegründet sein 1 ). Wenn vielleicht auch die 
Nachricht von der Entstehung des Jesuitenordens auf den 
Verfasser mitgewirkt hat, so kann der Einfluß jener Nachricht 
nur ein beschränkter gewesen sein. 

Erleichtert war jene Arbeit durch die königliche Huld 
<und Anerkennung. Gleich nach seiner Rückkehr aus dem 
Orient wurde er nämlich mit gutem Gehalt zum Professor 
an dem von vielen mit großen Erwartungen begrüßten neuen 
Kolleg ernannt. Damit war auch für seine fernere Tätig¬ 
keit die Richtung vorgezeichnet, — denn nach manchem 
Schwanken ist allmählich der Charakter des Kollegs ein be¬ 
stimmter geworden. 

Man kann drei Phasen in der Gründung des Kollegs 
unterscheiden 9 ). Die erste (1517—1518) bestand in Verhand¬ 
lungen mit Erasmus behufs Übernahme der Leitung eines 
solchen. Man war noch nicht im klaren, was man wollte, 
-eine Stiftung allgemeinen Charakters oder ein Institut analog 
dem, das Leo X. für junge Griechen errichtet bat; Erasmus 
zieht die Verhandlungen in die Länge, ohne daß ein Erfolg 
zu verzeichnen wäre. In der zweiten Phase nahm der Ge¬ 
danke eines junggriechischen Kollegs Oberhand, aber wegen 
der Kriege kam es zu nichts (1519—1522). In der dritten 
Phase (1522—1529) erfolgte fast eine Übersiedlung des 
Erasmus nach Paris; aber nach der Schlacht bei Pavia zer¬ 
schlugen sich die Hoffnungen. Erst als mit dem Friedensschluß 
von Cambray die Ruhe im Reich wiederkehrt, kommt der König 
•dazu, seinen Plan auszufübren, wobei das Hauptverdienst 
dem Budaeus zufällt. Damit zog gegenüber der Sorbonne ein 
.neuer Geist in den höheren Unterricht Frankreichs ein 8 ). 

Das wenige, was wir Uber Postells Stellung zu den 


‘) Postells Widmung der Kosmographie an Ferdinand IL 
*) Vgl. Lefranc: „Histoire du College de France“. Paris 1899. 
S. 99 ff. 

*) Lefranc sagt (a. a. 0. S. 107): „Plus de grades obligatoires, 
plus de licence pour enseigner, plus des frais d’dtudes arbitraires et 
monstrueux: des cours independants, gratuits, ouverts ä tous, le grec 
et l’hebreu envabissant l’Ecole.“ ... „Quell’ immense changement quand 
on songe ä cette 6cole du vide, & cette gymnastique du nöant qu’dtait 
alors l’Universitd.“ 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



17 


301 


Fragen seiner Zeit gesagt haben, läßt diese Berufung 1 ) er¬ 
klärlich erscheinen, zumal ja den maßgebenden Personen 
jene Stellung noch deutlicher gewesen sein mag. Zu seinen 
besonderen Gönnern zählte er den bald zur höchsten Stelle 
■emporkommenden Minister Poyet. ln einem diesem ge¬ 
widmeten Sohriftlein, „De magistratibus Atheniensium“, zählt 
*er ihn zu den hervorragendsten Staatsmännern. Die Schrift, 
•die die damals als verloren geltende Schrift des Aristoteles 
ersetzen will, hat eine mehr als antiquarische Tendenz, indem 
sie mit der alten die neueren (besonders die venezianische) 
Begiernngsformen vergleicht. Budös Autorität gelangt sehr 
oft zur rühmenden Anerkennung. — Die französische Ver¬ 
fassung wird auoh herangezogen, aber als monarchische von 
der alten demokratischen, über die die Schrift handelt, ausdrück¬ 
lich unterschieden. Trotz der praktischen Nutzbarkeit blieb 
•das auoh später noch beliebte Werk doch ein wissenschaft¬ 
liches und wurde lange Zeit an verschiedenen Orten nach¬ 
gedruckt 2 ). 

Aber gewiß hat ihn beständig schon seit langem die 
Arbeit beschäftigt, in der er, wie wir oben gesehen, seine 
.Lebensaufgabe erblickte. Nach fleißigen? Sammeln und Vor¬ 
arbeiten wurde sie in verhältnismäßig kurzer Zeit abgefaßt 
und der theologischen Fakultät zu Paris vorgelegt. Aber 
sechs Monate lang erhielt er von dieser keine Antwort. Um 
flie Buchhändler schadlos zu halten, gab er das erste Buch 
Auf eigene Kosten heraus. Dann erfolgte die Antwort der 
Fakultät; sie lehnte dem Buch die venia ab, weil P. ihre 
'Glieder Sophisten genannt 8 ). In der Not gelang es ihm aus¬ 
wärts, in Basel, mit dem er bereits in buchhändlerischen Be¬ 
ziehungen stand 4 ), einen Verleger zu finden. Begreiflicherweise 

*) Posteil blieb in der Stellung von 1539—43. Vgl. Lefranc 
n. a. 0. S. 381. 

*) Gar Adelung findet es noch des Lobes wert a. a. 0. S. 115. 

*) Vgl. Postells Sobrift: Alcorani etc. concordia S. 8, 9. 

*) Soviel scheint festzustehen, daß es Postells orientalische Schriften 
waren, die ihm in den Schweizer evangelischen gelehrten Kreisen 
Sympathien erwarben. Ferner war ein Schulfreund von ihm, Johannes 
ÜRibit, als Professor des Griechischen nach Lausanne gekommen. Einem 
..Briefe Eibits an Pellicen in Zürich (bei Herminjard Correspondance des 
Tgformateurs etc. VIII. 331), dat. 22. April 1543, entnehmen wir, daß 

Archiv für Beformationsgeschichte. IX. 4. 20 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



302 


i 


Digitized by 


hat aber dieser an der Handschrift auch eine Zensur geübt. Sa 
liegt uns das erste Buch in zwei Ausgaben vor, die übrigen 
Bücher bloß in dem den Schweizern zulieb mannigfach ge¬ 
änderten Wortlaut: der Buchhändler — es handelt sich um 
' den berühmten Verleger Oporin — hat offenbar in seiner 
evangelisch gesinnten Kundschaft einen geeigneten Mann 
behufs Neutralisierung der Postellschen Arbeit gesucht und 
gefunden. 

Die Vorreden der beiden Ausgaben sind fast 
identisch; ausgelassen sind in der schweizerischen Ausgabe 
nur die zahlreichen Gönner, die er in der Pariser Ausgabe 
auf zweieinhalb Seiten aufgezählt hatte. Es waren, be¬ 
ginnend mit dem König Franz und seiner Schwester Marga¬ 
rete, Kardinäle, hohe kirchliche Würdenträger, Erzbischöfe 
und Bischöfe, auf deren Huld er auch im ferneren zu bauen 
gedachte. — Als sie ihm alle bei der Sorbonne nicht halfen,, 
ließ er in der Basler Ausgabe die irdischen Gönner weg und 
schrieb, er baue auf Jesu Gunst. 

Im ferneren wollen wir die nicht übermäßigen Unter¬ 
schiede nicht berücksichtigen J ), denn der Standpunkt des 
Buches ist ein religionsphilosophischer, überkonfessioneller, 
der uns auch die Antwort gibt, warum die Schrift in der* 
beiden Lagern der Reformationszeit einen partiellen Erfolg 
haben konnte. 

Die Schrift „de OTC“ war von einem jungen Mann, 
wie es Postell bei ihrer Abfassung noch gewesen, ein auf¬ 
sehenerregendes Zeugnis der Gelehrsamkeit und des christ¬ 
lichen Eifers. Auch konnte das Ziel als höchst lobenswert 
in den beiden christlichen Lagern, erscheinen; stand doch 
der Verfasser für sein Werk mit einem praktischen Gedanken 

Ribit auf Pellicans Zureden an Postell unlängst geschrieben, er möge 
endlich seine arabische Grammatik herausgeben, wobei er sich sowohl 
auf Biblianders Autorität, als auf die mit Postell gemeinsame Studien¬ 
zeit und die dort begründete Freundschaft berief. — Ribit berichtet 
weiter, daß wegen der großen Entfernung eine bestimmte Verbindung 
nicht gut möglich sei, daß er jedoch Aussichten habe, bald einen Ver¬ 
mittler der gelegentlichen Korrespondenz bei sich zu sehen. 

*) Einen ansführlichen Bericht über das Buch findet der Leser 
im Diction. des scienc. philos. Paris 1851. IV, S. 182—187; von dem 
'dritten Buch in meinem Thom. Camp, ein Reformer etc. S. 80 ff.- 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



19 


303 


ein: er erstrebte die Einheit der Menschen in Zeiten der aus¬ 
gedehntesten und erbittertsten Kämpfe und Kriege dadurch, 
daß er das Christentum als gedankliche Grundlage der Ein¬ 
tracht darzulegen unternahm. 

Dabei ist unschwer zu merken, daß der Verfasser sein 
Material mit ungenügender Kritik gesichtet, in der Anlage 
des Werkes nicht genug selbständig 1 ), und keineswegs 
befähigt ist, ein fest zusammenhängendes, in der Überfülle 
der Einzelheiten klares und übersichtliches Ganze zu schaffen. 
Darum kann ein Bericht über das Werk dessen inhaltlichen 
Reichtum nicht erschöpfen, und er darf nicht den fragmen¬ 
tarischen Charakter der Einzelheiten verschleiern. Das Werk 
ist der ganzen Kirche gewidmet. 

Der erste Teil will „die wahre, d. i. die christ¬ 
liche Religion mit der Philosophie (,ex philosophis*)“ be¬ 
weisen, und nimmt den Ausgang von Gott und der Welt. 
Gott ist wie das sechste Element, die Einheit der fünf 
ersteren, die er in sich einschließt. Recht ausführlich sind 
die Beweise (im ganzen 15 Argumente) der Trinität, außer 
den Philosophen (Kap. IV) zeugen gar das Alte Testament, 
die Kabbala und Talmud (V), ja gar Mohammed dafür (VI), 
dessen Anhänger als demnach abgefallene Christen zur Be¬ 
sinnung aufgefordert werden. — Von der Welt lehrt Postell, 
daß sie nicht ewig, sondern geschaffen sei, und zwar aus 
nichts, und daß der Schöpfer auch über die particularia 
darin waltet. Zwei Kapitel sind der Lehre von den Geistern, 
den Magiern und den Propheten gewidmet. Von dieser natür¬ 
lichen Theologie werden wir zum Christentum durch ein 
Kapitel über die Natur des Menschen hinübergeführt, das 
doch nicht in einem materialistischen Naturalismus stecken 
bleibt. 


J) Vergleichshalber möge hier die Einteilung der Vivesschen Apo¬ 
logie ganz kurz mitgeteilt werden. 

B. 1. Betrachtung, die „die in der ganzen sichtbaren Schöpfung 
sich kundgebenden Wege und Ziele der Weisheit und Qüte Gottes“ 
aufzeigen will. Beweisführung aus den Klassikern. 

B. II. Verteidigt die Heilsoffenbarung des A. u. N. Testaments. 
B, HI, IV. (Dialoge: Widerlegung der Juden und Mohammedaner.) 

B. V. De praestantia doctrinae christianae. 

20 * 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



304 


20 


Digitized by 


Die Menschen stammen — so lesen wir in diesem 
'Kapitel — de hominis natura — von einem, sind also ein 
^einheitliches Geschlecht, wie dies Aben Reis bezeugt hat: 
„Nam nna forma est, ipsa scilioet hnmanitas, qua omnes 
dotantor, nee plures sunt visae.“ Gott hat sie ihrer Natur 
überlassen: „quod natura potuit (Deus), nunquam extra ejus 
limites traducere voluit“ 1 ). Freilich kanu die Ars die Natur 
ändern (die langen Köpfe des Hippokrates!.). Aber das bezieht 
sich nur auf die Form. — Über alle anderen Geschöpfe er¬ 
haben, fiel der Mensch um so tiefer, und sinkt noch immer weiter. 
Wie ist dies möglich, wo doch stets der Geist neu geschaffen 
wird? Dreierlei ist dabei ja zu beachten: der agens, das 
instrumentum und der patiens. Am Instrumente der Seele 
liegt es, wenn sie ihrer Aufgabe nicht entsprechen kann. 
Deshalb darf man doch nicht gleich mit Galen von des 
corporis temperamentum die animi mores abhängig machen. 
Gerade, daß wir über die Bewegungen der Natur in uns 
abfällig urteilen, beweist, daß wir nicht bloß aus ihr sind. 
Damit ist die himmlische Gabe, der Geist, gerettet: „Esse 
itaque hominum genus depravatum omnino constat, nec ullum 
propterea esse in animo hebetudinis aut tarditatis imper- 
fectionisque vitium.“ 

Diese himmlische Gabe deutet zugleich auf des Menschen 
himmlische Bestimmung, die zu der Notwendigkeit einer 
Menschwerdung Gottes führt. Die Richtigkeit dieser Deduk¬ 
tion zeigt die Geschichte Christi und des Christentums, die 
Postell langwierig beweist Die christliche Lehre nimmt nun 
Posteil nach einzelnen Teilen durch und legt großen Nach¬ 
druck auf die „Excellentia“ der von Christo gestifteten Sakra¬ 
mente, die zugleich ein Beweis seiner Göttlichkeit sind. 
Die_ Bewahrung des Evangeliums ist eine Bedingung, 
um das Heil zu erreichen. Nicht weniger als 18 Beweise 
sprechen für die Unsterblichkeit, sie sind geschöpft aus 
der Forderung der göttlichen Gerechtigkeit aus der Konsti¬ 
tution des Weltalls, und dann aus der Seele selbst. — 

*) „. . . omnes eisdem legibus naturae tenentur, eos agit eadem 
rationis vis, idem appetitus invitat, idem ecopos urget, quo maxime 
patet eadem et animi et corporis natora et compesitione teneri, matenaque 
«t forma semper connecti.“ 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



21 


305 


Unter diesen Beweisen finden wir auch den, daß der Mensch 
die Unsterblichkeit wünscht — Bei der Auferstehung wird 
eine allgemeine große Wandlung ein treten. 

Das zweite Buch befaßt sich mit Mohammed und 
dem Alkoran. Da sich der Verfasser die Daten, zu diesem 
Zwecke aus der Autopsie gesammelt, so ist begreiflieh, daß 
er hier seinen Lesern viel Neues mitteilen konnte, auch für 
uns ist dieser Teil von zeitgeschichtlichem Wert. Zuerst 
wird uns Mohammeds Leben geschildert, dann folgt Schritt 
für Schritt Darlegung der mohammedanischen Lehre 
und deren Widerlegung, so daß fast nichts davon zurück¬ 
bleibt 

Das dritte Buch befaßt sich mit dem Rechte und 
der Religion. Angesichts der Verderbnis der Rechtswissen¬ 
schaft, die sich in Sophismen und Spitzfindigkeiten zu verlieren 
schien, will Posteil auf ihren Grund zurückgehen. — Charakte¬ 
ristisch ist seine Auffassung von der Verbindung der Religion 
und Politik. Gr erkennt zwei Quellen des Rechts an: die natur¬ 
gegebene Notwendigkeit, sich zusammenzuschließen, und den 
Gottesglauben. Aus der Verbindung der beiden entstand nach¬ 
einander das Natur-, das Völker- und das Zivilrecht, und so 
klingt denn dieser Teil in Erörterungen über Behörden und 
Gerichte aus. 

Wichtiger, als die angeführten Details,' erscheint uns 
der Versuch Postells, die Gedanken zusammenzustellen, in 
denen alle Religionen Ubereinstimmen. Zwar ist der Versuch 
selbst nicht ganz neu, unter seinen Zeitgenossen war es be¬ 
sonders Augustinus Steuchus, der die natürliche Ein¬ 
heit des menschlichen Geschlechts in Glaubenssachen ver¬ 
kündigte 1 ). Diese Einheit geht auf göttliche Überlieferung 
zurück, darum haben alle Völker etwas von Gott, Schöpfung, 
Engeln usw. Das so natürlich Gewonnene will Steuchus auf¬ 
zeigen, auf daß erhelle, daß es dem menschlichen Geschlecht 
notwendig sei, eine Religion zu haben 2 ). Nach einem nicht 
ganz gerade vorwärtsschreitenden, teils historische, teils 

*) Das bekannte Bach des A. Steachus „de perenni philosophia“ 
ist 1540 in Lyon erschienen und wird dem Posteil bekannt gewesen 
sein. Zweite Ausgabe Basel 1542. 

*) Vorrede. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



306 


22 


Digitized by 


philosophische Partien anfweisenden Gedankengange gelangt 
er im Kapitel X zu dem Resultate, daß die christliche 
Religion alle „ambages“ löst: ihre Summe ist contemplatio et 
cnltus Dei. Die Schilderung zeigt im einzelnen eine deut¬ 
liche Anlehnung an Plato nnd an die Stoa. 

Vor der Siindflnt war diese Einheit vorhanden, nnd 
wenn die Menschen jene beiden Grunderfordernisse erfassen 
and begreifen werden, wird in bezug auf die übrigen Fragen 
der Religion keine Differenz mehr nachbleiben. — Da diese 
verlorene Einheit in dem Christentum da ist, so hat 
der in den übrigen Religionen vorhandene Xoyog OTteqpiariy.bg 
gegenüber der allein wahren christlichen Offenbarung nur 
einen untergeordneten Wert. 

Nicht so Posteil. Er will tiefer graben und eine psycho¬ 
logisch faßbare Religionsgeschichte entwerfen, deren Anfänge, 
wie wir sehen, mit denen des Rechts verbunden sind: auch 
die religiösen Kämpfe sind immer mit politischen Motiven 
verwoben. Sollte man da nicht hinter und unter den 
fremden Motiven die Keime der ursprünglichen Einheit 
suchen und finden? Die Antwort darauf erteilt der Ver¬ 
fasser in einem Abschnitt: Persuasionum omnium communes 
canones, wo er die Hauptzüge der natürlichen Religion, 
die sich auf Vernunft und Natur gründet, entwerfen will, 
und von welcher Religion die Folgezeit zu ihrem Schaden 
abgewichen sei. 

In diesen „Canones communes“ gehen theologische und 
juridisch-politische Sätze durcheinander. — Die Religion sei 
staatlich festzustellen und niemand dürfe private Götter ver¬ 
ehren, an die Spitze der staatlich-religiösen Organisation sei 
ein Pontifex zu stellen, die Kirchen sind als Asyle offen zu 
halten, die Mysterien müssen in Geheimnis gehüllt bleiben, 
die Sünden sind zu sühnen. Die staatlich-creierten Pontifices 
haben im Bereich des Glaubens selbständige Antorität. 
Ein Blick auf die bestehenden Religionen zeigt, daß sie alle 
die gleichen Institutionen aufweisen: Priester, Mysterien, 
Pontifices und zwar die letztgenannten mit ethischen und 
politischen Befugnissen ausgestattet. Aber auch die Glaubens¬ 
sätze lassen sich auf natürliche Erkenntnisse zurückfuhren. 
Von den späteren Thesen einer Naturreligion fehlt hier — 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



•23 


307 


.auffallenderweise — nur die im ersten Buch freilich bereits 
so klar bewiesene Unsterblichkeit, dafür finden wir eine 
Nebeneinanderordnung Gottes und der Natur: „Si in Deum 
aut naturam gratius peccaverint, duplex poena esto.“ 

Man mag dies Resultat einer unausgesetzten Religions¬ 
vergleichung gering einschätzen, prinzipiell ist es ein bahn¬ 
brechender Vorgang gewesen, von dem sich die Linien zu 
hervorragenden Religionsphilosophen des XVII. Jahrhunderts 
ohne Schwierigkeit ziehen lassen. Der Zweck des ganzen 
Werkes, wie er im,Titel zum Ausdruck gelangt, kulminiert 
gerade in diesen zwei Folioseiten 1 ). 

Das letzte Buch gibt Anweisungen, wie man die Moham¬ 
medaner, Heiden und Juden zum Christentum führen soll. 
Wie auch in anderen finden wir hier eine Fülle von guten 
Gedanken. — Es ist beachtenswert sowohl die Betonung der 
Notwendigkeit eines langsamen, stufenmäßigen Vorgehens der 
Missionare und des Sich-Accomodierens an die zu belehrenden. 
Er zeichnet also den erfolgreichsten fachgenössischen Arbeiten 
an dem Werke ihren Weg voraus. Dabei sehen wir frei¬ 
lich auch in diesem Teile geringe Sorgfalt bei Auswahl der 
Argumente, man könnte auch sagen, Mangel an Kritik, was 
namentlich bei einer Missionspredigt sehr bedenklich er¬ 
scheint. Was er so z. B. über die Trinität, die er fast als 
«in Postulat des Intellects erweist, über die Satisfaktion 
Christi, über dessen Auferstehung, anführt, verlor durch 
das „multum demonstrare“ schon damals den praktischen Wert. 

Das ganze Werk trägt die Merkmale auch der späteren 
Schriftstellerei seines Autors an sich: Mangel an innerer Ord¬ 
nung, gar auch am Zusammenhang zwischen den einzelnen 
Teilen, deshalb auch Mangel an Klarheit und an überzeugender 
Kraft. Neben den Arbeiten anderer mußte dies seiner Wirkung 
Abbruch tun. Es ist nicht so durchsichtig wie die Schrift 
•des Raymundus und Vives, zum Teil, weil der Verfasser 
weniger streng logisch vorgeht. Aber nicht nur deshalb. 
Ein Vergleich mit den Genannten zeigt es leicht, daß er 
nach etwas größerem strebt oder wenigstens über die Vor¬ 
gänger weit hinaus will. Dies zeigt sich schon in der 


*) Es siDd S. 290-292. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



308 


24 


Digitized by 


reichen Verwendung der außerchristlichen Gedanken, be¬ 
sonders der nen mitgebraohten, orientalischen, die mehr oder 
weniger geschickt zugunsten des Christentums verwendet 
werden. Dies zeigt sich aber besonders in dem Versuch, 
auf der christlichen wenn auch dürftigen Basis eine all¬ 
gemeine religiös gedankliche Einheit für das menschliche- 
Geschlecht zu schaffen. Wir werden sehen, wie ernst er es 
damit meinte. Eine kraftvolle Zusammenfassung des so aus¬ 
gedehnten, vielfach neuen oder neuangewandten Materials,, 
eine folgerichtige Ableitung der erstrebten bedeutungsvollen 
gedanklichen Resultate wäre auch für einen mehr systematisch- 
begabten Forscher eine große Aufgabe gewesen. 

Man nehme ferner, daß gerade die Ableitung der besagten 
Kanones an sich schon ein bedenkliches Unternehmen war, 
und so wird man es verstehen, daß das Werk aus vielen 
Gründen die erhoffte Wirkung nicht ausüben konnte. Einige» 
konnte doch wenigstens der IV. Teil retten. Er versuchte hier,, 
wir sahen es, für die Mission die Waffen zusammenzutragen 
und ihren Gebrauch in, vielen auch treffenden Einzelheiten, 
zu lehren. Auf letzteres kam es schließlich für das Leben 
hauptsächlich an, und deshalb konnte der vielleicht bei vielen. 
Lesern schlechte Eindruck des III. Teiles schwinden oder ge¬ 
mildert werden, und so ist es zu erklären, daß gar ein^ 
Canisius das Werk herrlich genannt hat 1 ). 

*) 10. Juni 1546 schreibt er darüber: „illud admirandum ac 
plane divinum opus De totius Christiani Orbis concordia.“ Er be¬ 
dauert nur, daß man es „scholiis foede additis“ befleckt habe. (Vgl. 
die bereits zitierte Corr. des Ganis. I. S. 204). Aus den Anmerkungen 
des Herausgebers der Korrespondenz ersehen wir, daß die in der- 
Basler Ausgabe befindlichen „Annotationes“ zu Posteis OT Concordia 
in den Katalog der Löwener Theologen aus den Jahren 1546, 1550, 1558 
verboten worden waren. — Am Titelblatt der OTC steht folgende, bei 
Des Billon und Adelung fehlende Bemerkung: „Adiectae sunt quoque 
Annotationes in margine a pio atque erudito quodam viro, ne deli- 
catioris palati, aut iniquioris etiam iudicii aliquis, ut sunt fere hodie 
quam plurimi, offenderetur.“ Diese Anmerkungen selbst sind übrigens 
ohne größere Bedeutung. Sie korrigieren manche Versehen, geben 
bei einigen Materien die Dispositionsgründe, eine verteidigt schüchtern 
die Evangelischen. „Pii, qui hodie credunt Evangelio in Germania- 
et in aliis regionibus, non contemnnnt vera miracula“ usw. S. 96. 
Auch ist am Anfang des Werkes eine recht detaillierte Inhaltsangabe 
der vier Bücher enthalten, die die vorliegende vielfach ergänzen kann. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



25 


309 


Posteis Tätigkeit nach dem Erscheinen des großen« 
Werkes konnte in den gut katholischen Kreisen den Eindruck 
stärken. Mit wachsendem Eifer verficht er non Borns 
Interessen, so auch gegen die Häretiker. Als Ergänzung 
zu der OTC faßte er ein Werk ab, darin er die Gleichheit 
der Evangelisten mit den Mohammedanern nachweist, in all 
dem, worin sie von der katholisohen Kirche abweichen. Er 
nennt sie Cenevangelisten, and gibt in der Widmung das 
zweifache Etymon diesen von ihm geschaffenen terminus tech- 
nieus an 1 ). Nach einer Entschuldigung der Mängel seiner 
großen Schrift(OTC), als welche in übermäßiger Eile abgefaßt 
werden mußte, gibt er kurz deren Inhalt wieder, wobei er 
von der Verwendung der talmudischen Literator über¬ 
mäßige Erwartungen betreffs der Christianisierung der Juden 
hegt. Die Devise jener wie auch der vorliegenden Schrift 
sei natura und ratio. 

Weil das große Werk in Basel gedruckt wurde, konnte 
darin über die Häretiker nicht alles frei gesagt werden. 
Deshalb mußte es ergänzt werden .durch die gegenwärtige 
Schrift Der Grundgedanke des Schriftleins ist ein theore¬ 
tischer und praktischer; (1.) zu zeigen: Mohammedem plane 
eadem via incipisse atque Lutheranos et (2.) easdem pro- 
positiones contra Christi ecclesiam introduxisse. Daraus er¬ 
hellt schon die gemeinsame Gefahr, die Deutschland, ja der 
Welt, von den beiden drohe. — In 28 Punkten gibt dann P. 
die Verwandtschaft zwischen den beiden Gegnern der katho¬ 
lischen Kirche; die Zusammenstellung ist Posteis anderen 
Arbeiten ähnlich, sowohl wegen des Mangels einer Ord¬ 
nung und Symmetrie, als auch wegen der Fülle der Wahr¬ 
nehmungen, die freilich nur zu häufig äußerst gekünstelte 
sind. Interessanter als diese erzwungenen Analogien ist ein 
Nachwort 2 ), das den Titel trägt: „de iudicio Dei iamiam 
imminente“ 8 ), das aus der Lage der Dinge der Welt, wie 
aus der Kombinierung von mancherlei Berechnungen die nahe 


*) Der geschichtliche Wert der Schrift (vgl. den Titel oben S. 290 
Anm. 2) erhellt ans der Widmung, die an die OTC anknüpft. 

*) Widmung S. 87. 
s ) Beginnt S. 88. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



310 


26 


Digitized by 



Wiederkunft Christi verkündet und zu deren würdigen Er¬ 
wartung mahnt. 

Eine weitere Ergänzung der OTC bietet die in dem¬ 
selben Jahre erschienene Schrift: Sacrarum Apodixeon etc., 
die im I. Buch die christlichen Hauptwahrheiten von Gott, der 
Welt, dem Menschen zusammenstellt; im 2. Teile will der 
Verfasser die Notwendigkeit der Menschwerdung beweisen. 
Ein „impetus Spiritus" habe ihn zu dieser Materie getrieben, 
Uber die er (er ruft dafür Gott zum Zeugen an) früher nicht 
nachgedacht habe. Dabei denkt er von der Macht seiner 
Gründe wiederum das Höchste x ). 

Eine dritte Schrift: „de rationibus spiritus sancti“ zeigt 
schon in der Widmung (an alle Menschen) einen Fortschritt. 
Die natürliche Weise der Mission wird zwar auch hier be¬ 
tont, aber ebenso der göttliche Charakter des Christentums, 
das ein Produkt des heiligen Geistes sei. Über das erstere 
lesen wir: 

„ ... in quo a natura et secundum naturam esse de- 
ducta omnia ostendo, quae in refutatione haereticorum ad 
hanc diem tradidit ecclesia: ut constanti rationis tenore 
videatur et vetus et novum testamentum, et sanctae ecclesiae 
statuta, licet siraplici authoritate nitantur (. . .) tarnen ex 
eodem spiritu naturae parente orta esse duceque natura 
eius filia traditis demonstrationibus ex intima philosophia 
petitis confirmabo.“ 

Wie die vorhin besprochene Schrift, will auch diese 
höheren Ursprungs sein: „. . . in quo nil plane menm 
agnoscere debet lector, uisi mihi simile id est instabile male- 
que firmum. Hoc enim solum meum est, quod est imper- 
fectum. Coetera omnipotentis dei sua ut vult distribuentis 
munus sunt 2 ).“ 

Wohl schon seit längerer Zeit beseelten den eifrigen 
Forscher und vielseitigen Gelehrten auch überschwängliche 

’) Widmung an die Vorsteher der Kirche S. 2. „vis argumen- 
torum . . . docebit a ratione sublimi haec profecta, 
meipsum vel ingenue fatear in hac re ignoro“, woraus man 
schon betreffs seiner Geistesverfassung betrübende Schlüsse ziehen muß 
(die Sperrung der beiden Sätze ist von mir). 

*) Die Einteilung des Buches ist etwa die: I. Über die Gegen¬ 
stände des Glaubens; II. Über das Handeln des Frommen. Doch ist 
■diese Einteilung nicht streng durchgeführt worden. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



27 


Y 


31 


patriotische Gefühle. Aach hier konnte er an namhafte 
Vorgänger, anknüpfen. 

Schon am Anfang des Jahrhunderts, noch unter Lud¬ 
wig XII. hat Claude Seyssel der französischen Nation die 
Rolle, die Welt zu erobern, vindiziert. Nachzuahmen seien 
dabei die Römer. Deren Sprache war auch einst arm, da¬ 
durch, daß man ihr die ganze griechische Literatur zugeführt, 
hat man sie vervollkommnet, und sie wurde ein ausgezeich¬ 
netes Mittel der Wissenschaft 1 ). Unter den Zeitgenossen 
Postells war es aber geläufig Frankreichs Emporkommen 
als Zeiehen besonders hoher Bestimmung zu betrachten. 
Juristen und Politiker treten für den Vorrang ihres Landes 
ein, aber nicht nur sie 2 ). So wird uns verständlich, daß 
auch der junge Gelehrte für diesen Gedanken Sinn und Eifer 
gefaßt, und daß der Theologe in der prinzipiellen Eigenart 
der französischen kirchlichen Einrichtungen auch eine Stütze 
für Verkündigung von Lehrsätzen fand, die eine große 
Wandlung der bestehenden Verhältnisse bedeuteten. 

Während des rastlosen Arbeitens, das freilich bereits 
hie und da Zeichen eines krankhaften Selbstbewußtseins 
zeigt, ereilte seinen Gönner, den unterdessen zum Kanzler 
ernannten Poyet, die Katastrophe, der nicht nur seine 
Stellung, sondern auch seine Freiheit zum Opfer fiel. Man 
nehme hinzu, daß während einer kurzen Zeit in Frankreich 
vier ähnliche Fälle zu verzeichnen waren. Wir wissen, daß 
Postell es versuchte, den König zugunsten Poyets umzu¬ 
stimmen. Wir wissen es ferner, daß Postell vor dem Könige 
im Sinne des oben charakterisierten französischen Patriotis¬ 
mus ernste Klagen betreffs der öffentlichen Zustände des 
Landes erhob. Und zwar tat er es mehrere Male. Es mag 
sein, daß eine solche Auseinandersetzung mit dem König in¬ 
folge Poyets Sturz stattgefunden hat, und daß sie auch für 
Postells Schicksal entschied. 

Jedenfalls führte er es einmal dem Könige vor die Augen, 
wie in seiner Umgebung alles verdorben sei, darunter auch 
die Kirche, die Universitäten, besonders aber die Justiz. 

J ) Vgl. A. Jaquets Artikel über S. in Revue des Quest. hist. LV1I 
(1895). 

2 ) Weill a. a. 0. S. 89 ff. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



312 


28- 


Digitized by 


Dabei versprach er dem König, wenn er angehört wird, die 
Weltmonarchie, den Besitz des heiligen Landes, die Eintracht 
der Welt, ohne von den ähnlichen Versprechungen des 
Vinzenz zu Paula vernommen zu haben 1 ). Der König war 
nach Postells Erzählung zu Tränen ergriffen, aber bald wurde 
er von einer Frau davon abgelenkt 2 ). 

Eine Folge seines Eintretens für Poyet war, daß P. 
seine Professur aufgab. Aber langes Bleiben war ihm in 
Frankreich auch in seiner Zurückgezogenheit nicht mehr 
beschieden. Am Ende 1543 verließ er sein Vaterland, ohne 
daß wir die Motive dieses Schrittes ganz klar sähen. 


II. 

Postells innere Kämpfe bei den Jesuiten und seine 
apokalyptisch gefärbte, national-synkretistische Eingaben 
an das Konzil zn Trient. 

Sein Vaterland verlassend, ging Posteil (zu Fuß) nach 
Rom und schloß sich dort der neugegründeten Gesellschaft 
Jesu an 8 ). Es ist anzunehmen, daß er seiner Zeit von Loyolas 
berühmtem Gelübde am Montmartre mit Interesse vernommen, 
zumal ja sein Streben mit dem des Ignatius, der ja eben¬ 
falls in Paris, gar auf dem neuen Colleg studiert hatte, in 
vielen Punkten verwandt war. Es blieb aber nicht bei einer 
theoretischen Verwandtschaft. Beide hatten bereits zu Missions¬ 
zwecken eine Reise nach dem Orient Uber Venedig unter¬ 
nommen. Während nachher Postell an dem College des Lom- 

*) Adelung sagt (a. a. 0. 118) nach seiner Art: Postell wäre 
schon jetzt ein halber Narr gewesen, sei deshalb auf seine Ideen ver¬ 
fallen und habe deshalb Frankreich verlassen. 

2 ) Dies alles erzählt nach Postells in der Nat. Bibi, zu Paris be¬ 
findlichen Apologie schon Sallier in Memoires de l’Acad. des Inscript. 
Bd. XV. S. 814. 

*) Schon nach Adelung (a. a. 0. S. 125) ist Postell zu Ignatius 
gegangen, damit dieser seine Universalmonarchie durch Mission fördere, 
danach hätte also Postell für seine Zwecke Ignatius gewinnen wollen. 
Die Zeitbestimmung der Romreise schwankt zwischen 1543 und 44. 
Bei Weills Annahme, Postell sei Ende 1543 oder anfangs 1544 von 
Paris aufgebrochen, erscheint Fouquerais Entscheidung für 1544 über¬ 
flüssig. Übrigens ist das Datum für das folgende nicht von Belang. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



-29 


313 


bards das Hebräische vortrug, hatte er Gelegenheit, die seit 
1540 in Paris erscheinenden Sendlinge des Ignatins kennen 
zu lernen. Ihre Bescheidenheit und ihr Arbeitseifer ergriff 
den Lehrer so sehr, daß er öfter an ihren Übungen und Er¬ 
holungen teilnahm; und den beiden Brüdern, J. Domeneoh 
und P. d’Aohille, das Glück unter ihrer Begel zu leben 
pries. Doch hüteten sieb die beiden, ihn zum Mitleben ein- 
^uladen: „& cause de certaines exag£rations“ 1 ). 

Es waren den beiden Brüdern offenbar auch die großen 
Differenzen zwischen Postell und Ignatius nicht unbekannt 
geblieben. Postell ging von dem alttestamentlichen Gedanken 
eines erwählten Volkes aus, und fand es — wie wir bereits 
erwähnt — in seinem eigenen. Dessen Herrscher er¬ 
schien demnach selbstverständlich als ein Werkzeug Gottes, 
■deshalb auch als der ideelle Herr der Welt. Er war ferner 
überzeugt, wir sahen es, daß die letzten Zeiten sich nähern 
und ihm die Aufgabe ohne sein Zutun zugefallen sei, dies 
-zu verkündigen und die Menschheit zur Erwartung des bald 
erscheinenden Herren zu sammeln 3 ). — Angesichts dieser 
Tatsachen werden wir uns nicht wundern, wenn wir lesen, 
daß Postell in den Orden nicht gut paßte 8 ). Trotzdem hat 
es Postell an Versuchen und an Mühe nicht fehlen lassen, 
sich zu fügen und bei dem Orden zu bleiben. Wir wissen 
darüber folgendes. 

Nachdem sich Postell in Rom bei dem Leiter der Ge¬ 
sellschaft gemeldet, legte er am 2. Juli 4 ) 1544 das Gelttdde 
schriftlich ab, den Ignatius für seinen Praepositus an- 


*) Fouquerai, a. a. 0. S. 143. 

*) Vgl. o. S. 810ff. 

*) Polancos Chronik (Uonnm. Soc. Jesu, Madrid 1894. 
1. S.' 148/49) sagt darüber nur, daß P. sich als Noviz gemeldet hat 
and zur „probatio“ augelassen wurde. „Sed cum spiritu, ut ipsi vide- 
batur, prophetiae, ut autem Ignatius et alii de Societate jndicabant, 
erroris multa sentiret, dieeret ac scriberet, quae nec vera, nec ad aedi- 
ücationem et unionem cum Societate fovendam, facere viderentur, 
fruetra remediis multis tentatis, dimissns est.“ Das Zeugnis, das ihm 
Polanco ausstellt, ist sonst günstig: „Vir alioqui pins et moribus 
bonis praeditus, si humilius et ad sobrietatem sapere, et suum judi- 
«ium in obsequium fidei ac obedientiae captivare didicisset:“ 

4 ) Octavo Nonis Juliis. Mon. Ign. 4 S. 708. 


Digitized by 


Gck 'gle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



'314 


30 


Digitized by 


erkennend, und bestätigte es nachher in den Hauptkircheu 
Roms 1 ). Schon am 10. Mai 1545 haben Salrneron, Lhoost 
und Ugoletto, offenbar von dem Orden damit betraut, über 
ihn ein Gericht gehalten und die Sentenz gefällt: „il suo 
spirito et prophetie ci pareno illusioni manifeste del demonio“, 
und sprechen dabei den Wunsch aus: „che lui fossi rimuosso 
et separato de simil[i]cose“. Am 1. Oktober desselben Jahres 
widerruft Postell und verspricht Gehorsam 9 ). Im Dezember 
versprach er auf zwei Jahre, mit Ignatius „d’uno medesimo 
giudizio“ zu sein. Schon nach einem Vierteljahr, Februar 1546, 
verdammte er ausdrücklich „illas inspirationes, quae mihi jam 
ab anno uno maxime, et supra, tarn in interpretatione scrip- 
turae, quam in privatis revelationibus, sunt suggestae, als 
tentationes“ in einer eigenhändigen Erklärung 8 ). 

Darauf hat ihn der Vikar der Stadt, Philippus Archintus 
vorgenommen 4 ). Ihm hat Postell seine Ergebenheit an die 
katholische Kirche beschworen: den Gedanken an eine be¬ 
sondere persönliche Mission wolle er lassen und auch in 
der Zukunft sich bemühen, ähnliche Gedanken aus seinem 
Gemüt zu bannen und werde niemandem solches mitteilen;. 
er sei bereit, auf Wunsch öffentlich Abbitte zu leisten. Darauf¬ 
hin beschließt der Vikar „ne abscedat ex domo vestra, atque 
illum restituo ad omne altaris mynisterium, ut prius, et 
quanto minus de iis verba fiunt, laudo“ 5 ). 

Aus diesen Schriftstücken ist deutlich, welch großen 
Kampf Postell mit sich geführt. Er hatte inspirationes (Ein¬ 
gebungen), die den Ordensgenossen ebenso verwerflich 

x ) In diese Zeit versetzt Fouqueray (S. 144, 145) Postells Emp¬ 
fehlung der Jesuiten an Nicol. Fsaame in Frankreich vgl. MS. lat. Bibi. 
Nat. Paris. 8585, 36, bei Weill App. I. S. 112—114. 

*) Mon. Ign. 4 S. 710. 

*) Daselbst S. 711. 

4 ) 2. Juli 1546 meldet Faber an Canisins (von Born nach Köln), daß 
Postell der „vix quemquam sibi parem habere hoc saecnlo existi- 
matur“ sich der Gesellschaft als Koch znr Verfügung gestellt hat, 
und als künftiger Prediger des Herrn es als Vergnügen empfindet, in 
den niedrigsten Geschäften verwendet zu werden. Vgl. 0. Brauns¬ 
berger, Korrespdz. des Canisins. Freiburg 1896 I. S. 192. 

6 ) Diese Sentenz des Vikars trägt leider kein Datum. Nach 
dessen Unterschrift liest man: Ita volo. G. Postell. Vgl. Mon. Soc. 
Jes. IV S. 711. 


Go igle 


\ 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



31 


315- 


schienen, als seine Schrifterklärung und der Gedanke von 
einer höheren Mission, and zwar besonders seit dem Jahre 
1544. Nähere Details fehlen wohl in den amtlichen Schriften 
des Ordens, aber wir wissen es anderwärts, welche Fragen- 
es sonst noch waren, die er gegen den Willen des Ordens 
behaupten wollte. Wir wissen es aus mehreren authentischen 
Quellen, daß Postell in dem Kampfe unterlegen ist. Nachdem 
er etwa 20 Monate im Orden gelebt, mußte er aus ihm 
scheiden. 

Hatte er schon in seinen Apodixeon behauptet, daß 
er vom Heiligen Geist getrieben spreche, so war ihm 
die von Ignatius geforderte Unterordnung und Gehorsam 
gegen die Leitung der Gesellschaft an sich nicht leicht. 
Das, was man ihm als Irrtum vorhielt, war vor allem 
die Auffassung vom Verhältnis der weltlichen und der geist¬ 
lichen Macht im allgemeinen, dann die Betonung der Supre¬ 
matie des Konzils über den Papst, namentlich aber die 
Forderung, der König von Frankreich müsse, um Roms Ver¬ 
derbnis zu beseitigen, in Frankreich ein neues Konzil ein¬ 
berufen und einen neuen Papst wählen lassen. Es blieb 
dann nichts übrig, als daß Postell, der, wie wir vernehmen, 
unterdessen zum Priester ordiniert worden war, sich füge 
und die bereits erwähnte Konsequenz ziehe. 

Über die Feindseligkeit des Ordens gegen Postell erfahren 
wir nach der Lösung des Verhältnisses häufig, ebenso, daß 
dieser, obwohl von den Jesuiten angefeindet, seine Sympathie 
zu ihnen auch später nicht verleugnet hat. Übrigens hatten 
die Jesuiten Verständnis für seine Person, und es waren 
seine Lehren, mit denen er nicht mehr zurückhielt, weshalb 
sie ihn auch später verfolgten, und zwar, wie wir sehen 
werden, ohne persönliche Verbitterung. 

Denn die meisten rein kirchlichen Fragen, in denen er 
von Ignatius ab wich, harrten ja erst der Entscheidung. Daß 
die Kirche einer Reform bedürfe, war ja den Besseren auch 
früher, und auch dem eben herrschenden Papste klar, und 
nicht nur ihm. Hervorragende kirchliche Würdenträger hatten 
schon vor Jahren Pläne einer Verbesserung der kirchlichen 
Zustände ausgearbeitet, der Papst bemühte sich unentwegt 
um ein Konzil, das die religiöse Frage Deutschlands, die 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Digitized by 


316 32 

allmählich za einer europäischen geworden war, löse, und 
die von allen Seiten ertönenden Klagen verstummen lasse. 

Basch wechselten die Zustände und die Stimmungen in 
den fahrenden Kreisen der Christenheit. Zur Zeit, wo Fosteill 
aus dem Orden schied, haben die beiden sich bekämpfenden 
Herrscher Westeuropas sich versöhnt, um ih^e Waffen gegen 
«die Häresie zu wenden. Der Papst und der Kaiser schlossen 
ein Bündnis zu dem Kampfe gegen die Gegner des Reiches 
und der Kirche. Als eine Krönung des Werkes sollte das 
so oft anberaumte Konzil nunmehr auch einberufen werden 
und zustande kommen. 

Bald zeigten sich freilich auch die Differenzen inner¬ 
halb des Katholizismus, so besonders auch in den Interessen 
der Machthaber. Der Kaiser will die Einheit des Reiches 
und fordert Zugeständnisse von Rom fttr die Evangelischen, 
•die Kurie will die Überlieferung, auf der sie selbst ruhte, 
vor dem Ungestüm der Reformer retten. — Während dieses 
Umschwunges hielt sich Postell eine Zeit lang außerhalb des 
-Ordens noch in Rom auf, war aber schon anfangs 1547 in 
Venedig. 

Trotz der Anfeindungen des Ordens, die vielleicht auch 
zu kürzeren Verhaftungen geführt haben 1 ), hat er sich aber 
auch in den höheren kirchlichen Kreisen ein Ansehen er¬ 
worben und es fehlte ihm auch an Verbindungen nicht. 
War auch vieles von dem, was er schrieb und predigte, be¬ 
denklich, so ist es ja auch bei zahlreichen andern Propheten 
•der Kirche nicht anders gewesen: seine Opferwilligkeit, sein 
Eifer fttr die Kirche, seine Gelehrsamkeit und sein asketischer 
Wandel forderte auch von seiten der Gegner Respekt für ihn. 
So wird es uns erklärlich, daß er, als das Konzil seine Be¬ 
ratungen begonnen, im Geiste mitarbeitete. Hatte er ja gegen 
die Gesellschaft Jesu den Vorrang des Konzils verfochten! 
Freilich interessierten ihn nicht so sehr die Lehrfragen, durch 
«deren Entscheidungen das Konzil in seinen ersten Sitzungen 
•die Reformation verurteilt hat. Er schaute viel weiter hinans! 
Von Venedig aus, wohin er von Rom schon um 1546 ge¬ 
zogen war, hat er dem Konzil die Naohrioht über eine 

*) Vgl. Postells Brief an Masins v. 22. Jan. 1547 bei Chaufepiö III 
8. 219 Anm. 


Go igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



33 


317 


bereits dem Drnck übergebene Schrift „de restitutione 
humanae naturae“ unterbreitet „impnlsns lnmine, qnod nnlla 
•creatura refngere potest“, damit es diejenigen, die im Kon¬ 
zil das Wort haben, kennen lernen. Und zwar habe er dies 
der Sicherheit halber unterbreitet, weil er die Ansicht der 
Kirche auch in einer Frage hochhalte, die „simpliciter pro- 
poni, ut coelitus advenit, poterat“ 1 ). 

Die Schrift, die noch von Born nach Basel an den Buch¬ 
drucker geschickt worden war, war noch mehrere Jahre 
nachher vorhanden, ob sie noch irgendwo zu finden ist, kann 
ich nicht sicher sagen. Über ihren Inhalt sagt Postell selbst 
folgendes. 

Fs war „opus iustae magnitudinis, quod inscribitur, 
Abscoudita a constitutione mnndi, De naturae humanae 
restitutione, in eam conditionem quam ante peccatum habebat, 
nunc adfutura in inferioribus cum magno foenore: in quo 
haec continentur, Clavis scripturarum, qua ad interiora itur 
velaminis: Ostiam apertum aeterni mysterii: Septem Sigillorum 
.libri ab agno aperti reseratio: Evangelion aeternum, seu 
naturae et gratiae conjugium: ad Consilium divinitus coactum 
ubivi8“ 2 ). 

Es ist nicht ganz klar, ob Postell dies Werk auch in 
Handschrift an das Konzil eingereicht hat, oder ob er den 
Druck abwarten wollte, um es dann erst der heiligen Ver¬ 
sammlung zu widmen. Jedenfalls ging der Druck nicht so 
vor sich, wie Postell es sich gedacht. — Unterdessen war es 
mit dem Konzil selbst zur Krise gekommen, es wurde durch 
den Papst nach Bologna verlegt. Da fand sich unser Autor 
irgendwie veranlaßt, Uber seine mit der Schrift verbundenen 
Absichten die in Bologna beratenden Väter aufzuklären. 

ln einer Satisfactio und Retractatio für die Schriften 
„de Naturae humanae instauratione tarn in magno opere quam 


*) Vgl. Schweizers Artikel a. o. a. 0. 

*) Diese Angabe verdanken wir dem für ans sehr wertvollen 
Verzeichnis Postellscher Schriften, das er selbst für die von J. Simler 
besorgte Ansgabe der Epitome Bibliothecae Conradi Oesneri vor 1555 ab¬ 
gefaßt hat (vgl. C. Gesners Vorrede zu den Bach). Das oben angeführte 
Exemplar schließt mit den Worten: „über nondnm editns, extat apnd 
Jo. Oporinnm, Basileae: aliquando in lucem edendus, cnm Deus voluerit.“ 

Archiv für Beformationsgeschichte IX. 4. 21 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



318 


34 


Digitized by 


ia appendicibus ejus“*) versichert der vermutlich unterdessen 
von neuem angegriffene Verfasser das Konzil, daß er, obwohl 
seiner Sache völlig sicher, für seine Ansichten die Appro¬ 
bation der Kirche anstrebe, denn in einer Häresie möchte er 
nicht bleiben. Der Buchdrucker habe in der Sache nicht 
ganz im Sinne seiner Intentionen gehandelt. Alles unter¬ 
werfe Cr dem Urteil der Kirche, beanspruche aber für sich 
die Freiheit, in theologischen Fragen außerscholastische 
Bahnen wandeln zu dürfen. Die Autorität habe nur Wert, 
wenn sie von der Kirche erläutert wird. Er habe seine 
Wahrheiten „contemplatione veri magis“ erreicht und halte 
sie für so evident, wie 2X2 = 4. Er beziehe sich auf das 
früheste Christentum zurück, denn dem Adam hat sich der¬ 
selbe Gott, wie später, geoffenbart. — Also ein Übertrumpfen 
der zu den Ursprüngen des Christentums zurückrufenden 
Reformation! 

Zunächst verteidigt Postell seine Lehre von der anima 
Christi mit der Ansicht der Juden, Ismaeliter, als eine natur¬ 
gemäße. Dann, daß die in Adam genossene Frucht ein Typus 
des Sakraments gewesen sei: eine ihm geoflfenbarte Wahrheit, 
wie er dies im aeternum evangelium 2 ) mit Hilfe der Natur 
nachweist. Ebenso verteidigt er andere noch abenteuerlichere 
Anschauungen: aber alles empfiehlt er als bereits alt herge¬ 
brachtes und ist bereit, das, was sein persönliches wäre, zurück¬ 
zunehmen 8 ). — Die Unredlichkeit des Druckers Oporinus, 
über die Postell in dieser Eingabe klagt, erklärt sich einfach. 
Oporinus erschien das ihm an vertraute große Werk zu umfang¬ 
reich, und wohl als Probe hat er zwei kleinere Schriften, die als 
Anhänge des Werkes gedacht waren, veröffentlicht, und da¬ 
durch Uber die Vorschläge des Verfassers auch die große 
Öffentlichkeit aufgeklärt, obwohl dessen Name dabei über¬ 
haupt nicht 4 ), oder nicht in wahrer Form genannt wurde 6 ). 
— Diese beiden Schriften erfordern von uns eine aus- 


’) Veröffentlicht von Schweitzer a. o. a. 0. 

*) Zwei Kapitel dieser sonst unbekannt gebliebenen Schrift ab' 
gedruckt bei der Pantbenosia S. 133 ff. 

*) Vgl. Schweitzer a. a. 0. 

4 ) So auf dem Titelblatt der abscond. clavis. 

5 ) So in der Panthenosia. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



319 


führlichere Würdigung, und zwar nicht bloß deshalb, weil 
Postells Eingabe von ihnen spricht. 

Die erste enthält einen Hinweis auf den Zweck schon in 
ihrem Namen: Panthenosia, und tritt demnach als Seiten¬ 
stück zu seinem von uns ausführlich besprochenen großen Werke 
OTConcordia vor den Leser. Es handelt sich um eine Ein¬ 
heit in den ewigen Wahrheiten (oder Wahrscheinlichkeiten — 
heißt es im Titel selbst), die er nicht nur zwischen den ver¬ 
schiedenen Religionen der Gegenwart, sondern auch in der Ver¬ 
gangenheit schaffen will. Er trägt hier den Namen Elias 
Pandocheüs, nennt sein Wort „tubae penultimae stridor“, und 
fügt hinzu: „Solus erit Iudex, qui meliora dabit.“ In den 
ersten Kapiteln zeigt er seine uns schon aus den letzten 
Pariser Arbeiten bekannte Legitimation zu solchem Plan: 
es rede nicht er selbst, es rede Christus aus ihm. Er weist 
auf ähnliche Beispiele der Geschichte hin, besonders auf den 
Apostel Johannes. Sein Ziel ist, Jesum zu restituieren, bzw. 
seine Glieder zu sammeln, und zwar bei Beobachtung der 
Vorgänge in der Natur, feststehend in der unabänderlichen 
Wahrheit. Gab es schon im alten Bunde abweichende An¬ 
sichten, so wurden sie geduldet, niemals wurde gegen sie mit 
Excommunication gekämpft. 

Die Restitution vollzieht er ideell gleich, indem er a 11 - 
gemeingültige Wahrheiten zusammenstellt*). So 
zunächst über Gott. Gott ist Ursache des Alls, an sich un¬ 
begreiflich, unendlich, unbeweglich, unveränderlich, obwohl 
allmächtig handle er nicht nach seiner absoluten Macht, 
sondern nach der von ihm festgestellten Ordnung, zum Ziele 
aber hat er seiner Schöpfung das erhabenste, sich selbst, 
gestellt. Über die Natur lehrt der Verfasser: nichts kann 
von sich selbst entstehen, alles Geschaffene ist endlich und 
faßbar, das Materielle wird von außen bewegt, aber seiner 
Natur nach, scheinbare Unordnungen finden sich nicht in der 
„primigenia rerum compositio“, ein gewisser Geist be¬ 
herrscht alle Dinge ihrer Natur nach durch Zeit, Ort und 
Bewegung. Nach diesen kosmologisch-ontologischen Thesen 
kommen einige Wahrheiten über das Heil oder das höchste 
Gut. Das vornehmste ist, was von Natur alle anstreben; 

*) Von mir abgedrackt im Th. Camp. usw. S. 84 Anm. 4. 

21 * 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



320 


36 


Digitized by 


da aber die Natur keine Vollkommenheit in sieh bat, so 
teilt sich dies Heil als Strebens- oder Sehnsuchtsziel allen 
Wesen mit, den Engeln ebenso wie den Menschen. Für den 
Menschen muß dies Heil Anfang und Ende sein, anwendbar 
dem Körper und dem Geist in gewisser Übereinstimmung 
mit anderen Dingen und es muß durch unsichtbare Art der 
Liebe mit uns vereinigt werden. 

Dies die Grundaxiomen Postells. Man kann ihre Zu¬ 
sammenstellung keine hervorragende Leistung und keine 
fruchtbare Errungenschaft nennen: eine Überwindung der 
Differenzen bedeutet die neue Wahrheit nicht, und zwar 
weder in der rationalen Theologie noch auch in der Ethik. 
Die Atomisten werden die Kosmologie wie auch die Sätze 
von der Natur zurückweisen, und die mystische Erfüllung 
der Geschöpfe mit dem Heilsgedanken, vermittelt durch die 
Liebe, ist eine nicht ganz neue Mythe. Es gehörte ein Ver¬ 
kennen der Geschichte mit ihren Kämpfen und abenteuerlichen 
Phantasien Uber die Zukunft dazu, wenn man solche Theorien 
als eine Grundlage für die geistige Einheit der Menschheit 
aufstellen konnte. Und doch bezeichnen die Sätze einen 
wichtigen Fortschritt auf der von Postell betretenen irenischen 
Bahn. Was in der OTC ein vage Erörterung war, ist hier 
in einer Anzahl von Sentenzen klarer formuliert, zu der 
ratio, auf der der intellektuelle Teil der Religion ruht, tritt 
nun die Liebe als die eigentliche Trägerin des Heils, freilich 
auf eine Weise, die eine Beschränkung der Vernunft be¬ 
deutet. — Die Metaphysik der beiden ersten Kapitel erhält 
so eine Ergänzung, die den Bedürfnissen der Religion ent- 
gegenkommen kann. Freilich ist all das, was er hier zu¬ 
sammengebracht, allzu abstrakt, und es ist fraglich, ob des¬ 
halb, weil es eine Konstruktion ist, oder ob deshalb, weil 
das eigentlich, wahrhaft Religiöse an Geschichte anknüpft, 
aus der Geschichte lebt, die in abstrakte Schemen nicht 
leicht zu unterbringen ist. Trotzdem ist es als praktische 
Irenik ebensowenig wertvoll, wie es außer Zweifel die, aller¬ 
dings tiefer begründeten, späteren Versuche antizipiert, die die 
Religion vereinfachen, bzw. in ihrer ursprünglichen allgemeinen 
Form auffinden wollten. Dies sollte die Geschichte nicht mehr 
vergessen1 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



37 


321 


Seine eigentlichen Mittel kramt freilich der Verfasser 
erst im folgenden ans. Anf die immerhin einigermaßen feste 
Grundlage der allgemeinen Wahrheiten richtet er eine noch 
weniger einleuchtende Theorie von der Weltseele, oder der 
Seele des Messias anf. Gott — so meint Posteil — als 
vollkommenes Wesen konnte die Welt, wie sie ist, nicht un¬ 
mittelbar erschaffen haben. Vor allem schuf er die Seele 
des Messias, von dieser Seele stammt alles, wie das Postell 
im folgenden einzeln nachweist Es ist nun die Pflicht dieses 
selben Messias, alle Geschöpfe zu Gott und Seligkeit zurück- 
zuftthren, indem sie vom Satan und der Sünde befreit werden. 
Zu der Seligkeit gehört auch die Wiederherstellung der Ein¬ 
heit der Anschauungen in den Fragen, die durch die allgemein- 
gültigen Sätze nicht berührt wurden. Die Versuche, die da¬ 
mit Postell anstellt, zeigen, daß er sich diese Aufgabe recht 
harmlos vorgestellt hat Auch die positive Darstellung seiner 
Ansichten kann auf keine besondere Wertschätzung Anspruch 
erheben, interessant sind vielmehr nur einige praktisch¬ 
kritische Bemerkungen: so „de censurae virtute“ (Kap. XXVI); 
„de primatu concilio et clave“ (Kap. XXXI), hier tritt er für 
eine ökumenische Kirche in Jerusalem unter Christo ein; 
da der Papst sich dagegen ausgesprochen, so sei er der 
Antichrist. — Besonders auffallend ist die hohe Wertschätzung 
des Mohammed, den er als einen Propheten im Sinne des 
Paulus bezeichnet, wie solche etwa bei den Christen Methodius, 
Merlin, Joachim, Birgitta, Catharina waren. Bald darauf wird 
auch die Kabbala zum Beweise dessen, daß es im Alcoran 
viele Mysterien gebe, erwähnt und das Verhältnis zwischen 
Abraham, Isaak und Israel gekennzeichnet 1 ). — Es naht 
aber ein Ende aller Streitigkeiten, und es wird mit Taten 
gekämpft werden; — deren Ausgang ist das letzte Kapitel ge¬ 
widmet. Rom mit seinen Anathemen hat abgewirtschaftet, 
jeder wird ohne Rücksicht auf seine Konfession von Gott 
angenommen werden, Christus blickt nicht auf den Irrtum, 
sondern auf die Intention. 

>) S. 112. Hier begegnen wir anch die von Postell öfters an¬ 
geführten Stadien: lex natnrae, lex scripta, lex gratiae, die später 
die Grundlage der Föderaltheologie (des Coccejus) bilden. Auf diese Ver¬ 
wandtschaft mit Coccejus, die auch später noch erwähnt werden wird, 
hat schon Ittig verwiesen. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



322 


38 


Digitized by 


Die Schlußaufforderung knüpft jedoch nicht an Christum, 
vielmehr an die eingangs besprochene Weltseele an, 
wenn er sagt: „Seien wir alle Jesuaner, wir wünschen und 
nennen als Genossen die Juden und die Ismaeliten ... die 
ganze menschliche Natur.“ Wie in den oben skizzierten 
allgemeinen Wahrheiten, so fehlt auch in den Schlußworten 
der Schrift das spezifisch christliche, und das Christentum 
erscheint den übrigen Religionen, besonders der jüdischen 
und mohammedanischen, höchstens koordiniert. Besonders 
scharf wird Rom mitgenommen, an dessen Stelle ein orienta¬ 
lisches Zentrum der Menschenverbrüderung verkündet wird. 
Das Einheitliche, an das sich all das Bunte reiht — ist die 
Natur, noch näher, die restituierte Menschennatur, sie wird 
bald die von so vielen sehnsüchtig ersehnte Einheit des 
menschlichen Geschlechtes erbringen. 

Man muß staunen, daß der Verfasser so eine Schrift an 
das Konzil gerichtet, auf dem Roms Legaten präsidierten und 
daß er in einem der Legaten gar einen Protektor gefunden. 
Noch mehr bezeichnend sind die letzten Seiten des Büchleins, 
die, weil sie frei geblieben waren, der Typograph dazu be¬ 
nutzt hat, um aus Postells sonst unbekannt gebliebenem Werk 
„Evangelium aeternum“ zwei Kapitel mitzuteilen, die direkt 
Rom als Hindernis einer Reform bezeichnen, das, als Babylon, 
fallen müsse und mit dem man keinen Frieden eingehen könne 
— solange Birgittas Prognosticum nicht erfüllt wird 1 ). 

Das zweite Programmwerk „Absconditorum Clavis“ 
enthüllt die verborgenste Zukunft. Hier spricht der Verfasser 
nicht unter seinem Namen, die spätere Ausgabe sagt von 
ihm: „ex divinis decretis exscriptor.“ In den einleitenden 
Kapiteln belehrt er den Leser, daß die restitutio Christi ihr 
Ziel noch nicht erreicht hat, weshalb sie jetzt pro extremo naturae 
remedio zu erwarten ist. Dies ist die Einverleibung Christo 
im Sinne des Jesuanismus der Panthenosia. Indem die 
restitutio die Vernunft zur Wahrheit anleiten wird, werden 
alle in den Besitz des rechten Glaubens gelangen. Grund¬ 
lage für diesen rationalen Glauben ist die bekannte Deu¬ 
tung der Trinität, und namentlich die Lehre von der Seele 
Christi. Nachdem dann die folgenden vier Kapitel die 

J ) S. 142—143. 


Go^ 'gle 


Original frn-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



39 


323 


Hauptfragen der Christologie nnd Anthropologie erörtert 
haben, gelangt P. zu dem Hauptthema der Schrift: zum Ge¬ 
richt, zur Betrachtung der höchsten Vollkommenheit nnd zn 
deren Bedingnng, der commnnio perfecta, zur Notwendig¬ 
keit eines Mittlers nnd zn der Anferstehnng. Ein letztes 
Kapitel enthüllt uns den Sinn der ewigen Disposition, indem 
der Verfasser entsprechend den Bestandteilen in Christo 
vier Zeitalter der Kirche unterscheidet, und dafür ans dem 
Alten und Neuen Testament zahlreiche Beweise erbringt. 

Die vier „considerationes“ Christi entsprechen den vier 
Zeitaltern der Kirche auf folgende Weise. In der ersten 
wird er als die ewige Weisheit Gottes gedacht. Die zweite 
gilt von seiner Seele, als von einer Weisheit, die vor allen 
Dingen geschaffen nnd mit der göttlichen vereint worden 
ist; die dritte als von dem menschgewordenen Gottessohn. 
Die vierte denke ich wörtlich wiedergeben zu müssen 1 ): „At 
in qnarta omnia cnmnlantnr, in qna est snb sancto sacra- 
mento ecclesiae Mariae et dei filius, eo modo, quo se ipsnm 
«ommnnicare suis creaturis potest, modo et sibi et illis conve- 
nientiori. Sicut enim est ipse Panis vitae, verbumqne Dei, 
omnia spiritnaliter alens, et conservans in Hominnm gratiam: 
ita non potnit majns de se specimen edere, qnam snb specie 
Panis et Vini realiter et vere seipsum membris sibi incorpo- 
randis inserere: nt qni illum in se fide, fame, ardore, sni 
nndi, illo vestiti, recipiunt, omnino in enm mutentnr, et illi 
adnectantnr, sine qna insitione nulli est perfecta salus. Hoc 
«st quartae aetatis ecclesiae foelicitas, et Convivium 
omnia uniturum.“ Es erfolgt also eine Verchristung 
der Menschheit, die Postell an dem von ihm so oft besprochenen 
Geheimnis des Abendmahls beleuchtet. 

Zum Schluß folgen einige Nachweise aus dem Alten 
Testament über die Art und die Zeit dieser Vollendung des 
vierten Zeitalters, die, wie schon eine Pariser Schrift ver¬ 
kündet hatte, nahe bevorsteht 2 ). 

Die Väter des Konzils, die gerade eine Spaltung ihrer 
von Postell prinzipiell so hochgehaltenen Versammlung hinter 
sich hatten, konnten diese henotischen Träume ebensowenig 

l ) Absc. clav. hgeb. von Abr. Frankenberg. Amsterdam 1646. S. 48. 

*) Das. S. 47-73. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



324 


40 


Digitized by 


für höhere Botschaft erkennen, als die. abenteuerlichen 
Spekulationen, die in den beiden von Oporin heraus¬ 
gegebenen Schriftlein enthalten waren. Es ist freilich frag¬ 
lich, ob ihnen jene Schriftlein schon damals bekannt ge¬ 
worden sind. Aber den Jesuiten, die bereits in Trient, be¬ 
sonders bei der Verhandlung des Justifikationsdekrets eine 
Rolle gespielt haben, waren die eben erwähnten Phantas¬ 
men schon aus Postells Zugehörigkeit zum Orden gut be¬ 
kannt geworden. Es bedurfte jedoch nicht einmal des An¬ 
sehens eines Lainez, damit die Postellsche Satisfactio und 
Retractatio ihren Zweck verfehlte. 

Nicht entmutigt oder wankend gemacht, beschließt 
Posteil, die im großen Opus enthaltene Botschaft in einer 
neuen Schrift zu wiederholen. Er will den Vätern von 
neuem das Herannahen der letzten Zeit verkündigen und 
die Kirche an die Notwendigkeit der renascentia erinnern. 
Er habe diese Verkündigung als seinen Beruf von Christo 
erhalten, und faßte den Gedanken, das, was er schon vor¬ 
hin geschrieben hatte, dem Konzil etwas kürzer vorzulegen. 
Er versieht die so entstandene Schrift „de nativitate 
mediatoris ultima“ mit einer Widmung an die Väter, 
in der er sie von neuem zum Aufrichten jener Ein¬ 
heit mahnt. Wie wenig Beifall auch die Schrift unter de» 
Konzilvätern gefunden haben mag, so hat man die Widmung 
als ein Zeugnis hohen Sinnes schon früher erkannt und an¬ 
erkannt. Nach diesem Schriftstück ist die Grundlage, auf 
der eine, jene renascentia aufnehmende Einheit unter den 
Menschen geschaffen werden könne, die Herrschaft der Ver¬ 
nunft ohne Autorität, — bei der dadurch herbeigeführten Frei¬ 
heit ist Bann und Fluch antiquiert, was die Väter selbst durch 
Tat beweisen mögen x ). Freilich sei das Konzil selbst weit da¬ 
von entfernt, ein ökumenisches zu sein, es fehlen viele Nationen 
daran. Er empfiehlt nochmals die durch das Heilige Abend¬ 
mahl genährte natürliche Vernunft als Leiterin der Natur 
und wiederholt zum Schluß: „. . . haec scripta . . . nostra 
non sunt, sed Christi, sensibiliter in nobis Evangelium suum 
exponentis“ ... Er unterzeichnet sich aber „Inutile ser- 

J ) Buddeus sagt hierüber (Obs. Halens. I 357): „Usus profecto 
hic est Postellus tanta libertate, quae in animum mediocrem non cadit“. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



41 


325* 


vorum Dei mancipium“, ferner mit dem Pseudonym der 
Panthenosia Elias Pandochaens. 

Auch die übrigens ziemlich umfangreiche Schrift „de 
nativitate Mediatoris ultima“ tritt zunächst für den Rationalis¬ 
mus in den Glaubenssachen ein. Besonders in den Bekennt¬ 
nissen müsse es „ratio“ geben, die allen mit Vernunft Aus¬ 
gestatteten genüge. Aber noch mehr als sonst wird hier 
zur Stärkung unserer rationellen Tätigkeit das Heilige Abend¬ 
mahl empfohlen, dessen Genuß uns unglaubliches Licht bietet*). 
Die Darstellung dieser vernunftmäßigen Erkenntnis beginnt 
wiederum mit Christo, als substantia substantiarum. Christi 
eigenen vier Naturen entspricht in dieser Welt: terra, caelum, 
aqua, aer. Das Feuer aber ist der Geist, der in ihn von den 
Personen der Gottheit geflossen ist. Indem Postell diesen 
Christum in dem Lauf des Werdens und der Geschichte 
nachweist, unterscheidet er dessen mehrere Nativitäten; die 
letzte steht bevor. Durch sie wird er in die ganze Natur 
eindringen, so wie die Speise nur in ihren wertvollen Teilen, 
in den Körper dringt, um ihn zu beleben. Ist Jesus der 
Körper und die Materie des Universums, so ist Christus wie 
dessen Form die Seele. Nachdem in der letzten Nativität 
des Mittlers die früheren vereinigt werden, werden wir selbst 
vergottet: Alles wird in ihm und er überall. Da unsere 
Seele ein Teil der universellen Seele der Welt ist, so er¬ 
reicht sie die Unsterblichkeit in der eigenartigen, wenn auch 
nicht neuen Form einer Apokatastasis 2 ). 

Beurteilt nach dem so energisch betonten Prinzip 
der Vernünftigkeit und Natürlichkeit, waren die von Postell 

] ) S. 12. De vero cognoscendi modo, quo certissime ad summi 
cognoscibilis veritatem veniatur. 

S. 18. „Necesse est — ut in sacrosanctis axiomatibus, sed prae- 
cipne in fidei articulis subsit talis ratio, quae Omnibus ratione praeditis 
faciat satis. 

„Certissimo modo per synceras notiones arte epagoges et syllo- 
gismi in viam solius rationis deductas, et ab autoritatia ergaatulis 
deductas, tandem eo unde decidimus in Adamo, repedabimus“, — indem 
wir zugleich aus dem Abendmahl ein unglaubliches Licht erhalten. 

*) Vgl. hierüber das Kapitel: „De Christi dilatatione in Universo 
futura per hanc sancrosanctam Nativitatem, sicut est ab Initio' 1 
S. 159 ff. — Die abschließenden Worte S. 168. 


Digitized by 


Gck 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



326 


42 


Digitized by 


vertretenen Doktrinen freilich ein wenig einleuchtendes Zeugnis 
seiner von ihm behaupteten höheren Sendung, die letzte Zeit, 
die Widerherstellung des Menschen zu verkündigen. Die 
orientalistische Messiasidee, als Abschluß der chiliastischen Er¬ 
wartungen konnte schließlich gegen die Reformation als älterer 
Zeuge angerufen werden, für die Konzilväter hatte sie wenig 
praktischen Wert. Die Predigt der Toleranz war nach der 
Neuaufrichtung der Inquisition ein Anachronismus. Und auch 
zu der politischen Lage paßte sie nicht. Gewiß hat Fr. Buddeus 
mit seiner von uns zitierten Sentenz Uber Postells Großmut recht, 
und wir geben gerne zu, daß dieser in der Abmahnung von 
Anathem und Index als kühner Vorbote neuer Zeiten und Ideen 
erscheint, zumal wir sehen werden, daß dies bei ihm nicht 
ein vereinzelter Einfall gewesen. — Aber sollte etwa der 
Kaiser seine Beute freigeben, auf daß die Kämpfe von neuem 
beginnen *)? 

So haben die Schriften nur die Feindseligkeiten gegen 
ihren Autor vergrößert. Die Jesuiten hörten nicht auf, ihre 
Anklagen gegen ihn zu wiederholen, andere gesellten sich 
ihnen bei 2 ). Man verbot ihm gar die Predigt in Venedig. 
Da erschien es dem Verfolgten von neuem angezeigt, sich 
zu rechtfertigen und er richtet jetzt an den Kardinal Cervino 
und an „totius consistorii patres“ eine Apologia und 
Postulatio. Er bittet aus drei Gründen gerade ihn um 
seinen Schutz und seine Gunst. Er verweist hier auf die beiden 
Punkte, wegen welcher er von den Jesuiten am ärgsten an- 
.gefeindet würde, daß der König von Frankreich universi 
imperator werden solle, und daß die „sedes ipsi Petro 
Romae concessa“ nach Jerusalem zum Grabe Christi zurück¬ 
zuverlegen sei. — Nachdem er diese Punkte von neuem er¬ 
örtert, erklärt er, daß er sich dem Konzil, wenn es diese 
Ansichten verurteilt, fügen werde, wie er sich auch dem Ver¬ 
bot des Predigens in Venedig gefügt habe, und bittet um 

x ) Es ist bemerkenswert, daß diese bald so selten gewordene 
Arbeit auch in Handschriften kursierte. Die E. öffentliche Bibliothek 
zu Petersburg hat nicht nur eine Abschrift des Werkes, Lat. Ms. 
Q. 1144, sondern auch einen Folioband, der Exzerpte aus dem vielfach 
so eigenartigen Werke enthält, Ms. Lat. I 538. 

2 ) Zu ihnen gehörte auch der Postell sonst wohlgesinnte Ambrosius 
•Catharinus. Vgl. Schweitzer a. a. 0. S. 96. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



43 


327 


eine Stelle als Lehrer der Sprachen in Rom. Auch als 
Bibliothekar wäre er gerne tätig, sich begntlgend mit einem 
Solde, der nur für die Naturnotwendigkeiten ausreiche 1 ). 

Diese Apologia hat auf den Legaten des Papstes, und 
wenn er sie überhaupt weiter vorgelegt, auch auf die Väter 
in Bologna, kaum einen Eindruck geübt und vermutlich, 
ja höchst wahrscheinlich, hatten sich, seitdem P. sich in 
Venedig aufhielt, die Anklagepunkte gegen ihn gehäuft. 
Offenbar hatte er sich in Venedig ebenso wenig beherrschen 
können, wie in der Gesellschaft zu Rom. R. Etienne erzählt 
uns, daß Posteil auf dem Platze Rialto in Venedig an mehrere 
eine Rede gehalten in dem Sinne, daß, wenn man eine gute 
Religion haben wolle, man eine solche aus den drei vor¬ 
handenen, der christlichen, der jüdischen und der türkischen 
zusammenstellen müsse, und daß besonders die türkische, 
wenn man sie näher betrachte, viele Vorzüge habe 2 ). 

Diese Rede, verglichen mit der eben besprochenen Apo¬ 
logie zeigt uns die Disziplinlosigkeit in Postells Geiste. 
Hatten wir sie bereits früher gesehen, so haben wir aus 
seinem Aufenthalt in Venedig einen neuen Grund zu ver¬ 
zeichnen, der sie wesentlich mehren und steigern mußte. 

Es wurde allgemein bekannt, daß Posteil in Venedig 
eine Frau kennen gelernt, in der er eine Art Mutter Gottes, jeden¬ 
falls ein höheres Wesen, erkannte und die er, mit einer be¬ 
sonderen Aufgabe in der eintretenden letzten Zeit ausstattend, 
bald auch in den Gedankenkreis seiner Botschaft aufnahm, 
ja ihr bald darin eine zentrale Stelle zuwies. Daß dies sein 
Ansehen in Bologna nicht heben konnte, braucht nicht näher 
bewiesen zu werden. Diese Tatsache ist aber auch sonst 
von großem Interesse für unsere Untersuchung. Es tauchen 
zwei Fragen auf und die beschäftigen die Forscher seit 

*) Schweitzer a. a. 0. S. 104—106. 

*) Vgl. H. Etienne, Apologie pourHerodot. A la Haye 1735 
I S. 184: „Toutesfois ie ne sqay pas si entre les livres qu’il a voulu 
estre imprimez, se trouvent des propos lesquels il a tenus une fois 
ä VeniBe ä plusieurs, et ä moy entr’autres, en la place de Realte, a 
sgavoir que pour faire une bonne religion il faudroit qu’elle fust com- 
posee des trois religions, de la Chrestienne, de la Judaiqae, et de la 
Turquesque: et que nommeement la religion des Turcs auoit de bon 
points, si on la consideroit de pres.“ 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



328 


44 


Digitized by 


langem: 1. seit wann datiert die Bekanntschaft mit diesem 
Weib?, and 2., hat sie in Postells Geisteswelt and in seine 
Predigt Neues gebracht und worin besteht dieses Nene? 

Einstweilen wollen wir ans mit der ersten beschäftigen 
and dabei die Frage mit berücksichtigen, ob denn nicht 
schon die bisher genannten Schriften eine Spor oder Zeugnis 
der neuen Bekanntschaft aufweisen. 

Des Billon will die Bekanntschaft mit der Jeanne, so 
(auch Johanna) hieß die Jungfrau von Venedig, ins Jahr 1546 
setzen; so infolge der Angabe: die virgo sei, als sie Posteil 
kennen gelernt, 50 alt gewesen; sie sei aber 1496 ge¬ 
boren. Ferner könne die in einem Brief P.s (22. Jan. 1547) 
genannte Schrift de restitutione humanae naturae, die be¬ 
reits als zehn Monate vorher nach Basel geschickt erwähnt 
wird, nur seit der Bekanntschaft mit der Johanna entstanden 
sein. Daß Postell selbst für das Jahr 1547 zeugt, sei 
nicht ein autobiographisch-historisches, sondern ein rabbini- 
sches Datum. — Darum nimmt Des Billon (a. a. 0. S. 12) an r 
daß die von uns bereits kurz charakterisierten Schriften 
unter dem Einfluß der Johanna geschrieben worden sind. 
Dagegen meint Adelung. (S. 128 Anm.), das Ms. De resti¬ 
tutione etc., das schon im März 1546 nach Basel geschickt 
wurde, konnte nicht unter Johannas Einfluß stehen, aber 
wohl die Absconditorum Clavis und die Panthenosia (das. 
S. 137), ohne daß sie jenen Einfluß verrieten. Diesen habe 
Postell erst 1547 der Welt kundgetan, indem er Johannas 
Offenbarungen an Oporin geschickt hat. 

Mit voller Sicherheit läßt sich das Datum der Bekannt¬ 
schaft nicht feststellen, da wir nicht wissen, wann Postell 
Rom verließ. Sein Brief an Masius, Jan. 1547, ist schon 
aus dem Krankenhause datiert, wo die Jungfrau die Kranken 
pflegte: es ist nicht unmöglich, daß er sie schon 1546 dort 
gesehen hat. Aber die von Adelung genannten Schriften 
sind alle noch aus Rom, und zwar aus der Zeit seiner Zu¬ 
gehörigkeit zum Orden nach Basel geschickt worden, sind 
also von der Jungfrau unabhängig. Auch die Schrift „de nati- 
vitate“ verrät noch nicht unzweifelhaft die neue Wendung 
in Postells Anschauungsweise, weshalb wir sie noch im Zu¬ 
sammenhänge mit der Restitutio erörtert haben. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



45 


329 


Von diesem ersten römischen venezianischen Aufenthalt 
ist anhangsweise noch zu verzeichnen, daß er Posteil zwei 
Freunde, zugleich Schüler in den semitischen Sprachen, be¬ 
scherte, die ihm, obwohl gut katholisch, ungeachtet aller seiner 
Extravaganzen, treue Freundschaft bewahrten. Der eine ist 
Masius 1 ), ein herzoglich clevescher Rat, dessen Briefwechsel 
uns, wie fragmentarisch er nns auch erhalten, zahlreiche wert¬ 
volle Nachrichten über Postells Leben und Wirken erschließt. 
Der andere, Widmannstetter 9 ), hat mit Postell kabbalistische 
Studien getrieben, denen auch Masins nicht fern stand. — 
Dieser letztere findet in diesen Studien 8 ) den Ursprung 
der absonderlichen Lehre seines Freundes. „In Hebraeornm 
penetralibus“ habe auch Masius mit Postell von der zweiten 
Wiederkehr des Messias, von der Wiederherstellung der Seelen 
gelesen, habe aber der Botschaft keinen Glauben geschenkt. 
Im ferneren widerlegt Masius auch die sonstigen eigenartigen 
Gedanken Postells mit Anlehnung an die Autorität der Kirche. 
Masius sagt dabei nicht, ob Postell auch die Gedanken von 
der zweiten Eva und von der Heilsbedeutung des weiblichen 
Geschlechts aus der Kabbala geschöpft bat. Eine solche 
Deutung der Masiusschen Sätze ist nicht ausgeschlossen, aber 
auch nicht gefordert. Ein flüchtiger Blick in die Kabbala, 
besonders das Buch Zohar, zeigt uns, — worauf wir noch ver¬ 
weisen werden — daß der jüdische Einfluß auch in diesen 
Anschauungen anzunehmen ist. 

Haben wir diesen Judaismus schon bisher vielfach ge¬ 
merkt, so werden wir ihn bei unserem Autor in der Folge 
noch konkreter, noch anspruchsvoller auftreten sehen. Freilich 
ist er nicht konsequent genug, und man erkennt gleich, daß 
Postell nicht eigentlich das Judentum wollte, wie er es auch 
seinen Freunden in Venedig gesagt hat. Aber jüdische Ge¬ 
danken und Reminiszenzen und Bräuche herrschen in seiner 
Gedankenwelt immer mehr, in oft verblüffender Weise, vor! 

*) Vgl. über ihn seinen Briefwechsel, hgeb. von Max Lossen. 
Leipzig 1886. 

*) Vgl. über ihn die Allg. D. Biographie. 

8 ) Vgl. Lossen, Briefwechsel des Masius S. 162, Brief des Masius 
vom 13. April 1555. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



330 


40 


Digitized by 


Es möge noch erwähnt werden, daßPostells orientalistische 
Gelehrsamkeit anch an der Knrie bekannt and gewürdigt 
wurde. Darüber zeugt uns ein auch zeitgeschichtlich inter¬ 
essantes Ereignis. Im Jahre 1548 erhielt der Papst von einer 
lusitanischen Matrone in verschiedenen Sprachen geschriebene 
Briefe, und er betraute Postell, darauf chaldäisch und arabisch 
zu antworten 1 ). Doch wäre es zuviel, daraus zu schließen, 
daß der Papst sich mit ihm wirklich versöhnt hätte. Das 
wäre angesichts der Panthenosia und der wiederholten Äuße¬ 
rung, der Papst sei Antichrist, auch beim besten Willen nicht 
möglich gewesen. — Jedenfalls war die Bitte, die Postell 
an Cervino gerichtet, man möge ihm eine Bibliothekar- oder 
Lehrerstelle unter den bescheidensten Bedingungen verschaffen, 
nicht erfüllt worden. 

*) Postell: Les merveill. hist, des femmes Cap. VI. Auch bei 
Weill S. 23. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Beiträge zur Reformationsgeschichte 
aus Drucken und Handschriften der 
Universitätsbibliothek in Jena. 

Mitgeteilt von Bernhard Willkomm. 

II. 

4. Eine bisher unbekannte Redaktion von Melanchthon» 
Einleitung und Schluß zur Augustana. 

(Schluß.) 

Au! Grund dieser Vergleichung von Ja mit Na, die 
eine weitgehende Übereinstimmung beider Stücke in Inhalt,. 
Anordnung und Form ergeben hat, halte ich es für sicher, 
daß Ja und Na von ein und demselben zum gleichen Zwecke 
verfaßt sind, daß also Ja ebenfalls eine Einleitung Melanchthons 
zur Augustana oder wenigstens der Entwurf einer solchen ist. 
Da wir wissen, daß Melanchthon vielfach an der Augustana 
geändert und daß er auch die Einleitung umgestaltet hat, 
so ist es nicht auffällig, wenn sich mehrere Bearbeitungen 
der Einleitung von ihm finden. Es fragt sich nur noch, in 
welchem Verhältnisse die beiden Rezensionen zueinander 
stehen. Ja ist etwas kürzer als Na; es verhält sich zu 
letzterem etwa wie 3:4. Ja könnte also ein Auszug aus 
Na oder Na eine weitere Ausführung von Ja sein. Die 
erstere Annahme, Ja eine verkürzte Bearbeitung von Na, 
stößt aber auf Schwierigkeiten, weil, wie wir zum Teil schon oben 
sahen, Ja tatsächlich kein bloßer Auszug aus Na ist, sondern 
trotz seines geringeren Umfanges doch manches bietet, was 
in Na fehlt, z. B. bei den römischen Kaisern den Namen 
Konstantinus, ferner die Zitate aus Augustinus, Gregorius 
und St. Bernhard, ferner den Erlaß Papst Innocenz’ III, sowie 
die Erwähnung der Reichstage zu Worms und Nürnberg, 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



332 


48 


Digitized by 


überhaupt die ganze Darstellung der Entstehung der Mi߬ 
bräuche in der Kirche. Dagegen wird die andere Annahme, 
daß Na eine ausführlichere Bearbeitung von Ja ist, gestützt, 
ja geradezu gefordert durch Melanchthons Notiz in dem 
Briefe, den er ron Augsburg am 4. Mai 1530 an Luther 
nach Koburg schrieb: „Ego exordium nostrae apologiae feci 
aliquanto QYjToguwTegov quam Coburgi scripseram 1 ).“ Hier¬ 
nach batte Melanchthon also schon in Koburg mit der Um¬ 
arbeitung der Torgauer Artikel zur „ Apologie“ begonnen, 
mindestens bereits eine Einleitung dazu geschrieben, die er 
-dann nach seiner Ankunft in Augsburg rhetorischer ans¬ 
gestaltet hat Wenn nun Na diese rhetorischer ausgeführte 
Einleitung bietet, so haben wir in Ja höchstwahrscheinlich 
die in Koburg geschriebene Einleitung Me- 
lancbthons zur Augustana zu sehen. Schon die aus¬ 
führlichere captatio benevolentiae zeigt, daß Na tatsächlich 
die rhetorischere Einleitung hat, desgleichen der Abschnitt, 
-der die Verteidigung Friedrichs (des Weisen) und Johanns 
(des Beständigen) enthält, sowie die ausführliche Besprechung 
der vorzüglichen religiösen Verhältnisse in Kirche und Volk 
Kursachsens. Daß Melanchthon in dieser späteren Fassung 
(Na) den Abschnitt Uber die Entstehung der Mißbräuche in 
4er katholischen Kirche wegließ, erklärt sich wohl leicht 
aus der Besorgnis, die zu starke Betonung der Mißbräuche 
könnte bei den Gegnern Anstoß erregen. Ängstlichkeit und 
Vorsicht haben ja Melanchthon überhaupt bei Abfassung der 
Augustana die Feder geführt. Er war durchaus bestrebt, 
die Abweichungen Luthers und seiner Anhänger von der 
katholischen Kirche als möglichst geringfügig, dagegen ihre 
Verschiedenheit von den Schweizern u. a», wie den Wieder¬ 
täufern, als möglichst groß darzustellen. Bekannt ist Luthers 
Urteil vom 15. Mai über die Augustana, soweit sie damals 
fertig und ihm zur Begutachtung zugeschickt worden war: 
„Ich hab M. Philippsen Apologie uberlesen: Die gefället mir 
fast wohl, und weiß nichts dran zu bessern, würde sich auch 

*) C. Ref. II, 39. Näheres über die Entstehungsgeschichte der 
Augustana s. bei Eolde, Historische Einleitung in die symbolischen 
Bücher der evang.-lnth. Kirche. Gütersloh 1907 S. IV ff., zur Stelle 
besonders S. VI. 


Go igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



49 


333 


nicht schicken; denn ich so sanft und leise nicht treten 
kann. Christus, nnser Herr, helfe, daß sie viel und große 
Frucht schaffe, wie wir hoffen und bitten, Amen.“ 

In Ja war Melanchthon nun allerdings noch weit sanfter 
und leiser getreten als in der Fassung der Einleitung, die 
er Luther von Augsburg aus zuschickte: Da hat er ja, wie 
wir bereits sahen, nicht einmal gewagt, bei Darstellung der 
Entstehung der neuen Lehre Luther mit Namen zu nennen! 
■Oder sollte dies wirklich zufällig, ganz ohne Absicht unter¬ 
blieben sein? Nun, wie dem auch sei, jedenfalls hat sich 
Melanchthon selbst bald besonnen und es geändert, wie es 
scheint, noch vor der rhetorischen Bearbeitung, die er in 
Augsburg vornahm: denn wenn nicht alles täuscht, reiht 
sich jetzt hier ein Blatt von Melanchthons Hand ein, das im 
Weimarer Archiv auf bewahrt wird, in dem schon Eolde 
(Die älteste Redaktion etc. S. 34) ein Bruchstück der Einleitung 
vermutet hat, die Melanchthon „auf der Reise nach Augsburg 
während des Aufenthalts in Koburg ausarbeitete“ 2 ) und das 
seinem Inhalt und seiner Form nach zwischen Ja und Na 
zu gehören scheint, da es sich sowohl mit Ja als mit Na 
berührt, besonders mit Ja, mit dem es an vielen Stellen 
wörtlich übereinstimmt. 

Auch von diesem Stück, das ich mit Wa bezeichnen 
will, findet sich in dem Jenaer Sammelbande Cod. msc. Bud. 
fol. 2 eine Abschrift, die aber von anderer Hand als Ja aus 
späterer Zeit stammt und einen modernisierten Text bietet. 
Ich gebe im folgenden einen Abdruck von Wa nach Förste¬ 
mann, Urkundenbuch zu der Geschichte des Reichstages zu 
Augsburg im Jahre 1530 Bd. 1 S. 109—112: 

Melanchthons Bedenken über Mißbräuche in der 
katholischen Kirche. 

(Eigene Handschrift des Verf., im Archiv zu Weimar Reg. E. Fol. 37 Nr. 2.) 

f meniglich weyß, das viel grosser vnd schedlicher mis- 
breuch In der Kirchen, christliche lahr vnd ander geistliche 
Sachen belangend, lange zeytt gewesen. Darüber viel hoher 
vnd treffenlicher leut vor diser Zeit seer geklaget haben, 
wie sich K. M. gnediglich wirt wissen zu er- 

*) Vgl. jetzt auch Gaßmann, a. a. 0.1, 1, S. 439 Anm. 24. 

Archiv für Bcformationsgeschichte. IX. 4. 22 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



334 


50 


Digitized by 


inneru, das zu Worms auff ybr M. gehaltem, 
reychstag solcher mißbreuch viel zusamen ge¬ 
tragen vnd yhr M. von stenden zugestaltt sind, So hatt 
nachmals Bast [sic!] Adrianus durch eyn legate» 
für des reychs stenden zu Noriberg meldung da von 
thon lassen, vnd vertröst, gedachte mißbreuch, so vieL 
möglich, zu endern vnd zu bessern. 

vnd ist vnter andern mißbreuchen 1 ) der fnrnemst ge¬ 
wesen, das man fast In allen schulen, döstern vnd 
kirchen wenig von haubtstuken christlichem 
glawbens geprediget vnd gelart hatt, sonder 
dem volk viel schedlicher lahr für tragen von 
falschen gotsdienst, da durch die gewissen hoch vnd 
seer beswert worden, vnd wurden menschliche Satzungen, 
orden, heyligen dienst, walfarten, Indulgentien vnd 
ander vnnötige vnd vntuchtige ding mehr vnd hefftiger ge¬ 
trieben zu verderbung der seelen, denn was das Euangelium< 
leret 2 ), die gewissen zu trösten, dazu wurden teglich 
newe misbreuch vmbs geniess willen, newe stiff- 
tungen, newe misbreuch der messe, newe heylgen 
vnd andere erdacht 8 ), undvbeten die mönch solchTyranney, 
das nicht alleyn geringe leut, sonder auch 
Bischöne [so bei Förstemann!] vnd andere prelaten dazu 
mußten stiller sweygen, da durch-der gross vnwill erstlich 
wider die mönch jn viel leuten erwachsen. Denn mann, 
weyß, wie sich die Sachen von den Indulgentien erstlich 
zu getragen haben, welche vrsach geben von allerley 
mißbreuchen Zureden, denn da man solch vnchristlich 
ding leret, wenn das geltt Ins becken fiel, so 
füre die seel gehn himel vnd ander vnschickliche 
rede viel, nicht alleyn zu wider göttlichem wort, sonder 
auchBebstlichem rechten, hatt sich geburet, das pfarner 
vnd prediger die leut von solchen Sachen vnter- 
richten, denn ob schon 4 ) davon kheyn christ¬ 
licher vnterrichtwe yt er geschehen were, hetten 
solch öffentliche lugen doch müssen vallen, vnd 
were christlich religion In Verachtung khomen,. 


*) vnter andern mißbreuchen] M. schrieb dafür zuerst: „vnter 
andern bösen Ergerniß“, durchstrich aber diese Worte und machte 
die obige Abänderung. 

2 ) Nach „leret“ schrieb M. zuerst: „zu trost“, durchstrich es 
aber dann. 

8 ) An den Rand schrieb M. bei dieser Stelle: „das christliche 
religion nicht viel andere gestaltt hatte, denn heydnische religion mitt 
soviel heylgen vnd gottern vnd bauch gott“. Auch diese Bemerkung 
hat M. wieder gestrichen. 

4 ) ob schon] zuerst schrieb M. dafür: „so“. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



51 


335 


so gott Dicht rechte vnd bestendige lahr dagegen geben 
hette 1 ). Als nuLnther dises vngeschickt predigen 
vnd außschreyben von Indulgentien, wie ehr 
schuldig gewesen, mitt eyner knrtzen lateinischen 
predigt gestrafft hatt, vnd doch Bebstlieher gewaltt 
allenthalb mitt allem vleys verschonet, haben 
die Widersacher so hart vff yhn gedrängen mitt 
lateinischen vnd tentschen schmeschrifften, 
das ehr seiner meynnng grnndvnd vrsach hatt 
müssen anzeygen. Darinn ehr von vielen grossen vnd 
wichtigen Sachen solchen bericht gethan, wie man die 
gewissen durch glawben an Christum trösten 
solle, das viel gelarter vnd redlicher leut 
seyn lahr für christlich®) vnd nöttige gehalden vnd 
befunden, das man zu uor viel falscher vnd vnrechter lahr 
von diesem stuk, wie man gnad vnd Vergebung der 
sund erlangen soll, geprediget vnd geschriben hatt, 
so doch dises stuk In der Christenheit die furuemist predig 
vnd lahr seyn soll von der gnade Christj 3 ). So hatt auch 
Luther erstlich 4 ) kheyne andere mißbreuch anruret 6 ), sonder 
alleyn dieses haubtstnk getrieben, welchs furnemlich nott ist 
zu wissen allen Christen. 6 )Aber die Widersacher haben 
nicht abgelassen, sonder für vnd für widern Luther mitt 
citira 7 ), Bannen vnd vnschicklichen schrillten gefochten, vnd 
viel mehr 8 ) mißbreuch erregt, vnd durch yhr eygne vnschick- 
licheyt 9 ) ynen selbs eynen solchen abfall gemacht, das enderung 
ann viel orten gevolget, darinnen sich doch Luther also ge¬ 
halden, das ehr vntilchtige lahr vnd vnnötige Enderung vff 
das heflftigest geweret hatt. Denn es haben auch vor 
Luthern etliche andere nicht alleyn der geistlichen 
leben, sonder viel dogmata angefochten, daraus viel 
grosser vnlust gevolget wehre, so Luther 
nicht geweret hette. 


J ) so gott nicht — geben hette] dafür schrieb M. zuerst: „so 
nicht — aussgereicht were“. 

*) christlich] zuerst hatte M. „christlicher“ geschrieben. 

*) von der gnade Christ]] zuerst hieß es: „von vordienst Christi 
vnd der gnade“. 

4 ) Nach „erstlich“ schrieb M. ursprünglich: „nicht gehandelt 
oder geschrieben“. 

s ) anruret] zuerst hieß es: „wollen anruren“. 

*) Aber] diesen Satz fing M. zuerst also an: „vnd nicht“. Beide 
Wörter hat er aber wieder gestrichen. 

7 ) citirn] zuerst schrieb M. dafür „bullen“. 

®) mehr] zuerst hieß es: „andere“. 

•) Nach dem Worte: „vnschicklicheyt“ fuhr M. zuerst also fort: 
„mit gemeynem“. Dieß ist aber gestrichen. 

22 * 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



33G 


52 


Digitized by 


1 Mit Na berührt sich Wa an folgenden Stellen, z. T. 
wörtlich: 

Wa. Na. 

Dadurch die gewissen 7,5f.: die gewißen der 
hoch und seer b es wert einfeltigen wurden teglich 
worden. mit neuen aufsetzen be¬ 

schwert. 


Dazu wurden teglich 
newe milbreuch vmbs geniess 
willen, newe Stiftungen, newe 
misbreuch der messe, newe 
heylgenvnd andere erdacht. 


Vnd vbeten die mönch 
solch Tyranney, das nicht 
alleyn geringe leut, sonder 
auch Bischöne[!] vnd andere 
prelaten dazu mußten stiller 
sweygen. 


Als nu Luther . . . mit 
e.yner kurtzen lateinischen 
predigt gestrafft hatt, vnd doch 
Bebstlicher gewaitt allenthalb 
mitt allem vleis verschonet, 
haben die Widersacher ... 
mitt lateinischen vnd teutschen 
schmeschrifften ... 

. . . viel gelarter vnd 
redlicher leut seyn lahr für 
christlich ... gehalden. 

Denn es haben auch vor 
Luthern etliche andere nicht 
alleyn der geistlichen leben, 
sonder viel dogmata ange- 
foehten, daraus viel grosser 
vnlust gevolget wehre, so 
Luther nicht geweret hette. 


7,4 ff.: in den kirchen 
erdacht man alle tag neue 
gottsdinst, die gelt trugen, 
neue weis die meß zu ver¬ 
kaufen, neue heiligen, neu 
ceremonias, ablas on zal, neu 
müncherey. 

7,9ff.: sollchs klagt nit 
allein der gemein man, 
sonder aueh die bischofe 
wie wol in geheim, dan 
öffentlich dorft niemand da¬ 
wider reden, die weil die 
munch also gewalticfclich in 
der cristenheit auch über die 
bischove regirten. 

... widersprach Martinus 
Luther ... in der schul und 
nit vor dem volck auch on 
alle schmäh und Verletzung 
desbabsts. aber seine Wider¬ 
sacher ... ließen viel lester- 
licher buchlein in beiderley 
sprachen ausgeen ... 

7,23: . . . und hetten vil 
fromer und gelerter leut 
ob seiner antwort ein ge¬ 
fallen. 

7,34—8,2: Dan er dan 
luther ichts geschriben, bett 
sich schon allgereit allerlei 
irriger und ergerlicher leer 
angespunnen, welche vil be¬ 
schwerlicher neuerung und 
eroberung in der Christenheit 
verursacht hat, wo das durch 
Luther nit Unterkonten wer. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN J 




53 


337 


Mit Ja stimmt Wa an folgenden Steilen wörtlich ttberein: 
Wa. Ja. 


... wie sich K. M. gnedig- 
lich wirt wissen zu er¬ 
innern, das znWorma anff 
yhrM.gehaltem rey chstag 
solcher mißbreuch viel zu- 
samen getragen — 


Daran wissenn die kay. 
Mat sich genedigklich 
zu erinnern wie vnnd was.._. 
mißbrench auf Irer Mat 
Erst gehaltenem Reichs- 
tagk zu wormbs . . . zu¬ 
samengetragen. — 


... So hatt nachmalsBast[!] 
Adrianus durch eyn le- 
gaten ... zu Noriberg 
meldnng da von thon 
lassen ... zu endern vnd 
zu bessern. 

... das man fast jn allen 
schulen . . . wenig von 
haubtstuken christliches 
glawbens geprediget vnd 
gelart hatt, sonder dem 
volck viel schedlicher 
lahr furtragen ... 

. . . Indulgentien . . ., 
welche vrsach geben von 
allerley mißbreuchen z u 
reden ... wenn das geltt 
Ins becken fiel, so füre 
die seel gehn himei . . . 
hatt sich geburet, das... 
die leut von solchen 
Sachen vnterrichten, . . . 
hetten solch öffentliche 
lugen doch müssen vallen, 
vnd were christlich re- 
ligion In Verachtung 
khomen, so gott nicht 
rechte vnd bestendige 
lahr dagegen geben hette. 


Auch hat BabstAdrianus 
der nechst durch aynen 
legaten ... zu Nurmberg 
vonn . . . meldung thun 
lassenn ... zu anderenn 
vnnd bessernn. 

Das man fast an allenn 
orten wenig von denn 
hauptstuckenn Christ- 
lichs glawbens gepredigt 
vnnd gelert, sondern dem 
volck vill schedlicher... 
lehrenn ... furgetragenn 
hat. 

... Indulgentien ... das 
domit vrsach gegebenn ist 
wordenn vonn denselbigenn 
vnnd dergleichen falschenn 
lehrenn . . . zuredenn . . . 
wann dasgeltlnsbeckenn 
fielh, fihr die seelh . . . 
alsbald gein hyme 1. Darumb 
hat sich gebürt die leute 
vonn solchenn Sachen 
christlich zu vnterrichten..., 
hetenn doch solche öffent¬ 
liche gotslesterung *) vnnd 
darneben auch dye wahre 
christliche Religion jnn 
Verachtung kommenn 
mussenn, So got aus ge- 
nadenn ... darwider nicht 
bestendige vnnd rechte 
warhafftige lehre gebenn 
hete. 


*) Hier scheinen einige Worte vom Abschreiber ansgelassen 
worden za sein, wohl etwas Ähnliches wie: „müssen fallen“, das Wa 
bietet. Vgl. diese Zeitschr. 1912 S. 255. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



338 


54 


Digitized by 


Als na Lather dises vn- 
geschickt predigen vnd 
außschreyben von Indul- 
gentien . . haben die 
Widersacher... gedrän¬ 
gen. 

. . . wie man die ge¬ 
wissen durch glawben 
an Christum trösten solle, 
das viel gelarter vnd 
redlicher leut seyn lahr 
für christlich . .. gehalden 
. . . wie man gnad vnd 
Vergebung der sund er¬ 
langen soll ... 


Als sich aber nhun et¬ 
liche . . . wider solch vn- 
geschickt predigen vnd 
auschreyen von Indul- 
gentien . . ., habenn die 
Widersacher . . . ge- 
drungenn. 

... wie man . . . dye 
gewissen durch glauben 
an Christum tröstenn 
sold ... 

Dasvill redlicher vnnd 
gelerter leute . . . Irer 
lahr habenn zufalh gebenn 
vnnd dieselb vor christlich 
. .. achtenn ... 

wie man genad vnnd 
vorgebung der sunde 
erlangenn soll. 


Wie diese Zusammenstellung deutlich zeigt, sind die 
Übereinstimmungen zwischen Wa und Ja zahlreicher als die 
zwischen Wa und Na. Besonders im Anfang schließt sich 
Wa auffallend eng an Ja, weniger an Na an. Dagegen hat 
es mit letzterem die Erwähnung des Namens Luthers gemein, 
der in Ja vermieden wird. Ist unsere Datierung von Ja 
vor Na richtig, so scheint Wa hiernach zeitlich zwischen Ja 
und Na zu gehören: es bringt nachträglich eine neue Be¬ 
arbeitung der Abschnitte über die kirchlichen Mißbräuche 
und die Entstehung der neuen Lehre. Und diese Vermutung 
wird dadurch bestätigt, daß sich das Blatt schon äußerlich 
tatsächlich als einen Nachtrag zu erkennen gibt: es trägt 
nämlich am Anfang ein Kreuz (f), das doch sicher auf ein 
gleiches Kreuz hinweist, das im Original an der Stelle stand, 
an der Wa als Nachtrag oder Korrektur eingeschoben werden 
sollte. Da sich Wa nun besonders im Anfang sachlich wie 
formell ganz auffällig an Ja anlehnt, so möchte man fast 
vermuten, daß es eine nachträgliche Korrektur zu Ja sein 
soll: Wa faßt im Anfang kurz zusammen, was in Ja über 
die Entstehung und das Zunehmen der Mißbräuche in der 
Kirche ausführlicher behandelt worden war, es soll also 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



55 


339 


•wohl diesen ausführlicheren Abschnitt ersetzen, und geht 
dann nach dem Hinweis anf die Verhandlungen über die 
Mißbräuche auf dem Wormser und dem Nürnberger Reichs¬ 
tage dazu über, zn zeigen, wodurch Luthers Auftreten ver¬ 
anlaßt und gerechtfertigt ist. Vielleicht findet sich zu Wa 
auch noch das Original von Ja und bringt Sicherheit Uber 
unsere Vermutung. 

Ist sie richtig, so würde die Bedeutung unseres Fundes 
darin liegen, daß er einen tieferen Einblick in die Vor¬ 
geschichte der Angnstana, speziell ihrer Einleitung, gewährt: 
Wir könnten jetzt ihre allmähliche Entstehung vom ersten 
Entwürfe in den Torgauer Artikeln, wo Melanchthon durch 
die Bemerkung: „Inn hanc sententiam prodest preponere 
prefacionem longam et Rethoricam“ auf die beabsichtigte 
weitere Ausarbeitung hinweist 1 ), Uber Ja nebst der Korrektur 
Wa hinweg bis zu Na verfolgen. Es ist zwar nur eine 
kurze Spanne Zeit von 2 1 / 2 Monaten, um die es sich hier 
handelt: die einleitende Bemerkung zu den Torgauer Artikeln 
stammt aus der zweiten Hälfte des März 1530, Ja ist, wie 
wir sahen, wahrscheinlich in Koburg, also zwischen dem 
15. und 22. April, und Na nicht nach dem 3. Juni 1530 
verfaßt, denn an diesem Tage schickten die Nürnberger Ge¬ 
sandten die lateinische Augustana, soweit sie damals fertig 
war, an den Rat ihrer Heimatstadt Aber in diese Zeit 
fällt ein Ereignis, das auf die Gestaltung der Augustana von 
größtem Einfluß war: Kurz nach ihrer Ankunft in Augsburg 
{2. Mai) erfuhren die Wittenberger von der Schrift, die Eck 
auf Grund eines Auftrages der bayerischen Herzöge an die 
theologische Fakultät zu Ingolstadt verfaßt und dem Kaiser 
übersandt hatte, die eine Zusammenstellung von 404 Artikeln 
■derer, „die den Frieden der Kirche stören“, enthielt. Hier 
hatte er Sätze aus Schriften Luthers, Melanchthons, Zwinglis, 
Karlstadts aus dem Zusammenhänge gerissen und mit 
Äußerungen von Wiedertäufern und anderen Ketzern zu¬ 
sammengebracht. Konnten die Wittenberger sich vorher, in 
-der Meinung, hinsichtlich der Lehre noch völlig auf dem 
Boden der offiziellen Kirche zu stehen, auf die Darstellung 

J ) Förstemann, Urkundenbuch I S. 68. — Th. Kolde, Die Augs- 
burgische Konfession lateinisch und deutsch, Gotha 1896 S. 128. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



340 


5S 


Digitized by 


ihrer Neuerungen in den Zeremonien beschränken, so sahen 
sie sich jetzt in ihrem Glauben verdächtigt and angegriffen- 
und maßten nan natürlich auch die Lehre in ihrer Ver¬ 
teidigungsschrift mit berücksichtigen. Melanchthon erweiterte 
daher seine Umarbeitung der Torgauer Artikel, die die 
Zeremonien betraf, durch eine Darstellung der Lehre, der 
er die Scbwabacher Artikel zugrunde legte. Und auch 
auf die Einleitung scheint das Bekanntwerden von Ecks 
Schrift nicht ohne Einfluß geblieben zu sein. So können 
wir Melanchthon durch Vergleichung von Ja, Wa und Na 
gleichsam bei der Arbeit beobachten. Wir sehen, wie er 
nicht nach Luthers Art frisch darauf los die Einleitung gleich 
in ihrer endgültigen Form niederschreibt, sondern immer 
wieder daran zu ändern findet, um ja nicht durch einen zu 
starken Ausdruck anzustoßen. Vorsichtig und ängstlich wagt 
er zunächst gar nicht den Namen dessen zu nennen, dessen 
Werk die neue Lehre, das neue kirchliche Leben im sächsi¬ 
schen Lande ist: der ist ja noch geächtet und gebannt und 
wird deshalb heimlich auf die Veste Koburg in Sicherheit 
gebracht und gar nicht auf den Reichstag mitgenommen. 
Wie leicht könnte da schon die bloße Nennung seines Namens 
vor Kaiser und Reich Anstoß erregen! Aber dann (in Wa) 
faßt Melanchthon doch Mut, Luther zu nennen, doch vor¬ 
sichtig geht er dabei zu Werke, indem er nicht unterläßt, 
ganz besonders zu betonen, daß es Luthers Pflicht und 
Schuldigkeit war, gegen den Ablaßunfug aufzutreten, und 
daß er es zunächst auch nur „in einer lateinischen Predigt“, 
also nicht öffentlich vor allem Volke getan, und auch ohne 
jeden Angriff auf den Papst; die eigentliche Schuld an den 
Änderungen schiebt er dem ungeschickten und unschicklichen 
Auftreten der Ablaßprediger und der Gegner Luthers zu; 
auch darauf verfehlt er nicht hinzuweisen, daß Luther nicht 
der erste ist, der gegen kirchliche Mißbräuche aufgetreten ist, 
daß er aber gerade durch sein Auftreten das Umsichgreifen 
anderer, antikirchlicher Lehren verhütet hat. Besonders in 
Na wird der letzte Punkt noch weiter ausgeführt durch den 
Hinweis auf die Schweizer (?, vgl.Kolde, Die älteste Redaktion 
S. 8 Zeile 13—15) und die Wiedertäufer (Kolde S.8 Zeile 15ff.) 
und dadurch der Abstand Luthers und seiner Anhänger voh 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



57 


341 


den Genannten besonders deutlich gemacht (Kolde S. 8 
Zeile 26 ff.), was vielleicht durch Ecks oben erwähnte Schrift 
veranlaßt ist. — Doch beinahe als wollte Melanchthon den 
Vorstoß, den er durch die Nennung Luthers getan hat, den 
Gegnern gegenüber wieder ausgleichen, mildert und ktlrzt 
er gegen Ja in Na nun die Darstellung von der Entstehung 
der Mißbräuche io der Kirche; auch wird nun die besondere 
Verteidigung des Kurfürsten Johann und seines Bruders ein¬ 
geschoben und die Darstellung der guten Folgen der neuen 
Lehre im Kurfürstentum Sachsen, wie sie sich in den er¬ 
freulichen, echt christlichen Zuständen in Kirche, Schule und 
Leben zeigen, angefügt. Und auch hier wird die Über¬ 
einstimmung mit der römischen Kirche oder wenigstens die 
Geringfügigkeit der Abweichungen von ihr und der gute 
Wille, soweit irgend möglich, auf dem Boden der offiziellen 
Kirche zu bleiben, nachdrücklichst betont. „Dis ist die 
Ordnung der kirchen in dem churfurstentum Sachsen, des 
meisten teyls nach altem gebrauch und gewonheit der römi¬ 
schen kirchen nach ausweisung der heiligen leerer, und 
wollten nit Hebers, dan das solche den bischofen auch gefellig 
wer“ ... (Kolde, Die älteste Redaktion S. 10 Zeile 6 ff.). 
Man vergleiche besonders auch, was Melanchthon in Na über 
die Gestaltung der Messe in Kursachsen sagt (Kolde S. 9 
Zeile 3 ff.) und über die geistliche Gewalt (ibid. S. 10 Zeile 15 f.) 
und dazu die starke Verwahrung gegen die Böhmen und die 
Schwärmer (ibid. S. 10 Zeile 20 ff, 30 ff.). Man merkt hier 
gegen Ja deutlich Melanchthons verstärkte Absicht, die 
Lutherischen der offiziellen Kirche möglichst zu nähern und 
von den Sektierern nach Kräften abzurücken, doch wohl 
wieder eine Folge von Ecks erwähnter Schrift. 

Natürlich ist es durchaus richtig, wenn Melanchthon die 
religiösen Motive in Luthers Auftreten besonders betont, und 
auch alles andere, was er anführt, entspricht ganz den Tat¬ 
sachen, aber wie er es tut, wie er in der späteren Re¬ 
zension (Na) hier streicht und dort hinzufügt, ist so charak¬ 
teristisch für ihn und zeigt so recht seine vorsichtige, ängst¬ 
liche Art. Doch wir wollen auch nicht ungerecht sein. Es 
ist ja leicht gesagt: er hätte beherzter und energischer auf- 
treten sollen, aber das ultra posse gilt doch auch ihm. Das 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



342 


58 


beherzte Auftreten und mutige Dreinschlagen war nun einmal 
so gar nicht seine Sache. Und leicht war seine Situation 
damals doch auch keineswegs: der stille, vorsichtige, zaghafte 
Gelehrte mit der schwächlichen, leicht zu Indispositionen 
geneigten Konstitution sah sich jetzt plötzlich in exponier¬ 
tester Stellung! Luther, der Starke, an dem er bisher Halt 
gefunden und der bisher immer auf dem Plane gewesen 
war, wenn es galt, die Sache des Evangeliums zu vertreten, 
war zu unfreiwilliger Muße verurteilt, fern vom Schauplatze, 
und au seiner Stelle sollte Melanchthon nun plötzlich die 
Führung übernehmen! Wie sollte er jetzt auf einmal dieser 
schweren und verantwortungsvollen 1 ) Aufgabe völlig gewachsen 
fl ein? Doch mag auch immerhin sein weitgehendes Ent¬ 
gegenkommen im weiteren Verlaufe des Reichstages den 
Römischen gegenüber recht bedenklich sein, er ist doch mit 
Emst und Hingebung an seine schwere Aufgabe gegangen und 
hat der Sache der Evangelischen zu dienen und zu nützen 
gesucht, wie er es für geboten und richtig hielt. Das zeigt 
im kleinen auch die gewissenhafte Sorgfalt, die er seiner Ein¬ 
leitung zur Augustana widmete. 

Aber alle Mühe, die er auf sie verwendete, sollte schließlich 
doch vergeblich gewesen sein. Die Augustana war ursprünglich 
nur als Rechtfertigung und Bekenntnis des sächsischen Kur¬ 
fürsten gedacht. Aber im weiteren Verlaufe schlossen sich ihr 
Markgraf Georg zu Brandenburg-Ansbach, Herzog Ernst zu 
Lüneburg, Landgraf Philipp von Hessen, Fürst Wolfgang zu 
Anhalt, sowie die Städte Nürnberg und Reutlingen an. Da 
sie nun das gemeinsame Bekenntnis der unterzeichnenden evan¬ 
gelischen Stände wurde, mußte das speziell auf Kursachsen 
Bezügliche fallen. So wurde denn auch Melanchthons Ein¬ 
leitung gestrichen und durch ein allgemein gehaltenes, vom 
Kanzler Brück verfaßtes Vorwort ersetzt. Hieraus erklärt 
sich zugleich, wie sie abhanden kommen konnte; sie hatte 
eben keinerlei offizielle Bedeutung mehr. 

x ) Trotz der Beteiligung der kurfürstlichen Räte an der Ab¬ 
fassung der Augustana bleibt Melanchthon doch der gegebene Führer 
und fühlt sich selbst verantwortlich. Zu der Frage, ob ihm wirklich 
alle Verantwortung aufgebürdet werden kann, vgl. Gußmann, a. a. 0.1,1 
S. 447 Anm. 30 und 81. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



343 


öy 


Unmittelbar an die Einleitung (Ja) schließt sich in dem 
Jenaer Cod. mscr. Bud. foL 2 folgendes Stück von derselben 
Schreiberhand an: 

Yngeferlicher beschloss. 

*) Diweil dann die kay. Mat als ein hochlöblichster christ¬ 
lichster kaiser hiraus genedigklichenn zuuornemen babenn, 
waranf die lehre Ruhet, so jnn obgemeltes Churfirsten zu 
Sachssen fürstentumb landenn vnnd gebieten gelert vnnd 
gepredigt wirdet, vnnd nemlicb warjnn die rechtfertigung 
des menschenn stehet, auch wo der mensch Vergebung seiner 
sunde vnnd erlangung der genaden gotes suchenn ader nicht 
suchen soll. Item welche christliche vnd gotselige Cerimonien 
vnnd warzu dye dinstlich vnnd nutz vnnd wie dieselbigenn 
zuhaltenn, Auch welche 2 ) Cerimonien ergerlich sein, vnnd 8 ) 
zu dem wie das volck gelert vnd vnterrichtet wirdet, das 
es sich gegen den obrigkaitenn (:do es nicht wider got 
vnnd zu sundenn gedrungen wirdet:) mit vntertenigster erher- 
bietung, forcht vnd gehorsam, jnn aller vntertenigkait zu 
haltenn schuldig sey, So geruch 4 ) der almechtig Barmherzige 
Uoth Irer Mat genade vnnd kayserlichen muhet zuuerleihen, 
Irer Mat aulschreibenn genedigem vnnd christlichem erbietenn 
nach, jnn diesen aller grostenn vnnd wichtigstenn sachenn, 
dermassen zuhandelnn, domit nach erhörten jn liebe vnnd 
gutigkait eins jeden opinion vnnd maynung Alles das so 
wider die clare vnnd helle gotliche scbrifft befundenn, vnnd 
derhalbenn auf diesem ader jhenem taill vnrecbt gehalten 
vnd furgenomen zu ayoer aynichen christlichen warhait dye 
got selber vnnd durch nichts dann sein ayniges wort, vnnd 
Christum der weld kundt werdenn 6 ) was sein gotlicher wille 
ist, vnnd ehr von den menschenn erfordert, Auch wan er 
den für jme will rechtfertig vnnd selig werdenn lassenn, 
zuuorpringen vnd zuuorgleichen Alle Spaltung vnnd miß- 
verstant der schrifft, jnn welcher aynigkait vnnd vnitas der 
christenhait als auf die Recht grundtfestenn allain ruhet vnnd 
stehenn soll, abgetann vnnd also zwuschenn allen stenden 
ein aynige wäre christliche Religion angenomen vnnd ge- 
haltenn, vnnd so geferlicher vnnd sörglicher zwaispalt, Als 
itzt jnn kirchenn vnnd gemainden vorhandn, gentzlich hin¬ 
gelegt vnnd abgestellet werde. Dann wo solchs dermassen 
vnnd wie kay Mat jnn obberurtem jrem kaiserlichen aus- 

J ) Von anderer (Brticks?) Hand hinzngefügt: Vnd. 

*) korrigiert aus: welcher. 

*) gestrichen: darzu. 

4 ) gestrichen: vnd wolle got. 

5 ) Von anderer (Briicks?) Hand hinzugefügt: ist. 


Digitized by 


Gck 'gle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



344 


60 


schreibenn aynen genedigen vnnd ohristlicbenn wege ange- 
zaigt nicht furgenomen sold werden, wold znbesorgen stehen, 
das es 7 ) nhur teglich zu weiter ferlichen zwaispalt, trennung 
vnainigkait vnnd zurnttung der kirchen geraichen wurde. 
Nachdem [.wie man 2 ) für äugen sicht.] leider 8 ) jn deutzscher 
Nation, vill furwitziger leut sein, die sieh nhur vmb aigens 
Rumbs willen vill disputirens vnnd darneben allerlay sched- 
liche vnnd geferliche lehrenn wider die christlichen vnnd 
von got eingesetztenn Sacrament 4 ) zuerwecken vnterstehenn. 
Auch ferner (.wie für handen.) jn andern artigkeln zuthun 
vnterstehenn werden, jnnsonderhait 6 ) wo sie etwo anhang 
vnnd handthabung wie dan leichtlich beschehen kondt 6 ),. 
darzu finden vnnd erlangen 7 ), vnnd dann 8 ) diejenigen auf 
diesem taill 9 ) vnbracht 10 ), verjagt ader Vortrieben weren, die 
bis anher aufs hefftigst mit vnterrichtung der warhait dar¬ 
wider gestrebt vnnd solche vnnd dergleichen ketzerey auf 
heutigst widerfochtenn habenn, dann wo die nicht vorhandenn, 
wurdenn sich darnach die andern weniger schewhen vnnd 
zu vorigen ketzereyen, so sie der sacrament halben erwecket 
habenn, nicht mehr schedlicher jrtumb einfuhren. 

Hirumb wolle die Römisch kay Mai jn der fromen konig 
fusstapfenn schreitenn, so etwan vber das jüdisch volck Regirt 
die jnen nichts hocher haben anligenn lassen, dann dasjenige 
abzuthun, vnnd nyderzulegen was wider die gebot vnd 
beuelch gotes für aynen 11 ) gotsdinst jm volck aufgericht 
worden, Seind auch darumb das sie jn Sachen gotes Ehre 
vnnd dinst belangend mehr auf seinen beuelch vnd gebot, 
dan menschliche erfindung vnnd zusetze gesehen, von den 
propheten, so zu jrenn Zeiten gewesen, aufs höchst gebreiset 
die andern aber welche das nicht getan (vnnd denn falschenn 
gotesdinst nicht vmbgestürtzt noch verboten haben) 12 ) heftigk- 
lich gestrafft wordenn, vnnd derwegen, der gantzenn Christen- 


J ) Von anderer (Brück9?) Hand korrigiert in: die Sachen. 

*) Von anderer (Brücks?) Hand hinzugefügt: leider(?). 

3 ) Von anderer (Brücks?) Hand gestrichen: leider. 

4 ) Von anderer (Brücks?) Hand am Bande zwei unleserliche Worte 
hinzugefügt. 

5 ) Von anderer (Brücks?) Hand gestrichen: jnnsonderhait. 

*) Von anderer (Brücks?) Hand gestrichen: wie dan leichtlich 
beschehen kondt. 

’J Von anderer (Brücks?) Hand hinzugefügt: wurd. 

8 ) Von anderer (Brücks?) Hand korrigiert in: insunderhayt itzo(?). 

9 ) Von anderer (Brücks?) Hand gestrichen: auf diesem taill. 

10 ) Von anderer (Brücks?) Hand korrigiert aus: vnbericht(?). 

11 ) „aynen“ gestrichen. 

lS! ) „vnnd denn falschenn gotesdinst nicht vmbgestürzt noch ver¬ 
boten haben“ gestrichen. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



>61 


345 


bait, auch vyber menschen seelenn, Hayl behertzigen, vnnd 
sieh jDn diesenn saehenn erzaigenn, Domit got dem almech- 
tigen za rechtem lobe vnnd der deatzsohen Nation za friden*) 
den leuten za besserang christlicher lahre vnnd die vor- 
kondigung des hailigen Eaangelij vnnd gotes worts pleiben, 
die jugent getreulich dorjnnen vnterwiesen, vnnd die rechte 
christliche lahr, auf die nachuolgend weldt körnen möge, 
wie dan jederman schuldig ist vor dieselb zusorgen. Das 
würdet anzweiuel_das höchst vnd löblichst kaiserlich werck 
sein, Das jre Mat_ jn solcher jrer Hochayt jmmer thun mögen. 
Dann jr kay Mat wissen genedigklich zubetrachtenn, das 
diese saehenn nicht zeitliche gaeter landt ader leut sondern 
ewigs haylh vnd vnhaill der seelenn vnnd gewissen belangen, 
vnd wie hierjnnen gehandelt, so wirdet got am jüngstenn 
gericht rechenschafft dafür fordern. Got vorleihe jrer kay. 
Mat. za solcher aulgeschriben handlang genad vnnd haill 
Amen. 

Wenn es auch aas dem Anfänge nicht deutlich hervor¬ 
geht, so ist doch wohl anzunehmen, daß dieses Stück nicht 
als Schluß der Einleitung, sondern als Schluß der ganzen 
Augustana gedacht war. Dafür spricht doch der Charakter 
des ganzen Stückes: es macht mit seinen Rekapitulationen 
•durchaus den Eindruck des Abschlusses für das ganze Be¬ 
kenntnis und wäre als Abschluß der Einleitung wenig am 
Platze. Auch die letzten Sätze und das Amen am Schluß 
bestätigen dies. Vielleicht darf man daher am Anfang des 
Stuckes einen Schreibfehler annehmen und statt: „Diweil 
dann die kay. Mat . . . hiraus . . . zuuornemen habenn“ 
lesen: . . . „vernommen haben“, bei der Mangelhaftigkeit 
der Abschrift gewiß keine zu gewagte Annahme! So hätten 
wir in diesem Stücke wohl den bis jetzt für verloren ge¬ 
haltenen Schluß Melanchthons zur Augustana, von dem die 
Nürnberger Gesandten bei der Übersendung der Abschrift 
des lateinischen Augustana-Textes am 3. Juni an ihren Rat 
berichteten: „Aber es mangelt hinten an ... dem Beschluß, 
daran die sächsischen Theologi noch machen“, oder — und 
das ist bei der allmählichen Entstehung der Augustana und 
auch nach der Überschrift: Vngeferlicher (= „ungefährer“) 
Beschluß sogar das Wahrscheinlichere — einen Entwurf für 
den Schluß der Augustana zu sehen. Im Stile und der 

J ) hinzugefügt-: auch. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



346 


62- 


Digitized by 


ganzen Haitang stimmt es völlig za seiner Einleitang. Aach 
hier „erwartet Melanchthon alles vom Kaiser 4 (Kolde, Die 
älteste Redaktion S. 39), ohne die Möglichkeit einer Bei¬ 
legung des religiösen Zwiespaltes durch ein Konzil auch 
nur za erwähnen; aach hier die Verwahrung gegen die 
Sakramentierer. Und da das Stück auch lediglich als Schlaft 
, eines Sonderbekenntnisses Karsachsens gedacht war, so hatte 
es dasselbe Schicksal wie die Einleitang: es wurde bei der 
definitiven Fassang gestrichen and konnte, als offiziell nicht 
mehr von Bedeutung, um so leichter abhanden kommen. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Der Reform ationsversuch des 
Gabriel Didymus in Eilenbur? nnd seine 
Folgen. 1522-1525. 

Neue urkundliche Nachrichten. 

Von K. Pallas. 

Einleitung. 

Die bisher bekannten Nachrichten über das Auftreten 
des ehemaligen Augustinermönches und Predigers im Witten¬ 
berger Kloster seines Ordens Mag. Gabriel Didymus (Zwilling) 
in Eilenburg bestanden, wenn wir von den kurzen Auf¬ 
zeichnungen in Spalatins Annalen (bei Mencken, Scriptores 
r. Germ. II, 609) und beim Pirnaiscben Mönch (ebenda S. 1472 
und 1549) absehen, in der Hauptsache in den „Berichten 
dreier Augenzeugen über die Vorgänge in Eilenburg, Neu¬ 
jahr 1522“, die Johann Karl Seidemann in seinen Er¬ 
läuterungen zur Reformationsgeschichte, S. 36 f., abgedruckt 
hat und denen er das Schreiben des Herzogs Georg an seine 
Söhne vom 10. Januar 1522 (im Auszug) beifügte, da 
diesem der Entwurf zu einem durch das Auftreten des 
Didymus veranlagten Mandate gegen die aus Luthers 
Lehre sich ergebenden kirchlichen Neuerungen beigelegt ist. 
Auch hat Seidemann a. a. 0. S. 42 f. zwei Briefe des Rates 
zu Leipzig, vom 16. März und 21. März 1522, angeschlossen, 
den einen an Kurfürst Friedrich und Herzog Johann, den 
andern an Herzog Georg, beide Berichte Uber die Aussagen 
eines wegen Teilnahme an der Eilenburger Abendmahlsfeier 
am Neujahrstage 1522 auf Befehl des Herzogs Georg inhaf¬ 
tierten Leipziger Handlungsgehilfen. Seidemann gibt nach seiner 
Gewohnheit nicht die Fundorte der von ihm veröffentlichten 
Urkunden an. Doch ist der erste der drei Berichte als eine 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



348 


64 


Digitized by 


Kopie von der Hand des Bischöflich Meißnischen Kanzlers 
Georg v. Rothschitz bezeichnet, also wohl ursprünglich im 
Meißner Archiv bewahrt gewesen und nun im Dresdener 
Hauptstaatsarchiv zu finden. Und ebenda dürften auch die 
anderen Berichte zu finden sein, die ohne Zweifel ursprüng¬ 
lich für die Hand des Herzogs Georg bestimmt gewesen 
sind nnd ans denen denn anch dessen Kenntnisse Uber die 
Eilenbnrger Vorgänge stammten. Mit diesen hat er unter den 
Mitgliedern des Nürnberger Reichsregiments lebhaft agitiert 
(vgl. Virck, Des Kursächsischen Rats Hans v. d. Planitz 
Berichte nsw. S. 67 und 72 f., Berichte vom 16. und 
28. Januar 1522) und schließlich den Erlaß des Reichsregi- 
ments-Mandats vom 20. Januar 1522 gegen die kirchlichen 
Neuerungen erreicht. Die nach Planitz’ Bericht vom 
Herzog gebrauchten Ausdrücke, auch die im genannten 
Mandat gemachten tatsächlichen Angaben Uber vorgekommene 
Einführungen wider langhergebrachte kirchliche Ordnung 
und Gebrauch stimmen mit dem Wortlaute dieser Berichte 
z. T. genau überein. Auch ist es z. B. nur aus den Worten 
des zweiten Seidemannschen Berichts: und seind dar¬ 
nach zu getretten man, frauen, iunkfrauen und kinder 
von zehen und eilf iaren, verständlich, wenn es im Reichs- 
regiments-Mandat (dieses Archiv V [1908] S. 239) heißt: 
auch dergleichen den kindern das sacrament geben. 

Zu diesen Nachrichten, die wir Seidemann verdanken, 
hat dann Kolde in der Zeitschrift für Kirchengeschichte V 
(1881) S. 327 f. einen Bericht über „Gabriel Zwillings Um¬ 
triebe in Eilenburg“ hinzugefügt, den er dem Thesaurus 
Baumianus der Kaiserlichen Bibliothek zu Straßburg ent¬ 
nommen hat. Dieser Bericht ist eine Abschrift, die Baum 
von dem Original, dessen Fundort er nicht erwähnt, ge¬ 
nommen hat. Irrtümlich ist diesem Berichte vom Ab¬ 
schreiber die Überschrift gegeben: Gabriel Lonicerus quae- 
nam concionatus sit in Eylenburg (manu Capitonis). Es 
kann, wie Kolde richtig sagt, nur Gabijel Zwilling gemeint 
sein. Wenn Kolde aber hinzufügt: Der Bericht dürfte ans 
der Feder des Ulscenius oder eines anderen Wittenberger 
Korrespondenten Capitos stammen (S. 327 a. a. 0., Anm. 3), 
so dürften dieser Annahme berechtigte Zweifel entgegen- 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



>65 


349 


zusetzen sein. Die Briefe des Ulscenius an Capito, die wir be¬ 
sitzen, sind lateinisch geschrieben, und wir können uns auch 
nicht denken, daß ein anderer Wittenberger Student, der an 
•Capito geschrieben hätte, anders als in lateinischer Sprache 
seinen Brief verfaßt hätte. Und der Bericht im Thes. 
Banmianns ist deutsch geschrieben. Aber dieser Bericht 
macht zudem auch gar nicht den Eindruck, als ob er einem 
Briefe entnommen und etwa nur für einen der lateinischen 
Sprache nicht sonderlich Kundigen übersetzt sei. Er macht 
viel eher den Eindruck, als sei er von vornherein ein Ganzes 
für sich gewesen. Dafür spricht der Eingang und der 
Schluß des Schriftstücks. Der Eingang lautet: Etliche 
punc(t)h, am nechsten heiligen ohristage im 21. und 22. ihare 
czu Eylenburgk gescheen, wie volget, vorzeichnet. Und der 
Schluß ist eine allgemein gehaltene Ermahnung: Wollen wir 
Christum nachvolgen, so müssen wir alle von der enthe- 
christlichen leher abesteen und helffen, den rechten Christen 
glauben bekennen. Damit seyt Got befollen. Dies macht 
vielmehr den Eindruck, als ob wir es hier mit einem für die 
breiteste Öffentlichkeit bestimmten Bericht über die Vorgänge 
in Eilenburg zu tun haben, der von einem Freunde der Be¬ 
wegung zum Zwecke der Propaganda noch während des Aufent¬ 
haltes des Zwillings in Eilenburg veröffentlicht ist. Denn 
verfaßt ist der Bericht frühestens in der Nacht vom 29. zum 
30. Dezember, da noch erwähnt wird, was am Abend 
des 29. Dezember um 9 Uhr geschehen ist; und anderseits 
ist über die bedeutsame Abeudmahlsfeier auf der Kapelle 
bei dem Schlosse auf dem Berg bei Eilenburg am Neu¬ 
jahrstage 1522 noch nicht berichtet, sondern nur die Er¬ 
klärung des Didymus in der Predigt am 29. Dezember, eine 
solche Abendmahlsfeier sub’ utraque specie halten zu wollen, 
mitgeteilt. Es erscheint also sehr wohl denkbar, daß dieser 
Bericht veröffentlicht ist, um auf diese Abendmahlsfeier die 
allgemeine Aufmerksamkeit hinzulenken und zum Bekenner¬ 
mute, der dazu gehörte, sich an ihr zu beteiligen, aufzu- 
Jördern. Vielleicht handelte es sich um einen der Einblatt- 
dfucke, die in der Reformationszeit eine so bedeutsame 
Bolle gespielt haben. Denn wenn auch Eilenburg ohne 
Druckerei gewesen ist, so liegt doch Leipzig ihm so nahe; 

Archiv für Reformationsgeechichte IX. 4. 23 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



350 


66- 


Digitized by 


daß in kurzer Zeit ein solches Flugblatt von dort beschafft 
werden konnte. 

Zu den von Seidemann und Kolde gebrachten Berichten 
ist dann in neuerer Zeit noch der in der „Neuen Zeitung“ 
des Thomas von der Heyde enthaltene getreten, den aus 
dem im Dresdener Hauptstaatsarchiv beruhenden Original — 
wohl ebenfalls die Abschrift eines Einblattdruckes — zuerst 
Barge in der Zeitschrift für Kirchengeschichte Bd. 22" 
S. 124 f., dann Geß, Akten und Briefe zur Kirchenpolitik 
Herzog Georgs v. Sachsen I S. 261 f., und zuletzt Nie. Müller, 
Die Wittenberger Bewegung 1521 und 1522 S. 170 f. ver¬ 
öffentlicht hat. In diesem Berichte aus der „Neuen Zeitung“ 
ist zwar auch ein kurzer Bericht über die Predigten de& 
Zwilling gegeben, indem drei Sätze der „wunderlichen Dinge“, 
die der Mönch gepredigt hat, angeführt sind, aber hauptsäch¬ 
lich kommt es dem Berichterstatter auf die Abendmahlsfeier 
vom Neujahrstage an. Daß er die Wiederholung dieser Feier 
am h. Dreikönigstage nicht kennt, gibt zusammengefaßt damit,, 
daß er von Gabriel Didymus im Präsens berichtet: wirt dalselbs 
uffm schlols enthalten, einen sehr wichtigen Anhalt für die 
Zeitbestimmung dieser nicht datierten „Neuen Zeitung“. 

Aber so interessant diese Berichte waren, sie mußten 
für die Freunde der Reformationsgeschichte doch ein Doppeltem 
vermissen lassen: einmal erfuhren wir aus ihnen nichts über 
die Vorgänge in Eilenburg nach des Didymus wohl durch 
das zu Wittenberg abgehaltene Generalkapitel der deutschen 
Augustinerkongregation veraplaßte Abreise, von denen der 
Pirnaer Mönch (a. a. 0. S. 1549 s. v. Eylenberck) be¬ 
richtet: . . . und erhub sich daselbst di naue uncristliche- 
Luterische secta underm schucz der obirkeit, das di ein- 
woner troczlich (1522) störmten di phame, der bruder haus 
prediger Ordens zu Leipcz und ander pfaffenheuser, triben 
di pfafheit (:alten kirchlichen brauch geflissen zu halten:) 
mit gwaldiger haut aus; das richte zu der . . . münch 
Gabriel usw.; wir vernahmen auch nichts über die Stellung, 
die der Rat der Stadt diesem tumultuarischen Vorgehen 
einzelner seiner Mitbürger gegenüber eingenommen hat, 
auch nicht, was der Propst des Klosters auf dem Peters¬ 
berge, unter dessen Patronat die Eilenburger Pfarre stand, 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



67 


351 


za den Angriffen auf diese Pfarre gesagt hat. Anch was 
Gabriel Didymus selber za diesen Folgerangen aas seiner 
Predigt gesagt hat, blieb im dankein, wie wünschenswert 
auch, das za wissen, für die Charakteristik dieses in den 
nächsten Wochen in Wittenberg in so bedenklicher Weise 
mit seinen Predigten in den Vordergrund tretenden Mannes 
erscheinen mähte. Aber was noch viel bedauerlicher 
war, wir erfuhren nichts Uber die Stellung des Kurfürsten 
und seiner Räte zu den Eilenburger Vorgängen. Daß die 
kurfürstlichen Beamten, der Rentmeister Hans v. Taubenheim r 
der Gleitsmann Michael v. d. Straßen u. a., den Didvmus 
nach Eilenburg berufen und ihm dort die Möglichkeit zu 
predigen verschafft hatten, auch sich bei seiner Abendmahls¬ 
feier in erster Linie beteiligt hatten, war bekannt. Wie 
standen nun aber dazu die während der Abwesenheit des 
Kurfürsten im Thüringischen in Eilenburg die Regierungs¬ 
geschäfte besorgenden Räte, vor allem Haugold v. Einsiedel,, 
der bald nach dem Sturm auf die Pfarre nach dorthin ge¬ 
kommen sein mußte. Hier war der Punkt, wo diese Eilen¬ 
burger Angelegenheit in intimster Berührung mit der’Witten- 
berger Bewegung stehen konnte, wenn nämlich das Ein¬ 
greifen der kurfürstlichen Räte, das in Eilenburg notwendig 
geworden war, ein solches in Wittenberg zur Folge hatte. 
Aber bisher hat keiner darauf geachtet, weil nähere Nach¬ 
richten eben fehlten. Man hatte vielmehr sein Augenmerk 
ausschließlich darauf, inwiefern das Vorgehen des Didymus 
in Eilenburg in Parallele zu setzen sei mit dem Vorgehen 
des Karlstadt in Wittenberg, die von Didymus in seinen 
Predigten vorgetragenen Gedanken, soweit man sie aus den 
vorliegenden Berichten kannte, den im Kreise der Witten¬ 
berger Reformfreunde üblich gewordenen Anschauungen ent¬ 
sprächen und ebenso die Eilenburger Abendmahlsfeier am 
Neujahrstage der Wittenberger vom Christtage gleichmäßig 
sei. Kolde hatte in seinem Luther (H, 35) zuerst die Mög¬ 
lichkeit einer Verabredung des Didymus mit Karlstadt als 
vorliegend erachtet. Fischer, Zur Geschichte der evan¬ 
gelischen Beichte, H, S. 152 f. und S. 227 (Anm. 30) sieht 
diese Verabredung sich deutlich aus den Umständen er¬ 
geben: am 22. Dezember kündigt Karlstadt seine Absicht, 

23* 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



352 


68 


) 


Digitized by 


die Messe „evangelisch“ zu halten, an, am 24. Dezember 
fährt Didymus ab: offenbar habe Karlstadt Vorkehrungen 
getroffen, daß möglichst gleichzeitig mit seiner evangelischen 
Messe ebensolche Feiern in der Umgegend, eben in 
Eilenburg und in dem in der „Zeitung aus Wittenberg“ er¬ 
wähnten unbekannten Dorfe, stattfänden. Aber so unaus¬ 
weichlich auch Fischer diese Schlußfolgerung nennt, so 
scheitert sie, was Eilenburg anbelangt, schon daran, daß 
Didymns ohne Zweifel, wie in den Berichten steht und er 
selbst betont, von Eilenburg erfordert ist dort zu predigen. 
Die aber, welche ihn erfordert haben, müssen diesen Beschluß 
spätestens am 22. Dezember gefaßt haben, denn ihr Brief 
mußte am 23. in Wittenberg gewesen sein, wenn Didymns, 
ihrer Einladung folgend, am 24. früh von Wittenberg weg¬ 
fuhr, um am h. Abend in Eilenburg anzukommen. Also 
ist wenigstens die Einladung an Didymns von Leuten er¬ 
gangen, die von Karlstadts Ankündigung nichts wußten. 
Und man wird wohl, da es sich bei diesen Leuten in erster 
Linie um kurfürstliche Beamte handelte, auch annehmen 
dürfen, daß ihnen von dem dem Karlstadt in der kurfürst¬ 
lichen Räte Namen durch Christian Beyer eröffneten Verbot, 
die öffentliche Messe zu ändern (Nie. Müller a. a. 0. S. 125 f.), 
nichts bekannt gewesen ist. Auch bat, soviel wir aus den 
Berichten ersehen können, Didymns in allen Predigten, die 
er in den Weihnachtsfeiertagen in Eilenburg gehalten hat, 
nicht ein einziges Mal etwas verlauten lassen, daß er selbst 
die Messe verändern wolle. Er hat wohl vom Pfarrer in 
der Predigt verlangt, daß er die Leute sub utraque kom¬ 
munizieren sollte, und hat die Gemeinde aufgefordert, sonst 
der Messe fern zu bleiben. Aber seine Absicht, selbst 
Messe zu halten, so wie er sie für richtig halte, hat er erst 
am Sonntag nach Weihnachten ausgesprochen, und da ist 
es nicht unmöglich, daß nun erst das Wittenberger Vorbild, das 
inzwischen auch in Eilenburg bekannt geworden war, auf ihn 
und die, die sich ihm angeschlossen haben, eingewirkt hat. 

So viel ist jedenfalls klar, daß vieles an den Eilenburger 
Vorgängen noch dunkel war und daß eine Ergänzung der 
bisher vorhandenen Berichte nach verschiedenen Seiten hin 
wünschenswert blieb. Vor allem mußte es erwünscht er- 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



69 


353 


scheinen, neben den teils von Feinden der evangelischen 
Bewegung stammenden, teils ans der Bewegung selbst hervor¬ 
gegangenen Berichten über das in Eilenburg Geschehene 
Angaben vom Rate der Stadt Eilenburg selbst zu besitzen, 
ferner ersehnte man eine Äußerung des Didymus selbst, über 
dessen Vorgehen bisher immer nnr Berichte anderer Vor¬ 
lagen, endlich war es, um den Verlauf der Eilenburger Be¬ 
wegung und auch den der Wittenberger Bewegung zu ver¬ 
stehen, notwendig, die Maßnahmen der kurfürstlichen Räte 
kennen zu lernen. 

Völlig dunkel blieb bisher die Stelle im Briefe des 
Christian Beyer an Einsiedel vom 25. Januar (Nie. Müller 
a. a. 0. S. 174), die Didymus betrifft: Mit Gabriel ist die 
sach ganz gestilt. Denn daß diese Stelle sich nicht auf die 
Wittenberger Predigttätigkeit des Didymus beziehen konnte, 
war schon deshalb klar, weil ja das Einschreiten gegen 
diese erst nach dem 25. Januar erfolgte. Aber ebenso¬ 
wenig reichten unsere bisherigen Kenntnisse über das, was 
Didymus in Eilenburg gepredigt und ausgeführt hatte, aus, 
um Luthers Urteil in seinem Briefe an Spalatin vom 
17. Januar (Enders III S. 286): Eylenburgensibus nova vel 
imponuntur vel finguntur de usu sacramenti. Man konnte 
ermessen, welche Bedeutung diese Absage Luthers gegen¬ 
über dem im Namen des Evangeliums Verkündigten und Ein¬ 
geführten gerade an die Adresse Spalatins, des kurfürst¬ 
lichen Hofpredigers, hatte, da dieser Uber die Stimmung am 
Hofe wegen der Vorkommnisse in Eilenburg am besten unter¬ 
richtet war und vielleicht selbst Luther über diese Vor¬ 
kommnisse und den Eindruck, den sie auf den Kurfürsten 
gemacht hatten, Mitteilung gemacht hatte. Aber um so 
wünschenswerter mußte es erscheinen, über diese nova, die 
den Eilenburgern auferlegt oder vorgemacht wurden, Näheres 
zu erfahren. 

So dürfen denn die hier mitgeteilten, bisher unbekannten 
Nachrichten Uber die Eilenburger Bewegung auf einiges 
Interesse der Freunde der Reformationsgeschichte rechnen. 
Wenn sie auch nicht alles Dunkel aufzuhellen vermögen, so 
werden sie doch nach verschiedenen Seiten hin aufklärend 
wirken können. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



354 


70 


Digitized by 


Es handelt sich in der Hauptsache am drei Aktenstücke 
des Weimarer Ernestinischen Gesamtarchivs, die die Be¬ 
zeichnung tragen Reg. Ii 104 und 106 und Reg. N 47. 

Das interessanteste dieser Schriftstücke ist das nicht 
datierte Schreiben des Didymus „an den christlichen Rat 
zu Eylburgk“, in welchem er darum bittet, gegenüber allen 
dem Evangelium feindlichen Stimmen, die den vom Teufel 
angezettelten Aufruhr diesem zur Last legen wollten, treu 
bei der Predigt des Evangeliums, wie er sie ihnen gebracht 
habe und sie sie gern von ihm angenommen hätten, zu 
bleiben und entgegen der ihm gewordenen Mahnung: er 
solle nicht mehr zu ihnen kommen, denn sie wollten ihn 
nicht predigen lassen, dem Boten, der seinen Brief über¬ 
bringe, den Bescheid zu geben, daß er zu ihnen zurück- 
kehren dürfe, um durch seine Predigt das Evangelium frei 
zu machen von dem Vorwurf, daß es Ursach des Aufruhrs 
gewesen sei. Die Art der Entwicklung der Gedanken in 
diesem Schreiben läßt einen Schluß auf die anpackende 
Predigtweise des Briefschreibers zu, der zur Treue gegen 
die einmal erkannte evangelische Wahrheit auffordert, und 
gelte es darüber Gut, Leib und Leben fahren zu lassen. 
Die Gedanken, die Luther in „Eine treue Vermahnung zu 
allen Christen, sich zu verhüten vor Aufruhr und Empörung“ 
geäußert hat und die dem Didymus gewiß bekannt gewesen 
sind, da diese Schrift Luthers gerade in diesen Tagen in 
Wittenberg, gedruckt wurde (der Schlußbogen trägt das 
Datum des 19. Januar 1522), sind hier wiederholt: Nur die 
Obrigkeit hat das Recht, gegen alles, was dem Evangelium 
entgegen ist, einzuschreiten. Der einzelne darf es nicht, 
das wäre Aufruhr. Er darf nur versuchen, die Obrigkeit 
zu bewegen, gegen das Widerevangelische einzuschreiten; 
tut sie es nicht, so hat er still zu schweigen und zu dulden. 
Es ist Didymus kein Zweifel, daß „die Obersten, Fürst und 
Rat einer Stadt“, die Pflicht hätten, die Verführer des Volkes 
auszutreiben und den öffentlichen Mißbrauch in Messen, 
Seelmessen, Brautmessen, Bruderschaften, Feiertagen usw. 
abzuschaffen. Doch der Fürst fürchtet den Kaiser und der 
Untertan den Fürsten. „Aber sehet darauf, daß ihT nicht 
unter dem Haufen seid, welcher um zeitlicher Güter willen 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



71 


355 


•oder um des Weibes willen Christum fahren läßt, ver¬ 
leugnet und nicht öffentlich bekennt.“ 

Es muß auffallen, daß dieses umfangreiche und für die 
Denkweise der in der Wittenberger Bewegung in erster 
■Linie Stehenden charakteristische Schriftstück bisher unbe¬ 
kannt geblieben ist. Es ist dies wohl nur damit zu er¬ 
klären, daß die Forscher an ihm vorübergegangen sind, weil 
ihnen die Unterschrift, Gabriel Dies, anstößig war und sie 
es nicht wagten, in dem sich so Unterschreibenden den 
Gabriel Didymus, der sonst, soviel wir sehen, nie den 
Namen Dies führt, zu erkennen. Und doch ist kein Zweifel 
über die Identität der Person. Die Handschrift ist die¬ 
selbe, die sonstige Schriftstücke von der Hand des Didymus 
zeigen, z. B. sein Brief Reg. Ii 1805 Bl. 2. Aber vor allem 
ist unser Schreiben als von Didymus verfaßt dadurch sicher¬ 
gestellt, daß Spalatin mit seiner unverkennbaren Hand auf 
■die Adresse geschrieben hat: Gabriel. 1522. Denn da wir 
aus den Akten und Briefen zur Wittenberger Bewegung 
wissen, daß Didymus gemeinhin mit seinem Vornamen be¬ 
zeichnet worden ist, so ist kein Zweifel, daß eben mit diesem 
Vornamen ohne Zufügung eines anderen Namens damals 
-auch kein anderer von Spalatin bezeichnet werden konnte. 
Und wer hätte auch außer Didymus diesen Brief schreiben 
können? Man müßte geradezu an eine Mystifikation der 
Eilenburger denken, und dies verbietet die Spalatinsche Auf¬ 
schrift, auch gibt der Inhalt des Schreibens, das durchaus 
der Situation entspricht, keine Veranlassung dazu. Wie 
dieses an den Rat der Stadt Eilenburg gerichtete Schreiben 
aber in die Hände Spalatins gekommen sein mag, dies zu 
■erörtern, sei einer darstellenden Arbeit Vorbehalten, wo auch 
dem Gedanken nachgegangen werden soll, inwiefern das 
in diesem Briefe ausgedrückte Ansinnen des Didymus an 
■die Eilenburger mit der erwähnten Stelle in dem Schreiben 
Beyers an Einsiedel vom 25. Januar etwa in Verbindung 
zu bringen sei. Nur ein Wort noch über die Datierung 
des Schreibens. Daß Didymus von Wittenberg aus ge¬ 
schrieben hat, ist wohl nicht zu bezweifeln. Für die Zeit 
der Abfassung des Schreibens ist als oberster Termin der 
Tag des Tumultes und Sturmes auf die Pfarre in Eilenburg 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



356 


72 


gegeben, -dies ist wahrscheinlich der 12. Januar, wenn nicht 
die Nacht vom 11. znm 12. Januar gewesen. Denn in dem 
unten zu behandelnden Schreiben des Rates an den Kur¬ 
fürsten vom 11. Jannar 1522 ist dieses Attentats noch nicht 
Erwähnung getan, wie es hätte geschehen müssen, wenn 
die Gewalttat der Pfarrstürmer sehon geschehen gewesen 
wäre. Eine Subsumierung dieser Tat unter die vom Rat 
in dem Briefe beklagte durch Zwillings Vorgehen erregte 
„vil zwitraght und gezenke mit Worten und werken im ge¬ 
meinen volke u ist nicht angängig. Anderseits geht aus dem 
ebenfalls unten zu besprechenden Bittgesuche der 7 Eilen¬ 
burger Bürger an den Kurfürst Johann vom 29. November 1525 
hervor, daß die 13 Pfarrstürmer am Sonntag den 12. Januar 
in gefängliche Verwahrung genommen sind. Immerhin wird 
man aber gut tun, das Schreiben des Didymus nicht za 
nahe an diesen Termin zu legen. Denu vor dem 13. Januar 
kann kaum die Nachricht von dem Eilenburger Vorkommnis 
in Wittenberg bekannt gewesen sein. Es fragt sich ja nun 
freilich, ob die Worte des Schreibens: Der rumor und auf- 
rur ist vor mich kommen und bin auch vormanet wurden, 
ieh sal nicht mehr zu euch kommen so zu verstehen sind, 
daß der Rat der Stadt gleich von vornherein ihm durch 
irgendeine Vertrauensperson hat eröffnen lassen, da man 
sein Vorgehen für die Veranlassung des ärgerliehen Tumultes 
erachte, so wünsche man nicht, daß er etwa sich einfallen 
lasse, noch einmal zu ihnen zu kommen, denn er würde nur 
Ol in die Flammen gießen, oder ob Didymus an einen Be¬ 
kannten in Eilenburg sein Bedauern über das Vorgekommene 
und seine Absicht, durch seine Predigt zur Beruhigung der 
Gemüter beizutragen, ausgesprochen hat und erst auf diese 
Ankündigung seines Besuches die Absage an ihn gekommen 
ist. Nach der Stellung, die der Rat in seinem Briefe vom 
11. Januar einnimmt, ist die erstere Möglichkeit durchaus 
nicht von der Hand zu weisen. Immerhin bat die zweite 
die größere Wahrscheinlichkeit für sich. Dann würde aber 
schon mindestens der 16. Januar herangekommen sein, ehe 
Didymus die Mahnung, er solle nicht kommen, empfangen 
hätte, so daß also unser Brief nicht vor dem 17. Januar 
geschrieben sein dürfte. Und so erklärt sich denn auch am 


Difitized 


bv Google 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



73 


367 


besten die auffällige Übereinstimmung seiner Gedanken mit 
der von Luthers „Eine treue Vermahnung“. Denn dann 
hat Didymus seinen Brief unter dem unmittelbaren Eindrücke 
der Lektüre der ersten zwei Bogen dieser {2 1 j i Bogen starken) 
Schrift gemacht, die bis dahin die Presse werden verlassen 
gehabt haben. 

Das Aktenstück N 47 enthält das schon erwähnte 
Schreiben des Kats der Stadt Eilenburg an Kurfürst Friedrich 
vom 11. Januar 1629, worin sie angesichts des Neuen, was 
Unruhe und Zwitracht in die Bürgerschaft bringt, um Rat 
bitten, um nach des Kurfürsten Willen leben zu können. 
Dieses Schreiben ist wichtig wegen der genauen Angaben 
Uber den Inhalt der Predigten des Didymus und seine 
Abendmahlsfeier, die wir hier von berufener Stelle ge¬ 
geben finden. 

Die in eben demselben Aktenstücke enthaltenen Schreiben 
des Kurfürsten an Haugold von Einsiedel vom 13. Januar 
und an den Propst Johannes von Kanitz auf dem Peters¬ 
berge vom 15. Januar sind Zeugnisse von der überaus 
behutsamen und vorsichtigen Art, mit der Friedrich alle 
Sachen, die an ihn herantraten, behandelte. 

Im Aktenstück li 106 interessiert zunächst der Brief 
des Propstes vom Petersberg an den Rat der Stadt Eilen - 
bürg vom 13. Januar 1522, aus dem hervorgeht, daß der 
Rat nicht gezögert hat, sofort gegen die Pfarrstürmer vorzu¬ 
gehen und sie zu inhaftieren. Die übrigen Schriftstücke 
betreffen die Kosten der Verurteilung und des Gefängnisses 
dieser Übeltäter und das weitere Verfahren gegen sie und 
diejenigen, welche sich für sie, um sie ihres Gefängnisses 
zu entledigen, verbürgt hatten. Dieses Verfahren hat sich, 
wie wir ersehen, bis zum Ende des Jahres 1525 hingezogen, 
ohne daß wir aus den uns vorliegenden Akten etwas darüber 
erfahren, welche Entscheidung schließlich von dem kurfürst¬ 
lichen Gerichte gefällt worden ist. Wichtig ist aus der Ein¬ 
gabe der sieben Eilenburger Bürger an Kurfürst Johann 
vom 29. November 1525 vor allem, was sie Uber Alter und 
Herkunft der am Sturm auf die Pfarre beteiligten Personen 
mitzuteilen haben. Aus der Eingabe des Rates von Eilen¬ 
burg an den Kurfürsten vom 1. Dezember 1525 nimmt außer- 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



74 


Digitized by 


358 

dem das unser Interesse in Ansprach, was über den Streit 
der Stadt mit dem Patron ihrer Kirche wegen Besoldung 
eines Predigers gesagt wird. 

Die Streitigkeiten zwischen dem Rate von Eilenburg 
und dem Kloster auf dem Petersberge als Inhaber der 
Pfarre haben schließlich dazu geführt, daß Verhandlungen 
über ein Abtreten der Pfarre an die Stadt eingeleitet sind. 
Wir fügen den obgenannten Aktenstücken ein Schriftstück 
bei, das in Weimar Ges. Arch., Reg. Ii Nr. 96 bewahrt ist. 
Es enthält einen von einem Verwandten des Propstes vom 
Petersberger Kloster, Balthasar v. Kanitz, gemachten Vor¬ 
schlag Uber die Bedingungen, unter denen die Stadt in 
Besitz der Pfarre kommen könnte. Dieses Schriftstück ist 
nicht sicher datiert. Nach Clemen, Die Einführung der 
Reformation in Eilenburg (in Beiträge zur Reformations¬ 
geschichte III S. 40 f., eine Arbeit, die sonst für den hier 
behandelten Gegenstand nicht in Betracht kommt), ist 
aus Briefen des Ägidius Seitz, die dort abgedruckt sind, ge¬ 
folgert, daß der Rat erst 1527 in den Besitz der Pfarre 
gelangt ist. 

Endlich sind aus dem Aktenstücke Weimar Ges. Arch. 
0 225 einige Schriftstücke mitgeteilt, die Notizen über den 
Prozeß gegen die Eilenburger Pfarrstürmer aus dem Jahre 
1522 (Januar und Februar) enthalten. Es sind dies das 
Inserat zu den Akten, worin flugold v. Einsiedel notiert, 
welche Schreiben bzw. Kopien er am 2. Februar dem Kur¬ 
fürsten übersandt hat (BL 3), das Schreiben Einsiedels an 
den Kurfürsten vom 14. Februar (Bl. 105 f.) und das Ant¬ 
wortschreiben des Kurfürsten darauf vom 17. Februar 
(Bl. 132 f.). Diese drei Schriftstücke werden hier nur in 
den (Schluß-) Teilen veröffentlicht, welche bei ihren bis¬ 
herigen Publikationen im Corpus Reformatorum I S. 556 f. 
und S. 558 f. und Nie. Müller, Die Wittenberger Bewegung 
S. 177, 203 f. und S. 206 f., weggelassen sind. E» erscheint 
gewiesen, trotzdem von diesen Schlußteilen der Schriftstücke 
nur einige Sätze zu den Eilenburger Vorgängen in Beziehung 
stehen, doch nicht nur diese Sätze, sondern alles bisher 
nicht Veröffentlichte abdrucken zu lassen, da es für die 
Politik Friedrichs d. W. und sein Verhältnis zu Einsiedel, 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



75 


359 


auch für einzelne Fragen, wie den Streit der Stadt Belgern 
mit dem Abt des Klosters Buch, von Interesse ist. 

Die Schriftstücke werden im vollen Wortlaut genau 
nach den Originalen, aber mit Vereinfachung der Orthographie 
gegeben. 

Eine Darstellung des Eilenburger Auftretens des Didymus 
und dessen Folgen, wie diese sich aus diesen neu veröffent¬ 
lichten 1 ) Dokumenten mit Zuziehung der bisherigen Quellen 
nun ergeben, wird in einem der nächsten Hefte der Zeitschrift 
des Vereins für Kirchengeschichte der Provinz Sachsen er¬ 
scheinen. Auf diese Darstellung, die als Kommentar zu den 
hier abgedruckten Urkunden dienen kann, sei hiermit hin¬ 
gewiesen. 


Aktenstücke. 

1. Der Bat der Stadt Eilenburg an Kurfürst Friedrich. 
Eilenbnrg 1522, 11. Januar. 

Weimar, Ges. Arch. Reg. N 47 (Pag. 72, C. Ni 18, 9) Bl. 2. 
Original. Unterschrift: E. c. f. g. gantswillige, gehorsamen der 
raedt zu Eylburgk. Adresse (Bl. 5i) wie gewöhnlich. Auf¬ 
schrift: Der rath zu Eyllenburgk. Bitten umb rath in den 
irrungen, die sich bei inen der evangelischen lare halben 
•erregen. Papiersiege] erhalten. 

Durchlauchtigster, hochgebomer churfurst und herre. 
Euern churfurstlichen gnaden seindt unsere gants willige, 
gehorsame dienste auß schuldigen pflichten zuvoran bereidt. 
Gnedigster her. Wir bitten e. c. f. g. undertheniglich wissen: 

*) Während des Druckes ist mir bekannt geworden, daß Fel. Geß 
im Neuen Sachs. Archiv 1911 S. 372f. Anm. 1 einen kurzen Auszug des 
Briefes Gabriels an den Bat der Stadt Eilenbarg mitgeteilt hat. Wegen 
der Weitschweifigkeit des Briefes hat er geglaubt, dessen ganzen Um¬ 
fang nicht mitteilen zu können. Er hat die Frage hinzugefügt: Ob 
der Brief, der gewiß in die Zeit vor Luthers Rückkehr, wohl in die 
Mitte des Februars fällt, an seine Adresse gelangt ist? Im Obigen ist 
darauf hingewiesen, daß trotz der nicht zu leugnenden Weitschweifig¬ 
keit der ganze Brief für die Freunde der Reformationsgeschichte zur 
•Charakterisierung der Predigtweise des Didymus wertvoll sei. Auch 
ist oben die Frage nach der Datierung des Schreibens und nach seiner 
Ankunft in die Hand des Rats von Eilenburg genauer zu beantworten 
gesucht. 


Digitizetf by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



360 


76 


Digitized by 


nach dem sich in vielen örtheru und stethen mancherlei 
zwitracht zwischen dem gemeinen volke auß der nau vor¬ 
genommen weiß und predigten erwachsen, dieweil wir dann> 
auch einen prediger aus der hochberumbten universitet Witten- 
bergk auch dermaessen bei uns von nehstem christtage bis 
auf Trium Begum vorschinen gehabt, welcher die messen, 
so itzo ein lange zeidt in gebrauch gehabt, alle zu bodem 
zustossen und die evangelische messen nach einsetztmge 
Christi zu erheben vorkundiget, zunfte, bruderschaften und 
innungen vor nicht heit, kerzen anzunden, lichtlein börnen, 
bethen, fasten, die heiligen tage, außgeschlossen die sontag, 
zu feiern und alles, was so vor guthe werk scheinen, vor 
nicht halden tbut, die freiheit eines Christen menschen, das 
er an keinen tagk, zeidt ader stund mit ßeisch, putter und 
keße zu essen aber nicht gebunden sein solle, erfuher wendeth, 
unangesehen bebstliche ader bischöfliche einsetzung, und 
alles, was von menschen ie erticht, nichts zu achten, messen, 
vespern, metten und der gleich zu singen auf der cancel 
öffentlich vor geschnurre gehalden, auch das volk under 
beider gestalt auf vorgangnem nauen iars tage disses unden 
beschriben iares comuniciret und inen das sacrament in ire 
eigen hende, das zu geniessen, gegeben, daraus sich nuhn 
vil zwitracht und gezenke mith worthen und werken im 
gemeinen volke bei uns sich erheben; über dis alles, wohin 
sich die unsern in umbligende stethe, ire narung zu suchen, 
fugen, werden sie vor ketzer und ungleubigen gescholden. 
Darauf die gemein nns sulchs e. c. f. g. undertheniglich zu 
eröffnen und e. c. f. g. umb gnedigen und mitthetheiligem 
rathe zu bitten angelanget. Dieweil wir dan disses und 
grössere fals hinder e. c. f. g. gnedigen willen ethwas fur- 
zuwenden nicht wissen noch wollen, ist derhalben an e. c. f. g. 
unser demutigs und underthenigs bith(en), e. c. f. g. wollen 
uns armen mith e. c. f. g. milden und hochloblichen rathe, 
dieser Sachen nach e. c. f. g. gnedigen willen zu geleben, 
gnediglicb bedenken, darinnen wir uns e. c. f. g. allezeidt in 
gehorsamlicher underthenigkeidt emsiglich zu dienen emp¬ 
fehlen. E. c. f. g. umb gnedige anthwurth bittende. Gegeben 
under unserm stadtsecret sonabents nach Epiphanie (anno) 
dni. im funfzehenhunderthen und zwee und zwenzigsten iaren. 

2. Johannes von Kanitz, Propst des Klosters auf dem 
Petersberge, an den Bat zu Eilenbnrg. (Petersberg) 1522, 

13. Januar. 

Weimar, Ges. Arch. Keg. Ii 106 (Fol. 321, A 1.21) Bl. 2. 
Kopie. Unterschrift: Johannes von Kanitz, probist ufm peters- 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



77 


361 


berge. Adresse unter dem Texte: An rath zn Eyluburgk etc. 
Ohne Aufschrift. 

Meine willige dienst. Erbare, wolweise, günstige, lieben 
herren und freunde. Ich bedanke mich höchlich euers 
rlemsigen beistandes, so ir euch kegen den ubeltetern und 
götlicben fride brechern, die meine pfarne bei nacht wider 
Got. ehre und recht ane alle Ursachen beschedigt haben, 
(erzeiget habt), gar freuntlich. Bitte dieselben in guter ver- 
warung zu halten und nicht lohß zu lassen, bis solange ich 
e. w. fürder ansuchen werde. Was dorrauf uncostung ergehet, 
soll wol bezalt werden. Wollet euch nochmals nagkbarlich 
und freuntlich erzeigen und beweisen, wie ir gethan von mir 
wolt nehmen. Das wil ich sambt meinem convent umb e. w. 
fruntlich vordinen. Datum am achten tage Trium Kegum 
im 1522. iar. 

3. Kurfürst Friedrich an Hagold von Einsiedel. 

Alstedt 1522, 14. Januar. 

Weimar a. a. 0. Bl. 3. Kopie. Ueberschrift: Friderich etc. 
Adresse unter dem Texte: An Hawbolten von Einsiedel. 

Lieber getreuer und rath. Nachdem du weist, welcher 
gestalt der probst uff sand peterßberg nagst an uns ge¬ 
schrieben und was wir ime darauf zu antwurt geben, auch 
was wir dir derhalben bevolen etc., als geben wir dir zu 
erkennen, das uns nechten spat ein schrift von dem rathe 
zu Eylenburgk zukomen, die sich fast mit des probst(s) 
schreiben vergleicht, wie du ab inligender copien vernemen 
wirdest. Weil du uns dan itzo geschrieben, wie sichs fürder 
mit dießer Sachen halden wirdet, das du uns solche unver¬ 
halten lassen wilt, und wir nit wissen, was du mitler zeit 
in berurten Sachen gehandelt hast, so haben wir der von 
Eylenburgk boten anzaigen lassen, dem rathe zu vermelden, 
das sie bei dir umb antwurt ansuchen solten. Das ist aus 
dem bescheen, das wir hie nit gerne antwurt geben wolten, 
die dem, so durch dich gehandelt, entgegen sein mocht. Wu 
du nu etwas in der Sachen gebandelt und solchs dermassen 
gelegen, das du demselben nach den von Eylenburgk antwurt 
geben mochst; so wollest da& uff ir ansuchen thun, wu aber 
nit, ine zu irem ersuchen anzaigen, du hettest uns derhalben 
auch geschrieben und, wan dir antwurt wurde, so wollest 
du inen unser meinung unverhalten lassen 1 ). In dem thustu 

x ) Hier folgten im Texte die Worte: und wollest uns von stund, 
wie es mit der Sachen gelegen und, ob du etwas darinnen gehandelt 
hast, schreiben, uff das wir dir unser bedenken daranf zu erkennen 
geben mugen. Diese Worte sind gestrichen. 


Digitized by 


Gck igle 


Original frorn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



362 


78 


Digitized by 


ans za gefallen. Datum za Alsted dinstags nach Erhardi 
aDno dni. 1522. 

4. Kurfürst Friedrich an Johannes von Kanitz, 
Propst des Klosters auf dem Petersberge. Alstedt 1522, 

15. Januar. 

Weimar a. a. 0. Bl. 4. Konzept mit Korrekturen derselben 
Hand, aber mit auderer Tinte. Ueberschrift: Got walds. Von 
Gots gnaden Frid(erich etc.). Adresse unter dem Texte: 
Probst uf sand Petersberg. Aufschrift (Bl. 4±): An brobst 
uff sand Peters berg, belangend die beschwerung, so gegen 
der pfar zu Eylenburg furgenomen sein sol. 

Lieber andechtiger. Wir haben dein schreiben und 
anzeige, was gegen der pfarre zu Ilenburg furgenomen sein 
sol, empfangen und, so sich gegen euch und den eurn mud¬ 
williger beswerung understanden, horten wir nit gerne, nach 
dem wir euch das uf nast eur schreiben angezeigt, das wir 
unsern reten zu Ilenburg derhalben bevelen wolten, wie dann 
bescheen, itziges euer schreiben auch zugeschickt. Bei dem 
mögt ir ansuchen. Dann uns ist ie nit gemeint, das ir oder 
imanz ander ubelliger weiß bestürmt werden solt 1 ). Das 
wolten wir euch genediger meinung nit verhalten. Datum 
zu Alsted mitwoch nach Felicis in pincis anno 1522. 

l ) Die Worte: wie dann bescheen — werden solt sind für die 
ursprünglich geschriebenen nnd danach gestrichenen Worte eingesetzt: 
wie wir dann sind des getan. So mögt ir bei denselben ansuchung 
thun, nngezweivelt, sie werden gehnrlich in die Sachen sehen. Außer¬ 
dem sind von derselben Hand, die Aufschrift anf Bl. 4* geschrieben 
hat, an den Band die Worte gesetzt: Derhalben haben wir denselben 
unsern reten, diese Worte sind aber nach reten abgebrochen. Diese 
Hand ist dieselbe, die im Aktenstücke 0 225 Bl. 8 ff., Bl. 42 ff., Bl. 48 
u. 49, Bl. 111 ff. geschrieben hat. 

(Schluß folgt im nächsten Heft.) 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Mitteilungen. 


Aus Zeitschriften. 1 ) 

Allgemeines. C. Bodenberg, „Kirche and Staat im 
MA. und die Entstehung der sog. Landeskirchen des 15. Jahrh.“ (Vor¬ 
trag), zeigt, daß am Ende des MA. die Fürsten eine sichere Obergewalt 
über die Kirchen und Geistlichen ihres Landes begründet hatten. 
Eigentliche Landeskirchen sind darum freilich noch nicht entstanden^ 
da diese Kirchen in keiner Weise aus der Organisation der allgemeinen 
Kirche ausgeschieden waren; gleichwohl erscheinen diese Bildungen 
als notwendige Vorstufe der Landeskirchen in der Reformationszeit, 
wie denn im Wesen der landesherrlichen Kirchengewalt von vornherein 
der Trieb lag, über die Temporalien hinauszugehen. Schrr. V. f. Schlesw. 
Holst. KG. II. Reihe V, 2 S. 129—149. 

N. Paulus, „Die Anfänge des sog. Ablasses von Schuld 
und Strafe“, möchte diesen Ausdruck mit Bonifaz VIII gleichsam 
auf ein volkstümliches Mißverständnis zurückgeführt wissen, und 
leugnet, daß gegen Ende des Mittelalters im Wesen des Ablasses eine 
Wandlung stattgehabt habe. Zkath.Theol. 1912, I S. 67—96. 

Eine sehr fleißige, von großer Belesenheit zeugende Abhandlung 
über „die Eheauffassung des ausgehenden deutschen MA.“ 
veröffentlicht R. Koebner im Archiv f. Kulturgesch. 9 S. 136—198, 
279—318. Seine Absicht ist, auf Grund der bezügl. zeitgenöss. Lite¬ 
ratur die Entwicklung der Moralbegriffe zu verfolgen, die das volks¬ 
tümliche, gelehrte und dichterische Denken dem Gattenverhältnis zu¬ 
grunde legt. Er behandelt: die Eheschließung (Frühheirat; Gattenwahl); 
die Gewaltrechte des Ehemanns (eheherrliche Erziehungsgewalt; Gewalt 
über Leib und Leben der Frau); endlich die Beurteilung der Frau 
(Charakterwerte; geistige Wirkung der Frau; der Frauenhaß). Dabei 
ist auch vielfach der Stellung der Kirche gedacht. Koebner bemüht 
sich zu zeigen, daß die Auffassung der Kirche von der Frau von der 
der weltlichen Gesellschaft nicht weit abwich; so möchte er auch den 
Hexenhammer nicht der Kirche als solchen oder dem Dominikanerorden 
zur Last legen. Seine kurzen Bemerkungen hierüber erschöpfen freilich 


x ) Die Redaktion ersucht die Herren Verfasser höflichst um Zu¬ 
sendung einschlägiger Zeitschriftenartikel zur Anzeige an dieser Stelle. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



1364 


80 


Digitized by 


die Frage nicht, noch widerlegen sie die gegenteilige Auffassung 
J. Hansens u. a. 

Als Herausgeber des letzten der vorlutherischen Bibel- 
drucke, der Halberstädter Bibel von 1522, sucht E. Breest gegen 
die herrschende Annahme, die sie Ludwig Trutebul zuschreibt, Curt 
Drake zu erweisen, den Begründer einer noch jetzt bestehenden Halber¬ 
städter Offizin (Döll); er stützt sich auf eine Angabe des Halberstädter 
Generalsuperintendenten Schäffer von 1701 und die in der besagten 
Bibel viel erscheinenden Buchstaben CD, die man bisher auf den Meister 
der Zeichnungen gedeutet hat. ThStKr. 1912, 3 S. 478—488. 

B. Clausen gibt eine zahlenmäßige Darstellung der nieder¬ 
deutschen Drucke im 16. Jh., aus der die bedeutsame Einwirkung der 
Reformation auf die Bücherproduktion hervorleuchtet; um 1520 tritt 
eine plötzliche Steigerung letzterer auf das Vielfache ein, und zwar 
dauert diese Hochflut bis in den Beginn der vierziger Jahre an; es 
folgt ein merklicher Niedergang bis 1575, worauf die Anzahl der 
Drucke bis zum Ende des Jahrhunderts wieder dauernd steigt. 
Zbl.BW. 29, 5 S. 201—209. 

Grützmacher, „Beiträge zur Gesch. der Ordination in der 
ev. Kirche“, findet bei Butzer eine Auffassung der Ordination, die trotz 
unleugbarer Verwandtschaft mit Luther in dem Bestreben, ihr eine 
besondere Weihe beizulegen, eine katholisierende Auffassung der Ordi¬ 
nation darstellt, wogegen bei der Reformatio Hassiae von 1526 die 
„katholische“ Formel Accipe spiritum sanctum durchaus im evang. 
Sinne gebraucht wird. Endlich behandelt G. die Entwicklung der Ordi¬ 
nation in Pommern, um zu zeigen, wie die dortige Kirche „nach der 
kurzen Verirrung Knipstros“ durch Runge im Punkte der Ordination 
zu durchaus lutherischen Anschauungen gelaugte. NkZ. 23, 3 S. 363 
bis 379. 

0. Clemen: gibt zwei Miszellen zur Ref.Gesch., 1. „Wittenberg 
und Savonarola“. Lenkt die Aufmerksamkeit auf einen Wittenberger 
Sammeldruck von 1521 (mit 3 gegen S. gerichteten Schriften) und macht 
Mitteilungen daraus; der Zweck jener Publikation bleibt freilich dunkel. 
— 2. teilt CI. ein Pasquill auf den Tod Clemens’ VH. mit. (ZKG. 33, 2 
S. 268—278, 278—285.) 

K. Kaser, „Die Ursachen des Bauernkriegs“ — hält 
gegen Wopfner und Stolze an der hergebrachten Ansicht fest, daß die 
Ursachen der Erhebung wesentlich auf sozialem und wirtschaftlichem 
Gebiet zu suchen seien, weniger auf dem religiösen; die Religion diene 
den Bauern vielmehr als Schlagwort ihrer weltlichen Tendenzen. 
„Die soziale Reform borgte von der kirchlichen die Farbe, aber nicht 
den Inhalt.“ . VjSchr. f. Soz. u. Wirtsch.G. 9, 4 S. 578—588. 

Ein eingehendes Referat über Wilh. Gußmann, Quellen und 
Forsch, zur Gesch. des Augsburg. Glaubensbekenntnisses I, 1. 2. 
(1911) erstattet Th. v. Kolde in BBK. 18, 6 S. 287—294. In dem 
Hauptpunkte, der Frage der Beeinflussung der Confession dhrch die 
von G. herangezogenen vorbereitenden „Ratschläge“, verhält sich v. K. 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



«1 


365 


«ehr skeptisch; er erblickt ihre Hauptbedeutung in dem, was sie über die 
Zustände und Ansichten in den verschiedenen Gebieten der werdenden 
Reformation erschließen lassen. „ 

„Neue Briefe vom Bt. zu Augsburg 1530 u bietet H. Jor¬ 
dan, nämlich Briefe zweier Crailsheimer, des Pfarrers A. Weiß und des 
Handwerkers Caspar Schüller. Sie sind entnommen einer nener- 
■dings wieder aufgefundenen Dinkelsbühler Hs., betitelt „Etliche 
Batschläg, Missiven und Verträg von 1530 ff.“, die von Jordan ein¬ 
gehend beschrieben wird; es ist ein von dem Dinkelsbühler Bgm. 
Michael Bauer hergestellter Abschriftenband, der noch viele andere 
nicht' unwichtige Inedita der gleichen Epoche (z. B. eine bisher un¬ 
bekannte Sammlung von Tischreden Luthers) bietet. BBK. 18, 4 
S. 159—180 ; 5, 210—233. Man beachte auch die eingehenden An¬ 
merkungen. 

Aus dem Orig, der Zwickauer Batsschulbibl. teilt 0. C1 e m e n 
einen Brief K. F r a n z 1 1. v. Frankreich anAlbrecht vonMainz 
vom 20. November 1536 mit, der auf Beziehungen des Schreibers zum 
Kurfürstenkollegium hinweist, das vielleicht gegen das Mantuaner 
Konzilsprojekt gestimmt werden sollte. HVjSchr. XY, 3 S. 378 f. 

N. Paulus kommt in einem, übrigens mangelhaft fundierten 
Artikel „Beligionsfreiheit und Augsburger Beli- 
gionsfriede“ zu dem (selbstverständlichen) Ergebnis, daß damals 
keine der beiden Glaubensparteien Toleranz im modernen Sinne geübt 
hat HPB11. 149 (1912) S. 356-367, 401—416. 

F. Menßik teilt (aus dem Harrachschen Familienarchiv?) den 
Brief eines niederösterr. Schulmeisters an einen Freund in Wien v. 
J. 1607 mit, worin in beachtenswerter Weise von den Wiedertäufern, 
ihrer Geschichte und Lehre die Bede ist. ZDV. f. d. Gesch. Mährens 
•und Schlesiens XY (1911) S. 364-372. 

W. Platzhoff zeigt die Wandlung in der Auffassung über 
■den Ursprung der Bartholomäusnacht durch die Jahr¬ 
hunderte; die Namen Banke und Banmgarten bezeichnen den Durch¬ 
bruch einer objektiveren Betrachtung des Ereignisses, dqg übrigens 
nur im Zusammenhang mit der internationalen Politik jener Epoche 
verstanden werden kann. Außerdem weist PI. auf den Zusammenhang 
hin, der zwischen der Bartholomäusnacht und der Ausbildung der 
Lehre von der Volkssouveränität und dem Widerstandsrecht des Volkes 
•besteht. Vergangenheit und Gegenwart 1912, 1 S. 49—57. 

E. Schellbaß veröffentlicht aus vatikanischen Hss. 7 Briefe 
von 1573—1575, die sich auf die Arbeiten des Laurentius Surius, 
•die Unterbringung eines konvertierten jungen Dänen N i c o 1 a u s 
Michaelius im Colleg. German, sowie auf die gegenrefor- 
•natorischenBestrebungender Zeit beziehen. QuFPrJ. XIV, 
2 S. 287-314. 

Biographisches. Die HPBU. 149 (1912) S. 774-785, 
-856—874 und 901—910 bringen anonyme Betrachtungen, betitelt 
^Prinzipielles zur Lutherfrage“; sie knüpfen an die Beurteilung an, 

Archiv für Beformatioosgeschichte. IX. 4. 24 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



366 


82“ 


Digitized by 


die Grisars „Luther“ auf protest. Seite gefunden und werfen die Frage- 
auf, ob ein Katholik Luther objektiv darstellen könne, fördern sie aber 
trotz mancher guten Bemerkungen nicht wesentlich, weil sich an der 
entscheidenden Stelle doch stets die katholische Befangenheit wieder 
einötellt. Von der Verurteilung Luthers durch den Papst heißt es, der 
katholische Historiker sei verpflichtet, diese Verurteilung als objektiv 
gerecht zu betrachten; das sei aber das gute Hecht des Historikers, 
„da er sich für seinen kathölisch konfessionellen Standpunkt aus 
wissenschaftlich vollkommen einwandfreien (!) Gründen entscheidet“^ 
Mit dieser Auffassung ist, fürchten wir, eine Verständigung unmöglich/ 
Wie tief aber das Verständnis des Vf. für den Protestantismus ist,- 
geht wohl aus seiner Behauptung hervor, daß mit einer so oder so 
sich darbietenden Geschichte der Reformation die konfessionelle Über¬ 
zeugung des Protestanten stehe oder falle (!). Folgerecht müßten also 
wir Protestanten, nachdem Grisar „wissenschaftlich einwandfrei“ nach¬ 
gewiesen hat, daß Luthers „Abfall“ unberechtigt war, insgesamt 
schleunigst zum Katholizismus zurückkehren. 

In erfreulichem Gegensatz zu diesem Anonymus zeigt E. Her¬ 
zog, „Ein Lutherbild“, einleuchtend, wie weit Grisar im ersten. 
Bde. seines „Luther“ von der vorgegebenen Objektivität entfernt 
sei; es sei zumal ganz willkürlich, von vornherein den Standpunkt 
der päpstlichen Infallibilität der Beurteilung von Luthers Tun zugrunde 
zu legen und dessen Bruch mit dem römischen Papsttum einfach 
als „Abfall von der Kirche“ zu bezeichnen. „Der Abgefallene“, hält 
H. dem entgegen, „war in Luthers Augen der Papst selbst, der der 
Lehre Christi und seiner Apostel widersprach“ usw. Internat, kirchl. 
Zeitschr. I (1911) S. 438—443. 

In Polemik gegen R. Kuhn, Verhältnis der Dezemberbibel zur 
Septemberbibel (Greifsw. 1901) sucht Weber, „Zu Luthers 
September- und Dezembertestament“ nachzuweisen,, 
daß Luthers Verbesserungen in der zweiten Ausgabe seiner Übersetzung 
des NT. (Dezembertestament) gegenüber der ersten (Septembertestarnent) 
nur geringfügige gewesen, insbesondere der griechische Text nicht aufs 
neue verglichen worden sei. ZKG. 33, 3 S. 399—439. 

In Evang. Freiheit XII, 1 (Jan. 1912) S. 11 f. weist K. Lincke 
auf das später durch den Katechismus ins Hintertreffen geschobene 
„Betbüchlein“ Luthers von 1519 hin und auf die Bedeutung, 
die insbesondere die darin enthaltene „kurze Form des Glaubens“ noch 
für die kirchl. Liturgik der Gegenwart gewinnen könnte. 

Aus einem von Luther benutzten Exemplar des Psalters in 
seiner Übersetzung von 1534 (auf der ehemal. Helmstädter Univ.-Bibl/} 
teilt 0. Alb recht zwei Eintragungen mit, die sich als Abschriften 
lutherischer Aufzeichnungen kundgeben: ein B e i c h t g e b e t und eine 
G1 o s s e zu Ps. 2 , 2. Bei diesem Anlaß spricht sich A. auch in an¬ 
regender Weise über das Desiderium einer wissensch. Sammlung der 
Gebete Luthers aus. ZVKG. d. Prov. Sachsen 9, 1 S. 51—56. 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



83 


367 


In der Fortführung seiner Untersuchungen über die Tisch¬ 
reden Luthers (vgl. oben S. 174) legt L. Cristiani die Mängel 
der Sammlung Auxifabers dar. RQH. 91 Lief. 181 S. 101—135. 

In HPB11. 149 (1912) S. 126—137 verbreitet sich K. Paulus 
über die von Kawerau in ZKG. 32 mitgeteilten Notizen des Ägidius 
von Viberbo zu Luthers Romreise (vgl. oben S. 172) als neue 
wertvolle Belege der Annahme, daß L. nicht von Staupitz, sondern 
von den sieben renitenten Klöstern, und zwar Ende 1510 von Erfurt 
aus nach Rom gesandt worden sei, und polemisiert wider Scheeles 
Ansicht (in ZKG. 32, 392). 

In Beiträge z. Sächs. KG. 25 S. 1—7 reproduziert Wu 11 i g zwei 
Lutherschreiben an die Grafen von Mansfeld 1542, in 
denen er deren Gewalttätigkeiten scharf tadelt — als Zeichen, daß L. 
kein „Fürstenknecht 44 gewesen sei. 

Anknüpfend an den kürzlich von Prof. Spaeth in Philadelphia 
aufgefundenen, als längst bekannt nachgewiesenen Bericht über 
Luthers Lebensende sucht J. Strieder die vorhandenen 
authentischen Berichte über Luthers Ausgang näher zu bestimmen und 
in ihrem gegenseitigen Zusammenhang zu analysieren. Einen hohen 
Wert legt er dem von B. Sepp (Zur Literatur über das Lebensende 
Luthers., SA. aus Beilage der Augsburger Postzeitung vom 14. Dez. 
1901) zuerst mitgeteilten, W. R. Unterzeichneten Bericht bei, als dessen 
Autor er Wolfgang Roth, mansfeldischen Beamten, nachweist; dieser 
Bericht, der seiner Bedeutung nach an zweiter Stelle steht (nach dem 
Briefe des Jonas), hat die weitest verbreiteten Todeserzählungen be¬ 
einflußt. HVjSchr. XV, 3 S. 379—396. 

„Lutherspuren in der neueren Volksüber¬ 
lieferung“ geht K. Reuschel nach (Thür. Sächs. Z. f. G. u. K. n, 1 
S. 45—71). Er will an der Hand volkstümlicher Luthergeschichten 
und volkstümlicher Bräuche, die sich an L. knüpfen, zeigen, wie sich 
dieser und sein Werk in Sprache, Sitte und Volksdichtung widerspiegeln. 
So erörtert er kurz: „L.s Name wortbildend; L. im Sprichwort; 
Kinderlieder und -spräche auf L.; Martinsfeier und Martinslied; deutsche 
Luthersagen; L. und das Ausland; L. nach dem Tode.“ 

In der Monatschr. f. Gd. u. k. K. XVH, 8 S. 245—248 veröffent¬ 
licht Fr. Spitta nach gleichzeitigen, der Vergessenheit anheim¬ 
gefallenen Drucken ein längeres Lied des Ambrosius B 1 a u r e !r 
gegen die Trunksucht („von allen Vollsaufern und dollen Brüdern“). 

Der Nämliche stellt ebenda S. 7—14, 40—51, 79—91 die 
bisher ganz im argen liegenden Lebensumstände des Benedikt 
Du eis, Musikers der Ref.Zeit und Komponisten von Kirchenliedern, 
scharfsinnig fest. Ducis oder Dux. (eigentl. Herzog) scheint aus der 
Gegend von Konstanz zu stammen, war bis etwa 1516 in Antwerpen, 
dann kurz in England, in Wien (im Verkehr mit Grynaeus und Vadian); 
hernach wegen seiner evangel. Gesinnung aus den kathol. Ländern 
ausgeschlossen, tritt er zuerst 1532 in Ulm auf ufld endet 1544 als 
Landpfarrer im Ulmischen. 

24 * 


Difitized by Gougle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



368 


84 


Digitized by 


In NJahrbb. f. d. klass. Alt. usw. Bd. 29, 3 S. 205-215 wirft 
L. Enthov^n die Frage auf, ob Erasmus Weltbürger oder Pa¬ 
triot gewesen sei. Er beantwortet sie, indem er an der Hand der 
Briefe des E. dessen Gesinnung gegenüber seiner niederländ. Heimat, 
Deutschland und Frankreich prüft, dahin, daß E. zwar für nationales 
Empfinden empfänglich gewesen sei, sich aber nur dort wohlgefühlt 
habe, wo wissenschaftliches Streben herrschte und in Ehren stand und 
er selbst Anerkennung fand. Er war mehr Kosmopolit als Patriot. 

P. Kalkoff erörtert in ZKG. 33, 2 S. 240—267 die Biographie 
Kajetans aus der Feder seines langjährigen Sekretärs Giambatt. 
Flavio aus Aquila (1482—1544). Es stellt sich heraus, daß Flavios 
Bericht über das Augsburger Verhör Luthers nur mit Vorsicht zu 
gebrauchen ist; andererseits wird Kajetans Sittenreinheit und Uneigen¬ 
nützigkeit von Fl. nicht ohne Grund gepriesen. Besonders gut ist 
Fl. über die Zeit Hadrians unterrichtet, sein Bericht vervollständigt 
das Bild der Intrigen, mit denen die Italiener diesen Papst umsponnen 
hatten. Die Arbeit Flavios — zuerst ein kürzeres Gedicht, dann eine 
Schilderung in Form einer Rede — erschien kurz nach Kajetans Tode 
(f 1534); je einen Orig.-Druck besitzt die Bresl. Stadtbibi, und die 
Bibi. Vitt. Emanuele zu Rom. 

Über eine wahrscheinlich 1530 abgefaßte Streitschrift des Mün- 
sterischen Humanisten und Schulmannes Johann Glandorf 
{später, 1533—1534, Vorstand der evangel. Schule in M.) gegen Heinrich 
Vruchter, Lehrer an der Domschule, referiert Kl. Löffler in Zvat. 
G. u. A. 69, 1 S. 86-95. 

Th. Hermann tritt mit gewichtigen Gründen tür die Richtig¬ 
keit der vielfach und noch neuerdings (von Wolkan) bestrittenen An¬ 
nahme Ph. Wackernagels ein, wonach der Dichter des bald in die 
Gesangbücher der Lutheraner und Reformierten übergegangenen Liedes 
„Kommt her zu mir, spricht Gottes Sohn“ der 1530 in Kufstein ver¬ 
brannte Täufer Georg Grünwald ist. Monatschr. f. G. u. ehr. K. 
1912, 6 S. 197 f. 

Die Anfänge des Fürstbischofs von Münster Johann von Hoya 
<1566—1568) behandelt W. E. Schwarz in Z. vat. G. u. A. 69, 
S. 14—71, und zwar seine Wahl und Bestätigung und die Einrichtung 
4er neuen Verwaltung; einige archival. Urkunden sind beigegeben. 
Ein Exkurs (ebendas. S. 460—462) behandelt die Gründe der Resi¬ 
gnation des Vorgängers Johanns, Fürstbischof Bernhard von Raesfeld 1566, 
die in der Erkenntnis seiner eigenen Unzulänglichkeit bestanden 
haben sollen. 

Von dem frühesten Regensburger Drucker P a u 1 K o h 1, der 
von 1522 bis 1531 nachweisbar ist, führt K. Schottenloher nicht 
weniger als 43 Drucke auf, während bisher nur 8 nachgewiesen waren. 
Kohl übernahm die eingegangene Druckereides Bambergers Joh.Pfeil; 
«er begann mit Drucken zur Verherrlichung der Jungfrau Maria, druckte 
dann^aber auch (was bisher unbekannt war) Lutherische Schriften, 
hernach wieder, unter Einwirkung des Regensb. Konvents von 1524, 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



85 


369 


Antilutherisches, 1525 Schriften für die Bauern, später solche wider 
sie; auch amtliche Begensburger Drucke gingen aus seiner Offizin 
heryor. Seit 1532 begegnet auf den Begensburger Drucken nur mehr 
Pauls Sohn Hans. Zbl. Bw. 29,9 S. 406—525. 

Das 4. Heft der ThStK. von 1912 weist ausschließlich Melanch- 
t h o n betreffendes auf. F. C o h r s betrachtet M. in seiner Bedeutung 
für den religiösen Jugendunterricht (S. 493—517); 0. Ritschl be¬ 
spricht die Entwicklung der Bechtfertigungsiehre M.s bis 1527 (S. 618 
bis 541); P. Flemming gibt eine ansehnliche Nachlese zu Vogts 
Nachweis von Melanchthonbriefen S. 541—639); 0. Clernen gibt zu 
Melanchthons „Scriptum Smalcaldianum ad Beges u 1537 eine bisher 
kaum beachtete Streitschrift des Cochlaeus (in Form eines Briefes an 
Herzog Wilhelm von Bayern 6. Mai 1537) heraus, aus der über die 
große Verbreitung der Schrift M.s usw. manches zu entnehmen ist 
(S. 640—653). Den Schluß des Heftes bildet eine Anzeige der Supple¬ 
ments Melanchthoniana(1,1 undII, 1) von 0. Clemen (S. 654—658). 

In ZVKG d.Prov. Sachsen 9, 1 S. 57—91 stellt R. Hermann 
einen Vergleich an zwischen Th. Münzers „Deutsch-evangl. Messe“ 
von 1524 und Luthers liturgischen Schriften von 1623 („Von Ordnung 
Gottesdiensts in der Gemeinde“ und „Formula missae et communionis“) 
und 1526 („Deutsche Messe und Ordnung Gottesdiensts“). Er urteilt, 
daß die Art, wie Münzer den römischen Gottesdienst reformiert habe, 
— trotz aller Abhängigkeit von Luther — als eine berechtigte Über¬ 
gangsform in jener Zeit des Übergangs anerkannt werden müsse; 
M.s Reform habe einem Bedürfnis entsprochen und sei daher auch 
noch lange nach seinem Tode in Gebrauch gewesen. 

Zwei Briefe des Wolfgang Musculus an Gereon 
Sailer vom 26. und 28. April 1554 veröffentlicht Fr. B o t h in BBK- 
17, 5 S. 235—241 nach Abschriften des Münchener RA.; der erste und 
längere Brief ist Musculus’ ablehnende Antwort auf das ihm gemachte 
Angebot der Superintendentur zu Laumgen; der zweite Brief betrifft 
Rafael Sailer, Gereons Sohn. 

Über den Chronisten und evangel. Prediger Neocorus (eigentl. 
Johannes Adolphi), dessen Chronik eine Hauptquelle für die schleswig¬ 
holsteinische Reformationsgesch. bildet (geh. vor 1559, -J- 1630), handelt 
ein Vortrag von H e e 8 c h, gedr. in Schrr. des V. Schlesw. Holst. KG., 
II. Reihe V, 3. S. 345—357. 

Ein im Verein f. Gesch. der Stadt Nürnberg gehaltener Vortrag 
von C h r. Beck über den Nürnberger Paul Pfinzing (1523 bis 
1570), der sich im Dienste Karls V. und Philipps II. betätigte, mit 
seiner Vaterstadt aber — nach Ausweis* seiner mit dem Rat von 
1548—1558 geführten Korrespondenz — in inniger Verbindung blieb, 
ist im Unterhaltungsbl. des Fränk. Kuriers Jahrg. 58 (1911) Nr. 29, 31, 
33 veröffentlicht worden (vgl. 34. Jahresber. des gen. Vereins S. 7—9). 

Einen Vortrag E. Reickes über „W illibaldPirkheimer 
in seiner Jugend und seinen ersten Briefen“ skizziert der 34. Jahresber. 
des Vereins f. G. der Stadt Nürnberg S. 26—28 (1911). 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



370 


86 


Digitized by 


J. W. P o d t veranstaltet einen mit einer biograph. Einleitung 
und Anmerkungen versehenen Neudruck der hbllttnd. Ausgabe des 
„Kleinen Corpus Doctrinae“ von Matheus Judex (oder Kickt er). 
Letzterer, 1528 im Meißnischen geboren, war ein Geistesverwandter 
<les Flacius Illyricus; sein C. D., 1564 zuerst hochdeutsch erschienen, 
diente hernach auch den niederländischen Lutheranern als kirchliches 
Lehrbuch. Der Neuausgabe liegt die in Wesel 1564 gedruckte nieder¬ 
ländische Redaktion zugrunde. Jaarboek der Vereeniging voor Nederl. 
Luther. Kerkgeschiedenis IV (1911) S. 3—47. 

0. Clemen teilt aus den Rothschen Briefsammlungen der 
Zwickauer Ratsbibi. 2 Briefe von 2 Klarissinnen in Eger an 
Stephan Roth in Zwickau von 1520—1521 mit, die u. a. zeigen, 
daß R. den Schreiberinnen Bücher Luthers zu verschaffen sich erboten 
hatte, was jene allerdings vorsichtig ablehnen. MVGD in Böhmen 
-50, 4 S. 599—602. 

„Weitere Beiträge zur Lebensgeschichte Martin Schallings“ 
(vgl. ds. Zeitschr. Bd. 8 S. 222) gibt Trenkle in BBK. 18, 4 S. 180 
bis 185, und zwar auf Grund der abgedruckten Eintragungen Sch’s. 
in das Trau- und das Taufregister von Vilseck, aus denen hervorgeht, 
daß Sch. von 1574—1577 dort Pfarrer war. 

Ein Aüfsatz von Fr. Nägelsbach, „Ein verkannter Märtyrer 
der Ref. in Franken“, gibt aus Erlanger Dekanatsakten Kunde von dem 
Pfarrer zu Thuisbrunn(Dekanats Greifenberg) Dietrich Solfert, 
der dort das Evangelium predigte, Ende 1533 aber von dem Bischof 
von Bamberg, als er sich auf bambergischem Gebiet betreten ließ, ins 
Gefängnis geworfen wurde, aus dem ihn erst die Dazwischenkunft des 
Mfen. Georg befreite. BAK. 18, 4 S. 145—159. 

Weitere Abschnitte der „Spalatiniana“ G. Berbigs (f) von 
1525—1529 reichend, bringt NkZ. 23, Heft 4—8 (vgl. oben S. 177). 

„Johann Turnowski, ein Senior der Böhmischen Brüder“, 
wird von Th. Wotschke im neubegründeten Jahrb. der Ev. Ver. 
f. die KG. der Prov. Posen („Aus Posens kirchlicher Vergangenheit“) 
Jahrg. I, S. 73—111 behandelt. Turnowski (1568—1629), der früh¬ 
zeitig in Genf die entscheidenden Eindrücke seines Lebens erhielt, 
erscheint mehr als Schüler der Schweizer denn als Nachkomme der 
alten Brüder; es veranschaulicht die Verschmelzung der Unität mit 
der reformierten Kirche, in* gewissem Sinne ihr Aufgehen in diese. Den 
Schluß des lehrreichen Artikels machen sieben arcbival. Beilagen, meist 
Briefe Ts. 

Im Trierischen Archiv XVII/XVIII, S. 55—64 macht uns 
H. Reimer mit Johann Wimpheling (1533—1577), einem 
kurtrierischen Staatsmann der zweiten Hälfte 16. Jahrh. bekannt, der 
den Erzbischöfen, insbesondere auch bei der Unterdrückung und Fern¬ 
haltung des Protestantismus, an die Hand ging; u. a. ist er bei Grün¬ 
dung des Jesuitenkollegs in Koblenz beteiligt; außerdem hat er in die 
Kölner Kämpfe zwischen Gebhard Truchseß und Ernst von Bayern zu- 


Gck igle 


Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



-87 


371 


gunsten dieses erfolgreich eingegriffen. Ob er ein Verwandter des 
.Humanisten Jacob W. war, läßt sich nicht nachweisen. . 

Landschaftliches. Joh. S c h ö c h beginnt in Forsch, n. 
Mitt. z. G. Tirols und Vorarlbergs IX, 1 S. 21—37 eine Darstellung 
'der religiösen Neuerungen des 16, Jahrh. ^Vorarlberg bis 1540 
und bespricht die wirtschaftliche Lage sowie die Ausbildung und das 
.sittliche Leben des Klerus. 

.Im Freib. Diöz. Archiv N. F, 12 (1911) S. 65—184 behandelt 
K, Reinf r i ed die „Religionsveränderuugen im Landkapitel Otters- 
w e i e r‘* im 16. u. 17. Jahrh.; die Veränderungen in diesen zu fünf ver¬ 
schiedenen Herrschaften gehörenden Gebieten erfolgen durchweg der 
kirchl, Stellung der Herrschaften entsprechend, wie denn die Baden- 
Badenachen Teile zwischen 1522—1634 achtmal die Religion änderten. 

R, Lossen veröffentlicht aus Kop. Buch des GLA. zu Karls¬ 
ruhe eine um. 1495 angefertigte Beschreibung sämtlicher kur- 
-pfälzischen Patronatspfränden mit Angabe ihrer Gefälle, 
4er auf ihnen ruhenden Verpflichtungen und der Inhaber, eine nicht 
nur für die wirtschaftliche Lage jenes Klerus kurz vor der Reformation 
wertvolle, aufschlußreiche Geschichtsquelle. Freib. Diöz. Archiv N. F. 
11 (1910) S. 176—258. 

Einen vorreformatoriachen Visitationsbericht teilt K.. S c h o r n - 
•bäum in BBE. 18, 6 S. 233—235 mit. Es handelt sich um eine von 
dem Eichatädter Kanonikus Joh. Vogt 1480 im Auftrag des 
Bischofs vorgenommene Visitation des ganzen Bistums. 
Der Bericht liegt im bischöfl. Ordinariat Eichstädt vor und würde den 
Druck nach Sch. sehr lohnen; Als Probe gibt dieser den Bericht über 
-seine eigene Pfarre Alveld. 

Aus dem Arenbergischen Archive in Brüssel nsw. bringt 
H. Goldschmidt eine Anzahl von.Briefen über das Projekt einer 
Vermählung der Prinzessin Sibylla, Tochter Wilhelms von Cleve, 
mit dem kathol.. Grafen von Arenberg. Obwohl die Heirat durch 
-Österreich und Bayern hintertrieben wurde, ist Sibylla doch, als einzige 
unter den Töchtern Wilhelms, katholisch geworden. Beitr..z. G. d. Ndrh. 
24 (1911) S. 105—118. 

Eine auf Sorgfältige statistische Nachweise gestützte Studie von 
K, Schumacher über die konfessionellen Verhältnisse des H er - 
zogt. Berg vom Eindringen der Ref. (spezieller vom Ansgang der 
-alten hrzl. Regierung 1609) bis zum Xantener Vergleich (1614) zeigt, 
daß m den Zeiten der brandenburgisch-neubnrgischen Gesamtregierung 
«der Protestantismus (und zwar in den gesamten Jülicher Landen) eine 
wesentliche Förderung erlebte. Von 1609 bis 1614 sank im Bergischen 
4ie Zahl der katholischen Gemeinden von 101 auf 74, die der 
evangelischen aber stieg von 55 auf 84. Ein Schlußwort verfolgt die 
Entwicklung bis 1673. Beitr. z. G. d. Ndrh. 24 (1911) S. 1—104. 

Die Ansprüche der jülich-bergischen Landesregierung 
-auf die Besetzung der Pfarrstellen erläutert 0. R. Redlich an dem 
Rsaner Pfarrstreit von. 1535, in Beitr. z. Gesch. d. Ndrh. 24 


Digitizeit by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



372 


8S 


Digitized by 


(1911) S. 268—270. Im Konflikt blieb gegen den Erzbischof der Herzog- 
Sieger, allerdings nnr mittels Anwendung von Gewalt, wie sich aus- 
den beiden archival. Beilagen (aus dem Düsseldorfer St.A.) anschaulich 
ergibt 

Der dritte Abschnitt von H. Rothers „Kirchengesch. der 
Grafschaft Hark“ behandelt in knapper Darstellung aus guter Kennt¬ 
nis die Reformation, und zwar nach folgenden Gesichtspunkten: Gründe 
der Ref.; ihre Einführung; Stellung der Staatsgewalt zur Ref. (bis- 
1672); Organisation der reformatorischen Kirche bis 1687. Jahrb. d. 
V. f. d. ev. KG. Westfalens 14 (1912) S. 1—175. . 

Die Anfänge der Jesuitenmission in Köln behandelt 
Therese Virnich in einem Aufsatz über ihren ersten Oberen 
Leonhard Kessel (1544—1574) in Ann. hVNiederrh. 90 S. 1—37. 

Aus dem Staatsarchiv zu Münster veröffentlicht Chr. Schüssler 
eine etwa aus der zweiten Hälfte 16. Jahrh. stammende, im lutherischen 
Geist gehaltene „Körte underweijssynge des hundristen und negen» 
teynden psalmen“, die aus dem ehemal. Damenstift Herdecke stammt. 
Jahrb. d. Ver. f. d. ev. KG. Westfalens 14 S. 232—235. 

Einen großzügigen Überblick über die Entwicklung der hessi¬ 
schen Kirche unter Philipp dem Großmütigen gibt B. B e fi¬ 
rn ZKG. 33, 2 S. 309—345. Er betont insbesondere den beherrschenden 
Einfluß, den der Landgraf ausgeübt und hebt den ParalleUsmus zwischen, 
der Reichs- und kirchlichen Landespolitik Philipps hervor. 

Aus dem Archive der Leipziger theologischen Fakultät 
stammen einige in ZKG. 33, 3 S. 440—447 abgedruckte Stücke, die 
der seither verstorbene Leipziger Theologe 0. K i r n dort aufgefnnden 
hat. Sie bestehen aus einem Briefwechsel der Fakultät mit Melanch- 
thon v. J. 1552 (Schreiben und Antwort), aus zwei Schreiben des Kf. 
August an die Fakultät über die erste Ausgabe des Konkordienbnches- 
(1581) und aus einem Schreiben des Kf. Christian an die Fakultät über 
Druck und Verkauf Seineckerscher Schriften (1589). 

Die Werdauer Schulverhältnisse bis in die Reformationszeit 
behandelt F. Tetzner in BSKG. 25 S. 26—40 aus den Akten, mit 
einigen urkundl. Beilagen. 

Aus den Visitationsakten von 1539 und 1574 (in den Archiven, 
zu Dresden und Magdeburg) stellt P. Schräpler in instruktiver 
Weise die Nachrichten über „die Pfarr- und Küsterhäuser der alten 
Ephorie Delitzsch', ihren Zustand, ihr Inventar und ihre Bau¬ 
last im 16. Jahrh.“ zusammen. ZVKG. Prov. Sachsen 8, 2 S. 181—208. 

Den Streit zwischen den evangelischen Geistlichen Eislebena 
1543 über die Reliquiae Sacramenti (d. h. was mit dem übrig bleibenden. 
Abendmahlswein zu geschehen habe) behandelt auf Grund neuen 
Materials (das abgedruckt wird) G. Kawerau in ZKG. 33, 2 S.286 
bis 308. Der Streit spitzt sich zu der Frage zu, wie lange die Gegen¬ 
wart des Leibes und Blutes Christi währe; wir sehen, daß Luther und. 
Melanchthon hierzu grundsätzlich verschiedene Standpunkte einnehmen;, 
wie der Streit geendet, erfahren wir nicht, doch hat unzweifelhaft 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



89 


373 


Luthers Meinung yorgewogen, wonach die Überbleibsel zu profanen 
Zwecken nicht verwandt werden durften. Übrigens scheut sich L., um 
nicht eine neue Scholastik erstehen zu sehen, vor präziser Beantwortung 
der sich aufwerfenden Fragen. 

N i k. M ü 11 e r (f) setzt in ZVKG. Prov. Sachsen VIH, 2 S. 129—180 
seine Mitteilungen über die Funde in den Turmknäufen der Stadt¬ 
kirche za Wittenberg (vgl. ds. Zeitschr. 8 S. 418 f.) unter Beigabe 
zahlreicher erläuternder Anmerkungen fort; es handelt sich um einige* 
Schriftstücke von 1556 sowie Münzen und Medaillen (S. 145 ff. über die 
Funde v. J. 1750). 

In ZVKG. Prov. Sachsen 8, 1 S. 119—126; 8, 2 S. 225—244 und 
9, 1 S. 92—114 macht G. Arndt aktenmäßige Mitteilungen über die 
Pfarrbesetzung im Fürstentum Halberstadt. 

In der ZhV. f. Niedersachsen 76 (1911), 4 S. 1—63 schildert 
B. Stempell den Bauernkrieg auf dem E i c h s f e 1 d e nach seinen 
Ursachen, seinem Verlauf, seiner Niederwerfung und den von den 
Herren geübten Bepressalien, unter Heranziehung ungedruckten Mate¬ 
rials und Beigabe von fünf archival. Beilagen. 

In ZHarzVer. 45, 3 S. 165—225 veröffentlicht Fr. Arnecke 
die von 1564—1593 reichenden Aufzeichnungen des Hildesheimer 
Bürgermeisters Henni Ameke, die hauptsächlich dessen politische* 
Walten betreffen; auch auf die kirchlichen Verhältnisse der Stadt aber 
fallen Streiflichter (z. B. S. 177). 

In den Schrr. V. Schlesw. Holst. KG. II. Reihe V, 3 S. 314—344 
schildert C. Rolfs in der Form eines Vortrags die Einführung der 
Reformation in Dithmarschen; ebendas. S. 247—297 behandelt er 
an der Hand der älteren Dithmarsischen Visitationsprotokolle Art und 
Verlauf der Visitationen. 

Eine bisher ungedruckte Verordnung Hz. Johanns des Älteren 
von Holstein v. J. 1571 über das Kirchen-, Armen- und Schulwesen 
in Rendsburg veröffentlicht W. J e n s e n in Schrr. V. f. Schlesw. 
Holst. KG. II. Reihe V, 3 S. 298—313 nach Abschriften im Rathaus- 
archiv. 

Die Mitt. des Westpreuß. GV. 1912 Nr. 2 S. 21—23 bringen ein 
Referat über den Vortrag von Frey tag über „Neue Beiträge zur 
Reformationsgesch. Westpreußens“; wir können nach letzteren 
jetzt sicherer die Epoche sowie den Umfang der Protestantisierung 
Westpreußens bestimmen. 

Aus den Protokollen des E1 b i n g e r Rats von 1604—1606 teilt 
L. Neabaur Aufzeichnungen über die dortigen Mährischen Brüder 
mit, die von deren innerem Leben ein anschauliches Bild geben. ZKG* 
33, 3 S. 447—455. 

Ausland. J. Loserth in ZhV. Steierm. 9 S. 163—179 zeigt,, 
wie sich der Steiermärkische Adel i. J. 1575 der sog. Refor¬ 
mation Kaiser Friedrichs III. (in Wahrheit ein reichsritterschaftl. 
Programm aus d. J. 1522) bedient hat, um bei Erzherzog Karl II. seine 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



374 


90 


Digitized by 


Forderungen auf Einschränkung des Einflusses der (katholischen) ge¬ 
lehrten Juristen (Doctores) in der Landesverwaltung zu begründen. 

Als Beitrag zur Qesch. der Gegenref. in der Pfarre Aussee 
<in Steiermark) teilt J. Nößlböck einen Bericht des dortigen Pfarrers 
klathäus Molitor an die Kommissare Erzh. Ferdinands über die reli¬ 
giösen Verhältnisse der Pfarre sowie ein Gutachten des Verwesers zu 
Aussee Math. Gärtner von 1607 aus dem Grazer Statthalterei-Archiv 
mit. ZhV. Steierm. 9 S. 265—273. 

. Auf ständische Beziehungen zwischen B ft hupen und Inner- 
Österreich zur Zeit Ferdinands I., die eine Zusammenfassung der 
Kräfte zunächst zu Zwecken der Landesverteidigung bezweckten, weist 
J. Loserth hin und teilt eine Auswahl einschlägiger Akten aus dem 
-Steierischen Landesarchiv (zwischen 1537 und 1556) mit. MVG. 
Deutschen in Böhmen 50.1 S. 1—41. 

Ebenda 60, 4 S. 594—698 druckt der Nämliche ein Schreiben 
•des böhmischen Oberstburggrafen Wolf Frh. von Kreig an Herrn 
Wolfgang von Stubenberg vom 8. April 1547, das die allgemeine 
politische Lage Böhmens in jener Krisis illustriert, aus dem Stuben¬ 
berger Archiv ab. 

Beiträge zur Gesch. der Ref. in Ig 1 au beginnt F. Scheuner 
in ZdV. Gesch. v. Mähren und Schlesien, Bd. 15 S. 212—255, 364-372 
darzubieten. Der erste Abschnitt behandelt wesentlich die Tätigkeit 
des Speratns in Iglau 1522/23, der hier den Grund zum Prot ge¬ 
legt hat, und seine späteren Berührungen mit der Stadt; als Anlagen 
folgen 11 einschlägige von Speratns ausgehende öder an ihn gerichtete 
Briefe von 1523/1532. 

Über „Erinnerungen an U. Z w i n g 1 i“ (Trinkgeschirre) handelt 
kritisch H. Lehmann in Zwingliana 1911 Nr. 1 (Bd. II Nr. 13) 
S. 387—391; G. Finsler untersucht die Verhältnisse, unter denen 
H. E m s e r 1502 Basel verlassen mußte, im Hinblick auf Zwinglis 
„Antibolon“ gegen Emser von 1524, wo davon die Rede ist (S. 392—398); 
W. M e r z teilt ein B u 11 i n g e r betr. Dokument von 1522 (eine Nach¬ 
laßsache) mit (S. 399—400); FridaHumbel desgleichen das Gedicht 
•eines Anonymus wider Zwingli von 1526 (S. 400—406); endlich 
handelt E. Gagliärdi über eine auf der Züricher Stadtbibliothek 
neugefnndene Quelle zur Zürcherischen Reformationsgesch., Auf¬ 
zeichnungen des Zürcher Seckeimeisters Hans Edlibach, eines Gegners 
der Reformation, zu den Jahren 1528—1531 (S. 407—414). 

In Zwingliana 1911 Nr. 2 (Bd. II Nr. 14) gibt G. Finsler 
eine Sammlung von Epitaphien usw. auf Zwingli, nach den Verff. 
alphabetisch geordnet mit Angabe der ältesten Fundorte (S. 419—433); 
<t. Schultheß-Bechberg sucht den Bericht des Schweizer 
Nuntius Ennio Filonardi über die Schlacht von Kappel, der 
im Kardinalskolleg verlesen wurde, nach einem aus dieser Verlesung 
geschöpften Briefe des Kard. Accolti an Sadoleto zu rekonstruieren; 
der Bericht hat als Stimmungsbild, wie als Beispiel humanistischer 
Darstellungsweise historischer Vorgänge ein gewisses Interesse (S. 434 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



•91 


375 


Digitized by 


J)is 439). Ferner handelt W* K ö h 1 e r von einem Spottlied auf 
Zwingli von 1524, von dem wir ans behördl. Akten Wissen, und hält 
für möglich, das es mit dem angeblich 1526 entstandenen Lied identisch 
sein könnte, daß in Zwingliana II, 13 (s. o.) veröffentlicht ist (S. 439 
bis 441). Ein weiteres nngedr. Lied über Zwingli von 1533, unbe¬ 
kannten Vfs. teilt W. J. M e y e r aus Ms. der Bürgerbibi, zu Luzern 
mit (S. 441—444); sodann erhalten wir noch aus E. Eglis Feder, 
eine Biographie von Gregor Bünzli, Lehrer und Freunde Zwinglis 
(S. 444—49); den Schluß bilden Miszellen, u. a. zu den Namen 
Oekolampad und Myconius; für letzteren ist der deutsche 
Name Müller bezeugt (S. 450). 

Über die ältesten Züricher Liturgien handelt J. Bauer 
in Monatssehr. f. G. u. k. K. 1912, 4 S. 116-rl24 und 6 S. 178—187; 
u. a. vergleicht er die Gottesdienstordnungen Luthers und Zwinglis 
mit einander; letztere sei geschlossener und nach einheitlichen Grund¬ 
sätzen gebildet; dem gegenüber war jene einer weiteren Ausbildung 
zugänglicher und die Bewegungsfreiheit im Gebrauch war größer. 

„Calvins Lehre von Gott und ihr Verhältnis zur Gotteslehre 
anderer Reformatoren“ behandelt N ö s g e n in NkZ. 23, 9 S. 690—747. 

Im Bull, de la Soc. de Fhist. du prot. fran$. 60 (= Ser. 5, Vol. 9, 
1911) S. 404—410 verbreitet sich N. Weiß über den Widerruf, den 
Francois Buffet, Karmeliterprior zu Dijon, der später in Genf 
zum Protestantismus übertrat und als reformierter Pfarrer in Metz 
starb, am 25. März 1580 leisten mußte, und gibt Kenntnis von einer 
leider Fragment gebliebenen Aufzeichnung Buffets selbst über seine 
innere Entwicklung. Ebendaselbst S. 503—508 erörtert E. Belle die 
Anfänge der Reformation in Dijon, und besonders den Anteil, den 
mehrere Schulmeister daran hatten. Endlich veröffentlicht ebenda 
S. 509—512 R. N. Sauvage einen Brief des Jean Femagu, „procu- 
reur-syndic“ von•Caen (eines Protestanten) über die Pariser Un. 
ruhen vom April 1561. 

Über drei Beza-Briefe vod 1571, 1572 und 1574, die die 
Sociötö du Musöe de la Reformation in Genf kürzlich erworben, wird 
im Bull, de la Soc. prot. fran$. vol. 60 S. 574f. berichtet. Sie behandeln 
vorwiegend die französischen Ereignisse (Bartholomäusnacht usw). 

Im Bull, de la Soc. de l’hist. du Prot! Fran$. 61 (1912), Heft 1 
S. 13—26 gibt H. Quilgars aus den Akten eine Gesch. des Prot, 
in der Sönöchaussöe Guörande (Bretagne); danach ist der Prot, 
hier 1558 gepflanzt worden und hat alsbald starken Anhang gefunden, 
sich auch, wennschon unter Kämpfen, bis gegen die Mitte des 
17. Jahrhunderts, gehalten; die 2. Hälfte zeigt ihn im Niedergang. 
Ebendas. S. 27—44 gibt E. de Parquier Auszüge aus den 
Registern des Parlaments der Normandie (in Rouen) zur Gesch. 
des Prot. 1562—1564; S. 45—56 behandelt P. Beuzart den Prot, 
in D o u a i in der ersten Hälfte des 17. Jahrh, auf Grund beigegebener 
Akten aus dem dortigen Archiv. Endlich enthält das Heft S. 87 f. 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Digitized by 


376 92 

ein Referat von P. Beuzart über das Werk von J. Desilve, Le prot.- 
dans la seigneurie de Saint-Amand (prov. Tournaisis) 1562—1584 (1911)*. 

Ebendort Heft 3 S. 193—203 handeln H. Patry n. N. W(eiß) 
über „Fröre Nicole Maurel, Apostat Cölestin, dit „le prödicant“;- 
es gilt die bisher sehr dunkeln Lehensumstände eines Mönches Nicole, 
festzustellen, dör in S a i n t o n g e s für die neue Lehre tätig war und 
1546 für sie den Scheiterhaufen bestieg. Ebendort S. 204—213 ediert 
und erläutert P. E. Martin einen Brief Farels vom 8. März 1538 
(im Genfer Staatsarchiv), der sich auf die Waldenser Piemonts bezieht; 
ferner veröffentlicht M. L u t h a r d S. 213—236 aus Mss. der Toulouser 
Bibi, eine Eingabe der in Anduze versammelten Reformierten 
von Languedoc an die dortigen Stände von 1579, die über Ver¬ 
gewaltigungen von katholischer Seite klagt, mit zahlreichen Einzel¬ 
heiten. — Eine Übersicht über einschlägige französische Zeitschriften¬ 
artikel und ein Referat über ein neues Werk zur Geschichte von 
Reform und Inquisition in der Franche-Comtö, von L. Febvre, gibt 
N. Weiß S. 260-263, 271—272. 

In einer Abhandlung „Les eveques Henriciens sous Henri VIII“ 
legt G. Constant den Nachdruck darauf, zu zeigen, daß die 
Gardiner, Bonner, Tunstall trotz ihrer Konnivenz gegen den König 
im Herzen katholisch geblieben seien. RQH. 46, Lief. 182, (1. April 
1912) S. 384—423. 

In seinerakad. Antrittsvorlesung „Die Bartholomäusnacht“ 
(abgedr. im Pr. Jahrb. 150,1, Okt. 1912, S. 52—67) behandelt W. Platz- 
h o f f hauptsächlich die für die Valois vernichtenden, für Frankreich 
äußerst schädlichen Folgen der Bluttat; andererseits deutet er darauf 
hin, wie der zunächst in vermehrter Glut auf lodernde Glaubens¬ 
fanatismus schließlich doch der Durchsetzung des Toleranzgedankens 
Vorschub geleistet habe. 

G. Con8tant,Le mariage de Marie Tudor et de Pbi- 
lippell (Rev.dipl. XXVIII, 1 S. 23—73; 2 S. 224—274) schildert 
aus den Quellen (Gesandtschaftsdepeschen, Chroniken üsw.), ohne 
wesentlich Neues zu bringen, die Vorgeschichte der Ehe und die Ehe¬ 
schließung nebst den gleichzeitigen Ereignissen in England (Wyatt). 
Er urteilt, daß die den Engländern verhaßte Verbindung dem künftigen 
Wirken Elisabeths und der Durchführung der Reformation wesentlich 
vorgearbeitet habe. 

Hatte i. J. 1911 Alfred Morel-Fatio in Möm. de l’ac. des inscr. et 
belles-lettres t. 39 auf eine neue Geschichtsquelle aus der Mitte des 
16, Jahrh., die Gesch. Karls V. aus der Feder seines Hoffuriers 
Hugues Cousin 1 e Vieux, hingewiesen, so teilt nun in RH. 
To. 110 (Annöe 37., Mai—Juni 1912 S. 57—76) Ch. Bömont den 
manches Eigentümliche bringenden Abschnitt Cousins über die engli¬ 
schen Kämpfe von 1553 und 1554 (Kgin. Maria, Jane Grey, Th. Wyättusw.), 
unter vorangehender Würdigung des Geschichtswerkes und speziell dieser 
Nachrichten mit. 


Go igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



93 


377 


A. Ferrajoli veröffentlicht ans Cod. Vat.lat. 8598 den 
Bnolo della corte di LeoneX 1514—1516 (über den ich 1903 
in Bd. 6 der Quellen u. Forsch, ans ital. Archiven nsw. berichtet habe). 

' Seiner Angabe nach hat er das Stück schon 1895 auf gefunden; er gibt 
jetzt nur den Text, die Erläuterungen sollen folgen. Arch. della Soc. 
Rom. di st. p. 34 S. 363—391. 

T. Pando 1 fi behandelt Giovan Matteo Giberti als 
italienischen Patrioten in den Jahren 1521—1525 (G. M. G. e Tultima 
difesa della libertä dTtalia: Arch. della R. Soc. Romana di st. p. vol. 34 
S. 181—245), besonders seine Bemühungen, nach der Schlacht von 
Pavia die Kurie im antispanischen Fahrwasser festzuhalten. Einige 
Beilagen aus dem Vat. Archiv machen den Schluß. (Befremdlicher¬ 
weise wird pag. 181 Aleander schon z. J. 1524 als „vecchio cardinale“ 
bezeichnet!) 

Aus der Bibi, der Reichsuniversität Leyden veröffentlicht 
1. Lindeboom einen Brief des bekannten Rechtsgelehrten Francis 
B a u d o u i n (Balduinus) aus der Umgebung Calvins in Genf vom 
26. August 1547 an Jacques de Bourgogne, Herrn von Falais, damals 
in Basel, eifrigen Anhänger der Ref., mit biographischen Erläuterungen: 
Nederl. Archief voor Kerkgeschiedenis N. S. 9, 1 S. 70—81. Eben¬ 
daselbst S. 82—114 veröffentlicht und bespricht I. S. van Veen ver¬ 
schiedene Dekrete, Briefe usw. über Pfründenbesetzungen im Geldrischen 
und andere geistliche Angelegenheiten von 1590—1594. — Im N.S. 9, 2 
der nämlichen Zeitschrift veröffentlicht I. C. Overvoorde eine 
kürzlich vom Leydener Stadtarchiv erworbene authentische Abschrift 
der Akten der Dordrechter Synode von 1578 mit einer neben¬ 
geschriebenen Begutachtung der einzelnen Punkte durch den Leydener 
Stadtrat: S. 117—149; weiter gibt S. 150—183 A. A. v a n S c h e 1 v e n 
Aufschlüsse über die Originalakten des Weseler Konvents von 
1568 auf Grund eines Briefes von Jo. Gysius in Dordrecht von 1639; 
«endlich veröffentlicht S. 184—202 K. Heeringa Beiträge zur Gescb. 
der reformierten Kirche von Schiedam aus dem Gemeindearchiv, zu¬ 
nächst aus den Listen der obrigkeitlichen Personen von 1563—1593, 
mit Erläuterungen und Beilagen. 

In Theol. Arbeiten aus d. rhein. wiss. Predigerverein N.F. 13 S. 110 
bis 128 handelt P. Bockmühl über den Druckort der ersten Aus¬ 
gabe des Werkes „Der Leeken Wechwyser“ von Job. Anastasius Ve- 
4uanus, das nach ihm zuerst im April 1554 durch Joos Lambrecht 
jsu Wesel gedruckt worden ist. 

Im Jahrbuch des Ev. V. für die KG. der Prov. Posen, „Aus Posens 
iirchl. Vergangenheit“, Jahrg. I S. 29—73 behandelt Th. Wotschke 
^,Das Hussitentum in Großpolen“, das jedoch nicht als Vorstufe des 
Luthertums aufzufassen ist. Es läßt sich nach W. nicht nach weisen, 
daß um 1520 utraquistischer Geist in Großpolen noch lebendig gewesen 
*ei und zu Luther hingeführt habe; vielmehr spricht manches dagegen. 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



378 


94 


Digitized by 


Neuerscheinungen. 

Quellen. Vor uns liegt der erste Band von „Luthers 
Werke in Auswahl, unter Mitwirkung von Alb. Leitzmann 
herausgeg. von Otto C lernen“ (Bonn, Marcus & Weber 1912; 
IV, 512 S., geb. M. 5.—). Die auf vier Bände berechnete und in 
erster Linie zu Seminarübungen und zum Selbststudium bestimmte 
Ausgabe soll, auch in der Auswahl, den „ganzen Lüther u zeigen, ihn 
allseitig als Reformator und Begründer einer neuen Kultur, als Er¬ 
bauungsschriftsteller, Bibelübersetzer und-erklärer, Polemiker, Satiriker 
zur Geltung bringen; nur die „Initia Lutheri“ sind beiseite gelassen 
und in den polemischen Schriften soll Maß gehalten werden; anderer¬ 
seits sollen insbesondere kirchen- und literaturgeschichtlich berühmte 
Schriften und solche, die gegenwärtig und voraussichtlich auch noch 
zukünftig im Vordergründe des Interesses stehen, auf genommen werden. 
Die Ausgabe erhebt, indem sie sich, wie selbstverständlich, an die WA. 
anlehnt, gleichwohl Anspruch auf selbständige Bedeutung, insofern sie 
die dort vorgetragenen Forschungsergebnisse nie ungeprüft übernimmt, 
auch in Einleitungen und Anmerkungen, besonders zu L.s früheren 
Schriften, manche Ergänzung und Berichtigung bringt. — Der vor¬ 
liegende Band bietet 15 Schriften, die, in chronologischer Anordnung^ 
von der Disputatio pro declaratione virtutis indulgentiarum von 1517 
zum Praeludium de Captivitate Babylonica ecclesiae 1520 reichen. 
Bürgt schon der Name des Heräusgebers dieser neuen Publikation für 
eine in jeder Beziehung treffliche Leistung, so wird der erste Band 
durch peinlichste Sorgfalt und Sauberkeit der Ausgabe den gehegten 
Erwartungen in vollstem Maße gerecht. Allerdings hätten wir unserer¬ 
seits eine gewisse Modernisierung auch der deutschen Texte vor¬ 
gezogen; wir erkennen für eine derartige Ausgabe die Notwendigkeit 
oder Ersprießlichkeit, die Originaldrucke so genau wir nur irgend 
tunlich — mit Abbreviaturen usw. — zu reproduzieren, nicht an; doch 
ist das natürlich Ansichtssache und wir zweifeln nicht, daß Clemen 
seine Entscheidung nach reiflichster Erwägung getroffen haben wircL 

„Aktenstücke zur Wittenberger Bewegung 
Anfang 1522 u ediert und erläutert H. Barge. Es ist eine Aus¬ 
wahl von 23 Nummern aus den in unserer Zeitschrift er¬ 
schienenen Publikationen von Nik. Müller und Pallas. Barge beab¬ 
sichtigt darin das für die Beurteilung der Vorgänge entscheidende 
Aktenmaterial darzubieten, wobei er auch den Einwirkungen nach¬ 
geht, den die Haltung des Reichsregiments und des Bischofs von 
Meißen auf Friedrichs des Weisen Stellungnahme ausgeübt hat. 
Leipzig, Hinrichs 1912. VI, 52 S. M. 1.50. 

Von den Abschieden der 1540—1542 in der Altmark 
gehaltenen ersten Generalkirchenvisitation, die namens 
des Altmärk. GV. Müller und Parisius herausgeben, ist Heft 2. 
des 2. Bandes (Seehausen; Kl. Neuendorf; Gardelegen) erschienen 
(S. 153-256). Magdeb. 1912. 


Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



95 


379 * 


Briefwechsel der Brüder Ambrosius und 
Thomas Bleu rer 1509—1567. In Verbind, mit dem Zwingli- 
Verein in Zürich hera. von der Bad. Hist. Kom., bearbeitet von T r au - 
gott Schieß. Bd. III, 1549—1567. Freiburg i. Br., Vehsenfeld 
1912 (XX, 936 S.) M. 30.—. — Der verheißene Schlußband der 
Blaurer-Korresp. (vgl. Bd. 8 S. 185 f. ds. Zeitschr.) ist in kurzem 
Abstand den beiden ersten Bänden gefolgt; in die erfordert. Mittel 
. haben sich Zwingli-Verein und BHK. geteilt. Der Bd. behandelt den 
Lebensabend der Brüder (Ambrosius f 1563, Thomas f 1567)^ daß 
Ambrosius seinen ständigen Wohnsitz seit 1549 in der Schweiz nahm, 
hat ein stärkeres Hervortreten der Schweizer unter den Korrespondenzen 
unseres Bandes zur Folge; allein neben den Vorgängen in der Eid¬ 
genossenschaft finden doch auch die deutschen Dinge ausgiebigste 
Berücksichtigung; in kirchlicher Beziehung sind es die traurige Lage 
des Protestantismus in den Zeiten des Interim, die Besserung seit 
1552, dann die ausbrechenden Zwistigkeiten unter den Theologen, die 
die Aufmerksamkeit besonders in Anspruch nehmen^ im ganzen aber 
bleibt selbst über Deutschland hinaus kein für die Reformationszeit 
jener Periode bedeutungsvolles Ereignis unerwähnt. — Der Bänd, den 
eine Einleitung des Herausgebers, ein Verzeichnis der Briefe nach 
Briefschreibem und Adressaten und ein Namenregister bereichern,, 
bringt die laufende Nummer der Briefe auf 2761; dazu kommen als 
Anhänge, Beilagen und in den Anm. noch gut 300 Stück, so daß der 
Gesamtertrag dieser bedeutsamen Veröffentlichung sich auf nahezu 
3000 Briefe beläuft. 

Untersuchungen. H. Liebmann, DeutschesLand 
und Volk, nach italienischen Berichterstattern 
der Reformationszeit (= Histor. Studien LXXXI; Berlin, 
Ebering 1910 241 S.). Verf. will mit dieser Arbeit ebensowohl Bei¬ 
träge zur Kenntnis Deutschlands, wie zur italienischen Geistes¬ 
geschichte des 16. Jahrhunderts liefern. Was die kirchlichen Ver¬ 
hältnisse Deutschlands angeht, so darf man bei den durchweg 
katholischen Berichterstattern — abgesehen vielleicht von den im 
allgemeinen unbefangeneren Venetianern — ein Verständnis und eine 
gerechte Beurteilung der Ref. kaum erwarten; um so wertvoller sind 
andererseits die Nachrichten, die insbesondere die Nuntien über die 
Entartung und Auflösung des alten Kirchentums darbieten. 

Als Ergänzung zu. seinem schönen Aufsatz „Reich und Refor¬ 
mation“ (vgl. oben S. 89f.) untersucht H. von Schubert „die 
Vorgeschichte der Berufung Luthers auf den 
Reichstag zu Worms 1521“ (SB. der Heidelb. A. d. W., philos.- 
hist. Kl., 1912, 8; Heidelb., Winter 29-S.